Sonntag, 17. Dezember
Als Severus am Sonntagmorgen noch immer grimmig aus seinem Schlafzimmer stiefelte, begrüßte ihn sogleich ein verschnupft klingender Adventskalender: „Aufgrund des Fiaskos gestern" – er schniefte geziert – „habe ich mir erlaubt, etwas inhaltlich… herum zu tauschen. Ich hoffe, Hoheit verzeihen."
Gehässig grinste Severus in sich hinein. So gefiel ihm das schon wieder besser!
„Haben Hoheit…?"
„Hoheit haben verstanden, bevorzugen es aber, nicht zu antworten." Großer Merlin war das schwer, nicht in hysterisches Lachen auszubrechen! Wie verrückt konnte diese ganze Weihnachtssituation noch werden?
In aller Seelenruhe durchquerte Severus seine Wohnung, richtete sich extralangsam ein Frühstück, das er dann im Schneckentempo zu sich nahm und die Überreste in bester Imitation eines Faultiers aufräumte. Er konnte förmlich spüren, wie nervös der Kalender darauf wartete geöffnet zu werden und am Ende gar noch ein Kompliment abzusahnen. Konnte das Ding getrost vergessen!
Seine nächste Handlung war daher, seine Regale nach dem alten Sprücheband abzusuchen, der angeblich eine Abschrift von Salazar Slytherins sagenumwobenem, privatem Zauberbuch darstellte – er meinte dort mal etwas gegen schwer zu bändigende magische Gegenstände gelesen zu haben. Als er den besagten Wälzer gefunden hatte, ließ sich Severus genüsslich in seinem knautschigen Ledersessel nieder und durchblätterte die feinen Pergamentseiten lässig. Eigentlich war er viel zu neugierig, um das… Teil für immer zum Schweigen zu bringen, aber wenigstens ein bisschen auf die Folter spannen konnte er es ja.
„Weißt du…", ertönte es da auch schon wie auf Kommando, „… wenn du erst das heutige Türchen aufmachen würdest, könntest du noch viel entspannter lesen. Ehrlich!"
„Ach, haben wir die Sache mit ‚Eure Hoheit' schon wieder aufgegeben?"
„Oh, äh, nein! Verzeiht, Hoheit! Ehem: Wenn Ihr das Türchen öffnen würdet, könnten Hoheit viel entspannter lesen, versprochen, und ich bitte vielmals um Entschuldigung!"
„Hör auf mit dem Gesülze, das ist ja unerträglich!"
„Sorry…"
Für einige Minuten herrschte Schweigen, bis auf ein paar unartikulierte Seufzlaute, die der Adventskalender permanent von sich gab.
Augenverdrehend klappte Severus sein Buch zu und stellte es zurück ins Regal. Vielleicht brachte man das Ding ja doch am besten dazu, die Klappe zu halten, indem man tat, was es verlangte. Seine Finger juckten eh schon die ganze Zeit…
Betont gelassen schritt er vor den Kalender, zog das aktuelle Türchen auf, ohne seine neutrale Miene zu verändern, und griff sich die Flasche, die in der Aushöhlung stand. ‚Kinderpunsch' stand auf dem Etikett. Und darunter ‚garantiert alkoholfrei'. Irgendwann war ihm wohl mal eine Phiole Veritaserum abhanden gekommen – dass er dieses pappsüße Zeug verehrte, war seines Wissens niemandem je bekannt gewesen, am allerwenigsten Albus.
„Tja, Adventskalender haben eben auch ihre Geheimnisse!"
