Jahr III
Sommerferien
„Aber Lia, Schatz, du hast doch letztes Jahr erst eine komplette, neue Ausrüstung bekommen..."
„Mum, hast du eine Ahnung wie schnell sich Jägerhandschuhe abnutzen?" Es war keine besonders faire Frage, denn natürlich hatte ihre Mutter keine Ahnung. „Noch ein Spiel und meine sind an den Handballen durch."
Ihre Mutter schien nicht wirklich überzeugt.
Wirklich, es war doch unglaublich, wie leicht sie ihre Mutter von einem neuen Kleidungsstück überzeugen konnte, wie wenig sie aber auf der anderen Seite für wirklich wichtige Dinge übrig hatte.
Ihr Vater hatte eigentlich ebenfalls mitkommen wollen, aber er hatte einen neuen Auftrag bekommen, der ihn in diesem Sommer auf Trab hielt.
Es nervte Lia gewaltig, dass er nie da war.
Sicher würde er sie jetzt unterstützen.
Ihre Mutter konnte Lia nicht mit einer Schnute oder Krokodilstränen beikommen. Sie musste ein bisschen mehr arbeiten.
„Ich bin doch direkt unten durch mit diesen schrottigen Dingern...naja, was solls...und es ist ja auch nicht so als gäbe es keine Salbe für Schürfwunden...", murmelte sie vor sich hin.
Das schien ihre Mutter dann doch zum Nachdenken zu bringen. „Schau mal Lia...du kannst diese Dinger haben, oder ein neues Kleid..."
„Super, danke, Mami!"
Und schon landeten neue Handschuhe, sowie Knieschoner im Einkaufskorb.
Eine Weile lief Lia noch durch Qualität für Quidditch, vorbei an Schonern, Handschuhen, Umhängen, blieb kurz bei den Besen stehen, jedoch nicht lange, ihr eigener Nimbus 1500 war schließlich eines der neuesten Modelle und definitiv das Beste. Zum Schluss blieb sie an einem Regal nah bei der Tür stehen. Sie hatte schließlich noch ihr Taschengeld. Und was sie damit machte, war ganz alleine ihre Sache.
Lia hatte schon vor Jahren entschieden, welches ihr Lieblingsteam sein sollte. Wenn sie ehrlich war, dann musste sie wohl zugeben, dass die Gründe für ihre Entscheidung nicht sonderlich sportlich waren. Aber Blau und Gold waren einfach die schönsten Farben! Und Puddlemere hatte nebenbei auch die bestaussehndsten Spieler. Die Kestrels waren zwar auch nicht übel und immerhin das Lieblingsteam ihres Vaters, aber smaragdgrün? Das ließ sie zu sehr an Slytherin denken. Die Bats hatten ihr auch immer gut gefallen, aber irgendwie waren sie so...düster.
Doch was auch immer die Gründe waren, jetzt griff Lia nach einem Schal und diesem unglaublich hübschen Terminplaner, den sie schon letztes Jahr hatte haben wollen.
Eine kleine Figur von Darren O'Hare von den Kestrels war dann aber doch drin. Vielleicht würde ihr Vater ihn zum Geburtstag bekommen.
Vielleicht aber auch nicht.
Quidditch, Jungs und Mitternachtspartys
"Liaaaa!"
Wild mit den Armen fuchtelnd versuchte Charlot ihre Freundin auf sich aufmerksam zu machen.
Lia versuchte freundlich zu lächeln.
Sie mochte Charlot ja wirklich gerne, aber musste sie so ein Theater machen? Sie hatten sich doch erst vor einer Woche in der Winkelgasse gesehen. Nun ja, so war Charlot eben. Überschwänglich wie ein Kind...
"Bist du auch sicher, dass du alles hast?"
„Ja, Mum, ganz sicher!"
Sie war doch kein kleines Kind mehr!
Ihr Vater musste grinsen, als er ihren genervten Tonfall hörte. Dann griff er in seine Jackentasche und zog eine silberne Kette hervor.
„Tatsächlich?"
Lia wurde ein bisschen rot und murmelte kleinlaut vor sich hin, während sie nach ihrer Lieblingskette griff.
Lachend half ihr Vater ihr, sie sich umzulegen.
„Nun geh schon zu deinen Freunden."
Doch statt loszulaufen, drehte sich Lia noch einmal zu ihren Eltern und fiel erst ihrem Vater, dann ihrer Mutter um den Hals.
„Ich hab euch lieb.", sagte sie leise, weil sie fürchtete, dass ihre Stimme sonst nach Tränen klingen könnte. Obwohl sie natürlich nicht weinen musste, nur weil sie sich von ihren Eltern verabschiedete!
Ihre Mutter lachte und sah ihre Tochter glücklich an. Dann strich sie ihre eine Strähne hinters Ohr.
„Ich bin sicher, das wird ein ganz wunderbares Jahr, mein Schatz."
Noch einmal umarmte Lia ihre Mutter, dann nahm sie ihre Sachen und lief los zu Charlot hinüber.
„Lia!"
Laut kreischend stürzte Charlot sich auf ihre Freundin, die viel Überwindung brauchte um sich nicht die Ohren zuzuhalten. Ohne sie zu Wort kommen zu lassen sprach Cahrlot auch schon weiter.
