Mit großen Schritten überquerte sie die Straße und ging auf den Eingang zu. Ein kalter Windstoß erfasste sie, worauf sie den Mantel enger um sich schlang. Tenten und Hinata hatten ihr ein Outfit herausgesucht, das ihre Vorzüge zeigte, doch für die nun kälter werdende Jahreszeit eher ungeeignet war. Doch sie musste ihnen in einer Hinsicht zustimmen: Sie wollte nicht als die kleine, unscheinbare Assistenzärztin in Erinnerung bleiben, sondern als wunderschöne, starke und selbstbewusste Frau. Wenn sie ehrlich war, kaufte sie sich dies selbst nicht ab, doch es ging ja hier nicht um sie. Sondern um all die Menschen auf der anderen Seite der Mauer.
Sakura drückte auf die Klingel und wartete. Im ersten Moment geschah nichts und sie dachte sich, dass man ihr möglicherweise gar nicht mehr antworten würde. Das war im Grunde genommen das, was sie von ihnen erwartete. ‚Dort drin sind doch alle froh, mich los zu sein. Ich wüsste keinen Ort, an dem mir die Leute jemals so feindlich gesinnt gewesen sind.' Sie wollte bereits ein zweites Mal klingeln, als ein Knacken in der Leitung ertönte.
„Ich dachte, Sie würden nicht mehr kommen", sagte die Stimme und es war auch irgendwie genau das, was Sakura erwartet hatte. Auf Förmlichkeiten war ihr gegenüber doch von Anfang an verzichtet worden.
„Ja, hi", antwortete sie, „ich habe mein Smartphone hier vergessen und bin gekommen, um es abzuholen."
„Smartphone, huh?", sagte die Stimme, „sind Sie sich sicher?"
„Ja, ich habe es geortet und es ist noch im Haus", sagte Sakura und schenkte der Kamera ein falsches Lächeln.
„Geortet? Wo haben Sie denn etwas geortet?" Sakura konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es Kisame war, der am anderen Ende der Leitung saß; was sie jedoch wusste, war das man sich gerade über sie lustig machte. ‚Vollidiot', war das erste was Sakura dazu in den Sinn kam, ‚das hat ja wirklich nicht lange gedauert. Aber schauen wir mal, ob ich das Spiel nicht mitspielen kann...'
„Auf meinem Smartphone befindet sich eine App und mithilfe derer kann man übers Internet, den Standort des Smartphone bis auf wenige Meter bestimmen. Ich habe mein Smartphone das letzte Mal gesehen, vor meinem Sturz in Ihrem Haus und die Ortung sagt mir, dass es immer noch dort ist. Selbstverständlich kann ich mit der Ortung auch zur Polizei gehen – ich meine, ich habe ja den Beweis", das letzte sagte Sakura in einer kindlichen Stimme und war gespannt, was seine Reaktion darauf sein würde. Im ersten Moment erfolgte keinerlei Reaktion und die innere Sakura war sich sicher, dass sie gerade einen Teilsieg zu verzeichnen hatte. ‚Sprachlos ist er...'
„Schön, kommen Sie rein." Das Tor öffnete sich und Sakura betrat, ein wenig triumphierend, das Anwesen. Alles sah so aus, wie zuvor. Nichts hatte sich verändert. Für sie hingegen schon. Sakura ging die gepflasterte Auffahrt hinauf und betrachtete das Haupthaus. Einige der Zimmer, darunter auch Itachis, waren hell erleuchtet. ‚Wer jetzt wohl meine Aufgabe übernommen hat', ging es Sakura durch den Kopf, ‚wem wurde nun all seine Freizeit genommen?' Sie ging an der Garage vorbei, in der ebenfalls Licht brannte, zum Eingang für die Dienstboten und klopfte an. Jemand im Inneren gab ihr ein Zeichen hinein zu kommen. Sakura drückte die Tür auf und betrat den Gemeinschaftsraum. Die Tür war hinter ihr noch nicht wieder ins Schloss gefallen, da sagte Jemand, „was um alles in der Welt suchen Sie denn hier?"
