Jahr V
Zukunftspläne
„Also, Lia, dann schieß mal los."
Wie hatte sie sich vor diesem Gespräch gefürchtet.
So sehr sie Cassy auch mochte, seit ihrer Ankunft in King's Cross hatte sie versucht ihr aus dem Weg zu gehen.
Scheinbar erfolglos.
Naja, man konnte sich ja schließlich nicht sechs Wochen in Ollivander's Allerheiligstem verstecken.
„Was meinst du, Cassy?", versuchte Lia auszuweichen, doch es war deutlich, dass diese Masche nicht funktionieren würde. Cassy hatte Blut geleckt.
„Keine Ausreden, Lia, du erzählst mir von dem Jungen, oder ich hetze Gary auf dich."
Lia starrte die junge Frau vor ihr an. „Cassy...ich habe dich völlig falsch eingeschätzt."
Als Antwort bekam sie ein Zwinkern. „Wozu habe ich ihn denn sonst? Los, raus mit der Sprache."
Stöhnend gab Lia nach. „Gar nichts ist mit dem Jungen..." Und sie wusste ihr Blick sprach Bände.
„Er heißt Matt und ist der Quidditchkapitän von Gryffindor."
Und als ihr klar wurde wie aussichtslos ihre Lage war, erzählte sie die ganze Geschichte.
Und es wurde ihr selbst erst jetzt so richtig klar wie viel Einfluss Matt auf ihr Leben gehabt hatte.
Hatte sie gerade allen Ernstes Matt angestarrt?
Rotanlaufend drehte Lia den Kopf weg und hob das Buch in ihrer Hand vors Gesicht.
Peinlich! Einfach nur peinlich!
Es war nun schon die dritte Woche nach Schulbeginn und Lia und ihre Freundinnen hatten an diesem Abend die Sofaecke am Kamin ergattert.
"Nnnng...!"
Während Lia sich selbst tausend Namen schimpfte waren ihre Freundinnen mit ganz anderen Problemen beschäftigt.
Frustriert warf Meg eine leuchtendgrüne Broschüre auf einen Stapel, der dadurch bedenklich ins Wanken geriet.
"Wie soll ich unter all diesen Sachen den richtigen Beruf finden?!" Sie warf sich zur Seite und drückte das Gesicht in ein Sofakissen, das ihren entnervten Aufschrei etwas dämpfte.
Suse bedachte ihre Freundin mit einem wissenden Lächeln und Charlot legte nun auch seufzend den Zettel weg, den sie gelesen hatte.
"Meg hat schon Recht. Ihr Beiden habt's echt gut, ihr wisst ja schon, was ihr machen wollt...ich dagegen..." Ein weiterer Seufzer entfuhr ihr und sie zog mit lustlosem Blick, den Kopf auf eine Hand gestützt wahllos eine Broschüre aus dem kleiner werdenden Stapel.
Nun blickte auch Lia hinter ihrem Buch hervor und sah Suse überrascht an.
"Du hast dich schon entschieden? Das wusste ich gar nicht..."
Verlegen lächelnd zuckte Suse mit den Schultern und legte ihren Federkiel beiseite. Das mit ihrer ordentlichen Schrift überzogene Pergament raschelte leise.
"Ich weiß natürlich noch nicht sicher, ob ich es schaffen kann. Aber ich würde sehr gerne Heilerin werden."
„Heilerin?! Oh das passt einfach wundervoll zu dir, Suse!"
„Nicht wahr? Das hab' ich auch gesagt!"
Suse wurde rot und schob verlegen ihre Brille weiter auf die Nase. Doch auf ihre Lippen schlich sich ein leises zufriedenes Lächeln.
„Ja, super, wie wär's dann mal, wenn ihr uns helfen würdet?!"
Meg hatte sich inzwischen wieder aus ihrem Kissen befreit und sah ihre Freundinnen so verzweifelt an, dass diese lachen mussten.
„Hier, wie wär's damit?"
Grinsend hielt Lia dem Rotschopf eine hellblaue Broschüre unter die Nase.
Meg nahm den Zettel und überflog ihn kurz.
„Journalist?" Ihr Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. „Ich krieg' ja schon die Pergamentrollen für meine Aufsätze kaum voll."
