39. Eine Begegnung im Verbotenen Wald
Emily ging es besser nach dem Gespräch mit Lupin. Sie wurde nicht mehr von der Trauer überwältigt wenn sie die Bilder in dem Album betrachtete. Sie hatte mit Harry nicht darüber gesprochen. Er hatte sie zwar gefragt warum sie so spät zurück gekehrt war, aber sie war dem ausgewichen. Auch wenn Lupin ihr gesagt hatte, dass sie sich auch anderen anvertrauen sollte, so konnte sie nicht von jetzt auf gleich seinen Rat befolgen. Alte Gewohnheiten waren schwer abzulegen.
Ablenkung bot, dass Krätze verschwand und Ron behauptete Krummschwanz hätte ihn gefressen. Hermine war natürlich von der Unschuld ihres Katers überzeugt. Es schien das Ende der Freundschaft der beiden, denn keiner der beiden rückte von seinem Standpunkt ab.
Ein paar Tage später bekamen Emily und Harry ihre Besen wieder, es lagen keine Flüche oder ähnliches auf ihnen. Das erste Training mit dem Feuerblitz lief besser als jedes andere davor. Emily verstand warum der Feuerblitz der beste Besen der Welt war. Er war schnell und reagierte auf die kleinste Berührung. Das Team war unglaublich motiviert, so dass Wood zum allerersten Mal nichts zu kritisieren hatte.
Am nächsten Morgen machte Emily sich auf den Weg zum Frühstück. Wie immer war sie viel zu früh aufgewacht und konnte nicht mehr schlafen, weil sie zu nervös war. Sie saß gerade am Gryffindortisch und knabberte an einem Stück Toast als sich neben ihr jemand auf die Bank fallen ließ. Es war Inga, die mal wieder einen Gryffindorschal um den Hals geschlungen hatte.
"Morgen", sagte Inga fröhlich. "Wie kommt es dass du schon so früh wach bist?"
"Kann nicht mehr schlafen", murmelte Emily. "Bin zu nervös."
"Ach Quatsch", widersprach Inga. "Was soll schon groß schief gehen? Du fliegst einen der besten Besen der Welt, du bist eine der besten Jägerinnen der Schule, mal abgesehen von den Hufflepuffs. Es ist gutes Wetter und Ravenclaw ist schlechter als ihr."
Emily musste lächeln. Ingas gute Laune war ansteckend. Wenig später kamen auch Leo und Ginny zum Frühstück und Emilys Laune besserte sich weiter. Kurz vor elf ging das Team gemeinsam hinunter zu den Umkleideräumen.
„Ihr wisst was ihr zu tun habt", sagte Wood. „Wenn wir das Spiel verlieren, dann sind wir aus dem Rennen. Fliegt einfach wie gestern beim Training und wir schaffen das schon."
Sie verließen den Umkleideraum unter tumultartigen Applaus. Sie wurden schon vom Ravenclawteam erwartet. Emily musste feststellen, dass sie immer noch die kleinste Spielerin war, selbst Cho Chang war größer als sie. Auf Madam Hoochs Pfiff stiegen sie alle in die Luft auf und das Spiel begann. Lee Jordan kommentierte wie immer, auch wenn es sich momentan eher so anhörte als würde er Werbung für den Feuerblitz machen.
Katie nahm einen von den Ravenclawjägern den Quaffel ab und schoss über das Feld. Emily folgte ihr und hatte sie bald überholt. Davies und Stretton, die anderen beiden Jäger kamen kaum hinterher. Katie passte zu Emily, die mit dem Quaffel sicher unter dem Arm weiter flog. Page, der Hüter, versuchte sie zu blocken, doch Emily ließ ihn ins Leere fliegen, indem sie den Feuerblitz hoch riss. Sie warf den Quaffel und er traf den linken Torring.
„10 zu 0 für Gryffindor!", brüllte Lee Jordan. „Ein Tor von Püppchen! Sorry, Evans! Auch sie fliegt einen Feuerblitz."
Emily klatschte mit Katie und Angelina ab, dann konzentrierte sie sich wieder auf das Spiel. Selten hatte ihr Quidditch soviel Spaß gemacht wie an diesem Tag. Es war perfektes Wetter, sie durfte auf einem der besten Besen der Welt fliegen, es war noch nie so leicht gewesen den Klatschern auszuweichen und es lief richtig gut. Bald hatten die drei Jägerinnen ihre Taktik gefunden. Emily, als schnellste, flog immer wieder quer über das Feld während Angelina oder Katie trafen. Langsam, aber sicher lag Gryffindor in Führung, dennoch hing alles immer noch davon ab ob Harry den Schnatz fing oder nicht.
