Sakura wünschte, sie hätte behaupten können, dass die nächsten Tage wie im Flug vergingen, doch dem war nicht so. Seit nun mehr als zwei Wochen fuhr sie zum Beginn und zum Ende eines jeden Arbeitstages zum Anwesen der Uchiha, um den Zustand von Itachi zu überprüfen. Eine Besserung war festzustellen, dennoch war er immer noch nicht aufgewacht. Möglicherweise, wachte er nie mehr auf. Würde dies dann bedeuten, dass Sakura bis zu ihrer Rente tagtäglich dorthin fahren müsste? Ihr letzter freier Tag lag über drei Wochen zurück und ein nächster war nicht in Aussicht. Aufzustehen war jeden Morgen nur noch eine Qual. Meistens fühlte sie sich am Morgen noch erschöpfter, als wenn sie abends ins Bett ging. Gut sechs Stunden Schlaf waren auf Dauer – und bei ihrem Job – einfach zu wenig. Manche Menschen mögen vielleicht nicht mehr brauchen, Sakura jedoch schon. Abends musste Sakura viel Kraft aufbringen um überhaupt noch einen Schritt vor den anderen setzen zu können. Einzig das Einschlafen fiel ihr leicht.
Es war ein Samstagabend und draußen bereits dunkel, als Sakura das Zimmer von Itachi verließ. Ermüdet musste Sakura ein Gähnen zurückhalten. Sie kam nicht drum rum daran zu denken, dass die meisten wohl nun eine schöne Zeit verbrachten. Von Tenten und Hinata wusste sie, dass die beiden aktuell im Kino saßen und sich einen Film ansahen, bevor sie später noch in ihre Lieblingsbar gehen würden, um dort noch den einen oder anderen Cocktail zu trinken. ‚Gott, was würde ich im Moment für einen Long Island Ice Tea oder einen Mojito geben', erklärte die Stimme in Sakuras Kopf, ‚aber ich muss ja arbeiten. Genauso wie Morgen, und Übermorgen, und Überübermorgen... Shannaro!' So abgelenkt davon, Tsunade und die Uchihas zu verfluchen, hätte Sakura beinahe nicht die andere Person auf dem Gang bemerkt.
„Hey, passen Sie doch auf!"
Sakura sah die Frau, die vor ihr stand, an. Sie war groß, hatte lange, blonde Haare und blau-graue Augen. Die junge Frau, sicherlich in ihrem Alter, trug ein seidiges, lilafarbenes Cocktailkleid und die Tasche, die sie in den Händen hielt, kostete wahrscheinlich mehr, als Sakura im Monat verdiente. ‚Die Welt ist schon ungerecht', kam es ihr in den Sinn, ‚sie sieht aus, als hätte sie noch keinen einzigen Tag in ihrem Leben gearbeitet.' Sakura verneigte sich vor ihr, „es tut mir Leid, ich habe Sie nicht gesehen. Einen schönen Abend noch."
Sakura wandte sich von ihr ab und wollte bereits durch den Dienstbotenweg verschwinden, als die Blonde einwarf, „halten Sie sich von ihm fern. Sie sind eh nicht gut genug für ihn!"
Irritiert wandte sich Sakura wieder zu ihr um. Die Blonde hatte eine aufrechte Position eingenommen, das Kinn angehoben, alles nur um auszudrücken, dass sie über ihr stand. „Wie bitte? Ich glaube, ich kann Ihnen nicht ganz folgen."
„Oh, tun Sie nicht so dämlich", zischte sie und ging auf Sakura zu, „Sie wissen ganz genau wovon ich rede. Ich habe euch beide letztens beobachtet und eines kann ich dir sagen, Sasuke würde sich nie im Leben mit einer wie dir abgeben. Allein diese Haare..." Die Blonde gab ein schrilles Lachen von sich, worauf Sakura sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte.