„Mag sein, aber denk doch nur mal daran wie du da alle Leute um den Verstand reden und ihnen die Worte im Mund umdrehen kannst."
„Und außerdem, wenn es dich wirklich interessiert kannst du schreiben wie eine Besessene. Wenn ich da an die Briefe denke, die du mir in den Ferien geschrieben hast..." Charlot seufzte tief und Suse lächelte bestätigend. „Ja, ich kenne niemanden, der so lange Briefe schreibt wie du, Meg."
Lias Lächeln wurde bitter. „Ach, tatsächlich, das wusste ich gar nicht."
Die anderen erstarrten und Meg begann Entschuldigungen zu stottern.
Tatsächlich hatte sie Lia in den letzten Sommern keine Briefe geschrieben. Sie wusste einfach nicht was sie da schreiben sollte. Sie hatte Angst, wenn sie von ihrer Familie erzählte, würde sie Lia nur an den Verlust ihrer eigenen erinnern. Und bei sechs Geschwistern hatte Meg kaum etwas zu erzählen, was nicht zumindest mit einem Teil ihrer Familie zu tun hatte.
„Und Charlot arbeitet im Zaubererkindergarten."
Suse spontane Aussage half tatsächlich die Spannung zu lösen, die sich gebildet hatte.
„Es gibt tatsächlich einen Kindergarten für magische Kinder? Das stelle ich mir...interessant vor." Megs Gesicht zeigte deutlich wie „interessant" sie den Gedanken tatsächlich fand.
Lia kicherte und blickte dann auf die rosa Broschüre, die sich tatsächlich auf Kindergärtner zu beziehen schien. „Ach, Charlot wird einfach jung heiraten und dann die perfekte Hausfrau und Mutter."
Die angesprochene hatte in der Zwischenzeit einen grimmigen Gesichtsausdruck angenommen. „Werd' ich hier vielleicht auch nochmal gefragt?"
Diese Frage wurde unter einigem Lachen verneint.
Als Lia zur Mädchentreppe hochsah, entdeckte sie zwei Drittklässlerinnen, die sich in den Armen lagen. Koffer standen neben ihnen. Wieder jemand der Hogwarts verließ. Sie schüttelte den Kopf. Als ob das irgendetwas besser machen würde...
Alle Fünftklässler waren in diesen Tagen mit kaum etwas anderem beschäftigt als Berufsplanung oder Panik vor den diesjährigen Prüfung.
Die Lehrer ließen ihnen auch kaum eine andere Chance, jede Stunde wurde entweder das eine oder das andere Thema angesprochen.
Schließlich war es Lia wie eine riesen Erleichterung gewesen, als Matt den Zeitpunkt für die Auswahlspiele und das erste Quidditchtraining bekannt gab.
Mit Quidditch kam endlich wieder etwas Ablenkung in den eintönigen Alltag hinein.
Matt hatte vor den Ravenclaws den Quidditchpokal wieder abzunehmen, da dieser, wie er sagte, in Gryffinfor-Besitz gehörte.
Dass jedes Haus das von sich behauptete schien ihn dabei nicht sonderlich zu stören.
Wie Matt es schaffte Quidditchtraining und das Lernen für die Prüfungen unter einen Hut zu bekommen und dabei noch einen solchen Elan an den Tag zu legen war Lia ein Rätsel. Sie selbst hatte mit Beidem alle Hände voll zu tun und Matt musste als Kapitän die Trainings vorbereiten und war in seinem letzten Jahr mit Sicherheit noch mehr gefordert als Lia.
Was wollte Matt eigentlich werden?
Er wäre sicher gut genug für Profiquidditch, vielleicht nicht als Spieler, aber als Coach oder Scout. Aber wollte er das denn?
Es kam Lia seltsam vor, das Matt nie erwähnt hätte, was er werden wollte. Schließlich sprachen sie oft genug von Lias eigenen Plänen.
„Matt?"
Seinem Gesichtsausdruck zufolge hatte er gerade an neuen Quidditchstrategien getüftelt.
Mit leicht gerunzelter Stirn hatte Matt sich zu Lia umgedreht, die ihm hinterher zum Schloss hoch ging.
