Das zweite Jahr
„Na meine Süßen, habt ihr den Unterricht schon vermisst?"
Mit diesen Worten begrüßte Podmore sie zum neuen Lehrjahr.
Es schien nicht wirklich einen Unterschied zu machen, dass sie nun im zweiten Jahr waren. So wie Lia es einschätzte würden sie sich aber spätestens wenn das erste Jahr in der Esshalle erschien furchtbar alt vorkommen. Bis das dritte zur Theorie auftauchte.
Ihr Stundenplan hatte sich ein wenig verändert und sie hatten nun ein extra Fach, das sich Strategie und Taktik nannte. Zuvor hatten sie diese Themen immer nur nebenher behandelt. Jetzt würden sie sich wohl mehr darauf konzentrieren.
Lia hatte bereits befürchtet, dass Colsen den Unterricht leiten würde, doch stattdessen erwartete Proudfoot sie mit einem schelmischen Lächeln.
„Ist es nicht wundervoll, dass wir uns alle an einem Stück wiedersehen?"
Sein Humor war manchmal einfach makaber.
Andererseits mochte dieser Beruf für manche nur so zu ertragen sein.
„Nun, wer von ihnen kann mir den Unterschied zwischen Taktik und Strategie erklären?"
Niemand schien sich wirklich sicher zu sein und so sehr sie Proudfoot auch mochten, sie kannten seine spitze Zunge.
„Nun... Mr Hampton?"
Silas zog eine Grimasse. „Ähm...Taktik ist das was einsetzt, wenn die Strategie in die Hose geht?"
„Nun...nicht ganz. Aber nicht falsch gedacht, Hampton."
Silas schien sichtlich erleichtert.
„Tatsächlich ist Strategie das übergeordnete und Taktik das, was in der jeweiligen Situation zum Einsatz kommt. Strategie ist das, was die schlauen Leute in höheren Positionen sich überlegen. Wie, zum Beispiel, wollen wir in diesem Jahr gegen das organisierte Verbrechen vorgehen. Taktik ist das was wir Normalsterblichen machen. Wir haben eine bestimmte Situation vor der Nase und müssen darauf reagieren. Taktik ist das, was jeder von Ihnen verinnerlichen muss, damit sie immer darauf zurückgreifen können, wenn etwas nicht nach dem Plan der schlauen Leute läuft.
Soweit so gut. Wir werden uns zunächst mal mit den wichtigsten Strategien beschäftigen..."
Lia hätte nie gedacht, dass der Unterricht noch anstrengender und fordernder hätte werden können. Und doch hatte sie regelmäßig das Gefühl, dass ihr Kopf platzen müsse, oder ihre Muskeln kurz vorm Zerreißen waren.
„Hey seht mal, die Kleinen sind da."
Sie saßen gerade beim Mittagessen als Silas zum Eingang deutete. Und tatsächlich kam eine Gruppe junger Leute herein, die offensichtlich das erste Mal im Speisesaal waren.
„Sind sie nicht süß?"
Sally warf Silas einen zweifelnden Blick zu. „Als ob wir irgendwie erwachsener aussehen würden. Ich kenne da jedenfalls ein paar Exemplare, die nicht einmal ordentlich essen können."
Es dauerte eine Weile bis Silas begriff und den großen Tomatensaucenfleck auf seinem Pulli bemerkte. Die anderen lachten.
„Das sind übrigens nicht die Einzigen, die heute da sind", meinte Jason dann.
Lia folgte seinem Blick und entdeckte die Gruppe aus dem dritten Jahr.
„Richtig Full House hier", kommentierte Mel.
An diesem Tag hatten sie wieder einmal Unterrichtsstunde im Tränkebrauen. Die letzte war bereits eine ganze Weile her.
Charlie Caspar, ein Mann mittleren Alters mit Nickelbrille und abwesendem Lächeln war für ihren Unterricht zuständig. In der ersten Stunde hatten sie alle den unscheinbar wirkenden Mann gewaltig unterschätzt. Er hatte unheimlich was im Kopf und die Begabung unbemerkt hinter einem aufzutauchen. Wobei sie längst bemerkt hatten, dass dies eine Angewohnheit all ihrer Lehrer war. Genauso wie ihren Schülern das Gefühl zu vermitteln, dass sie ihre Drohungen wahr machen würden.
„Vielsaft-trank."
Caspar hatte seine Bücher auf den Tisch gelegt und sah nun aufmerksam in die Runde.
Einige atmeten auf. Vielsaft-trank war zwar verdammt schwer herzustellen und gehörte daher nicht zum Lehrplan der schulischen Ausbildung, sei es in Hogwarts, einer anderen Zaubererschule oder Heimunterricht, sie hatten es jedoch im ersten Jahr der Ausbildung schon gemacht.
„Freuen Sie sich nicht zu früh. Sie alle haben im letzten Jahr die Zutaten und Zubereitung für die wichtigsten Tränke auswendig gelernt. Nun dürfen Sie mir zeigen wie viel davon nach dem Sommer noch in ihren Köpfen geblieben ist. Jeder sucht sich einen Partner in dessen Haut er am Ende dieses Monats schlüpfen wird."
Die ganze Klasse starrte ihn an, doch er hob nur die Brauen.
