Kapitel 5
An den Abenden tauchte Vader immer öfter bei Veers auf. Manchmal blieb er nur kurz, aber immer öfter ließ er sich zum Bleiben überreden. Die Gespräche veränderten sich von Belanglosem zu einem Erzählen von Veers' Lebensgeschichte, gemischt mit Informationen über die Daten, die er gesammelt hatte, und wie und wo er sie bekam. Der schwarze Lord war interessiert, teilweise regelrecht neugierig, und völlig entspannt. Er gab nur wenig über sich selbst preis, aber Veers erfuhr doch das eine oder andere – größtenteils in beiläufigen Nebensätzen, und mehr, je größer das Vertrauen zwischen ihnen wurde.
Als Vader erfuhr, daß Veers in seiner Freizeit ab und zu an Droiden oder Prototypen herumbastelte, hatten sie eine neue Gemeinsamkeit, ungefährlich und begeisternd für beide, und das half ihnen, ihre Beziehung noch weiter zu vertiefen, ohne in kritische Gewässer zu geraten. Teilweise schraubten sie sogar gemeinsam an etwas herum, arbeiteten nebeneinander und Hand in Hand – und erwiesen sich als perfektes Team, das einander Teile und Werkzeuge zureichte, bevor der andere danach fragen konnte. Beide genossen diese Stunden sehr – ohne dies zu erwähnen, sie teilten ihre Freundschaft stumm. Und Worte waren auch gar nicht nötig.
An einigen Abenden stieß sogar Piett dazu. Vader überraschte beide, als er den verblüfft in der Tür stehenden Captain am sich Zurückziehen hinderte und Veers einlud, ihn hereinzubitten. Piett war weniger entspannt als Max, aber dennoch entwickelten sich ein angenehmes Gespräch und ein entspannter Abend für alle drei.
Und es blieb unter ihnen – Vader schaffte es dank seiner Kräfte irgendwie, ungesehen in Veers' Quartier zu gelangen, und beide Offiziere hielten absolut dicht.
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Ihre Freundschaft vertiefte sich unmerklich und wuchs, wurde stabiler und wichtiger für beide. Dennoch war Veers überrascht, als ihm eine Ordonnanz den Befehl Vaders überbrachte, ihn in seinem Quartier aufzusuchen.
Vaders Räumlichkeiten teilten sich in zwei Bereiche auf. Der eine davon war mehr oder weniger öffentlich – er enthielt eine Meditationskammer, die ihm ohne großen Umstand erlaubte, für kurze Zeit den Helm abzunehmen. Der andere war sein absolutes Sanktuarium, dort schlief und aß er und wurde von seinem persönlichen 21B-Droiden versorgt. Ersteres hatte Veers schon oft gesehen, letzteres noch nie – ebensowenig wie jeder andere an Bord dieses Schiffes, die Ärztin ausgenommen.
Er betätigte den Summer und salutierte, als die Tür sich öffnete. In der Öffentlichkeit hatten sie jede Förmlichkeit beibehalten, ihre Freundschaft beschränkte sich auf den mentalen Kontakt und ihre abendlichen Treffen. „Melde mich wie befohlen, Mylord."
Und Vader überraschte ihn wiederum, als er nur sagte: „Komm rein." und in den privaten Bereich vorausging – besser gesagt, in eine kleine Schleuse vor den eigentlichen Räumen.
Veers folgte ihm überrascht, ein wenig nervös und auch neugierig, und sah sich aufmerksam um, als die Tür hinter ihnen ins Schloß glitt und mit einem satten Schmatzen hermetisch abriegelte. Dann zischte es leise, als der Druck und die Sauerstoffmischung sich änderten und anpaßten und dann die innere Tür freigaben, die aufglitt.
Wieder ging Vader voraus, blieb jedoch noch einen Moment, wie er war, ließ Veers Zeit, sich umzusehen.
Max hatte sich schon oft vorgestellt, wie dieser Bereich wohl aussehen würde, und war immer bei einem recht antiseptischen Bild gelandet – die luxuriöse Variante eines Krankenreviers. Was er zu sehen bekam, unterschied sich davon so gewaltig, wie es nur möglich war.
