Kapitel 59

~ Die schmerzhafte Wahrheit ~

Severus hatte bemerkt, dass Amanda kurz in seine Richtung gesehen hatte und als sie plötzlich mit Christopher zurück Richtung Haus ging, war er sich ziemlich sicher, dass sie ihn gesehen und erkannt hatte. Er konnte zwar nachvollziehen, dass sie sich oder zumindest Christopher in Sicherheit bringen wollte, wenn er so plötzlich auftauchte und irgendwie hatte er auch damit gerechnet dass dies passieren würde, doch trotzdem versetzte es ihm einen Stich. Sie musste denken er wollte ihr und seinem Sohn etwas böses, dabei würde er ihnen nie etwas zuleide tun. Vorher würde er selbst in den Tod gehen, bevor er zulassen würde, dass ihnen ein Leid geschah.

Snape war unsicher, was er nun tun sollte, da Amanda zurück ins Haus gegangen war. Sollte er ihr nachgehen oder hier warten bis sie zurückkam? Aber vielleicht kam sie nicht zurück, sondern holte Hilfe oder apparierte vor dem Haus weg? Unschlüssig sah er sich noch einmal kurz um, dann ging er langsam auf den Garten zu. Vielleicht würde ihm die Entscheidung abgenommen werden und wenn nicht, würde er über die Terrassentür ins Haus gehen und nachsehen.

Als Amanda nach draußen trat, war Severus schon fast an der Terrasse angekommen. Er sah nicht gut aus, gar nicht gut, aber das half ihr gerade nicht viel weiter, um die Situation einschätzen zu können. Nachdem was in der vergangenen Nacht in Hogwarts passiert war, musste sie wohl alle Möglichkeiten in Betracht ziehen und wer wusste schon, ob Severus nicht durch die ständige Belastung einfach nicht mehr ganz zurechnungsfähig war. Wobei das in ihren Augen noch irgendwie das unwahrscheinlichste Szenario war. Sie ging noch ein paar Schritte, blieb dann stehen und sah Severus skeptisch an.

Auch dieser blieb nun stehen und man sah ihm an, dass er unschlüssig war, was er nun tun oder sagen sollte. Am liebsten wäre ihm gewesen, wenn Amanda zuerst das Wort ergriffen hätte, doch dann rang sich Snape zum ersten Schritt durch. „Ich vermute du kannst dir schon denken, wieso ich hier bin", begann er matt und sah Amanda fragend an. Er sah müde und abgekämpft aus und unter seinen Augen zeichneten sich durch den wenigen Schlaf der letzten Tage schon dunkle Schatten ab.„Da gibt es wohl mehrere Möglichkeiten", meinte Amanda knapp und kühl. Sie hatte nicht vor, ihm das Ganze allzu einfach zu machen.

„Ich will mit dir reden", entgegnete Severus ruhig und ohne auf den Ton seines Gegenübers einzugehen. Er hatte schon damit gerechnet, dass Amanda ihn nicht gerade herzlich empfangen würde und er war schon froh, dass sie ihm nicht gleich eine Salve Flüche entgegen gejagt hatte. „Bist du alleine?", fragte er schließlich noch, denn er hatte noch immer seinen Zauberstab in der Hand, weil er befürchten musste, dass außer Christopher noch jemand anderes im Haus war.

„Es sieht so aus", entgegnete sie und sah ihn dann direkt an, doch das half ihr nicht dabei sich eine genauere Meinung zu bilden. Immerhin schien es so, als würde er sie nicht gleich um die Ecke bringen wollen. „Und über was möchtest du mit mir reden?"

Wusste sie etwa noch nichts von Dumbledores Tod, wenn sie so fragte, weswegen er mit ihr reden wollte? Severus steckte zunächst seinen Zauberstab ein als ihm bestätigt wurde, dass offenbar kein anderer Zauberer mehr in der Nähe war, erst dann suchte er nach einer passenden Antwort auf Amandas Frage. Wie sollte er am besten anfangen? „Über das, was gestern passiert ist", sagte er schließlich vage. Er wollte sehen ob sie tatsächlich noch nichts wusste.

Amanda verschränkte die Arme vor ihrem Körper. Vermutlich sah es für Severus nach einer Abwehrhaltung aus, jedoch war es mehr um sich selbst zusammen zu halten. Auch, wenn sie ihr Leben nun behalten hatte, könnte es doch durch das was Severus zu sagen hatte, zerstört werden. „Darüber zermartere ich mir seit heute Morgen das Hirn und meine größte Hoffnung war noch ein Imperiusfluch oder Vielsafttrank oder meinetwegen auch, dass du einfach durchgedreht bist, denn sonst..."

