Samstag, 16. Dezember
Die letzte Nacht hatte er überhaupt nicht schlafen können. Noch immer grollte Severus dem Schulleiter und seinem verflixten Adventskalender, den er nicht einmal schaffte von der Wand zu reißen. Das Ding stöhnte und schimpfte dabei nur lästig herum und bewegte sich keinen Mikromillimeter.
Aus Protest boykottierte er alle Mahlzeiten des Tages, warf abwechselnd bitterböse Blicke und Gegenstände verschiedenster Art auf und gegen den Kalender, sodass sich schon bald ein Häufchen aus Scherben, zerrissenem Pergament, abgebrochenen Federn und Gemäuerstaub – wenn er mal wieder nicht zielgenau getroffen hatte – auf dem Boden davor auftürmte. Das klägliche Jammergeheul des ach so armen Artefakts wurde mal außen vor gelassen, das ging schon stundenlang so; es war ihm egal. Nie wieder würde er dieses Teil auch nur berühren, nie wieder!
Doch als er schließlich zu Bett gehen wollte, wurde die Situation nur noch schlimmer:
„Heeeee, du kannst doch nicht einfach pennen gehen, ohne das heutige Türchen aufgemacht zu haben!", beklagte sich die Stimme aus dem Kalender.
„Kann ich doch!", entgegnete Severus entschieden. „Ich wünsche eine scheußliche Nacht."
„Neiiin, bleib stehen, du Blödheini! So war das nicht vereinbart!"
„Was interessiert es mich, was du hier Enthirntes von dir gibst? Halt einfach deine papierene Klappe!" Mit diesen Worten verschwand er durch die Tür ins Schlafzimmer.
Gedämpft hörte er es von draußen hereinschallen: „Du lässt mir keine Wahl…" Etwas Räuspern ertönte, dann… „Stiiiiihille Naaaaaacht, heiiiiilige Naaaacht! Aaaaaalles schläääääft, eiiiiinsam waaaaacht, nuuuuur das traaaaaute, hochheiiiiilige Paaaaaar…!"
Mit einem Satz war Severus wieder an der Tür, riss diese auf und blaffte den Kalender an: „Wirst du wohl den Mund halten?! Dieses Gekreische weckt ja Tote!"
„Dann komm her und mach das Türchen auf!"
„NEIN!"
Baff! Mit einem lauten Schlag wurde die Tür erneut zugeknallt.
„Stiiiiiiihille Naaaaaacht, heiiiiiilige Naaaaacht…!"
„Kreuzdonnerwetter nochmal!"
„… Aaaaaaalles schläääääääft…!"
„NIEMAND SCHLÄFT! Dank DIR!"
„… Eiiiiiiinsam waaaaaacht, nuuuuur das tra-… oh, machst du jetzt endlich auf?"
Wutentbrannt stob Severus zum Adventskalender, rutschte dabei fast auf dem Gerümpel aus, das er darunter „platziert" hatte, zerrte die Tür mit der Nummer 16 aus der Verankerung und griff sich den Gegenstand, der dahinter lag.
„So, nun zufrieden?", fauchte er und stieß mit dem Flaschenöffner in das Pergament, das daraufhin gequält aufstöhnte.
„Jaja, ist ja schon gut, geh wieder ins Bett, du bist ja die reinste Landplage…!", kam die gejammerte Antwort.
Knurrend stakste der Tränkemeister zurück ins Schlafzimmer, wo er den Flaschenöffner wütend auf seinen Nachttisch pfefferte. Wozu war der jetzt wieder gut – Whiskyflaschen hatten für gewöhnlich Holzkorken!
Und noch immer klagte es aus dem Nebenraum: „Nächstes Jahr melde ich mich freiwillig als Fußabstreifer, da wird man besser behandelt!"
