In den nächsten vier Tagen war es immer der genau gleiche Ablauf für Sakura. Früh morgens aufstehen, zum Krankenhaus fahren, sich um Uchiha Itachi kümmern, irgendwelche bissigen Kommentare (vornehmlich von Fugaku) über sich ergehen lassen und spät abends wieder nach Hause zurückkehren. Mittlerweile war es der siebte Tag, an den sie sich um ihn kümmerte und während ihre beiden besten Freundinnen eine Massage bekamen oder an einer Bar saßen und einen Cocktail tranken, füllte Sakura zum gefühlt eine millionsten Male das gleiche Formular aus. Er war über den Berg. Das war die gute Nachricht. Sein Zustand hatte sich in den vergangenen Tagen sehr gebessert, doch das alte Problem blieb. Er war immer noch nicht aufgewacht – lag folglich immer noch im Koma. Das war es, was alle hier beunruhigte. Nicht allein seine Familie stellte wiederholt die Frage, wann oder gar ob er jemals wieder aufwachen würde. ‚Wenn er endlich aufwachen würde', flehte Sakura innerlich, ‚dann wäre ich diese Aufgabe hier bald los.' Sie hatte mittlerweile einen neuen Dienstplan erhalten, der genau das für die kommende Woche vorsah, was sie bereits die ganze Zeit über getan hatte. So langsam trieb das ganze sie in den Wahnsinn. Natürlich konnte Sakura verstehen, warum Tsunade ihr diese Aufgabe übertragen hatte und was sie bei der ganzen Sache lernen sollte. Dennoch hatte sie mittlerweile das Gefühl, dass sie in einer Art Routine gefangen war und da nicht mehr heraus kam. Tag für Tag tat sie das gleiche. Was sollte sie da sonst noch lernen, außer dem Umgang mit einflussreichen sowie bekannten Persönlichkeiten und der Überwachung von Komapatienten. Eine gewisse Angst beschlich Sakura, das alle anderen Assistenzärzte im Krankenhaus Fortschritte machten, während sie auf der Stelle trat. Eine weitere Woche würde sie dies noch mitmachen, dann würde sie Tsunade sagen, dass sie gerne wieder eine richtige Betreuung von Patienten übernehmen würde.
Fugaku und Mikoto Uchiha besuchten ihren Sohn jeden Tag im Krankenhaus. Selten sprach einer von den beiden ein Wort. Lediglich Fugaku beschwerte sich von Zeit zu Zeit, indem er das Personal (hier vornehmlich Sakura und die anwesende Krankenschwester) als inkompetent bezeichnete oder spöttische Kommentare gegenüber ihnen abließ. Mikoto hingegen war stets freundlich zu ihnen gewesen, sagte aber auch nur selten ein Wort. Meist blieb sie noch länger als ihr Mann und saß an dem einen oder anderem Tag noch am Bett ihres Sohnes, als Sakura abgelöst wurde. Sasuke tauchte auch noch zwei Mal auf, bei denen er jedoch kein einziges Wort mit irgendjemandem vom Krankenhauspersonal wechselte. Sakura erwischte ihn lediglich einmal dabei, wie er sie mit einem abschätzigen Blick betrachtete.
„Ist dir bereits schon mal aufgefallen", sagte Ayumi zu ihr, nachdem Fugaku und Mikoto kurz zuvor wieder gegangen waren, „das ihr Sohn nie das Zimmer seines Bruders betritt?"
Sakura sah sie überrascht an. Jetzt da Ayumi es erwähnte und sie an all seine Besuche hier dachte, musste sie feststellen, dass Ayumi Recht hatte. „Stimmt, er steht immer vor dem Fenster. Als würde er einen Geist sehen..."
