Kapitel 14: Ardens Ende
Jude wusste nicht mehr wie viel Zeit vergangen war, seitdem sie spürte wie Timothy oder wer auch immer er, war ihr Hand nach unten drückte und nur wenige Sekunden später der Raum erfüllt war, mit einem grässlichen Summen und den erstickenden Geräuschen von Dr Arden. Sie versuchte auszublenden was hier gerade geschah, vielleicht war auch alles nur ein Traum? Vielleicht würde sie einfach wach werden und nichts von all dem wäre wirklich geschehen. Jude hatte in den vergangenen Monaten viele Alpträume, fast jede Nacht wurde sie von ihnen heimgesucht und ließen sie zitternd aufschrecken. Ihre Träume waren beängstigend, wirr und grausam….genau wie das, was hier gerade geschah und doch war es anders. Alles war anders und innerlich wusste sie, dass hier war kein Traum aus dem sie erwachen würde. Es war die Realität und sie war noch grausamer als all ihre Träume. Fest hielt sie die Augen geschlossen und wagte keinen Blick auf die Liege, wo die gequälten Geräusche von dem Mann, den sie mehr hasste als alles andere immer weniger wurden, bis irgendwann nur noch das Summen des Apparates zu hören war. Wie viel Zeit war vergangen? Jude wusste nicht einmal mehr, ob sie geatmet hatte oder die ganze Zeit über die Luft anhielt. Es war so unwirklich und doch so real. Langsam spürte sie wie Timothys Hand, die immer noch fest auf ihrer lag den Hebel wieder nach oben drückte und das Summen verstummte. Erst jetzt kehrte Jude aus ihrer Trance zurück und riss die Augen auf. Völlig schockiert über das was gerade geschehen war, zog sie ihre Hand weg als hätte sie sich verbrannt. Was hatte sie gerade getan? Hatte sie eben wirklich Arden umgebracht? Sie wagte keinen Blick zur Seite und starrte nur mit weit aufgerissenen Augen an die gegenüber liegende Wand.
Timothy grinste und warf einen Blick auf den toten Arden, der nun leblos auf der Liege lag, auf der er zuvor so viele andere Menschen gefoltert hatte. Mit einem stolzen und anerkennenden Blick, wandte er sich wieder an Jude und umfasste ihre Taille von hinten. Er zog sie zu sich heran und legte sein Kinn auf ihre Schulter. Er atmete den Duft ihrer Haare tief ein und summte zufrieden. Er wusste, der erste Schritt war getan und auch wenn Judy schwierig werden konnte, so war es den Spaß wert. Langsam küsste er ihre Wange und ihren Hals, während seine Hände begannen über ihren Bauch zu streicheln.
„Das hast du gut gemacht Judy. Ich muss gestehen, ich war mir nicht sicher ob du bereit warst aber du hast meine Erwartungen mehr als übertroffen."
Timothys Berührungen und sein heißer Atem ließen Jude erschaudern. Sie ließen sie erschaudern in zweierlei Hinsicht. Sie war angeekelt von ihm, denn er brachte sie dazu etwas wirklich Grauenhaftes zu tun. Dieser Mann war nicht Timothy. Jedenfalls nicht der Timothy, der in ihr seinen seltenen Vogel sah. Er war böse…..durch und durch.
Und dennoch, begann ihr Körper wieder auf seine Berührungen zu reagieren. Sie fühlte seine eisigen Hände durch den Stoff ihres Nachthemdes und auch wenn sie kalt wie Eis waren, so fühlte es sich so unglaublich heiß an. Ebenso wie seine Hände, war sein Atem. Es war wie ein Eiswind an ihrem Ohr und dennoch so heiß. Wie war das möglich? Wie konnte sie so viele verschiedene Dinge fühlen? Wie konnte sie in diesem Moment überhaupt etwas fühlen? Wie konnte sie sexuell auf ihn reagieren, wo neben ihr eine Leiche lag? Völlig schockiert über sich selbst, schüttelte sie den Kopf und stieß Timothy nach hinten. Erst jetzt sah sie die Leiche von Arden auf der Liege. Seine weit aufgerissenen Augen starrten an die Decke und Jude hielt sich die Hand vor den Mund um den Schrei des Entsetzens zu dämpfen, er ihr entkam.
„Judy, komm schon. Das ist doch lächerlich. Was soll das werden? Mir musst du keine Reue vorheucheln. Du hast der Welt einen Gefallen getan und sie von einem Monster befreit. Arthur Arden war nicht einfach nur ein Dr. Frankenstein, er war ein gesuchter Kriegsverbrecher der die widerlichsten Experimente an Menschen vornahm, die man sich nur vorstellen kann. Weißt du noch, was du damals zu Mr. Walker gesagt hast? Du sagtest, dass alle Monster Menschen wären und nun sieh ihn dir an! Sieh dir an, von welchem Monster du die Welt befreit hast." Langsam ging Timothy näher und lächelte „Stell dir nur vor, was passiert wäre, wenn du es nicht getan hättest. Wer wäre der nächste auf seiner Liste? Miss Winters? Mr. Walker? Oder die kleine dumme Pepper?"
