Kapitel 58
~ Aus Alptraum wird Wirklichkeit ~
Auch der sonnige, warme Frühsommer konnte Amanda in diesem Jahr nicht aufheitern. Die Situation in der Zaubererwelt wurde immer bedrohlicher und unsicherer. Natürlich war auch Felonwood weiterhin davon betroffen, doch dieser Teil ihres Lebens machte ihr noch am wenigsten Sorgen. Ein Großteil ihrer Familie arbeitete im Ministerium und dort konnte man inzwischen kaum vorsichtig genug sein. Selbst langjährigen Kollegen traute man besser nicht ohne weiteres über den Weg. Für Alan wurde das Leben dadurch auch nicht einfacher und nicht nur einmal war er in den letzten Wochen nach Hause gegangen mit der ernsthaften Überlegung zu kündigen und am besten gleich auch das Land zu verlassen.
Doch Amandas größte Sorge galt ihrer eigenen kleinen Familie. Soweit diese überhaupt noch existierte. Denn daran zweifelte sie in letzter Zeit öfter. Es war schwierig genug, dass Severus es kaum häufiger als alle vier Wochen schaffte sie zu besuchen, doch hinzu kam sein verändertes Verhalten, wenn er dann einmal da war. Oft war er mit den Gedanken vollkommen woanders oder reagierte schnell gereizt, wenn Christopher es mit seinem Übermut etwas übertrieb. Natürlich ließ sich dies auf seine immense Belastung als Doppelagent zurückführen, dennoch hatte er in den Jahren zuvor niemals so reagiert. Wenn er bei Amanda und Christopher war, hatte er versucht zu entspannen und dies meistens auch geschafft. Offensichtlich war aber gerade etwas im Gange was dies nicht mehr zuließ. Das machte Amanda große Angst. Vor allem weil Severus jegliche Nachfrage vollkommen abblockte. Manchmal hatte Amanda das Gefühl Severus wäre ihr vollkommen fremd geworden, als würde sie mit jemand anderem sprechen oder mit dem Severus, der vor all den Jahren zum ersten Mal Felonwood betreten hatte. Ihre Beziehung hatte an Tiefe verloren und auch an Vertrauen. Oft tauschten sie lediglich kurz die Geschehnisse der letzten Tage aus. Allerdings bedeutete das vor allem, dass Amanda über Christopher und Felonwood berichtete und da Severus kaum Zeit hatte auch nur schriftlich. Sicher war es schon lange so, dass sie sich wenig sahen, doch früher hatte sehr viel mehr Intensität in ihrer Kommunikation gesteckt.
Sie hatten im ganzen letzten halben Jahr vielleicht drei schöne, gemeinsame Tage gehabt. Einer davon war vor zwei Wochen an Christophers Geburtstag gewesen. Doch dieser hatte durch Dumbledores Besuch auch wieder weitere Fragen aufgeworfen. Manchmal fragte sich Amanda, wie lange sie diese ganze Ungewissheit noch aushalten sollte, wobei ihr dann gleichzeitig bewusst wurde, wie anstrengend es für Severus sein musste. Wenn er wenigstens mit ihr reden würde! Entnervt schlug Amanda ihr Bilanzbuch zu und schob es zur Seite. Darauf konnte sie sich gerade ohnehin nicht konzentrieren. Nachdenklich sah sie erneut aus dem Fenster. Draußen im Garten reckten sich die Blüten der Sonne entgegen und alles sah aus als wäre es in bester Ordnung. Doch so war es nicht und das würde es wohl auch noch lange nicht sein. Wenn sie wenigstens etwas tun könnte und nicht dazu verdammt wäre zu Hause zu sitzen und Kind und Herd zu hüten. Passend zu ihren Gedanken wachte Christopher aus seinem Mittagsschlaf auf, so dass Amanda Ablenkung von ihren dunklen Gedanken hatte.
Als sie am Abend, wie so oft in letzter Zeit unzufrieden mit sich selbst, ins Bett ging, dachte sie seufzend, dass es so wie gerade nicht mehr lange weiter gehen konnte. Es musst etwas geschehen und zwar bald.
Er hatte es getan… Severus rannte und zog Draco mit sich. Immer wieder pochten ihm die gleichen Worte im Kopf: Er hatte es wirklich getan. Doch für weiteres Nachdenken war nun keine Zeit mehr. Potter war hinter ihnen her und er musste mit Draco schleunigst von hier verschwinden. Außerdem wartete der Dunkle Lord.