„Ist doch merkwürdig, nicht? Natürlich ist der Anblick zu Beginn immer erschreckend, doch mittlerweile sollte er wissen, was ihn erwartet. Es gibt doch niemanden, der ihn davon abhält, hineinzugehen. Es sei denn..." Ayumi blickte ganz angestrengt herüber zu dem Krankenzimmer, stand dann auf und versicherte sich, dass außer ihnen beiden sonst niemand hier war.
„Es sei denn, was?"
„Das was ihm zugestoßen ist, war ja kein Unfall. Du hast ja sicherlich auch gehört, dass seine zwei Wachleute erschossen worden sind. Was, wenn sein Bruder etwas damit zu tun hatte? Er kann es uns ja im Moment nicht sagen", Ayumi deutete auf das Krankenzimmer, „und sein Bruder kann da jetzt nicht rein gehen, einfach weil er sich schuldig fühlt. Weil er ganz genau weiß, dass er seinen Bruder fast umgebracht hat."
Sakura antwortete darauf nicht. Sie hätte auch nicht gewusst, was sie antworten sollte. Hatte Ayumi mit ihrer Vermutung etwa Recht? War Sasuke an der ganzen Sache beteiligt? Sakura kannte ihn zu wenig, um das entsprechend beurteilen zu können. Dennoch, wenn sie auf der Stelle sich entscheiden müsste, würde sie sagen, dass er nichts mit der Sache zu tun hat. Natürlich war er ihr unmöglich gegenüber gewesen, das stand außer Frage. Doch das machte ihn nicht gleich zu einem Mörder. Auf Sakura wirkte er eher wie jemand, der sich gerne über andere Leute lustig macht; ihnen zeigt, dass sie unter ihm stehen – so wie er es mit ihr gemacht hatte.
„Ganz ehrlich, man kann über diese Leute sagen was man will, aber ich wünsche mir, dass er bald wieder aufwacht", verkündete Ayumi, „allein, weil ich gerne ein paar freie Tage hätte." Sowohl Ayumi, als auch Sakura mussten schmunzeln. ‚Ein paar freie Tage wären wirklich schön', dachte Sakura sich, ‚ich hätte noch so viele Dinge auf meiner Liste, die ich gerne erledigen würde.'
Das Telefon klingelte und Ayumi nahm ab. Sie sagte nichts, sondern hörte nur dem zu, was die Person auf der anderen Seite sagte. Interessiert beobachtete Sakura sie. Das einzige was Ayumi sage war, „ich habe verstanden", dann legte sie auf. „Tsunade möchte das du sofort in ihr Büro kommst", sagte Ayumi an sie gewandt.
„Hat sie gesagt wieso?", fragte Sakura ihr und sie hatte das Gefühl, ihr Magen drehte sich auf links. Es ging vielleicht um die Uchihas – nein, es musste um die Uchihas gehen. Bei belanglosen Kleinigkeiten hätte Tsunade ihr eine Nachricht geschickt. Sie holte sie nur in ihr Büro, wenn es etwas Wichtiges war. Nachdem Ayumi ihre Frage verneint hatte, machte Sakura sich mit einem mulmigen Gefühl auf zu ihrem Büro. Dort angekommen klopfte Sakura an die Tür und wartete auf eine Antwort. Nach einem kurzen „ja" öffnete sie die Tür und sagte, „Sie haben nach mir gerufen, Tsunade-sama?"
„Komm herein und schließe die Tür, denn das was ich dir sagen möchte, ist nicht für andere Ohren bestimmt", raunte Tsunade und tippte irgendetwas in ihren Computer ein. Sie blickte Sakura noch nicht einmal an, sondern tat als wäre sie unsichtbar. „Ich habe mit der Familie Uchiha gesprochen..."
‚Verdammt...', war das erste was Sakura durch den Kopf fuhr, ‚das wird kein gutes Ende nehmen.' Erst diese Auseinandersetzung – oder besser gesagt Auseinandersetzungen – mit Sasuke und dann auch noch Fugaku der sich am laufenden Band über alles beschwerte, was sie dort taten. Dem sie es überhaupt nicht Recht machen konnten. ‚Ich muss lernen, meine Klappe zu halten', ging es ihr durch den Kopf, ‚wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass er hier angerufen hat?!'