„Sasuke...", wiederholte sie langsam und begann endlich zu verstehen, wovon die Blonde eigentlich sprach, „ich glaube, Miss, dass es sich hierbei um ein Missverständnis handelt. Ich habe keinerlei Interesse an Uchiha-sama. Ich bin ganz allein aus professionellen Gründen hier."
Die Blonde schnaufte, „und dass soll ich dir jetzt abkaufen? So eine wie du hofft doch sicherlich in bessere Kreise zu gelangen, aber dein ganzes Auftreten sagt mir bereits, dass du aus der Gosse kommst."
„Seien Sie froh, dass ich nicht aus der Gosse komme", antwortete Sakura scharf, „denn in diesen Kreisen wäre es üblich, auf eine Beleidigung wie von Ihnen, mit einem Faustschlag ins Gesicht zu antworten. Ich wiederhole mich gerne noch einmal: Ich habe keinerlei Interesse an Uchiha Sasuke. Hier komme ich lediglich meiner Verpflichtung als Ärztin nach, indem ich mich um Uchiha Itachi kümmere. Wenn Sie andere Bedenken haben, wieso sprechen Sie dann nicht mit Uchiha Sasuke darüber?"
„Buhu, ich bin Ärztin. Ich bin so schlau und eine Weltverbesserin", schnaufte die Blonde, „ich habe lange nicht mehr Jemanden gesehen, der so hässlich ist, wie Sie es sind: Diese Haare, diese Klamotten, dieses Auftreten und vor allem diese Stirn. Ich würde Ihnen ja raten, etwas machen zulassen, aber ich weiß gar nicht, ob so etwas überhaupt möglich ist." Die Blonde deutete auf Sakuras Stirn.
„Tut mir Leid, aber ich habe leider keine Zeit mehr, mich weiterhin von Jemandem wie Ihnen beleidigen zu lassen. Einen schönen Abend noch", Sakura wandte sich von ihr ab und verließ den Flur durch die Tür zum Dienstbotengang. Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, entfuhr ihr ein Seufzer. ‚Sind in diesem Haus eigentlich alle vollkommen übergeschnappt?', raunte ihre innere Stimme. Sie schloss für einen Augenblick die Augen und lauschte der Stille. Entweder war die Blonde wieder verschwunden oder sie stand immer noch auf der anderen Seite der Tür. Sakura entschied sich zu gehen, denn sie war nicht sonderlich erpicht darauf herauszufinden, ob sie möglicherweise noch da war.
Sie war gerade auf dem Weg von der Bushaltestelle nach Hause, als das Telefon in ihrer Tasche klingelte. ‚Bitte lass es etwas Gutes sein. Bitte, bitte, bitte!' Sakura nahm das Gespräch an und war mehr als verwundert die Stimme ihrer Mutter zu hören.
„Sakura?", ihre Mutter brüllte fast förmlich in den Hörer, was sicherlich daran lag, dass im Hintergrund laut Musik gespielt wurde.
„Ja. Ist etwas passiert?", fragte diese und hoffte darauf, dass es gute Nachrichten waren.
„Bist du schon Zuhause?", erwiderte ihre Mutter, „es ist schon spät." Sakura hatte ihren Eltern über ihre aktuelle Situation auf der Arbeit berichtet – nicht jedoch von den Auseinandersetzungen mit den Uchihas. Wobei ihre Arbeitssituation allein schon reichte, dass ihre Mutter sich wiederholt aufregte und damit drohte bei Tsunade anzurufen, um sich zu beschweren. Sakura hatte zuletzt sichtlich Schwierigkeiten gehabt, ihre Mutter davon abzuhalten. ‚Nicht vorzustellen was passieren würde, wenn sie es tatsächlich tun würde.'
„Ich habe Neuigkeiten", sagte ihre Mutter aufgeregt, „du glaubst nicht, was vorhin passiert ist: Deine Cousine Momo hat einen Heiratsantrag bekommen... ist das nicht wunderbar?"
