Kapitel 18
~ Besuchsverbot ~
Am Tag nach Halloween machte sich Severus abends auf den Weg zu Amanda. Der Besuch war eigentlich ungeplant und sie rechnete nicht damit, doch er hatte ihr, aufgrund der gestrigen Ereignisse in Hogwarts, einige wichtige Dinge mitzuteilen. Da er auch noch geschäftlich etwas mit ihr besprechen wollte, hatte er sich entschlossen, sie von Felonwood abzuholen und mit ihr zusammen dann nach Hause zu gehen. Kurz vor Feierabend betrat er schließlich den Laden und sah sich nach Amanda um. Die war gerade im Lager und fügte zwei Zutaten zu einem Trank hinzu, welcher über Nacht stehen musste. Als sie die Türglocke hörte, rührte sie noch einmal den Kesselinhalt um, trocknete sich die Hände ab und ging nach vorne in den Verkaufsraum. „Severus! Schön dich zu sehen." Lächelnd ging sie auf ihn zu und umarmte ihn. So kurz vor Ladenschluss kamen selten noch Kunden, so dass sie das ruhig einmal tun konnte. „Was treibt dich denn her", wollte sie überrascht wissen, denn eigentlich waren sie nicht verabredet. „Aber gut, dass du da bist", nahm sie ihm die Antwort zuvor. „Es ist etwas Tolles passiert. Matthew ist seit gestern verlobt", berichtete Amanda strahlend und sah Severus erwartungsvoll an. „Schön", entgegnete dieser nur und das nicht mit der Begeisterung, die man von ihm in solch einer Situation maximal hätte erwarten können, denn er war zu sehr mit den Gründen beschäftigt, die ihn hergeführt hatten und die waren leider alles andere als erfreulich. „Ich wollte dich sprechen, deshalb bin ich hier", antwortete er ihr dann auf ihre Frage, sah sie an und küsste sie dann kurz zur Begrüßung. „Wann machst du Feierabend?" „Nicht so viel Begeisterung", entgegnete Amanda auf seine verhaltene Reaktion, dann sah sie auf die Uhr. „Ich denke so ungefähr jetzt. Ich muss nur noch ein paar Sachen wegräumen und ein Trank braucht noch Zutaten… Ich denke so in zehn Minuten bin ich fertig. Über was möchtest du denn reden", wollte sie wissen und ging dann zur Tür, um sie zu verschließen. „Gut. Dann tu das." Severus wartete, bis sie die Ladentür verschlossen hatte und ging dann mit ihr nach hinten ins Lager. Nach einem kurzen Moment des Schweigens fragte er: „Hast du die Möglichkeit, möglichst schnell an frische Alraunen zu kommen?"
Amanda nahm die abgewogenen Gräser von der Waage, fügte sie dem Trank hinzu und sah Severus dann überrascht an. „Frische Alraune? Um diese Jahreszeit? Das sieht aber ganz schlecht aus. Wozu brauchst du sie denn? In allen anderen Formen wäre es kein Problem."
„Hm", brummte Severus nur und ging ein paar Schritte an den Regalen im Lager entlang. „Das dachte ich mir bereits. Für einen Trank natürlich", beantwortete er ihr dann ihre Frage.
„Soweit war ich auch schon. Hm, wenn es wichtig ist, kann ich mal versuchen, ob ich woanders noch etwas bekommen kann. Aber da wo Alraune wächst, ist gerade eben keine Saison und im Mittelmeerraum, wo es vielleicht gehen würde, werden sie kaum angebaut. Aber wie gesagt, versuchen könnte ich es mal." „Tu das, sofern du denkst, dass es noch welche in ausreichender Qualität geben könnte. Du weißt ja... Ich bin anspruchsvoll." Daraufhin rang er sich ein Lächeln ab, obwohl es ihm bei diesem Thema nicht gerade danach war. Bisher war zwar nur Filchs Katze von der mysteriösen Versteinerung betroffen, doch das konnte sich auch schon bald ändern. Dann wartete er, bis Amanda fertig zum Gehen war.