Suri war von ihrem Platz am Tisch aufgesprungen und schnellen Schrittes auf sie zugeeilt. Gut zwei Meter vor ihr blieb sie stehen. „Das Sie es wagen noch einmal hier her zu kommen."
„Das ich es wage?", wiederholte Sakura und zog die Augenbrauen hoch. Sie hatte allen Grund der Welt wütend zu sein und mittlerweile hielt sie nichts mehr davon ab, den Uchihas und ihren Angestellten entgegen zu treten. Der schlimmste Fall – dass man sie feuern würde – war bereits eingetreten, was hatte sie also noch zu verlieren? Zudem hatte sie sich ja etwas Mut angetrunken, was sich nun als sehr gute Idee herausstellte. „Diese Frage stellen Sie mir tatsächlich?"
Suri rümpfte die Nase, „man hat Sie doch entlassen, oder etwa nicht?" ‚Woher weiß sie das? Ach, doofe Frage...', Sakura konnte sich die Antwort darauf doch eigentlich schon denken. Es gab in diesem Haushalt schließlich eine Person, die genau das hatte erreichen wollen. ‚Ob er wohl auch noch auftaucht?', fragte sie sich und ihr fielen da so einige Dinge ein, die sie ihm gerne an den Kopf werfen würde.
Bevor Sakura überhaupt darauf etwas antworten konnte, ging die Tür hinter ihr auf. Deidara kam herein und blickte überrascht von Sakura zu Suri und wieder zurück. Zu Sakura gewandt fragte er, „hat man Sie nicht gefeuert?"
„Das gleiche hatte ich gerade auch angesprochen", sagte Suri direkt und stemmte die Hände in die Hüften, während Deidara Sakura neugierig musterte. ‚Vielleicht hatte es doch etwas Gutes', kam Sakura in jenem Moment der Gedanke, ‚so hat mich hier noch keiner gesehen.' „Nettes Outfit", sagte er zu ihr. ‚Yes', schrie ihre innere Stimme auf.
„Danke", antwortete Sakura, als wäre sie dort, um höfliche Konversation zu betreiben.
„Sie haben einen furchtbaren Geschmack", mischte Suri sich direkt wieder ein, „ich wäre lieber tot, als so etwas zu tragen."
„Sie müssten lange tot sein, um hier rein zu passen", antwortete Sakura und schenkte ihr ein Lächeln. Deidara musste sich stark zurückhalten, nicht laut loszulachen und Sakura erging es nicht anders. So eine Schlagfertigkeit hatte er ihr nicht zugetraut.
„Sie Sind wohl kaum in der Position dumme Witze zu machen. Wer steht denn hier ohne Job da?"
„Das habe ich doch alles Uchiha Sasuke zu verdanken...", antwortete Sakura und wurde direkt wieder unterbrochen.
„Gern geschehen", raunte Jemand. Die drei Anwesenden wandten sich um. Sasuke lehnte sich gegen den Türrahmen und steckte gleichgültig seine Hände in die Hosentaschen. Sein Blick war auf Sakura fixiert, diese schnaufte nur kurz. ‚Jetzt könnte man ja fast glauben, er hat darauf gewartet, dass ich hier auftauche...'
„Sie erwarten jetzt wohl nicht, dass ich Ihnen dankend um den Hals falle, oder? Hat es Ihnen wenigstens Spaß gemacht?", fragte sie ihn und ging langsam auf ihn zu, „hat es Spaß gemacht, mir meine Karriere zu ruinieren? Hat es Spaß gemacht, all das zu zerstören, was ich mir in den letzten Jahren mühselig aufgebaut habe? Hat es Spaß gemacht mir mein beschissenes Leben zu versauen? Shannaro!" Mit jedem Wort war Sakura etwas lauter geworden. Mittlerweile war sie ihm auch so nah gekommen, dass Deidara eingriff. Er hatte sie am Arm gepackt und zog sie von ihm weg.
