Das Leben nach Hogwarts
First things first
Der Bahnhof sah aus wie immer.
Lia starrte das Gleis auf und ab. Dieselbe Sammlung von Menschen, derselbe Lärm, dieselben Wände, dieselbe Lok.
Sollte das jetzt nicht irgendwie...besonders sein?
Ja, sie verspürte eine gewisse Melancholie. Und sie war aufgeregt auf ihre Zukunft.
Das Pergament mit der Aufnahmebestätigung an der Aurorenakademie lag fein säuberlich in einer Mappe in ihrem Koffer.
Ihre neue Wohnung wartete auf sie.
Tief atmete Lia ein und lies dann langsam die Luft wieder raus. Ein Lächeln wanderte auf ihr Gesicht, während sie den Bahnsteig und die Menschen betrachtete. Irgendwann würde sie vielleicht um ihre Schulzeit trauern...aber, wenn sie ehrlich war, war sie froh um die neuen Chancen. Neue Freunde, neue, spannende Dinge zu lernen. Sie sehnte sich nach einem Motivationsschub. Nach dem Gefühl zu LEBEN. Sie wollte sich in ihre Zukunft stürzen.
Einen Augenblick später stand Lia im Flur der Ollivander'schen Wohnung.
Auf ihr Gesicht schlich sich ein Grinsen, als ihr bewusst wurde, dass sie das erste Mal außerhalb von Hogwarts gezaubert hatte.
Eine Tür zu ihrer Linken öffnete sich und Gary warf einen Blick hinaus. Sofort verfinsterte sich sein Blick. „Cassy ist noch nicht da."
Lia unterdrückte einen Seufzer. „Ist gut, ich bin dann oben."
Die Tür schloss sich mit einem Rumps und Lia seufzte doch. Würden sie jemals miteinander auskommen?
Die meisten Sachen in ihrem Zimmer hatte sie bereits gepackt. Nicht, dass es besonders viel war. Was sie noch an Möbeln und anderem von ihren Eltern hatte und noch brauchen konnte, war aus dem Keller in ihre neue Wohnung gebracht worden und nur die letzten Habseligkeiten und der Inhalt ihres Hogwartskoffers mussten noch weg.
Lia setzte sich auf den Boden und begann die letzten Kisten zu packen.
Als Cassy etwa eine Stunde später ins Zimmer trat, lag Lia flach auf dem Boden, las „Flüche und Gegenflüche" und leerte eine Tüte Brausekugeln. Was dazu führte, dass sie zeitweise einige Zentimeter über dem Boden schwebte.
In einer Ecke des Raumes stand eine Tüte mit den verkleinerten Kisten.
„Entschuldige. Das Meeting hat länger gedauert."
„Kein Problem.", erwiderte Lia und lächelte zu ihrer Freundin hoch. Sie setzte sich auf und landete mit einem leisem „Plumps" wieder auf dem Boden.
„Ziehen wir dann los?"
Es war bereits halb elf, als die beiden Frauen in der Wohnung fertig waren und Cassy sich verabschiedete.
Als sie weg war drehte Lia sich einmal im Kreis und betrachtete ihr neues Reich.
Ein kurzer Flur, von dem das Badezimmer und die kleine Besenkammer abgingen, führte in das große Wohnzimmer und links in die offene Küche, die ein wenig höher als das Wohnzimmer durch ein paar Stufen zu erreichen und mit einem Geländer versehen war. Hinter dem Wohnzimmer lag das Schlafzimmer mit dem großen Bett. Sie trat an das große Fenster und sah hinunter auf die geschäftige Straße Muggellondons. Die Wohnung war eine Zaubererwohnung, nicht weit von der Winkelgasse, mit einem alten Kamin ausgestattet. Auf dem Sims stand ein Foto von Lias Eltern und das Foto des Gryffindorteams.
Die Wohnung war groß und still. Es war recht dunkel, nur ab und an erhellte das Licht eines Autos den Raum. Es war eine wunderschöne Wohnung. Aber Lia fühlte sich unglaublich einsam.
Sie war an den Mädchenschlafsaal gewöhnt, wo immer Kichern, Rascheln, Seufzen und Schnarchen zu hören war. Bei Ollivander war es zwar ruhig gewesen, aber doch nie still. Sowohl Ollivander, als auch sein Sohn waren Nachtmenschen, immer wieder erklang da das Knarzen eines Dielenbrettes, oder Geräusche aus der Werkstatt.
An diesem Abend, in ihrer eigenen Wohnung, verspürte Lia das erste Mal seit Jahren wieder eine überwältigende Sehnsucht nach ihren Eltern, ihrem Zuhause.
Nach Menschen, die sie verstanden, liebten, für sie da waren.
Sie redete sich gerne ein, dass sie selbstständig war, dass sie niemanden brauchte. Aber diese Einsamkeit sagte etwas anderes.
Sie nahm das Team-Foto vom Kaminsims, betrachtete es, stellte es weg. Strich über das Foto ihrer Eltern, drehte sich weg.
Dann begann sie sich zu beschäftigen. Hier etwas umstellen, da ein paar Bücher umsortieren. Sie kontrollierte die Zauber in der Küche.
Es war mit Sicherheit schon früher Morgen, als Lia endlich ins Bett und in einen traumlosen Schlaf fiel.
Ich hatte es mir leichter vorgestellt
„Celia Kenneth?"