Schnell räumte diese noch die letzten Sachen zur Seite, rührte noch einmal den Trank um und zog sich dann ihren Umhang über. „Also ich befürchte, du kannst froh sein, wenn es überhaupt welche gibt. Auf Qualität wird da schwer zu achten sein." „Dann kannst du dir die Suche gleich sparen. Für einen Wiederbelebungstrank brauche ich ausreichende Qualität."
„Wiederbelebungstrank?" Verwundert sah ihn Amanda an. „Na ich werde trotzdem sehen, was es gibt." „Ich erkläre es dir, wenn wir daheim sind. Können wir?" Noch einmal sah sich Amanda um. „Ja, wir können." Gemeinsam machten sie sich dann auf den Weg zu ihr nach Hause. „Also was ist los, dass du einen Wiederbelebungstrank brauchst", wollte sie schließlich wissen, als sie zusammen im Wohnzimmer saßen.
Severus stand auf, bevor er anfing zu erklären und ging ein paar Schritte im Wohnzimmer umher. „Gestern Abend wurde Mrs. Norris versteinert... An und für sich wäre das kein großes Problem, außer man heißt Argus Filch, aber leider geht der Vorfall mit der Tatsache einher, dass die Kammer des Schreckens wieder geöffnet wurde." Nach einer kurzen Pause redete Snape weiter. „Wie du sicherlich weißt, würde der Trank die Versteinerung von Filchs Katze wieder aufheben..." „Ja sicher..." Amanda war doch sehr überrascht über Severus Geschichte. „Die Kammer des Schreckens? War das nicht dieses Märchen mit dem versteckten Monster in Hogwarts?" „Ja", entgegnete Severus knapp. „Allerdings befürchte ich, dass es alles andere als ein Märchen ist." Er drehte sich um und sah Amanda an. „Was ist bitte los bei euch in Hogwarts? Kannst du das noch mal genauer erklären bitte?" Sie sah ihn etwas besorgt an. „Ich weiß auch nicht viel mehr, als in den Büchern steht. Es heißt, dass Slytherin die Kammer des Schreckens in Hogwarts eingebaut hat, bevor er die Schule nach den Streitigkeiten mit den anderen drei Gründern verließ. Der Sage nach kann die Kammer nur vom wahren Erben Slytherins geöffnet werden. Er allein soll in der Lage sein, sie zu entsiegeln, das Böse darin zu entfesseln und mit dessen Hilfe die Schule von all denjenigen zu säubern, die es nach Slytherins Meinung nicht wert sind, Zauberei zu studieren. Angeblich beherbergt die Kammer ein Monster, das nur vom Erben selbst kontrolliert werden kann. Hogwarts wurde schon mehr als einmal nach dieser geheimen Kammer abgesucht, doch sie wurde nie gefunden. Tatsache ist jedoch, dass sie vor fünfzig Jahren schon einmal geöffnet wurde und damals kam eine Schülerin zu Tode", endete Snape in ernstem Ton. „Aber dann muss doch damals herausgekommen sein, wer der Erbe ist, oder nicht?" Amanda war durchaus erschrocken, auch wenn es sich irgendwie nach einer ziemlich wilden Geschichte anhörte, aber da Severus so besorgt war, war es das sicherlich nicht. „Nun...", Severus Lippen schürzten sich etwas. „Natürlich wurde jemand deswegen zur Rechenschaft gezogen und danach hörten die Angriffe auch auf, aber Dumbledore ist davon überzeugt, dass damals der Falsche bestraft wurde." „Weiß Dumbledore denn, wer es wirklich war? Dann sollte es ja nicht so schwierig sein, denjenigen nun zur Verantwortung zu ziehen."
