Hallo ihr Lieben!
Es geht weiter mit der kleinen Lia und ich hoffe, sie wächst euch genauso ans Herz wie mir =)
Wir kommen endlich nach Hogwarts und es gibt auch ein klein wenig von den Rumbtreibern und natürlich jede Menge neuer Charaktere.
Ich hab ein paar Zwischenüberschriften eingebaut, anfangs vor allem um selbst den Überblick zu behalten. Sagt mir doch bitte ob sie gut sind, oder stören! Genauso auch die Struktur, Absätze und so =) Ich freu mich über jedes Feedback, ich will ja schließlich, dass ihr die Fanfic gut lesen könnt!
Also dann, viel Spaß!
Disclaimer: wie immer. Hogwarts gehört J. K. Rowling.
Hogwarts
Jahr I
Der Fall vom Thron
Rauch stieg von der großen, roten Eisenbahn auf und überall auf dem Bahnsteig herrschte geschäftiges Treiben. Menschenstimmen hallten wie das Summen eines riesigen Bienenschwarms durch die Gasse und hier und da konnte man besonders laute Rufe ausmachen.
Lia hätte es niemals zugegeben, aber all diese unbekannten Menschen schüchterten sie mächtig ein. Ihr kam es so vor, als würde sich jeder kennen. Sie sah Mädchen, die sich in die Arme fielen, Jungs, die von ihrem Urlaub prahlten, Erwachsene, die gemeinsam lachten.
Und da stand sie. Völlig allein, während ihre Mutter eifrig das Gepäck kontrollierte und ihr Vater sich mit einem Schaffner unterhielt. Lia sah zu ihm hinüber und strich sich eine Strähne ihrer braunen Locken aus dem Gesicht. Er lachte. Und Lia wollte nichts sehnlicher als zu ihm laufen und die Arme um ihn schlingen.
Die kleinen Hände, die um den Griff des Vogelkäfigs geschlossen waren, verkrampften sich, dass die Knöchel weiß wurden und sie biss sich auf die Lippe.
Sie würde nicht weinen. Und sie würde auch nicht zeigen, wie viel Angst sie davor hatte, ihre Eltern zurückzulassen um mit fremden Menschen an einen fremden Ort zu fahren.
Die graue Eule in Lias Käfig stieß einen kurzen Schrei aus und sah das Mädchen mit ihren großen, bernsteinfarbenen Augen eindringlich an. Lia musste lächeln. Nein, nicht alle würden fremd sein. In den letzten Wochen hatte sie ihre Eule Merlin lieb gewonnen und es war ein großer Trost, dass sie wenigstens ihn dabei haben würde.
Er war ein wunderschönes Tier, eine Sperbereule, die Lia sich selbst bei ihrem Ausflug in die Winkelgasse ausgesucht hatte. Sie hatte sich sofort in ihn verliebt.
Als das Mädchen sich erneut umsah, entdeckte sie die ersten bekannten Gesichter. Ob sie sich allerdings freuen sollte, darüber war sich ihr Herz nicht ganz klar.
Mr Potter sprach eindringlich auf seine beiden Jungs ein und als diese genervt zu ihr hinüber sahen wusste Lia auch wovon er sprach. Sie war sich aber auch sicher, dass Mr Potters Vorstellung von aufpassen nicht ganz der von James und Sirius entsprach. Denn kaum hatte er sich abgewandt begann Sirius zu grinsen und flüsterte James etwas ins Ohr.
Mr. Potter war genau wie Lias Vater Paul ein Auror. Schon seit Jahren waren die beiden Partner und Paul Kenneth war oft bei den Potters zum Abendessen. Des Öfteren nahm er dabei auch Lia mit und für gewöhnlich waren das vergnügliche Ausflüge für das kleine Mädchen.
Außer in den Sommerferien. Vor allem, seit sie sich nicht mit einem, sondern zwei Jungs herumschlagen musste.
Auf den ersten Blick hatte Sirius Lia zwar gefallen, doch er hatte sie schnell eines Besseren belehrt.
Lias Miene verdunkelte sich.
Aber wie sehr sie sich auch vor den Streichen der beiden Jungen fürchtete, sie bedeuteten auch, dass sie etwas haben würde, dass sie beschäftigte, abgesehen von Heimweh. Und Wut war ein viel angemesseneres Gefühl als Angst, sie musste diesen beiden Chaoten also in gewisser Weise dankbar sein.
Natürlich würde sie auch das niemals zugeben.
"Lia, Schatz? Es wird langsam Zeit."
Noch einmal schluckte das kleine Mädchen, bevor es sich zu seiner Mutter umdrehte. Aber sie würde nicht weinen.