„Was gibt's?", fragte er, als sie bei ihm angekommen war.
„Wie läuft's mit dem Lernen?"
Ein allbekanntes Augenrollen bekam sie als Antwort.
Doch sie quittierte es bloß mit einem Grinsen.
„Hey, du bist im letzten Jahr, da wird man doch wohl mal fragen dürfen. Was willst du nach der Schule eigentlich machen...?"
Nun grinste Matt offen zu ihr runter.
„Aha. Jetzt kommen wir zum eigentlichen Punkt!"
Er lachte laut und Lia schmollte ein wenig.
Dann wuschelte er ihr durch die Haare, was ihr noch weniger gefiel und lief noch immer lachend voraus. Was um alles in der Welt war denn bitte so lustig?!
Er war einfach ein Idiot.
Noch immer leicht schmollend lief Lia mit den Händen in den Hosentaschen zum Schlossportal.
Idiot, Idiot, Idiot.
„Verdammte - !"
Lia sah von ihrem Astronomieaufsatz auf und sah eine Gruppe Jungs aus der Vierten. Einer von ihnen schien sich über irgendetwas aufzuregen. Sie wollte sich schon wieder wegdrehen, als sie sah, was er in der Hand hielt.
Mit einem Seufzer und einem Kopfschütteln legte sie den Federkiel beiseite und stand auf.
„Hm? Was ist?" Meg sah sie federkauend an.
„Nichts, bin gleich wieder da." Damit ging sie zu der Gruppe hinüber.
„Darf ich mal sehen?"
Auf ihre Worte hin drehten die Jungs sich um und sahen sie und ihre ausgestreckte Hand stirnrunzelnd an.
„Ich komm schon klar.", erwiderte der Angesprochene deutlich genervt.
Doch Lia sah ihn mit gehobenen Augenbrauen an. „Schon klar."
Den Protest ignorierend nahm sie ihm seinen angeknacksten Zauberstab aus der Hand und betrachtete ihn mit zusammengezogenen blickte sie zu seinem Besitzer. „Was hast du den bitte damit angestellt?"
„Gar nichts." Dem Jungen schien es überhaupt nicht zu gefallen, wie sie ihn behandelte, doch sein Gehabe beeindruckte Lia wenig. Als Quidditchspieler kam man von Natur aus mit deutlich schlimmeren Abfuhren klar.
„Sicher doch. Zauberstäbe brechen ja auch einfach so."
Sie nahm ihren eigenen Zauberstab und deutete auf den kaputten.
„Colligare."
Die Drachenherzfaser fügte sich wieder zusammen und die herausstehenden Stücke zogen sich zurück. Dann fügten die Holzsplitter sich wieder zusammen und das Holz glättete sich.
Schließlich gab Lia den Zauberstab zurück.
„Und diesmal pass drauf auf, noch mehr grobe Behandlung wird der Stab nicht aushalten."
Endlich wandte sich Lia von den Jungen ab und kehrte an ihren Tisch zurück.
Dort erwarteten sie drei reichlich überraschte Mädchen.
„Seit wann kannst du denn sowas?", fragte Charlot fast ehrfürchtig.
Lia aber zuckte nur mit den Schultern. „Wenn man bei Olivander wohnt schnappt man eben das eine oder andere auf."
„Vielleicht solltest du Zauberstabmacher werden..."
„Ja, das ist doch ein ziemlich angesehener Beruf!"
„Und selten!"
„Und weniger gefährlich!"
In dieser Phase wirkt sich die Stellung des Saturns besonders stark auf das Wachstum von Pflanzen aus...
Kratzte Lias Federkiel ignorant auf ihr Pergament.
Nachrichten
Die Wochen vergingen, die Blätter färbten sich und Gryffindor gewann das erste Spiel gegen Hufflepuff haushoch. Nachdem Bones die Schule verlassen hatte, waren sie ohnehin chancenlos gewesen.
Fairerweise musste man wohl zugeben, dass es vor allem an dem geringen Interesse an Quidditch lag, das die Auswahl an guten Spielern stark einschränkte.