„Hast du Matt schon gesehen?! Er ist wirklich Kapitän geworden! Das Abzeichen steht im wahnsinnig gut!"
„Es ist nur ein Abzeichen, Charlot.", erwiderte Lia etwas missmutig.
„Hast du was gegen mein Abzeichen, Kleines?"
Grinsend war Matt hinter ihnen aufgetaucht.
Tatsächlich trug er das Kapitänsabzeichen auf der Brust.
Und dabei hatten sie ja noch nicht einmal ihre Umhänge an.
Lia rollte statt einer Antwort nur mit den Augen, woraufhin Matt verkündete sie solle bloß nett zu ihm sein, wenn sie wieder ins Team wollte.
Sie streckte ihm die Zunge raus.
Sie hatte wundervolle Sommerferien gehabt, aber es war auch gut wieder unter ihren Freunden zu sein. Charlot hatte sie zwar im Sommer gesehen, aber Matt und das Team hatte sie schon etwas vermisst...und Quidditch.
Mit Matts Hilfe verfrachteten Charlot und Lia ihre Koffer in ein leeres Abteil und ließen sich in die Sitze fallen.
Immer wieder sah Lia aus dem Fenster auf den Bahnsteig, oder in den Gang um Ausschau nach bekannten Gesichtern zu halten.
„Weißt du, du musst nicht bei mir sitzen, wenn du lieber zum Team willst.", meinte Charlot irgendwann scheinbar unbeteiligt, woraufhin Lia aufhörte rauszustarren und lieber ein Gespräch mit ihrer Freundin begann.
Sie wollte Charlot nicht verletzen, auch wenn es so viele Leute gab denen sie gerne Hallo gesagt hätte.
Die Zugfahrt verlief wie immer. Kurz vor Abfahrt betraten Megan und Suse, ihre Schlafsaalkameradinnen das Abteil. Oder, im Fall von Meg, stürmten hinein.
Alle vier winkten ihren Eltern, bis sie den Bahnsteig aus dem Blick verloren.
Danach war das Abteil gefüllt mit Gelächter, Sommergeschichten und jeder Menge Süßigkeiten.
„Dieses Jahr müssen wir eine Mitternachtsparty machen!"
„Und uns von Filch erwischen lassen? Megan du spinnst!"
Die anderen lachten, doch Megan ließ nicht locker.
„Nein, ehrlich. Wir können es doch im Schlafsaal machen. Nur wir vier."
„Wie kommst du nur auf so eine Idee?"
Susan verdrehte die Augen und griff nach der Toffee-Schachtel.
Aber Charlot war gleich Feuer und Flamme.
„Das klingt doch total spaßig! Wir haben doch auch immer die Quidditchpartys im Gemeinschaftsraum. Wenn wir wegen sowas gleich so auffahren, sollten wir auch unsere eigenen Partys für wichtige Dinge haben!"
Für den Kommentar über Quidditch wurde sie prompt von Lia mit einem Schokofrosch beworfen.
Doch die Idee blieb.
Lia freute sich auf das neue Schuljahr.
Sie würde dieses Jahr zwei neue Fächer haben: Pflege magischer Geschöpfe und Alte Runen. Bei Alte Runen war sie sich nicht ganz sicher, was sie erwarte und ob es ihr liegen würde. Sie hatte sich einfach für keines der anderen Fächer entscheiden können. Arithmantik klang sterbenslangweilig, Muggelkunde war für sie nichts neues und Wahrsagen war entweder Schwachsinn, oder etwas, was sie gar nicht können wollte.
Aber Pflege magischer Geschöpfe war sicher interessant. In der Gegend um Hogwarts gab es viele spannende Wesen, von denen Lia höchstens mal gehört hatte, wenn überhaupt. Ihrer Mutter wegen wohnten sie in einer Muggelgegend und das spannendste was es dort gab waren streunende Katzen.
Und nicht nur die Magischen Wesen machten diese Stunden zu etwas besonderem.
Lia mochte Professor Kesselbrand von dem Augenblick an, als sie ihn das erste Mal sah.
Er war fröhlich, exzentrisch und liebenswürdig. Wie eine Mischung aus einem verrückten Professor und einem Lieblingsonkel.
Und die Geschichten, die sie über ihn hörte versprachen eine höchst unterhaltsame Zeit.
Angeblich hatte er vor ein paar Jahren die Große Halle während eines Theaterstückes in Brand gesetzt. Er hatte wohl eine Aschwinderin, ein magisches, aus Feuer bestehendes Wesen, dass sich aus einem magisch veränderten Kaminfeuer entwickelt, in das Stück einbauen wollen.
Lia hatte keine Ahnung wie es nun eigentlich zu dem Brand kam, doch sie hatte auch, wenn sie ehrlich war, noch nie von so einem Wesen gehört.
Und auch die Einführung in Alte Runen ließ Lia hoffen.
Aber Schule war natürlich nicht das einzige, was Lias Alltag ausmachte.
Matt setzte die neuen Auswahlspiele auf den Mittwoch in der zweiten Woche nach Schulstart.
Entgegen seiner Drohungen ließ er niemanden aus dem alten Team vorfliegen.
Er hatte auch genug damit zu tun, die beiden Jäger und den Treiber zu ersetzen.
