Kapitel 56
~ Weihnachten ~
Auch wenn Amanda es zuvor nie für möglich gehalten hätte, so bewirkte Davids Entführung bei ihrer Mutter Olivia eine Art Sinneswandel. Natürlich nicht sofort, nachdem Amanda sie über den guten Ausgang der ganzen Sache informiert hatte, doch einige Tage später lud Olivia ihre Tochter zu sich ein. Zunächst skeptisch folgte Amanda dieser Einladung und erlebte ihre Mutter erstaunlich kleinlaut. Es schien als habe sie eingesehen, dass der Weg Voldemorts nicht der Richtige war oder sie schien einzusehen, dass dies so war. Erstaunt, aber auch erleichtert und mit der Hoffnung, dass es in der Zukunft ein besseres Verhältnis zwischen ihnen geben könnte, ging Amanda wieder nach Hause.
In der übrigen Familie Brown hatte Davids Entführung eine Diskussion über die Sicherheit der Arbeitsplätze ausgelöst. Ob David und Carl noch ihrer Arbeit im Ministerium nachgehen sollten oder ob es besser wäre zu Hause zu bleiben. Doch da in den nächsten Wochen nicht erneut etwas Außergewöhnliches geschah, gingen sie weiter ihrer Arbeit nach. Ganz wohl war Amanda dabei nicht, doch wirklich sicher war in dieser Zeit nichts, wie es schien.
Dass Weihnachten näher rückte war kaum zu bemerken, wäre nicht der Schnee gewesen und die Anhäufung von Weihnachtsdekoration in den Muggel-Häusern. Amanda hatte Schwierigkeiten in die richtige Stimmung zu kommen und so fiel die Dekoration in ihrem Haus dieses Jahr recht mager aus. Als der Heilige Abend kurz bevorstand, raffte sich Amanda zusammen mit Alan auf, buk Plätzchen und kümmerte sich um einen Tannenbaum. Geschenke zu finden war allerdings schwierig. In der Winkelgasse hatten immer mehr Geschäfte geschlossen, so dass alle etwas kreativer sein mussten als gewöhnlich und Amanda hatte schon Sorgen ihr Bruder würde ihr, wie in Kindertagen, einige Stinkbomben schenken. Auch so wenige Tage vor Weihnachten war nicht sicher, ob Severus würde kommen können und so blieb seiner kleinen Familie nichts anderes übrig als abzuwarten, ob der Hogwartslehrer zu der Familienfeier kommen würde.
Je weiter dieses Schuljahr fortschritt, umso schlechter wurde Severus Gemütslage. Zwar bemühte er sich nach außen hin nicht zu zeigen, dass er innere Kämpfe ausfocht, aber gerade Dumbledore schien dennoch etwas zu merken, genauso wie Snape fürchtete, dass Amanda etwas merken würde, sobald er an Weihnachten der Familienfeier beiwohnen würde. Nichts desto trotz freute er sich auf ein paar Stunden im Kreis seiner Liebsten, denn die letzten Wochen waren eher von Enthaltsamkeit geprägt gewesen und er vermisste Amanda und Christopher mittlerweile mehr als alles andere auf der Welt. Und so machte er sich auch am ersten Weihnachtstag nach dem Frühstück auf zu seiner Familie, wo zum Mittagessen auch noch Carl und David mit Familie erwartet wurden. Riley würde über die Feiertage zu seinem Freund nach Spanien fahren und nicht zugegen sein, hatte Amanda ihm über ihr Buch mitgeteilt.
Eine dünne Schneeschicht knarzte unter seinen schwarzen Winterstiefeln als Severus die letzten Meter zu Amandas Haustür ging. Er klingelte und wartete, während er den Kopf ein wenig einzog, als ihm ein steifer und kalter Wind zwischen die Lagen seines Schals pfiff. Was für eine ungemütliche Kälte! Dabei war er durch sein Leben in den Kerkern von Hogwarts doch schon alles Mögliche gewohnt.
„Ich gehe schon", rief Amanda aus der Küche ihrem Vater zu, als es klingelte. Sie vermutete, dass es Severus war und wollte ihnen beiden einen kleinen privaten Moment gönnen. Es war inzwischen schließlich selten genug, dass sie sich überhaupt einmal sahen und in der Regel waren dann entweder Alan oder Carl noch im Hause, wodurch Zweisamkeit meist schwierig war. „Komm schnell rein, es ist so kalt", forderte Amanda Severus lächelnd auf, als sie die Tür geöffnet hatte. Severus lächelte ebenfalls, dann trat er ein. „Wenn der Wind nicht wäre, würde es ja noch gehen", entgegnete er schließlich, während er seine Winterbekleidung ablegte. Dann ging er zu Amanda, küsste sie kurz zur Begrüßung und strich ihr dabei zärtlich über die Wange. „Hallo erst mal, bevor wir weitergehen."