Die sich verfärbenden Blätter riefen bei Lia einen neuen Gedanke, zwischen Kopf- und Muskelschmerzen hervor:
Weihnachtsgeschenke.
Es kam ihr selbst seltsam vor, dass sie plötzlich so viel Interesse an Weihnachtsgeschenken hatte. Es war zuvor nie ein großes Thema für sie gewesen.
Aber irgendwie...
Irgendwie wollte sie den Menschen, die ihr etwas bedeuteten auch etwas schenken.
Gerade in den letzten 1 ½ Jahren hatten ihre Freunde ihr unglaublich viel gegeben, das wollte sie zumindest zum Teil zurückgeben.
Und sie wusste, wie schnell man geliebte Menschen verlieren kann.
Sehr schnell.
„Liaaaa!"
„Uh..."
Stöhnend drehte Lia das Gesicht ins Kissen.
Binnen weniger Sekunden jedoch griff sie rettend nach ihrer Decke und hatte es nur ihren Jägerreflexen zu verdanken, dass ihr diese nicht entzogen wurde.
„Charlot! Es ist Samstag! Und ich hatte gestern ein Höllentraining."
„Keine Ausreden!", erwiderte nun Meg und warf Lia ihr eigenes Kissen an den Kopf.
"Heute ist Halloween! Hogsmeade Wochenende!"
Was ist schon ein Hogsmeade Wochenende gegen Muskelkater in jedem einzelnen Zentimeter des Körpers? Eine ganze Menge, wenn es nach Meg und Charlot ging.
Keine zwanzig Minuten später liefen sie mit Brötchen in der Hand den Weg vom Portal nach Hogsmeade hinunter.
Und inzwischen war auch Lia wach genug um sich Gedanken über ihre Besorgungen zu machen.
Die perfekte Gelegenheit um Geschenke zu kaufen.
Tatsächlich ließen ihr die überdrehten Mädchen kaum Zeit sich wirklich aufs Geschenke kaufen zu konzentrieren.
Sie stand gerade vor einer wunderschönen Eulenfigur, die haargenau wie Matts Schneeeule aussah, konnte sich aber nicht recht entscheiden, ob sie sie kaufen sollte. Eine Figur war doch reichlich kitschig für einen Jungen.
Da riefen Meg und Charlot auch schon zum Aufbruch.
Warum auch immer sie heute so überdreht waren.
„Lasst uns in die Drei Besen gehen!", platzte Charlot heraus und Meg gab ihr einen Klaps auf den Hinterkopf, was jedoch nur lautes Kichern zur Folge hatte.
Stirnrunzelnd wandte sich Lia an Suse, die jedoch nur lächelnd mit den Schultern zuckte.
Und so blieb Lia nicht anderes übrig, als, was immer die Beiden sich überlegt hatten, über sich ergehen zu lassen.
Ehrlich, wer heckte schon eine Überraschung mit Charlot aus? Auffälliger konnte sie sich nicht benehmen!
Andererseits wusste Lia noch immer nicht, was geschehen würde.
Sie ließ sich also mit den schlimmsten Befürchtungen in den warmen, überfüllten Pub ziehen.
Das dämmrige Licht, die Rauchschwaden und der Lärm überfielen die vier Mädchen, so dass sie einen Augenblick brauchten um sich zu orientieren.
Lia entdeckte ihren Bestimmungsort ebenso schnell, wie Meg und Charlot.
„Halloo!", rief Meg und lief schnurstracks auf einen Tisch am Fenster zu.
„Dürfen wir uns zu euch setzen?"
Matt sah die Mädchen verblüfft an und dann seinen Freund Jeff, als dieser mit einem fröhlichen „Aber sicher doch!", antwortete. Lia konnte ihm jedoch nur ein entschuldigendes Achselzucken zur Antwort geben, während die anderen seine fragenden Blicke ignorierten.
Sicher, Matt kannte die Mädchen, sowie Lia Jeff kannte.
Aber für gewöhnlich unterhielten sie sich alleine, oder mit dem Team, ihre Freundeskreise hatten ansonsten wenig miteinander zu tun. Diese Konstellation nun, war also reichlich seltsam.
Lia war jedoch klar, dass es nicht lange dauern konnte, bis Matt verstand was hier vorging.