Sie weinte nicht als ihre Mutter ihr einen Kuss gab. Auch nicht, als ihr Vater sie durch die Luft wirbelte.
Sie weinte nicht, als jemand ihren Koffer umstieß.
"Hey, du Doofi!" Wütend trat Lia gegen den Koffer. Sie bereute es sofort.
"Oh je, da ist wohl die Prinzessin vom Thron gefallen."
Es war nicht nötig sich umzudrehen. Sie würde Sirius Stimme überall erkennen.
"Hör mal, Kleine. Ein Tipp: Hogwarts ist nicht dein kleines Dörfchen, wo es dir alle Recht machen. Deine Mum interessiert hier keinen. Also, mach dich drauf gefasst dich von nun an selbst um deinen Kram zu kümmern."
Alles was Sirius für seinen sicher gut gemeinten Rat bekam, war der Anblick von Lias Zunge. Doch er zuckte nur mit den Achseln und schloss sich wieder James und zwei anderen Jungs an, die in den Zug stiegen.
Aus einer anderen Gruppe löste sich ein blonder, kräftiger Junge, höchstens zwei Jahre älter als Lia selbst.
"Brauchst du Hilfe?"
Er lächelte Lia an und erhielt als Antwort sofort Lias eigenes, strahlendes Lächeln.
"Gern, der Koffer ist ganz schön schwer..."
"Ich mach das schon."
Der fremde Junge nahm den Koffer und Lia griff nach Merlins Käfig.
"Ich bin Matt. Matthew Warren."
"Lia."
"Und, weißt du schon in welches Haus du kommen möchtest?"
"Weiß nicht. Ravenclaw denke ich. Oder Gryffindor."
"Warum keins der anderen?"
"Ich werde niemals eine miese Schlange sein. Eher sterbe ich. Und ich bin auch ganz sicher nicht so dumm wie die Hufflepuffs."
Matt hob auf diese Aussage hin die Augenbrauen, doch er schien es vor zu ziehen nichts zu sagen.
Sie weinte nicht, als Matthew sie allein ließ, oder, als sie im Zugabteil, mit zwei anderen Mädchen saß, die sie ignorierten und nicht auf ihre Versuche eingingen ein Gespräch zu beginnen.
Sie weinte nicht, als sie mit unbekannten Leuten in einem Boot saß, oder alleine in der langen Reihe vor dem Sprechenden Hut stand.
"Ooooh, nun meine Liebe, das ist tatsächlich mal eine interessante Mischung...du bist intelligent...könnte ein Ravenclaw sein, aber diese Verschlagenheit...der Drang sich zu beweisen, etwas Besonderes zu sein...du bist manipulativ, Slytherin..."
"Ich bin keine Schlange!"
"Aaah, ich verstehe...ja, ich sehe, da ganz tief...ja...natürlich.
GRYFFINDOR!"
Sie weinte nicht auf dem Weg durch das unbekannte Schloss, die verwinkelten Gänge, die sich bewegenden Treppen.
Sie wollte weinen, als sie alleine im Bett lag, die Vorhänge zugezogen und die Schluchzer der anderen Mädchen an ihr Ohr drangen.
Aber sie konnte nicht.
Sie würde nicht weinen.
Sie würde kämpfen.
Ein neuer Thron für die Prinzessin
Lias erster Tag in Hogwarts war nicht ganz was sie sich erhofft hatte.
Den ganzen Morgen schon freute sie sich auf ihre erste Stunde Verwandlung. Ihr Vater hatte Verwandlung immer geliebt und sie war der festen Überzeugung, dass sie ebenso gut sein würde, wie er es gewesen war.
Allerdings hatte ihr Vater auch keine junge und unglaublich strenge Lehrerin gehabt, die scheinbar in der Lage war wirklich ALLES zu verwandeln und mit Sicherheit nie in ihrem Leben irgendeinen Fehler gemacht hatte.
Professor McGonagall hatte ihren Unterricht kaum begonnen, da war die Hälfte der Klasse bereits vollkommen eingeschüchtert.
So sehr sie sich auch bemüht hatte alles mitzuschreiben, was die Lehrerin sagte, als Lia ihr Streichholz vor sich liegen hatte, mit der Aufgabe es in eine Nadel zu verwandeln, hatte sie das Gefühl man hätte ihr den Kopf leer gefegt. Da saß sie, den Zauberstab in der Hand, ohne zu wissen was sie damit tun sollte.
Die helle Stichflamme ließ die ganze Klasse aufschrecken. Dann begann der neben Lia sitzende Junge zu kichern und deutete auf ihre halb abgebrannte Augenbraue. Und kurz darauf war die gesamte Klasse am Lachen. Lia wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als wieder zuhause zu sein, sich auf ihr Bett zu werfen und hemmungslos zu weinen.