Aufgebracht wandte sie sich Deidara zu, „ist das Ihr ernst? Glauben Sie wirklich, dass ich eine verdammte große Gefahr darstelle?" Sakura wandte sich wieder Sasuke zu, „Sie sind erbärmlich. Lassen andere Leute ihre Kämpfe austragen. Ohne sie sind Sie doch nichts! Was haben Sie in Ihrem Leben denn schon alleine auf die Reihe gebracht. Alles was sie tun ist Tag für Tag schamlos den Einfluss und den Reichtum ihrer Familie auszunutzen. Können Sie auch noch etwas anderes?"
„Halt deine Klappe und rede nicht von Sachen, von denen du nichts verstehst", zischte er.
„Ich verstehe es nicht? Wirklich? Wer von uns wohnt denn auf einem großen Anwesen und bekommt alles was er will? Ich habe mir alles in meinem Leben hart erarbeiten müssen, von meinem Studium, über meine Noten bis hin zu der Anstellung im Krankenhaus. Mir ist nie irgendetwas geschenkt worden und wissen Sie was der Witz an der Sache ist...? Ich habe nichts falsch gemacht. Und doch...", Sakura sah Suri und Deidara an, „denkt selbst das verdammte Personal hier, es sei etwas Besseres als ich."
Hinter Sasuke öffnete sich erneut eine Tür. Sasori kam herein, mit Sakuras Smartphone in der Hand und sah beunruhigt von einer Person zur nächsten. „Ich habe das Smartphone", sagte er etwas kleinlaut.
„Gib das Ding her", raunte Sasuke ihn an und entriss ihm das Smartphone. Sakura streckte ihm die Hand entgegen um es an sich zu nehmen, doch Sasuke schlug ihre Hand unsanft weg. Stattdessen ging er an ihr vorbei, nach draußen in den Garten. Er stampfte an der Garage vorbei zur Einfahrt, wo er sich zu anderen Beteiligten umdrehte. Er starrte Sakura für einen Augenblick an, die dort genauso irritiert wie die anderen drei stand und sich fragte, was er nun vorhatte. Sasuke wandte sich wieder von ihr ab, holte aus und warf das Smartphone so weit wie möglich die Auffahrt herunter. Nahe des Tores fiel es mit einem unschönen Geräusch zu Boden. Sakura zuckte ein wenig zusammen. Ungläubig, das dies gerade wirklich geschehen war.
„Den Schaden bezahlen Sie", sagte sie leise zu ihm.
„Einen Scheiß werde ich tun", entgegnete er ihr.
Sakura sah herunter zu der Stelle, wo ihr Smartphone lag und blickte dann erneut Sasuke an. Sie begann in die Hände zu klatschen. „Und ich dachte, sie könnten kein größerer Arsch sein. Danke, dass ich jetzt auch noch ohne Telefon dastehe..."
„Dann kaufen Sie sich halt ein Neues", meinte Deidara zu ihr gleichgültig.