Lia nickte, während sie sich in dem großen Eingangsbereich umsah.
„Machen Sie sich besser kein zu gutes Bild. Nur hier und im Chefbüro ist es so pompös. Für die Besucher."
Als Lia sich zu der Frau wandte sah sie ihr freundliches Lächeln und lächelte unwillkürlich zurück. Nette Empfangsdamen waren nicht unbedingt was sie erwartet hatte. Aber irgendwie hoffte sie, dass diese Freundlichkeit, wenn auch nicht die Großzügigkeit des Raumes etwas über ihre zukünftige Ausbildungsstelle aussagte.
Die freundliche Dame beschrieb ihr den Weg zu ihrer nächsten Anlaufstelle, Lia bedankte sich und ging nervös los.
Die Gänge waren leer und es war still. Um diese Zeit waren alle angekommen und in die erste Arbeitsphase vertieft.
Die Ruhe schien sich endlos zu erstrecken.
Bis Lia die Tür öffnete.
Sie mochte Hogwarts hinter sich gelassen haben.
Doch das hier schien keinen großen Unterschied zu machen.
Ein Haufen junger Zauberer tummelte sich in dem Raum, die meisten Jungs, und schienen der Meinung zu sein sich quer durch den ganzen Raum anschreien zu müssen.
Und aus irgendeinem Grund fühlte Lia sich plötzlich überhaupt nicht mehr nervös. Sie grinste und musste schließlich kichern.
„Man fühlt sich gleich wie zuhause, wie?"
Lia wirbelte herum und starrte verblüfft den Jungen vor ihr an.
„Jason?!"
Ihr alter Klassenkamerad grinste und zeigte das Peace-Zeichen.
„Überrascht, was? Ha, ich wusste doch, dass ich es nochmal schaffen würde dich zu schocken!"
„Aber, wie-"
Jason zuckte mit den Schultern. „Ich hab niemandem was gesagt. Naja, die Wahrscheinlichkeit, dass ichs schaffe war anfangs nicht besonders hoch. Aber dann hab ich mich reingehängt und, naja...", er grinste wieder,"Mir gefiel der Gedanke eine Überraschung draus zu machen."
„Das ist dir gelungen."
Dann gab Lia einem Impuls nach und umarmte Jason.
Sein Gesichtsausdruck brachte sie zum Lachen. „Jetzt hab ich wohl dich überrascht."
Es fühlte sich gut an Jason hier zu haben.
Besonders in den nächsten Stunden war Lia mehr als dankbar für ihren früheren Klassenkameraden.
Ihr Ausbilder, Alan Colsen, triezte sie mehr als Proffessor Mcgonagall und Mirco zusammen.
Kaum hatte er den Raum betreten sorgte er für absolute Ruhe. Und irgendwie hatte Lia das Gefühl er habe auch den Spaß abgestellt.
An diesem ersten Tag ging es um körperliches Training. Und nicht nur ein bisschen Aufwärmen. Nach zwei Stunden war Lia sicher, dass sie keinen Muskel mehr bewegen könnte, ohne schlimmere Schmerzen zu fühlen, als je zuvor in ihrem Leben.
Um ein Uhr entließ Colsen sie und sie schleppten sich duschen und danach in die Mensa.
„Gott...aah, mir tut alles weh." Lia war kurz davor den Kopf einfach auf den Tisch zu legen, so dass sie das Essen nicht erst zum Mund heben, sondern einfach hineinschaufeln konnte. Aber ihr Stolz ließ es nicht zu, es waren einfach zu viele Ministeriumsangestellte da.
„Ich frag mich schon die ganze Zeit wieso wir uns schon am ersten Tag halb umbringen müssen...", gab Jason zurück. Er lag inzwischen tatsächlich halb auf dem Tisch. Lia zuckte nur mit den Schultern, doch ein Junge neben ihr, antwortete.
„Um die Spreu vom Weizen zu trennen."
Er war ein kräftiger, blonder Junge und Lia nahm an, dass er ein paar Jahre älter war als sie.
Als er Jasons verständnislosen Blick sah, grinste er.
„Ihr wart vermutlich zu sehr mit euch selbst beschäftigt um zu merken, dass nur noch etwa zwei Drittel der Leute da sind, die heute Morgen dabei waren.
Jason und Lia sahen sich um, mussten aber zugeben, dass sie nicht wirklich darauf geachtet hatten.
„Bis Ende der Woche hat wahrscheinlich mehr als die Hälfte aufgegeben. Und dann startet das echte Training." Er zuckte mit den Schultern. „Warum auch sich die Mühe machen Leute zu trainieren, die es nicht weit bringen werden?"
„Und so gibt man wichtige Informationen auch nur an die Leute, die es ernst meinen.", fügte Lia nachdenklich hinzu.
„Ich bin übrigens Liam." Der Junge streckte ihr seine Hand hin und Lia nahm sie. „Ich bin Lia...und das ist Jason.", fügte sie hinzu, als dieser keine Anstalten machte etwas zu sagen.
„Ihr solltet euch übrigens beeilen, ich denke es geht bald weiter." mit diesen Worten erhob sich Liam und nahm sein Tablett mit.
Jason gab ein schnaubendes Geräusch von sich, als er außer Hörweite war. „Ich mag ihn nicht."