Und heiße Schokolade mit Vanille zu bekommen.
"Gehen Sie in den Krankenflügel, Kenneth. Sie sind für den Rest der Stunde entschuldigt."
Selbst McGonagalls kühle Aussage kam Lia vor, als würde sie ausgelacht.
So schnell sie konnte verließ sie das Klassenzimmer und ihre lachenden Mitschüler.
Und nun weinte sie doch.
Aber sie sagte sich, dass es nur Zornestränen waren.
"Hey! Hey, Lia!"
Rasch wischte sich Lia die Tränen aus dem Gesicht und wandte sich um.
Matt grinste sie an. "Alles in Ordnung? Was machst du hier?"
Lia deutete unbehaglich auf ihre Augenbraue. "Muss in den Krankenflügel..." , murmelte sie.
"Oh prima, da muss ich auch hin." Er zeigte ihr eine große Brandwunde an seinem Arm. "Hab einen Flubberwurm explodieren lassen." , erklärte er stolz und Lia musste lachen.
"Und du?"
"Mein Streichholz angezündet."
Matt sah sie bewundernd an. "Das muss ja ne ordentliche Flamme gewesen sein."
Lia lachte erneut. Irgendwie ging es ihr schon viel besser, während sie mit Matt zusammen die Korridore entlang ging. Und dann kam ihr eine Idee.
"Hey, Matt, sag mal...kann ich deine Unterlagen aus der ersten haben?"
"Wie?" Matt sah sie verdutzt an. "Also, ich glaub echt nicht, dass du die brauchst...Ehrlich, du kommst doch sowieso klar. Immerhin hast du was erreicht, bei den anderen hat sich mit Sicherheit gar nichts getan. Du bist nicht schlecht, bloß weil du in der ersten Stunde dein Streichholz angezündet hast!"
"Ich will sie trotzdem."
Er zuckte mit den Achseln. "Wie du meinst, ich kann sie dir nachher geben. Aber erwarte lieber nicht zu viel. Meine Notizen sind nicht...allzu...ausführlich..."
Nicht allzu ausführlich , war eine glatte Untertreibung, wie Lia an diesem Abend feststellte, als sie auf ihrem Bett lag und Matts Notizen durchblätterte.
Bei den meisten hatte Matt bereits nach der Überschrift aufgegeben und lieber herumgekritzelt, oder mit irgendjemandem Unterhaltungen auf seinen Blättern geführt.
Lia musste immer wieder lachen. Und an Matts Zeichenkünsten zweifeln. Doch besonders hilfreich waren die Notizen tatsächlich nicht.
Für Lia jedoch genügte es.
So schnell sie konnte rannte Lia die Treppe runter. Sie hatte verschlafen. Wieder einmal. Das hieß kein Frühstück heute. Aber auch daran war sie gewöhnt. Die ganze Nacht hatte sie sich auf die heutigen Stunden vorbereitet. Sie würde es schon allen zeigen.
Als sie in der großen Halle angekommen war, wurde sie von hinten gepackt und wirbelte herum.
"Matt!"
"Hey, hey, ganz ruhig." Matt hob beschwichtigend die Arme und trat einen Schritt zurück. Dann runzelte er die Stirn. "Sag mal, echt alles in Ordnung bei dir? Du siehst irgendwie nicht gut aus..."
"Alles klar! Ich muss zum Unterricht!"
Rasch wandte Lia sich wieder um und lief die Treppen zum Kerker hinunter.
Das Klassenzimmer war rasch in Rauchschwaden eingehüllt. Lia war völlig eingenommen von ihrer Arbeit, bis Slughorns Stimme das Klassenzimmer durchdrang.
"Corners! Nicht!" Er ergriff die Hand eines Jungen der gerade etwas in seinen Kessel werfen wollte.
"Legen Sie das wieder hin." Dann wandte er sich an die Klasse. "Nun wer kann Mr. Corners erklären warum ich ihn aufgehalten habe?"
Die meisten sahen sich nur unsicher an, doch Lias Verstand raste und dann schnellte ihr Arm nach oben.
"Ms. Kenneth?"
"Er wollte die Stachelschweinpastillen zu früh in den Kessel geben. Wenn er noch auf dem Feuer steht werden sie zu heiß und dann wird sein Trank ätzend und könnte Löcher in seinen ganzen Kessel ätzen. Wäre ziemlich blöd." , antwortete Lia sofort. Und wie blöd das wäre. Matt war genau das passiert. Sie grinste, als sie sich Matts Gesicht vorstellte, als sein Kessel sich vor ihm auflöste.
"Sehr gut. 10 Punkte für Gryffindor."