Sakura war im ersten Moment vollkommen überrumpelt. Sie hätte eine Vielzahl von Ideen gehabt, warum ihre Mutter anrief. Dies war keine davon. „Wow... Ja, das ist schön."
„Akumo ist sein Name. Hast du ihn bereits kennengelernt?", fragte ihre Mutter, wartete jedoch nicht auf eine Antwort von ihrer Tochter, „auf jeden Fall arbeitet er für eine große Bank. Sicherlich verdient er viel Geld. So wunderbar, dass wir nächsten Sommer auf eine weitere Hochzeit gehen."
„Eine weitere Hochzeit?"
„Die Hochzeit von der Tochter unserer Nachbarin, das habe ich dir doch erzählt. Wie war ihr Name noch... Akame, nicht? Seid ihr beiden nicht in der gleichen Klasse damals gewesen?"
„Im gleichen Jahrgang", erwiderte Sakura, als sie den Hausflur betrat und ahnte bereits, worauf ihre Mutter hinaus wollte. Das alte, gleiche Thema. Wie sehr Sakura es hasste, wenn ihre Mutter davon anfing.
„Es sind bereits einige aus deinem Jahrgang verheiratet", das war genau die Feststellung auf die Sakura gewartet hatte. „Und Momo ist sogar noch zwei Jahre jünger als du. Du solltest dir auch langsam mal einen Mann suchen, sonst sind die Besten bald alle weg."
Sakura verdrehte die Augen, „keine Sorge, ich halte Ausschau."
„Ausschau halten allein bringt dich nicht vor den Altar", schnaufte ihre Mutter, „was habe ich bei dir nur verkehrt gemacht. Alle anständigen Mädchen suchen sich einen netten Mann, heiraten und bekommen Kinder. Und du hängst die ganze Zeit nur mit der Nase in Büchern oder arbeitest dich im Krankenhaus zu Tode..." Ein Seufzer entfuhr ihrer Mutter.
„Ich will mehr vom Leben", antwortete Sakura, „und das habe ich dir auch gesagt. Ich will nicht heiraten, Kinder bekommen und dann den Rest meines Lebens hinterm Herd stehen. Dass will ich nicht und dafür habe ich viel zu viel Potential. Zudem haben Hinata und Tenten auch niemanden..."
„Mebuki", Sakura konnte hören, wie Jemand im Hintergrund nach ihrer Mutter rief.
„Ah, ich muss dann mal Schluss machen. Mach es gut", trällerte ihre Mutter plötzlich ins Telefon hinein und bevor Sakura es erwidern konnte, hatte sie bereits aufgelegt. Erschöpft ließ sie sich auf das Sofa fallen. Es war ja nicht so, dass Sakura nicht Ausschau nach einem Mann hielt. Ganz im Gegenteil. Sie hielt bereits seit einiger Zeit Ausschau, doch war diese ganze Sache nicht so einfach. Sie musste ihn mögen, er müsste sie mögen – wobei mehr als „mögen" wäre sicherlich angebracht. Zuletzt hatte ein Typ ihr im Supermarkt seine Nummer zugesteckt und davor hatte Tenten sie mit einem Arbeitskollegen verkuppeln wollen. Woran war es gescheitert? Daran, dass Sakura nie Zeit hatte. Sie war immer so sehr mit ihrer Arbeit und Ausbildung beschäftigt, dass da einfach keine Zeit für andere Sachen war. Gaara kam ihr in den Sinn. Nicht dass sie damit zugeben wollte, dass sie in ihn verliebt war, doch von den ganzen Männern, die ihr in der letzten Zeit begegnet waren, war er sicherlich der Vielversprechenste. Also gegeben des Falles, dass er überhaupt noch zu haben war und das er an ihr interessiert war und... ‚Ich möchte mich hier auf nichts festlegen. Vielleicht trete ich morgen aus der Tür und der Mann meiner Träume steht mir gegenüber?!' Sakura konnte ein kichern nicht unterdrücken. Irgendwie hörte sich das so surreal für sie an. Vielleicht war aber auch etwas an dem Gerücht dran, dass Ärzte meistens Ärzte heirateten.