„Zu allererst", fuhr Tsunade fort, „hat sich Uchiha Fugaku über unsere medizinische Versorgung beschwert. Er hat unser Personal als inkompetent bezeichnet und noch einiges mehr. Ich gehe davon aus, dass er ähnliches auch zu euch gesagt hat?"
Sakura nickte, „wir haben alles immer vorschriftsmäßig getan – wir haben nichts falsch gemacht..."
„Schon gut", Tsunade sah zum ersten Mal auf. „Ich weiß auch, dass ihr alles in eurer Macht stehende getan habt. Ich denke, er steht im Moment einfach nur unter enormen Druck. Sein Sohn schwerverletzt und die Firma wird wahrscheinlich auch darunter leiden. Ihr müsst euch wirklich keine Sorgen machen. Nun, der Grund war ich dich hierher bestellt habe ist vielmehr der, dass jetzt, wo Itachis Zustand stabil ist, man ihn gerne Zuhause pflegen möchte."
„Das ist absurd..."
„Dessen bin ich mir auch bewusst. Itachi wäre hier viel besser aufgehoben, besonders wo wir über alle medizinischen Mittel verfügen. Ich habe lange versucht es ihnen auszureden, doch sie bestehen darauf. Die Uchihas befürchten, dass man erneut versuchen wird, ihren Sohn umzubringen – wer auch immer das getan haben mag. Sie sind der Meinung, dass auf ihrem Anwesen besser für seine Sicherheit gesorgt werden kann, als hier."
„Am Ende ist er dort sicherer aufgehoben, aber auf Grund der mangelhaften medizinischen Versorgung stirbt er trotzdem...", entgegnete Sakura plump und konnte die Entscheidung der Familie Uchiha nicht nachvollziehen. Besonders wenn man bedenkt, dass hier ja schon alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden. ‚Mag doch mal einer diese Familie verstehen', raunte ihre innere Stimme.
„Nun die Entscheidung wurde getroffen und in diesem Fall haben wir keine andere Wahl, als all dem zuzustimmen", erläuterte Tsunade weiter und ihr Blick verdunkelte sich ein wenig, „Itachi wird bereits heute auf das Anwesen überstellt. Ich werde persönlich dabei sein und darauf achtgeben, dass alles seine Ordnung hat. Nachdem was mir gesagt wurde, hat die Familie alle benötigten medizinischen Geräte besorgt – Medikamente hingegen werden vom Personal dieses Krankenhaus verschrieben. Zudem hat die Familie einen Pfleger eingestellt, der sich allein, rund um die Uhr, um Itachi kümmern wird."
„Tsunade-sama, erlauben Sie die Frage; warum bin ich hier?", fragte Sakura sie und wusste, dass Tsunade sie sicherlich nicht nur geholt hatte, um ihr dies zu erzählen.
„Das wäre mein nächster Punkt. Es ist mit der Familie abgesprochen, dass jemand vom Krankenhaus zweimal täglich dort vorbei schaut und nach dem Rechten sieht. Ich möchte, dass du diese Aufgabe übernimmst."
„Ich?", fragte Sakura verwundert und ihre Verwunderung war mehr als begründet. Immerhin kam sie mit den Uchihas nicht sonderlich gut klar: Fugaku hatte sie wiederholt als inkompetent bezeichnet und Sasuke drohte damit, sie feuern zu lassen.
„Ja, du. Du fährst morgens vor deiner Arbeit hier im Krankenhaus dorthin, kommst hier her und bevor du abends nach Hause fährst, siehst du noch einmal auf dem Anwesen vorbei. Organisiere es so, dass deine Schichten hier im Krankenhaus nicht davon betroffen sind..."