Severus seufzte leise, senkte den Blick und schüttelte leicht den Kopf. Hatte er überhaupt noch die Hoffnung, dass sie ihm glauben würde, wenn er ihr nun die Wahrheit sagte? Amanda machte nicht gerade den Eindruck als ob sie offen war für seine Erklärungen, die für einen Außenstehenden zugegebenermaßen auch noch sehr bei den Haaren herbeigezogen klingen mussten. Kurze Zeit später sah er wieder auf, aber er konnte Amanda nicht direkt ansehen. „Keins von den dreien", sagte er schließlich leise und ein wenig stockend. „Aber ich habe eine Erklärung für alles."

„Ich hoffe es ist etwas Besseres als die logischste Option, die ich noch im Kopf habe."

„Ich bin nicht wieder zum Anhänger der dunklen Seite geworden, falls du das meinst." Kaum hatte Severus das gesagt, wurde ihm bewusst, wie sinnfrei diese Worte aus dem Mund von Dumbledores Mörder klingen mussten.

Amanda musste kurz und sehr bitter lachen, wobei ihr dabei schon die Tränen in die Augen schossen, das war alles zu viel für sie. „Dann hast du D... dann war das aus persönlicher Abneigung oder wie?" Severus Lippen begannen zu beben als Amanda derart lachte und er presste sie automatisch zusammen. Er hatte das Gefühl ausgelacht zu werden und das versetzte ihm einen schmerzhaften Stich. „Selbst wenn ich Dumbledore noch mehr gehasst hätte wie zehn Potters und Blacks zusammen, glaubst du ich würde ihn tatsächlich–?" Er brach ab, doch nach kurzem Schweigen fuhr er fort. „Ich habe ihm soviel zu verdanken und ich hätte das nie alles freiwillig auf Spiel gesetzt."„Ja, das habe ich immer geglaubt." Sie wischte sich einen Teil der Tränen aus dem Gesicht. „Die Tatsachen sprechen nur offensichtlich dagegen."

„Ich kann auch leider nicht bestreiten, dass ich es getan habe. Zumindest das hat Potter richtig beobachtet", sagte Snape bitter. Daraufhin konnte Amanda nur den Kopf schütteln. Das machte doch alles keinen Sinn! Da stand der Mann den sie liebte und hatte den wohl meistgeachteten Zauberer von England umgebracht und sagte auf der einen Seite er könnte es nie tun und hatte es doch getan. Sie fühlte sich sehr zerrissen und konnte sich noch immer keine Erklärung vorstellen, bei der dieser Zustand nicht noch schlimmer werden würde. „Das macht alles keinen Sinn", sagte Amanda und ließ neben ihren Tränen, das erste Mal einen Teil ihrer eigenen Verzweiflung erkennen.

„Es tut mir so leid, Amanda", entgegnete Severus leise. „Ich hatte bis zum Schluss versucht es noch abzuwenden. Ich wollte mir das ersparen und dir auch, aber er ließ sich nicht umstimmen. Ich war an mein Versprechen gebunden. Ich hatte keine Wahl."

Kaum hatte er geendet musste Snape schlucken und er blickte kurz zur Seite um Amanda nicht sehen zu lassen, dass er gerade tatsächlich mit den Tränen rang. Die Angst, dass sie ihm nicht glauben würde zerrte gerade mehr denn je an seinen Nerven und auch der Verlust Dumbledores schmerzte erneut deutlich. Snape fühlte, dass er im Moment am Ende war und einfach nicht mehr konnte. Wieso hatte Dumbledore das bloß von ihm verlangt? Auch er war doch kein Übermensch.

„Und was soll das für ein Versprechen sein?", wollte Amanda wissen. Zwar sah sie, dass Severus das alles nahe ging, aber sie war nicht viel schlauer als zuvor.Der atmete noch einmal tief durch um wieder zu Fassung zu gelangen, dann versuchte er Amanda die Zusammenhänge in etwas abgespeckter Version zu erklären. „Wir wussten schon länger, dass Draco Malfoy vom Dunklen Lord den Auftrag bekommen hatte, Albus zu beseitigen. Er wollte nicht, dass sich Malfoy etwas Derartiges zu Schulden kommen ließ und ich musste ihm versprechen es statt seiner zu Ende zu führen, wenn es soweit kommen sollte. Bedauerlicherweise war dem dann auch so..."

