~Annie~
"Oh Mann. Endlich Wochenende!" Thresh ließ neben Annie auf eine der dunkelbraunen Lederbänke in "Molly's Pub" fallen.
"Das kannst du laut sagen." Finnick reichte Thresh ein Bier, dieser nahm einen kräftigen Schluck und lehnte sich dann in der Bank zurück.
Johanna, die, im Schneidersitz, Thresh gegenüber saß, sah auf. "Geht ihr morgen abend zu Mike Sullivan's Party?"
Annie zuckte mit den Schultern und warf sich eine Hand voller Erdnüsse in den Mund. "Ich weiß nicht. Ich kenne den Kerl ja eigentlich überhaupt nicht."
"Ach komm Annie, das ist doch egal.", Finnick lehnte sich über den Tisch zu ihr herüber. "Die Hälfte der Leute, die da sein werden, kennen ihn nicht."
"Stimmt. Ich hab glaub ich erst einmal mit ihm gesprochen. Das war bei einem Footballspiel. Er wollte wissen wo es zum Klo ging.", bekräftigte Thresh
"Wie romantisch!", Finnick fasste sich theatralisch ans Herz.
Thresh kopierte seinen Gesichtsausdruck. "Ich weiß."
"Okay. Ignorier die Spinner. Ich weiß ja, dass man, bei euch im Norden, nur auf Partys geht, wo man jeden einzelnen Gast kennt, aber hier ist das nun mal etwas anders." mit einem leicht spöttischen Unterton redete sie auf Annie ein. "Das Motto lautet, je mehr desto lustiger."
Annie verdrehte grinsend die Augen. Wann immer es irgentwie passte zog Jo den Norden an den Haaren herbei. "Ach, unser Nordlicht", hieß es dann oder "Für jemanden aus dem Norden...".
"Okay, okay, ich werde da sein.", kapitulierend hob Annie die Hände. "Apropos. Ich muss jetzt los. Layla und ich wollten heute noch zusammen lernen. Sie wartet sicher schon."
Bei ihren Worten stand Thresh auf und machte Annie Platz. Diese schnappte sich ihren marineblauen Übergangsmantel und rutschte hinter dem Tische heraus.
"Annie, du bist ein Streber. Es ist Freitagabend. Da lernt man nicht." Johanna sah sie entgeistert an.
Annie schlang sich ihren grauen Wollschal um den Hals und zuckte mit den Schultern. "Ich wüsste nicht wann ich sonst Zeit hätte Jo." sie legte das Geld für ihr Getränk auf den Tisch. "Dann also bis morgen."
Thresh nickte ihr zu. Finnick warf einen prüfenden Blick aus einem der großen Fenster. "Es ist schon stockdunkel. Vielleicht sollte ich dich lieber begleiten?"
Annie lächelte ihn an. "Das ist zwar echt lieb von dir, aber nicht nötig. Der Campus ist gerade mal 5 Minuten von hier entfernt." Damit schnappte sie sich ihre Umhängetasche und steuerte auf den Ausgang zu.
Aus dem Augenwinkel bekam sie noch mit wie Thresh Finnick spöttisch ansah und Jo ihm einen Klaps auf den Hinterkopf gab.
Draußen schlug ihr die eißige Luft entgegen. Fröstelnd klappte sie den Kragen ihres Mantels hoch. Jetzt, Ende November, war es eindeutig zu kalt für ihren dünnen Herbstmantel geworden.
Es roch nach Schnee und Annie sog den Geruch begierig ein. Sie liebte den Winter.
In solchen Momenten vermisste sie ihr zu Hause. Sie war nun schon seit fast drei Monaten in Houston, hatte tolle Freundschaften geschlossen und fühlte sich auch eigentlich sehr wohl, aber als sie am Vortag ihren Vater angerufen hatte und dieser ihr erzählt hatte, dass in Astoria schon Schnee lag, hatte sie dennoch das Heimweh gepackt.
Es gab einfach nichts schöneres als den Winter in Astoria. Wenn richtig hoch Schnee lag und sie mit Clove, die im Haus schräg gegenüber lebte, Kekse buk.
Wenn sie mit Rusty, ihrem alten, zugegebenermaßen hässlichen Kater vor dem Kamin saß und die alten Fotoalben ihrer Großmutter durchstöberte.
Damit würde Houston niemals mithalten können.
...
"Hey.", Layla umarmte Annie zur Begrüßung.
"Hey. Bin ich zu spät?"
Layla winkte ab. "Ach Quatsch. Willst du eine Tasse Tee?"
