Kapitel 18: Der Morgen danach
Es war noch in aller Frühe, als die ersten Insassen des Frauentraktes wach wurden und begannen laut an ihre Türen zu hämmern. Die Ruhe der Nacht war verschwunden und wieder begann ein neuer Tag in Briarcliff, ein Tag voller Irrsinn und blasphemischen Treibens.
Langsam erwachte auch Jude und fühlte wie jede Faser ihres Körpers schmerzte, ihr war kalt und sie fühlte sich schrecklich. Mit einen Stöhnen vor Schmerzen richtete sie sich langsam auf und erkannte, dass sie die ganze Nacht auf den kalten Betonboden verbracht hatte. Ihre Haut war kalt wie Eis und ihre kalten Finger und Füße schmerzten schrecklich, dennoch war dieser Schmerz nichts gegen den Schmerz, den sie in ihrem Herzen verspürte. Inständig hatte sie gehofft und gebetet, dass alles was in der letzten Nacht geschehen war, nur ein Traum war und nichts von all dem jemals geschehen war. Ihre Gedanken reisten zurück und sie sah wieder Arden vor sich, festgeschnallt auf der Liege. Sie sah seine entsetzten Augen und hörte die summenden Geräusche des Elektroschockapparates. Sie fühlte kein Mitleid für ihn oder Bedauern über seinen Tod. Doch sie fühlte Ekel, Ekel davor das sie selbst es war, die seinen Leben ein Ende gesetzt hatte und das auf so bestialische Art und Weise. Nun war sie genau das, weshalb sie hier war…..eine Mörderin.
Sie kroch zu ihrem Bett und ließ ihren Kopf auf die halbwegs weiche Matratze fallen. Mit geschlossenen Augen dachte sie an das, was danach geschehen war. Sie konnte selbst nicht glauben, was sie getan hatte. Sie wollte stark sein und sich nicht dem Bösen unterwerfen, doch genau das hatte sie getan. Sie hatte sich von dem Bösen verführen lassen und das im wahrsten Sinne des Wortes. Sie konnte ihn noch in sich spüren und sie fühlte sich dreckig und beschmutzt. Es war nicht Timothy dem sie sich hingab, sondern dem personifiziertem Bösen. Und auch wenn es Timothy letztlich doch geschafft hatte zu ihr durchzudringen, so war es nicht er, der sie verführt hatte.
Langsam berührte ihre linke Hand ihren Oberschenkel und fühlte seine getrockneten Säfte auf ihrer Haut. Angeekelt griff sie nach der Decke auf ihrem Bett und versuchte vergeblich es abzuwischen. Schon oft hatte Jude Dinge getan, auf die sie nicht stolz war aber so widerlich und dreckig hatte sie sich nie zuvor gefühlt. Sie wollte Duschen und die Schande von sich waschen, doch auch das würde nur die äußerlichen Spuren beseitigen. Niemals würde sie vergessen können, was geschehen war. Niemals.
Die Dunkelheit in ihr begann sie immer mehr einzuhüllen und drohte sie zu verschlingen. Und doch gab es in all dieser Dunkelheit einen winzigen Lichtblick, eine Gewissheit die sie hoffen ließ. Sie wusste, dass der echte Timothy nicht gänzlich verschwunden war, dass er noch irgendwo existierte und es geschafft hatte, wenn auch nur kurz wieder Herr über sich selbst zu werden. Irgendwie musste sie es erneut schaffen ihn zu erreichen, doch sie wusste nicht wie. Aber vielleicht gab es hier eine Person, die ihr helfen konnte. Eine Person die das gleiche erleiden musste wie Timothy. Eine Person die es geschafft hatte, wieder zurück zukommen.
‚Mary Eunice'
Wenn ein ängstliches kleines Mädchen wie Mary Eunice es geschafft hatte, so würde auch Timothy es schaffen können und sie würde ihm helfen. Sie musste mit Mary Eunice sprechen und das so schnell wie möglich, denn Jude wusste nicht, was das Wesen als nächsten tun würde. Würde sie überhaupt die Chance bekommen ihm zu helfen oder würde das Böse sie vorher aus dem Weg räumen? Sie musste gegen etwas kämpfen, was kein Mensch aus Fleisch und Blut war, doch wie sollte man den Teufel besiegen?
Jude wusste es nicht aber sie wollte und konnte auch nicht einfach so aufgeben. Langsam versuchte sie von den kalten Boden aufzustehen, doch kaum hatte sie sich aufgerichtet, da gaben ihre Beine nach und sie fiel zurück auf den harten Betonboden. Gerade in diesen Moment ging die Tür auf und ein Wachmann betrat ihre Zelle.
„Schwester?" rief der Mann und nur wenige Sekunden später erschien eine Nonne hinter ihm. Es war Schwester Luise, eine strenge aber dennoch gute Nonne. Mit schnellen Schritt ging sie auf die am Boden liegende Jude zu und kniete sich neben sie.
„Miss Martin? Ist alles in Ordnung?" sie legte vorsichtig ihre Hand auf Judes Arm „Ach du meine Güte, Sie sind ja eiskalt. Was ist hier passiert?"
Was sollte Jude sagen? Die Wahrheit war ausgeschlossen.
„Ich….ich muss aus dem Bett gefallen sein und habe wohl auf dem Boden geschlafen." Sagte Jude mit zittriger Stimme.
„Sie sind auf den harten Boden gefallen und haben das nicht bemerkt?" fragte die Nonne mit zweifelnden Blick.
„Ich habe einen festen Schlaf." Antwortete Jude trocken.
Schwester Luise nahm ihre Hand von Judes Arm und legte sie auf ihre Stirn „Und Sie haben Fieber…sehr hohes Fieber wenn ich mich nicht täusche." Sie wandte sich an den Wachmann und gab ihn Anweisung Jude auf die Krankenstation zu bringen.
Jude spürte wie der Mann sie hochhob und in diesen Moment wurde ihr schwindelig und ihr wurde schwarz vor Augen. Nur noch beiläufig merkte sie, wie sie aus den Frauentrakt getragen wurde.
