Kapitel 18
Die Verhörzelle war ein nicht allzu großer Raum, der im Halbdämmer lag. Vader in seiner schwarzen Rüstung war nur ein Schemen, Solo hingegen, der auf einer aufrecht stehenden Folterbank festgeschnallt war, wurde von Scheinwerfern beleuchtet.
Der dunkle Lord betrachtete den Schmuggler nachdenklich. Er war ihm gleichgültig – aber er schien auf irgendeine Weise mit Luke verbunden zu sein. So sehr, daß sein Sohn sein Leben und seine Freiheit aufs Spiel setzte, um zu versuchen, ihn und Leia zu befreien. Wenn er Luke für sich gewinnen wollte, durfte er Solo nicht töten – aber er konnte ihm einen gehörigen Schrecken einjagen… und vielleicht auch etwas mehr. Calrissian hatte ihm die Station gezeigt, und sie verfügte über eine Kohlenstoffgefrieranlage. Warum nicht zwei Fleek-Aale mit einem Spieß fangen? Solo würde leiden, Luke würde es spüren – und ihn in seine Arme treiben. Keine nette Methode, nein. Aber wie sonst einen Rebellen einfangen? Allein? Ihn ohne Maske zu locken, sich ihm über die Macht als sein Vater vorzustellen, war ihm zuwider. Wie hätte er erklären sollen, wo er all die Jahre gewesen war? Nein… lieber andersherum. Erst der Schock – und dann, vorsichtig, sein Vertrauen gewinnen. Auf Bast Castle hatten sie – hoffentlich – Zeit dafür. Und um Solos Rettung würde er sich dann später kümmern – mit Fett war bereits alles abgesprochen. Er würde zweimal kassieren: einmal bei Solos Übergabe an Jabba und einmal bei der erneuten Übergabe an wahlweise ihn oder die Prinzessin.
Mit einer beiläufigen Handbewegung aktivierte er die Anlage. Solos Pritsche wurde langsam nach vorn gekippt, auf zwei Elektroden zu, die ihre Blitze in das Gesicht des Schmugglers abfeuerten. Schmerzhaft, aber weitgehend harmlos.
Der Mann begann zu stöhnen, dann zu schreien, und wand sich in den Haltegurten. Vader sah einen Moment lang emotionslos zu, dann überließ er den Gefangenen den anwesenden Sturmtrupplern, die ihre Anweisungen hatten. Schmerz war relativ für ihn… seit Mustafar wußte er, was ein Mensch ertragen konnte. Das hier war harmlos… im Vergleich.
Vor der Tür standen Boba Fett und Lando Calrissian. Sie hatten gestritten, das konnte er aus der Miene des Barons ablesen, und zu dessen Wut gesellte sich Besorgnis, als Solos Schreie auch durch die sich nun schließende Tür drangen.
„Lord Vader." begann er, was dieser mit ein wenig Erstaunen zur Kenntnis nahm. In dieser Anrede schwang kein Haß mit, wie er es erwartet hätte, sondern beinahe Respekt. Dennoch ignorierte er ihn und wandte sich an den Kopfgeldjäger.
„Ihr könnt Han Solo zu Jabba dem Hutten bringen, sowie ich Skywalker habe."
„Tot nützt er mir nichts." brummte Fett verärgert.
„Er wird keinen Dauerschaden davontragen." versetzte Vader kalt, doch innerlich grinste er. Ein kleines Schauspiel für Calrissian… mit Fett war alles abgesprochen.
„Lord Vader, was geschieht mit Leia und dem Wookiee?" platzte Calrissian, der sich nicht länger beherrschen konnte, heraus.
„Sie dürfen diese Stadt niemals wieder verlassen." sagte Vader ruhig. Tatsächlich plante er aber nicht, seine Beute wieder laufenzulassen.
„Das war nie Bestandteil unserer Abmachung, auch nicht, daß Han dem Kopfgeldjäger übergeben wird!" beschwerte sich der Dunkelhäutige erregt.
Vader sah ihn einen Moment lang schweigend an. „Sie sind vielleicht der Meinung, daß Sie unfair behandelt werden?" fragte er dann sanft. Gleichzeitig jedoch fühlte Calrissian eine unsichtbare Hand um seinen Hals, die ebenso sanft zudrückte.
„Nein." sagte er langsam und hob die Hand zum Hals. Er verstand genau… vielleicht war er doch nicht so dumm?
„Gut. Es wäre bedauerlich, wenn ich Besatzungstruppen zurücklassen müßte." Vader ließ sein Lächeln hören und amüsierte sich über das Verstehen, der sich nun langsam in den Augen des Mannes widerspiegelte. Er wandte sich um und betrat einen Aufzug, gefolgt von Fett.
Lando verschwand in die andere Richtung und murmelte mit zunehmender Verzweiflung: „So hab ich mir dieses Geschäft wahrhaftig nicht vorgestellt…"
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Die Kohlenstoffgefrieranlage hatte etwas von der Hölle… zumindest von einer Hölle, wie sie sich die meisten Menschen wohl vorstellten. Rauch stieg an mehreren Stellen aus dem Boden auf, und die Beleuchtung bestand aus gelben und orangefarbenen Leuchtkörpern, die ebenfalls im Boden eingelassen waren. Sichtfenster im Hintergrund ließen nur blaues Licht der Bespin'schen Nacht herein und schufen eine diffuse Dämmerung, die Vader – von unten angestrahlt – wie einen archaischen Dämon erscheinen ließ.