Lia war ein wenig mulmig. Tally und Mirco hatten beide letztes Jahr ihren Abschluss gemacht, was bedeutete, dass sie dieses Jahr ein völlig anderes Jägertrio haben würden.
Ob sie mit den neuen Jägern so gut zurecht kam, wie mit den alten?
Sheila versuchte sie mit Schokolade aufzumuntern, während Keith seine beiden Kolleginnen mit Kommentaren über die einzelnen Bewerber unterhielt.
Irgendwann ging er damit Matt so sehr auf die Nerven, dass der ihn kurzerhand dazu verdonnerte ihm zu helfen.
Von da an alberte Keith in der Luft rum.
Das erste Quidditchtraining zeigte, dass es ein weiter Weg war, bis das Team die Leistungen des alten Teams erreichte. Keiner der neuen Jäger schaffte es während des Trainings einen Ball an Matt vorbei zu bekommen und Lia hatte ihre Probleme mit dem Zusammenspiel.
Kate ließ regelmäßig den Ball fallen, weil sie sich vor irgendetwas erschreckte und Jason – der es zu Lias Entsetzen dieses Jahr ins Team geschafft hatte – starrte lieber Sheila hinterher, statt sich aufs Spiel zu konzentrieren.
Die neue Treiberin Jess war ein Naturtalent.
Sobald sie sich an Keith dumme Sprüche gewöhnt hatte würden die beiden ein tolles Team abgeben.
„Dein toller Jason treibt mich in den Wahnsinn!"
Lia ließ sich nach dem zweiten misslungenen Training mit einem langen Stöhnen auf ihr Bett fallen.
„Er ist nicht MEIN Jason. Nicht mehr jedenfalls...", erwiderte Charlot, während sie in ihrem Nachttisch nach ihrem Wecker suchte.
Lia rollte herum um ihre Freundin ansehen zu können.
„Ach, seit wann das denn?"
Charlot druckste ein wenig herum, bis sie zugab: „Seit ich beim Auswahlspiel gesehen hab, wie er den Mädchen hinterher gestarrt hat..."
Lia wusste nicht recht ob sie stöhnen, oder lachen sollte und bekam von dem Versuch beides gleichzeitig zu tun, Schluckauf.
„Du hast ganze zwei Jahre gebraucht um zu merken, dass Jason ein totaler Macho -hicks- ist?!"
Obwohl sie versuchte ihre Freundin böse anzusehen, brachten deren Hickser Charlot zum Lachen.
„Ja, mach dich ruhig über mich lustig. Und dabei bist du auch nicht schneller von Begriff."
Auf Lias verdutzte Frage, was sie denn damit meinte, lächelt Charlot nur wissend und genoss ihre Rache.
Das dritte Schuljahr bedeutete auch den ersten Besuch in Hogsmeade.
Lia hatte das ganze letzte Jahr wehmütig zugesehen, wie ihre Teamkollegen lachend und schwatzend zum Dorf runtergingen. Die Geschichten vom Honigtopf und Zonkos Scherzartikelladen klangen wunderbar. Allein schon die Tatsache, dass man einfach mal raus aus dem Schloß konnte, ein wenig Abwechslung bekam, ließ Lia sehnsüchtig auf den großen Tag warten.
Als Lia und Charlot die Treppe vom Portal hinunterliefen, holten Meg und Susan sie ein.
„Wir müssen Süßigkeiten kaufen, für...ihr wisst schon!" Megan hatte leuchtende Augen und konnte kaum ihr Kichern im Zaum halten.
Susan stöhnte und sah Lia verzweifelt an. „So geht das schon den ganzen Morgen! Seid bloß froh, dass ihr so früh beim Frühstück wart..."
Doch Lia kicherte nur und den ganzen Weg nach Hogsmeade liefen die vier Mädchen eingehakt und fröhlich lachend, so dass Filch sie misstrauisch beäugte, als sie an ihm vorbeikamen.
Nichts konnte ihnen an diesem Tag ihre Laune verderben.
Weder Filch, noch die Slytherins, die ihnen auf dem Weg begegneten und sie mit schmutzigen Beleidigungen beschimpften.
Megan drehte sich halb um und streckte ihnen die Zunge raus, bis Charlot sie kichernd weiter zerrte.
Hogsmeade war wundervoll.
„Sieh nur, da ist der Pub!"
„Was für ein schönes Haus!"
„Lasst uns da einziehen, wenn wir mit der Schule fertig sind!"
„Spinnst du?! Dein Leben lang die Schule vor der Nase? Bloß nicht!"
Es war ein Tag, wie er sein sollte.
Der Honigtopf hielt alle Versprechungen.
Lia, die mehr an Muggelsüßigkeiten gewohnt war, als an magische, verschlug es die Sprache, ebenso wie der muggelgeborenen Meg. Sie wollten von allem etwas haben und es fiel schwer, sich nicht die Taschen mit Schokofröschen, Blaskaugummi und Zuckerfederkielen vollzustopfen.
„Ihhh, was IST das?!" Charlot starrte auf ein großes Glas, in dem unglaublich schleimige und unglaublich echt aussehende Nacktschnecken herumkrochen.
Susan ging näher an das Glas, was Charlot quietschen ließ und las vor: „Nougatschnecken, ein unwahrscheinlich schleimiges Erlebnis."
