Vielleicht wurde Sakura langsam paranoid, aber sie wusste was letztlich möglicherweise davon abhing. Jedes Mal wenn sie das Grundstück der Uchihas betrat, eilte sie so schnell wie möglich zum Hause und beim Verlassen, war es das gleiche Spiel in die andere Richtung. Im Gemeinschaftsraum und im Dienstbotengang brauchte sie sich keine Sorgen zu machen, genauso wenig, wie im Zimmer von Itachi. Dort war sie ihm bisher noch nie begegnet. Einzig allein der Flur vor dem Zimmer war gefährlich. Dies führte dazu, dass Sakura jedes Mal erst die Tür nur einen kleinen Spaltbreit öffnete, um auf den Flur spähen zu können. Wenn die Luft rein war, huschte sie schnell zur Tür und klopfte an. Und all die Umstände nur, damit sie sich nicht trafen. Taro, ihr einziger Verbündeter auf dem Anwesen, unterstützte sie bei ihrem Vorhaben, ganz zu ihrer eigenen Überraschung.

„Ich habe lieber dich hier sitzen, als diesen komischen Orochimaru", hatte er zu ihr gesagt, „diesen Typ würde ich noch nicht mal meine Ohren ansehen lassen..." Auf ihre Frage hin, ob er irgendetwas über Sasuke wüsste, sagte er nur „Itachis kleiner Bruder. Absolut unauffällig. Man glaubt beinahe, er sei ein Gespenst."

Es war Freitagabend und während Sakura ihrer Pflicht nachkam, studierte Taro die Fernsehzeitschrift. „Er ist im Übrigen nicht da, du kannst also vollkommen unbesorgt sein", sagte Taro zu ihr, ohne sie anzusehen. Er tat ihr insofern einen Gefallen, als das er ihr immer berichtete, ob Sasuke aktuell im Haus war oder nicht. Woher er dies immer wusste, konnte Sakura nicht sagen. Möglicherweise sah er die meiste Zeit aus dem Fenster und beobachtete die Leute die ein und ausgingen.

Erschöpft stützte sie sich auf dem Bettende ab. Gaara hatte Recht gehabt mit dem, was er zu ihr sagte. Sie brauchte dringend eine Pause und konnte nicht mehr so weiter machen wie zuvor. Sakura hatte bereits überlegt, sich krank zu melden. Doch sie kannte Tsunade und traute ihr zu, dass sie daraufhin bei ihr Zuhause auftauchen und sie notfalls auch an den Haaren zur Arbeit schleifen würde. Ihre Hände waren zittrig. Sie ballte diese zwei- oder dreimal zu Fäusten, bis das Zittern wieder verschwunden war. Ein kalter Schauer fuhr ihr den Rücken herunter. Es würde Zeit das sie ins Bett käme. Sakura verabschiedete sich von Taro, nahm ihre Tasche und verließ das Zimmer. Sakura dachte daran, dass sie noch im Supermarkt vorbei müsse, um ein paar Lebensmittel einzukaufen, sonst würde sich ihre Ernährung demnächst wirklich nur noch auf Wasser und Luft beschränken.

„Du bist ja immer noch hier", ertönte es hinter ihr und Sakura zuckte zusammen. Sie wusste, dass es eigentlich nur eine Frage der Zeit sein war, bis sie ihm wieder über den Weg lief. ‚Genau das hat mir noch gefehlt', dachte sie sich und setzte ihr mittlerweile typisches, falsches Lächeln auf.

„Uchiha-sama, wie kann ich Ihnen helfen?" Dieses Mal trug er erneut einen dunkelblauen Anzug, mit grauen, glänzenden Schuhen. ‚Geschäftsmann durch und durch.' Sein Blick war noch finsterer, als bei ihrer letzten Begegnung.

„Die Antwort darauf kennst du bereits", raunte er, „eigentlich hatte ich gehofft, dass du hier nie mehr auftauchen würdest, Pinkie."

