Kapitel 5

~Annie~

Es war der Sonntag nach Mike Sullivans Party und Annie verbracht ihn damit auf ihrem Bett liegend, ihren Aufsatz für Geschichte der Fotografie fertigzustellen, während Jo lustlos in ihrem Betriebswirtschaftsbuch blätterte.

Sie waren beide noch nicht übermäßig produktiv gewesen, was vor allem daran lag, dass der Kerl aus dem Zimmer neben an seine Liebe zu Heavymetal entdeckt hatte.

Es war zum wahnsinnig werden.

Nach dem er 15 Minuten lang 'Master of Puppets' in Dauerschleife gehört hatte, war es Jo dann endgültig zu bunt geworden. Sie war aufgesprungen und aus dem Zimmer gestürmt. Dann hatte man eine Weile hören können, wie sie den Kerl zur Schnecke machte und daraufhin die Musik verstummte, bevor Jo mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck in das Zimmer der beiden zurückgekehrt war.

Annies Blick schweifte durch den Raum und aus dem Fenster. Obwohl es die ganze Nacht über geschneit hatte, war davon schon nichts mehr zu sehen. Das war nun mal der Süden.

Thresh hatte, vor einiger Zeit, einmal gemeint, dass selbst er, als gebürtiger Texaner, in seinem ganzen Leben nur etwa drei oder vier Mal mitbekommen hat, dass der Schnee länger als zwei Tage blieb.

Plötzlich summte Annies Handy. Sie legte ihren Laptop zur Seite und zog es aus ihrer Hosentasche.

-1 ungelesene Nachricht, Finn -

Finn: In 30 min unten am Eingang. Warm anziehen. Ich zeig dir was Houston zu bieten hat.:)

Annie: Muss ich das jetzt verstehen? O.o

Finnick war echt eine Nummer für sich. Was sollte das denn schon wieder heißen?

Finn: Nein. Sei einfach da.

Annie: Was wenn ich schon was vorhabe?

Finn: Hast du?

Kurz überlegt sie, was sie schreiben sollte. Ihr Aufsatz würde sich ja nun nicht von selbst schreiben. Aber auf der anderen Seite, hatte sie einfach wirklich keine Lust mehr sich weiter damit zu befassen. Das konnte sie ja auch später noch erledigen.

Außerdem hatte Finn ihre Neugierde geweckt.

Annie: Nope

Finn: Na dann...

Annie: Na dann.^-^

…...

„Tada!" breit grinsend deutete Finnick auf ein großes, kupelartiges Gebäude.

„Was ist das?"

„Das, meine liebe Annabel, ist eine Eishalle! Ursprünglich wollte ich mit dir zu einer Outdoorbahn, aber die sind etwa dreimal so teuer. Du musst also mit einer Halle vorlieb nehmen."

„Das ist es also, was Houston zu bieten hat?" skeptisch sah sie ihn an.

„Ja! Du musst dich einfach darauf einlassen.", erklärte er ihr wie einem Kleinkind. „Eislaufen ist klasse und außerdem gibt es in Astoria keinen Eislaufplatz, das ist also etwas, das Houston Astoria voraushat."

„Woher willst du wissen, dass wir in Astoria keinen haben?" belustigt sah sie zu ihm auf.

„Das gehört doch zur Allgemeinbildung.", erklärte er ihr ernst.

Annie zog die Augenbrauen in die Höhe. „Aha."

„Okay." kapitulierend hob er die Hände und grinste sie an. „Google ist mein Freund."

…...

Zehn Minuten später, hatten Annie und Finnick sich jeweils ein Paar Schuhe besorgt und standen auf dem Eis.

Die Fläche war groß und, an einem Sonntagnachmittag, ziemlich belebt. Liebespaare zogen Händchenhaltend ihre Runden, Kinder spielten Fangen und am anderen Ende der Halle drehte ein Mädchen schwungvolle Pirouetten.

Die hallte summte nur so vor Stimmen und Gelächter

Annie und Finnick reihten sich in die Menschenmenge ein.

„Ich war schon ewig nicht mehr auf dem Eis." Annie lief, leicht wackelig, neben Finnick her.

Finnick bot ihr seinen Arm an. Lächelnd lehnte Annie ab.

„Ich muss mich nur erst wieder ein wenig daran gewöhnen."

Eine Zeit lang liefen sie schweigend nebeneinander her.

Es war ein angenehmes Schweigen, aber schließlich schien es Finnick doch zu langweilig zu werden.

Mit einem Schwung drehte er sich um 180° und lief nun rückwärts, den Blick auf Annie geheftet.

„Erzähl mir was von dir."

Annie runzelte die Stirn. „Du weißt doch eh schon so gut wie alles."