„Irgendwann einmal muss ich sie alle in den aktiven Dienst schicken. Dieser Trank gehört zu den Dingen, die sie möglicherweise einmal werden herstellen müssen und sehr wahrscheinlich unter Druck. Wollen Sie lieber dann herausfinden ob Sie dazu in der Lage sind?"
Jason und Lia taten sich wie gewohnt zusammen. Obwohl sie natürlich beide gute Noten gehabt hatten um überhaupt Auroren werden zu können, konnten sie nicht behaupten, dass sie unbedingt eine natürliche Begabung für Zaubertränke hatten. Also entschieden sie, dass sie gemeinsam bessere Chancen haben müssten. Glücklicherweise hatten die meisten Lehrer nichts gegen Teamarbeit einzuwenden und so waren sie langsamein eingespieltes Team.
Gemeinsam erarbeiteten sie erst einmal die Zutatenliste und den Plan für die Zubereitung, dann gingen sie in den Nebenraum um die ersten Zutaten zusammen zu sammeln.
Die ganze Klasse war ziemlich erleichtert, als sie feststellten, dass Caspar ihnen intensiv bei der Herstellung half. Ein mulmiges Gefühl blieb aber doch. Ein so schwieriger Trank war eine Herausforderung und eine Gefahr, wenn man einen Fehler machte.
Die Zaubertränkeaufgabe beschäftigte sie alle in diesem Monat auch außerhalb der Unterrichtsstunden. Ganz abgesehen davon, dass sie zu den verrücktesten Zeiten unterwegs waren, wie um bei Vollmond Flussgras zu pflücken, verfolgte viele in diesen Tagen die Frage, ob sie etwas wichtiges vergessen hatten.
„Sieh mal einer an. Was führt dich denn her?"
Die Auszubildenden standen wie so oft an um ihr Mittagessen zu holen. Lia wandte sich um, als sie Jason hörte und sah sich Matt gegenüber, der Jason lächelnd begrüßte.
„Ich hatte ein wichtiges Gespräch im Büro und dachte ich schau mal was ihr hier so anstellt."
Irgendwie war Lia mulmig. Sie lächelte Matt an und umarmte ihn zur Begrüßung, doch sie fühlte sich unsicher.
„Isst du mit uns?", erkundigte sich Jason.
„Wenn ihr mich lasst, gerne."
„Tja, wir haben genug Platz..."
Und so saß Matt einige Minuten später mit Lia, Jason, Sally und Mel am Tisch. Als die Vorstellungen durch waren hielten sich Sally und Mel etwas zurück und unterhielten sich über ihren Vielsafttrank.
„Ihr müsst Vielsafttrank brauen?"
Lia und Jason nickten auf Matts Frage hin.
„Und, klappt's?"
„Wir hoffen es wenigstens", meinte Jason mit einem Grinsen und Lia zuckte die Schultern. „Bisher sieht es gut aus."
„Macht euch keinen Kopf. Die Lehrer lassen schon nicht zu, dass ihr euch vergiftet."
„Ach, tatsächlich? Wir hatten fest damit gerechnet", gab Lia trocken zurück. Ihr entging Matts leichtes Seufzen nicht. Was konnte sie denn dafür, dass er sie dauernd wütend machte?
Sie führten noch eine Weile Smalltalk, bis Sally bemerkte, dass es Zeit war zurück in den Unterricht zu gehen.
Sie erhoben sich und brachten die Tabletts weg, vor dem Eingang hielt Matt Lia zurück.
„Alles in Ordnung mit dir?"
Lia wollte schon eine bissige Antwort geben, doch sie hielt sich zurück. Was war nur los mit ihr?
Matt seufzte. „Du siehst mir ja nicht mal in die Augen."
Sie zwang sich dazu ihn anzusehen. Und es brachte sie fast aus dem Konzept.
„Was erwartest du von mir, Matt? Wir haben uns Jahrelang nicht gesehen und jetzt kann ich dich absolut nicht einschätzen. Ich weiß nicht was du denkst. Andererseits habe ich das vermutlich nie gewusst. Ich weiß nicht was du willst."
„Freundschaft. Das war es doch wofür wir uns entschieden hatten, oder?"
„Vielleicht. Aber ich weiß nicht worauf ich sie gründen soll."
„Hast du es denn bisher versucht?"
Sie holte tief Luft um sich zu beruhigen.
„Matt. Wer bist du?"
Er schwieg und nach einer Weile wollte Lia sich schon wegdrehen und gehen.
„Bist du bereit es herauszufinden?"
Sie sah ihm lange in die Augen und stellte sich selbst diese Frage. Wollte sie das? Und plötzlich wurde ihr klar, dass sie nach der Schule einen völligen Neustart geschafft hatte. Sie hatte alles zurückgelassen, nur das nötigste irgendwie mitgeschleppt, eine lockere Freundschaft zu Suse und die Arbeit bei Ollivander. Das war's. Sie hatte ein Leben zurückgelassen. Aber dieses Leben nie gefragt, ob es zurückgelassen werden wollte.
Und es war ja nicht das erste Mal. Ihre Entscheidung Auror zu werden um Rache zu üben hatte sie auch durch solch einen plötzlichen Umschwung erreichen wollen. Und gemerkt, dass es vielleicht zu krass war. Sie hatte Menschen verletzt.
Nein, das wollte sie nicht nochmal.
Ihr Gesichtsausdruck wurde weicher als sie antwortete: „Ja, ich denke schon."