Er stand mit Calrissian auf einer hydraulischen Plattform, in deren Mitte die Öffnung der Gefrieranlage war – dort, wo das Gefriergut eingeschleust wurde.
Der dunkle Lord sah sich nochmals um und nickte zufrieden. „Die Anlage ist zwar nicht die modernste, aber sie dürfte ausreichen, um Luke Skywalker für seine Reise zum Imperator einzufrieren."
Sein Ruf war der eines Monsters… warum nicht es ausnutzen? Er hatte nicht vor, Luke hier hereinzustecken – er hatte andere Methoden, den Jungen ruhigzustellen. Aber es schadete nicht, ein wenig Schrecken zu verbreiten. Und eine falsche Fährte zu legen… zum Kaiser.
Ein Soldat erschien und machte Meldung. „Lord Vader, Schiff im Anflug, X-Flügel-Klasse."
„Gut. Überwachen Sie Skywalkers Flug und geben Sie ihm Landeerlaubnis." Er hatte Luke längst gespürt, aber es war gut zu wissen, daß seine Leute auf Posten waren.
Calrissian bewegte sich unruhig neben ihm. „Lord Vader, wir benutzen diese Anlage nur zum Einfrieren von Kohlenstoff. Es könnte ihn umbringen, wenn Sie ihn dort reinwerfen."
Zeit für eine weitere Zeile Schmierenkomödie. „Ich möchte unseren wichtigsten Fang für den Imperator unversehrt wissen. Wir werden die Anlage testen… an Captain Solo."
Calrissian riß entsetzt die Augen auf, und Vader lächelte. Brutal genug, ja? Wirklich interessant, was die Leute für eine Meinung von ihm hatten: seelenloses Monster, brutaler Schlächter, gewissenloser Mörder. Er hatte die Anlage geprüft und wußte, daß es funktionieren würde. Für Solo bestand nur eine minimale Gefahr. Und genaugenommen war er im Karbonit vor Jabba wesentlich sicherer als bei einer normalen Übergabe.
Und dennoch… auch ihm wäre es lieber gewesen, Luke auf harmloserem Weg zu begegnen. Aber solang der Krieg herrschte, war das wohl unmöglich…
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Eine kleine Weile später – während der Vader Lukes Eintreffen deutlich gespürt hatte – erreichten die Gefangenen die Gefrieranlage, eskortiert von Boba Fett und einigen Sturmtruppen. Solo waren die Hände gebunden, der Wookiee trug die Einzelteile C-3POs auf dem Rücken – teilweise zusammengesetzt, wie der dunkle Lord feststellte. Kopf und Oberkörper waren bereits wieder verbunden und in Funktion – das Plappern hinter seinen Ohren dürfte den Wookiee in den Wahnsinn treiben – und auch einer der Arme war montiert. Der Rest steckte in einem stabilen Netz.
Die Prinzessin hielt sich dicht bei dem Schmuggler und schien irgendwie kleiner als sonst. Trotz ihrer geringen Körpergröße hatte sie eine Ausstrahlung, die sie größer erscheinen ließ… normalerweise. Heute jedoch schien sie so klein und verletzlich wie ein Kind.
Der ununterbrochene Wortschwall des Protokolldroiden drang bis zu Vader herüber, der jetzt Gesellschaft durch Boba Fett erhielt. Er lächelte – seine Mutter hatte wirklich Recht gehabt…
„Oh je, was jetzt? Das sieht mir aber alles gar nicht gut aus. Wenn du meine Beine eingehängt hättest, befände ich mich jetzt nicht in dieser lächerlichen Position. Denk immer daran, Chewbacca, du trägst nun die Verantwortung für mich. Unternimm also nichts Törichtes."
Hör auf ihn, Wookiee, dachte Vader. Ich will Euren Tod nicht, wenn es sich vermeiden läßt. Aber ihr Brüder seid schrecklich aufbrausend… Nicht umsonst habe ich den Truppen entsprechende Befehle gegeben.
Der Schmuggler ignorierte Vader und wandte sich an Calrissian. „Na, wie geht's jetzt weiter… Kumpel?"
Interessant. Er hatte ihm noch nichts gesagt?
„Du wirst in die Kohlenstoffgefrieranlage gesteckt."
Fett nahm das als Stichwort für die nächste Szene ihres kleinen Dramas. „Was ist, wenn er's nicht überlebt? Er ist für mich von sehr großem Wert."
„Das Imperium wird Euch entschädigen, falls er stirbt." entgegnete Vader scheinbar gleichgültig und gab den Soldaten einen Wink. „Rein mit ihm!"
Der Wookiee heulte auf und griff – wie erwartet – die Soldaten rings um ihn und Han an. Die waren jedoch darauf vorbereitet und wehrten sich waffenlos, während C-3PO zu kreischen begann.