„Was? Nachdem Sie totalen Unsinn über mich bei Tsunade erzählt haben? Haben Sie gehofft, dass man mich feuert?" Sakura war bewusst, dass sie vollkommen spöttisch klang. Hatte sie nicht alles Recht der Welt dazu, nachdem was er getan hatte? Hatte sie nicht alles Recht der Welt, unendlich wütend auf ihn zu sein? ‚Beruhige dich', schrie ihre innere Stimme auf, ‚halt dich zurück. Sonst bist du heute noch deinen Job los!'

„Da war ich wohl zu optimistisch. Also bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als dort noch einmal anzurufen", antwortete er und seine Gesichtszüge entspannten sich etwas. Er zuckte mit den Schultern, als wäre es ihm eigentlich vollkommen egal.

„Was ist Ihr Problem?", zischte Sakura, „was ist Ihr verdammtes Problem?"

„Du", entfuhr es ihm, „du, Pinkie. Du bist mein verdammtes Problem. Verschwinde von hier, ich will dich nie mehr in diesem Hause sehen..." Sasuke schrie sie fast an und Sakura zuckte ein wenig zusammen.

„Und was ist mit Ihrem Bruder? Ist er Ihnen vollkommen egal?", entgegnete sie ihm, in der Hoffnung mit menschlicher Logik die ganze Situation etwas zu beruhigen können. Doch letztlich schlug ihr Plan fehl.

„Mein Bruder ist mir nicht egal – nur zu deiner Information", schrie Sasuke sie an und kam ihr bedrohlich nahe, „dass was du hier jeden Tag machst, könnte auch ein verdammter Affe aus dem Zoo. Und wahrscheinlich auch noch viel besser. Verschwinde von hier und komm nie mehr wieder zurück." Zuletzt betonte er jedes einzelne Wort, was das Ganze noch bedrohlicher aussehen ließ.

Auch wenn Sakura es nie offen zugegeben hätte, aber sie hatte Angst. Angst vor dem Mann der gerade vor ihr stand. Angst davor, was er wohl als nächstes tun könnte. Er hatte versucht sie zu bestehen; versucht sie feuern zu lassen und jetzt? Gewalt war das erste, was ihr in den Sinn kam. Sakura ging langsam zwei Schritte zurück, ihr Blick war auf ihn fixiert. Ohne auch nur einen einzigen Ton von sich zu geben, machte sie auf dem Absatz kehrt und eilte zum Dienstbotengang. Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, überrannten sie heiße und kalte Schauer im Wechsel. Sie ging zur Treppe und stützte sich dort auf dem Handlauf ab. Ihr war schwindelig, doch sie dachte nicht weiter über ihre physische Verfassung nach. Da war nur der Gedanke, das Anwesen so schnell wie möglich zu verlassen. Auf dem Handlauf abgestützt, ging sie langsam eine Stufe nach der anderen herunter. Doch mit jeder weiteren Stufe fühlte es sich mehr an, als würde man ihr den Boden unter den Füßen wegziehen. Und bevor Sakura noch irgendwie reagieren konnte, wurde um sie herum alles dunkel.

Sakura konnte sie nicht wirklich daran erinnern, was im Folgenden geschah. Da waren nur kurze Ausschnitte – die vielleicht nicht länger als zwei oder drei Sekunden waren. Zum einen waren da diese pechschwarzen Augen. Nur Augen sonst nichts; kein Gesicht das zu ihnen gehörte. Dann waren da diese hellen Lichter und diese vielen Schatten, die sie umgaben. Menschen, doch bevor Sakura sich einen dieser Schatten näher ansehen konnte, wurde alles wieder schwarz.