Sind wir bereit?
Die große Stunde war gekommen.
Wenn alles glatt ging würde Lia gleich eine halbe Stunde lang als Jason herumlaufen.
Und es hatte bis zu diesem Tag gedauert, dass Lia das bewusst wurde. Und vor allem, dass ihr bewusst wurde, was das anders herum bedeuten würde.
Es war ihr an diesem Morgen klar geworden, als sie ihre Wohnung verlassen wollte.
Wieso hatte sie da nicht vorher dran gedacht?! Wie dumm war sie, da nicht drüber nachzudenken.
Ihr wurde fast ein bisschen schlecht.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie es über sich brachte Jason anzusprechen.
Der jedoch musste ihr nur ins Gesicht sehen und lachte los.
„Oh Mann Lia, du bist einfach herrlich. Ist es dir also mal aufgefallen?"
Und nun war sie auch noch beleidigt. Zumal ihr selber gerade klar wurde, wie albern sie war. Als ob ihre Lehrer das so planen würde.
Sie fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht und murmelte: „Ich hab nie was gesagt."
Doch Jason lachte noch den ganzen Tag immer wieder darüber.
Natürlich zwang sie niemand dazu ausgerechnet mit Jason zu tauschen.
Lia tauschte Haare mit Sally und Jason mit Mel.
Doch bevor sie den letzten Teil des Unterrichts begannen holte Caspar Kerry und Tina nach vorne und sprach kurz mit ihnen. Beide sahen nicht besonders glücklich aus. Sie gingen nach dem Gespräch zu ihren Kesseln und füllten den Trank in kleine Fläschchen, während Caspar zur Klasse sprach. „Also dann. Starten wir den Test. Sehen wir doch mal, wer von euch den Trank geschafft hat."
Etwa zehn Minuten später stand eines fest: Wenn es hier um eine Mission gegangen wäre, wären sie ziemlich gescheitert. Lia war ziemlich stolz, dass sowohl sie, als auch Jason eine vollkommene Verwandlung geschafft hatten. Auch Sally und Mel hatten es geschafft. Niemand konnte so genau sagen, was Silas angestellt hatte, jedenfalls hatte er extreme Ähnlichkeit zu Ray, jedoch definitiv noch seine eigene Größe und Statur. Von den anderen hatte kaum jemand irgendeine Veränderung erreicht. Shelley wurde nach einigen Minuten ziemlich blass und stürzte dann aus dem Raum.
Es war eine dieser seltsamen Situationen in denen keiner so recht wusste, ob er stolz, bedrückt, mitleidig oder irgendetwas anderes sein sollte. Der Tag endete recht still und viele hingen ihren eigenen Gedanken nach
„Was für einen Tee möchtest du, Sally?"
„Schwarzen, bitte."
Es war inzwischen Abend und Sally war zu Besuch bei Lia. Während Lia in der Küche herumwerkelte betrachtete ihre Freundin die Fotos auf dem Kaminsims.
Einige Minuten später brachte Lia ein Tablett zum Wohnzimmertisch, komplett mit Teekanne, Tassen, Milch, Zucker, Keksen.
„Sind die selbst gebacken?"
„Von einer Freundin..."
Sally lachte.
Nachdem sie es sich gemütlich gemacht hatten deutete Sally auf das Bild vom Quidditchteam. „Das ist der Junge von letztens oder? Mh, lief da mal was zwischen euch?"
Lia lächelte ein bisschen. Sally war direkt wie immer. Irgendwie hatte dieses Mädchen ein unglaubliches Bedürfnis ihre Nase in die Angelegenheiten anderer Leute zu stecken.
Eine Weile betrachtete Lia das Bild, ohne richtig hinzusehen.
„Ich denke, die Antwort ist nein. Wir waren lange sehr gute Freunde. Doch dann zerbrach die Freundschaft und ich habe ihn lange nicht gesehen. Er war immer irgendwie ein großer Bruder für mich gewesen."
„Hat er das auch so gesehen?"
„Sally..."
Die junge Frau zuckte mit den Schultern. „Seine Blicke im Essaal sprachen jedenfalls Bände."
„Na dann, bastel dir doch daraus deine Geschichte zusammen. Von mir kriegst du jedenfalls nicht mehr."
„Hm. Vielleicht frag ich Jason."
„Der sagt dir bestimmt nichts."
Eine Weile schwiegen die Beiden.
„Tut mir leid, Lia. Ich wollte nicht neugierig sein."
„Schon in Ordnung."
„Die Kekse sind prima."
„Geb ich weiter."
Wieder herrschte Schweigen. Diesmal brach Lia es.
„Sag mal, Sally... als wir heute die Tränke ausprobiert haben ist mir was aufgefallen..."
„Mir auch! Mädchen hast du eine Figur! Du hättest Model werden können oder sowas. Mann, war das eine Enttäuschung wieder ich zu sein..."
Das hatte Lia etwas überrumpelt. „Äh, also...das war nicht das worauf ich hinauswollte."
Darüber musste Sally lachen. „Natürlich nicht. Entschuldige."
„Also, was ich eigentlich meinte... das war heute nicht das erste Mal, dass wir vier herausstachen, oder?"
Sally antwortete nicht sofort.
„Hälst du dich für etwas besseres?" Diese Frage hätte beleidigend sein können, doch Sally stellte sie völlig ruhig, fast schüchtern.
