Kapitel 16

~ Autogrammwünsche ~

Es war mittlerweile ein paar Tage vor Schulbeginn und Severus verbrachte auch jetzt noch so viel Zeit wie möglich bei Amanda, bevor er sich wieder viel in Hogwarts aufhalten musste. Gerade war er aufgestanden und bereitete in der Küche Frühstück zu, während Amanda noch etwas im Bett lag. Als er schließlich den Tisch gedeckt und den Tagespropheten entgegengenommen hatte, stand sie auch auf und sie begannen gemeinsam gemütlich zu frühstücken.

Nachdem Amanda ein halbes Brötchen gegessen und von ihrem Tee getrunken hatte, nahm sie sich die Zeitung und entfaltete diese. Sie verzog kurz das Gesicht, als ein viel zu groß geratener Gilderoy Lockhart sie von der Titelseite angrinste. Neben ihm stand Harry Potter, welcher nicht sehr begeistert aussah. Kurz überflog Amanda den Artikel. „Hm, nun weiß auch der Rest der Welt, dass Professor Lockhart nun in Hogwarts unterrichtet. Zumindest der Prophet ist hellauf begeistert", kommentierte Amanda den Inhalt der Titelseite und schlug die Zeitung auf. „Was? Wieso", wollte Severus wissen, denn er selbst hatte noch keinen Blick auf die Zeitung geworfen. Amanda faltete das Papier wieder zusammen und reichte es ihm. „Hier, sieh selbst." Severus nahm sich die Zeitung und gleich als er das Titelbild sah, verzog er die Miene, als ob er in eine Zitrone gebissen hätte. Dann überflog er kurz den Text, bevor er Amanda die Zeitung wieder zurückgab. „Hier... Wenn ich diesen Typen schon sehe, wird mir schlecht. Und dann auch noch Potter..." Amanda musste bei Severus Gesicht lachen. „Na sooo schlimm ist es nun auch nicht. Denk dran, du musst Lockhart bald täglich ertragen." Sie legte die Zeitung neben sich auf den Tisch, um weiter essen zu können. „Daran denke ich besser nicht", entgegnete Snape nur knapp, dann biss er von seinem Brot ab. Er wusste schon heute, dass er sich mit Gilderoy Lockhart alles andere als gut verstehen würde. „Na vielleicht ist er ja gar nicht so schlimm. Harry Potter sieht auf jeden Fall nicht sehr glücklich aus neben ihm."

„In diesem Fall kann ich Potter auch ausnahmsweise verstehen." „Den Tag sollte man sich wohl rot anstreichen", meinte Amanda grinsend. „Na auf jeden Fall hat Lockhart so erreicht, auf die Titelseite zu kommen." „Was sicherlich auch sein Ziel war", vermutete Severus und trank einen Schluck Tee, bevor er eine Brötchenhälfte mit Butter und Marmelade bestrich. „Ja, kann ich mir auch vorstellen. Nach dem, wie seine Bücher so geschrieben sind." Sie trank ihre Tasse leer und nahm sich ein Stück Obst. „Eben", entgegnete Snape und aß weiter. „Und? Steht auch noch irgendetwas Wichtiges im Propheten heute?" „Auf den zwei Seiten die ich bisher gesehen habe nicht." Sie griff erneut nach dem Tageblatt und überflog die erste Seite noch einmal. „Ach herrje, Lucius Malfoy und Arthur Weasley haben sich bei Flourish & Blotts geprügelt", sagte sie dann doch sehr überrascht. „Was", fragte Severus ungläubig nach.