„Kaufen, huh?", Sakura musste sich zurückhalten, dass ihr nicht Tränen in die Augen stiegen. All die Wut und Frustration der letzten Wochen kamen wieder in ihr hoch. „Wovon soll ich das bitte bezahlen. Ich habe doch keinen Job mehr, vergessen? Ich kann mir noch nicht einmal eins von diesen nachgemachten Smartphones leisten." Keiner sagte daraufhin ein Wort. Sakura wandte sich von ihnen ab und ging ein paar Meter die Auffahrt hinunter, bevor sie dann stehen blieb. „Ihr Uchihas seid das letzte. Wissen Sie, ich glaube an Karma. Alles schlechte das man anderen antut, wiederfährt einem irgendwann selber. Und wenn sie andere Menschen auch so behandeln wie mich, dann ist das, was Ihrem Bruder wiederfahren ist, nur der Anfang." Sie ging weiter die Auffahrt hinunter und vor dem, was einst ihr Smartphone gewesen war, kniete sie nieder. Es war zerbeult, das Display war vollkommen zersprungen und Sakura konnte tun was sie wollte, es gab einfach kein Lebenszeichen mehr von sich. Sie schnaufte frustriert und Tränen rannten ihre Wangen hinunter. ‚Schnell weg von hier.' Sakura stand auf und verließ das Anwesen auf kürzestem Wege, ohne noch einmal zurück zu blicken. Auf der anderen Straßenseite warteten Hinata und Tenten immer noch im Auto auf sie. Keiner von den beiden sagte ein Wort, als Sakura ins Auto stieg.
„Er hat es kaputt gemacht", schluchzte sie. „Er kam herein und fing wieder an sich lustig zu machen. Ich habe ihm gesagt, wofür er verantwortlich ist. Dass er mir alles genommen hat, was ich mir in den letzten Jahren aufgebaut habe und dass nicht jeder von uns es so gut hat wie er, der alles in den Arsch geschoben bekommt. Gerade da brachte Jemand mein Smartphone. Er hat es an sich genommen und die Einfahrt herunter geworfen..."
„Vielleicht kann man es reparieren", meinte Hinata, „zeig doch mal her..."
Tenten nahm Sakura das Smartphone ab. „Das ist ein Totalschaden. Gott, was stimmt mit dem denn nicht? Der hat doch mehr als eine Schraube locker."
„Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir uns von denen fern halten sollten", sagte Hinata, „bevor noch mehr schlimme Sachen passieren."
„Und das ist unser Stichwort zu fahren", antwortete Tenten und startete den Wagen. Die ganze Fahrt über sagte Sakura kein Wort. Dieser Tag war einfach furchtbar. Gerade als sie auch nur für den Bruchteil einer Sekunde dachte, dass es wieder besser werden würde, war die nächste Katastrophe gefolgt. Tenten versuchte noch die beiden zu überreden, sich in einer Bar zu betrinken, um die Geschehnisse des Tages zu vergessen. Doch sowohl Sakura, als auch Hinata lehnten dies strikt ab. Alles was Sakura nur noch wollte, war sich in ihr Bett zu legen, die Decke über den Kopf zu ziehen und so zu tun, als würde sie gar nicht existieren. ‚Glücklich ist der, der vergessen kann', das hatte ihre Großmutter ihr immer gesagt. Doch wie sollte sie vergessen? Es hatte Konsequenzen – ernsthafte Konsequenzen, mit denen sie nun zu leben hatte.
Frustriert und immer noch ein wenig den Tränen nahe, stieß Sakura die Tür zu ihrer Wohnung auf. Ohne Umschweife ging sie in ihr Schlafzimmer, warf ihre Kleidung auf den Boden und kuschelte sich, nur in Unterwäsche bekleidet, in ihr Bett. Um alles andere konnte sie sich noch am nächsten Tag kümmern. Entgegen ihrer Erwartungen, schlief Sakura in dieser Nacht wirklich gut. Vielleicht lag es daran, dass sie Alkohol getrunken hatte, der sie immer etwas schläfrig machte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie immer noch Schlaf aufzuholen hatte. Was sie am folgenden Morgen aus dem Bett riss, war das Klingeln an ihrer Wohnungstür. Noch schläfrig warf sie sich ihren Morgenmantel über und öffnete die Tür.
„Na, gut geschlafen?", fragte Tenten sie.
„Mh, was machst du hier?"
„Ich wollte dir das hier geben", antwortete ihre Freundin und drückte ihr ein Päckchen in die Hand. Irritiert sah Sakura sie an.
„Was ist das?"