Die Morgendämmerung hatte schon eingesetzt, als Snape sich die letzten Meter zu seinem Haus in Spinners End schleppte und kurze Zeit später die Haustür hinter ihm zufiel. Beinahe lautlos ließ er sich an der Tür herabsinken, schloss die Augen und lehnte den Hinterkopf gegen das alte Holz. Er fühlte sich erschöpft und leer. Wie lange war es her, seit sein Leben völlig aus den Fugen geraten war? Tage, Wochen, oder doch erst ein paar Stunden? Er wusste es gerade nicht mehr. Er wusste nur, dass er die letzten Stunden einfach nur funktioniert hatte. Die Freude über Dumbledores Tod war bei den Todessern groß gewesen, ebenso wie die Mischung aus Neid, Ehrfurcht und Bewunderung für seine Person. Selbst Bellatrix' Hetze war nun verstummt – jetzt, da er Dumbledore getötet hatte. Sein Ansehen beim Dunklen Lord war nun nur noch mehr gewachsen, obwohl es eigentlich Dracos Aufgabe gewesen war, den alten Zauberer zu ermorden. Doch für welchen Preis hatte er sich das alles erkauft?
Erst langsam sickerte die Erkenntnis wieder in Snapes Bewusstsein und mit ihr das schlechte Gefühl. Urplötzlich war sie da - die Übelkeit und Severus sprang auf und hastete ins Bad. Er hatte den Drang sich übergeben zu müssen, doch nichts passierte. So stand er nur einige Minuten über das Waschbecken gebeugt da, bevor er sich schließlich wieder aufrichtete, sich erneut auf den Boden setzte und an die kalte Wand lehnte. Er zog die Beine an sich und vergrub seine leicht zitternden Finger in seinen langen, strähnigen Haaren. Es schloss die Augen und schluckte schwer. Wann würde es Amanda erfahren? Oder hatte sie es vielleicht bereits erfahren?
Bis zum Schluss hatte er mit sich gehadert, obwohl er Dumbledore sein Versprechen gegeben hatte. Er hatte es nicht tun wollen. Er hatte nicht den einzigen Menschen töten wollen, der ihm all die Jahre vertraut hatte und der ihm geholfen hatte, wieder in ein normales und vor allem lebenswertes Leben zurückzufinden. Doch nun war all das wieder zerstört worden. Zerstört durch die gleiche Person, die ihm all das ermöglicht hatte. Er hasste Dumbledore dafür, soviel war sicher. Aber nichts desto trotz schmerzte es auch sehr ihn verloren zu haben.
Doch noch mehr zerrte die Angst vor Amandas Reaktion an Snapes Nerven. Schon der bloße Gedanke daran, dass sie ihn womöglich verstoßen könnte und ihn nie wieder sehen wollte, ließ ihn fast wahnsinnig werden. Severus schluckte schwer und atmete tief durch, um nicht vollkommen den Verstand zu verlieren. Er musste mit ihr reden. Er musste versuchen ihr alles zu erklären. Das war die einzige Chance die er hatte. Entweder sie glaubte ihm trotz allem noch oder – Er führte den Gedanken nicht weiter. Daran wollte er erst gar nicht denken.
Während Snape sich mit dem auseinandersetzen musste was in der vergangenen Nacht geschehen war, begann für Amanda ein ganz normaler Tag. Nachdem Christopher gefrühstückt hatte und angezogen war, machten sie sich auf den Weg zu ihrem Vater. Da sie heute bei Felonwood arbeiten musste, brauchte sie jemanden der auf ihren kleinen Sohn aufpasste, denn inzwischen war es nicht nur zu unsicher für ein Kleinkind in der Winkelgasse, sondern Christopher konnte nun auch laufen und würde sich nur langweilen oder Chaos verursachen. Während Amanda den Jungen fest an sich drückte, apparierte sie nach Godric's Hollow. Hier sah sie sich kurz um, freute sich über den warmen Sommermorgen und machte sich langsam auf den restlichen Weg zu ihrem Vater. Dort angekommen klingelte sie an der alten Holztür, doch auch nach wiederholtem Läuten öffnete niemand. Stirnrunzelnd sah sich Amanda um. Sie waren verabredet und es war wirklich nicht Carls Art sie einfach sitzenzulassen. Nach erneutem Klingeln und kurzem Zögern öffnete Amanda die Haustür mit Hilfe ihres Zauberstabs. „Dad?", rief sie ins Haus, als sie im Flur stand. Keine Antwort. Das wurde immer seltsamer. Beunruhigt, und mit dem Zauberstab noch immer in der Hand, ging Amanda durch das Haus, doch tatsächlich war niemand da. Wieder im Wohnzimmer angekommen setzte sie Christopher auf dem Teppich ab und reichte ihm ein Spielzeug, welches noch auf dem Wohnzimmertisch lag. Seufzend setzte sich Amanda auf den nebenstehenden Sessel. Was war nur los?