Während Megan losprustete und lautstark darüber nachdachte, was man mit sowas nicht alles anstellen könnte, wandte sich Charlot ziemlich grün im Gesicht von ihren Freundinnen ab.
Lia war in der Zwischenzeit stehen geblieben um Zuckerschnatze zu betrachten, die in einer Glasvitrine herumschwebten.
Sie waren wunderschön.
Vielleicht sollte sie welche kaufen und sie James schicken...andererseits, wusste sie nicht so recht womit er ein Geschenk verdient hätte.
Doch dann fiel ihr die Hochzeit ein und sie musste lächeln. Leider konnte sie nicht zur Hochzeit, weil sie während der Schulzeit stattfand. Vermutlich würde Lily verzweifeln, wenn sie James einen Grund gab seine Schnatzspielereien wieder aufzunehmen.
Kichernd nahm Lia ein paar Schnatze aus der Vitrine und füllte sie in ein daneben stehendes Glas.
Mit Unmengen an Süßigkeiten, neuer Tinte, Eulenkeksen und einigen versteckten Scherzartikeln betraten die Vier einige Stunden später „Die drei Besen" und sahen sich um.
Überall saßen Schüler an den Tischen und machten einen unglaublichen Lärm.
Alle Tische waren besetzt, doch dann entdeckte Lia Matt und Sheila und führte ihre Freundinnen dorthin.
„Hey ihr, na genießt ihr euren Ausflug?", fragte Sheila freundlich und betrachtete lächelnd die prall gefüllten Tüten.
„Und wie!"
Megan verstand Sheilas freundliches Interesse als Einladung ihrem Redeschwall freien Lauf zu lassen, was Susan dazu bewog für sich und die anderen Mädchen Butterbier holen zu gehen und Charlot immer wieder zum Kichern brachte.
„Sag mal, was sind das für Geräusche in deiner Tüte?" Matt betrachtete Lias Tüten mit einem Stirnrunzeln und Lia sah auf.
„Hm? Oh, das, das sind die Zuckerschnatze."
Sie zog das kleine Glas aus der Tüte und zeigte es ihm.
„Ich hab sie für James gekauft."
Irgendwie schien Matt diese Aussage nicht sonderlich zu gefallen.
„Aha." Zögernd fuh er fort: „Wie geht's ihm?"
Offen lächelte Lia ihn an.
„Prima. Er und Lily werden im Frühling heiraten! Leider müssen sie die Hochzeit während der Schulzeit abhalten, weshalb ich nicht hin kann... Was echt blöd ist. Ich meine, wer soll Sirius davon abhalten die ganze Feier zu sabotieren?"
„Hm.", machte Matt nur und wandte sich wieder seinem Butterbier zu. „Du hast wohl immer noch ziemlich viel mit ihm zu tun."
„Mit wem jetzt...? Ich war im Sommer oft bei den Potters, so wie immer eben...und da hab ich natürlich auch James und Sirius getroffen und Lily... Naja, James besucht seine Eltern natürlich oft und Sirius ist ja auch sowas wie ein Sohn für die Potters und Lily ist auch lieber dort..." Lia war ein wenig verwirrt, wieso Matt sich so grummelig verhielt. Ob er wohl... rasch schüttelte sie den Kopf, wie um einen ungewollten Gedanken zu vertreiben.
Glücklicherweise kam Susan gerade mit ihrem Butterbier wieder und gab Lia etwas anderes zu tun.
Es war herrlich in den Drei Besen. Obwohl es unglaublich voll, laut und warm war, war es schön. Sie lachten, machten Witze und irgendwie hatte Lia das Gefühl, völlig frei zu sein. Kein Gedanke an Hausaufgaben, keine Lehrer oder Vertrauensschüler, oder Filch, die einen zurechtweisen konnten. Einfach herrlich.
Möglich, dass dieses Gefühl nach ein paar Besuchen in Hogsmeade verschwinden würde, aber jetzt genoss Lia es in vollen Zügen, so wie sie jeden freien Flug auf ihrem Besen genoss.
Die schönen Dinge musste man einfach genießen, das war es doch was das Leben ausmachte!
Sie würde sich keine Gedanken über Dinge machen, die sie nicht ändern konnte, sondern Spaß an allem haben, was sie haben konnte!
Und als nächstes würde sie ihre Mitternachtsparty genießen.
Die Blätter der Bäume im verbotenen Wald verfärbten sich, sie schlugen Ravenclaw in Quidditch, wenn auch knapp und ihre Trainings wurden nach dem Sieg stetig besser.
Lia und ihre Freundinnen lernten was Animagi waren, wie man Grindelohs bekämpfte und lagen mitten in der Nacht auf der Lauer um ein Mondkalb zu sehen. Das sich übrigens nie blicken ließ, woran Susan Jason die Schuld gab, da er die ganze Zeit geschnarcht hatte.
„Okay, noch einmal die Falkenkopf Formation!"
Matts entschlossene Stimme ließ Lia und Jason synchron aufstöhnen. Selbst die brave Kate verdrehte völlig frustriert die Augen.
Sie hatten diese Formation schon seit Woche drauf und sie in diesem speziellen Training bereits viermal perfekt hingelegt.