Daraufhin musste Severus kurz bitter auflachen. „Ich fürchte schon... Damals war es nämlich kein geringerer als der Dunkle Lord selbst, der die Kammer öffnete... Allerdings hieß er vor fünfzig Jahren noch anders, war Schüler in Hogwarts und Dumbledore sein Lehrer für Verwandlung." Amanda sah Severus erneut überrascht an. „Wirklich? Ich hätte nie gedacht, dass du-weißt-schon-wer mal in Hogwarts war irgendwie. Aber wie kann das denn sein? Er hat doch keinen Körper." „Wir wissen noch nicht, wer diesmal für das Öffnen der Kammer verantwortlich ist", antwortete Snape ruhig und ernst. „Geschweige denn, wie sie geöffnet wurde, oder was sie beherbergt. Und wir können nur hoffen, dass Mrs. Norris das einzige Opfer bleibt." „Es könnte doch kaum jemand anderes sein, oder? Also war es vielleicht auch nur ein Unfall", meinte Amanda hoffnungsvoll. „Keiner weiß, wie viele Erben Slytherins unter uns sind. Jeder von uns könnte mit ihm in irgendeiner Form verwandt sein. Er hat vor tausend Jahren gelebt, Amanda. Und die halbmeterhohen, an die Wand geschmierten Wörter Die Kammer des Schreckens wurde geöffnet. Feinde des Erben, nehmt euch in Acht am Tatort lassen wohl kaum den Schluss zu, dass es nur ein Unfall war. Ich wünschte, es wäre so. Dann wäre ich jetzt auch nicht hier und müsste dir davon erzählen." „Hm, wahrscheinlich hast du Recht. Hoffentlich bleibt es wirklich bei Mrs. Norris", sagte sie leise und nachdenklich. „Ich hoffe es", pflichtete Severus Amanda bei und setzte sich wieder zu ihr. „Ich möchte, dass du mich nicht mehr in Hogwarts besuchst, solange wir nicht wissen, was die Kammer beherbergt", fügte er dann ernst hinzu und sah sie an. Es fiel ihm zwar schwer, dieses Verbot auszusprechen, weil er sich immer freute, wenn sie ihn besuchen kam, da er nicht immer die Zeit fand, zu ihr zu kommen, doch er wollte keinesfalls, dass ihr etwas passierte. Verwundert sah Amanda ihn an. „Das meinst du doch nicht ernst oder?" „Ich würde es kaum sagen, wenn ich es nicht ernst meinen würde." Kurz lachte Amanda. „Severus, es laufen in etwa dreihundert Schüler in Hogwarts rum und du willst mir sagen, dass ich weniger wehrhaft bin als die?!" „Nein, ich will dir sagen, dass ich nicht möchte, dass du das Schloss betrittst, solange die Kammer geöffnet ist. Keiner weiß was sie birgt und ich behaupte nicht einmal von mir selbst, dass ich wehrhaft genug bin, dagegen anzutreten", entgegnete er scharf, denn es war ihm völlig ernst. „Die Schüler sind Dumbledores Problem, du nicht. Du bist meins." „Ich bin wohl alt genug, um mein eigenes Problem zu sein." Amanda konnte sich mit dem Gedanken, sich von Severus verbieten zu lassen, Hogwarts zu besuchen, überhaupt nicht anfreunden. Sie war doch kein kleines Kind mehr!
Der presste ein wenig die Lippen aufeinander, um jetzt nicht so aufgebracht zu reagieren, wie er eigentlich nach Amandas Worten gerade war. Glaubte sie ernsthaft, er würde ihr einfach aus Spaß an der Freude verbieten, nach Hogwarts zu kommen?!? Glaubte sie wirklich, ihm würde es Spaß machen, das zu tun, da er sich damit auch selbst ihren Besuch verbot?!? „Das hat überhaupt nichts mit Alter oder Können zu tun", schnappte er dann ein wenig und stand auf, da er seinem Ärger durch Bewegung ein wenig Luft machen musste. „Das hat damit zu tun, dass ich Sorge für dich trage. Aber bitte... Ich kann dir nicht verbieten, das Schloss zu betreten", starrte er sie ein wenig zornig an, „Ich kann dich nur darum bitten, es nicht zu tun." „Du musst dich ja auch nicht gleich so aufregen! Es ist ja gut, dass du dir Sorgen machst, aber ich habe einfach Schwierigkeiten