Kapitel 6
~ Ernste Vorzeichen ~
Mittlerweile war es Anfang November und draußen bitterkalt geworden. Gerade kam Severus vom ersten Quidditch-Spiel des Schuljahres - Gryffindor gegen Slytherin. Ärgerlicherweise hatten die Gryffindors auch noch gewonnen und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, hatte ihm auch irgendwer seine Roben angefackelt, während er versucht hatte, Potter davor zu retten, sich beim Sturz vom verhexten Besen den Hals zu brechen.
Innerlich verärgert und auch besorgt über diese seltsamen Vorkommnisse in letzter Zeit, humpelte Snape zu seinem Kleiderschrank, um sich eine frische Robe rauszulegen. Mit der angesengten wollte er schließlich nicht zu Amanda gehen, mit der er sich am Abend verabredet hatte. Nachdem er frisch geduscht hatte, arbeitete er noch ein wenig, bis es Zeit zum Abendessen in der Großen Halle war. Nach dem Essen machte er sich auf den Weg nach Hogsmeade und apparierte zu Amanda.
Diese war an diesem Samstag etwas früher nach Hause gekommen und so hatte sie bereits geduscht und gegessen. Gerade hatte sie in ihr neues Buch gesehen, als es an der Tür klingelte und sie ging, um Severus aufzumachen. „Hallo", sagte sie dann und ließ ihn ein. „Hallo", begrüßte sie dieser mit ruhiger und etwas verdrossener Stimme, da heute nicht sein Tag war und noch dazu sein Bein vom weiten Fußweg zur Apparationsgrenze schmerzte. Dann trat leicht humpelnd ein. Am liebsten hätte er die Verletzung vor Amanda verborgen, doch er konnte das Schonen des Beins nicht ganz unterdrücken. Amanda küsste ihn zur Begrüßung, nachdem sie die Tür geschlossen hatte. „Was hast du denn am Bein gemacht", wollte sie von ihm wissen, als sie sein Humpeln bemerkte. „Ich wurde gebissen", antwortete Snape zerknirscht, denn es ärgerte ihn noch heute, dass er es nicht fertig gebracht hatte, gut genug auf alle drei Köpfe dieses Hunde-Monsters aufzupassen. Sie sah ihn groß an. „Gebissen? Von was denn bitte?" „Ich glaube nicht, dass du das wirklich wissen willst", entgegnete er und humpelte daraufhin ins Wohnzimmer, um sich endlich setzen zu können. Als er auf dem Sofa saß, merkte er erst richtig, wie heftig seine Fleischwunde pochte. „Ich denke schon, dass ich das wissen will. Hast du das denn gut verarztet?" Sie setzte sich neben ihn und sah ihn kritisch an. Was hatte Severus da nur gemacht? „So gut es mir auf die Schnelle möglich war", sagte er vage. „Ein dreiköpfiger Riesenhund hat mich gebissen", fügte Snape dann noch an, da Amanda sich offensichtlich nicht mit seiner Antwort begnügen wollte. „Es war mir leider unmöglich, drei Mäuler gleichzeitig im Auge zu behalten."
„Na klar... ein dreiköpfiger Riesenhund. Was hast du denn mit so etwas zu tun? Zeig doch mal, mit so Bissen ist doch nicht zu spaßen." Amanda war besorgt und verwundert zugleich.