Lia musste grinsen. „Natürlich magst du ihn nicht. Er sieht besser aus als du, scheint einiges mehr drauf zu haben, da er nicht annähernd so platt auf dem Tisch lag und hat außerdem noch einiges im Kopf. Man nennt das Eifersucht."
Wie erwartet wusste Jason darauf nichts zu erwidern und als sie ihre Tabletts wegbrachten, grummelte er immer noch vor sich hin.
Lia sagte ihm nicht, dass sie seine Anwesenheit der Liams um einiges vorzog. Er hatte etwas überhebliches, war zu sehr von sich selbst überzeugt. Und sie glaubte nicht, dass er in der Lage war über sich selbst zu lachen.
Liam sollte Recht behalten. Nach einer Woche, die bei jedem Aufstehen neue Schmerzen mit sich brachte und alles an Selbstbeherrschung von Lia forderte erwartete sie am nächsten Montag eine ganz andere Art von Unterricht.
Als Lia ankam fiel ihr sofort aus, dass der Raum sich vollständig verändert hatte. Statt eines altmodischen Fitnesscenters erwartete sie eine Art Konferenzraum. Groß, hell, mit Tischen, bequemen Stühlen, einer großen Tafel und Schreibzeug.
Und ihre Gruppe war auf etwa 30 Leute zusammen geschrumpft.
Um halb neun betrat ein Mann um die 30 den Raum und betrachtete sie mit einem Lächeln. „Ihr seid also der Überrest, wie?" Er lächelte einnehmend und Lia fragte sich, ob auch ihr voriger Ausbilder nur ein Test gewesen war. Der junge Mann, der sich als Sturgis Podmore vorstellte, war jung, dynamisch und freundlich. Das genaue Gegenteil von Colson. Er hatte sandfarbenes Haar und braune Augen und, wie Lia mit Zufriedenheit feststellte, eine ordentliche Portion Humor.
Der Tag verging mit viel Theorie, langen Diskussionen und hypothetischen Verhaltensabläufen.
Lia war erstaunt wie erleichtert sie war. In der Schule hatte sie sich immer nach körperlichem Training gesehnt, um all dem geistigen Arbeiten einen Ausgleich zu geben. Jetzt merkte sie, dass sie es umgekehrt ebenso brauchte.
In dieser Mittagspause waren sie alle das erste Mal wach genug um wirkliche Unterhaltungen zu führen. Lia sprach mit einigen Leuten weiter über die behandelten Themen und sie begannen über ihrem Essen eine hitzige Diskussion über das richtige Verhalten, wenn man von seinem Team getrennt wurde und einen Angriff mitbekam.
„Ist euch eigentlich mal aufgefallen, dass es hier keine anderen Auroren zu geben scheint?", fragte Jason mitten in die Diskussion hinein und Lia sah ihn zunächst verwirrt an. Doch als sie sich umsah bemerkte auch sie, dass alle Anwesenden, abgesehen von ihrer Gruppe, das Aussehen von Büroangestellten hatten. Viele trugen Nickelbrillen, waren in die Zeitung vertieft oder schrieben eifrig auf Pergamenten.
Sie zuckte mit den Schultern. „Die meisten sind vermutlich im Außendienst und die anderen essen eben zu anderen Zeiten..." Doch ganz überzeugt war sie nicht. War es Absicht, dass sie von ausgebildeten Auroren und den älteren Auszubildenden getrennt wurden?
„Hey Lia!"
Lia wandte sich um. „Jason. Ich wollte grade nach Hause."
„Das dachte ich mir. Ein paar von uns wollten heute Abend in den Tropfenden Kessel, bist du dabei?"
Lia öffnete schon den Mund um abzusagen, doch Jason unterbrach sie sofort.
„Komm schon Lia! Du sagst dauernd ab! Du brauchst mal Spaß!"
Sie musste unwillkürlich lachen. Und sie wusste, dass er Recht hatte. Meistens wollte sie abends einfach nur noch in die Badewanne und dann ins Bett, deshalb war sie bisher nicht mitgekommen, wenn die anderen abends weggingen. Es wurde Zeit mal wieder was zu unternehmen!
„Puh, Leute, ehrlich!" Sally hielt sich lachend die Ohren zu.
Der Tropfende Kessel war für gewöhnlich recht ruhig, doch abends konnte es schon mal hoch her gehen. Und heute war die lauteste Ecke ganz eindeutig die der Auroren-Azubis.
Sie hatten sich gemeinsam eine Flasche Feuerwhiskey bestellt und zu Lias Erstaunen tatsächlich geleert und nun schlug Silas eine Runde Flaschendrehen vor, was lautstarke Diskussionen hervorrief.
Lia hatte bisher nur ein Glas Feuerwhiskey gehabt, hielt dafür aber schon ihren zweiten Cocktail in der Hand. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie morgen Kopfschmerzen haben würde, selbst in der Schulzeit war ihr Alkoholkonsum auf Quidditchpartys beschränkt gewesen und in der letzten Zeit hatte sie gar nichts mehr getrunken.
Doch auf jeden Fall heiterte sie der Alkohol ziemlich auf und obwohl sie nicht angetan war von der Idee Flaschendrehen mit ihren Mit-Auszubildenden zu spielen, kam sie kaum dazu etwas zu sagen, weil sie einfach über die Albernheit der anderen lachen musste.
„Okay, es reicht langsam, Leute! Gebt mal ein bisschen Ruhe!"
Kurz brachte Sallys Ausruf die anderen tatsächlich zum Schweigen.