„Ich weiß es nicht... ich meine...wir haben ja keine Chance uns mit anderen als den Leuten aus unserer Gruppe zu vergleichen. Nur, ich habe nicht das Gefühl irgendeine Chance zu haben auf der Straße zu überleben. Und in einem halben Jahr werden sie uns rausschicken, Seniorpartner hin oder her. Wenn wir uns schon so fühlen... wie ist es dann mit den anderen?"
„Hm..."
Mehr sagten sie beide zu dem Thema nicht. Doch es erinnerte sie daran, dass sie nicht mehr in der Schule waren. Das was sie jetzt lernten, sollte sie am Leben erhalten. Im letzten Jahr hatten sie nicht mehr oft daran gedacht. Doch sie hatten erlebt, wie schnell ihr Leben vorbei sein konnte. Waren sie wirklich bereit?
Es dauerte nicht lang und ihre zweite praktische Prüfung stand vor der Tür. Lia jedenfalls kam es so vor, als würden die Tage an ihr vorbeifliegen, während sie versuchte sie irgendwie festzuhalten.
An diesem Morgen war Lia wohl etwas von der Rolle. Sie merkte erst als sie ihre Schuhe anziehen wollte, dass sie zwei verschiedene Socken anhatte und vor der Tür fiel ihr auf, dass sie ohne Zauberstab gehen wollte.
Als Lia schließlich am Prüfungsraum ankam standen die anderen bereits in einer kleinen Traube zusammen und tuschelten.
„Was ist los?"
„Kerry und Tina sind raus."
„Raus?!"
„Und Proudfoot redet grade mit Ken."
Lia schluckte. Musste ihre Gruppe noch mehr schrumpfen?
Fünfzehn Minuten später betrat Podmore den Raum.
„Also, fangen wir an."
Sie schluckten und sahen sich an. Ken war nicht zurückgekommen. Auch Kerry und Tina waren fort.
Sie waren nur noch 15 Leute.
Und die Angst, dass es heute noch weniger werden würden blieb.
Diesmal bestand ihre Aufgabe darin einen Flüchtigen zu stellen. Das sollte keine allzu schwere Aufgabe für eine Gruppe von fünfzehn sein. Der Mann war nicht übermäßig gefährlich, aber sehr gerissen. Und sie würden keine Unterstützung bekommen. Diesmal hatte niemand für sie geplant, das mussten sie selbst tun.
Ihre Gruppe stand um einen großen Mahagonitisch herum, Podmore war mit im Raum, hielt sich aber außen vor. Vermutlich musste er wissen, was sie planten um sie im Notfall vor dem Schlimmsten zu bewahren.
„Ähm, also... haben alle die Akte gelesen?", fragte schließlich Silas in die Stille hinein.
Mel legte seine Mappe auf den Tisch und sah in die Runde. „Vorschläge?"
Shelley kaute auf ihrer Lippe und sagte dann: „Ein Sturmtrupp. Diplomaten und Kämpfer. Sie sind für die eigentliche Aufgabe zuständig. Reden und zuschlagen."
„Und sich selbst verteidigen.", fügte Jason trocken hinzu.
Shelley warf ihm einen kurzen Blick zu. „Und zwei Hilfstrupps. Einen in der Nähe, einen weiter weg. Sie müssen spähen, warnen, eingreifen, oder Hilfe holen."
„Und wenn alles glatt geht haben sie nichts zu tun?", fragte Lia und starrte Shelley rundheraus an.
„Keine Sorge, Kenneth, du darfst Leuten die Köpfe einschlagen." Kevin grinste Lia an, die ihm ein böses Funkeln zuwarf.
„Es geht hier um Sicherheit.", meinte Ray.
„Also ist Shelleys Vorschlag angenommen?"
Ray nickte auf Kevins Frage hin.
„Fangen wir an."
„Ich versteh's nicht."
Mit einem Seufzen drehte sich Jason zu Lia um. Sie hatten gerade ihren Posten in der Nähe eines verlassenen Bürogebäudes bezogen.
„Müssen wir das wirklich jetzt klären?"
„Diese Prüfung entscheidet darüber, ob wir weiter kommen, oder nicht! Sicher, ich verstehe, dass wir diesmal auf Nummer sicher gehen wollen, aber..."
„Wir hatten doch auch das letzte Mal Spähtrupps."
„Ja, aber die haben wir uns nicht selbst ausgesucht. Und die Aufgabe war auch völlig anders. Wir konnten sicher sein, dass alle gebraucht werden würden. Aber hier? Es geht doch nur um einen Mann!"
Jason sah Lia eine Weile nachdenklich an, dann lächelte er.
„Du denkst, das hier ist wie eine Schulprüfung, oder? Dass jeder versuchen muss die bestmögliche Note zu bekommen?"
„Aber so ist es doch!"
„Lia, die Bewertung, die wir in diesen Prüfungen bekommen drehen sich nicht darum, ob wir alles gezeigt haben, was wir können. Sondern darum, dass wir unser Können so eingesetzt haben, dass es unserer Aufgabe und unseren Kollegen am besten dient. Es geht darum uns und die anderen einzuschätzen."
Jetzt kam Lia sich unglaublich dumm vor. Natürlich hatte Jason Recht und es war auch völlig offensichtlich gewesen. Ein wenig schmollend murmelte sie: „Mensch, Jason, wann bist du eigentlich so schlau geworden?"