Lia lächelte stolz und bemerkte zunächst die Blicke ihrer Mitschüler gar nicht. Bis Corners ihr nicht unbedingt leise zuflüsterte "Streber."
Sie schluckte. Hatte sie einen Fehler gemacht?
Auch in anderen Stunden merkte Lia, dass ihre Taktik nicht zu funktionieren schien. Sie musste umplanen.
An diesem Abend ging Lia nicht wie sonst in die Bibliothek, sondern sah sich im Gemeinschaftsraum um. Dann entschied sie sich ihr Glück bei einem Mädchen aus ihrem Schlafraum zu versuchen, von dem sie wusste, dass sie recht beliebt war. Sie saß zusammen mit zwei Jungen an einem Tisch am Fenster.
"Hey, ich wollte fragen, ob ich mich zu euch setzen kann, vielleicht kann ich euch ja mit eurem Aufsatz - "
"Geh weg, Streber."
"Wir brauchen deine Hilfe nicht."
Lia schluckte und drehte sich weg. Als sie Richtung Porträtloch ging sah sie ein anderes Mädchen aus ihrer Klasse, das alleine an einem Tisch saß und sich verzweifelt durch die Haare fuhr.
Sie nahm noch einmal allen Mut zusammen und sprach sie an.
"Hey, ähm...kann ich dir vielleicht helfen?"
Das Mädchen sah auf und schaute Lia skeptisch an.
"Willst du mich jetzt so bloß stellen, wie Corners? Du meinst wohl ich bin zu blöd um - "
"Nein! Nein, ich dachte nur, ich kann dir ja vielleicht mit Verteidigung helfen, das hab ich nämlich schon fertig und dann könntest du mir mit..." Sie ließ den Blick über die Sachen des Mädchens streifen und sah einen ordentlich gefalteten Bogen Papier. "Kräuterkunde helfen."
"Hey, schaut mal, sieht so aus, als wäre die liebe Ms. Kenneth nicht nur ein Streber, sondern gibt sich auch noch mit Losern ab."
Die Stimme stammte von einem Jungen, der sich hinter Lia gestellt hatte.
Lia erstarrte.
Sie hatte schon wieder einen Fehler gemacht. Das Mädchen sah auf ihre Sachen runter und Lia bemerkte, wie Matt sich von einem Sessel in der Nähe erhob.
Aber sie würde sich nicht von ihm helfen lassen.
Das hier war ihr Kampf.
Und sie hatte vor ihn zu gewinnen.
Unschuldig blickte Lia dem Jungen in die Augen.
"Oh, Jason, das hast du falsch verstanden."
Jason Green hob die Brauen und lachte kurz.
"Du warst es, der mich angesprochen hat. Nicht umgekehrt."
Jason sah sie verwirrt an.
"Ich hatte nicht vor mit einem Loser wie dir zu sprechen."
Kurze Zeit war Stille.
Dann brach Matt in lautes Gelächter aus und begann zu klatschen. Und andere, die die Auseinandersetzung mitbekommen hatten stimmten mit Pfeifen und Johlen ein.
Sehr zufrieden mit sich setzte Lia sich an den Tisch. "Also, ich bin Lia."
"Charlot." , antwortete das Mädchen und lächelte.
"Gut, Charlot. Wie sieht's aus, hilfst du mir?"
Als Lia an diesem Abend die Treppe zum Schlafsaal hochging, lächelte sie versonnen, sie war sich sicher, HEUTE Nacht, würde sie wundervoll schlafen.
"Mh...Lia?"
Sie drehte sich um und sah Matt am Geländer lehnen und grinsen.
"Was?"
"Willkommen in Hogwarts."
In einer anderen Ecke des Gemeinschaftsraumes hatte noch jemand anderes das Geschehen verfolgt.
"Wir sollten unsere kleine Prinzessin im Schloss willkommen heißen, meinst du nicht? James?"
"Hm? Was ist?"
"Lia. Wir sollten ihr einen Streich spielen."
"Streich? Ja, sicher. Oh, hey Lily! Lils, wart mal!"
James stand auf und lief zu dem rothaarigen Mädchen hinüber, das gerade durchs Porträtloch gekommen war.
Sein Freund blieb sitzen und sah ihm missmutig hinterher.
Willkommen in Hogwarts
"Guten Morgen, Lia!"
"Morgen!"
"Hey, gut geschlafen?"
"Jep."
Lia ließ sich am Gryffindortisch nieder und griff nach dem Orangensaft. Auf einmal spürte sie, wie sich ihr jemand von hinten näherte. Mitten im Eingießen hielt sie inne.
"Oh ja, guten Morgen, Prinzesschen. Ich hoffe du hast deinen Schönheitsschlaf bekommen?"
"Sirius!" , zischte Lia zurück. Was auch immer er wollte es konnte nichts Gutes sein.