„Einen Moment mal", sagte Sakura und glaubte sich verhört zu haben, „das heißt also, ich stehe morgens in aller Frühe auf, fahre zu dem Anwesen, schaue dort nach dem Rechten, fahre von dort aus zum Krankenhaus und arbeite hier meine ganz normale Schicht. Und wenn die Schicht dann vorbei ist, fahre ich wieder zum Anwesen der Uchihas, schaue erneut nach dem Rechten und dann schließlich fahre ich wieder nach Hause?"
„Ganz genau..."
„Und wer übernimmt diese Aufgabe auch noch? Ich bin doch sicherlich nicht die Einzige, die dafür zuständig ist..."
„Doch, das bist du. Du ganz allein."
Sakuras Augen weiteten sich, „entschuldige Tsunade-sama, aber wie soll das funktionieren? Ganz ehrlich, wir wissen nicht ob er jemals wieder aufwacht... Soll das heißen, ich fahre bis in alle Ewigkeiten, möglicherweise, zu dem Anwesen? Jeden Tag – ohne Unterbrechung?! Was, wenn ich einmal selber krank werde? Was wenn ich einmal einen Tag frei haben möchte?"
„Dein Ton gefällt mir nicht", raunte Tsunade, „zudem will ich das letzte nicht gehört haben. Sakura, du bist Ärztin. Es ist dein Job anderen Menschen zu helfen... Wenn du glaubst, dazu nicht in der Lage zu sein, dort ist die Tür."
Sakura hatte es für einen Augenblick die Sprache verschlagen, was möglicherweise auch der richtige Zeitpunkt dafür war. Am liebsten hätte sie dort wie ein kleines Kind um sich geschlagen, auf dem Boden herum gestampft und zahlreiche Flüche ausgestoßen. Doch dies gehörte zum Erwachsenendasein. Sich zurückhalten zu können. Zu wissen, wann man den Mund aufmacht und wann nicht. Zu wissen, dass man auch einmal Sachen tun muss, die man eigentlich gar nicht tun will. Welche Wahl hatte sie denn auch schon: entweder sie würde nun tagtäglich das Anwesen der Uchihas aufsuchen oder sie wäre ihren Job los. Es war die Wahl des geringeren Übels. „Wo liegt das Anwesen?", fragte Sakura Tsunade.
„Im Westen der Stadt, ruhige und abgeschottete Lage", antwortete Tsunade, die sich mittlerweile wieder ihrem Computer zugewandt hatte, „ich gehe davon aus, du besitzt ein Auto?"
‚Ein Auto?', schrie ihre innere Stimme auf, ‚wie um alles in der Welt soll ich mir bei diesem mickrigen Gehalt ein Auto leisten? Es geht doch schon genug Geld für meine Wohnung und dergleichen drauf!' „Nein, ich besitze kein Auto", antwortete Sakura verbittert.
„Dann wirst du dir irgendetwas arrangieren müssen. Sowohl die Uchihas, als auch ich erwarten Pünktlichkeit", antwortete Tsunade, „bis Itachi abtransportiert wird heute Nachmittag, wirst du dich weiterhin um ihn kümmern. Morgen früh, wirst du dann zum ersten Mal zum Anwesen der Familie Uchiha fahren. Shizune wird dir alles Nötige dafür geben. Das wäre dann alles. Du kannst nun wieder gehen."