Amanda las den kürzen Abschnitt aus dem Artikel über Lockharts Autogrammstunde vor, in dem es um die Auseinandersetzung zwischen den beiden Männern ging, die scheinbar aufgrund einer Meinungsverschiedenheit die Beherrschung verloren hatten und für den Umsturz einiger Regale im Buchgeschäft verantwortlich waren. „Hätte ich von Mr. Malfoy gar nicht so erwartet." Für einen kurzen Augenblick nahm Severus Gesicht einen verächtlichen Ausdruck an, als Amanda ihm die Textpassage vorlas. „Nun... Lucius zeigt manchmal zu sehr, was er von Leuten wie Arthur Weasley hält", sagte er danach, wieder völlig ruhig und gefasst. „Vermutlich hat er es diesmal geschafft, ihn so sehr aufzubringen, dass es eskaliert ist. Damit hatte er sicherlich nicht gerechnet." Ein kurzes, gehässiges Grinsen huschte über seine Lippen, bevor er von seinem Brötchen abbiss und weiteraß. Fragend sah sie ihn an. „In welche Gruppe von Leuten gehört Arthur Weasley denn?" „In die Gruppen Muggelfreund, Schande für die Zaubererschaft, Anhänger Dumbledores, Schande für Reinblüter und na ja... arm, ärmer, Weasley... Lucius blickt gerne auf andere herab. Das sollte dir mittlerweile schon aufgefallen sein", antwortete Snape ruhig. Er selbst mochte diese Seite von Malfoy fast genauso wenig wie viele andere, doch das behielt er besser für sich. „Hm... Ja, so was hatte ich schon befürchtet. In diese Gruppe passen die Malfoys auch sehr gut hinein", meinte Amanda. Mit solchen Zauberern hatte sie meist Schwierigkeiten, allein schon deshalb, weil ihre Mutter sehr ähnliche Ansichten vertrat. „Tja...", entgegnete Severus daraufhin nur, denn er unterhielt sich eigentlich nicht gerne über Lucius Malfoy, da er doch in gewisser Weise mit ihm befreundet war. „Narcissa Malfoy war gestern auch bei mir, um für ihren Sohn einzukaufen", erwähnte Amanda noch und aß weiter von ihrem Brötchen.

Kaum hatte sie den Mund wieder leer, klingelte es an der Tür. Ihr Blick verfinsterte sich und zunächst blieb sie sitzen. „Das kann ja wohl wirklich nicht sein! Es ist Sonntagmorgen! Hat meine Familie kein zu Hause", regte sie sich dann ein wenig auf, denn sie ging stark davon aus, dass es jemand aus ihrer Verwandtschaft war. „Vermutlich nicht", brummte Severus etwas missmutig, denn auch er hatte jetzt keinerlei Lust auf Besuch. „Vielleicht sollte ich einfach so tun, als sei ich nicht da", grummelte Amanda, doch kaum hatte sie das gesagt, klingelte es erneut. „Oh man! Wenn das David ist, setz ich ihn gleich wieder vor die Tür!" Sie legte ihr Brötchen auf den Teller und stand auf. Auch Severus stand auf. Er zog es vor, anderen Leuten in Roben und nicht nur in Hose und Hemd entgegenzutreten, deshalb wollte er sich diese noch schnell überziehen. „Bleib doch sitzen", meinte Amanda darauf nur und ging dann schließlich zur Tür. Normalerweise wäre sie in ihrer aktuellen Kleidung auch nicht in die Öffentlichkeit gegangen, aber da es sich vermutlich nur um ein Familienmitglied handelte, war es nicht so schlimm. Als sie schließlich ihre Mutter vor der Tür stehen sah, seufzte Amanda bevor sie öffnete. „Mama, es ist Sonntagmorgen! Und ich habe dir schon mal gesagt, du sollst dich anmelden!" „Jetzt stell dich mal nicht so an, Amanda. Ich bin immerhin deine Mutter!" Mit diesen Worten schob sich Mrs. Brown an ihrer Tochter vorbei in den Flur. „Ist Professor Snape gar nicht da?" Amanda seufzte und schloss die Tür, ohne ihre Mutter jedoch weiter hinein zu bitten. „Doch, aber der ist kurz oben." Oder auch länger jetzt, dachte Amanda und sie würde es ihm kaum übel nehmen.