„Es gibt Menschen, die ein ernsthaftes Problem mit Flaschendrehen haben, klar? Wir sind nicht alle darauf aus uns zum Deppen zu machen. Versucht zumindest mal was Rücksicht zu nehmen."
„Wovor hast du denn Angst, Sheppard?", fragte Liam lachend und legte Sally einen Arm um die Schultern. „Du könntest einen ordentlichen Kuss sicher gebrauchen."
Es dauerte nicht lange bis Silas und Jason Liam außer Gefecht gesetzt hatten, nachdem er tatsächlich Anstalten machte Sally zu nah zu kommen.
Lia machte die ganze Sache etwas nachdenklich. Ihr gefiel diese Gruppe. Sicher, auf Liam könnte man manchmal echt verzichten, aber er vertrug einfach nichts. Er wurde wohl immer so, wenn er trank, Jason hatte sie bereits vorgewarnt.
Doch mit Sally verstand sie sich recht gut und Silas schien auch ein guter Kerl zu sein, ebenso wie der recht ruhige Mel.
Vielleicht würde diese Ausbildung tatsächlich auch ganz unterhaltsam.
Die nächsten Monate waren für Lia voll mit ihrer Ausbildung gefüllt. Sie lernte, trainierte, zerbrach sich den Kopf über Übungsaufgaben und ging mit den anderen Auszubildenden aus.
Zeit für Einsamkeit blieb ihr kaum.
Sie war zufrieden, ihre Zeit war sinnvoll ausgefüllt, sie hatte Leute um sich, die sie mochten und ein Ziel.
„Na komm, Green, beweg dich mal ein bisschen!"
„Sie haben leicht reden, Sir! Ich hab immer noch Muskelkater von gestern..."
Podmore hob eine Augenbraue und im Gegensatz zu Jason konnte Lia das Aufblitzen in seinen Augen sehen. Warum auch immer, der Ausbilder schien den größten gefallen daran zu finden Jason zu triezen. Andererseits konnte Lia es ihm auch nicht verübeln. Jason lieferte einfach die besten Aufhänger.
Sie waren an diesem Tag zum Training auf eine riesige Lichtung appariert, wo sie größtenteils Lauftraining absolvierten.
Jetzt rief Podmore alle zusammen.
„So, meine Lieben, Mr. Green hat sich soeben bereit erklärt für eine kleine Demonstration her zu halten. Sie erinnert sich ja sicher alle an den abgewandelten Schockzauber, den wir letzte Woche gelernt haben?"
Er bekam natürlich eine zustimmende Antwort und Lia konnte sehen, wie Jasons Blick sich verdunkelte. Sie konnte ein Kichern nur schwer unterdrücken. Es handelte sich bei diesem Zauber um eine Art elektrischen Schock, der größtenteils dazu diente wilde Tiere abzuschrecken, ohne sie zu verletzen.
Oder, wie Podmore entschieden hatte, um Zielübungen auf seine Auszubildenden zu machen. Er suchte sich zwei Freiwillige und Silas und Liam meldeten sich sofort.
Und Jason durfte zeigen wie gut er ausweichen konnte, während die Beiden ein lebendes Ziel zu beschießen hatten.
Für die meisten wurde dies eine äußerst vergnügliche Stunde. Jason dagegen war den Rest des Tages kaum zu gebrauchen.
„Der Kerl will mich umbringen!", jammerte er, als sie am Abend das Ministerium verließen.
Lia sah ihn jedoch nur mit hochgezogener Augenbraue an.
„Du kannst mit deinem Getue aufhören. Ich kenne dich schon etwas länger als die anderen. Hast du überhaupt was abgekriegt?"
Ein Grinsen breitete sich auf Jasons Gesicht aus. „Nicht einen Schlag! Aber das werde ich den anderen bestimmt nicht auf die Nase binden. Liam würde das vermutlich noch als Herausforderung ansehen."
Lia schüttelte nur den Kopf über ihren Freund.
Trotzdem, auch wenn es Jason gut ging, wunderte sie Podmores Entscheidung zu so einem Training. Die Zauber waren zwar prinzipiell ungefährlich, aber woher könnte er wissen, dass Silas oder Liam nichts falsch machten?
Diese Frage beschäftigte sie noch eine ganze Weile. Und sie war nicht die einzige. Obwohl Jason es mit keinem Wort erwähnte, hatte Lia das Gefühl, dass er vorsichtiger mit Podmore geworden war. Und nach einer ähnlichen Gelegenheit, wo Podmore sie Fallen bauen und dann durch dasselbe Waldstück laufen ließ, sprach Sally Lia an.
„Das ist doch viel zu gefährlich!"
Sally hatte leise gesprochen, trotzdem sahen die Mädchen sich unruhig im Raum um. Podmore hatte gerade den Tag beendet. Lia zuckte als Antwort nur mit den Achseln. Doch als die anderen den Raum verließen blieb sie noch einen Moment zurück.
Podmore sah nicht von seinen Unterlagen auf, doch Lia wusste, dass er sie bemerkt hatte.
Nach einigen Momenten sprach er dann.
„Haben Sie ein Problem mit meinen Ausbildungsmethoden, Ms Kenneth?"
Er hatte Sallys Worte natürlich gehört.
Es dauerte etwas bis Lia entschieden hatte, was sie sagen sollte.