Plötzlich ertönte aus der Menge lautes Geschrei. Emily stoppte, genauso wie die anderen Spieler, und sah nach unten. Drei große, schwarze Gestalten waren zu sehen. Emily runzelte die Stirn, waren das etwa Dementoren? Aber warum ging es ihr dann immer noch so gut? Bevor sie reagieren konnte, sah sie wie Harry seinen Zauberstab zog und etwas Silbriges hervor schoss. Keine fünf Sekunden später hatte er den Schatz gefangen.
Ein breites Lächeln erschien auf Emilys Gesicht und sie schoss auf ihren Bruder zu. Noch in der Luft umarmte sie ihn, dicht gefolgt vom Rest des Teams. Irgendwie schafften sie es sicher zurück auf den Boden. Der Rest der Gryffindors strömte auf das Spielfeld. Leo wirbelte Emily voller Freunde herum, beide atemlos lachend. Inga zerdrückte Emily beinahe in ihrer Umarmung bevor sie freudig herum tanzte. Man könnte meinen Hufflepuff hätte gewonnen. Der beste Moment war allerdings als sich herausstellte, dass die Dementoren eigentlich nur ein paar verkleidete Slytherins waren, nämlich Malfoy, Crabbe, Goyle und Flint.
Zusammen mit Fred und George stahl sich Emily nach Hogsmeade und besorgte alles Mögliche für die Siegesfeier. Die Weasleyzwillinge drehten die Musik auf und wirbelten Emily im Kreis herum. Es war ein lustiger Abend und als Emily tief erschöpft ins Bett fiel, schlief sie sofort ein.
Sie war so müde, dass sie beinahe die ganze Aufregung um Sirius Black verschlafen hätte. Erst als Hermine sie wach schüttelte und sie nach unten in den Gemeinschaftsraum zog, bekam sie etwas davon mit. Sirius Black war mit einem Messer in den Schlafsaal der Jungen eingedrungen und hatte Ron bedroht. Es war klar, dass er eigentlich Harry hatte töten wollen, Black hatte sich nur im Bett geirrt. Er war in den Gemeinschaftsraum gekommen, weil er Nevilles Liste mit den Passwörtern gefunden hatte.
Seitdem war Neville in völlige Ungnade gefallen. Emily tat er fürchterlich Leid und so war sie die Einzige die noch mit ihm sprach. Ron schien dafür mit einem Mal der Held der Schule zu sein und erzählte auch jedem bereit willig von der Begegnung mit Black.
Außerdem war wieder ein Hogsmeade-Wochenende angesagt. Harry wollte mit dem Tarnumhang nach Hogsmeade gehen, während Emily im Schloss bleiben wollte. Sie stand kurz davor die Verwandlung endlich zu schaffen und sie wollte die Zeit nutzen. Harry und Ron besuchten Hagrid eines Abends, während Emily und Hermine wieder einmal die Bibliothek durchkämmten auf der Suche nach etwas, dass Seidenschnabel helfen würde.
Am Samstagmorgen verabschiedete Harry sich von Emily und machte sich mit Ron auf den Weg nach Hogsmeade. Emily schnappte sich ihre Bücher und verschwand in einem alten, nicht mehr genutzten Zimmer im siebten Stock. Der Raum war ihr früher nie aufgefallen, erst jetzt als sie hier entlang spazierte auf der Suche nach einem ungestörten Platz. Gegenüber hing ein Wandteppich mit drei Trollen die Ballet tanzten.
Emily schloss die Tür hinter sich und setzte sich vor den großen Spiegel der Ecke stand. Spinnweben bedeckten die Ornamente und durch das Glas zogen sich einige Risse, doch man konnte noch genug erkennen. Das Zimmer war dämmrig, doch gerade hell genug um die Schrift in den Büchern zu erkennen.
Sie las sich die letzten Hinweise durch und vergegenwärtigte sich all die kleinen Schritte die sie bereits gegangen war auf dem Weg zum Animagus. Jetzt musste man alles nur noch zum großen Ganzen zusammen setzen.
Sie holte einmal tief Luft und schloss dann die Augen. Sie hielt ihren Zauberstab in der Hand und richtete ihn auf ihr würde ihren Zauberstab nur einmal bei der ersten Verwandlung brauchen um den Spruch zu sagen, der ihr die Fähigkeit gab. Ansonsten konnten sich Animagi auch ohne ihren Zauberstab verwandeln.