„Nein, eben nicht. Gestern zum Beispiel habe ich zum ersten Mal gehört, dass du eine Stiefschwester hast."

Annie musterte ihn. „Nimmst du mir das übel?"

„Was? Nein.", abwehrend hob er die Hände, „Warum sollte ich?" dann verzog sich sein Mund zu einem Grinsen. „Mir ist nur klar geworden, dass du voller Geheimnisse steckst."

Schmunzelnde verdrehte Annie die Augen.

„Na gut. Wie du willst." Annie fuhr einmal um ihn herum. „Wie ich dir gestern, in meinem betrunkenen Zustand schon erzählt habe, habe ich eine Stiefschwester. Sie heißt Andrea und ist ein halbes Jahr jünger als ich. Ende der Geschichte."

Finnick drehte sich wieder so, dass er neben ihr herlief „Versteht ihr euch?"

„Du meinst ob wir uns wie typische Stiefschwestern verhalten?" sie überlegte kurz.

„Na ja. Wir sind einfach sehr verschieden. Sie ist eine typische Cheerleaderin. Sie hat... sie ist oberflächlich und zickig und sie treibt mich zur Weißglut und... aber... ich hasse sie nicht. Weißt du? Viele denken, dass Andi und ich uns nicht aus stehen können, weil wir nach außen hin nun mal nicht ein Herz und eine Seele sind. Aber das stimmt so nicht. Ich hasse sie nicht. Sie ist meine Schwester."

Finnick lenkte Annie um ein knutschendes Paar herum.

„Verstehe."

„Wirklich? Ich verstehe es ja selbst nicht ganz."

„Wie lange sind deine Eltern schon geschieden?"

Annie starrte auf ihre Hände die in, zu ihrem Schal passende beige Handschuhe gesteckt waren. „Sind sie nicht. Meine Mom starb als ich 13 war."

Finnicks Mundwinkel sanken. Er sah aus wie ein vollkommen anderer Mensch. Seine Grübchen waren plötzlich verschwunden und in seinen Augen fehlte das typische, schelmische Blitzen.

„Oh Gott! Sieh mich jetzt bloß nicht so an." flehend blickte sie zu ihm hoch. „Das ist jetzt fünf Jahre her, es ist ok."

Ein wenig hilflos kratzte sich Finn am Hinterkopf. „Tut mir leid, dass ich..."

„Muss es nicht! Finn wirklich, es ist ok."

Wieder fielen sie in ein Schweigen, diesmal aber nicht halb so angenehm. Annie wurde ganz hibbelig, sie hasste es, wenn Leute von ihrer Mutter erfuhren. Es war nicht so, als wollte sie nicht über sie reden. Vielmehr kam sie einfach nicht damit klar, wie man sie danach ansah. So mitleidig, bedauernd.

Sie beobachtete, wie ein älterer Mann ein kleines Mädchen an den Armen festhielt. Die Kleine war sichtlich wackelig auf ihren weißen Eistaufschuhen und auf ihrem Gesicht lag die Angst zu fallen.

Nach fast zehn Minuten des Schweigens, wurde es Annie zu viel.

„Ich habe mal Ballett getanzt."

Die Verwirrung war in Finns Gesicht geschrieben.

„Du sagtest, du willst mich besser kennen lernen. Also. Ich habe mal Ballett getanzt, zwar nur zwei oder drei Wochen lang, dann bin ich zum Bodenturnen gewechselt, aber ich war mal kurz ein Ballettmäuschen."

Finnick gluckste in sich hinein. „Ich hätte es wissen müssen, du hast die Aura einer Ballerina."

Belustigt schüttelte Annie den Kopf. „Hörst du dir denn gelegentlich auch mal beim Reden zu?"

„Klar. Ich bin mein größter Fan."

~Finnick~

„Jetzt du, erzähl mir etwas, dass ich noch nicht weiß." auffordernd lächelte sie ihn an.

Kurz überlegte Finnick. „Okay. Ich habe ein Baumhaus. Beziehungsweise hatte ich eines, mittlerweile haben es sich meine Brüder unter den Nagel gerissen."

„Du hast Geschwister?"

„Ja, eine Schwester, Zoe, sie ist zwölf. Und zwei Brüder, Zac und Ben, sie sind acht."

„Zwillinge?"

„Ja."

„Oh Mann, wie süß!"

Finns Gesicht verzog sich, als hätte er in einen sauren Apfel gebissen. „Die zwei sind alles andere als süß. Sie sind die Pest. Stell dir das nervigste vor, dass du jemals erlebt hast. Das hoch zwei."

Annie kicherte. „Ich wollte auch immer ein kleines Geschwisterchen haben."