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis Amanda die Tür hörte. „Dad?", fragte sie erneut und stand auf. „Ja! Ich bin es", antwortete Carl und klang dabei abgehetzt. „Es tut mir Leid, dass ich nicht Bescheid gesagt habe, ich musste schnell gehen." Inzwischen war er im Wohnzimmer angekommen und sah seine Tochter auf eine Art an, die dieser überhaupt nicht gefiel. Es war etwas passiert, etwas Schlimmes.
„Was ist los?", wollte Amanda daher wissen. Ernst sah Carl sie an. „Setz dich besser, wir müssen uns unterhalten." Skeptisch und noch beunruhigter tat Amanda wie ihr geheißen. „Ich…" Carl seufzte. „Es wird nicht helfen, wenn ich groß drum herum rede, du musst es ohnehin erfahren." Bei seinen Worten wurde seiner Tochter ganz übel. Severus war doch hoffentlich nichts passiert!?
„Gestern Abend ist es einigen Todessern auf unbekanntem Weg gelungen in Hogwarts einzudringen und aus ebenfalls ungeklärten Gründen gelang es ihnen Dumbledore zu überwältigen." Carl holte Luft und seufzte erneut, das Ganze war einfach schrecklich. Seine Tochter saß nur erstarrt da und ahnte was kommen würde, ohne dass sie den Gedanken wirklich zulassen wollte. „Dumbledore war scheinbar nur mit Harry Potter zusammen und ohne Zauberstab und so… so wurde er getötet."
„Nein!", rief Amanda entsetzt und schüttelte abwehrend den Kopf. „Nein nein, wie konnte das passieren? Das…nein!" Carl hob die Hand, denn er wusste was noch kommen würde. „Das ist nicht alles Amanda." „Was denn noch?", wollte sie mit Tränen in den Augen wissen. „Es war Severus."
Amanda schüttelte wieder den Kopf, das war ja vollkommen absurd, auch wenn ihre Tränen gleichzeitig mehr wurden. „Nein, das ist doch Blödsinn! Das kann nicht sein, das ist ein Irrtum!" So ruhig wie möglich wiedersprach Carl. „Nein, ist es nicht. Leider. Harry Potter hat es gesehen." „Genau! Potter! Der hasst Severus! Dem würde so etwas doch gerade Recht kommen, um ihn loszuwerden!" Aufgebracht stand Amanda auf. „Er ist mit den anderen Todessern geflohen, Amanda. Ich bezweifle, dass Potter gelogen hat, so sehr ich es mir auch wünschen würde."
In Amandas Kopf drehte sich alles, das konnte nicht passiert sein. Das war vollkommen unmöglich, vollkommen unlogisch. Dumbledore war so wichtig für Severus gewesen. Er würde doch nicht… Er könnte nicht. Sie ließ sich weinend wieder aufs Sofa sinken. „Er war sicher nicht er selbst, vielleicht der Imperiusfluch oder Vielsafttrank oder…" Carl nahm ihre Hand. „Nein, bitte Amanda. Tu dir das nicht an." „Aber… aber, das kann nicht sein! Das ist nicht möglich!"
„Es scheint als wäre es das doch", antwortete er und fügte nach kurzer Pause hinzu: „Er hat ja nicht nur dich getäuscht, du brauchst dir keine Vorwürfe machen." Aufgrund dieser Worte verwirrt sah Amanda ihren Vater an. „Das ist doch absurd! Es kann doch kein Mensch sechzehn Jahre lang allen Menschen ein Theater vorspielen und vor allem mir doch nicht! Das hätte ich doch merken müssen."