Layla Navid war einer der schönsten Menschen, denen Annie jemals begegnet war. Ihre Haut war gebräunt und hatte einen leicht olivenen Unterton. Sie hatte endlos langes, schwarzes Haar und wunderschöne dunkle Augen, die von einem Kranz dichter Wimpern umrahmt wurden.
Laylas Eltern stammten aus Persien und sie war sehr streng erzogen worden. Ihr Vater war Anwalt, genauso wie ihr älterer Bruder Amon und so hatte ursprünglich auch Layla Jura studieren sollen.
Das Talent und den Ehrgeiz dazu hätte sie auf alle Fälle gehabt, da war sich Annie sicher. Aber es war nunmal nicht das gewesen, was sie wollte. Und so hatte sie, nach langem Flehen und unzähligen Gesprächen mit ihrem Vater, doch Fotografie studieren dürfen.
"Gerne. Es ist unglaublich kalt draußen." Annie nahm ihren Mantel und den Schal ab und hängte beides an einen Kleiderständer neben der Tür.
Verglichen zu Annie's und Jo's Einzimmer-Bad-auf-dem-Flur-Wohnung war Laylas Wohnung ein Palast. Ihr Vater hatte nicht gewollt, dass sie sich ein Zimmer teilte.
Er hatte Angst, dass eine Mitbewohnerin vielleicht einen schlechten Einfluss auf seine Tochter haben könnte und so hatte er dafür gesorgt, dass Layla nur das Beste bekam.
Was in diesem Fall ein Appartement bestehend aus Wohn-, Bade- und Schlafzimmer und einer kleinen Küche war. Es war nicht übermäßig groß, aber für Collegeverhältnisse der pure Luxus.
"Machen wir heute mit Geschichte weiter oder willst du dir lieber Bearbeitung ansehen?" Annie holte ihre Bücher aus ihrer Umhängetasche.
"Mir egal." Layla kam, eine Teekanne in der einen, zwei Tassen in der anderen Hand ins Wohnzimmer.
"Na dann wäre ich für Bearbeitung. Da bin ich das letzte Mal überhaupt nicht mitgekommen." Annie griff nach der dampfenden Tasse, die ihr Layla reichte.
"Du bist ja auch neben Marlene gesessen. Da könnte ich mich auch nicht konzentrieren."
Die Mädchen grinsten sich an.
Marlene Collins studierte ebenfalls Fotografie. Nicht jedoch, weil sie sich so sehr dafür interressierte, sonder weil das, ihres Erachtens nach, das leichteste Hauptfach war.
"Ein bisschen knipsen wird ja wohl nicht so schwer sein.", hatte sie gemeint, als sie sich kennen gelernt hatten.
Sowohl Annie als auch Layla mochten Marlene vorallem aufgrund dieser Einstellung nicht besonders und versuchten ihr aus dem Weg zu gehen. Was bis zu einem gewissen Grad auch gut funktioniert hatte. Dann aber hatte Marlene ein Auge auf Finnick geworfen, und als sie mitbekommen hatte, dass Annie und Finn befreundet waren, hatte sie in ihr die ultimative Chance erkannt, ihrem "Finny" näher zu kommen.
"Oh Mann. Ich verzeih dir nie, dass du mir keinen Platz freigehalten hast."
Layla grinste in sich hinein. "Dein Gesicht war zum Schießen, als sie dich auf dem Platz neben ihr gezerrt hat."
"Sie hat mich die ganze Zeit über vollgelabert 'Finny hier' 'Finny da' – es war schrecklich."
...
Skeptisch stand Annie dem Spiegel im Badezimmer. Über Nacht war es noch einmal kälter geworden und somit war es ihr schwergefallen, ein passendes Outfit für Mike's Party zu finden.
Nach langem hin und her Überlege, hatte sie sich nun auf eine graue Skinnyjeans und einen warmen, schwarzen oversized Pullover festgelegt. Um ihren Hals baumelte eine lange silberne Kette mit einem Herzanhänger, die ihr Liz zu ihrem 17. Geburtstag geschenkt hatte.
Ihre Haare hatte sie zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengefasst, bei dem vorne noch einzelne Strähnen ihres ehemaligen Ponys heraushingen.
Sie war eigentlich ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis.
"Annie?", die Tür ging auf und Johanna spähte herein. "Da bist du ja. Wollen wir nicht langsam los?"
"Ja klar. Bin schon fertig."
Sie folgte Jo aus dem Badezimmer hinaus, über den Flur und in ihr Zimmer um ihre Jacken zu holen.
Jo trug trotz der Kälte ein enganliegendes, rotes Kleid, das ihr bis zu den Knien reichte, darüber ihre schwarze Lederjacke. Sie sah fantastisch aus.