„Hallo", erwiderte sie und lächelte ihn an. „Schön, dass du kommen konntest."
„Ja, ich freue mich auch. Es kommt zur Zeit leider viel zu selten vor." Severus seufzte leise. „Bin ich der Erste oder ist schon jemand da?" „Ja, leider. Hoffe, dass wird bald besser." Amanda drückte sich kurz an ihn. „Mein Vater ist schon da. Der Rest wird sicher noch etwas brauchen." Snape legte die Arme um sie, erwiderte die Umarmung bereitwillig und atmete tief durch. „Es wäre schön, aber momentan sieht es leider nicht danach aus", entgegnete er schließlich resigniert, bevor er sich wieder von Amanda löste.
„Das hatte ich schon befürchtet. Komm, Christopher wird sich freuen und ich muss noch ein wenig was für das Essen tun." „In Ordnung. Wenn ich dir allerdings noch etwas helfen kann, sag Bescheid."
„Das geht schon", sagte Amanda auf dem Weg ins Wohnzimmer. „Hallo Severus", begrüßte Carl Snape dort und erhob sich vom Boden, wo er mit seinem Enkel gespielt hatte. „Ich gehe in die Küche", kündigte Amanda an. „Hallo Carl", entgegnete Severus, dann wandte er sich seinem Sohn zu und kniete sich zu ihm auf den Boden. Erfreut darüber, ihn endlich wiederzusehen, sprach er ihn lächelnd an. „Na, junger Mann? Was hat denn der Opa gerade mit dir gespielt?"
Christopher saß auf seiner Decke und sah seinen Vater mit großen Augen an. „Pass auf", warnte Carl. „Er bekommt mal wieder einen Zahn und ist etwas maulig."
Kurz sah Severus zu Carl, dann kommentierte er das Gesagte wieder an seinen Sohn gewandt. „Soso, es gibt also wieder einen neuen Zahn." Snape setzte sich nun endgültig neben den Kleinen, nahm ihn zu sich auf den Schoss und küsste ihn kurz. „Was hältst du von der Idee, wenn nun ich etwas mit dir spiele?" Während er das sagte, griff er nach einem Spielzeug in der Nähe, mit welchem offenbar erst noch kürzlich Carl mit seinem Enkel gespielt hatte, und hielt es in Griffnähe seinem Sohn hin.
Carl ging hinüber in die Küche und sah nach, ob er Amanda helfen konnte. Christopher hingegen fing auf Severus Schoß an zu strampeln und wollte lieber auf dem Boden sitzen, so dass er versuchte unter seinem Arm durchzurutschen.
„Scheinbar hält sich deine Begeisterung deutlich in Grenzen", seufzte Snape, dann ließ er seinen Sohn gewähren und setzte ihn zurück auf den Boden, bevor er ihn ein wenig nachdenklich ansah. Ihm drängte sich unweigerlich der Gedanke auf, dass er es seinem Sohn kaum verdenken konnte, dass er nicht in seiner Nähe sein wollte. So oft wie er momentan für ihn da sein konnte, konnte man kaum von einem guten Vater-Sohn-Verhältnis sprechen. Auch wenn Severus wusste, dass ihm momentan keine andere Wahl blieb, so konnte er eine gewisse Enttäuschung gerade nicht vermeiden.
Christopher merkte davon natürlich nicht viel und streckte sich nach dem Spielzeug in Snapes Hand, was er ja trotzdem haben wollte. Als der bemerkte, dass er danach greifen wollte, hielt er es ihm natürlich erneut hin, sodass es mit etwas Anstrengung auch zu erreichen war. Christopher quiekte kurz leicht frustriert, dass er nicht sofort bekam was er wollte, doch dann beugte er sich nach vorne, um das Spielzeug zu erreichen.
„Wir verbringen wirklich zu wenig Zeit miteinander, mein Sohn. Sonst würdest du wissen, dass ich nicht dafür bekannt bin, es anderen einfach zu machen." Snape musste unweigerlich ein wenig schmunzeln, dann griff er nach einem weiteren Spielzeug, legte es sich in die Handinnenfläche und schloss vor Christophers Augen die Hand zur Faust, sodass das kleine Klötzchen kaum noch zu sehen war. „Und? Wo ist das Bauklötzchen nun hin?" Gespannt wartete Severus darauf, ob Christopher schon verstehen würde, wo sich das Spielzeug befand.
Dieser machte erneut einen ärgerlichen Laut und schlug seinen Vater auf die Hand, um an das Stück Holz zu kommen. Als das nicht funktionierte, lehnte er sich vor und stützte sich auf Severus Beinen ab, um mit der anderen Hand besser an die seines Vaters zu kommen.