„Vielleicht war es nicht die ganze Zeit ein Theater, vielleicht haben sich seine Überzeugungen wieder geändert in den letzten Monaten." Amanda schüttelte zwar zur Abwehr den Kopf und doch trafen diese Worte einen wunden Punkt in ihrem Inneren, denn Severus hatte sich verändert im vergangenen Jahr. Doch sie hatte dies immer auf die Belastung durch seine Aufgabe als Spion geschoben und keine andere Erklärung für möglich gehalten. Aber nun begann sich alles zu verändern.
„Hat Severus dir erzählt warum Dumbledore ihm vertraut und damals aufgenommen hat?", wollte Carl nun wissen. „Nein, das war auch gar nicht wichtig. Wir haben am Anfang kurz darüber gesprochen, aber nicht über Details." „Vielleicht wäre es doch wichtig gewesen." Amanda seufzte, möglicherweise wäre es das gewesen, aber möglicherweise hätte sie auch einfach mehr nachfragen sollen, als Severus sich die letzten Monate immer weiter zurückgezogen hatte und sie immer wieder das Gefühl gehabt hatte nicht zu wissen was in ihm vorging. „Ich weiß es nicht", sagte sie leise.
Die ganze Zeit über hatte Christopher die beiden Erwachsenen nur erstaunt angesehen, doch nun fand er das Gesicht, was seine Mutter machte, nicht mehr gut und krabbelte zum Sofa, um sich an Amandas Beinen hochzuziehen. Mit seiner kleinen Hand fasste er auf ihre tränennasse Wange und sah sie an. „Nast?", fragte er schließlich. Daraufhin schossen Amanda nur noch mehr Tränen in die Augen und sie nahm Christopher auf den Schoß. Erst letzte Woche hatte er beim Baden gelernt, dass Wasser nass war. „Ja, mein Schatz. Mama ist traurig." Christopher drückte sich jetzt an sie, wie um sie zu trösten und es tat seiner Mutter gut etwas Wärme zu spüren. Das gab ihr die Gelegenheit sich ein Stück weit zu beruhigen und wieder einigermaßen nachdenken zu können. „Wir sollten wieder nach Hause gehen, denke ich", sagte sie dann nach einigen Minuten, nachdem ihr Vater aus der Küche zurück war. Carl hatte ihnen den Moment der Ruhe gelassen und sich in der kurzen Zwischenzeit einen Kaffee gekocht, denn geschlafen hatte er diese Nacht nicht viel.
„Vermutlich der beste Platz", stimmte er zu. „Heute wird ohnehin niemand daran denken Zaubertrankzutaten zu kaufen, befürchte ich." Amanda nickte nur, was war in dieser Situation schon ein guter Platz? „Möchtest du mitkommen?" „Nein, tut mir Leid. Ich muss wohl bald schon wieder ins Ministerium, wie du dir vorstellen kannst herrscht dort das reinste Chaos." „Vermutlich. Dann gehen wir wohl mal besser wieder nach Hause, Christopher. Dein Opa muss doch noch arbeiten." Bei dem Wort Opa sah Chris auf und zu Carl, dann deutete er auf sein Spielzeug auf dem Boden. Doch Amandas Vater schüttelte nur den Kopf. „Nein, mein Kleiner. Heute können wir leider nicht spielen. Vielleicht morgen." Inzwischen hatte Christopher ziemlich gut gelernt was Nein bedeutete und es gefiel ihm überhaupt nicht, weswegen er zu quengeln begann und von Amandas Schoß runter wollte. Diese ließ ihn gehen, auch wenn sie wusste, dass das einsammeln, welches kurz darauf folgen würde, nicht angenehm sein würde.
Kurz besprachen Vater und Tochter noch, ob es nun nötig sein würde die ganze Familie bei Amanda unterzubringen und beschlossen erst einmal abzuwarten wie sich die Situation nun weiter entwickelte. Nachdem Christopher unter lautem Protest wieder sicher auf Amandas Arm war, verabschiedete sie sich von ihrem Vater und apparierte noch aus dem Wohnzimmer zurück in ihren Garten. Hier war alles noch genauso wie zuvor und dennoch fühlte es sich seltsam anders an. Sie wusste auch gerade nicht was sie als nächstes tun sollte. Sicherlich würde sie jedoch nicht versuchen sich bei Severus zu melden. Doch da Christopher nicht wusste, was in der vergangenen Nacht passiert war, forderte er wie jeden Tag seine Beschäftigung und Verpflegung, sodass Amanda vorerst beschäftigt war. Erst als ihr Sohn seinen Mittagsschlaf hielt, hatte sie wieder zwei ruhigen Stunden und damit auch wieder mehr Zeit zum Nachdenken als ihr eigentlich lieb war.