"Hey, hey, ich wollte nur nett sein. Also dann, schönen Tag." Er zwinkerte den anderen Mädchen am Tisch zu und lief dann weiter zu seinen Freunden.
Lia sah im misstrauisch nach.
"Oh, mein Gott, Lia. Das war Sirius Black!"
"Woher kennst du ihn?"
"Stell uns vor!"
"Ich würde den Saft nicht mehr trinken."
Lia hatte nicht bemerkt, dass sich Matt ihr gegen über hingesetzt hatte. Nun sah sie ihn stirnrunzelnd an.
"Er hätte nicht - "
"Nicht? Dann trink doch."
Aber das wollte Lia nun doch nicht riskieren. So sicher wie sie auch war, dass Sirius es nicht geschafft hätte etwas in ihren Saft zu tun, ohne, dass sie es bemerkte, den Versuch war es nicht wert. Auf gar keinen Fall wollte sie Sirius die Genugtuung geben mit einem Streich bei ihr Erfolg zu haben.
"Auch gut."
Sie schob ihren Kelch von sich und griff stattdessen nach Matts.
"Hey!"
Lia bedachte Matt nur mit einem gewinnenden Lächeln, das er mit hochgezogenen Augenbrauen quittierte. Seinen Kürbissaft bekam er jedenfalls nicht wieder.
Von diesem Moment an war Lia besonders vorsichtig.
Und es blieb nicht bei diesem einen Versuch.
Lia wusste nicht warum, aber aus irgendeinem Grund schien Sirius in diesen Tagen nichts Besseres zu tun zu haben als ihr das Leben schwer zu machen.
"Ich weiß gar nicht, was ich ihm getan habe. Ich meine, dass er gemein zu mir ist, daran bin ich gewöhnt, aber er übertreibt es wirklich!"
Sie war gerade dabei mit Matts Hilfe ihre Sachen zusammen zu sammeln. Wenige Augenblicke zuvor war Lias Tasche auf dem Weg zu Zauberkunst plötzlich aufgerissen und hatte Pergamente, Bücher, Federkiele und Tintenfässer im Gang verteilt. Es war ihr keineswegs entgangen, dass Sirius im selben Moment an ihr vorbeigegangen war und sie hochnäsig angegrinst hatte.
"Und du brauchst mir wirklich nicht zu helfen. Ich komme schon klar. Es reicht sowieso, wenn ich zu spät komme."
"Na und wie du klar kommst." Er nahm ihr die Tasche aus der Hand, die sie gerade hatte zusammenknoten wollen. "Reparo. Hier." Er gab ihr die geflickte Tasche zurück. "Und ich hab jetzt eh nur Zaubereigeschichte. Also wirklich kein Grund sich zu hetzen. So. Wars das?"
"Ich denke schon." Sie zögerte kurz. "Danke." , fügte sie dann knapp hinzu. Es ärgerte sie, dass sie ständig Matts Hilfe brauchte. Er war zwar nett und lustig und sie verbrachte gerne Zeit mit ihm, aber nicht gerade auf dem Boden herum rutschend, weil sie sich nicht gegen Sirius Black zu wehren wusste. Aber irgendetwas würde sie schon unternehmen. Und zwar alleine.
Entschlossen wischte sich Lai ein paar Strähnen aus dem Gesicht. Dann merkte sie, dass Matt sie angrinste.
"Was?"
Er zuckte mit den Schultern. "Du hast schon wieder diesen Blick drauf."
"Was für einen Blick ?"
"Dieser Blick, der sagt, dass du irgendwas ausfrisst."
"Ich fresse niemals etwas aus!" , gab Lia zurück und wandte sich, die Haare zurückwerfend von ihm ab. Seine Antwort ignorierte sie geflissentlich. Nur, weil er zwei Jahre älter war brauchte er nicht so zu tun als wäre er allwissend!
Glücklicherweise akzeptierte Flitwick ihre Entschuldigung kommentarlos. Lia konnte sich auf ihren Platz setzen und sich ganz dem Gedanken widmen, wie sie sich an Sirius rächen könnte.
"Verdammt..." Lia kaute auf ihrem Daumennagel herum, während sie vor sich hingrummelnd durch ein Buch blätterte.
Sie saß an einem Tisch in der Bibliothek, um sie herum waren so viele Bücher gestapelt, dass es wirkte, als wolle sie sich verbarrikadieren.
Und trotzdem war sie noch kein Stück vorwärtsgekommen.
Andererseits hätte sie auch nichts anderes erwarten dürfen, wieso sollte sie in einem Bibliotheksbuch Anleitungen für einen Streich finden?
"Ist alles in Ordnung?"
Lia sah auf.