Severus war indes kurz ins Schlafzimmer verschwunden und nachdem er sich seine Robe übergeworfen hatte, machte er sich wieder auf den Weg nach unten. Als er am Treppenansatz die Stimme von Amandas Mutter vernahm, verzog er kurz genervt das Gesicht, doch dann ging er mit regungsloser Miene die Treppen hinab zu den beiden Frauen. „Ah... Professor Snape! Guten Morgen", begrüßte Olivia Brown Snape. „Möchtest du etwas Bestimmtes", wollte Amanda dann von ihrer Mutter wissen, denn eigentlich hatte sie nicht vorgehabt sie lange im Haus zu behalten. „Jetzt sei doch nicht so hektisch, ich bin doch gerade erst zur Tür hereingekommen." „Morgen", entgegnete Severus nur knapp, denn er war alles andere als begeistert, beim Frühstück mit Amanda gestört zu werden und er gab sich auch keinerlei Mühe, das zu verbergen. Mrs. Brown runzelte auf seine knappe Begrüßung etwas die Stirn. „Habt ihr euch gestritten", wollte sie sogleich von Amanda wissen, denn einen anderen Grund konnte es ja kaum geben. Amanda verstand gerade mal wieder nicht, wie ihre Mutter auf diese Idee kam. „Nein, haben wir nicht und wenn, würde es dich nichts angehen. Also, weswegen bist du hier?" „Nein", antwortete Snape scharf und fast zeitlich mit Amanda. „Sie haben uns beim Frühstücken gestört. Und es wäre mir sehr recht, wenn wir - und damit meine ich Amanda und mich - bald wieder ungestört weiter essen könnten." „So spät frühstückt ihr noch", fragte Mrs. Brown ihre Tochter verwundert. Doch die konnte daraufhin nur die Augen verdrehen. „Mama! Es ist Sonntag und mein einziger freier Tag! Severus hat Recht, es wäre sehr schön, wenn du sagen könntest, was du möchtest und dann wieder gehst." „Da brauchst du ja nicht gleich so hysterisch zu werden." „Wenn es das erste Mal wäre, wäre ich das wohl auch kaum, aber du tauchst immer zu unmöglichen Zeiten und unangemeldet auf!" „Ja und? Ich bin doch deine Mutter!" „Und ich bin keine drei mehr, falls es dir entgangen ist. Ich habe durchaus mein eigenes Leben und kein Bedarf, dass du einmal in der Woche überraschend hier auftauchst!" „Also manchmal wundere ich mich wirklich, wer dich so erzogen hat, weißt du das", erwiderte Mrs. Brown lediglich. Amanda atmete einmal durch bevor sie antwortete. Wenn ihre Mutter so weiter machte, würde sie sie gleich wirklich vor die Tür setzten. „Du in jedem Fall nicht. So, also, weswegen bist du jetzt hier?" Kurz irritiert aufgrund ihrer Worte, sah Mrs. Brown Amanda an, bevor sie antwortete: „Ich habe im Tagespropheten gelesen, dass Gilderoy Lockhart nun auch in Hogwarts arbeitet und nun ja, da dachte ich da sie, Professor Snape", sie sah Severus an, „und er dann ja Kollegen sind, ob sie mir da nicht ein Autogramm besorgen könnten."

Bei der Erwähnung von Lockharts Namen verzog Severus schon sein Gesicht ein wenig angesäuert, doch als Mrs. Brown ihn dann auch noch anredete, verschmälerte sich noch dazu sein Mund gefährlich, aufgrund dessen, was er auf sich zukommen sah. „Auf gar keinen Fall", antwortete er dann nur knapp und bestimmt, als er die Bitte von Amandas Mutter hörte. „Aber warum denn nicht? Das wäre doch nur eine kurze Bitte. Sie würden mir wirklich einen großen Gefallen tun." Eine Weile sah Amanda ihre Mutter ungläubig an. Deswegen war sie hier und störte ihren friedlichen Sonntag? „Da muss ich sie leider enttäuschen, Mrs. Brown. Nur über meine Leiche. Es reicht schon, dass ich diesen Aufschneider mindestens ein Schuljahr lang in meiner Nähe ertragen muss", sagte Snape und es war unverkennbar, dass er von ihrer Bitte rein gar nichts hielt. „Abgesehen davon...", fügte er dann noch scharf hinzu und fixierte Amandas Mutter mit seinen schwarzen Augen. „Deswegen haben sie uns beim Frühstück gestört?" Die Enttäuschung war Mrs. Brown durchaus anzusehen, während sie auf Snapes Frage antwortete. „Ja, natürlich. Warum denn nicht?" Das war nun endgültig zu viel für Amandas Nerven. Sie ging die paar Schritte zur Tür und öffnete sie. „So, da du nun erfahren hast, dass aus deinen Autogrammwünschen nichts wird, kannst du auch wieder gehen." „Warum nicht", wiederholte Snape mit schneidender, gefährlich leiser Stimme. „Möglicherweise deshalb nicht, weil ich äußerst ungern beim Frühstück gestört werde und dann auch noch wegen solch einer Lappalie." Sein Blick bohrte sich in den von Mrs. Brown. „Ist ihnen vielleicht schon einmal in den Sinn gekommen, dass wird beide", dabei warf er einen kurzen Blick auf Amanda, „uns schon selten genug sehen und dass wir dann, in dieser kostbaren Zeit, gerne alleine wären? Ich dachte, sie wollen ihre Tochter möglichst bald unter die Haube bringen, mit einem Ehering am Finger und einem Stall voller Kinder. Ich fürchte nur, dass daraus in naher Zukunft nichts wird, wenn wir ständig mit solchem Firlefanz behelligt werden."