„Du siehst noch erschöpfter aus, als sonst", sagte Taro zu ihr und saß am folgenden Morgen entspannt wie immer auf dem Stuhl neben dem Bett. Er beobachtete wie Sakura Itachi ein Medikament verabreichte und begann dann wieder mit Itachi zu sprechen. Sakura war seit ihrem ersten Besuch auf dem Anwesen nichts anderes gewohnt, als dass Taro mit Itachi sprach, als wären die beiden die besten Freunde. Sie konnte sich nur schwer vorstellen, dass er dies auch tat, wenn die Uchihas mit im Raum waren, doch Taro war davon überzeugt, dass es Itachi helfen würde, den Weg zurück zu finden. „Wie wäre es Itachi, wenn du der lieben Frau Doktor – und auch mir – mal eine Pause gönnen würdest?", scherzte Taro und zwinkerte Sakura zu, die ein kleines Lächeln nicht unterdrücken konnte.
„Eine Pause wäre wirklich schön", sagte sie schultern zuckend, „ich meine selbst du bekommst eine Pause, wieso denn dann nicht ich?" Taro schenkte ihr auf diese Aussage hin ein mitleidiges Lächeln, das sie mittlerweile nur allzu gut kannte. Bisher hatte ihr keiner einen guten Lösungsvorschlag machen können und Sakura fühlte sich, auch wenn sie das nur ungern zugab, ein wenig überfordert mit der ganzen Situation. „Nun gut, ich mache mich dann mal wieder auf den Weg. Wir sehen uns heute Abend..." Mit diesen Worten verabschiedete sie sich von Taro und verließ das Zimmer. Leise schloss sie die Tür. Von Taro hatte sie erfahren, dass die Uchihas wohl zu dieser Zeit noch schlafen würden und Sakura wollte nicht dafür verantwortlich sein, dass einer von ihnen aufwachte. ‚Das wäre nur unnötiger Stress.'
Sie drehte sich um und dort stand er. In seinen, wie es schien, Schlafanzug: ein weites, dunkelgraues T-Shirt und eine schwarze Jogginghose. Seine Haare waren zerstrubbelt und er wirkte insgesamt noch ein wenig schläfrig. Er starrte sie an und sie ihn. Keiner von beiden hatte erwartet, den anderen hier zu treffen und für einen kurzen Augenblick trafen sich ihre Blicke. ‚Das hat mir gerade noch gefehlt.'
„Pinkie", raunte er, „haben wir nichts Besseres zu tun, als bei uns im Haus herum zu schleichen?"
„Ihnen auch einen guten Morgen", entgegnete Sakura und setzte ein falsches Lächeln auf, „falls es ihnen nicht entgangen sein sollte, so komme ich gerade aus dem Zimmer ihres Bruders."
„Und der ist immer noch nicht aufgewacht", Sasuke schnaufte kurz verächtlich, „was für eine Ärztin bist du eigentlich, Pinkie?" Er ging langsam auf sie zu und musterte sie wiederholt von oben nach unten. Sasuke blieb zwei Meter vor ihr stehen und lehnte sich gegen die Wand.
„Ich bin Ärztin, richtig. Aber ich kann keine Wunder vollbringen. Es liegt alleine bei Ihrem Bruder, ob und wann er wieder aufwacht. Manchmal reicht es aber schon, einfach nur eine vertraute Stimme zu hören...", antwortete sie ihm und fragte sich, warum sie sich eigentlich jedes Mal auf diese Spielchen mit ihm einließ.
„Tss", entfuhr es ihm, „was weißt du schon."