„Mein altes Handy", Tenten strahlte, „ich habe es für den Fall verwahrt, dass meines einmal kaputt geht oder falls ich es verlieren sollte. Ich weiß, es ist alt, unmodern und hat auch einige Kratzer, aber für die Zwischenzeit sollte es reichen. So kannst du wenigstens deine Nummer bei deinen neuen Bewerbungen angeben und die Leute können dich auch erreichen."
Sakura wusste nicht, was sie darauf sagen sollte, außer „danke."
„Keine Ursache. Du bist meine Freundin und Freundinnen hilft man in der Not. Ich weiß doch, dass wenn ich in deiner Situation wäre, Hinata und du das gleiche für mich tun würdet. Ich kann leider nicht länger bleiben, weil ich meinem Chef versprochen habe, zusammen mit ihm einen wichtigen Kunden am Flughafen abzuholen. Doch du weißt ja, wenn irgendetwas ist und sollte es mitten in der Nacht sein, ruf an. Ich bin für dich da."
Sakura nickte stürmisch, „danke, Tenten. Du bist die Beste."
„Das weiß ich doch, man sieht sich", als sie das sagte, war sie bereits auf der Hälfte der Treppe. Erleichtert und mit der Gewissheit, dass sich zumindest eines ihrer Probleme, für den Moment, gelöst hatte, schloss Sakura ihre Wohnungstür.
Nachdem sie die glücklicherweise noch intakte Sim-Karte ihres Smartphone in Tentens Handy eingelegt hatte, haderte sie eine ganze Weile mit sich, bis sie die Nummer ihrer Eltern wählte. Sakura sollte doch Recht behalten und zu sagen, dass ihre Mutter wenig begeistert über die Neuigkeiten war, war sicherlich noch eine Untertreibung. Gut eine Stunde lang stellte sie Sakura eine Frage nach der anderen, wie es zukünftig weitergehen sollte und Sakura konnte kaum eine Frage beantworten. Wie denn auch? Das Ganze war gerade einmal 24 Stunden her und in der Zeit hatte sie bisher noch nicht ausarbeiten können, wie es weitergehen sollte. Natürlich hatte Sakura vor, sich umgehend im Konoha West, wie von Shizune angemerkt, zu bewerben und zur Sicherheit auch in allen anderen Krankenhäusern. Doch ansonsten? Was sollte sie tun, wenn sie nicht sofort eine neue Anstellung finden würde? Was wenn sie eine ganze Zeit lang arbeitslos wäre? Würde sie dann die ganze Zeit Zuhause sitzen und Däumchen drehen?
Nach dem Gespräch mit ihrer Mutter hatte Sakura das Gefühl sie könnte gleich weitere zwölf Stunden am Stück schlafen. Sie fühlte sich einfach ausgelaugt, vollkommen ausgepowert. Sie hatte gedacht, den Schlaf der vergangenen Wochen aufzuholen, würde ihr wieder ihre alte Kraft zurückgeben, doch scheinbar hatte sie sich geirrt. Sicherlich hatten die desaströsen Nachrichten des Vortages etwas damit zu tun, doch für den Moment fehlte ihr einfach die Kraft, sich aufzuraffen und etwas Sinnvolles zu tun. Sakura kam letztlich zu dem Schluss, dass es sie sicherlich nicht umbringen würde, wenn sie einen Tag auf der Couch verbringen und nichts tun würde. Einfach etwas entspannen. Hatte sie sich in den vergangenen Wochen nicht danach gesehnt?
Es war später Nachmittag und sicherlich die dritte oder vierte kitschige Romanze, die sich Sakura ansah, als das Handy von Tenten klingelte. Die Nummer, die auf dem Display erschien kannte sie nicht. Zögerlich und nicht wissend, was sie erwartete, nahm Sakura den Anruf an. „Hallo?"
„Haruno Sakura?", fragte die Person in der Leitung, „hier ist Shukaku Gaara. Du hattest mir doch deine Nummer gegeben und ich dachte, ich frage einfach einmal, wie es dir so geht."