Ihr Freund grinste daraufhin anzüglich. „Ich habe noch mehr ungeahnte Talente."
Es war zwar bereits dunkel, dennoch mussten sie eine ganze Weile warten, bevor sie damit rechnen konnten, dass sich etwas tun würde. Der Flüchtige war ein Schmuggler und Betrüger. Das Gebäude vor ihnen war der Treffpunkt um ein Geschäft abzuwickeln. Wenn möglich wollten sie nicht nur ihr Ziel, sondern auch dessen Geschäftspartner erwischen. Man rechnete jedoch nicht damit. Solche Leute ließen sich selten in einen Kampf verwickeln, sondern verschwanden lieber möglichst schnell.
„Da!" Jason stubste Lia an und zeigte auf eine dunkle Ecke am Haus. Eine Gestalt bewegte sich. Die Person bewegte sich langsam und huschte dann in den Hauseingang, wo sie im Schatten verschwand.
„Das ist er. Also, drei Minuten." Er schob seinen Arm aus dem Ärmel um seine Uhr besser zu sehen. „Ja, jetzt."
Doch Lia hielt ihn zurück. Irgendwas stimmte nicht.
„Was ist denn?!"
„Irgendwas stimmt nicht..."
„Irgendwas?"
„Die Tür!" Endlich fiel ihr ein, was sie störte.
„Die Tür?"
„Sie ist nicht ins Schloss gefallen."
Jason dämmerte langsam, was sie ihm sagen wollte. Es war vollkommen still in dieser Gasse, doch sie hatten kein Geräusch von der Tür gehört, als der Mann hineinging. Es war möglich, dass er sie offen gelassen hatte, doch sie hatten das Gebäude genau inspiziert, die Tür war aus schwerem Eichenholz und würde nicht einfach angelehnt bleiben. Und sicher würde er es nicht wagen sie komplett offen zu lassen.
„Er ist nicht reingegangen."
„Vielleicht wittert er eine Falle. Wer weiß wie vertrauenswürdig seine Kunden sind."
Jason überlegte kurz. „Also von den Seiten?"
Lia nickte. „Du von rechts, ich von links."
Das Gebäude hatte einen schmalen Hinterhof, der über eine andere Gasse durch ein Eisentor zu erreichen war. Dort standen Sally, Mel und Silas bereit um einen Hinterhalt oder Flucht zu verhindern. Sie erklärten den dreien kurz ihren Plan und schlichen dann zusammen mit Silas weiter. Zwischen den Außenwänden des Bürogebäudes und den Nachbargebäuden war nur ein enger Gang. Lia und Jason mussten sich seitlich durch den Müll kämpfen. Es war gefährlich, doch sie gingen langsam vor.
Lia spähte um die Ecke des Gebäudes und wartete bis sie sicher war, dass Jason da war. Dann schob sie sich langsam um die Ecke und an der Wand entlang Richtung Eingang. Es gab einen kleinen Vorbau über dem Eingang, der dem Mann die Sicht etwas verstellte. Sie schlich so weit vor wie sie sich traute, dann wartete sie. Ein Geräusch, ein leiser Fluch, Lia wirbelte im selben Moment herum wie der Mann im Eingang und während er sich auf Jason stürzen wollte, jagte sie ihm einen Stupor in den Rücken. Er ging mit einem dumpfen Plumps zu Boden. Lia und Jason schlichen hin, während von der Ecke ein sehr glaubwürdiges Miauen erklang.
Sie zogen dem Mann die Kapuze vom Kopf.
„Das ist er."
Silas kam zu ihnen und zog eine kleine Flasche aus dem Umhang. Er tropfte eine rötliche Flüssigkeit auf das Gesicht des Mannes, die langsam und dickflüssig dessen unrasierte Wange herab lief. Als nichts geschah nickte er. Der Mann hatte keinen Vielsafttrank verwendet.
Zwei Gestalten näherten sich den dreien und dann hockten sich Ray und Kevin neben sie.
„Alles in Ordnung?"
Die drei nickten. „Er hat im Hauseingang gewartet."
Obwohl sie leise flüsterten traute sich niemand mehr zu sagen.
„Wir übernehmen."
Lia, Jason und Silas schlichen hinüber zum Eingang, während zwei weitere aus ihrer Gruppe dazu kamen um die Wache zu übernehmen. Kevin und Ray würden den Flüchtling in Gewahrsam nehmen.
Silas kontrollierte den Eingang auf Fallen, doch es gab nur eine Art Gesichtserkennung, die der Mann bereits außer Kraft gesetzt hatte. Deshalb wohl auch keine Verkleidung.
Sie betraten das Gebäude und sahen sich um. Sie hatten sich Fotos und Pläne des Gebäudes eingeprägt und wussten, dass der Treffpunkt im Salon war und sie durch die Tür am anderen Ende der Eingangshalle mussten. Silas kontrollierte wieder und fand keine Fallen, doch ihnen war nicht wohl.
Leise schlichen sie an der Wand entlang und blieben dabei zusammen. Lia warf einen Blick in jeden Raum, den sie passierten, während die Jungs die Halle im Blick behielten.
Ohne Schwierigkeiten kamen sie an der Tür zum Salon an.
Lia hielt die anderen Beiden zurück.