Das Bett war groß und schien absolut normal – mit dem kleinen Unterschied, daß es, wie der ganze Raum, mit Sensoren vollgepackt war, die den Medidroiden in seiner „Garage" aktivieren würden, sobald auch nur eine Kleinigkeit nicht stimmte. Der Rest war auf eine Art gestaltet, die das Bedürfnis des Bewohners nach Normalität verdeutlichte: ein Schreibtisch mit Medienterminal, ein Bücherregal, ein Arbeitstisch, auf dem eine angefangene Bastelei ausgebreitet und akribisch sortiert bereitlag, ein bequemer Sessel und ebenso geschmackvolle wie teure Kunstwerke an den Wänden.
Als Veers sich Vader zuwandte, der geduldig wartete, war er ein wenig unsicher – und gleichzeitig so aufgeregt wie bei seinem ersten Rendezvous. Und auch Vader schien ein wenig nervös.
Max… ich denke, es ist Zeit, daß du… mich siehst. Die Stimme war unsicher, klang zögernd.
Nur, wenn du wirklich bereit dazu bist. antwortete Veers sofort.
Das bin ich… aber es ist trotzdem nicht leicht. Ich zeige mich sonst niemandem. Mustafar hat seine Spuren hinterlassen – und sie werden mich immer begleiten.
Dava… sagte Veers sanft. Es ist mir egal, wie du aussiehst. Ich liebe dich. Und ich kann sehr gut weiter mit der Maske leben – du mußt es mir nicht zeigen, wenn du dich nicht dabei wohlfühlst.
Doch – ich möchte es. Vader richtete sich bewußt noch mehr auf, sammelte Kraft und Mut, um den gefaßten Entschluß durchzuführen.
Dann – gern. Ich freue mich sehr darüber. Veers lächelte aufmunternd, dann grinste er leicht. Und ich kann nicht behaupten, ich sei nicht neugierig. Vielleicht waren es auch der höhere Druck und Sauerstoffgehalt hier drin, die ihn übermütig machten.
Der schwarze Lord kam noch näher auf ihn zu und tat einmal mehr etwas überaus Ungewöhnliches – und Neues. Zögernd hob er die Hände, legte sie auf Veers's Schultern, ließ sie dort einen Moment ruhen. Eine Hand hob sich leicht, strich sanft und scheu über seine Wange, dann senkte sie sich wieder auf die Schulter. Den General überrieselte ein wohliger Schauer. Er war groß für einen Menschen, über einsneunzig, und so nicht sehr viel kleiner als Vader, dennoch wirkte er neben diesem beinahe schmächtig.
„Willst du sie abnehmen?" Die Stimme, laut und vocodermoduliert, war in ihrer laut gesprochenen Form ungewohnt sanft, dann bekam sie einen neckenden Ton. Veers hätte nie gedacht, daß er das einmal hören würde. „Ich bin sicher, du weißt, wie."
Max grinste kurz. „Das war im Preis des Anzugs inbegriffen, ja." Er hob langsam eine Hand zum Kontrollpanel auf Vaders Brust, betätigte dort zwei Tasten gleichzeitig auf eine bestimmte Weise. Es zischte kurz, als Luft in das Vakuum des Helmes drang, dann griff Veers hinauf und hob langsam und vorsichtig den eigentlichen Helm herunter, stellte ihn sorgfältig beiseite, bevor er die obere Hälfte der Maske löste, abnahm und ebenso vorsichtig auf die Seite legte.
Als erstes nahmen ihn die Augen gefangen. Er wußte, daß sie blau waren – aber nichts hatte ihn auf DIESES Blau vorbereitet! Eine so leuchtende Farbe hatte er nie zuvor gesehen – es war wie der Blick in den Himmel über Naboo an einem Frühlingstag, klar und tief… Und unsicher. Himmel! LORD VADER – unsicher?
Veers lächelte ihn an, versuchte, ihm wortlos zu sagen, daß alles in Ordnung war, daß… dann fiel sein Blick auf die Narben, die ihn zeichneten, und er wußte, warum der schwarze Lord unsicher war. Es tat weh. Allein, ihn anzusehen, sich vorzustellen, was er durchgemacht haben mußte.
