Kapitel 41
Der Plan des Imperators ging zumindest dahingehend auf, daß die Nachricht überall verbreitet wurde. Allerdings hatte sie bei weitem nicht überall die gewünschte Wirkung.
General Veers sorgte bei der Brückenbesatzung der auf dem Weg nach Vjun befindlichen EXECUTOR für leise Verwunderung, als er plötzlich und ohne ersichtlichen Grund einen ganzen Stapel heftigster Flüche losließ. Veers war ansonsten ein recht ruhiger Mann, geduldig, wenn auch zuweilen temperamentvoll, und solche Ausbrüche kamen bei ihm zwar vor, waren aber höchst selten. Die Brückenmannschaft warf ihm also neugierige Blicke zu, arbeitete dann aber weiter.
Piett jedoch trat neben ihn.
„Was ist denn los?" fragte er erstaunt.
„Lies!" knurrte Veers und trat beiseite, damit sein Freund und Kollege auf dem Bildschirm die Nachricht einsehen konnte.
Kurze Zeit später füllten erneut heftigste Verwünschungen den Raum, und diesmal starrten alle offen. War Veers schon ruhig zu nennen, so war Piett ein Fels in der Brandung, den so schnell nichts erschütterte. Was also hatte diese beiden so erfahrenen Offiziere derart aus der Spur geworfen?
Einige der Männer, die entweder die entsprechenden Zugriffsrechte hatten oder clever genug waren, um auf diese Idee zu kommen, holten sich die Ansicht des betreffenden Bildschirms auf die eigene Station und begannen zu lesen. Eine gewisse Unruhe entstand auf der Brücke, die Piett nicht entging, aber noch während er nachdachte, was er tun sollte, sah einer der Offiziere auf.
„Admiral Piett, Sir – wie geht es Lord Vader?"
Sofort waren alle Augen auf Piett gerichtet, auch die derjenigen, die den Artikel noch nicht kannten.
Firmus wechselte einen Blick mit Max, der ihm zunickte.
„Na schön. Bevor jetzt alle heimlich einzeln versuchen, nachzulesen, tut es bitte alle gemeinsam. JETZT. Holonet, Nachrichten von Coruscant, zweite Schlagzeile."
Selten waren seine Leute einem Befehl so eilig nachgekommen wie diesmal, und erregtes Murmeln breitete sich langsam aus. Piett wartete ruhig, bis sie alle mit lesen fertig waren und ihn ansahen – und überrascht und erfreut stellte er fest, daß er beinahe ausschließlich in entsetzte Gesichter blickte. Der winzige Rest, der einen eher neutralen Ausdruck präsentierte, schien dem Artikel entweder nicht zu glauben oder einen Groll gegen oder Angst vor Vader zu hegen.
„Lord Vader lebt." sagte er dann. Er machte eine Pause, als freudige Rufe laut wurden, und fuhr bewegt von dieser offenen Loyalitätsbekundung fort: „Allerdings wäre er tatsächlich beinahe gestorben. Die Machtblitze des Kaisers haben das Lebenserhaltungssystems seines Anzuges beschädigt und den Beatmer deaktiviert. Er wäre beinahe erstickt. Außerdem lösten sie eine Herzattacke und daraus folgend einen Herzstillstand aus. Es gelang uns jedoch, ihn rechtzeitig zurückzuholen und zu stabilisieren. Er befindet sich derzeit auf der Krankenstation, sein Zustand ist stabil und den Umständen entsprechend gut."
„Danke, Sir." sagte der Offizier, der zuvor gefragt hatte. Einer nach dem anderen kehrte wieder zu seinen Aufgaben zurück, und Piett wandte sich Veers zu.
„Was meinst du – sollen wir ein offizielles Statement für das ganze Schiff abgeben? Oder überlassen wir das ihm, wenn er wieder bei sich ist?"
„Gute Frage. Ich denke - "
Einer der Kom-Offiziere unterbrach ihn. „Admiral Piett, die DEVASTATOR erkundigt sich nach Lord Vaders Zustand." Er schwieg einen Moment, sah auf seinen Schirm. „Und die CHIMAERA ebenfalls."
Firmus und Max wechselten einen erneuten Blick, und Max beendete seinen Satz. „Ich denke, es ist besser, wenn er das selbst tut."