Sie öffnete die Augen und musste blinzeln. Das Licht war viel zu grell und die weißen Wände taten ihr Übriges. Es brauchte einen Augenblick, bis alle ihre Sinne wieder zurückkehrten: Der Geruch von Desinfektionsmitteln, dieser fade Geschmack, die weiche Unterlage unter ihr und die Stimmen irgendwo in der Ferne. Länger als sonst üblich brauchte Sakura um zu realisieren, dass sie im Krankenhaus war. Doch dieses Mal nicht als Ärztin. ‚Mein Schädel fühlt sich an, als würde er gleich explodieren', jammerte die Stimme in ihrem Kopf, ‚was ist passiert?' Sie konnte nicht behaupten, dass sie sich in irgendeiner Art und Weise fit fühlte. Vielmehr hatte Sakura das Gefühl, von einem Zug überrollt worden zu sein. Sie versuchte sich aufzurichten, doch sie hatte nicht genügend Kraft. Nur langsam kam die Erinnerung zurück, an die vergangenen – was? Stunden, Tage oder gar Wochen? Wie lange war sie bewusstlos gewesen. Sakura öffnete ihre Augen, die sich allmählich an das Licht gewohnt hatten.

„Sakura", entfuhr es Jemanden erleichtert. „Ich bin so froh, dass du wach bist."

„Hinata", krächzte Sakura, ihre Kehle fühlte sich staubtrocken an. Ihre dunkelhaarige Freundin griff nach ihrer Hand.

„Schon gut", sagte Hinata und lächelte sie an, „es ist alles in Ordnung."

„Bin ich im..."

Hinata nickte, „im Krankenhaus. Tenten kommt auch... Ah, da ist sie ja." Sakura hörte wie die Tür aufging und das Geräusch von High-Heels auf dem Boden. Eine miesdreinblickende Tenten beugte sich kurz über sie und musterte sie für einen Moment.

„Verdammt Sakura", schnaufte sie und setzte sich auf das Bettende, „dich kann man wirklich nicht aus den Augen lassen. Du machst nur Unsinn. Treppe herunter gefallen..."

„Sakura, kannst du dich noch erinnern, was passiert ist?"

Sakura schloss die Augen wieder und versuchte alles zu rekonstruieren, was zuvor geschehen war. Das was anfangs nur Bildausschnitte waren, setzte sich langsam, wie ein Puzzle, wieder zusammen: Sie war bei der Arbeit gewesen, hatte den Bus genommen... Das Anwesen der Uchiha! Da war es passiert. ‚Oh Gott. Hoffentlich hat er nichts davon mitbekommen', ging es ihr durch den Kopf.

„Ich war bei den Uchihas", antwortete Sakura leise, „ich bin wieder auf Uchiha Sasuke getroffen."

„Hier", Hinata reichte ihr ein Glas Wasser, dass sie gierig trank. Es tat so gut. ‚Schlafen. Darf ich jetzt auch endlich mal etwas schlafen?' Sakura reichte Hinata das Glas zurück.

„Ist der Kerl dafür verantwortlich, dass du die Treppe herunter gefallen bist?", fragte Tenten mit hochgezogenen Augenbrauen. Sicherlich würde es nur ein Wort von Sakura brauchen und das nächste was Tenten tun würde, wäre Sasuke eine reinzuhauen. Auch wenn Sakura dies für ihr Leben gerne sehen würde, so verneinte sie.

„Nicht wirklich. Ich bin auf ihn getroffen, er hat mich angeschrien und ich bin einfach gegangen. Mir war schwindelig und beim herunter gehen der Treppe muss ich das Bewusstsein verloren haben. Gott, ich muss mit dem Kopf aufgeschlagen sein. Mein Kopf fühlt sich an, als würde er gleich explodieren."

„Ich rufe deine Eltern an, sie machen sich Sorgen", sagte Hinata zu ihr, „Tsunade hat sie angerufen. Sie sind auf den Weg hierher. Ich habe es dadurch erfahren, weil es schon wie ein Lauffeuer durch das ganze Krankenhaus gegangen ist."