„Leider viel mehr, als mir lieb ist. Er hat seine Hundehütte momentan im Schloss..." Dann wehrte er ab. „Nein, bitte... Jetzt nicht, ok? Du wirst es noch früh genug sehen und wirklich appetitlich sieht es ohnehin nicht aus." Er wollte gerade nicht schon wieder die ganzen Verbände abwickeln, nur um Amanda seine Verletzung zu zeigen. Außerdem würde sie sich dann wohl nur noch viel mehr Sorgen machen, dabei hatte er schon viel Schlimmeres überlebt. „Na ich hoffe, du hast es gut versorgt, sonst hast du da bald eine riesige Entzündung und kannst gar nicht mehr laufen." Eigentlich wäre Amanda es schon lieber gewesen, die Wunde einmal zu sehen. Da Severus nun wirklich nicht wehleidig war, musste es schon etwas ernsthaftes sein, wenn er nicht richtig laufen konnte. „Was macht der Hund denn in der Schule?" Severus sah sie etwas missbilligend an, da sie ihm unterstellte, er wüsste nicht, dass man solch eine Wunde gut versorgen musste. „Natürlich habe ich sie hinreichend versorgt. Schließlich kann ich es mir nicht leisten, auszufallen. Irgendwer muss ja den werten Herrn Potter davor retten, sich schon im ersten Schuljahr den Hals zu brechen", sagte er dann sarkastisch. „Und was den Hund betrifft, so kann ich dir nicht mehr sagen. Schon dass du von ihm weißt, ist zuviel. Ich bin zum Schweigen verpflichtet. Eins ist allerdings sicher... In letzter Zeit häufen sich die ungewöhnlichen Vorkommnisse auffällig oft und ich glaube selten an Zufälle..." Severus letzte Worte waren recht ernst und nachdenklich zugleich. „Was hat er denn nun wieder angestellt? Kann es sein, dass du es etwas auf ihn abgesehen hast", fragte Amanda zuerst nach und sah ihn anschließend ebenfalls nachdenklich an. „Was meinst du denn für Zufälle?"
Snape seufzte leise. „Das was ich dir jetzt erzähle, bleibt unter uns, verstanden?" Er sah sie an, um sich ihrer Verschwiegenheit zu versichern, dann fuhr er ruhig und ernst fort. „Mit Zufällen meine ich den Einbruch in Gringotts, einen Troll, der an Halloween plötzlich im Schloss umherirrt und einen verfluchten Nimbus 2000 beim heutigen Quidditch-Turnier. Potters Besen... Hätte ich nicht unablässig einen Gegenfluch gemurmelt, hätte der Besen ihn abgeworfen und Potter hätte sich den Hals gebrochen. Zu viele Zufälle in zu kurzer Zeit, wenn du mich fragst. Trolle sind zu dumm, um alleine ins Schloss zu kommen und ein so guter Besen kommt nicht plötzlich auf den Gedanken, seinen Besitzer abzuwerfen..." „Ihr hattet einen Troll in Hogwarts? Aber wer sollte denn Harry Potters Besen verhexen?" Severus hatte Recht. Als er die Sachen so aufzählte, klang das in der Tat ziemlich beunruhigend. „Ja, hatten wir." Dann sah er sie äußerst ernst an. „Nun, da gibt es so einige, die Potter die Pest an den Hals wünschen und es auch umsetzen würden. Allen voran der damals engste Kreis um den Dunklen Lord. Und es ist auch zu hoffen, dass es sich nur um einen dieser Todesser handelt..." Leider hatte Snape jedoch das dumpfe Gefühl, dass das, was momentan geschah, nur Vorboten einer viel schlimmeren Person waren. Dumbledore hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er nicht ausschloss, dass der Dunkle Lord nicht ganz besiegt worden war und dass das, was womöglich noch von ihm übrig war, noch irgendwo ausharrte - auf eine neue Chance wartend. „Der arme Junge hat sich das ja wohl kaum ausgesucht." Aber Amanda merkte, wie sehr Severus diese Sache beschäftigte und vor allem bei diesem Thema nahm sie seine Sorgen nur allzu ernst. „Ich hoffe, du hast Recht", sagte sie nachdenklich. Einen Großteil ihrer Jugend, war sie mit der Gefahr von Voldemort und seinen Anhängern aufgewachsen und so weckten Erinnerungen an diese Zeit sehr schnell Ängste, es könnte alles wieder von vorne beginnen. „Nein. Ich hoffe, ich habe Unrecht. Denn ich befürchte das Schlimmste", entgegnete er knapp. Dann seufzte er leise, nahm Amanda in den Arm, zog sie an sich und küsste sie kurz auf die Schläfe. „Lass uns jetzt über etwas anderes reden", fuhr er dann leise fort. „Wie erging es dir, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?"