Kurz bevor Christopher wieder wach wurde drehten sich ihre Gedanken um Severus nur immer wieder im Kreis. Sie wusste einfach nicht was sie denken sollte oder was wirklich passiert war. Für sie war keine Situation denkbar in der Severus, ohne zur dunklen Seite gewechselt zu sein, Dumbledore hätte töten können. Doch wie schon am Vormittag lenkte ihr Sohn sie von noch mehr Verzweiflung ab. Es war Juni und außerdem noch ein sehr schöner sonniger Tag, sodass Amanda mit Christopher zum Sandkasten ging, den er seit einigen Wochen für sich entdeckt hatte. Irgendwo in ihr war noch die Hoffnung, dass es für das Geschehene eine vernünftige und akzeptable Erklärung gab, auch wenn sie nicht die leiseste Idee hatte, wie diese aussehen könnte.
Eine Weile spielten Mutter und Sohn zusammen in der Sandkiste, auch wenn Amanda sich bemühen musste bei der Sache zu bleiben, bis sich plötzlich eine Eule näherte und schließlich neben Christopher auf dem Rand des Sandkastens landete. Normalerweise störte sich der kleine Zauberer nicht groß an Eulen, doch heute schienen ihn die Geschehnisse schon soweit beunruhigt zu haben, dass das plötzliche Auftauchen des großen Vogels ihn vollkommen aus der Fassung brachte. Erschrocken fing er laut an zu weinen, woraufhin die Eule empört den Brief fallen ließ und wieder davonflog. Amanda hingegen nahm ihren Sohn auf den Schoß und in den Arm und begann ihn zu trösten. „Alles ist gut mein Kleiner. Das war doch nur eine Eule, die kennst du doch schon. Mama hat auch eine." Sanft schaukelte sie Christopher einen Moment hin und her, bevor sie aufstand und mit ihm auf dem Arm durch den Garten ging. „Komm wir gucken uns lieber die großen Blumen an, die du so toll findest." Amanda hoffte, dass ihn das wieder ablenken und beruhigen würde.
Er hatte schon zig Stunden nicht geschlafen, doch auch wenn Severus Körper sich danach sehnte, sein Geist fand einfach keine Ruhe. Irgendwann hatte er sich aus dem Bad wieder zurück ins Wohnzimmer geschleppt und dort in einen Sessel fallen lassen, nur um kurze Zeit später wieder rastlos herumzulaufen und sich den Kopf zu zermartern. Er wusste, er musste mit Amanda reden, doch er wusste nicht wie. Wie sollte er es anfangen, wie Kontakt zu ihr aufnehmen? Würde sie ihn überhaupt anhören? Und wenn ja, würde sie ihm glauben? War es nicht viel zu phantastisch was er zu erzählen hatte? Und doch war es die Wahrheit.
Severus drehte unermüdlich seine Runden im Wohnzimmer, bis er einfach nicht mehr konnte und sich wieder setzen musste. Ihm war, seit er daheim war, wieder einmal speiübel geworden und alles um ihn herum begann zu kreisen. Er hatte solche Angst davor, dass Amanda ihn nie wieder sehen wollte und dass er sie und seinen Sohn für immer verloren hatte. Er musste die Augen schließen um das permanente Kreisen seiner Umgebung zu unterbrechen. Nur ganz kurz die Augen zu…
Es war ein unruhiger und leichter Schlaf gewesen, in den Snape gefallen war und es dauerte auch nicht lange, bis er wieder aufwachte. Ihm war noch immer flau im Magen, aber daran hatte er sich mittlerweile schon fast gewöhnt. Mühsam stand er aus dem schon durchgesessenen Sessel auf und seufzte. Er hatte sich schon Ewigkeiten nicht mehr so schlecht gefühlt. Es war wohl damals gewesen, als er das mit Lily erfahren hatte. Lily… Sogleich waren Severus Gedanken nun wieder bei Amanda und Chris. Er musste sie endlich aufsuchen. Je länger er es hinauszögern würde, umso schlimmer würde es wohl werden, denn bestimmt wusste sie schon von den Geschehnissen in Hogwarts. Die Nachricht um Dumbledores Tod war sicherlich wie ein Lauffeuer durch die Zaubererwelt gegangen. Severus schluckte, dann sah er kurz auf die Uhr. Es war erst früher Nachmittag und Amanda war wahrscheinlich noch arbeiten. Aber vielleicht hatte er auch Glück und sie war angesichts der aktuellsten Geschehnisse daheim geblieben. Er wollte es daher versuchen sie zu sprechen, denn weiteres Grübeln würde ihn nur noch weiter in den Wahnsinn treiben.