„Nein. Aber ich würde sie gerne verstehen."
Ihr Ausbilder lehnte sich zurück und betrachtete sie durch die Gläser seiner Lesebrille.
„Was erwarten Sie hier zu lernen, Ms Kenneth?"
Lia blinzelte überrascht.
„Ein Auror zu sein."
„Und das bedeutet?"
„Naja, gegen schwarze Magier zu kämpfen."
„Und dabei zu überleben."
Auf diese Worte hin schwieg Lia.
„Mir ist schon klar, dass wir lernen müssen mit echten Gefahren umzugehen..."
„Tatsächlich? Ms Kenneth... ich habe zwei Jahre Zeit sie in behüteter Umgebung so weit auszubilden, dass sie da draußen überleben. Und bis zu ihrer Zwischenprüfung ist es noch viel weniger Zeit. Sie mögen glauben, dass es nur eine einfache Übung ist. Aber wir haben schon gute Leute während einer solchen Übung verloren. Sie müssen lernen zu überleben!"
„Und außerdem hat Podmore noch weiter Gründe für seine Übungen."
Überrascht drehte Lia sich zur Tür. Dort stand Damien Proudfoot, ein weiterer Ausbilder.
Podmore schüttelte den Kopf.
„Meine anderen gründe sind für Ms Kenneth nicht von Belang. Sind Sie so weit zufrieden mit meiner Antwort?", fragte er Lia.
Diese nickte, noch immer etwas verwirrt.
„Sehr schön, dann rate ich Ihnen jetzt nach Hause zu gehen und ihre Ausbilder in Ruhe neue Pläne aushecken zu lassen."
Sein Humor beruhigte Lia sogar etwas. Sie lächelte und verließ den Raum.
Das letzte was sie von den beiden Männern mitbekam, war ein Satz von Proudfoot.
„Du musst dich langsam entscheiden ob deine Zweifel begründet sind, oder nicht. Die Prüfung rückt immer näher."
Lia genoss ihre Ausbildung. Doch so langsam dämmerte ihr, dass sie keine Ahnung hatte, auf was für ein leben sie sich wirklich eingelassen hatte. Sie wollte etwas sinnvolles tun. Und natürlich war Auror ein gefährlicher Beruf. Aber sie war bereit gewesen, das in Kauf zu nehmen. War sie das noch immer? Bereit nicht nur ihren eigenen Tod, sondern auch den ihrer Kameraden zu wagen?
An diesem Abend fiel es Lia schwer einzuschlafen und als sie es endlich tat verfolgten sie schreckliche Träume, die meist mit Tod oder Folter eines oder mehrerer ihrer Freunde endete.
Sie hatte sich dieses Leben ausgesucht. Aber sie hatte es sich so viel leichter vorgestellt.
Die Prüfung
„Gott, hab ich Panik."
Jason fiel in einen Stuhl und Lia nahm ihm seine Panik tatsächlich ab. Er war blass und zittrig und starrte unbeweglich auf einen Punkt am Boden.
„Du bist auch schon ganz grün um die Nase.", gab Lia zurück. Dabei ging es ihr selbst kein Stück besser. Sie hatte heute Morgen keinen Bissen runter bekommen und trotzdem war sie sich sicher sich übergeben zu müssen.
Ein Quidditch-Spiel war kein Vergleich gegen das hier. Sicher, man wollte immer gewinnen, aber es hing nicht so viel davon ab. Wenn man verlor, verlor man eben. Vielleicht ließ es sich eher mit ihren Abschlussprüfungen vergleichen. Aber dort wussten sie wenigstens was sie erwartete.
Und es drohte ihnen niemals Gefahr.
Als Podmore den Raum betrat herrschte Stille im Raum.
Er lächelte sie alle fröhlich an. „Na, bereit für den großen Tag?"
Kevin hob die Hand. „Ich fühle mich schlecht vorbereitet, Sir..."
Podmore hob die Brauen. „Sie werden schon nicht draufgehen, Furrows.", war alles was er erwiderte. „Nun gut, hier ist ihre Gruppenaufteilung. Sie sind in drei Großgruppen aufgeteilt, die wiederum aus vier Paaren bestehen."
Er schwang seinen Zauberstab und ein Diagramm erschien an der Tafel.
Wie erwartet waren Jason und Lia als Partner eingeteilt und Lia war erleichtert, dass sie nicht in derselben Gruppe wie Liam waren. Sie konnte seine Großspurigkeit langsam nicht mehr ertragen und befürchtete sie würde etwas Dummes tun, wenn er wieder begann sie herum zu kommandieren.
„Also dann, einer pro Gruppe hierher, dann geb ich Ihnen die Adresse durch zu der sie flohen. Von dort erhalten sie weitere Anweisungen."
Als Lia den Kamin verließ fand sie sich in einem kleinen Wohnzimmer wieder. Die anderen standen um einen gebeugten alten Mann herum, der eine Karte vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hatte.
„Alle da? Gut." Seine Stimme klang heiser, aber war gut zu vernehmen. „Wir sind hier, die anderen beiden Gruppen sind hier und hier", er deutete auf verschiedene Punkte auf der Karte. „Wir wissen, dass die Gruppe, auf die wir es abgesehen haben sich hier versteckt hält. Die meisten von ihnen sind keine bekannten Todesser, aber wir wissen zumindest von zweien mit Sicherheit, dass sie zu Du-weißt-schon-wem gehörten. Seien Sie also vorsichtig, sie werden skrupellos sein." Er betrachtete sie alle aus klaren, blauen Augen. „Ich hoffe Sie haben alle im Unterricht gut aufgepasst. Also, hier ist der Plan..."