damit, auf dich zu verzichten, wenn alle anderen ganz normal im Schloss herumlaufen." „Es heißt ja nicht, dass du auf mich verzichten musst, schließlich komme ich auch weiterhin zu dir, oder", entgegnete Severus wieder etwas ruhiger als zuvor. Einen Moment sah Amanda ihn nur schweigend an. „Ja natürlich, aber ich bin auch gerne bei dir", sagte sie ruhiger, aber noch nicht verständnisvoller. „Und ich finde es schön, wenn du bei mir bist, aber in diesem Fall ist es mir wichtiger, dass dir nichts passiert." Er sah sie ernst an, aber nicht mehr so zornig wie noch zuvor. „Letztes Jahr hattet ihr einen besessenen Lehrer in der Schule und mir ist auch nichts passiert." „Quirell wollte den Stein, er war berechenbar und ich konnte ihn ständig im Auge behalten", antwortete Snape, nun wieder etwas gereizter, weil Amanda erneut anfing, auf stur zu stellen. „Die neue Bedrohung ist aber weder fassbar noch berechenbar." „Wenn du meinst", meinte sie ruhig und war noch immer wenig begeistert. Natürlich verstand sie, dass er es nicht böse meinte und sich sorgte, aber trotz allem war sie nicht sonderlich glücklich darüber. Besonders weil Severus natürlich noch immer ständig in Hogwarts war und somit auch gefährdet war. „Ja, ich meine", sagte Snape wieder ruhiger. „Dann passt bitte auch sehr gut auf dich auf, wenn du nicht willst, dass ich das Slytherinmonster um die Ecke bringe, weil es dir was getan hat." Amanda sah zu ihm auf.
„Keine Sorge... Ich habe schon ganz anderes überlebt", entgegnete Severus ein wenig freundlos und sah sie an. „Und Sullivan hat sich tatsächlich verlobt vor kurzem, ja", wechselte er dann das Thema, da es der allgemeinen Stimmung nicht gerade zuträglich war. „Vor kurzem ist gut. Gestern…", antwortete sie, allerdings ohne die Freude, die ihre Stimme bei der ersten Erwähnung des Themas noch inne hatte. „Und wann will er heiraten", fragte Severus, während er wieder ans Sofa trat und sich neben Amanda setzte. „Hat er das auch erzählt?" „Nein, das hat er nicht. Denke er wollte erst einmal klären, ob sich das Planen überhaupt lohnt." Sie grinste etwas. „Aber immerhin erklärt das, warum er so super nervös war die letzten Wochen und vielleicht geht es dann ja schneller als alle denken." „Hm... Möglich, ja." „Hoffentlich nicht mehr vor Weihnachten, sonst muss ich ihm dann noch Urlaub geben." „Wäre etwas ungünstig, bei der Arbeit in der Vorweihnachtszeit." „Ja eben. Aber da ich mir den Weg nach Hogwarts nun sparen kann", meinte sie, aber scherzhaft inzwischen. „Sehen wir uns also nur noch hier, ja?!" „Ja. Nur noch hier... Oder in der Winkelgasse, in Hogsmeade, in London... aber nicht in Hogwarts." Kurz lächelte Severus ein wenig. „Und was gibt es noch neues, außer der Verlobung?" „Und in Hogsmeade nur, wenn nicht gerade ein Haufen Schüler da ist, wie?" Sie gab ihm einen kurzen Kuss. „Nichts Wesentliches eigentlich. Ich musste heute einen Haufen Jugendlicher rausschmeißen, die sich irgendwie vor lauter Langeweile in der Tür geirrt hatten, aber sonst nichts." „Ganz genau", schmunzelte er ein bisschen und legte dann den Arm um sie. „Soso..." Amanda lehnte sich an ihn. „Musst du gleich wieder los?" „Nein. Ich kann bis morgen früh bleiben", antwortete Severus mit gedämpfter Stimme. Leise seufzte sie. „Hm, das hört sich gut an." Dann küsste sie ihn sanft. „Wollen wir etwas essen?" „Mhm", bejahte er brummend. „Gute Idee."
Daraufhin gingen sie gemeinsam in die Küche, kochten ein leckeres Abendessen und verbrachten anschließend noch einen schönen Abend zusammen, bevor beide am nächsten Tag wieder ihrer Arbeit nachgehen mussten.