„Ich weiß, dass sie noch kein einziges Mal bei ihrem Bruder waren – also direkt. Im Krankenhaus haben sie immer draußen vor dem Fenster gestanden, Sie sind nie in sein Zimmer gegangen." Sakura konnte in diesem Moment förmlich sehen, wie sie einen Nerv bei ihm traf. War möglicherweise an Ayumis Vermutung etwas dran, das Sasuke etwas mit dem Anschlag zu tun hatte? Wenn dem so sein sollte, sollte Sakura sich besser von ihm fern halten.
„Spionierst du mir nach?", fuhr er sie forsch an. Wütend war er weiter auf sie zugekommen, so dass er nur noch maximal einen halben Meter von ihr entfernt war und Sakura erkannte, dass er die Bedrohlichkeit seines Vaters geerbt hatte.
„Nein, aber es war sehr auffallend", erwiderte sie, „wovor haben Sie Angst? Er wird Sie schon nicht beißen..."
„Du erlaubst dir eine Menge, Pinkie", fiel Sasuke ihr ins Wort. Er war ihr mittlerweile so nah gekommen, dass die beiden nur noch eine Hand breit auseinander waren. Sakura konnte nicht anders, als zu schlucken. ‚Wieso habe ich nicht einfach meine verdammte Klappe gehalten?', stöhnte ihre innere Stimme auf. Was machte sie sich eigentlich in diesem Moment vor. Sie kannte ihn nicht. Sie wusste nicht, wozu er möglicherweise in der Lage war – wenn man einmal von seinem Vermögen oder Einfluss absah. Vielleicht war das Beste, was sie in jenem Moment tun konnte, deeskalierend einzuwirken.
„Ich versuche lediglich den Menschen zu helfen", antwortete Sakura.
„Ich versuche lediglich den Menschen zu helfen", ahmte er sie spöttisch nach, „dass ich nicht lache. Wie viel muss ich dir zahlen, damit du von hier verschwindest und nie wieder kommst? 1.000? 10.000?"
Dieses Mal war es Sakura die schnaufte. „Ich lasse mich nicht von Ihnen bezahlen. Das hier ist meine Arbeit, verstehen Sie das nicht? Wollen Sie nicht, dass man Ihrem Bruder hilft?"
„Darum geht es nicht. Ich will einfach, dass du von hier verschwindest", er beugte sich leicht über sie und Sakura verfluchte die Tatsache, dass sie einen halben Kopf kleiner war als er und das ihm die Möglichkeit gab, wunderbar auf sie herabzuschauen. „Ich stelle dir einen Scheck aus, über 20.000. Na, wie wäre das? Du nimmst das Geld, Pinkie und verschwindest dann von hier, für immer."
„Ich werde mich nicht von Ihnen bezahlen lassen", antwortete Sakura entschlossen. Natürlich wäre das Geld eine schöne Abwechslung – als Assistenzärztin verdiente man nicht gerade viel. Doch wie sollte sie dies spätestens Tsunade erklären? Tsunade würde sie feuern – ohne mit der Wimper zu zucken – wenn sie wüsste, dass sie Geld angenommen hätte. ‚Zudem steht es überhaupt nicht zur Frage', dachte Sakura sich und riss sich damit selber aus ihrem Tagtraum, ‚ich bin Ärztin geworden, um den Menschen zu helfen und nicht um mich bezahlen zu lassen, eben dies nicht zu tun. Eine recht merkwürdige und unerwartete Wendung, wenn man es mal nüchtern betrachtet.'
„Nun gut", antwortete Sasuke säuerlich, „30.000. Darauf solltest du besser eingehen, denn das ist mein letztes Angebot."
„Danke, aber nein danke", Sakura schenkte ihm erneut ein falsches Lächeln und machte auf dem Absatz kehrt. Sie war bereits ein paar Meter in die entgegengesetzte Richtung gegangen, als es hinter ihr ertönte, „du hättest auf mein Angebot eingehen sollen. Nun sehe ich mich leider gezwungen das Krankenhaus zu kontaktieren – ihnen mitzuteilen, dass ihre inkompetente Ärztin nicht in der Lage ist, ihre Pflicht zu erfüllen. Wer weiß, wie lange du dann noch diesen Job haben wirst...?"