„Das ganze Krankenhaus weiß davon?", stöhnte Sakura auf und schloss die Augen. Das war wahrscheinlich das schlimmste an der ganzen Sache. Alle wüssten davon. Alle würden über sie urteilen. In Gedanken malte sie sich aus, wie die anderen Ärzte und Schwestern über sie herzogen, sie mit verachtenden Blicken straften. ‚Die glauben doch jetzt alle ich sei eine verdammt miese Ärztin', murmelte die Stimme in ihrem Kopf, ‚oh Gott, was wird Tsunade wohl dazu sagen?'

Hinata war heraus gegangen, um zu telefonieren, während Tenten ihr ein paar Mal auf das Bein klopfte. „Keine Sorge, dass kann jedem einmal passieren. Wahrscheinlich haben die alle eher Mitleid mit dir..."

„Das ist ja eine Wahl zwischen dem kleinerem Übel", meinte Sakura sarkastisch.

Tenten lachte auf, „zumindest hast du deinen Humor nicht verloren!" Sakura war nicht zum Lachen zumute. Sie brauchte keinen Hellseher um zu wissen, dass dieser Vorfall Konsequenzen nach sich ziehen würde. Jeder normale Mensch, wie Tenten, hätte gesagt, dass es einmal passieren kann und das Sakura es natürlich auch nicht mit Absicht getan hat. Aber diese Menschen hatten nicht Tsunade zur Mentorin sowie ein Krankenhaus voller tratschender Krankenschwestern. ‚Ich kann froh sein, wenn ich am Ende meinen Job noch habe. Wer weiß, vielleicht hat er wieder angerufen...'

Hinata kehrte zurück ins Zimmer, „ich habe mit deinen Eltern telefoniert, sie werden dennoch heute Nachmittag einmal vorbei schauen."

„Nachmittag?", fragte Sakura irritiert.

„Es ist Mittag", entgegnete Tenten, „unser Dornröschen hat den halben Tag verschlafen."

Hinata schenkte ihr ein Lächeln, „ich kann mir vorstellen, dass dir das ganz gut getan hat. Meine Schicht fängt bald an, aber ich verspreche dir, Sakura, dass ich in meiner Pause vorbeikommen werde." Während Sakuras Gedanken immer noch darum kreisten, dass es bereits Mittag war, verabschiedete sich Hinata und verließ das Krankenzimmer.

„Wer hat sich dann um Uchiha gekümmert?", fragte Sakura Tenten aufgebracht.

Tenten zuckte zusammen, „was weiß ich, sie werden wohl Jemand anderes geschickt haben. Uchiha also... Doch nicht etwa die Uchihas?" Tenten zog die Augenbrauen hoch und erst in diesem Moment bemerkte Sakura, dass sie etwas gesagt hatte, dass sie eigentlich nicht hätte sagen sollen. Doch nun war es bereits zu spät und Tenten konnte sie vertrauen. Zudem würde sie sicherlich nach Einzelheiten zum Gesundheitszustand von Itachi fragen, sondern eher nach Allgemeinem Klatsch und Tratsch.

„Ja, die Uchihas", antwortete Sakura mürrisch, „die mit dem vielen Geld und Einfluss und dem riesigem Anwesen..."

„Dann war es also Uchiha Itachi um den du dich die ganze Zeit gekümmert hast?", flüsterte Tenten aufgeregt, über diese Neuigkeiten, „in der Presse hieß es, er hätte einen schweren Unfall gehabt. Stimmt das?"

Sakura nickte, „aber du hältst die Klappe, verstanden? Ich komme in Teufels Küche wenn heraus kommt, dass ich dir das gesagt habe."

„Natürlich, natürlich", Tenten winkte ab, „sag, wie sind die Uchihas so?"

„Schrecklich. Wobei Mrs. Uchiha ist eigentlich ganz nett, aber der Rest im Haushalt – und damit meine ich sogar große Teile der Angestellten", Sakura schnaufte, „selbst die meinen sie wären etwas Besseres. Jedes Mal wenn ich da war habe ich gehofft, auf niemanden von ihnen zu treffen. Was mir leider verwehrt blieb."