Sakura entfuhr ein erleichterter Seufzer. Gaara war wirklich eine der letzten Personen, mit der sie gerechnet hatte. Zudem hatte sie bereits wieder vollkommen vergessen, dass sie ihm am Vortag ihre Nummer aufgeschrieben hatte. ‚Vielleicht ist das ein Zeichen', rumorte ihre innere Stimme, ‚der Lichtblick am Ende des dunklen Tunnels. Job verloren, doch Liebe gewonnen!' Sakura schüttelte sich. Sie hatte wirklich zu viele von diesen kitschigen Romanzen gesehen.
„Es freut mich, dass du anrufst. Mir geht es ganz gut.
„Ich bin wirklich erleichtert, dass es dir gut geht. Es war ja nicht gerade eine schöne Nachricht, die du gestern bekommen hast", antwortete er.
„Nein, wirklich nicht. Aber ich muss nach vorne sehen, ich bin optimistisch", antwortete Sakura und kaufte sich dies selber nicht ab. Doch war es nicht gerade das, was sie Menschen erwarteten zu hören?
„Sakura, ich habe gerade meine Schicht im Krankenhaus beendet und würde gerne etwas Essen gehen. Möchtest du mich begleiten?" Sakura am anderen Ende der Leitung lief rot an. Nach allem was in den letzten Tagen geschehen war und er wusste ja mehr oder weniger warum, wollte er mit ihr Essen gehen? Sollte dies etwa ein Date sein? War es das oder wollte er sie nur etwas aufmuntern? „Natürlich, gerne."
„Das freut mich. Ist dir das California Roll in der Innenstadt bekannt?" Sakura bejahte dies.
„Ich habe einen Tisch für acht Uhr reserviert."
„Das klingt wunderbar", antwortete sie.
„In Ordnung, dann treffen wir uns um acht Uhr im California Roll. Ich freue mich schon", sagte Gaara.
„Ich mich auch", antwortete Sakura und beendete das Gespräch. Überrascht, aber doch etwas erfreut, ließ Sakura sich zurückfallen. Doch dann kamen ihr Zweifel an der ganzen Sache: War es nun ein Date oder nicht? Und weitergehend, würde er das Essen bezahlen? Sakura hatte bereits mehrfach von diesem Restaurant gehört, war aber selber noch nie dort gewesen. Dies lag vor allem daran, dass dies ein Restaurant der höheren Preisklasse war und sie sich eigentlich dort nichts von der Karte leisten konnte. Vielleicht das billigste – wenn überhaupt. Bis Gaara nicht explizit sagte, dass er sie einladen würde, musste sie also genau die Preise von allem zusammenrechnen und sicherstellen, dass sie genug Geld bei sich trug. Wie peinlich es wäre, am Ende dort zu stehen und ihr Essen nicht bezahlen zu können. ‚Ich bin arbeitslos – ich muss jetzt ganz genau auf mein Geld achten...'
Um kurz vor acht erreichte Sakura in einem grünen Kleid, dass sie bereits einmal auf der Hochzeit einer ihrer Cousinen getragen hatte, das California Roll. Sie war sich unsicher, ob sie nicht möglicherweise overdressed für dieses Restaurant sei – schließlich war sie noch nie in ihrem Leben dort gewesen. Von Gaara war weit und breit nichts zu sehen. Sollte sie es also wagen, bereits in das Restaurant hinein zu gehen? Sie war nur zögerlich einen Schritt auf die Tür zugegangen, da öffnete diese sich bereits. Ein Kellner hielt ihr die Tür auf und deutete darauf, dass sie doch hereinkommen möge.
„Wie kann ich Ihnen helfen Miss?", fragte er sie und deutete auf ihren Mantel. Irgendwo hatte sie den Kellner vorher schon einmal gesehen, doch sie konnte sich nicht mehr daran erinnern wo...?