Als Sakura das Büro verließ, fühlte sie sich der Ohnmacht nahe. Wie sollte sie das nur schaffen? Sie wohnte im Osten der Stadt, heißt, sie müsste jeden Morgen einmal quer durch die ganze Stadt, um zum Anwesen zu kommen. Dann den halben Weg wieder zurück zum Krankenhaus und das gleiche Spiel in die andere Richtung noch einmal am Abend. Und die Spitze des Eisberges war, dass sie die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen durften – die sicherlich das Doppelte oder Dreifache der Zeit beanspruchen würden. Ihre Ausbildung war so schon nicht leicht, jetzt hatte sie noch einmal einen großen Berg Arbeit hinzubekommen. ‚Lass dich nicht unterkriegen', schrie ihre innere Stimme auf, ‚das ist alles möglicherweise nur ein Test. Gib dein Bestes!' Sakura schüttelte den Kopf. Sie war so weit gekommen, sie würde jetzt auf keinen Fall das Handtuch werfen. Und wer weiß, möglicherweise wachte Uchiha Itachi bereits in den nächsten Tagen auf, dann hätte sich die ganze Sache sehr schnell wieder erledigt.
Durch die Überführung von Itachi auf das Anwesen der Uchihas, hatte Sakura an diesem Tag früher als gewöhnlich Schluss. Ein paar Stunden Freizeit, die sie sehr gut gebrauchen konnte und die binnen einer Minute wieder verplant waren. Nach dem sie mit einem Einkauf ihren Kühlschrank wieder aufgefüllt hatte, machte Sakura sich daran, ihre Wäsche zu waschen und die, die sich auf einem Stuhl in ihrem Schlafzimmer stapelte, wieder in den Kleiderschrank einzuräumen. Die Liste war endlos und als die Uhr halb zehn anzeigte, gab Sakura auf. Alles würde sie heute nicht mehr schaffen.
Nach einer über eineinhalbstündigen Fahrt und dreimal umsteigen, hielt der Bus endlich an der vorgesehenen Haltestellte. Sakura war die einzige Person die ausstieg, was sie jedoch nicht sonderlich wunderte. Die Gegend hier wirkte wie ausgestorben. Einen vereinzelten Jogger konnte sie in der Ferne sehen, damit war es aber auch schon getan. Ein hoher Zaun reihte sich an den nächsten, die hin und wieder durch ein Tor unterbrochen wurden. Die Häuser – oder besser gesagt Anwesen konnte man kaum erkennen. Wer hier lebte, lebte recht abgeschotten von der Welt. Kein Straßenlärm, keine vollen Gehwege – nur Stille. Sakura konnte Vögel zwitschern hören – ein Geräusch das sie seit Ewigkeiten nicht mehr gehört hatte. Sie hatte sich einen Lageplan ausgedruckt und machte sich auf den Weg, die Straße entlang.
‚Irgendwo hier muss es doch sein?', dachte Sakura sich und ging den vereinsamten Bürgersteig entlang. Vor einer Einfahrt blieb sie stehen. Wenn sie sich nicht geirrt hatte, müsste dass das Anwesen der Uchiha sein. Dort vom Bürgersteig konnte sie nichts erkennen, was darauf hindeutete und auch ein Klingelschild fehlte. Das große unscheinbare und holzverkleidete Tor hatte etwas Bedrohliches. ‚Fremde nicht willkommen', tönte es sarkastisch in Sakuras Kopf. Es brauchte einen Augenblick, bis sie die kleine Sprechanlage links neben dem Tor fand. Sie drückte die Klingel und wartete.
„Wer sind Sie?", ertönte es unfreundlich aus dem Lautsprecher.
„Ist dies das Uchiha-Anwesen? Ich komme..."
„Verschwinden Sie. Wir kaufen nichts", unterbrach die Stimme Sakura unsanft und ein Knacken verriet ihr, dass die andere Person wieder aufgelegt hatte. Genervt drückte Sakura die Klingel erneut. ‚Das kann ja noch lustig werden...'
„Sie sollen verschwinden..."
„Mein Name ist Haruno Sakura. Ich komme vom...", erneut wurde Sakura unterbrochen.