Und davor graute ihr gewaltig.
Die Mädchen setzten sich, wobei natürlich Lia neben Matt landete und die Bestellungen wurden aufgegeben.
Dann wurde fröhlich qequatscht, was jedoch vor allem Charlot reichlich schwer zu fallen schien.
Und als dann schließlich Stille eintrat, griff Meg in ihre Tasche und zog eine leere Flasche aus ihrer Tasche.
Aber das war zu viel.
„Nein." Lia stand abrupt auf und riss Meg die Flasche aus der Hand. „Nein! Vergiss es."
Doch Meg begegnete ihrem Blick vollkommen ruhig und kühl.
„Wieso denn? Hast du etwas zu verbergen, Lia-Schatz?"
Charlot wurde Lias Verhalten scheinbar unangenehm, sie rutschte auf der Bank hin und her und schien nach etwas zu suchen, was sie sagen könnte, um die Spannung zu lösen.
Schließlich war es jedoch die Kellnerin, die die Stille durchbrach.
„Entschuldigt mich, meine Lieben, aber ihr solltet euch wirklich langsam auf den Rückweg machen."
Und sie hatte Recht. Sie mussten sich bereits beeilen um rechtzeitig im Schloss zu sein. In diesem Jahr war ihre Hogsmeade-Zeit erneut verkürzt worden.
Gemeinsam machte sich die Gruppe auf den Weg zum Schloss.
Lia tat es fast Leid, sich so aufgeregt zu haben, doch sie war auch immer noch wütend auf Meg. Und beide waren sie zu stolz um sich zu entschuldigen.
Sie konnte Meg und Charlot einfach nicht verstehen. Sie waren so albern und kümmert sich um unwichtige Dinge, wie Mode und Jungs. Natürlich war Lia klar, dass Meg genau darauf hinauswollte. Irgendwann hätte Lia sicher die Frage beantworten müssen, ob sie in Matt verliebt war.
Hätte sie darauf überhaupt eine Antwort gehabt?
Innerlich seufzend betrachtete Lia die Schatten, der Bäume des Verbotenen Waldes.
Sie wusste ja selbst, dass sie vermutlich genauso wäre wie Meg, wenn ihr das Leben nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte.
Bald füllten Lias Kopf trübe Gedanken, die gar nichts mehr mit Meg zu tun hatten. Und so bemerkte sie weder, dass Matt sie beobachtete, noch Megs kühle Blicke.
Die ganze Gruppe lief schweigend über die Ländereien.
Die frostige Stimmung verflog jedoch recht schnell.
Das Festessen war wie immer grandios und obwohl Meg und Lia wenig miteinander sprachen, hatte auch Keine von ihnen Lust sich die Feier mit Schmollen zu verderben.
Außerdem hatten sich die beiden Jungs zu ihnen gesetzt und lockerten die Stimmung etwas auf.
Überhaupt, wie kam Jeff eigentlich dazu, mit Meg und Charlot gemeinsame Sache zu machen? Na, wie auch immer, sie würde es schon herausfinden...
„Hey, Mädels. Steht auf. Los."
Suse angespannte Stimme ließ sie alle aufschrecken.
„Was ist denn...?", grummelte Charlot halb in ihr Kissen.
„Dumbledore hat eine Versammlung einberufen."
„Esch isch wiel schu früüüh..."
Suse bedachte Charlots Hinterkopf mit einem Stirnrunzeln. „Es ist schon fast elf."
In der Großen Halle hatten sich schon alle versammelt.
Es lag Spannung in der Luft, denn wenn Dumbledore eine Versammlung einberief, musste schon etwas sehr Schreckliches passiert sein.
Als der Schulleiter vortrat musste er nicht erst um Ruhe bitten. Alle waren augenblicklich still.
Ein kurzes Nicken, eine Pause, dann begann Dumbledore zu sprechen.
„Ich halte es für notwendig euch selbst mitzuteilen, was letzte Nacht passiert ist."
Wieder Pause.
„Es gehen bereits Gerüchte um, daher möchte ich, dass sie von mir die Wahrheit erfahren.