„So einfach geht das nicht. Du musst es dir schon rausholen", begegnete Severus dem Unmut des Kleinen. Dann hob er einen Finger kurz an, um Christopher das Klötzchen noch einmal zu zeigen, bevor er die Faust erneut wieder leicht um den Baustein schloss und beobachtete, was weiter geschehen würde.
Mit seinen kleinen Fingern krallte sich Christopher in Severus Hand. Irgendwie musste er doch an diesen Bauklotz kommen. Noch einmal schlug er auf die Hand. Vorsichtig bewegte Snape einen der Finger, die unter den kleinen Händen seines Sohnes lagen, ein wenig auf und ab um Christopher zu verdeutlichen, dass er lediglich nach den Fingern greifen musste, um an das darunter liegende Spielzeug zu kommen. Als dieser jedoch noch nicht richtig verstand, öffnete er die Faust zur Hälfte, sodass der Kleine das Klötzchen mit etwas Geschick aus der hohlen Hand greifen konnte.
Es dauerte eine Weile bis der kleine Junge das Stück Holz in die Finger bekam und auch dann war der Griff nicht fest genug, um es festzuhalten, so dass der Klotz von der Hand auf den Boden fiel. Sein Vater hob ihn erneut auf und hielt ihn ihm in der flachen Hand liegend hin. Schneller als zuvor griff Christopher nach dem Holz und sah es zunächst kurz an, bevor er versuchte es in den Mund zu stecken. „Na ihr beiden? Geht es euch gut da unten?", wollte Amanda wissen, die gerade mit Carl wieder ins Wohnzimmer gekommen war.
Severus lächelte ein wenig und sah auf. „Ich denke, wir können nicht klagen." Dann sah er erneut seinen Sohn an und hob aufgrund seiner Bemühungen eine Augenbraue. Dass sich Babys aber auch immer alles in den Mund stopfen müssen, schoss es ihm durch den Kopf.
„Das ist gut, Gesellschaft sollte wohl auch bald kommen denke ich. Gut, dass sie noch so klein sind beide und nicht wissen was Weihnachten ist. Nächstes Jahr wird da sicherlich mehr Aufregung sein." Amandas Sohn hatte inzwischen sein Interesse an seinem Spielzeug verloren und versuchte nun ein Stofftier zu erreichen, welches auf der anderen Seite der Decke lag. Nachdem er umgefallen war, bei der Bemühung es aus dem Sitzen zu fassen zu bekommen, rollte er nun über die Decke zu dem Tier hinüber.
„Ja, da hast du wohl recht", entgegnete Severus, bevor er weiter Christopher beobachtete. „Er hat sich schon wieder verändert, seit ich das letzte Mal hier war", stellte er dann ruhig fest, aber bei genauerem Hinhören war Bedauern zu erkennen, die Entwicklung nicht selbst miterleben zu können. „Das geht auch so schnell, da komm ja selbst ich manchmal nicht mehr mit", versuchte Amanda tröstende Worte zu finden. „Ehrlich gesagt ist das nur ein schwacher Trost", erwiderte Snape jedoch nur knapp, dann stand er auf und zog seine verrutschte Robe wieder zurecht. Immerhin hatte sie wenigstens die Chance es mitzuerleben, wohingegen er einfach dazu verdammt war, fast alles nur über Schriftverkehr zu erfahren, dachte er sich.
Amanda seufzte. „Ja, das glaube ich."
„Also heute ist aber keine Zeit um Trübsal zu blasen", warf Carl ein. „Freut euch, dass wir alle zusammen sein dürfen. Um die Welt zu verdammen ist noch genügend Zeit an anderen Tagen." „Glaub mir Carl, ich gebe mir Mühe", lächelte Severus, doch es wirkte gezwungen. Denn angesichts dessen, was er momentan in Hogwarts und für Dumbledore zu bewältigen hatte, hatte er gerade allen Grund dazu, die Welt zu verdammen. Carl nickte. „Es ist nicht einfach in dieser Zeit", erwiderte Carl und sah Snape ernst an. „Bedauerlicherweise nicht", bestätigte dieser.
Amanda warf einen kurzen Blick auf die Uhr. „Ich hätte gedacht, dass Sandra einen positiven Effekt auf Davids Pünktlichkeit hätte, aber scheinbar trifft dies nur zum Teil zu." Carl lachte. „Tja sie passen eben doch gut zusammen." Doch bevor noch jemand etwas Weiteres sagen konnte, klingelte es an der Tür. „Ah... da sind sie", sagte Amanda und machte sich auf den Weg um zu öffnen.