„Oh nein, nicht! Oh nein, nein! Halt, nicht doch! Chewbacca!"
Fett riß reflexartig seine Waffe hoch, doch Vader drückte sie ebenso schnell wie bestimmt wieder herunter. Tote waren in dieser Szene nicht vorgesehen… Solo sollte überleben, also mußte der Wookiee es auch.
Überraschend erhielten sie Hilfe von Solo, der sich gegen seinen Freund stemmte. „Hör auf! Was soll das, bist du verrückt? Hör auf!"
„Ja, hör auf, bitte!" kreischte 3PO weiter. „Ich will noch nicht sterben!"
Solo riß sich nun endgültig von seinen Bewachern los, die von Vader ein Signal bekamen, ihn gewähren zu lassen, und brachte den Wookiee zur Ruhe. „He! He, hör mir mal zu! Chewie, damit hilfst du mir auch nicht! He! Heb dir deine Kräfte für was Besseres auf!" Die beiden Freunde sahen sich an, Solos Blick war überraschend fest und gefaßt. Vaders Respekt vor ihm nahm zu. „Chewie! Die Prinzessin – du mußt dich um sie kümmern, verstanden? Hast du verstanden? He?"
Das Gebrüll des Wookiees ging in ein leiseres Heulen über. Die Sturmtruppen legten ihm schnell Handschellen an, um weiteren Aktionen vorzubeugen, und die Prinzessin trat dicht zu ihm, Schutz suchend ebenso wie Trost spendend. Sie warf Chewbacca einen Blick zu, dann jedoch wandte sie sich zu Solo – und gleichzeitig beugten sie sich vor und küßten sich, verzweifelt und endgültig… Interessant. Eine adlige Rebellenführerin und ein Schmuggler… eine Kombination, die nur eine Rebellion schaffen konnte.
Die Sturmtruppen rissen die beiden energisch auseinander, Leia hatte Tränen in den Augen.
„Ich liebe Dich."
„Ich weiß."
Vader hätte beinahe gelacht. Himmel – was war DAS denn für eine Antwort?
Der Schmuggler wurde nun auf die Plattform gestellt, die sich langsam senkte. Er hielt den Blickkontakt zu seinen Freunden so lange es ging – bis sich zischend und dampfend flüssiges Karbonit in die Grube ergoß. Calrissian, der daneben stand, war grau im Gesicht.
„Was… was ist hier eigentlich los?" wollte die goldene Nervensäge auf dem Rücken des Wookiees wissen. „Dreh dich um, Chewbacca, ich kann nichts sehen."
Die einzige Erwiderung des Wookiees darauf war ein gereiztes Knurren, während er verzagt beobachtete, wie sich ein Greifarm in die Grube senkte und den schwarzen Block heraufholte, in den Solo nun eingeschlossen war. Auf der Oberseite war deutlich der Körper des Schmugglers zu erkennen, mit erhobenen Händen, geschlossenen Augen und einem verzweifelten Ausdruck im versteinerten Gesicht.
Ugnauths näherten sich geschäftig dem Block, untersuchten ihn und kippten ihn dann um, so daß er mit einem seltsam nassen, satten Geräusch auf dem Boden aufkam. Calrissian trat heran und kniete daneben nieder, um Werte auf einer im Block eingelassenen Schalttafel zu prüfen, während Chewie sich Leia zuwendete und sie fest in den Arm nahm.
„Oh, sie haben ihn in Karbonit eingehüllt." verkündete 3PO überflüssigerweise. „Da drin muß er hervorragend aufgehoben sein – das heißt, falls er das Einfrieren überstanden hat."
Ganz genau, dachte Vader. Laut fragte er: „Nun, Calrissian, hat er es überlebt?"
„Ja, Lord Vader, er lebt." antwortete der Baron grimmig. „Er befindet sich im tiefsten Winterschlaf."
Vader nickte befriedigt und wandte sich an Fett. „Jetzt gehört er Euch, Kopfgeldjäger." Und zur Mannschaft: „Bereitet nun die Anlage für Skywalker vor."
Ein Offizier trat neben ihn, um zu verkünden, was er bereits wußte: „Skywalker ist soeben gelandet, Mylord."
„Gut. Sorgen Sie dafür, daß er den Weg hierher findet." Vader drehte sich zum Baron um. „Calrissian, bringen Sie den Wookiee und die Prinzessin zu meinem Schiff."
Leia schien nicht erstaunt, aber Lando riß überrascht und verärgert die Augen auf und trat automatisch einen Schritt vor. „Sie sagten, sie würden unter meiner Aufsicht in dieser Stadt bleiben können!"
Was für ein Narr… „Eine kleine Änderung in unserer Abmachung." schnurrte Vader. „Und beten Sie, daß ich nicht noch weitere Änderungen vornehme." Calrissians Hand fuhr instinktiv zu seiner Kehle, obwohl der schwarze Lord gar keine Anstalten gemacht hatte, ihn zu würgen. Er schluckte und drehte sich zu den Gefangenen um, während Vader sich entfernte, um seinen Platz für die nächste Szene des Spiels einzunehmen…