Vor ihr stand ein schlaksiger 7. Klässler, den sie als Remus Lupin erkannte, einen Freund von James und Sirius.
"Ähm, ja, alles gut..." , meinte sie nur zurückhaltend.
Das fehlte ihr gerade noch, dass Sirius Wind von ihrer Streichidee bekam!
Wenn sie denn eine hätte.
Doch anstatt weiter zu gehen, setzte sich der Junge ihr gegenüber an den Tisch und schob einen Stapel Bücher zur Seite.
"Du bist Lia, nicht wahr?" Er lächelte freundlich und irgendwie konnte Lia nicht anders als zurück zu lächeln. Sie wollte keinem Freund von Sirius vertrauen, aber es schien unmöglich diesem Jungen zu misstrauen.
"Sirius macht dir im Moment ziemlich viel Ärger, wie?"
Lia schaute verdutzt.
Doch Remus sprach schon weiter.
"Weißt du, ich denke, er langweilt sich momentan ziemlich und hat schlechte Laune, weil James nicht mehr viel Zeit für ihn hat, da lässt er seine Wut wohl an dir aus..."
Nun starrte Lia erst Recht. Es war ganz sicher nicht Remus Vorhaben gewesen, sie zum Lachen zu bringen, doch die Vorstellung eines schmollenden Sirius, der vor lauter Einsamkeit anderen Leuten Streiche spielte war einfach zu gut. Und gleichzeitig zu realistisch.
Tatsächlich war Remus reichlich verdutzt, als Lia zu Lachen begann.
"Es tut mir leid, ehrlich, ähm...hör mal..". , begann Lia, als ihr Blick auf das Buch fiel, das Remus in vor sich abgelegt hatte.
Menschliche Verwandlung .
Das war es.
Mit leuchtenden Augen sah Lia Remus an.
"Könntest du mir bei was helfen?"
"Lia, was IST das da, auf deiner Robe?!"
Matt starrte auf den Handteller-großen gleblich-grünen Fleck auf Lias Robe. Es hatte ziemlich viel Ähnlichkeit mit getrocknetem Trollrotz.
"Hm?" Müde sah Lia von ihrem Teller auf und versuchte auf ihren Rücken zu schauen.
"Oh. Mist. Flubberwurmschleim..."
Ihr fehlendes Interesse an einem solchen Schönheitsmakel ließ Matt einen Moment verstummen. Er hatte sie in den letzten Monaten nicht einmal Dreck auf ihrer Kleidung gesehen. Lia untersuchte in der Zwischenzeit den Fleck.
"Flubberwurmschleim?! Willst du mir vielleicht weismachen dieser Fleck sei seit deiner letzten Zaubertrankstunde auf deinem Umhang?"
Matt zog die Brauen zusammen und betrachtete Lia skeptisch. Sie schien in letzter Zeit wenig geschlafen zu haben. Ihre Haare und Kleidung waren zwar ansonsten ordentlich, aber irgendetwas schien sie definitiv zu beschäftigen, da war Matt sich sicher. Und er beobachtete sie genug um sich sicher sein zu können.
"Was heckst du nun wieder aus?"
Statt auf seine Frage zu antworten erkundigte sich Lia unschuldig, "Weißt du einen Zauberspruch um das sauber zu kriegen?"
Matt grummelte zwar missmutig, sie würde ihm ausweichen, aber er deutete mit dem Zauberstab auf den Umhang und sagte "Ratzeputz."
"Oh, prima. Den muss ich mir merken. Danke, Matt."
Damit stand Lia auf, nahm ihre Sachen und machte sich auf den Weg, die große Halle zu verlassen.
"He! Lia! Dieses Mädchen macht mich wahnsinnig. Wieso kann sie sich nicht so benehmen wie es sich für kleine Mädchen gehört?"
Noch immer vor sich hin grummelnd wandte sich Matt ab um seinerseits zu frühstücken.
Mädchen, ehrlich.
Und doch musste er grinsen. Mit Lia wurde es wirklich niemals langweilig.
Es war soweit.
Sie hatte die ganze Nacht nicht schlafen können.
Während Lia in die glimmende Glut des Feuers starrte erinnerte sie sich an den Abend zuvor und der Schalk blitze in ihren grauen Augen auf.
Remus hatte kopfschüttelnd, aber lächelnd das Fläschchen von ihr akzeptiert. Er konnte einfach nicht anders als ihr diesen Gefallen zu tun. Und sie war so aufgeregt gewesen, das er selbst sich fast auf das Ergebnis freute. Hilfe hatte sie ansonsten keine gewollt. Nur diese kleine Tat...den Rest hatte sie selbst gemacht. Eine ganz schöne Leistung für eine Erstklässlerin. Und genau aus diesem Grund würde Sirius sie vermutlich nicht einmal verdächtigen. Selbst, wenn er es vermuten sollte, es würde bedeuten, dass er anerkannte, dass sie dazu in der Lage war. Und das würde er mit Sicherheit nicht.