„Matt! Wir können den Falkenkopf! Las uns endlich Schluss machen. Es ist schon viertel nach neun!"
„In einer dreiviertel Stunde müssen wir in den Betten liegen!"
„Und es macht ohne Gegner sowieso gar keinen Sinn!"
Doch sie alle drei wussten, dass kein Diskutieren helfen würde.
„Fein.", rief Lia dann frustriert. „Wir machen deinen dämlichen Falkenkopf und wenn wir einen Treffer landen ist das Training beendet!"
Sie wirbelte herum, ein Funkeln in den Augen, dass ihre Teamkolleginnen inzwischen sehr gut kannten. So, dass Matt es nicht sehen konnte, machte sie das Zeichen für die Porskoff-Täuschung und deutete erst auf sich, dann auf Kate. Und Jason grinste unverhohlen.
In der Form einer Pfeilspitze flogen die drei Jäger auf die Torringe zu, Lia an der Spitze mit dem Quaffle in der Hand. Alle flogen in der gleichen Geschwindigkeit und hielten die Formation bis kurz vor den Torringen. Dann brachen sie plötzlich auseinander, Lia steuerte weiter auf Matt zu, flog dann einen Looping, während dem sie den Ball an Kate abgab und zischte knapp an Matt vorbei, der ihr noch hinterherstarrte, als Kate seelenruhig den Quaffle durch den linken, unbewachten Torring fallen ließ.
Laut jubelnd klatschten die Jäger sich ab und Jess rief laut: „In die Umkleiden, Mädels!" und laut grölend landete das Team und begab sich endlich in die Umkleiden.
Lia hatte sich beeilt fertig zu werden, zum Teil, weil sie Matt entgehen wollte.
Als sie durch das Portraitloch kletterte entdeckte sie ihre Schlafsaalkameradinnen sofort. Sie hatten sie schon ungeduldig erwartet.
„Ihr habt ja ewig gebraucht!"
„Ausgerechnet heute!"
„Psssssscht!"
Lia ließ sich zufrieden grinsend neben Meg auf die Couch fallen.
Morgen war der 14. Oktober, ihr Geburtstag. Da dieser Tag auf einen Sonntag fiel, hatten die Vier entschieden, dass endlich ihre Mitternachtsparty steigen sollte.
Die letzten beiden Wochen hatten sie damit verbracht alles vorzubereiten und in ihrem Zimmer standen nun gut versteckt acht Flaschen Butterbier, mehrere Schachteln Bertie Botts Bohnen, Schokofrösche, Schokoladen Toffees und Pfefferkobolde.
Außerdem stand unter Lias Bett in der hintersten Ecke, versteckt zwischen dreckiger Wäsche und Pergamentknäueln eine Flasche Feuerwhiskey.
Als Matt auf ihre Sitzecke zukam, rechnete Lia vollständig damit, dass er ihr den Abend jetzt noch vermiesen würde. Doch anstatt ihr einen Vortrag zu halten, sah er sie kurz ernst an, grinste dann und wuschelte ihr durch die Haare, bevor er ohne ein Wort wieder verschwand. Lia starrte verdutzt in die Luft und wurde so rot, dass Charlot nicht mehr aufhören konnte zu kichern und sich schließlich heftig verschluckte.
Jungs, ehrlich, wie sollte man die je verstehen?!
Keines der Mädchen hatte es an diesem Abend geschafft irgendwelche Hausaufgaben fertig zu stellen.
Megan brachte es tatsächlich fertig Charlot sechs Papierknüddel in Taschen und Kragen zu stecken, bis diese aufhörte gedankenverloren an ihrem Federkiel zu saugen. Und vermutlich hätte es noch länger gedauert, wenn Megs nächstes Ziel nicht Charlots Nase gewesen wäre.
Daraufhin brach zwischen den beiden Mädchen ein heftiger Papierknüddel-Krieg aus, den Susan nur mit einer Ganzkörper-Klammer beenden konnte.
Als Lia wieder unter dem Tisch hervor kam, standen ihre Freundinnen in sehr seltsamen Positionen am Tisch.
Hätten sie nicht ihre Mitternachtsparty im Kopf gehabt, hätten Meg und Charlot nach dem Lösen des Fluches vermutlich mehr getan, als ihre lachenden Schlafsaalkameradinnen böse anzustarren.
Nicht selten huschten die Blicke immer wieder zur Uhr. Wie lang eine halbe Stunde sein konnte...
„Also mir reichts!" Entnervt knallte Meg ihre Feder auf den Tisch und raufte sich zum wiederholten male die Haare. „Ich gehe ins Bett." Und so rauschte sie davon.
Leises Schnarchen ertönte eine wenige Minuten später von ihrem Bett her und brachte die anderen erneut zum Kichern. Bis halb zwölf würden sie schlafen müssen, damit sie niemand hörte und die Kontrollen erledigt waren.
Und obwohl alle schworen ganz sicher nicht schlafen zu können, war es nur Suse's Wecker zu verdanken, dass sie nicht ihre eigene Party verschliefen.
Das Klingeln wurde von leisem Grummeln und Deckenrascheln beantwortet und es dauerte ein paar Momente, bis allen klar wurde, warum mitten in der Nacht ein Wecker klingelte. Die Party!