„Du hättest ihm helfen müssen! Versprechen hin oder her! Mein Vater hat gesagt Dumbledore war allein und ohne Zauberstab, was hatte er denn bitte für eine Chance?!" Ganz plötzlich war Amanda wütend. Wie hatte Severus so etwas versprechen können? Er hätte das ganze verhindern müssen!

„Ich konnte ihm nicht helfen und ich durfte nicht! Damit hätte ich mich enttarnt!", konterte Snape etwas harscher als gewollt, doch danach versuchte er sich sofort wieder etwas zurückzunehmen und fuhr ruhiger fort. „Außerdem hätte es ohnehin nicht viel gebracht. Albus' Zeit war abgelaufen. Er wäre in den nächsten Wochen auch ohne ein fremdes Zutun gestorben." „Dann hättest du dich eben enttarnt und wieso wäre Dumbledore ohnehin gestorben? Das kann man wohl kaum genau vorhersagen!"

„Er war schon lange verflucht. Mit schwarzer Magie, die seine und meine Fähigkeiten deutlich übersteigt! Ich konnte ihm damals, als er sich einfach diesen unsäglichen Ring an den Finger gesteckt hatte, nur noch etwas Zeit verschaffen, mehr nicht! Und diese Zeit wäre bald abgelaufen! Ich wusste schon seit Monaten dass Albus sterben würde, verflucht! Dieser alte Narr...!" Severus bebte und ballte seine Hände zu Fäusten. Er hatte Mühe noch die Fassung zu bewahren. Dieser alte Narr! Wieso hatte er das alles von ihm verlangt? Wieso? Hatte er nicht schon genug für seine Fehler in der Vergangenheit gebüßt? Wieso musste er sich nun auch noch diese Schuld auf sein Gewissen laden und somit das eigene Leben komplett zerstören? „Er hätte mich vorher fragen müssen, bevor er dieses Ding anfasst!"

Das würde durchaus so manches erklären. Dumbledores seltsame schwarze Hand und auch Severus verändertes Verhalten in den letzten Monaten. Andererseits, wieso hatte er ihr nichts erzählt von Dumbledores Unfall? Das war schon seltsam. „Ich würde dir gerne glauben", sagte sie schließlich leise.

„Es ist die Wahrheit. Die schwarze Hand und ein Jahr Zeit. Das war das Äußerste was ich noch für ihn machen konnte. Ich wünschte es wäre mehr gewesen, dann wäre mir das alles erspart geblieben." Severus seufzte schwer und senkte den Blick. „Ich... hatte in den letzten Monaten mehr als einmal Streit mit ihm, weil ich das Versprechen, das ich ihm kurz danach gegeben hatte, nicht einlösen wollte. Ich wollte mir diese Bürde nicht auch noch aufladen. Aber er ließ mir keine wirkliche Wahl. Er hat von mir verlangt, dass ich mein Leben zerstöre und ich habe es getan." Severus lächelte bitter und presste dann erneut die Lippen zusammen. „Bitte glaub mir, Amanda...", fuhr er schließlich leise fort und sah sie flehend an. „Ich will dich und Chris nicht verlieren! Das war und ist meine größte Angst. Alles andere ertrage ich, aber das nicht. Nicht noch einmal..." Snape spürte, wie sich alles in ihm zusammenzog bei dem Gedanken, dass Amanda ihm diese Bitte nicht gewähren würde. Er hatte unsägliche Angst davor und er konnte diese Angst auch nicht mehr verbergen.

Amanda seufzte. „Das Problem ist einfach, dass ich alles so oder so interpretieren kann. Natürlich möchte ich dir glauben, aber es könnte eben auch anders sein und du hoffst nur auf meine Gutgläubigkeit. Ich weiß es eben einfach nicht. Du hättest mir das mit Dumbledore erzählen sollen, dann wäre das jetzt einfacher zu entscheiden. Dazu dein Rückzug in den letzten Monaten... Wie soll ich da sicher sein? Wir haben uns kaum dreimal gesehen in den letzten acht Wochen und dann nur wenige Stunden und das kaum alleine."