„Hast du doch."

Annie verdrehte die Augen. „Andi zählt nicht."

Finn grinste. „Also zurück zu meinem Baumhaus. Es war schon auf der knorrigen Eiche hinter unserem Haus, als Mom und Matt es gekauft haben. Matt hat es ein wenig aufgebessert und dann war es so etwas wie mein zweites inoffizielles Zimmer."

„Klingt toll."

„Das war es auch. Ich hatte es zu Eltern- und Mädchenfreier Zone erklärt. Ein Ort ganz für mich allein."

„Wenn Mädchen nicht erwünscht waren, hieß das, dass Johanna auch nicht hoch durfte?"

„Jo war doch kein Mädchen."

Annie konnte nicht anders, als über seine Aussage zu lachen. „Was für ein Kompliment."

…...

Etwas später am Nachmittag, waren nur noch wenige Menschen auf dem Eis und draußen hatte es schon angefangen zu dämmern.

„Sag mal, warum willst du eigentlich Fotografin werden?"

Nachdenklich kaute Annie auf ihrer Unterlippe. Finnick konnte seinen Blick nicht davon abwenden.

Ihre Lippen waren voll und weich und am liebsten hätte Finnick hier und jetzt herausgefunden, ob sie genau so süß schmeckten wie sie aussahen.

„Mein Großvater war auch Fotograf." Sie holte ihn aus seinen Gedanken und mit all seiner Selbstbeherrschung riss er seinen Blick von ihren Lippen los.

„Er hatte ein kleines Fotostudio in Seaside, das liegt in der Nähe von Astoria, und immer wenn ich bei ihm zu Besuch war, nahm er mich mit in seine Dunkelkammer. Das war wie Magie.

Grandpa hat immer gesagt, 'Ein Fotograf fängt Momente'. Und das wollte ich auch."

„Klingt ziemlich poetisch."

„Ich weiß."

Sie grinsten sich an.

Plötzlich stahl sich ein aufgeregtes Leuchten in Annies Augen.

Sie fasste Finnick am Arm. „Wer als erstes am anderen Ende der Bahn ist!"

Er hatte noch gar nicht ganz realisiert, was los war, da war Annie schon los gesprintet.

Seine Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen. Das würde er nicht auf sich sitzen lassen.

Finnick hechtete ihr hinterher. Annie war schon an der Mitte der Bahn angekommen, jedoch war Finnick klar, dass er gegen ihre viel kürzeren Beine trotzdem noch eine Chance hatte.

Gleich hatte er sie.

Kurz vor dem Ziel hatte Finnick Annie erreicht und versuchte ihr den Weg zu versperren, indem er sie zurückzog. Annie zappelte wild mit Armen und Beinen, woraufhin Finnick das Gleichgewicht verlor und beide, ineinander verknotet, hart auf dem Boden aufkamen.

„Ah! Finn, geh runter von mir, ich krieg keine Luft!", klang es erstickt unter Finnick hervor.

„Aber du bist so gemütlich, Annie" grinsend machte er sich noch ein wenig schwerer.

„Boah, Finnick! Ich hasse dich!" Annie versuchte ihn irgendwie von sich herunter zu schieben, doch keine Chance.

„Tust du nicht.", schließlich erbarmte sich Finn doch noch und rutschte von Annie herunter.

Ihr Kopf war hochrot angelaufen und ihre Haare hingen ihr wirr ins Gesicht.

Sie sah bezaubernd aus.

„Ich hab gewonnen.", meinte Finnick, als er sich wieder vom Boden erhob und ihr seine Hand reichte.

Annie schlug, die angebotene Hand weg und stand alleine auf. „Hast du nicht!"

„Und wie!"

…...

Als Annie und Finnick müde, aber glücklich, wieder an den Moody Towers ankamen, war es bereits stockdunkel.

„Das war ein toller Nachmittag, Danke Finn."

Finnick drückte die Eingangstür auf. „Nichts zu Danken."

Annie folgte ihm in das warme innere des Nordturms

Sie nahmen den Aufzug in den fünften Stock.

„Kommst du noch mit rüber? Dann zahl ich dir gleich das Geld für den Eintritt und die Schuhe zurück." Annie stand in der Tür des Aufzuges und sah Finn auffordernd an.

„Ach Quatsch. Lass stecken. Sieh es als Geburtstagsgeschenk." Die Hände in den Hosentaschen, zwinkerte er ihr zu.

„Mein Geburtstag ist im Juni."

„Und meiner im Februar, wie haben heute echt viel über einander gelernt."

Annie rollte mit den Augen. „Na dann, Danke"

„Nichts zu..."

Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und ging.