„Verlassen Sie auf der Stelle die Einfahrt. Ansonsten sehe ich mich gezwungen die Polizei zu rufen." Die Person am anderen Ende der Leitung legte erneut auf. Innerlich schrie Sakura bereits auf. Was sollte sie nur machen, falls man sie nicht herein ließe? Tsunade anrufen? Zum Krankenhaus fahren? Sakura wollte noch einen letzten Versuch wagen, doch bevor sie überhaupt die Klingel drücken konnte, öffnete sich das Tor. ‚Vielleicht haben sie doch bemerkt, dass ich ihnen nichts verkaufen will', raunte ihre innere Stimme. Sakura betrat durch das Tor das Anwesen. Eine lange Auffahrt führte hoch zur Villa, wo ein Wagen vor dem Eingang stand. Sie war um ehrlich zu sein, vollkommen überwältigt von dem Haus. Natürlich hatte sie sich bereits vergleichbares vorgestellt, bei dem Ruf der Uchihas – doch dies... Sakura kam nicht weiter dazu, die Villa zu betrachten, da bereits zwei in schwarz gekleidete Männer auf sie zustürmten.
„Bleiben Sie auf der Stelle stehen", schrie der Blonde von beiden und als Sakura bemerkte, dass sie irgendeine Art von Waffe in der Hand hielten, ließ sie den Koffer zu Boden fallen und hob die Hände in die Luft. Doch das alles brachte nichts, denn im nächsten Moment lag sie bereits auf dem Boden und Jemand zog mit Gewalt ihre Arme auf den Rücken. Nachdem man ihr unter Protest Handschellen angelegt hatte, zog man sie auf die Knie.
„Sie haben sich unrechtmäßig Zutritt zu diesem Anwesen verschafft", schnauzte der Blonde sie an, „eine Klage wegen Hausfriedensbruch wird noch das Beste sein, was Ihnen passiert..."
Sakura, die jetzt erst begann zu realisieren, was gerade geschehen war, schluckte. „Mein Name ist..."
„Haruno Sakura", ertönte es hinter ihr. Perplex drehten sich Sakura, sowie die beiden Sicherheitsmänner um. Der Wagen der kurz zuvor noch vor der Villa gestanden hatte, hielt nun neben ihnen auf der Einfahrt. Die hintere Scheibe war herunter gelassen worden und Uchiha Sasuke sah die drei interessiert an. „So sieht man sich wieder, Haruno. Man könnte meinen, Sie tun alles dafür gefeuert zu werden."
Sakura schnaufte, ‚dämlicher Idiot. Wahrscheinlich genießt er das hier gerade in vollen Zügen.' „Ich versuche lediglich alles Mögliche, um den Menschen zu helfen. Was tun Sie?"
„Tss", entfuhr es Sasuke und er gab dem Fahrer das Zeichen weiterzufahren. „Einen schönen Tag noch, Haruno."
„Sie kennen Uchiha-sama?", fragte der rothaarige sie.
„Kennen ist vielleicht etwas übertrieben. Wir sind uns in den vergangenen Tagen mehrmals begegnet", raunte Sakura, „ich bin Ärztin. Das Krankenhaus schickt mich, ich soll nach Uchiha Itachi sehen." Die beiden Sicherheitsmänner sahen einander kurz an, worauf der rothaarige sein Smartphone herausholte und mit jemandem telefoniert. Der Wagen mit Sasuke war da bereits lange weg. Der Blonde löste die Handschellen und Sakura rieb sich ihre schmerzenden Handgelenke.
„Kommen Sie mit", die beiden führten Sakura die Einfahrt hoch und erst da bemerkte Sakura, das ihr Knie blutete. ‚Womit habe ich das nur verdient?' Die drei gingen an der Garage vorbei und gelangten durch eine unscheinbare Tür, hinter der Garage, in die Villa hinein. Die drei fanden sich in einem Raum wieder, der sehr nach einem herunter gekommenen Konferenzraum aussah. In der Mitte stand ein alter Tisch, darum gestellt zahlreiche Stühle, die alle irgendwie nicht zueinander gehörten. Hinter der Tür, an der Wand, stand ein Regal mit zahlreichen Körben, in denen die Angestellten ihre Sachen aufbewahrten.