Obwohl es noch Stunden dauern konnte, bis der Spaß begann, saß Lia völlig still in ihrem Sessel und starrte ins Feuer. Spannung brachte ihre Augen zum Leuchten, malte ein Lächeln auf ihre Lippen und ließ sie kerzengerade sitzen.
In den nächsten zweieinhalb Stunden begann der Raum sich tröpfchenweise zu Füllen. Frühaufsteher gab es so wenig, wie wohl in jedem Internat und die Wenigen schienen Lia zu ignorieren.
Als bereits die ersten Gruppen in Richtung Große Halle verschwunden waren, erschienen die ersten Siebtklässler aus den Jungenräumen. James hielt Ausschau nach Lily und lief sofort zu ihr rüber.
Remus zwinkerte Lia zu und gesellte sich dann zu seinem Freund.
Weitere Minuten verstrichen. Lia starrte die Treppe hoch...Es würde funktioniert haben. Sie hatte alles richtig gemacht. Und niemals würde er es NICHT benutzen...
Und dann...endlich hörte Lia das lang ersehnte Geräusch. Ein erstaunlich heller Schrei, ein Türenknallen und Sirius rannte die Treppe hinunter.
"James!"
Im Raum wurde es still. Als die ersten zu Kichern begannen schien Sirius langsam wach genug zu sein um sich seiner Zuschauerschar bewusst zu werden.
Sein Blick traf Lia, die unwillkürlich aufgesprungen war und im selben Moment wusste sie, dass sie Recht behalten würde. Niemals würde er glauben, dass sie dazu in der Lage war.
Sirius machte auf dem Absatz kehrt und rannte zurück in den Schlafsaal.
Zufrieden seufzend ließ sich Lia wieder in den Sessel fallen, während um sie herum der Gemeinschaftsraum buchstäblich summte.
Sie machte sich keine Illusionen, Sirius würde ziemlich schnell eine Lösung finden. Aber wie sie gehofft hatte, war er in seiner Schlaftrunkenheit dämlich genug um mit diesem Haarschopf in den Gemeinschaftsraum zu stürmen.
"Nette Farbe."
Remus setzte sich lächelnd neben Lia.
"Ja...ich wusste, ich hätte frischere Blutegel nehmen sollen...aber das rosa war doch viel niedlicher..." Versonnen lächelnd nahm sie eine Handvoll Toffeebohnen aus einem Karton, den irgendjemand auf dem Tisch stehen gelassen hatte.
Perfekt. Einfach perfekt.
Freunde
Die Winterferien verbrachte Lia natürlich zuhause. Sie hatte Charlot zu sich einladen wollen, doch die fuhr mit ihrer Familie nach Frankreich.
Tatsächlich kam Lia die Zeit bei ihren Eltern erstaunlich langweilig vor. Sicher, es war schön Zuhause zu sein, aber Hogwarts war so neu, so spannend, dass die Ruhe der Ferien sie fast überraschte.
Ihren Eltern schien das auch aufzufallen.
Lia, mein Schatz, gefällt es dir bei uns nicht mehr?
Überrascht sah Lia von ihrem Frühstück auf. Sie musste wohl vor sich hin geträumt haben. Woran hatte sie denn überhaupt gedacht?
Ihre Mutter zog eine leichte Schnute, doch ihr Vater lachte.
"Komm, Natalie, natürlich ist es langweilig hier bei uns, denk doch nur, was Lia jetzt gewöhnt ist. Das ist doch völlig normal. In den Sommerferien werden wir schon genug finden um Lia zu unterhalten. Jetzt lass sie ruhig von der Schule träumen."
"Ich hab nicht von der Schule geträumt." , beschwerte sich Lia, doch ihr Vater zwinkerte ihr bloß zu.
Es war wirklich schön am Ende der Ferien zurück zu kehren. Wieder überall Menschen zu sehen, das ständige Hintergrundgemurmel, im Gemeinschaftsraum zu hören, ebenso wie die lachenden, hallenden Stimmen in den Korridoren.
"Also meiner Meinung nach, hätten die Ferien ruhig etwas länger sein können." , bemerkte Charlot, als Lia ihre Gefühle erklärte. "Ich habe nicht mal die Hälfte der Hausaufgaben fertig."
Lia musste lachen. Ihre Freundin war wirklich hoffnungslos. Immer fand sie etwas um sich abzulenken, wenn sie eigentlich Hausaufgaben machen sollte.