Die nächste halbe Stunde unterhielten die beiden sich fast ausschließlich über die Familie Uchiha und die Aussagen beiderseits waren nicht gerade „nett". Tenten fragte sie bezüglich aller möglichen Dinge, die sie in den vergangenen Jahren in Klatschmagazinen gelesen hatte und Sakura konnte auf keine Frage eine wirkliche Antwort geben. Nicht, weil sie an eine Verschwiegenheitserklärung gebunden war, sondern einfach weil sie die Antwort nicht kannte. Tenten drückte ihr zum Abschied noch eine Packung Gummibärchen in die Hand, die Sakura dankend annahm. Sie kam nicht einmal dazu die Packung zu öffnen, denn Shizune stürmte in ihr Zimmer.

„Gut, du bist aufgewacht", sagte sie und schenkte ihr ein kurzes Lächeln, „wir haben uns schon Sorgen gemacht."

„Es tut mir Leid", antwortete Sakura, nicht wissend, was sie sonst hätte antworten sollen.

Shizune schüttelte den Kopf. „Du musst dich nicht bei mir entschuldigen. Wobei ich dich vorwarnen sollte: Tsunade hat die Nachricht nicht sonderlich gut aufgenommen, aber auch die beruhigt sich wieder. Du kennst sie ja. In einem Moment reist sie den Leuten den Kopf ab und im nächsten will sie mit jedem einen Sake auf die Freundschaft trinken." Sie verdrehte die Augen und öffnete Sakuras Akte. „Bei deinem Sturz musst du wohl irgendwie mit dem Kopf auf eine Kante geschlagen sein, die kleine Platzwunde an der Stirn hast du sicherlich schon bemerkt." Shizune deutete auf Sakuras Stirn, worauf diese mit ihrer Hand an die Stelle fuhr und sie vorsichtig abtastete. „Keine Sorge, du wirst keine Narbe davon behalten. Aber du scheinst eine leichte Gehirnerschütterung zu haben und einige Hämatome vom Sturz. Wenn du mich fragst, bist du damit noch sehr gut davon gekommen."

Erleichtert entfuhr Sakura ein Seufzer. Sie wusste, dass Shizune Recht hatte. Es hätte noch viel schlimmer für sie ausgehen können. „Wie lange werde ich noch hier bleiben müssen?"

„Wenigstens noch bis morgen. Sakura", Shizune klang plötzlich sehr nachdenklich, „etwas anderes bereitet mir viel mehr Sorgen. Mir ist in der letzten Zeit nicht entgangen, dass es dir scheinbar nicht sonderlich gut geht. Du bist blasser und dünner geworden. Du solltest weniger arbeiten."

„Sag das nicht mir, sondern Tsunade", nuschelte Sakura in die Bettdecke hinein.

„Tsunade, huh? Du solltest mit ihr reden..."

„Sie will davon aber nichts hören", entgegnete Sakura ihr, „ich sei Ärztin und wenn ich dazu nicht in der Lage wäre, könnte ich gehen."

Shizune antwortete darauf nicht, sondern warf ihr nur einen mitleidigen Blick zu. Hatte Tsunade etwa Recht. Stellte Sakura sich hier einfach nur etwas an und es war das, was eigentlich von Ärzten verlangt wurde. Sicherlich war es ein Stück weit der Situation geschuldet, doch sie begann alles zu hinterfragen, was sie eigentlich nicht hinterfragen sollte. ‚Vielleicht bin ich eine miese Ärztin, dass ich dies nicht durchhalte', kam ihr der Gedanke, doch ihre innere Stimme rief sie wieder zur Vernunft, ‚du bist keine miese Ärztin. Du bist eine gute Ärztin und keiner kann so etwas von dir verlangen. Du hast eine eigene Gesundheit, wie jeder andere Mensch auch.'