Irgendwie gefiel ihr das alles nicht. Sie holte tief Luft und dachte nach. Was hätte sie erwartet? Jemanden an der Tür, der sie erwartet? Und eine offene Tür. War das ein Hinterhalt? Hatten die Geschäftspartner des Flüchtlings ihm eine Falle gestellt? Und was würde diese Falle beinhalten? Was hätten sie erwartet. Und ihr wurde bewusst, dass der Mann alles genauso gemacht hätte wie sie bisher. Ein Grinsend schlich sich auf Lias Gesicht und ihre Augen funkelten. Den beiden Jungs war bei diesem Anblick nicht ganz wohl.
„Bereiten wir ihnen eine Überraschung.", hauchte Lia den beiden zu, dann machte sie durch Handzeichen klar, was sie vorhatte.
Wenige Augenblicke später flog die Tür mit einem lauten Knall aus den Angeln und Lia schrie „Expelliarmus!", während die Jungs in den Raum liefen und die drei wartenden Männer ohne Schwierigkeiten betäubten.
Tatsächlich hatten sie wohl auf der Lauer gelegen um sich auf den Mann zu stürzen, sobald er den Raum betrat. Doch der Knall und der Lichtblitz hatte sie kurzfristig aus dem Konzept gebracht, so dass Lia, die vermutete, dass ein laut geschriener Zauber sie nochmal unerwartet treffen würde, sie entwaffnen konnte.
In dieser Nacht war Lia der Held. Sie hatte es geschafft gleich zwei Fallen zu wittern und dafür zu sorgen, dass sie sowohl ihre Zielperson, als auch dessen Geschäftskontakte erwischt hatten. Silas erzählte immer wieder laut lachend wie panisch er beim Anblick von Lias Grinsen geworden sei.
Lia war stolz. Doch sie hatte auch Angst. Es klang alles ganz wundervoll, wenn sie es so erzählten. Aber hatte sie wirklich das Richtige getan? Hatte sie alles bedacht? War es nicht falsch gewesen, ihre Kollegen dieser Gefahr auszusetzen, ohne zu wissen ob sie eine Chance hatten? Wenn es mehr als drei Männer gewesen wären hätten sie es nicht geschafft. Dennoch hatte sie nicht riskieren wollen den Raum magisch zu untersuchen. Damit hätten die Männer gerechnet und sie hätten sich verraten.
Zurück in London versammelten sie sich alle in ihrem Klassenraum. Saßen auf den Tischen und Stühlen, standen davor und verarbeiteten lachend die gelöste Anspannung.
Schließlich betrat Podmore den Raum. „Schön, dass sie alle gesund und munter sind", sagte er mit einem Lächeln. Kein Lob. Kein Tadel.
„Teil ihrer Prüfung ist auch noch ein Gespräch um ihr Verhalten während der Aufgabe zu reflektieren."
Alle sahen sich überrascht an. Davon hatte niemand etwas gesagt.
„Mr. Cheswick, Sie sind der Erste."
Ray erhob sich und folgte Podmore aus dem Raum.
Zunächst waren sie alle in Gedanken vertieft, gingen den Abend noch einmal durch, stellten sich selbst alle Fragen, die ihnen einfielen.
Dann begannen leise Gespräche, der Versuch sich von den anderen hinterfragen zu lassen.
Nach und nach rief Podmore sie alle raus und wer bereits dran war kam auch nicht wieder rein. Jason war schon eine Weile weg, als Lia aufgerufen wurde.
„Ms Kenneth?"
Es war ungewohnt kein Lächeln in Podmores Gesicht zu sehen. Er trug ein richtiges Pokerface zur Schau und Lia fühlte sich unwohl. Trotzdem blieb sie ruhig. Reflektionsgespräche waren ja im Grunde nichts neues, sie machten das regelmäßig und kannten alle wichtigen Punkte, die zu beachten waren. Sich selbst zu überprüfen und zu hinterfragen war für einen Auror eines der wichtigsten Dinge. Was auf den ersten Blick eine gute Idee gewesen zu sein schien, konnte sich später als großen Fehler erweisen und wenn man diesen Fehler nicht wiederholen wollte musste man wissen, wie man das nächste Mal vorging. Hatte sie einen Fehler gemacht? Sie wusste es immer noch nicht. Doch sie musste es wissen! Es könnte wichtig sein. Was, wenn man sie rauswarf?
In dem Raum, in den Podmore sie führte, saß noch ein anderer Mann und Lia erkannte ihn als den Mann vom Vorstellungsgespräch. Sie schluckte. Es wäre ihr lieber gewesen nur mit ihrem Lehrer zu reden. Aber das konnte sie wohl nicht erwarten. Wenn sie diese Prüfung bestand würde sie mit in den aktiven Dienst kommen. Die richtige Auswahl von Leuten war dafür wichtig, oder andere Auroren würden in Gefahr gebracht.
Seltsamerweise musste sie in diesem Moment daran denken, dass dieser Mann, wie hatte Remus ihn genannt? Kingsley Shacklebolt? Dieser Mann...musste unglaublich jung sein. Sie schätzte ihn auf Remus Alter, wenn nicht sogar jünger. Wie konnte er schon so wichtig sein?
„Ms Kenneth, bitte setzen sie sich."
Lia tat was er sagte und der Mann sprach gleich weiter.