In Sekundenschnelle waren Becher, Flaschen und Süßigkeitenpackungen hervor geholt und der Raum war erfüllt von leisem Kichern und Rascheln.
„Suse, gibst du mir mal die Toffees?"
„Hey, Meg, du hast die ganze Packung leer gegessen!"
„Iih, wessen Becher war das?! Ich hab die ganze Hose voll mit Feuerwhiskey, wie soll ich den Geruch je wieder rauskriegen?!"
Eine ganze Weile saßen die vier fröhlich beisammen auf dem Boden und nach und nach fiel jede Anspannung ab...und die Lautstärke nahm zu.
Dann plötzlich hob Suse die Hand und ihr Gesichtsausdruck allein genügte um alle erstarren zu lassen.
Da.
Ein Geräusch.
Ja, das war unverkennbar die quietschende Treppenstufe gewesen. Und jetzt leises Murmeln.
Wie gebannt starrten die Mädchen die Türe an ohne sich auch nur im Geringsten zu bewegen.
Wenige Momente später starrten sie in sechs Gesichter, die ebenso verdutzt zurück starrten. Und dann brachen sie alle in Gelächter aus.
Es wurde Platz gemacht und das Gryffindor-Team setzte sich zu den anderen.
Allerdings nicht ohne zuvor Lia mit Glückwünschen und Geschenken zu überhäufen. Woraufhin auch die Mädchen bemerkten wie viel Uhr es war und so wurde die kleine Mitternachtsparty zu einer größeren Geburtstagsparty.
Es war tatsächlich erstaunlich, dass in dieser Nacht im Gryffindorturm überhaupt jemand zum Schlafen kam.
Es wurde gelacht, getanzt, gealbert und mehr getrunken als gut war.
Nicht mal an Jason störte sich jemand. Vielleicht war bei ihm ja doch noch nicht alles verloren.
Charlot jedoch behielt ihre neuerdings schlechte Meinung von ihm, besonders, als er nach ein paar Gläsern Feuerwhiskey zu viel, ohne zu fragen den Arm um sie legte und ihr ins Ohr johlte.
Kurz darauf schlief er jedoch ein und weitere Peinlichkeiten blieben allen erspart.
Lia jedoch sollte von diesem Abend einen sehr seltsamen Nachgeschmack behalten.
Als Matt sie zum Geburtstag umarmt hatte, hatte es so komisch gekribbelt.
Als er mit Kate durch den Raum getanzt war, hatte sie seltsamen Unmut verspürt.
Lia war gewiss nicht dumm, oder schwer von Begriff.
Aber manche Dinge möchte man lieber nicht wahr haben.
Doch blieb ihr überhaupt noch etwas anderes übrig?
"Es schneit!"
Es war ein typischer Samstag Mittag im Gryffindorgemeinschaftsraum gewesen.
Viele erledigten die Hausaufgaben, die die Woche über liegen geblieben waren und am bereits prasselnden Feuer saßen zwei Viertklässler und spielten eine Partie Koboldstein.
Auf den Ausruf der Zweitklässlerin hin sprangen jedoch die meisten auf und liefen zu den Fenstern.
Schon seit Wochen war es bitterkalt gewesen und alle hatten sehnsüchtig auf den ersten Schnee gewartet.
"Ob es wohl so weiterschneit? Dann hätten wir in einer Stunde genug Schnee für eine Schneeballschlacht!"
Doch die Hoffnung auf eine Schneeballschlacht blieb unerfüllt, denn bis zum Dunkelwerden tobte ein kleiner Schneesturm auf den Ländereien.
Am nächsten Morgen jedoch erwartete die Schüler eine zauberhafte Winterlandschaft auf dem Hogwartsgelände.
Und nach dem Frühstück fand sich die halbe Schule vor dem Portal ein.
Es dauerte nicht lange bis eine ausgewachsene Schneeballschlacht begann, der man nur durch Flucht ins Schloss entkommen konnte.
"Igitt, Jason! Das kriegst du wieder!"
Lia schüttelte sich, doch der kalte Schnee lief ihr dadurch nur noch weiter den Rücken hinunter.
Als sie sich umsah war Jason verschwunden, doch sie würde ihn schon wiederfinden.
Es dauerte tatsächlich nicht lange, bis sie ihn entdeckte. Er war gerade dabei sich an eine Gruppe Fünftklässlerinnen an zu schleichen, die sich vor den herumfliegenden Bällen zu verstecken versuchten.
Er war so konzentriert, dass er Lia nicht bemerkte.
Und so hatte sie ihn kurzerhand in eine Schneewehe befördert und unter einer riesigen Ladung Schnee begraben. Dann sprang sie sofort hoch und rannte laut lachend davon.
Es würde eine ganze Weile dauern bis Jason sich befreit hatte und wieder vernünftig sehen konnte.
Noch immer lachend blieb Lia stehen um zu verschnaufen.
Sie wusste nicht genau was sie aufmerksam machte, ob es ein Geräusch gewesen war, oder einfach ein Instinkt. Jedenfalls wirbelte sie herum und hob die Hände, als ein Objekt auf sie zugeflogen kam. Ob es nun allerdings besonders sinnvoll war den Schneeball aufzufangen war fraglich. Es tat höllisch weh.