"Ist dir nicht zu kalt?"
"Klar. Aber ich hab die Wahl. Entweder ich ziehe mich warm an und seh scheiße aus oder ich friere ein wenig und werde dafür flachgelegt." sie zuckte mit den Schultern.
"Na vielen Dank auch."
...
~Finnick~
Mike Sullivan wohnte etwas außerhalb der Stadt, auf einer Anhöhe, von der aus man ganz Houson überblicken konnte. Er, beziehungsweise seine Eltern, besaßen einen Pool, einen riesigen Garten und eine Garage voller teurer Autos. Das Gesamte Anwesen schrie gerade zu "Wir haben Geld!"
Finnick war schon ein paar Mal hier gewesen, weil Mike immer dann, wenn seine Eltern auf Geschäftsreise waren, und das kam oft vor, eine seiner berühmten Partys scmiss.
Die halbe Schule wurde dazu eingeladen und so ziemlich die ganze Schule kam.
Wie Mike das Chaos bis zu der Rückkehr seiner Eltern jedes Mal wieder beseitigte, war Finnick ein Rätsel. Aber im Grunde war es ihm ja auch egal.
"Sag mal Finny, warum studierst du eigentlich Literatur?" Marlene Cooper blinzelte zu ihm hoch und wickelte eine ihrer rotblonden Strähnen um ihren Zeigefinger.
Sie war ziemlich nervtötend. "Mein Name ist Finnick."
"Okay also Finnick..." sie zog seinen Namen lang wie Kaugummi. "...warum studierst du Litertur?"
"Mir war danach."
Er ließ seinen Blick durch die Menschenmasse schweifen, auf der Such nach irgendetwas oder irgendjemanden, der ihm helfen konnte. Sein Blick blieb an der Tür hängen. Dort betrat gerade Johanna den Raum.
"Entschuldige mich, ich muss jemandem Hallo sagen." damit machte er sich auf den Weg und drängte sich durch die Menge.
Kurz bevor er bei Jo ankam, kippte ihm jemand etwas klebriges über die Füße und sobald er dann noch einmal zur Tür blickte, stand da nicht Jo, sondern Annie. Als sie ihn erkannte winkte sie ihm zu und lächelte ihn an.
Dabei funkelten ihre grünen Augen im Licht des Kronleuchters über ihr. Ihre Iris war plötzlich in verschiedenste Grünnuancen gefärbt. Von einem satten smaragdgrün bis hin zu einem hellen Lindgrün.
Ihm war noch nie aufgefallen, wie schön ihre Augen waren.
"Ist Thresh auch schon da?", Annie, die näher gekommen war, riss ihn aus seinen Gedanken.
"Hm?" er blinzelte. "Was?"
Annie lachte ihr hohes, klares Lachen. "Bist du jetzt schon betrunken?"
"Ich? Niemals! Ich bin stocknüchtern." langsam aus seiner Trance erwachend, grinste er sie ihn Finnick Manier an.
"Wo ist Jo? Gerade noch stand sie doch hier?"
"Irgendwo da drüben, sie hat einen Kerl aus ihrem Wirtschaftskurs gesehen und meinte er sei ihr heutiges Opfer."
"Das klingt nach Jo."
...
"Sieh dir das mal an! Der Hausherr höchstpersönlich knutscht mit unserer Annie.", brüllte Thresh Finnick ins Ohr und fing danach an hysterisch zu kichern.
Finnicks Blick fuhr herum. "Hä? Wo?"
Thresh packte Finns Kopf und drehte ihn so, dass er einen guten Blick hatte.
Finnicks Magen zog sich zusammen. Er hatte wohl ein wenig zu viel getrunken.
Mike stand, einen Arm über Annies Kopf an der Wand abgestützt, neben der großen wuchtigen Holzbar im Esszimmer der Sullivans. Die beiden waren in eine heftige Knutscherei verwickelt.
Seine zweite Hand fuhr über ihren Hintern.
Bei diesem Anblick, begann Finnicks Blut zu brodeln. Das war Annie! Was dachte er wer er war?!
Finnick war kurz davor, den schmierigen Kerl von Annie weg zu zerren, als Annie ihn aus heiterem Himmel von sich stieß.
Mike wich zurück und Annie lief auf den Ausgang zu.
Mike schien das nicht weiter zu kümmern und wandte sich an die Bar, während Finnick Annie hinterher hechtete.
Draußen angekommen hielt er zunächst mal erstaunt inne. Wann hatte es angefangen zu schnein?