„Das letzte Mal als wir uns gesehen haben konnte ich mich ja nicht vorstellen. Mein Name ist Kingsley Shacklebolt und ich überwache die Ausbildung der neuen Auroren. Es mag sie überraschen, dass sie mich bisher nicht gesehen haben, doch ich halte mich gerne im Hintergrund. Wenn sie diese Prüfung bestehen und einem Seniorpartner zugeteilt werden, dann werden wir uns öfter sehen."
Wenn. Lia war dankbar für die bisherige Ausbildung, denn sie half ihr jetzt völlig ruhig zu bleiben.
„Also, Ms Kenneth, sie wissen ja, wofür sie hier sind."
„Ja, es geht darum unsere Prüfung zu reflektieren. Was letztendlich auch ein Teil der Prüfung ist und ich denke kein kleiner." Lia lächelte leicht, doch ihr Gegenüber verzog keine Miene. Sie wusste, dass sie selbst reden musste und nicht auf Fragen warten durfte.
„Unsere Aufgabe an diesem Abend bestand darin einen Flüchtigen zu stellen. Er war als Schmuggler und Betrüger bekannt und wir hatten Informationen bekommen, dass er sich mit Kunden in dem Bürogebäude in Romford treffen wollte. Unser Team hat sich entschieden die Gruppe in zwei Hilfstrupps und einen Sturmtrupp zu unterteilen. Ich selbst war Teil des Sturmtrupps. Zusammen mit einem Teamkollegen wartete ich an der Vorderseite des Gebäudes auf unsere Zielperson. Unser Plan war, dem Mann etwa drei Minuten nachdem er das Haus betreten hatte zu folgen. Wir bemerkten jedoch, dass etwas nicht stimmte. Bei der Eingangstür handelte es sich um eine schwere Eichentür und obwohl es vollkommen still in der Gasse war konnten wir die Tür nicht zufallen hören."
„Wem von ihnen beiden fiel das auf?"
Lia zögerte. „Mir..."
War es gut oder schlecht, dass sie das nicht gesagt hatte?
Als keine weiteren Fragen kamen fuhr sie fort die Geschehnisse wiederzugeben.
Kingsley Shacklebolt stellte keine weiteren Fragen bis Lia zum Schluss gekommen war.
„Ich denke...ich denke, dass ich sehr viel Glück gehabt habe so gute Leute in meinem Team zu haben. Unseren Posten zu verlassen und anders als geplant vor zu gehen, war riskant, doch wir haben diese Entscheidung gemeinsam getroffen und ich halte es noch immer für die richtige Entscheidung. Da unser Auftrag besagte, wenn möglich auch die Geschäftspartner des Mannes fest zu nehmen, mussten wir die Chance, die sich uns nach der Festnahme unserer Zielperson bot, nutzen. Wir waren vorsichtig, dennoch war es ein gefährliches Vorgehen. Wir vermuteten etwa drei Männer im haus, konnten jedoch nicht sicher sein. Mit drei Leuten waren wir jedoch mehr als der Flüchtling und so entschieden wir alle hineinzugehen. Wir kontrollierten natürlich auf Fallen und gingen vorsichtig vor.
Doch als wir drinnen waren, wurden Absprachen schwieriger. Ich habe aus Intuition gehandelt, aus der Vermutung heraus, dass unsere Zielperson auf dem Weg in eine Falle gewesen war. Ich hatte jedoch keine konkreten Anhaltspunkte. Der Plan ist aufgegangen, doch es war gefährlich, nicht nur für mich, sondern auch für die Leute bei mir. Letztendlich hatte ich Glück. Glück so gute Zauberer bei mir zu haben, mit denen ich mich auch ohne Worte verständigen und mich voll auf sie verlassen konnte. Für unsere Aufgabe war es eine gute Entscheidung, doch ich habe in dem Moment nicht über die Gefahren nachgedacht, sondern nur das Ziel vor Augen gehabt. Es können Situationen auf mich zukommen in denen diese Risikobereitschaft Verluste bedeuten kann."
Lia atmete tief durch. Sie hatte alles gesagt, was sie sagen wollte. Tatsächlich hatte sie sehr viel mehr gesagt als sie geplant hatte, doch sie hielt alles für richtig. Oder hatte sie sich mit ihrer Selbstkritik ins Aus gespielt?
Es herrschte eine kurze Stille im Raum, während der Shacklebolt sie genau beobachtete.
Dann endlich sprach er.
„Ich danke Ihnen für Ihre Gedanken, Ms. Kenneth. Mr. Podmore, sie gehört Ihnen." Damit bedeutete er Lia, dass sie gehen könne.
Sie hielt gerade noch lange genug den Mund, bis sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte.
„Das war's? Kein Kommentar zu dem was ich gesagt habe?!"
Podmore musste schmunzeln, als sie so herausplatzte.
„Keine Sorge, Ms. Kenneth, es wird noch genug Menschen geben, die sie kritisieren werden. Und bis dahin kann ich Ihnen sagen, dass sie Mr. Shacklebolt alles gesagt haben, was er von Ihnen hören wollte. Allerdings werden sie möglicherweise im nächsten Jahr einiges von dem bereuen, was sie heute Abend gesagt haben."
Lia wusste ganz genau, wie sehr Podmore ihren verständnislosen Blick genoss. Und die Gedanken, die sie sich die nächsten Wochen machen würde.