„Lia, mir ist schlecht..."
„Scht!"
Lia und Jason kauerten in einer Gasse, versteckt unter einem Desillusionierungszauber.
Lia hielt einen verzauberten Spiegel vor sich, so, dass sie um die Ecke sehen konnte. Mit diesem Spiegel würde sie auch durch Zauber versteckte Personen sehen können.
Jason machte ein stöhnendes Geräusch, woraufhin Lia ohne hin zu sehen nach ihm schlug. Wieso konnte dieser Idiot nicht endlich still sein?!
„Uh, das war nicht hilfreich, Lia..."
Sie wandte sich zu ihm um und zischte, „Sei endlich still, du -"
Ein Geräusch ließ sie aufmerken und sie blickte wieder in den Spiegel. Vier Personen waren auf dem Weg zu ihnen, offenbar versteckt unter einem Zauber. Sie bedeutete Jason aufzustehen und hielt vier Finger hoch, um ihm zu zeigen mit wie vielen sie es zu tun hatten. Beide hielten ihre Zauberstäbe bereit. Als die Gestalten nahe genug waren packte Lia den Spiegel weg und murmelte den Zauber, der ihre Angreifer, allerdings ebenso sie selbst sichtbar machen würde.
Dann kamen die vier Personen an ihnen vorbei und beide schossen gut gezielte Schockzauber ab. Sofort danach desillusionierten sie sich wieder und schlüpften aus ihrem Versteck hinter die zwei noch stehenden Personen. Als diese sich umwandten nutzten Lia und Jason die Chance um auch sie zu Boden zu bringen.
„Das war zu einfach...", murmelte Lia. Vorsichtig hockte sie sich neben einen der leblosen Körper, während Jason ihr den Rücken frei hielt. Langsam schob sie die Kapuze des Umhangs zurück.
„Jason." Sie hielt ihre Stimme leise, doch es fiel ihr schwer. „Jason, sie sind jünger als wir."
Ohne den Blick von ihrer Umgebung zu nehmen kniete sich Jason ebenfalls nieder und schob einem anderen die Kapuze zurück. „Der hier nicht. Der ist eher um die 70. Irgendetwas stimmt hier ganz und – was ist?"
Lia hatte sich runtergebeugt und schnupperte. „Jason...wenn ich nicht völlig falsch liege...dann riecht es nach Vielsaft-Trank."
Jason runzelte die Stirn. „Du meinst sie haben sich zu Kindern und alten Leuten gemacht? Wozu?"
„Ich meine etwas ganz anderes, Jason." Sie griff die Robe am Kragen und zog sie so weit wie möglich runter. Sie hatten sich keine Mühe gemacht die Kleidung zu ändern. Und sie kannte dieses Sweatshirt. Ihr wurde schlecht.
„Kerry..."
Jason starrte sie an. „Du meinst..."
"...das sind unsere Leute, ja." Sie dachte nach. In welcher Gruppe war Kerry gewesen...
„Liam. Es war Liams Gruppe." Scheinbar hatte Jason den gleichen Gedanken gehabt.
„Sie waren für die Sicherung des Hintereingangs zuständig gewesen. Und wenn sie Zeit genug hierfür hatten..."
Jasons Gesicht wurde grimmig. „Dann hatten sie genug Vorwarnung um die Sturmgruppe mit offenen Armen zu empfangen."
„Desillusionierung und Signal." Beide standen auf und folgten den Anweisungen für Notfälle. Zwei dünne Rauchsäulen stiegen in den Himmel auf.
Wenige Augenblicke später erschienen zwei weiter Paare aus ihrer Gruppe vor ihnen.
Lia fasste die Situation kurz zusammen.
„Ich schlage vor, dass zwei hier bleiben, bis die anderen aufwachen und noch einmal ein Signal setzen. Und vier versuchen herauszufinden was los ist."
„Sollten wir nicht lieber das Quartier alarmieren...?", fragte Sally zögerlich. Mel, ihr Partner sah kurz zu ihr und wandte sich dann den anderen zu. „Ihr vier geht los. Gebt uns in zehn Minuten ein Signal, wenn es Aussichten gibt alles unter Kontrolle zu bringen. Andernfalls schlagen wir Alarm."
Die anderen nickten, besprachen sich kurz und schlichen dann los.
Ihr Ziel war eine Art Lagerraum in einer Gasse. Es war ein graues flaches Gebäude, eine Treppe führte nach unten zu einer Kellertür. Sie war ein Stück offen.
Die kleine Gruppe versteckte sich um die Ecke und sie hockten sich hinter eine Mülltonne.
„Was machen wir?" Silas sah in die Runde.
„Wir müssen reinsehen, was bleibt uns anderes übrig?", fragte Lia zurück.
Jason nickte und Tina fügte hinzu: „Nur Hilfe holen. Und wenn ich ehrlich bin... das wäre für mich wie aufgeben."
Die anderen nickten zögerlich.
„Ich schleiche alleine rüber." Silas Stimme war erstaunlich ruhig, wenn man bedachte, in welcher Gefahr sie gerade möglicherweise waren.