Sakura zögerte für einen kurzen Augenblick und war stehen geblieben. Sasuke glaubte bereits, als Sieger aus dieser Schlacht herausgegangen zu sein, doch er irrte sich. „Tuen Sie, was sie nicht lassen können. Aber ich habe mir nichts vorzuwerfen." Mit dieser Aussage hatte Sasuke wirklich nicht gerechnet. Dass diese kleine, vorlaute Assistenzärztin ihn tatsächlich so entgegentreten würde, das war... unerwartet und zugleich problematisch. Er wollte sie nicht mehr sehen. Sie hatte in den letzten Wochen wahrlich schon genug Unordnung in seinem Leben gestiftet. ‚Dämliche Weltverbesserin', ging es ihm durch den Kopf, ‚damit tut sie sich keinen Gefallen!'
Sakura verließ auf schnellstem Wege das Haus. Sie hatte wahrlich genug von diesem arroganten Vollidioten, der meinte, er würde über allem stehen. Hatte er sie tatsächlich für so dämlich gehalten, dass sie auf sein Angebot eingehen würde. Selbst er müsste wissen, dass sie ihre Anstellung damit in Gefahr bringen würde. Aber das wollte er doch, oder nicht? Damit hatte er ihr doch von Anfang an gedroht: Dass er sie rausschmeißen lassen würde, weil er ja ein Uchiha war. Und Uchiha waren doch verdammt einflussreich. Innerlich verfluchte Sakura ihn mit allem was ihr in diesem Moment einfiel. ‚Wahrscheinlich sind es doch nur wieder leere Worte', ging es ihr durch den Kopf, ‚er hat dir ja nicht zum ersten Male gedroht und bisher ist noch nichts weiter geschehen. Vielleicht macht er sich auch einfach nur einen Spaß daraus.' Seufzend verließ Sakura das Grundstück, nicht wissend, dass sie genausten beobachtete wurde.
Zwei Tage später hatte Sakura den Vorfall mit Sasuke bereits wieder vergessen und seine Drohung damit abgetan, dass er sie wahrscheinlich nur provozieren oder gar Ärgern wollte. Schließlich war es nicht das erste Mal gewesen, dass er ihr drohte. Ihr Lichtblick an diesem Tag war, dass sie Gaara versprochen hatte, mit ihm zu Mittag zu essen. Tenten und Hinata erklärten sofort, dass dies auch als Date zählen würde, während Sakura einfach nur froh war, eine gescheite Mahlzeit in angenehmer Begleitung zu bekommen. Sie war gerade auf den Weg zum Fahrstuhl, um hoch in die Cafeteria zu fahren, als ihren Name über die gesamte Station gebrüllt wurde. Tsunade stand dort einige Meter von ihr entfernt und sah sie mit diesem zornigen Blick an.
„Sakura, in mein Büro. Sofort", donnerte sie erneut und die angesprochene zuckte zusammen. Das bedeutete wahrlich nichts Gutes. Ohne ein Wort von sich zu geben, folgte Sakura Tsunade in ihr Büro, wo sie vor dem Schreibtisch stehen blieb und auf eine weitere Erklärung wartete.
„Kannst du dir vorstellen, warum du hier bist?", fragte Tsunade säuerlich.
Sakura zögerte. Sie konnte sich nicht vorstellen, was sie falsch gemacht haben sollte. Außer... „Hat es etwas mit den Uchihas zu tun?"
„Ganz richtig", antwortete Tsunade bitter, „ich habe einen Anruf erhalten, von einem gewissen Uchiha Sasuke – dem Bruder Itachis. Er ist der Meinung, dass du dich nicht entsprechend um seinen Bruder kümmern würdest. Es wurden Andeutungen diesbezüglich gemacht, dass wir dich feuern lassen bzw. Jemand anderes zum Anwesen schicken sollten. Was hast du mir diesbezüglich zu sagen?"