"Komm, ich helf dir mit den Aufsätzen und du gibst mir noch was von diesen Toffees von deiner Mum. Die sind unglaublich."
Sie arbeiteten eine Weile zu zweit, bis ihre beiden Schlafsaalmitbewohnerinnen herein kamen. Die aufgeweckte, quirlige Megan, die Hausaufgaben schon immer für eine nervtötende Angelegenheit gehalten hatte und die ruhige, intelligente Susan vergrößerten ihre kleine Lerngruppe, bis irgendwann vor lauter Süßigkeiten und Geschichten aus den Ferien nicht mehr an Lernen zu denken war.
Mitte Januar wurde es so kalt, dass eine kleine Bucht des Großen Sees gefror.
Einige Schüler entschieden sich es mit Schlittschuhlaufen aus zu probieren und die Lehrer belegten das Eis zur Sicherheit mit ein paar Zaubern, damit es nicht brach.
Eine Gruppe Ravenclaws übernahmen einige der Zauber um Schneeskulpturen zu bauen und haltbarer zu machen.
Da der Schnee lange genug liegen blieb verwandelte sich das Hogwartsgelände nach und nach in eine richtige Skulpturenlandschaft.
Lia und die anderen drei Gryffindor-Mädchen versuchten sich an einem Iglu, das dank Suse Geduld auch tatsächlich gelang und Lia lachte über Matts Versuche einen riesigen Schnatz zu bauen.
"Matt, das Ding ist noch nicht einmal richtig rund!"
Der Drittklässler bedachte sie mit einem genervten Blick, doch als sie nicht aufhören wollte zu kichern griff er in den Schnee und wenige Minuten später landete eine Ladung Schnee in ihrem Gesicht.
Daraufhin machte sich Lia lieber auf den Staub. Ihr war nämlich sehr wohl klar, dass sie es bei einer Schneeballschlacht nicht mit dem zwei Jahre älteren Matt und seinen beiden Freunden Jeff und Aaron aufnehmen konnte.
Alle waren enttäuscht, als der Schnee schließlich zu tauen begann.
Der Frühling kam und mit dem Frühling jede Menge Hausaufgaben und irgendwann die Prüfungen
"Du hast schon lange nichts mehr angestellt, Lia."
Grinsend beugte sich Matt über die Lehne der Couch, auf der Lia saß und sich durch ihre Kräuterkundeunterlagen quälte.
Genervt von der Ablenkung sah Lia auf. "Musst du nicht lernen?"
Der ältere Junge zog eine Grimasse und zog sich wieder zu seinem Tisch am Fenster zurück. Offensichtlich war Lernen genau das, wovor er sich gerade hatte drücken wollen.
Kopfschüttelnd drehte Lia sich wieder zu ihren Pergamenten, als sie Charlots Blick bemerkte. Sie sah Matt hinterher.
"Lia?"
"Charlot?"
"Matt sieht ziemlich gut aus, oder?"
Stöhnend ließ Lia den Kopf auf den Tisch sinken. Spinnten heute eigentlich alle?
Die Prüfungen kamen und gingen und Lia war erleichtert, dass sie viel einfacher gewesen waren, als sie erwartet hatte. Selbst Charlot und Meg schafften alle und Suse war sogar Klassenbeste.
Auf bald, auf bald!
Noch einmal drehte Lia sich um und betrachtete ein letztes Mal den Schlafsaal. Ein Seufzen entkam ihr.
"Jetzt komm schon, Lia!"
Charlot packte ihre Freundin am Arm und begann sie aus dem Raum und die Treppe hinunter zu ziehen.
"In ein paar Wochen bist du wieder hier. Und glaub mir, wenn wir erstmal die ersten Hausaufgaben auf bekommen haben wirst du dich wieder in die Ferien sehnen."
Kopfschüttelnd folgte Lia dem Mädchen. Sie hatte dieses Schloss lieben gelernt. Natürlich freute sie sich auf ihre Eltern, sogar riesig. Und doch... nächstes Jahr würde sich einiges ändern. Sie war in der Klasse akzeptiert worden und wurde sogar angemessen bewundert. Sirius würde nächstes Jahr nicht mehr da sein und was die Schule betraf...nun, Lernen war definitiv kein angemessenes Ziel für ihr zweites Schuljahr. Aber sie würde schon etwas finden.
Rauch stieg von der großen, roten Eisenbahn auf und überall auf dem Bahnsteig herrschte geschäftiges Treiben. Menschenstimmen hallten wie das Summen eines riesigen Bienenschwarms durch die Gasse und hier und da konnte man besonders laute Rufe ausmachen.
Und Lia sog alles in sich auf. In ihrem kindlichen Leichtsinn war sie fest davon überzeugt, sie würde nie wieder weinen müssen.