Die anderen mussten ihm zustimmen. Sie wussten wie gut er im Anschleichen war.
„5 Minuten.", sagte Lia. „Ich hab 23:43."
Silas nickte und wandte sich um. Kurz darauf war er verschwunden.
Die anderen saßen zusammengekauert hinter der Tonne und warteten. Keiner sagte ein Wort.
2 Minuten. 3 Minuten. 4 Minuten.
Silas tauchte neben ihnen auf. Alle zuckten zusammen, doch im nächsten Moment war nur Platz für Erleichterung.
„Fallen.", sagte Silas und holte tief Luft. Sein Herz raste wie sonst was. „Im ersten Moment scheint die Luft rein zu sein, man hört Stimmen von hinter einer Tür. Aber ich hab einen Alarm Spruch entdeckt, der sofort losgeht, wenn man durch die Tür geht und er ist mit einem Fesselspruch gekoppelt."
Tina schluckte. „Meint ihr...meint ihr...sie sind reingegangen?"
„Ihr Auftrag war vor der Tür zu bleiben."
„Es war Liams Gruppe."
Sie wollten nicht weiterdenken.
Liam war überheblich und sie alle kannten ihn für sein viel zu großes Selbstbewusstsein. Doch das...sie wollten es ihm lieber nicht zutrauen seine ganze Gruppe in eine Falle zu jagen.
Alle schweigen einen Moment. Was nun? Versuchen reinzukommen? Es war eigentlich viel zu gefährlich. Doch sie mussten die anderen finden.
Ihr Schweigen wurde erst unterbrochen, als sie ganz in der Nähe blaue Funken aufblitzen sahen.
Sie sahen sich schnell an, Tina nickte, Lia streckte den Stab aus, schluckte und ließ ebenfalls blaue Funken sprühen.
Und wieder verspürten sie alle unglaubliche Erleichterung, als einige Momente später Sally, Mel und zwei weitere Paare erschienen.
„Sie sind wieder zu sich gekommen, und soweit fit, wir konnten sie zurücklassen, selber Auftrag wie zuvor: sie machen Meldung, wenn wir uns nicht melden." Sally sah zu Ray, einer der beiden, die sie dabei hatten.
„Als Liams Gruppe keine Meldung gemacht hat sind wir los und haben unterwegs Ken und Shelly getroffen, die zwei Leute erwischt und inzwischen die gleiche Entdeckung gemacht hatten wie ihr.
Danach haben wir Sally kontaktiert. Aber wir können niemanden von der Sturmtruppe ausfindig machen und niemand reagiert auf das Signal." Er hielt den kleinen Spiegel hoch, den die Gruppenführer zur Kommunikation mit den anderen Führern erhalten hatten.
Alle durchlief ein Schauer. Was war geschehen?
„Wir sollten Meldung machen.", meinte Tina leise.
Niemand widersprach ihr.
Dann ertönte aus dem Keller ein Schrei. Und alle erstarrten.
Liam.
Silas wartete nicht erst. Er erklärte was er am Eingang entdeckt hatte und sie entscheiden, dass er, Ray und Mel versuchen sollten die Zauber außer Kraft zu setzen. Die anderen warteten.
Es dauerte einige Zeit, doch dann sahen sie blaue Funken.
Als sie sie sahen nickte Tina den anderen zu, dann lief sie los. Sie würde zu den anderen zurückkehren und sie würden Meldung machen, dass etwas schief gelaufen war. Sie brauchten Verstärkung.
Dann hielt Tina kurz an, kam zurück und griff nach Lias Ärmel. Sie drückte ihr einen kleinen Gegenstand in die Hand und verschwand.
Die anderen drei liefen zum Eingang.
Ray machte ein Zeichen, dass sie warten sollten und betrat langsam den Flur. Als nichts geschah, winkte er die anderen hinterher.
Dann ging Silas vor. Alle paar Meter kontrollierte er den Gang nach weiteren Fallen.
Als sie bei der Tür angekommen waren kniete Lia sich auf den Boden und schob ihren flachen Spiegel, den sie bereits zuvor benutzt hatte unter der Tür durch. Als sie ihn zurückzog hielt sie ihren Zauberstab darüber und ließ ihn das zuvor gespiegelte noch einmal zeigen. Der Eingang des Raumes und die Tür schienen leer und ohne Fallen zu sein.
Lia stand wieder auf und sah die anderen an.
Sie wussten nicht was hinter der Tür geschah. Sie konnten Stimmen vernehmen, doch schon die Tatsache, dass sie direkt vor der Tür standen und nichts verstehen konnte, legte die Vermutung nahe, dass die Geräusche lediglich ein Köder sein sollten. Es ließen sich weitere Geräusche vernehmen, abgesehen von denen, die auch von der Tür aus zu hören gewesen waren. Kratzen, Keuchen, Wimmern.
Hier draußen zu bleiben brachte sie aber auch nicht weiter.
Jason hob plötzlich den Arm. Er deutete auf Silas und winkte ihn zu sich, dann bedeutete er den anderen, sie sollten auf die andere Seite der Tür gehen.
Lia schluckte hart. Doch Jason hatte Recht. Jemand musste die Tür öffnen. Ray wollte sich zu Jason stellen, doch Mel hielten ihn auf und deutete auf die Uhr um Rays Hals. Er war der Gruppenführer, sie würden ihn noch brauchen. Ray nickte und Mel stellte sich zu Silas und Jason.