Letzte Nacht wurde eine Familie von Voldemort" - alle zuckten ein wenig zusammen, einige erschraken, obgleich sie wussten, dass Dumbledore seinen Namen immer aussprach - „angegriffen. Einigen von euch sind die Potters bekannt."
Lia starrte in Dumbledores blaue, hinter Halbmondgläsern versteckte Augen, ohne irgendetwas zu sehen. Sie hatte nicht gemerkt, wie Matt neben ihr, ihr eine Hand auf die Schulter legte.
„Lily und James Potter wurden von ihm getötet. Ihr Sohn Harry jedoch...hat überlebt. Und nicht nur das. Es scheint, als sei Voldemort nach seinem Angriff verschwunden."
Was nun ausbrach, war kaum mehr als Tumult zu beschreiben.
Elf Jahre Terror hinterlassen selbst in Hogwarts ihre Spuren. Man mag sie ignorieren, doch die Schatten lauern auch hier.
Nun jedoch schienen diese Schatten zu verschwinden und die Sonne kam heraus.
Lia jedoch fühlte sich leer. Sie wusste gar nicht richtig was sie tat, als sie die Augen schloss, sich zu Matt umdrehte, und an seiner Schulter lautlos weinte.
Die folgenden Tage und Wochen waren ein ziemliches Durcheinander. Der Unterricht ging wie gewohnt weiter, als sei nichts geschehen und die meiste Zeit war alles wie Alltag. Doch jeden Morgen warteten sie auf neue Nachrichten, was mit den übrigen Todessern geschah, wie es weiter ging. Alltag und eine neue Zeit wechselten sich ab.
Lia kam erstaunlich gut mit dem Tod von Lily und James klar.
Manchmal fragte sie sich selbst, wieso es ihr so wenig nahe ging. Sicher, ab und zu lag sie im Bett und weinte über den Verlust. Doch die meiste Zeit war sie so unberührt.
Eines Abends erwähnte sie diese Gedanken Matt gegenüber, als sie zusammen im Gemeinschaftsraum saßen.
Sie hatte sich seitlich auf die Couch gesetzt, die Beine angezogen und den Rücken an Matts Schulter gelehnt, während dieser einen Aufsatz schrieb.
Suse saß ihnen gegenüber und las in ihrem Zaubertränke Buch.
Eigentlich hatte Lia ebenfalls lesen wollen, stattdessen jedoch starrte sie nachdenklich aus dem Fenster und sprach schließlich ihren Gedanken aus.
Matt sah überrascht auf und lächelte dann.
„Ist doch klar, dass es was anderes ist, als bei deinen Eltern. Es ist nichts was dein Leben verändert. Sie könnten genauso gut immer noch am Leben sein und es wäre nichts anders, sehen würdest du sie so oder so nicht."
Lia sah weiter aus dem Fenster.
„Ich dachte nur...vielleicht bin ich ja...einfach abgehärtet."
„Unsinn, Lia", meinte nun auch Suse, „Überleg doch mal, was die Beiden gewollt hätten. Dass du ihnen hinterher weinst?"
Tatsächlich musste Lia grinsen, als sie darüber nachdachte, was James sagen würde, wenn er herausfände, dass sie über seinen Tod weinte. Nein, James war so gestorben, wie er es sich gewünscht hätte: heldenhaft. Auch wenn er es vermutlich vorgezogen hätte seinen Sohn durchs Leben zu begleiten.
„Was wohl mit Harry jetzt passiert? Sicher ist er bei Sirius...ich sollte ihm schreiben..."
Noch immer in Gedanken vertieft bemerkte sie die Blicke nicht, die Suse und Matt austauschten.
Doch zu ihrem Brief kam es nie.
Bereits wenige Tage später berichtete der Tagesprophet über die Gefangennahme desjenigen, der für den Tod der Potters mitverantwortlich war. Einem Todesser, der 13 Muggel und einen Zauberer tötete, bevor sie seiner habhaft werden konnten.
Es war ein Samstagmorgen und Lia war lange Joggen gewesen. Als sie nach dem Duschen zum Frühstück runter kam war die Post bereits dagewesen.
Sie begann ihr Frühstück ganz normal, doch bevor sie bemerken konnte, wie still ihre Freunde waren fiel ihr Blick auch schon auf die Titelseite eines Tagespropheten.