„Mann, Matt, wie hart wirfst du denn?! Ich dachte du bist Hüter und nicht Jäger...", murrte Lia und versuchte wieder Gefühl in ihre Hände zu bekommen.
Doch Matt, der inzwischen herüber gekommen war, zuckte nur die Achseln.
„Dann könnte ich dich wohl genauso fragen, wieso du ihn aufgefangen hast."
Was sie sich selber schon fragte.
„Runter!", rief Matt dann plötzlich und riss Lia mit sich zu Boden. Knapp über ihren Köpfen zischte eine Salve Schneebälle vorbei.
Verursacher war offensichtlich der Rest ihres Teams und kaum waren die Beiden wieder auf den Beinen machten sie sich auch schon daran sich zu rächen.
Es war ein unglaublich vergnüglicher Sonntag, an dem die wenigsten dazu kamen Hausaufgaben zu machen.
Zum Mittag- und Abendessen gab es heißen Kakao und Tee und nie zuvor war das warme Kaminfeuer im Gemeinschaftsraum gemütlicher gewesen.
Leise knisterte es vor sich hin, gut vernehmbar, in der ungewöhnlich ruhigen Atmosphäre dieses Abends. Lia saß zusammengerollt auf dem Sofa und knabberte glücklich an einem Keks. Ob es einer von denen war, die ihre Mutter geschickt hatte, konnte sie nicht sagen, denn an diesem Abend hatten sie ihre Vorräte zusammen geschmissen, damit jeder etwas ab bekam.
Sie fühlte sich gerade einfach rundum wohl und zufrieden.
Gib nicht auf
Verträumt sah Lia aus dem Fenster der Bibliothek auf den glitzernden See.
Wie viel lieber wäre sie jetzt draußen und würde eine Runde ums Quidditchfeld drehen, als hier drinnen zu sitzen und Geschichte der Zauberei pauken.
Die meisten Prüfungen hatte sie zum Glück schon hinter sich, doch blieben ihr nun dummerweise all die Fächer die sie überhaupt nicht konnte.
Lieber würde sie noch zehn Prüfungen in Verwandlung oder Verteidigung über sich ergehen lassen, als Geschichte der Zauberei und Kräuterkunde.
Sie zog noch eine letzte Grimasse, bevor sie sich dazu zwang sich wieder mit mittelalterlicher Hexenverfolgung zu beschäftigen. Es war einfach sterbenslangweilig. Wen interessierte denn schon was irgendwann mal irgendeine Hexe getan hatte um sich vor etwas zu schützen, was heute niemandem mehr passierte?
Sie hatte gerade begonnen ein Bild von Wendeline der Ulkigen auf ihr Pergament zu kritzeln, als eine Ravenclaw zu ihrem Tisch kam.
„Celia Kenneth?"
Lia sah auf und nickte als Antwort auf die Frage. Das Mädchen schien in der vierten oder fünften zu sein und definitiv keine Quidditchspielerin. Was mochte sie von ihr wollen?
„Professor Dumbledore möchte, dass du in sein Büro kommst. Das Passwort für die Wasserspeier ist Blaskaugummi."
Als Lia einige Minuten später die Wendeltreppe zu Dumbledores Büro betrat war sie noch immer viel zu nervös und verwirrt um sich über die Wasserspeier oder das seltsame Passwort Gedanken zu machen.
Was wollte Dumbledore bloß von ihr?
Hatte es etwas mit den Prüfungen zu tun?
Sie hatte in letzter Zeit doch nicht wirklich schlimmes angestellt.
Oder hatte er schlechte Nachrichten?
Er hatte doch nicht etwa Wind von der Mitternachtsparty bekommen...?
Selbst ihre Gedankenversunkenheit verstrich als sie das Büro des Schulleiters sah.
Die seltsamsten Gerätschaften stapelten sich in diesem hohen runden Raum und die ehemaligen Schulleiter blickten gelangweilt aus ihren Rahmen auf sie herab. Sie war nun drei Jahre in Hogwarts, doch dieser Raum war so unübersehbar magisch, dass er sie doch umhaute. Sie hatte keine Ahnung was diese ganzen Gegenstände waren, die Bücher in den Regalen sahen zum teil aus, als gehörten sie in die verbotene Abteilung und die Zauberer in den Porträts wirkten einschüchternd.
Dumbledore saß hinter seinem Schreibtisch und blickte von einem Brief auf als sie eintrat.
„Ms Kenneth. Bitte, setzen sie sich."
Seine Stimme war sehr sanft.
Was hatte das zu bedeuten?
Sie setzte sich und fühlte, wie diese unglaublich blauen Augen sie betrachteten.
Unruhig rutschte sie auf dem Stuhl herum.
„Es tut mir Leid...aber ich denke, es ist besser, sie lesen das", er hielt ihr einen Brief hin, „Ich bin sicher Mrs Potter hat die besseren Worte für so etwas.
Leise und sehr träge knisterte das Feuer im Kamin des Gemeinschaftsraumes.
Sein schwaches Licht beleuchtete das Mädchen, das still, mit angezogenen Beinen, auf der Couch davor saß und mit leeren Augen in die Flammen starrte.
Neben ihr auf dem Boden lag ein Blatt Pergament, knittrig, fleckig verwischt.