Ray legte die Hand an den Türgriff. Die drei Jungs nickten und er öffnete die Tür.
Bereit zum Angriff stürmten die drei durch die Tür.
Dann würde die Tür vollständig geöffnet und Silas winkte die anderen herein. Er war leichenblass.
Drei leblose Körper lagen am Boden des ansonsten leeren Raumes. Die Holzdielen waren blutbefleckt. Zunächst rührte sich keiner. Schließlich war es Jason, der sich als erster aus der Starre löste und naher an einen ihrer Kollegen heran trat. Er ging in die Hocke und fühlte an den Hals des Jungen.
Bruchteile von Sekunden und alle hielten die Luft an. Dann wandte sich Jason zu ihnen und brachte fast ein Lächeln zustande. Er lebte.
Sally entfuhr ein leises, erleichtertes Schluchzen. Sie kontrollierten auch die anderen, alle lebten und waren nicht in Lebensgefahr.
Doch Liam war nicht dabei.
War der Schrei den sie gehört hatten überhaupt echt gewesen? War es eine Falle? Einbildung?
So oder so. Sie mussten weiter. Und hoffen, dass bald Hilfe kam.
Den Rest des Ganges liefen sie weiter wie zuvor, diesmal jedoch kontrollierte Mel alles nocheinmal, nachdem Silas fertig war.
Sie kamen elend langsam voran, gleichzeitig angefüllt mit dem Wunsch endlich weiter zu kommen. Endlich anzukommen. Mit der panischen Angst davor anzukommen. Und dem, was sie dort erwartete.
Lia rannen Schweißtropfen die Schläfen hinunter, obwohl es eiskalt in diesem Keller war.
Sie hatte keine Gelegenheit mehr gehabt nachzudenken, seit der Entdeckung auf der Straße. In ihr drin liefen all die Abläufe ab, die sie in den letzten neun Monaten eingetrichtert bekommen hatte.
Doch jetzt, in dieser Stille, wo all diese Gefühle – Angst, Erwartung, Unsicherheit, Verzweiflung – und all das Adrenalin sich mischten... da stürzten auch alle Erinnerungen wieder auf sie ein. Der Tod ihres Vaters, ihrer Mutter, die Träume mit den schwarzgekleideten Männern, die Nächte in dem fremden, leeren Zimmer, weit weg von ihrem alten Zuhause... die Nächte in der neuen Wohnung. Allein, für immer allein...
Die Anderen blieben stehen und Lia schnappte aus ihren Gedanken. Noch immer leicht benebelt wurde ihr klar, dass sie vor einer Tür standen. Der lange Gang endete hier, kein anderer Ausgang.
Eine einzelne Träne war, von ihr selbst unbemerkt ihre Wange herunter gelaufen.
Jason jedoch hatte sie bemerkt.
Doch es war jetzt keine Zeit dafür.
Silas hob bereits den Zauberstab, doch Lia drängte nach vorn und hielt in rasch davon ab zu zaubern. Ein Gedanke war in ihrem Kopf aufgeblitzt. Aber wie machte sie es ihm klar?
Doch er verstand bereits. Seine Augen weiteten sich, er öffnete den Mund, doch Lia schüttelte den Kopf und holte den Gegenstand, den Tina ihr gegeben hatte aus der Tasche. Es war ein etwa daumengroßer blauer Kristall.
Ihre Gruppe waren die Späher, die Streife sozusagen. Und jedes der vier Paare hatte einen bestimmten Aufgabenbereich.
Während Lia und Jason nach Personen Ausschau hielten, suchten Tina und Silas nach Zaubern. Silas war was das Aufspüren von Zaubern anging ein absoluter Meister. Lia war sich ziemlich sicher, dass es damit zusammenhing, dass er es liebte Streiche zu spielen. Und hasste auf solche hereinzufallen. Er war also perfekt für diese Rolle. Die stille Tina glich sein Temperament aus und sie bekam diesen Stein. Er hatte dieselbe Funktion wie die Aufspürzauber von JSilas. Doch er war so selten, dass er fast unmöglich selbst aufzuspüren war.
Die gute Tina hatte in all der Hektik daran gedacht, dass sie ihn brauchen könnten.
Lia kam das erste Mal der Gedanke, dass es dumm gewesen war, Tina alleine loslaufen zu lassen. Doch nun war es zu spät.
Silas nickte und nahm den Stein. Er stellte in auf den Boden, legte die Hand darauf und schloss die Augen. Die anderen sahen, wie ein sehr blasses, blaues Licht über die Tür fuhr und an verschiedenen Stellen glitzerte.
Als das Licht am Boden angekommen war, blieb Silas kurz sitzen. Dann stand er auf und sah die anderen an. Er schluckte. Und ihnen allen war klar: sie würden nie durchkommen. Und selbst wenn sie es schafften, hätten sie ihren Feinden genug Zeit gegeben und sie und ihre möglicherweise noch lebenden Freunde sofort zu töten.
Sie standen noch immer völlig ratlos da, als ohne Vorwarnung eine Gruppe Menschen hinter ihnen auftauchte. Alle brauchten einen Moment um zu realisieren was los war und sprangen dann zurück.
Und keinen Augenblick zu früh.
Die Tür explodierte buchstäblich und die Leute stürzten hinein.
Man sah nur Umhänge, Lichtblitze, hörte Geschrei – dann war es still.