Er war sehr blaß. Kein Wunder… und durch diese Blässe traten die schrecklichen Male noch stärker hervor. Eine davon zog sich quer über die linke Wange, hatte nur knapp das Auge verfehlt. Zwei andere verliefen über den kahlen Kopf. Wie von selbst hob sich seine Hand, strich zärtlich darüber. Synthehaut… deshalb wohl auch kahl. Scheinbar hatte man damals die Verbrennungen derart versiegelt.
Vader schloß die Augen, als Veers' Hand ihn berührte, und hielt sie geschlossen, als sie über seinen Hinterkopf tiefer glitt, sich mit ihrem Gegenstück vereinte und die Halsbeuge öffnete. Auch diese gesellte sich zu den anderen Maskenteilen, bevor Veers erneut Vaders Gesicht erkundete, sanft und kühl darüber strich und sich vorbeugte. Leicht und behutsam legten seine Lippen sich auf die des schwarzen Lords – der den Kuß nach einem Moment vorsichtig und scheu erwiderte, und Veers zog sich bald zurück. Auch für ihn war es neu, einen Mann zu küssen, zu lieben – ja, zu begehren. Beide brauchten Zeit.
Vader öffnete die Augen wieder, ein leichtes Lächeln darin. „Ich werde mich umziehen… zwar ist dieser Anzug mittlerweile sehr vertraut und wie eine zweite Haut für mich, aber dennoch ist es schön, ihn am Abend loszuwerden." Seine Stimme, unverändert vom Vocoder, war eine seltsame Mischung aus der gewohnten und der mentalen Stimme, tief, ein wenig rauh, aber nicht unangenehm.
Er wandte sich ab und ging zu einem Schrank hinüber, öffnete ihn und holte ein bequemes Hemd und eine Hose hervor. Mit beidem verschwand er in seinem Badezimmer. „Ich hoffe, ich habe dich nicht zu sehr erschreckt?" rief er durch die Tür. Sie war offen, doch Veers konnte von seinem Standort aus nichts sehen – und er respektierte den unausgesprochenen Wunsch und blieb, wo er war.
„Aber nein." beruhigte er. „Ich finde, es sieht gar nicht so schrecklich aus. Und… du hast wunderschöne Augen." fügte er leiser hinzu.
Danke. Kam die Antwort lächelnden Tonfalls in seinem Kopf. Wenn du willst, daß ich etwas nicht höre, solltest du nicht so laut denken.
Veers grinste. „Soll ich es dir nochmals ins Gesicht sagen? Komplimente sind dazu da, sie zu machen. Aber das über deine Augen hast du bestimmt schon oft genug gehört."
„In letzter Zeit eher selten." erwiderte Vader trocken und kam wieder aus dem Bad. Der Anzug hing nun auf einem Bügel und wurde zum Lüften an den Schrank gehängt – was auf eine sonderbare Art beinahe erschreckend normal und banal war… „Möchtest du mit mir essen?"
„Gern." Veers lächelte und musterte seinen Freund neugierig. Vaders Körper war muskulös und durchtrainiert – aber seinen Dokumenten nach waren beide Beine unterhalb der Knie sowie die Arme ab den Ellbogen künstlich. Er hatte Handschuhe anbehalten, trug jetzt jedoch andere, weniger martialische, und die Hosen endeten über knöchelhohen Stiefeln.
Vader folgte dem Blick und lächelte ein wenig bitter. „Eins nach dem anderen, Max. Der Rest von mir ist nicht so leicht zu ertragen wie mein Kopf."
„Meine Unterlagen sind recht komplex… ich habe es gelesen." erwiderte Veers ruhig. „Wie gesagt: es ist mir egal. Aber ich glaube, ich an deiner Stelle hätte Obi-Wan Kenobi keinen so schnellen Tod gegönnt…"
Vaders Blick verfinsterte sich. „Verzeih…" Veers trat auf ihn zu, erschrocken. „Ich wollte nicht an alte Wunden rühren. – Ich gehe wohl besser."