Die Worte stachen hervor, wie kleine, schmerzhafte Nadeln. Und zugleich wirkten sie wie stumme, hilflose Tränen.
Lia, meine liebe kleine Lia.
Ich wünschte ich könnte dir diese Nachricht persönlich bringen. Nein, ich wünschte ich müsste sie überhaupt nicht bringen.
Was gäbe ich darum, die letzte Nacht ungeschehen zu machen.
Allen und dein Vater hatten einen anonymen Hinweis zum Aufenthaltsort einer Todessergruppe erhalten. Doch es war ein Hinterhalt. Zwanzig Todesser stürzten sich auf die beiden und ihre Helfer. Sie hatten kaum eine Chance.
Allen liegt noch immer im Mungus, aber dein Vater...oh es tut mir so Leid, Liebes! Er hat es nicht geschafft.
Du kannst dir vorstellen wie es deiner Mutter geht...ich kümmere mich natürlich um sie, wir werden es schon schaffen.
Wenn du möchtest kannst du natürlich nach Hause kommen, aber denke darüber nach.
Hogwarts bringt dir Ablenkung die du hier nicht haben kannst und...nun, du kennst deine Mutter, sie und Paul...
Denk darüber nach.
Und vergiss nicht: ich bin immer für dich da.
Alles, alles Liebe,
Mary
Lia blieb in Hogwarts. Sie wusste das Mrs Potter Recht hatte, wenn sie jetzt ihre Mutter sehen würde, wäre das vermutlich nicht das Beste.
Später konnte sie nicht mehr sagen, wie sie die Prüfungen geschafft hatte, doch irgendwie bestand sie und wurde versetzt.
Nachdem ihre Freunde es geschafft hatten herauszufinden was mit Lia war, gaben sie sich größte Mühe ihr zu helfen.
Aber was konnten sie schon tun?
Sollten sie fröhlich sein und sie ablenken?
Sie trösten?
Meist nahm Lia ihnen diese Frage ab, indem sie früh zu Bett ging, oder in irgendwelche Ecken des Schlosses verschwand.
Lias Verlust war in diesen Tagen nicht der Einzige. Viele Schüler verließen Hogwarts, weil eine neuerliche Welle von Angriffen, den Eltern Sorgen bereitete. Von alledem bekam Lia jedoch wenig mit.
Als der Abreisetag da war und Lia mit den anderen die Koffer in den Zug hievte hatte sie noch immer nicht eine einzige Träne vergossen. Hatte Dumbledore gestern Abend bei seiner Rede etwas über Du-weißt-schon-wen gesagt? Sie wusste es nicht. Und was machte es auch. Er sprach doch ständig irgendwelche mehr oder weniger ernst gemeinten Warnungen aus.
In den letzten Tagen hatte sie kaum ein Wort gesprochen.
Auch die Zugfahrt verlief schweigend.
Charlot versuchte mehrmals ein Gespräch zu starten, doch es kam rasch ins Stocken und die Mädchen schwiegen wieder, warfen nur vereinzelt Blicke zu Lia, die abwesend aus dem Fenster sah.
Wie es ihrer Mutter wohl ging?
Sicher war sie froh, dass Lia nun da war.
Sie würde sie brauchen. Ob sie nach den Ferien überhaupt nach Hogwarts zurückkehren konnte?
Ob Mum umziehen wollen würde?
Hoffentlich nicht.
Vielleicht könnten sie in den alten Freizeitpark.
Dort hatte Dad Mum immer auf das Karussel gesetzt.
Sie hatten viel gelacht.
Mum würde wohl weinen.
Aber vielleicht könnte sie auch wieder lachen.
Wie fühlte sie sich wohl...?
Der Zug fuhr in den Bahnhof ein. Laut redend stiegen die Schüler aus.
Lia stand auf und wollte ihren Koffer vom Gepäcknetz nehmen, doch jemand anders hatte schon danach gegriffen. Matt trug ihren Koffer nach draußen auf den Bahnsteig und stellte ihn dort ab.
Als er sich zu ihr umdrehte sah sie ihm nicht in die Augen.
Unschlüssig stand er kurz da, dann beugte er sich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Bitte, gib nicht auf. Ich bin immer für dich da. Ich verspreche es."
Zunächst war sie tatsächlich überrascht.
Dann nickte sie nur, nahm ihren Koffer und ging.
Ihre Mutter war nirgendwo zu sehen.
Ob sie es vergessen hatte?
„Lia?"
Eine schlanke, ältere Frau stand auf dem Bahnsteig und sah sie freundlich lächelnd an.
„Du erinnerst dich sicher nicht mehr an mich, ich bin eine Cousine deines Vaters. Rachel."
Rachel. Sie war Olivanders Frau.
Eine Zeit lang fand Lia es sehr spannend, dass der berühmte Zauberstabhersteller zu ihrer Verwandtschaft gehörte, doch er hatte sich nie für sie interessiert. Was wollte diese Frau nun von ihr?
„Ich bin hier um dich abzuholen."
„Wo ist Mum?"
Sie brauchte eigentlich keine Antwort. Selbst der gequälte Gesichtsausdruck auf Rachels Gesicht war nicht nötig.
Im Grunde war es ihr längst klar gewesen.
Sie hatte es von Anfang an gewusst.