Nach Shizune folgte eine ganze Reihe von Besuchern. Ihre Eltern blieben für gut zwei Stunden und brachten ihr Kleidung zum Wechseln. Besonders ihre Mutter konnte sich für einen Moment nicht zurückhalten und machte Sakura Vorwürfe, nicht auf sich selber geachtet zu haben („Du isst ja nichts richtiges!"). Nachdem Sakura ihr die ganze Situation erklärt hatte, musste ihr Vater ihre Mutter, im wahrsten Sinne des Wortes, zurückhalten, damit diese nicht direkt in Tsunades Büro stürmte. Es brauchte eine Weile, bis ihre Mutter sich wieder beruhigt hatte und zum Abschluss musste Sakura ihnen hoch und heilig schwören, dass sie die ganze Sache allein in die Hand nehmen könnte. Nach ihren Eltern schauten noch ein paar Kollegen vorbei. Auch Gaara kam für einen kurzen Augenblick herein, schenkte ihr ein schwaches Lächeln und wünschte ihr gute Besserung. ‚Tja, wenn er jemals irgendein Interesse an mir hatte, dann ist es jetzt verschwunden.' Sakura könnte sich selber in den Hintern treten, doch sie kam nicht um den Gedanken herum, dass ihr schließlich die Alternativen gefehlt hatten. Hatte sie nicht alles gegeben? Hatte sie nicht ihr Bestes versucht?

Hinata kam am späten Nachmittag wieder zurück, mit einer Kanne Tee und zwei Tassen. Sie erklärte, dass sie gerade Pause hätte und dass es sicherlich schön wäre, wenn sie beiden die Pause zusammen verbringen würden. Mit einem ehrlichen Lächeln stimmte Sakura zu.

„War es nicht absehbar, dass Tsunade nicht sonderlich erfreut seien würde?", fragte Hinata sie und schenkte den beiden Tee nach.

„Ja, natürlich. Ich hoffe einfach, dass sie mich nicht feuern wird", antwortete Sakura niedergeschlagen.

„Nachdem sie dich so behandelt hat, darf sie so etwas nicht machen." Hinata warf ihr einen besorgten Blick zu und Sakura wusste, dass sie selbst nicht überzeugt davon war, was sie da gerade gesagt hatte. Sie stellte gerade die Teetasse auf Seite, als es an der Tür klopfte. Bevor Sakura oder Hinata antworten konnten, öffnete sich die Tür und ein Mann mit grauen Haaren und Maske vor dem Gesicht beugte sich hinein. Er sah erst Sakura an, bevor dann sein Blick zu Hinata wanderte.

„Haruno, Sakura?", fragte er.

„Das bin ich", antwortete Sakura und der Mann betrat den Raum, ihm folgte ein blonder, jüngerer Mann. Nun da die beiden im Krankenzimmer standen, konnte Sakura sie genauer betrachten. Der grauhaarige trug einen blauen Anzug, jedoch ohne Krawatte und hatte zudem ein Narbe über dem rechten Augen. Wenn Sakura sein Alter hätte schätzen müssen, hatte sie auf Mitte dreißig bis vierzig getippt. Der Blonde hingegen war in ihrem Alter, Mitte Zwanzig. Er trug eine Sportjacke sowie eine Jeans und auf den Wangen hatte er Male, die fast aussahen wie Schnurrhaare. Sakura sah die beiden Männer zum ersten Mal in ihrem Leben.

„Mein Name ist Captain Hatake und das ist mein Kollege Detective Uzumaki. Wir sind von der Konoha-Kriminalpolizei und würden Ihnen gerne ein paar Fragen stellen. Falls sie dazu in der Lage sind", fügte er schlussendlich noch hinzu.

„Ja, natürlich. Worum geht es denn?"

„Entschuldigung, wer sind Sie?", Kakashi wandte sich Hinata zu, die die ganze Zeit über Naruto angestarrt hatte.

„Ah", fuhr Hinata auf und wurde rot, „ich... ich... ich bin Hinata."