Wenig später hatte Snape Spinners End verlassen und war in die Nähe von Amandas Haus appariert. Zunächst hielt er seinen Zauberstab weiterhin parat und beobachtete intensiv für kurze Zeit seine Umgebung, bevor er sich schließlich in Bewegung setzte und in großem Bogen zunächst das ganze Grundstück umrundete. Er wollte zuerst sicher gehen, dass ihm niemand auflauerte und Amanda wahrscheinlich alleine war. Er hatte wenig Lust, sich mit irgendwem zu duellieren, schon gar nicht mit Carl oder Alan.
Als Severus das Haus schon fast umrundet hatte, kam er am Garten vorbei und bemerkte, dass Amanda gerade mit Christopher draußen war. Aus sicherer Entfernung beobachtete er, wie sein Sohn auf Amandas Arm saß und sie zusammen die riesigen Sonnenblumen ansahen, die in einer Ecke des Gartens wuchsen. Er musste schlucken. Dort standen sie und er musste nur hingehen, aber irgendwas in ihm konnte es nicht. Die Angst kam wieder in ihm hoch und er musste sie mit aller Kraft niederringen, bevor sie in Panik umzuschlagen begann. Sein schlimmster Alptraum würde eintreten, wenn Amanda ihn nun zurückwies und er wusste nicht, was er danach machen würde. Der einzige Sinn seines Lebens würde damit verloren gehen.
Zu Amandas Glück hatten die Blumen als Ablenkung tatsächlich die gewünschte Wirkung und Christopher beruhigte sich langsam wieder. Vorsichtig wischte sie ihm noch die letzten Tränen aus dem Gesicht und erklärte ihm die Farben und die Dinge auf die er deutete. Aus dem Augenwinkel sah Amanda plötzlich eine Bewegung und drehte den Kopf in diese Richtung. Der Anblick versetzte ihr einen Stich ins Herz. Dort hinten, ein gutes Stück entfernt stand Severus. Nur kurz sah sie in seine Richtung, so dass sie nicht sicher war, ob er ihren Blick bemerkt hatte. Zwar hatte Amanda damit gerechnet, dass er kommen würde, doch nicht so bald und sie wusste auch noch nicht, was sie nun genau tun sollte. Eine Sache hatte sie allerdings schon entschieden, sie würde versuchen Christopher möglichst aus dieser Begegnung herauszuhalten. Zwar würde das nicht viel helfen, sollte Severus tatsächlich etwas Böses wollen, aber dann hätte sie zumindest ihr Bestes getan. „Wir gehen besser wieder rein", sagte Amanda daher leise zu ihrem Sohn und machte sich auf den Weg zurück ins Haus. Dort brachte sie Christopher in sein Zimmer und auch wenn es ihr sehr leid tat, belegte sie ihn mit einem Schlafzauber, denn sonst wäre er so mitten am Nachmittag niemals ruhig genug geblieben für die Schutzzauber, die auf seinen Schlaf folgten. Einen kurzen Moment hatte sie darüber nachgedacht ihn gleich zu ihren Vater oder Bruder zu bringen, aber am Ende würde auch das nicht mehr helfen, außer vielleicht noch mehr Menschen in Gefahr zu bringen. Doch noch wusste Amanda nicht was ihr Schicksal war und sie war sich nicht sicher, ob sie es tatsächlich herausfinden wollte.
Den Zauberstab fester in der Hand als gewöhnlich ging sie wieder ins Erdgeschoss und von dort in den Garten, ohne zu wissen was sie dort nun erwarten würde.