Einen Moment sah Mrs. Brown zwischen Snape und Amanda hin und her. Sie sollten sich doch beide nicht so anstellen, es war ja nicht so, als wäre sie mitten in der Nacht gekommen. „Ist ja gut. Kein Grund, sich so aufzuregen", sagte sie dennoch recht unbeeindruckt und trat dann vor das Haus. „Der nächste Besuch bitte mit Anmeldung", meinte Amanda noch mit leicht gereizter Stimme, bevor sie sich recht kühl voneinander verabschiedeten. Kurz bevor Amanda die Tür vollständig geschlossen hatte, verselbständigte sich diese aber, der Griff rutschte ihr aus der Hand und die Tür flog alleine und lauter als geplant ins Schloss. Amanda seufzte. So etwas war ihr schon wirklich lange nicht mehr passiert, aber ihre Mutter machte sie auch irgendwann noch einmal wahnsinnig. Schweigend blieb sie stehen und starrte etwas finster die Tür vor sich an. Auch Severus war nun ein wenig fassungslos, nachdem seine Ansprache offenbar so wenig Eindruck hinterlassen hatte. Er fragte sich gerade, ob Amandas Mutter einfach nur äußerst schwer von Begriff war, oder ob sie wirklich so egoistisch war, dass es sie einfach nicht kümmerte, was andere sagten oder taten. Eins war jedoch sicher, seine Laune war nicht mehr die, wie vor ihrem kurzen Besuch. Langsam drehte sich Amanda zu ihm um und sah ihn an. „Tut mir leid. Ich hätte besser nicht aufgemacht." Ihrer Stimme war anzuhören, dass sie doch ziemlich angefressen war, von diesem Besuch. „Du konntest ja nicht wissen, dass es deine Mutter ist." Doch auch Severus war anzuhören, dass er noch immer alles andere als begeistert war. „Ich hätte es ahnen sollen." Eigentlich hatte Amanda gerade das Gefühl, sich dringend an irgendetwas abreagieren zu müssen. „Darf ich etwas kaputt machen?" Dann seufzte sie leise und fügte hinzu: „ Lass uns lieber wieder in die Küche gehen." „Es ist dein Haus", entgegnete Severus auf ihre Frage, dann ging er voraus, zurück zum Frühstückstisch. Amanda ließ sich auf ihren Stuhl sinken. „Das mit dem Apfel und dem Stamm ist ein Gerücht..." Eigentlich hatte sie gerade gar keinen richtigen Hunger mehr, aber trotzdem schenkte sie Severus und sich noch Tee ein. „Oder du bist die Ausnahme von der Regel. Zudem hast du noch einen Vater. Danke..." „Das könnte die Erklärung sein. Wenn sie dabei wenigstens fürsorglich wäre… Das wäre vielleicht besser zu ertragen." „Möglicherweise." „Sollte ich mal ähnliche Anwandlungen zeigen, dann darfst du mich auch so viel verfluchen, wie du magst." „Ich werde dich daran erinnern, sollte es jemals soweit kommen, darauf kannst du dich verlassen." „Dann ist ja gut..."

Amanda nahm sich das Marmeladenglas und fügte noch etwas zu der Marmelade auf ihrem Brötchen hinzu. Etwas mehr Zucker wäre jetzt vielleicht gar nicht so schlecht. Noch einmal holte sie tief Luft und sah Severus dann etwas ruhiger an. „Was machen wir denn heute noch?" „Gute Frage", antwortete dieser und sah ihr dabei zu, wie sie ihr Brötchen schmierte. Er selbst war noch am Überlegen, ob er noch etwas essen sollte, oder nicht. „Wir könnten zum Meer laufen, das dürfte zu Fuß nicht mehr als eine Stunde sein und das Wetter scheint ganz schön zu werden heute", schlug Amanda vor. Severus entschloss sich, doch noch ein Brötchen zu essen und griff nach einem, während er antwortete. „Da habe ich nichts dagegen einzuwenden." „Es ist auch ein sehr ruhiger Abschnitt und es sind nur wenige Leute dort unterwegs." „Du weißt, dass mir das sehr entgegen kommt", lächelte er ein wenig zurück. „Deswegen wollte ich es ja noch einmal erwähnen. Das ist schön, da freu ich mich." Zufrieden lächelnd und wieder friedlicher gestimmt aß Amanda von ihrem Brötchen. Auch Severus begann weiter zu frühstücken, nachdem er seins aufgeschnitten und bestrichen hatte. Sein Ärger über Amandas Mutter war zwar noch nicht ganz verflogen, aber da sie zum Glück recht schnell wieder gegangen war, wollte er sich damit auch nicht mehr viel länger den Tag verderben.