„Und weiter?", hakte Kakashi nach.

„Hyuga", gab Hinata knapp von sich. Sakura musste schmunzeln. ‚Hinata du brauchst mehr Selbstbewusstsein. Stottern bringt dich nicht weiter, du bist doch so viel mehr...'

„Und Sie arbeiten hier?"

„Ja und sie ist meine Freundin", Sakura nahm es ihr ab, zu antworten. Hinata nickte nur ein paar Mal aufgeregt. Sie konnte ihren Blick kaum von Naruto lassen. Dies war scheinbar auch Kakashi nicht entgangen.

„Ich möchte gerne mit Doktor Haruno alleine sprechen", sagte Kakashi zu Naruto, „wie wäre es wenn du mit ihrer Freundin so lange draußen wartest?"

„Natürlich", antwortete Naruto etwas enttäuscht, was sicherlich daran lag, dass er gerne bei der Befragung dabei gewesen wäre. Er führte Hinata nach draußen auf den Gang und Sakura konnte noch hören, wie er versuchte ein Gespräch mit ihr anzufangen.

„Wie kann ich Ihnen helfen?", fragte Sakura Kakashi und sah diesen neugierig an. Hatte es etwas mit ihrem Unfall am gestrigen Abend zu tun? Vermutete etwa Jemand, dass dort Gewalt mit im Spiel war. ‚Jetzt wird die Sache tatsächlich größer, als sie eigentlich ist', ging es Sakura durch den Kopf, ‚was folgt als nächstes? Ein Gerichtsverfahren?"

„Uns wurde mitgeteilt das Sie in der letzten Zeit täglich auf dem Anwesen der Uchiha waren", sagte Kakashi und stellte sich an das Bettende, von wo aus er auf Sakura herabblickte.

„Das stimmt. Ich war dort zweimal täglich und mich um einen Familienangehörigen zu kümmern." Sakura bekam auf einmal das Gefühl, dass sie hier möglicherweise auf der Anklagebank saß. ‚Oh Gott, was hat er denen erzählt? Was habe ich dieses Mal geklaut? Etwa das Tafelsilber oder irgendwelche Kunstgegenstände?'

Kakashi nickte nur kurz. „Das wurde uns auch bereits berichtet. Wir sind deshalb hier, weil Jemand gestern Abend auf das Anwesen der Uchiha eingedrungen ist."

„Das bin ich wohl kaum gewesen", erwiderte sie und deutete um sich herum, „mich hat man gestern Abend mit den Krankenwagen hier ins Krankenhaus gebracht und ich bin erst heute Mittag aufgewacht..."

„Schon gut", antwortete Kakashi, „es hat auch keiner behauptet, dass Sie es gewesen seien. Die Person ist zwar von dem Sicherheitspersonal der Uchihas bemerkt worden, konnte jedoch nicht gefasst werden. Was ich Sie fragen möchte ist, ob Ihnen Jemand aufgefallen ist. Auf dem Anwesen, vor dem Anwesen. Jemand den Sie dort vorher noch nie gesehen haben. Jemand der da nicht wirklich hinpasste."

Sakura schüttelte den Kopf. „Nein, tut mir Leid. Mir ist dort niemand aufgefallen. Sie sollten den Pfleger fragen, Tanaka Taro. Er ist sicherlich besser über solche Sachen informiert, als ich."

„Haben Sie jemals mit Jemanden über das Anwesen gesprochen? Jemand erzählt wie man dort auf das Gelände kommt? Oder etwas über die Sicherheitsbestimmungen?", fragte Kakashi mit ruhiger Stimme. Für einen Moment war die Anspannung von Sakura abgefallen, doch nun war sie wieder da. Hatte sie nicht gerade gesagt, dass sie keine Ahnung hätte. Glaubten sie etwa, sie sei mit in die Sache involviert. Ein Hintermann vielleicht. Jemand der wichtige Informationen an Feinde der Uchiha weitergegeben hat, um ihnen so schaden zu können. ‚Diese dämlichen Uchihas bringen mir nichts als Ärger!'