„Und hiermit ist das Ende dieser Lebensphase besiegelt."
Silas wedelte theatralisch mit dem Schreiben, dass sein Prüfungsergebnis beinhaltete.
„Jetzt werd nicht dramatisch. Wir sind immer noch keine vollausgebildeten Auroren."
Mit diesen Worten nahm Jason seinem Freund das Blatt aus der Hand und brachte es in seiner Tasche in Sicherheit.
Sie hatten es sich mit ihrer kleinen Gruppe in einer Ecke im Tropfenden Kessel gemütlich gemacht um in aller Ruhe ihre bestandene Prüfung zu feiern. Aber wirklich feiern taten sie eigentlich nicht. Ihre Runde wirkte sogar fast besinnlich.
„Immerhin ist es das Ende des Lernens!"
„Man lernt nie aus, Hampton.", meine Ray grinsend.
„Und wir haben immer noch die Theoriewochen...", gab Kerry zu bedenken.
Ihre fehlende Begeisterung schien Silas zu stören. „Ach kommt schon! Wir sind die Großen! Wir stürzen uns in ein paar Wochen in den Ernst des Lebens! Das sollte man Feiern! Wer weiß, wann wir wieder Gelegenheit dazu bekommen." Damit stand er auf, schnappte sich Shelley und zog sie auf die Tanzfläche.
Einige der anderen folgten den Beiden lachend.
„Wer weiß ob wir überhaupt jemals wieder diese Gelegenheit bekommen.", meinte Sally leise während sie den Inhalt ihres Weinglases betrachtete.
Lia sah ihre Freundin traurig an. Sie wusste wie Recht Sally haben könnte.
„Na, dann sollten wir diese erst recht nutzen." Jason lächelte und stupste Sally an. „Na komm, ab auf die Tanzfläche."
Sally ließ es geschehen, dass Jason sie zu den anderen Tanzenden zog und Lia sah den Beiden hinterher, immer noch in Gedanken.
Moment. Hatte Jason gerade Sally aufgefordert und nicht sie?
Es dauerte einen Moment bis lia klar wurde was sie da dachte? War sie etwa eifersüchtig? Wenn sie ganz ehrlich war, ja. Sie hatte sich an den Gedanken gewöhnt, dass Jason immer bei ihr war und irgendwie hatte sie keine Lust ihn zu teilen. Der gedanke ließ sie rot werden. Was war denn los mit ihr?
Eine Weile drehte Lia verwirrt ihr Glas in den Händen, ohne richtig zu bemerken, was um sie herum geschah.
Dann erschien plötzlich ein kleines, hübsch eingepacktes Paket in ihrem Gesichtsfeld.
Überrascht sah Lia auf und entdeckte Matt, der sie angrinste. "Matt?!"
"Na, ich wollte doch wenigstens mal vorbeischauen und gratulieren." Er setzte sich neben sie und drückte ihr das Päckchen in die Hand.
"Danke...", murmelte Lia und war froh, sich mit dem Päckchen beschäftigen zu können. Wie immer wusste sich nicht recht, wie sie mit Matt umgehen sollte und dass er ausgerechnet in dem Moment auftauchte, wo sie sich fragte wie sehr sie Jason eigentlich mochte, trieb ihr die Röte ins Gesicht.
In dem Päckchen befand sich ein schön gearbeitetes Tintenfass. Der Deckel war so gearbeitet, dass es aussah als legten sich Flügel um das mit schwarzer Tinte gefüllte Glas.
"Wow, das ist echt schön."
"Du klingst irgendwie übermäßig überrascht." Matt lachte und Lia musste selber grinsen. Das Geschenk überraschte sie tatsächlich. Aber seltsamerweise beruhigte es sie auch.
"Ach naja, ich hab nicht gerade damit gerechnet ein Geschenk zu bekommen. Und das hier ist wirklich schön."
Matt lächelte sie an und sie konnte nicht anders als leise aufzuseufzen. Sie war erleichtert. Vermutlich, weil das hier eine ganz eindeutige Geste der Zuneigung war und Matt damit einen großen Schritt auf sie zuging. Und weil es etwas war, was man einer ganz normalen Freundin schenken konnte. Vielleicht war es albern. Aber Lia half dieses Tintenfässchen ihre Beziehung zu Matt wieder zu definieren.
Und so fiel es ihr leicht mit ihm mitzukommen, als er sie zum Tanzen aufforderte. Und Jason war erst einmal vergessen.
A/N: Hey ihr Lieben!
Schön, dass das hier tatsächlich jemand liest ;)
Es ist immerhin schon ein Weilchen her seit dem letzten Update (und das nächste wird auch noch etwas dauern! Sorry...), trotzdem gebe ich meine Lia noch nicht auf. Aber es kommt eben immer etwas dazwischen, ob man es nun Schreibblockade, Stress oder gar Privatleben nennt ;)
In dieser Story hat so einiges ein Eigenleben entwickelt, deshalb muss ich ein bisschen aufpassen, dass nicht manches zu lang wird und dafür wichtiges zu kurz kommt. Aber ich gebe mir Mühe :)
Also, hinterlasst gerne Kommentare, weist mich auf Fehler hin (Kein beta und lange Pausen können zu sowas führen! ;)) und vor allem: Bleibt mir treu :)
Bis bald, eure Nari