Ihre Antwort war für Severus wie ein Schlag ins Gesicht, auch wenn es objektiv betrachtet absolut nachvollziehbar war, was Amanda gerade sagte. Er nickte nur automatisch und brauchte kurze Zeit, bis er sich wieder soweit gefasst hatte, um noch etwas zu entgegnen. Dennoch war seine Stimme nur etwas mehr als ein Kratzen. „Mehr kann ich wahrscheinlich nicht erwarten, ja. Aber ich schwöre bei allem was mir heilig ist, dass es die Wahrheit ist." Hilflos zuckte Amanda mit den Schultern. „Was soll ich denn machen? So einfach funktioniert das nicht…" Severus schluckte schwer, dann nickte er noch einmal notierend, aber er brachte kein weiteres Wort mehr hervor. Er hatte gerade das Gefühl, als ob in diesem Moment alles in ihm gestorben war. Wie dumm war er nur gewesen zu hoffen, dass Amanda ihm einfach so verzeihen würde! Und hatte er wirklich gedacht, sie würde ihm glauben?

Amanda seufzte. „Severus, es tut mir Leid. Ich muss darüber nachdenken. Es ist heute so viel passiert, das muss ich erst irgendwie alles ordnen."

„Schon gut", nahm sich der Slytherin nun wieder so gut es ging zusammen, auch wenn er nicht wusste, woher er diese Selbstbeherrschung und Kraft jetzt noch hernahm. „Es war dumm und naiv von mir zu glauben, dass ich nur alles richtig zu stellen brauche und alles wäre wie zuvor. Ich kann schon froh sein, dass du mich überhaupt angehört hast."

„Natürlich musste ich dich anhören, als hätte ich eine andere Wahl gehabt."

„Die hat man immer", entgegnete Severus leise und sah zu Boden. Er wusste, dass auch er im Grunde noch immer die Wahl gehabt hatte, in allem was er getan hatte. Nur ironischerweise war das nun insgesamt das kleinere Übel, denn seine Alternative wäre nur der sichere Tod gewesen. Andererseits - was war sein Leben nun ohne Amanda und Christopher noch wert? Nichts.

„Wir fangen jetzt besser nicht wieder an über deine Wahl zu diskutieren. Ich brauch einfach nur noch Zeit." Snape atmete hörbar aus, dann ergriff er wieder das Wort, wenn auch ungern. „Dann gehe ich jetzt wohl besser wieder." Er wusste schließlich, wann er verloren hatte. „Mehr kann ich wohl gerade nicht für dich tun." Betroffen sah Amanda in an, es tat ihr weh ihn so kaputt zu sehen, doch es half nichts, sie brauchte etwas Zeit.

„Dann gehe ich jetzt", wiederholte Severus nur noch einmal wie in Trance und wandte sich dann um. Dabei wich er ihren Blicken aus, denn er konnte es nicht ertragen, sie noch einmal anzusehen. Alles in ihm wehrte sich und wollte nicht gehen, doch es war sinnlos noch länger zu bleiben. Er wollte sich nicht länger damit quälen, sie und Christopher in seiner Nähe zu haben, wenn er sie doch verloren hatte. Es war auch so schon alles schlimm genug. „Ich melde mich", sagte Amanda leise und sah ihm nach. Das war heute ein wirklich finsterer Tag.

Auch wenn er ihre Worte noch hörte, so glaube Snape gerade nicht mehr an ihren Inhalt und verließ wie in Trance das Gelände.
Er wusste nicht wie er es geschafft hatte unversehrt zu apparieren, aber kurze Zeit später fand er sich in seinem dunklen Wohnzimmer in Spinners End wieder. Wie war er noch einmal hierhergekommen? Er hatte keine Ahnung und es war ihm auch egal - wie überhaupt alles in diesem Moment. Innerlich zerrissen und völlig aufgelöst ließ er sich in einen der Sessel sinken und starrte teilnahmslos in die Dunkelheit. Sein Kopf schwirrte und war doch seltsam leer. Wieso musste es nur soweit kommen? Ob sie sich tatsächlich noch einmal bei ihm melden würde? Er hatte gerade alle Hoffnung verloren und der Gedanke das allerliebste in seinem Leben verloren zu haben, trieb ihm erneut die Tränen in die Augen. Diesmal machte er sich jedoch nicht mehr die Mühe sie zurückzuhalten. Er konnte es auch gar nicht mehr. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit fing er wieder einmal hemmungslos und verzweifelt an zu weinen. (A/N: Und ich weine mit. *Taschentuch such*)