„Nein, natürlich nicht. Ich habe eine Verschwiegenheitsklausel unterschrieben, die Konsequenzen sind mir mehr als bewusst, falls ich dagegen verstoßen sollte", antwortete Sakura und sah ihn an.

Kakashi lehnte sich vor, indem er die Arme auf dem Bettende abstützte. „Miss Haruno, ich hoffe für Sie, dass Sie mir gerade die Wahrheit sagen. Jetzt zu lügen, würde Sie in große Schwierigkeiten bringen."

„Natürlich sage ich die Wahrheit. Kaum ein Mensch weiß davon, dass ich jeden Morgen und Abend zu den Uchihas gefahren bin. Ich kenne die Uchihas nicht und ich weiß auch nicht wer ihre Feinde sind. Lassen Sie mich raten, Uchiha Sasuke hat Ihnen gesagt, dass ich irgendetwas damit zu tun hätte. Er hat auch schon hier im Krankenhaus angerufen, um mich feuern zu lassen – was ihm leider nicht geglückt ist. Dieser Mistkerl hat behauptet, dass ich meine Arbeit nicht richtig ausführen würde. Das ist absoluter Unsinn und eine verdammte Lüge. Glauben Sie diesem Typen nichts."

„Uchiha Sasuke, huh?", fragte Kakashi und zog die Augenbrauen.

„Oder sein Vater. Der hat hier im Krankenhaus ständig das ganze Personal – einschließlich mich – als vollkommen inkompetent bezeichnet. Sie können sich das gerne von Senju Tsunade bestätigen lassen oder einem der anderen. Ich verstehe eh nicht, wieso die mich als Ärztin akzeptiert haben, wo ich nach ihrer Meinung doch so inkompetent sein soll..."

Kakashi war mehr als erstaunt über die Äußerungen von ihr. Er hatte die Augenbrauen hochgezogen und sagte, „darf ich das also dahingehend verstehen, dass Sie die Familie Uchiha nicht sonderlich gut leiden können?"

„Was?", Sakura schreckte auf, denn sie hatte seine Andeutung verstanden, „ja, nein, also ja. Natürlich bin ich auf die Familie nicht sonderlich gut zu sprechen, das wären Sie doch sicherlich auch nicht, wenn irgendein reicher, verwöhnter Typ – der immer alles was er will, bekommen hat – den Einfluss seiner Familie ausnutzt, um Sie feuern zu lassen. Doch deswegen gebe ich keine Informationen weiter. Ich bin kein schlechter Mensch. Ich bin Ärztin geworden, um anderen zu helfen."

Kakashi blickte sie für einen Moment nachdenklich an, dann stellte er sich wieder aufrecht hin und zog eine Visitenkarte aus seiner Jackentasche. „Vielen Dank für Ihre Kooperation. Wenn Ihnen sonst noch etwas einfallen sollte, melden Sie sich bitte bei mir", Kakashi reichte ihr die Visitenkarte, „einen schönen Tag noch." Nach diesen Worten drehte er sich einfach um und verließ das Krankenzimmer wieder. Zurück blieb eine perplexe Sakura. Wie sollte das nur weitergehen? Sakura ließ sich erschöpft zurückfallen. Sie dachte an all die Dinge, die in den letzten Wochen geschehen waren. In ihrem Kopf malte sie sich aus, wie es wohl weitergehen würde. Was wenn Tsunade sie wirklich feuern würde? Was wenn sie in irgendeiner Art und Weise bestraft werden würde? Wochenlang Bettpfannen säubern. Diese Gedanken ließen Sakura einen kalten Schauer den Rücken herunter laufen. ‚Doch vielleicht', ein positiver Gedanke in ihr keimte auf, ‚vielleicht werde ich in ein paar Wochen an diese ganze Situation zurückdenken und sogar darüber lachen können.'