Leise wisperte sie die Worte die ihr endlich das geben würden was sie sich so sehr wünschte. Ruhig fielen die Worte von ihren Lippen, doch sie sprachen von etwas Neuen und doch so Altem. Sie waren fremd und doch berührten sie einen Teil in ihr den sie nur zu gut kannte. Die alten magischen Worte sprachen von Gefühlen und Instinkten, vom langen Rennen durch unbekanntes Gebiet, von wunderbaren Dingen die sie durch neue Augen sah. Sie sprachen von Veränderung.
Emily spürte wie sich etwas in ihr formte, eine Art Energie. Die Energie schoss rasend durch ihren Körper und sie schrie leise auf. Es tat weh, mehr als sie gedacht hatte, doch ihr Körper veränderte sich gerade auf eine Weise die nicht natürlich war, aber es war auszuhalten. Dumpf nahm sie das Knacken ihrer Knochen wahr als sie sich neu arrangierten und das Prickeln ihrer Haut als sie weitete und feines Fell durch die Oberfläche brach.
Sie saß nicht mehr länger, sondern stand nun. Sie merkte, dass ein Teil von ihr nun mehr tierisch war, doch sie konzentrierte sich soweit auf ihr menschliches Selbst, dass sie sich nicht zufällig wieder zurück verwandelte.
Vorsichtig öffnete sie ihre Augen und erkannte alles ganz genau. Die Dunkelheit störte sie nicht mehr, sie konnte alles klar und deutlich sehen. Sie hörte auch besser. Draußen pfiff der Wind um das Schloss und ein Fenster knarzte leise. Alles was sie vorher nicht gehört hatte. Es war verwirrend und gleichzeitig unglaublich berauschend. Für die erste Zeit stand sie nur still und nahm die ganzen neuen Sinneseindrücke auf.
Später trat Emily einen Schritt näher an den Spiegel und betrachtete ihre Form genauer.
Niemals hätte sie damit gerechnet, dass sie eine Löwin werden würde. Und doch war es ein berauschendes Gefühl zu wissen, dass dies ihre Form war. Sie hatte immer noch ihre grünen Augen und das Fell schimmerte im richtigen Licht rötlich. Prüfend wedelte sie mit dem Schwanz.
Es war ungewohnt sich auf vier Beinen zu bewegen, doch sie gewöhnte sich daran. Sie lief ein paar Runden durch den leeren Raum und schaffte es dabei ein paar Mal über ihre eigenen Beine zu stolpern. Wieder vor dem Spiegel angelangt, konzentrierte sie sich wieder auf ihr menschliches Selbst und verwandelte sich langsam zurück.
Erleichtert ließ sie sich wieder auf den Boden fallen. Es hatte alles geklappt. Sie war nicht mitten drin stecken geblieben. Sie hatte es geschafft. Ihr Körper fühlte sich immer noch ein bisschen so an als ob sie einen ganz schlimmen Muskelkater hatte, aber sie hatte gelesen, dass es mit jeder Verwandlung besser werden würde.
Jetzt musste sie unbedingt Harry davon erzählen. Doch dann fiel ihr ein, dass er ja noch in Hogsmeade war. Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Es blieb also noch Zeit für eine Runde über die Ländereien. Es drängte sie ihre Animagusform auszuprobieren.
Sie nahm ihre Sachen und verstaute sie hinter einer Statue in der Nähe des Gemeinschaftsraums. Dann lief sie so schnell sie konnte aus dem Schloss hinunter in Richtung des Sees. Dort begann der Verbotene Wald. Auch wenn er verboten war, aber dort würde man sie wenigstens nicht entdecken.
Dieses Mal ging die Verwandlung schneller. Einen Moment später stand Emily als Löwin zwischen den Bäumen und rannte los. Anfangs war sie noch recht wackelig auf den Beinen, doch dann gewann sie immer mehr an Geschwindigkeit dazu. Ihre Pfoten trommelten über den weichen Waldboden, immer weiter.
Für den Moment fühlte Emily sich unbesiegbar. Sie war eine Löwin, nichts und niemand konnte sie aufhalten. Sie fühlte sich stark. Sie war frei.