„Er erzählt totalen Unsinn", platzte es aus Sakura heraus, „natürlich kümmere ich mich pflichtbewusst um seinen Bruder. Ich bin in der Vergangenheit mit Uchiha Sasuke aneinander geraten und aus irgendeinem Grund, kann er mich nicht leiden..."
„Was habe ich dir gesagt?", unterbrach Tsunade sie forsch und verschränkte die Arme, „was habe ich dir zu dem Umgang mit solchen Leuten wie den Uchihas gesagt?"
„Als ich das erste Mal mit ihm aneinandergeraten bin, wusste ich gar nicht, dass er ein Uchiha ist", warf Sakura direkt ein. Ihr war noch sehr gut in Erinnerung, was Tsunade ihr damals gesagt hatte. ‚Shannaro', fluchte sie innerlich, ‚jetzt hat der Vollidiot tatsächlich seine Drohung wahrgemacht.'
Tsunade unterbrach sie erneut, „was heißt hier das erste Mal?" Sakura wagte es nicht mehr sie anzusehen. Tsunade hatte alles Recht der Welt wütend auf sie zu sein. Wie hatte sie sich auch immer wieder von diesem Typen provozieren lassen können. ‚Ziemlich ausfallend und unverschämt war er ja...' „Sakura, ich habe dich etwas gefragt?"
Sie zuckte zusammen. „Das erste Mal habe ich ihn hier im Krankenhaus getroffen, wo er mir in den Ausschnitt gestarrt hat und dass hat zu so einer Art von Schlagabtausch geführt. Später bin ich ihm dann erneut begegnet, wo er dämliche Anspielungen darauf gemacht hat und ich... ich habe mich halt von ihm provozieren lassen. Da hat er mir halt das erste Mal gedroht, mich feuern zu lassen." Sakura sah Tsunade zum aller ersten Male wieder an. Diese blickte sie starr an und schien zu überlegen, wie sie mit dieser Situation umgehen sollte.
„Bist du so dumm, dass du dich von ihm provozieren lässt? Kannst du nicht einfach gute Miene zum bösen Spiel machen und gehen?"
„So haben eigentlich alle Begegnungen mit ihm geendet. Dass ich gegangen bin", erklärte Sakura sich und ihr war bereits in diesem Moment klar, dass sie sich diese Erklärung hätte sparen können.
„Du bekommst von mir eine Abmahnung", sagte Tsunade nach einer guten Minute, in der beide einfach nur geschwiegen hatten. Entsetzte blickte Sakura sie an. „Sei froh, dass ich nicht auf seinen Vorschlag eingehe. Ich habe dich gewarnt. Ich habe dir gesagt, wie du dich zu verhalten hast und doch hast du das genaue Gegenteil getan. Du leistest hier wirklich gute Arbeit und ich möchte, dass das auch so bleibt. Haben wir uns verstanden?"
Sakura nickte. „Wie geht es jetzt weiter?"
„So wie bisher", antwortete Tsunade knapp.
„Aber er möchte mich nicht dort haben – auf dem Anwesen. Das hat er mehr als deutlich ausgedrückt."
„Er wird sich wohl damit abfinden müssen. Zudem kann ich mir schwer vorstellen das Uchiha Sasuke und sein Bruder sich ein Zimmer teilen. Sonderlich oft kannst du ihm sicherlich nicht über den Weg gelaufen sein, sonst hätte ich so eine Beschwerde bestimmt früher gehört."
„In Ordnung", antwortete Sakura und musste schlucken.
„Du kannst nun gehen", sagte Tsunade und wandte sich von ihr ab.