„Nein, bleib ruhig. Ich bin längst darüber hinweg… auch wenn ich es immer noch nicht verstehe." Vader sah ihn an, versuchte ein Lächeln. Dann nahm er seinen Mut zusammen, trat näher und zog Veers an sich, umarmte ihn. „Er war mein Meister. Und ich dachte, er wäre mein Freund gewesen, mein Bruder… Dann brach das alles zusammen. Der Orden gegen mich. Padmé, die sich mit Verrätern traf – und ich dachte, sie hätte etwas mit ihm gehabt. Sie log mich an, leugnete, daß er dagewesen war – und das, obwohl ich seine Anwesenheit so deutlich spüren konnte, als sei er noch im Raum!" Sein Griff wurde stärker, verzweifelter, als der alte Schmerz ihn überrollte. Veers hielt ihn sanft umfangen, küßte seinen Nacken, streichelte den kahlen Kopf. „Und der Kaiser berichtete mir noch mehr. Sie hatten mich alle verraten…"
„Sie hatten Angst vor dir… und das haben sie noch, jene, die noch leben. Die Führer der Allianz. Du bist der Sohn der Sonnen, der Auserwählte… derjenige mit den meisten Midichlorianen seit Anbeginn. Du sprengst jede Skala. Vielleicht hat er es deshalb getan… er nahm dir lebendes Fleisch." Veers erstarrte. „Oh, ihr Mächte…!"
Vader wurde ebenfalls steif, unruhig. „Was ist?"
Veers löste sich, schob Vader ein wenig von sich, hielt ihn aber an den Armen fest. „Dava… in meinen Unterlagen steht, daß der Kaiser den Anzug und die Prothesen bereits parat hatte, als er dich fand und zurückbrachte – daß du SOFORT behandelt wurdest und ihn angelegt bekamst, noch warm vom Feuer! Stimmt das?"
Vader blinzelte ein wenig verwirrt und nickte. „Ja. Es schmerzte höllisch, und die ersten Tage waren eine Orgie aus Schmerz und Wundwasser. Ich mußte beinahe stündlich zu den Medidroiden…"
„Dava…" fragte Veers behutsam. „Diese Prothesen waren ganz speziell gefertigt. Der Anzug war ebenfalls eine Maßanfertigung. Woher WUSSTE er, was du brauchen würdest?"
Vaders Augen weiteten sich für einen Moment, dann runzelte er die Stirn.
„Dava, das würde bedeuten, er hat es geplant… vielleicht hat er sogar Obi-Wan irgendwie manipuliert, ihn gesteuert in diesen letzten Sekunden des Kampfes! Dann wäre er unschuldig gewesen – oder doch zum Teil. Und der Kaiser…" Er schluckte. Was er hier von sich gab, war Hochverrat! Und doch – sein Bedürfnis, diese Erkenntnis mit seinem Freund und Geliebten zu teilen, war stärker. „Der Kaiser hat mehr Grund als jeder andere, deine Macht zu fürchten. Voll entwickelt, auf dem Höhepunkt seiner Evolution wäre der Auserwählte unendlich viel machtvoller als er. Aber wenn du so viel Fleisch, so viel Leben verloren hättest, wäre die Gefahr geringer… die Anzahl der Midichloriane noch genauso hoch, aber der Wirtskörper kleiner, ihre Ausbreitung und damit Macht eingeschränkt und beschnitten. Und er bliebe vermutlich mächtiger…"
Vader schüttelte energisch den Kopf. „Nein. Der Kanzler war immer für mich da, er hat mich von Mustafar geholt, hat mein Leben gerettet. Er war der einzige, der immer ein offenes Ohr für mich hatte, der einzige, der meine Sorgen und Ängste ernst nahm. Der einzige, der ehrlich zu mir war. Das ist Unsinn, Max."
Veers sah ihn an und bemerkte die kleinen Zeichen der Selbstkontrolle und die keimende Saat des Zweifels in seinen Augen. Aber er ahnte, daß mehr als eine Welt zusammenbrechen würde, wenn er nun darauf bestand.
„Du hast Recht. Meine Phantasie geht wohl mit mir durch." Er lächelte, was Vader dankbar erwiderte. „Hattest du nicht ein Essen erwähnt?"