Sie wurde erst aus ihren Gedanken gerissen als plötzlich vor ihr Krummschwanz auftauchte. Abrupt stoppte Emily und beobachtete verwundert wie Krumschwanz zwischen zwei Bäumen verschwand und kurz darauf ein lautes Bellen ertönte. Emily folgte Krummschwanz und sprang auf eine kleine Lichtung.
Krummschwanz saß in aller Seelenruhe auf dem Boden, während ihm gegenüber der schwarze Hund, dem sie schon so oft begegnet war, stand. Der Hund legte den Kopf schief und betrachtete die Löwin mit freundlicher Neugier. Er schien nicht mal verängstigt, obwohl Emily größer wie er war und wahrscheinlich auch sehr viel stärker.
Emily verwandelte sich wieder in ihr menschliches Selbst, hier waren ja sowieso keine Menschen. Kaum, dass wieder richtig stand, kam Krummschwanz angetrottet und verlangte gestreichelt zu werden. Emily hob ihn hoch und streichelte ihn zwischen den Ohren. Der Kater schnurrte laut. "Du kannst ja richtig lieb sein."
Auch der Hund traute sich langsam näher. Emily setzte sich auf den Boden und der Hund stupste gegen ihre Schulter. Sie hob ihre freie Hand und kraulte den Hund. "Was machst du überhaupt hier? Ich wusste nicht, dass Hunde auch auf dem Gelände erlaubt sind. Aber ich bin froh, dass du da bist. Ich bin dir nämlich sehr dankbar, dass du da bist. Du hast meine Freunde zu mir geführt als ich abgestürzt bin. Ohne dich hätte es viel länger gedauert." Sie kam sich ein bisschen komisch vor so mit dem Hund zu reden als ob er ein Mensch wäre, aber der Hund sah sie so an als ob er sie haargenau verstehen würde.
"Du warst auch im Ligusterweg, oder?", fragte Emily. "Du hast Harry einen ganz schönen Schrecken eingejagt." Krummschwanz schlug seine Krallen in ihren Arm und Emily keuchte erschrocken auf. Krummschwanz wollte wieder gestreichelt werden.
"Ach Krummschwanz", seufzte Emily. "Du solltest nicht immer versuchen Krätze zu fressen. Obwohl es dir ja jetzt anscheinend gelungen ist. Meinetwegen kannst du ihn ja haben, aber Ron und Hermine streiten sich nur deswegen. Also benimm dich bitte in Zukunft."
Der Hund ließ ein heiseres Bellen ertönen, dass fast wie ein Lachen klang. Emily richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihn. "Und du? Hast du auch einen Namen?" Sie schaute nach ob er ein Halsband trug oder eine Markierung, aber es war nichts zu sehen.
Der Hund bellte und hob dann seine Pfote in die Luft. Er wollte ihr etwas zeigen. "Hmm, heißt du etwa Pfote?", fragte Emily. Der Hund schüttelte seinen struppigen Kopf. "Dann also nicht. Vielleicht Tatze?" Der Name war ihr irgendwie in den Sinn gekommen. Und es war nahe genug an Pfote dran.
Der Hund bellte aufgeregt und schien mit dem Kopf zu nicken. Erst erschien ein Lächeln auf Emilys Gesicht, doch es verschwand genauso schnell wieder. Sie wusste wo sie den Namen gehört hatte. Und wenn es damit etwas zu tun hatte, dann war das vor ihr kein Hund. Sondern genauso ein Animagus wie sie.
"Du heißt wirklich Tatze?", hakte Emily nach. Dann griff sie mit beiden Händen sanft nach dem Kopf und sah ihm in die Augen. "Ich kenne deinen Namen." Ihre Gedanken rasten, es passte irgendwie. Der Hund war viel zu intelligent für einen normalen Hund. Dann die Bücher und die Karte. "Du bist Tatze. Einer der vier Rumtreiber. Ich kenne die Karte und die Bücher über die Verwandlung. Wenn du wirklich der bist, dann verwandele dich bitte. Ich will dich kennen lernen. Bitte!"
Der Hund trat ein paar Schritte zurück. Er schien zu überlegen. Emily sah ihn bittend an, ihre Hoffnung schon schwindend. Nach allem war es doch nur ein normaler Hund. Doch dann verformten sich die Umrisse des Hundes. Er wuchs in die Höhe und dann zu einem Mann. Trotz der dunklen Schatten erkannte Emily den Mann. Die langen verfilzten Haare, das eingefallene Gesicht, die abgerissenen Klamotten.
Vor ihr stand Sirius Black.