Während der Kellner Sakura aus dem Mantel half, sagte sie zögerlich, „ich bin hier verabredet, aber ich weiß gar nicht ob... er schon hier ist." Sakura vermied es irgendwelche Begriffe wie ‚Date', ‚Freund' oder ‚Bekannter' zu nehmen, denn letztlich wusste sie gar nicht, wie sie Gaara eigentlich bezeichnen sollte.
„Das können wir schnell klären, Miss. Wie heißt ihr Begleitung denn?"
„Shukaku, Gaara", antwortete sie und war etwas erleichtert, als der Kellner sie bereits anlächelte.
„Bitte folgen Sie mir, Miss", der Kellner führte sie aus dem Vorraum heraus, in das eigentliche Restaurant und es wirkte vollkommen anders, als Sakura es von den Bildern im Internet kannte. Das Licht war gedämpft und nur die Tische waren direkt beleuchtet. Die Tische bestanden allesamt aus einer schwarzen Marmorplatte, mit passenden ledernen Cocktailsesseln. Die Dekoration war schlicht gehalten, doch wahrscheinlich kosteten die kleinen Vasen auf den Tischen ein Vermögen. Nie zuvor war Sakura in einem solchen Restaurant gewesen und sie musste schlucken. ‚Hoffentlich muss ich nicht selber zahlen...' Der Kellner führte sie zu einem Tisch in der Mitte, half ihr Platz zu nehmen. „Mister Shukaku hat vor wenigen Minuten angerufen. Ich soll Ihnen ausrichten, dass er sich um ein paar Minuten verspätet und Sie sich ruhig schon einmal einen Drink aus der Karte bestellen sollen." Der Kellner reichte ihr die Karte. „Ich bin gleich wieder für sie da."
Ein leichter Seufzer entfuhr Sakura. Das hatte sie jetzt nicht erwartet. Nicht das er sie am Ende noch hier sitzen lassen würde. Sie sah sich im Restaurant um. Dass passende Klientel für dieses Restaurant war es ja. Jeder hier sah aus, als müsste er sich keine Sorgen um die Rechnung am Ende des Abends machen: Männer in maßgeschneiderten Anzügen und Frauen behangen mit Schmuck, wie ein Weihnachtsbaum. ‚Irgendwie passe ich hier ganz und gar nicht rein... Hoffentlich taucht er bald auf.'
„Miss Haruno", sagte eine Stimme neben ihr und Sakura wandte sich schreckhaft um.
„Sie habe ich hier ganz und gar nicht erwartet...", Uchiha Fugaku betrachtete sie von oben herab, „wie kommt es, dass sie in solch einer Lokalität speisen?"
„Ich bin verabredet", antwortete Sakura und versuchte erst gar nicht zu lächeln.
„Tatsächlich? Wo ist denn ihr Begleiter?"
„Er verspätet sich."
„Schade, Schade", antwortete Fugaku mit einem leichten Grinsen und schüttelte den Kopf, „nachdem man Sie entlassen hat, versetzt man sie auch noch..." Sakura widerte seine Schadenfreude einfach nur an. Was war das mit dieser Familie? Verfolgten sie sie nun noch?
„Nun denn", Fugaku wandte sich wieder von ihr ab und ging weiter. ‚Was sollte dieser bescheuerte Auftritt?', ging es Sakura durch den Kopf. Hatte er das alles nur getan, um sie zu demütigen. Sie beobachtete wie er auf einen Kellner zuging und etwas zu ihm sagte. Als Sakura erkannte, dass der Kellner sie ansah, wusste sie, dass nichts Gutes folgen würde. Sie reagierte gar nicht, sondern starrte die beiden einfach nur an. Der Kellner nickte nur kurz, und Sakuras Blick folgte Fugaku, der sich wieder zurück an seinen Tisch setzte. Währenddessen war der Kellner an ihren Tisch gekommen, „Miss, ich müsste Sie bitten zu gehen."