„Mörder geschnappt. Sirius Black wurde am späten Freitag Abend nach Askaban gebracht."
Es dauerte, bis die Nachricht in ihrem Kopf ankam.
Es dauerte noch länger, bis sie es als wahr akzeptieren konnte.
Dann sprang sie auf, warf den Tagespropheten auf den Tisch, dass sich Kürbissaft und Cornflakes darüber ausbreiteten, und rannte hinaus.
Der Wind wehte ihr kalt durch die Haare, als sie zitternd am Rand des Sees stand.
Es war eine Lüge.
Ganz sicher war es eine Lüge.
Sie hatte nicht lange da gestanden, als sie Schritte hinter sich hörte.
Ohne hinzusehen wusste sie, dass es Matt war.
Tränen abwischend wandte sie sich um, froh, dass er da war.
Doch etwas stimmte nicht.
Er sah sie nicht an.
Stand, mit dem zerknüllten Tagespropheten in der angespannten Faust da.
Lia öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch etwas hielt sie zurück.
Endlich sah Matt sie an.
Aber es war nicht die Art von Blick, die sie erwartet hatte.
Er war...verbittert?
„Matt?"
„Liebst du ihn immer noch?"
„Was?!" Lia war so überrascht, dass sie augenblicklich aufhörte zu weinen. Verwirrt sah sie Matt an, ohne die geringste Ahnung worauf er hinaus wollte.
„Sirius. Du warst früher schon in ihn verknallt, das war mir klar, aber ich dachte..."
Sie starrte ihn an. Es dauerte, bis in ihrem Kopf angekommen war, was er da gerade sagen wollte.
„Meinst du das gerade ernst? Ein guter Freund von mir wurde nach Askaban geschickt, weil er für den Tod seines besten Freundes und dessen Frau verantwortlich sein soll und du...machst mir irgendwelche Vorhaltungen?"
„Vorhaltungen? Ich will wissen was Sache ist, Lia. Ich will wissen woran ich bin. Kannst du mir das übel nehmen?"
Lia schluckte. Sie war verwirrt. Verzweifelt. Sie wollte, dass er aufhörte so mit ihr zu reden. Dass er sie in den Arm nahm und ihr sagte, dass alles in Ordnung kommt.
Sie standen eine Weile schweigend da und Lia versuchte irgendwie ihre Gedanken zu sortieren. Sie verstand was er wollte. Langsam verstand sie. Matt war kein Mensch der Dinge einfach im luftleeren Raum stehen ließ. Er wollte Klarheit. Wollte wissen wohin ihre Freundschaft lief.
Ob es für sie mehr als das war.
Aber sie konnte ihm einfach nicht antworten.
Die Worte, die er hören wollte, waren in ihrem Kopf. Wieder und wieder spielte sie sie im Kopf ab. Aber irgendwie kamen sie nicht in ihrem Mund an.
Und schließlich wandte Matt sich ab und ließ Lia stehen, die nun erst recht nicht mehr wusste, was mit ihrer Welt geschehen war.
Das Ende einer Freundschaft?
Die Weihnachtszeit war nicht das, was es einmal gewesen war.
Meg und Lia sprachen immer noch nur selten miteinander, weniger, weil sie tatsächlich sauer waren, als vielmehr, weil sich einfach keine Gelegenheit ergeben hatte, die Sache zu klären. Und inzwischen hatte keiner mehr wirklich Lust dazu. Charlot verbrachte inzwischen viel Zeit mit Meg und Lia lernte zum ersten Mal wirklich zu schätzen was sie an Suse hatte.
„Grrmmml..."
Es war schwer zu deuten, was das Geräusch bedeuten sollte, das aus Lias Kissen erklang.
„Mmmhrm..."
„Weißt du, Lia, wenn du eine Antwort von mir erwartest, solltest du vielleicht das Kissen aus deinem Gesicht entfernen.
Suse saß an dem kleinen Tisch in ihrem Schlafsaal und las in einem Buch, während Lia auf ihrem Bett ihr Kissen massakrierte.
Tatsächlich hob sie nun den Kopf und rollte sich zur Seite.