Es fiel Amanda schwer, einfach über dieses Thema hinweg zu gehen, vor allem nach seiner letzten Bemerkung. Doch dann antwortete sie dennoch auf seine Frage. „Ganz gut. Laurens Halloweenparty war ein wenig seltsam, aber sonst ganz nett. Dann hab ich mich noch einmal in der Apotheke in der Winkelgasse umgesehen, um zu sehen, was die zu welchen Preisen anbieten, aber dort herrscht so ein Chaos und ein Gestank, dass ich mich lieber nicht so lange dort aufgehalten habe. Leider trotzdem lange genug um zu sehen, wie viel günstiger sie teilweise sind. Allein Einhornhörner für nur 21 Galleonen! Die kosten ja im Einkauf schon 20..." Die Erinnerung an diesen kleinen Besuch ärgerte Amanda noch immer, was man ihr auch deutlich anhören konnte. „Wer qualitativ hochwertige Ware will, wird weiter zu dir kommen, da bin ich mir sicher", versuchte Severus sie ein wenig zu ermutigen, denn auch er hatte sich mittlerweile einmal kurz in diesem relativ neu eröffneten Laden umgesehen und auch er selbst war wenig überzeugt vom Angebot und Ambiente. „Und Hogwarts wird dir definitiv treu bleiben, solange ich darauf irgendwie Einfluss habe." Er drückte sie kurz. „Was genau war denn an der Party seltsam", wollte er dann noch wissen.
„Hoffentlich", sagte Amanda und küsste ihn kurz. Dieses neue Geschäft machte ihr tatsächlich einige Sorgen, denn vermutlich würde sie einige Kunden verlieren und sie hoffte, dass es nicht allzu schlimme Auswirkungen auf Felonwoods Finanzen haben würde. „Es waren einfach einige komische Leute da, oder besser Leute, mit denen ich so überhaupt nichts anfangen konnte." „Ach so. Ich habe wohl gefehlt", grinste er ein wenig und küsste sie. „Du wärst in jedem Fall interessant gewesen, das stimmt." Kurz lächelte sie ihn an. „Und fehlen tust du ja leider meistens." „Tja... Mein Beruf ist leider nicht sehr beziehungsfreundlich." „Nein, nicht wirklich. Aber inzwischen hatte ich ja durchaus Zeit, mich daran zu gewöhnen." „Ja." Er küsste sie noch einmal kurz.
Eine Weile saßen sie zusammen schweigend auf dem Sofa, bis Amanda doch die Frage stellte, welche sie schon einige Zeit beschäftigte: „Meinst du, Du-weißt-schon-wer ist wirklich tot?" Severus seufzte leise, als sie ihm diese Frage stellte. „Ich wünschte, ich könnte dir diese Frage beantworten. Am liebsten mit ja, aber ich kann es nicht." Nach kurzem Schweigen fuhr er fort. „Ich kann dir nur sagen, dass Dumbledore nicht ausschließt, dass der Dunkle Lord nicht völlig bezwungen ist. Es wäre möglich, dass er nur seine Körperlichkeit verloren hat..." Amanda nickte nur und schwieg einen Moment. Ein wenig hatte sie schon mit einer solchen Antwort gerechnet, nach Severus zuvor geäußerten Bedenken. „Lass uns hoffen, dass Dumbledore einmal nicht Recht behält", sagte sie schließlich leise und drückte sich etwas an Severus. „Es wäre in diesem Fall wünschenswert." Amanda nickte. Die Folgen, die es einmal haben könnte, hätte Voldemort tatsächlich nur seinen Körper verloren und würde irgendwann wieder zurückkommen, wollte sie sich nicht annähernd ausmalen. Allein was das dann für Severus bedeuten würde... Severus streichelte sie ein wenig. Auch er wünschte sich nichts mehr, als dass er nie wieder die Rolle des Doppelagenten einnehmen musste. Es war damals schon schwer genug gewesen, doch jetzt hatte er Amanda und das würde nicht nur für ihn eine Gefahr bergen, da sie ihn verwundbar machte. Leise seufzend schob er diesen Gedanken wieder Beiseite. Nun war nicht die Zeit, darüber nachzudenken, denn er wollte die wenigen Stunden der Woche genießen, die er mit Amanda verbringen konnte.
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