Dann sah er sich um. Wo war sie hin? Sein Blick schweifte umher und blieb schließlich an einem Steinmäuerchen hängen. Dort saß sie. Ihre Beine baumelten in der Dunkelheit.
"Annie."
Sie hob den Kopf.
"Was machst du denn hier draußen?"
Annie sprang von der Mauer herunter und lief auf Finnick zu. An ihren Bewegungen konnte Finn erkennen, dass sie viel zu viel getrunken hatte.
Sie kam vor ihm zum Stehen und taumelte kurz. Finn fasste sie sofort an den Armen, um sie vor einen Sturz zu bewahren.
"Es schneit!", hauchte sie ihm mit geröteten Wangen und funkelnden Augen zu.
"Das sehe ich." er konnte nicht anders als zu lächeln.
Annie befreite sich aus seinem Griff und begann sich im Kreis zu drehen. "Es schneit!", jauchzte sie.
Finnick war sich nicht sicher, ob dieses Drehen in ihrem Zustand die beste Idee war. Aber er brachte es auch nicht über sich, sie davon abzuhalten.
Langsam wurde ihr Drehen langsamer, bis sie schwankend stehen blieb.
"Ich liiiieeebe Schnee!" fasziniert beobachte Annie, wie die Schneeflocken auf ihre ausgestreckte Hand fielen und dann schmolzen.
"In Astoria gibt es auch Schnee." Finnick konnte die Wehmut aus ihrer Stimme hören.
"Finnick?"
"Ja?"
"Hast du auch manchmal Heimweh?"
Finnick überlegte kurz.
Seine Mutter hatte drei Jahre nachdem sein Vater abgehauen war, einen anderen Mann geheiratet.
Er mochte Matt, und auch seine Halbgeschwister Zoe, Ben und Zac.
Aber trotzdem fühlte er sich oft wie der Außenseiter der Familie. Er war also froh, nicht mehr das ganze Jahr über zu Hause zu sein und sein eigenes Leben führen zu können.
"Ich weiß nicht. Manchmal vielleicht."meinte Finnick schließlich. Aber Annie hörte ihm schon gar nicht mehr zu.
Ihr Blick lag in der Ferne, in Richtung Stadt.
"Weißt du warum ich an die UH wollte?"
"Weil dir der Norden zu kalt wurde?"er grinste zu ihr hinunter.
Annie lachte kurz in sich hinein. "Fast."
"Mein Vater wollte immer, dass ich nach Portland ans College gehe. Da hätte ich jedes Wochenende nach Hause fahren können. Und ich wollte das eigentlich auch. Doch als es dann so weit war..."
"Da wolltest du die große, weite Welt sehen?"
"Ja! Ich meine, wenn... Es war alles klar. Weißt du? Alles war geplant. Ich würde in Portland studieren und dann, wenn ich mit dem Studium fertig bin, hätte ich in Larry's Studio arbeiten können, später hätte ich einen der Jungen geheiratet, die ich schon seit der Vorschule kenne, wir hätten zwei oder drei Kinder bekommen und..."
"Das war nicht genug"
Annie blickte zu ihm hoch und sah ihm tief in die Augen.
"Ja."
Annie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr.
"Aber jetzt hab ich solche Sehnsucht nach zu Hause. Ich vermisse meinen Dad und meinen Kater und sogar meine Stiefschwester Andi. Ich... ich hab einfach Angst, dass das alles ein riesengroßer Fehler war.", zum Schluss hin wurde ihre Stimme immer brüchiger und ihre Augen glänzten verdächtig.
Aus einem Impuls heraus schloss Finnick sie in seine Arme.
"Mach dir nicht so viele Gedanken Annie. Am Anfang Heimweh zu haben ist ganz normal. Das geht jedem so."
"Wirklich?", ihre Stimme klang erstickt.
"Klar. Ich bin ganz sicher, das geht vorbei. Und außerdem, bist du nicht allein, Ann. Du hast Jo und Thresh und Layla. Und du hast mich."
Annie sah ihn, die Wange immer noch an seine Schulter geschmiegt an.
"Danke, Finn."
"Kein Problem. Aber lass uns jetzt reingehen, es ist arschkalt."
Sie löste sich von ihm. "Ihr aus dem Süden seit das nun mal einfach nicht gewöhnt."
Finnick gluckste, dann schien ihm etwas einzufallen.
"Sagmal, was hat Mike eigentlich getan, dass du ihn weg gestoßen hast?"
"Gar nichts. Ich hatte nur einfach keine Lust mehr in zu küssen."
Erstaunt sah Finnick sie an. Dann prustete er los.