„Warten Sie hier", sagte der Blonde zu ihr und verließ das Zimmer durch eine weitere Tür, der rothaarige blieb dort mit ihr zurück.
„Entschuldigen Sie bitte noch einmal, dass wir so grob zu Ihnen waren", sagte er nach einem Moment der Stille, „mein Name ist Sasori. Ich gehöre zum Sicherheitspersonal der Familie Uchiha." Sasori reichte Sakura die Hand, die leicht zögerlich einschlug.
„Und der Miesepeter, der da gerade verschwunden ist, ist Deidara", fuhr Sasori fort, „keine Sorge, seine Laune wird nicht mehr besser."
„Ich wäre nicht herein gekommen, wenn man mich hätte aussprechen lassen", sagte Sakura zu ihm, „aber ich bin an der Sprechlage gar nicht zu Wort gekommen..."
„Das kann ich mir gut vorstellen", antwortete Sasori, „Kisame ist dafür zuständig und naja, er ist im Laufe der Jahre ein guter Freund von Uchiha-sama geworden. Nachdem was geschehen ist, ist er überaus vorsichtig."
‚Was geschehen ist', diese Worte hallten durch Sakuras Kopf. Was war eigentlich geschehen? Sakura wusste zu diesem Zeitpunkt nur so viel: Jemand war in das Wochenendhaus der Familie Uchiha eingedrungen – warum auch immer – und hatte zwei Männer des Sicherheitspersonal getötet. Itachi wurde angeschossen, nur hatte er diesen Anschlag überlegt. Sie hatte in den letzten Tagen einen Blick in die Zeitungen geworfen und versucht mehr Informationen zu sammeln. Zwar hatten die großen Tageszeitungen darüber berichtet, dass Itachi schwer verletzt war, jedoch schrieb man, dass es sich dabei um einen Unfall handeln würde. ‚Vielleicht glauben sie, dass die Wahrheit der Firma oder ihrem Ansehen Schaden würden', dachte Sakura sich, ‚oder die Polizei nutzt dies, um dem wahren Täter irgendwie auf die Schliche zu kommen.'
„Dürfte ich Fragen, was eigentlich genau passiert ist?", fragte Sakura ihn und Sasori sah sie perplex an.
„Man hat Ihnen nicht gesagt, was geschehen ist?", fragte er und runzelte die Stirn, „das er angeschossen wurde, ist ihnen sicherlich klar. Es war ein Attentat, das..."
Weiter kam Sasori nicht, denn Deidara kehrte zurück und unterbrach ihn. „Das geht Sie nichts an, Sasori. Folgen Sie mir, Dr. Haruno."
Deidara führte sie aus dem Raum heraus, einen schmalen Gang entlang zu einer Treppe, wo eine stämmige Frau auf sie wartete. Sie trug eine Dienstuniform bestehend aus einem knielangen, schwarzen Rock und einer weißen Bluse. Die langsam grau werdenden Haare, hatte sie zu einem Knoten gebunden. Mit ihrer aufrechten Position, den zusammengekniffenen, aber starrenden Augen sowie der verhärteten Mimik erinnerte sie Sakura an Tsunade, wenn sie keine gute Laune hatte. Sie hielt ein Klemmbrett in der Hand.
„Sie sind drei Minuten zu spät", waren ihre ersten Worte an Sakura.
„Das ist unserer Überprüfung geschuldet", antwortete Sasori und schenkte Sakura ein Lächeln.
Die Frau warf Sasori einen abschätzigen Blick zu, „flirten kannst du in deiner Freizeit. Ihr zwei könnt nun gehen. Mit dieser halben Portion komme ich auch selbst zurecht." Ohne ein weiteres Wort verschwanden Sasori und Deidara darauf. ‚Jetzt weiß ich zumindest wer hier das sagen hat – abgesehen von den Uchihas', dachte Sakura sich und streckte der Frau die Hand aus.