„Und du bist selbst Schuld.", fuhr Suse fort und nahm die Lesebrille von ihrer Nase. Lia musste unwillkürlich grinsen. Mit dieser Brille hatte Suse immer so etwas unglaublich Bibliothekaren-haftes. „Wenn du wolltest könntest du dich mit Meg und Charlot aussprechen - "
„Und mich an ihren kichernden Mädchenstreichen beteiligen?"
„ - und wenn du Matt gegenüber einfach mal ehrlich wärst, wäret ihr längst ein niedliches Hogwartspärchen."
Stöhnend rollte Lia zurück in ihre Ausgangsposition. Suse zuckte mit den Achseln und wandte sich wieder ihrem Buch zu.
Natürlich hatte Suse vollkommen Recht. Wenn Lia wollte könnte sie all die Probleme in ihrem Leben ganz einfach klären. Es war nicht einmal so, als wäre es ihr Stolz, der ihr im Weg stände. Sie fand einfach keine Motivation dazu.
Meg und Charlot hatten ihre eigenen Hobbies gefunden und Lia fand wenig Gefallen daran. Sie war vielleicht nicht so erwachsen wie Suse, aber die Erfahrungen ihres Leben hatten ihr doch eine Menge Kindheit genommen.
Und Matt...tja, Matt war ein Idiot. Sie hätte ihn gerne wieder als Freund. Aber ihr war klar, dass Freundschaft in der jetzigen Phase nicht mehr funktionieren würde.
Seufzend rollte Lia auf den Rücken und starrte an die Decke.
Und eine Beziehung war definitiv nicht das, was Lia jetzt wollte. Sie war dazu einfach nicht bereit. Früher einmal fand sie die Vorstellung Hand in Hand mit Matt um den Teich zu spazieren verlockend. Aber jetzt? Sie wollte keine alberne Beziehung. Sie wollte jemanden, auf den sie sich verlassen konnte. Als Freund war Matt genau das. Jemand, auf den sie sich verlassen konnte. Aber wenn sie zusammen wären? Sie konnte es sich einfach nicht vorstellen.
Eine Grimasse ziehend setzte Lia sich auf und schwang sich aus dem Bett.
„Suse, ich geh in die Küche, um Schokolade betteln. Willst du was?"
Ihre Freundin winkte ab und Lia verließ das Zimmer, auf der Suche nach Nervennahrung.
Es wurde wärmer, die Blumen begannen zu blühen, die Quidditchsaison endete und Gryffindor gewann wieder einmal nicht den Hauspokal. Fairerweise musste Lia zugeben, dass es nicht Matts Schuld war. Er versuchte zwar sie so gut es ging zu ignorieren, doch er nahm seine Rolle viel zu ernst, um sich von etwas persönlichem ablenken zu lassen.
Sie waren einfach nicht so gut, wie sie es einmal gewesen waren.
Lia war froh, als das Quidditchtraining endete. So sehr sie diesen Sport liebte, Matt zu sehen, war jedes Mal anstrengend.
Außerdem machten Muskelkater und blaue Flecken ihre Laune nicht gerade besser.
Gemeinsam mit Suse verbrachte Lia die meiste Zeit des Sommers mit Lernen, so dass sie beide mit guten ZAGs rechnen konnten.
Während sie ihren Koffer packte stellte Lia fest, dass sie nie herausgefunden hatte, was Matt eigentlich werden wollte. Seufzend drückte sie den Deckel ihres Koffers runter und setzte sich schließlich darauf. Vermutlich würde sie Matt nicht wieder sehen.
Irgendwie hatte sie es nicht geschafft diese Freundschaft, die ihr so wichtig gewesen war, zu retten.
Allein in ihrem Schlafsaal setzte Lia sich auf ihr Bett, zog die Beine an und weinte still.
Weinte um die Freundschaften, die sie verloren hatte.
Weinte, weil sie so dumm war und nicht tat, was notwendig war.
Und weinte um ihre Kindheit, als alles noch einfach war, sie wusste, dass sie geliebt wurde und einen Halt hatte.
Nie in ihrem Leben hatte sie sich so haltlos gefühlt, wie in den letzten beiden Jahren.