„Verzeihung, wie bitte?", fragte Sakura ihn und war noch nicht einmal sonderlich überrascht.
„Ich muss Sie bitten Miss, das Restaurant auf der Stelle zu verlassen", wiederholte der Kellner und auch ihm war die Situation sichtlich unangenehm.
„Was hat der Uchiha zu Ihnen gesagt? Das ich etwa nicht in der Lage bin zu zahlen oder was?"
„Nein, Uchiha-sama hat nichts dergleichen gesagt. Er hat sich zu Ihrer Profession geäußert und unsere Restaurant-Politik erlaubt solche Professionen nun einmal nicht..." ‚Der Arsch hat behauptet ich sei eine Nutte, ich glaube es nicht...', war der Gedanke, der Sakura kam. Sie stand auf und starrte dem Kellner direkt in die Augen. „Ich bin keine Nutte, falls er Ihnen das erzählt haben sollte. Doch ich weiß, dass er seine Frau regelmäßig betrügt – deshalb will er mich nicht in seiner Nähe haben. Weil ich ihn in flagranti erwischt habe...mit einer jungen hübschen Frau, die regelmäßig bei ihm Zuhause ein und ausgeht." Natürlich war all das erlogen. Genauso wie es erlogen war, dass sie eine Nutte sei. Doch wieso sollte sich nicht gleiches mit gleichem vergelten? Wer weiß, vielleicht stimmte das sogar. Vielleicht betrog er wirklich seine Frau. Sakura würde es ihm zutrauen.
Sakura machte auf dem Absatz kehrt und marschierte erhobenen Hauptes aus dem Restaurant, nur um draußen Gaara direkt in die Arme zu laufen. Anders als sie ihn kannte, trug er einen grauen Anzug an diesem Abend und hatte sich die Haare zur Seite gekämmt. ‚Hat er das für mich getan?', fragte Sakura sich.
„Da bist du ja. Entschuldige bitte meine Verspätung. Ich bin aufgehalten worden. Wollen wir herein gehen?"
‚Schnell Sakura, denk dir etwas aus', rumorte ihre innere Stimme. „Wäre es möglich, dass wir irgendwo anders etwas Essen gehen. Die Kellner waren so unhöflich zu mir; ich möchte dort nicht mehr rein..."
„Tatsächlich? Am besten ich gehe herein und spreche mit ihnen...", sagte Gaara leicht aufgebracht, doch Sakura hielt ihm am Arm zurück.
„Nein, schon gut. Dann regst du dich nur auch noch auf. Lass uns das Ganze einfach vergessen und irgendwo anders essen." Gaara blickte sie für einen Moment fragend an, dann gab er nach. Er fuhr sie beide in ein kleines italienisches Restaurant, das Sakura vorgeschlagen hatte und von dem sie wusste, dass sie sich das Essen dort leisten konnte. Nach dem kleinem Drama im California Roll war Sakura mehr als erleichtert, dass der Abend letztlich doch noch eine gute Wendung nahm. Sie verbrachte einen schönen Abend mit Gaara und obwohl sie die meiste Zeit über ihre Arbeit redeten, konnte sie dann doch noch etwas mehr über ihn erfahren – etwas Privates. ‚Ein Date mit Startschwierigkeiten.' Als Gaara sie dann am Ende des Abends nach Hause fuhr, keimte ihn Sakura die leise Hoffnung auf einen Kuss auf, die Gaara jedoch mit einem festen Händedruck vernichtete. Vielleicht war es für ein erstes Date – wie sich nach Gaaras eigenen Angaben herausstellte – einfach etwas zu viel verlangt. ‚Eigentlich nicht', ertönte die Stimme in ihrem Kopf, ‚aber auf der anderen Seite ist er kein Mann wie jeder andere...' Die Zeit würde wohl zeigen, was dort noch folgen würde.