„Mein Name ist Haruno...", weiter kam sie nicht, denn sie wurde direkt wieder unterbrochen.
„Ich weiß wer sie sind. Ich weiß, woher sie kommen und was sie hier wollen. Sie können sich sicher sein, dass ich mehr über sie weiß, als ihnen vielleicht lieb ist", raunte die Frau, „folgen Sie mir und versuchen Sie dabei keinen Lärm zu machen." Sakura folgte ihr die Treppe hoch in den ersten Stock, dort angekommen öffnete die Frau die Tür zu einem Gang. Dieser Gang war anders, als der im Erdgeschoss. Sicherlich dreimal so groß, licht geflutet durch die großen Fenster und mit einem eleganten Teppich auf dem steinernen Boden. Die Wände waren mit Stuck verziert und vereinzelt hingen dort Gemälde. Zudem befanden sich alle paar Meter große Vasen, mit zur Jahreszeit passenden Gestecken. In diesem Moment wurde Sakura der Unterschied klar. Dies hier war der Flur den die Uchihas benutzten, alles andere was sie zuvor vom Haus gesehen hatte, war für die Angestellten.
Die beiden gingen den Gang entlang und klopften an eine große Flügeltür. Für einen Augenblick tat sich nichts, dann öffnete ein Mann mit dunkel braunen Haaren und in der gleichen hellblauen Kleidung, wie Sakura sie sonst im Krankenhaus trug, die Tür. Er lächelte Sakura an. „Sie müssen die Ärztin sein, nicht?"
Bevor Sakura überhaupt antworten konnte, antwortete die Frau für sie. „Ja, das ist sie. Miss Haruno, es gibt noch ein paar Dinge, die sie wissen müssen, bevor sie hier anfangen zu arbeiten. Zu allererst erhalten Sie von mir ein Verschwiegenheitsformular, dass sie unterschreiben müssen. Das kennen Sie ja sicherlich aus dem Krankenhaus", Sakura wurde ein Formular und ein Stift in die Hand gedrückt. „Dann kommen wir zu den Hausregeln. Ich habe Ihnen hier einen Plan erstellt mit sämtlichen Regeln, die sie zu beachten haben und solchen Dinge, wann sie hier zu erscheinen haben und wie sie gekleidet sein sollten..." Die Frau redete immer und immer weiter und drückte Sakura dabei immer mehr Blätter in die Hand, die sie kaum noch halten konnte. Die Arme voller Blätter, stellte sie endlich ihre Tasche ab und legte die Blätter auf eine Kommode neben ihr, um sie ordnen zu können.
„Was tun sie da?", fuhr die Frau an.
„Ich will nur die Blätter ordnen", antwortete Sakura irritiert. Der Pfleger schenkte ihr ein mitleidiges Lächeln.
„Nehmen Sie sofort die Blätter darunter", raunte die Frau sie an, „Regel 27. Bei vielen Möbelstücken hier handelt es sich um antike und empfindliche Schätze. Sie fassen hier nichts an, außer dem medizinischen Material."
„Entschuldigen Sie", irritiert nahm Sakura die Blätter wieder in die Hand.
„Lesen Sie die Regeln, lernen Sie sie – leben Sie sie", raunte die Frau. „Taro, weise Sie ein. Ich werde später wieder kommen." Die Frau drückte Sakura noch einen ganzen Stapel weiterer Blätter in die Hand, bevor sie auf dem Absatz kehrt machte und aus dem Zimmer marschierte.
Sakura die immer noch auf dem Gang stand, sah der Frau einen Augenblick lang nach. Am liebsten hätte sie die ganzen Papiere zu Boden geworfen und wäre gegangen. So was konnte sie sich doch nicht bieten lassen. ‚Arrogante, dämliche, aufgeblasene Kuh', raunte sie innerlich, ‚was glaubt sie denn, wer sie ist?'