Jude hörte Timothys Worte und auch wenn es absurd war, so sagte etwas in ihr, dass er Recht hatte. Aber wie konnte er Recht haben? Wie konnte etwas so schlimmes richtig sein? Jude war vollkommen verwirrt und wusste nicht mehr was richtig und was falsch war. Sie fasste sich an die Schläfen und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Tränen der Verzweiflung begannen über ihre Wangen zu rollen und sie fühlte sich noch verlorener als zuvor.
„Judy!" Timothy trat näher und stellte sich direkt vor Jude hin, er nahm ihre Hände von ihrer Stirn und zwang sie ihn anzustehen „Hör mir zu Judy. Ich will jetzt, dass du mir genau sagst was du fühlst. Nichts Gelogenes oder falsche Reue. Sag mir, was du fühlst. Jetzt, in diesen Moment! Und denk daran, ich sehe was in dir vorgeht, also versuch erst gar nicht mich zu täuschen."
Jude musste heftig schlucken und sah in die Augen des Mannes vor ihr. Sie war so durcheinander und überfordert, dass sie nicht wusste was sie sagen sollte.
„Ich….ich weiß nicht…ich.." nein, sie wusste es nicht. Innerlich herrschte ein einziges Chaos in ihr und es machte sie wahnsinnig.
Timothy blickte auf die verwirrt Frau herab und nickte wissend „Ich kann es dir sagen! Damals vor vielen Jahren, hast du ein kleines Mädchen überfahren und sie einfach wie ein Tier am Straßenrand liegen lassen." mit großen Augen sah Jude zu Timothy hoch und wollte etwas sagen, als er den Kopf schüttelte „Nein, du musst nichts erklären. Ich kann es sogar verstehen! Ist sich nicht jeder selbst der nächste? Du wolltest deine eigene Haut retten, eine ganz menschliche Vorgehensweise, meine liebe süße Judy! Aber dennoch, hast du es nie ganz verkraftet was du getan hast oder? Dein schlechtes Gewissen begann dich aufzufressen. Du fühltest Schuld, Reue, Scham und Trauer. Ist es nicht so? Hast du nicht um das kleine Mädchen getrauert? Ohja, dass hast du! Du hast geweint um das kleine Mädchen im blauen Mantel." Sanft streichelte er über Judes Wange und musterte sie genau und Jude spürte wie seine Blicke sich durch ihre Seele bohrten „Und nun, sag mir was du fühlst, wenn du an Arden denkst. Auch ihn hast du unfreiwillig aus dem Leben gerissen. Sicher, wir beide wissen die Kleine ist nicht gestorben, aber du hast es all die Jahre gedacht. Also Judy, empfindest du jetzt das gleiche? Trauer um Arden? Reue? Bedauern über seinen Tod? Nein, das fühlst du nicht! Ich sehe es genau. Du bist noch schockiert aber sein Tod lässt dich kalt. Sag es…ich will es hören! Sag das du keine Reue oder Trauer empfindest!"
Immer schneller schlug Judes Herz und sie hatte das Gefühl ohnmächtig zu werden. Es war zu viel, es war einfach alles zu viel. Verzweifelt schüttelte sie den Kopf und wollte nicht zugeben, was Timothy schon längst erkannt hatte.
„SAG ES!" schrie Timothy und packte Jude fest an den Schultern und sah sie mit einem wütenden aber auch erwartungsvollen Blick an. Immer wieder schrie er sie an und drückte immer fester zu. Er wollte es hören und wenn er sie bewusstlos schütteln musste.
Jude presste ihre Lippen fest zusammen und versuchte ihm nicht nachzugeben. Aber alles was er ihr zuvor gesagt hatte, zusammen mit dem was sie tatsächlich fühlte, ließen sie wie von allein antworten „Nein….nein…..ich empfinde keine Trauer oder Reue." rief sie plötzlich und schämte sich so sehr für ihre eigenen Gefühle.
Und während immer mehr Tränen über ihre blassen Wangen liefen, blickte Timothy sie zufrieden nickend an „Richtig! Du empfindest nichts für ihn und das ist auch gut so, er hatte den Tod verdient. Oh Judy, ich bin so stolz auf dich." Mit beiden Händen nahm er Judes Gesicht zwischen seine Hände und drückte seine Lippen auf ihre. Noch bevor Jude begreifen konnte was geschah, spürte sie schon seine Zunge tief in ihrem Mund und wie er gierig ihren Körper an seinen zog.
‚Stoße ihn weg! Er ist nicht Timothy! Tue das nicht!' schrie alles in ihr und dennoch, schob sie ihn nicht von sich. Nicht dieses Mal!