Ohne einen weiteren Ton von sich zu geben, verließ Sakura das Büro und draußen vor der Tür brauchte sie einen Moment, um sich wieder zu fangen. Sie brauchte einen Augenblick um zu verstehen, dass dies gerade die Realität gewesen war und kein Albtraum oder ein Auswuchs ihrer Phantasie. Wenn sie ehrlich war, hätte sie am liebsten dort angefangen zu weinen. Sakura hatte noch nie zuvor in ihrem Leben eine Abmahnung bekommen. Sie war immer die gewesen, die sich nie hatte was zu Schulden kommen lassen, weder in der Schule, noch auf der Universität oder hier im Krankenhaus. Das hieß bis zu jenem Tag. Bedrückt ging sie den Gang entlang. ‚Was hatte ich eigentlich vor... Ah, Gaara!' Über das Gespräch mit Tsunade hatte sie Gaara vollkommen vergessen. Sie eilte über die Treppen in die oberste Etage. ‚Er ist sicherlich nicht mehr da oder hat bereits mit dem Essen angefangen', dachte Sakura sich und musste mit Erstaunen feststellen, dass er immer noch vor dem Eingang zur Cafeteria wartete.
Gaara schenkte ihr ein kleines Lächeln, „ich habe schon befürchtet, Sie würden nicht mehr kommen."
„Es tut mir so leid", antwortete Sakura, nach Luft schnappend, „aber gerade als ich hochfahren wollte, wurde ich von Tsunade-sama gerufen. Ich bin dann so schnell wie möglich hier her gekommen. Es tut mir wirklich furchtbar Leid."
„Schon gut, mir macht das nichts", erwiderte Gaara, als er ihr die Tür offen hielt, „ich hoffe Sie haben Hunger?"
„Furchtbaren Hunger. Ich könnte ein ganzes...", Sakura verstummte. ‚Reiß dich zusammen, das ist nicht Tenten, mit der du dir den Bauch vollschlagen kannst bis du nicht mehr weiß, wo oben und unten ist...' „Ich habe heute noch nicht gegessen', sagte sie stattdessen.
„Tatsächlich nicht?", fragte Gaara sie überrascht, „Sie als Ärztin sollten doch wissen, wie wichtig es ist morgens etwas zu frühstücken."
Etwas peinlich berührt, versuchte Sakura das ganze weg zu lächeln, „es war heute Morgen so stressig, da bin ich gar nicht mehr dazu gekommen. Aber doch, Sie haben Recht. Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages."
Nachdem die beiden sich ein Menü geholt hatten – wobei Gaara darauf bestanden hatte, für sie beide zu zahlen, setzten sie sich in den hinteren, ruhigeren Teil der Cafeteria. Gaara betrachtete sie für einen Augenblick nachdenklich, was Sakura nicht entging.
„Gibt es ein Problem?", fragte diese ihn, worauf er den Kopf schüttelte.
„Bitte verzeihen sie mir meine plumpe Anmerkung, aber sie sehen nicht sonderlich gut aus", antwortete er. Sakura die gerade nach ihrer Gabel gegriffen hatte, hielt inne und sah ihn irritiert sowie beleidigt an. ‚So viel dazu, dass Tenten und Hinata meinten, dies wäre ein Date.' Gaara, dem Sakuras Reaktion nicht entgangen war, fügte schnell hinzu, „bitte verstehen Sie mich jetzt nicht falsch. Was ich andeuten wollte war, dass sie kränklich wirken. Sie sind sehr blass und ihre Augen sind glasig. Geht es Ihnen nicht gut?"
Sakura winkte ab, „ich habe im Moment viel um die Ohren. Keine Sorge mir geht es gut. War ein bisschen wenig Schlaf in den letzten Nächten."
„Ich weiß, dass dieser Beruf sehr stressig sein kann und daher lassen sie mich, der schon etwas länger dabei ist, Ihnen einen guten Rat geben", sagte er und sah sie nachdenklich an, „wir Ärzte sind die schlimmsten Patienten. Wir kennen die Anzeichen, die Diagnosen, die Medikamente, die Therapien und doch wenn es um uns selber geht, hören wir nicht darauf. Sie müssen lernen, Sakura, das wir auch nur begrenzte Ressourcen haben. Wir alle brauchen irgendwann einmal eine Pause."