Piett nickte und sah zu dem Offizier im Kom-Graben hinunter. „Beantworten Sie die Frage mit einer Kurzversion meiner Aussage von eben. Lord Vader lebt, sein Zustand ist stabil. Er wird eine Erklärung für die gesamte Schwadron abgeben, sobald er dazu in der Lage ist. Sollten die anderen Schiffe nachfragen, geben Sie dieselbe Antwort."
„Jawohl, Sir."
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An anderer Stelle im Schiff wurde Arik mit ähnlichen Fragen von seinen Kameraden gelöchert. Bei ihm jedoch waren die Bedingungen dahingehend erschwert, daß Männer der 501sten an Bord des Shuttles gewesen waren und Vaders leblosen Körper gesehen hatten – also waren hier von vornherein mehr Informationen und Gerüchte im Umlauf, die durch den Artikel ergänzt wurden.
„Jetzt sag schon, Arik! Du warst schließlich dabei und hast alles direkt mitbekommen!"
Der junge Captain hatte sich schon im Vorfeld Gedanken gemacht, wie viel er seinen Kameraden erzählen konnte – mit Fragen war zu rechnen nach dem Rückflug mit einem bewußtlosen Oberkommandierenden.
Er sah sich um. Die 501ste – Vaders Faust – hieß nicht umsonst so. Der dunkle Lord hatte ihr an Bord seines persönlichen Schiffes einige Vorrechte eingeräumt. Dazu gehörten ein komplett eigener, in sich abgeriegelter Bereich mit sämtlichen notwendigen Einrichtungen wie Sporthallen, Messe und Küche, Krankenstation und Ladenstraße. Um Arik herum, in der großzügigen Eß- und Versammlungshalle der Legion, saßen jetzt nahezu alle seiner Kameraden, die derzeit nicht im Dienst waren, und sahen ihn gespannt an.
„Gleich vorab: ich bin unserem Herrn im Wort und kann euch nicht alles sagen. Aber ich denke, das wird er selbst bald tun, sobald es ihm wieder besser geht.
Also. Lord Vader wurde sehr kurzfristig nach Coruscant beordert, wie ihr wißt. Wir kamen mit leichter Verspätung an, aber darüber ging der Kaiser mehr oder weniger hinweg. Schon im Vorfeld hatte uns seine Lordschaft informiert, daß er mit einem entsprechenden Zwischenfall rechne und wir uns dann in Anwesenheit des Kaisers auf keinen Fall würden einmischen dürfen.
Wir kamen also an und machten dem Imperator unsere Aufwartung. Anschließend wurde unser Herr von ihm aufgefordert, zusammen mit Mara Jade den Ball zu eröffnen."
„Wieso eröffnen?" wollte einer der Jüngsten unter ihnen wissen. Er war frisch von der Akademie gekommen und konnte sein Glück, in diese Legion aufgenommen worden zu sein, noch kaum fassen. „Du sagtest doch, es hätte schon angefangen gehabt?"
„'Den Ball eröffnen' nennt man den ersten Tanz, du Klappstuhl." Einer der älteren Soldaten neben ihm gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. „Das ist eine hohe Ehre – normalerweise macht das der Hausherr. Und jetzt sei ruhig und laß Arik weitererzählen!"
Cass grinste. „Ja, Lord Vader war auch verwundert, als er den Befehl bekam – und Jade war stinksauer. Aber komisch ist es trotzdem, denn damit hat Palpatine unseren Herrn erhöht – nur, um ihn dann später umso unsanfter von diesem Podest herunterzustoßen. Aber zunächst passierte nichts – der Ball war recht langweilig."
„Langweilig?" echote ein anderer. „Mann, ich würd sonstwas drum geben, mal dabeisein zu können! Die ganze High Society…"
„Moffs und Gouverneure und ihre zu alten, zu fetten oder zu häßlichen Frauen. Na gut, ein paar interessante Leute waren dabei, wie Kuat von Kuat oder Raith Sienar, aber sonst…" Arik zuckte die Schultern. „Dann kam der Abschluß. Der Kaiser verließ den Saal." Er machte eine dramatische Pause. „Das ist ein ziemlich irres Bild, sag ich euch. All die vielen Gäste knien nieder und bilden ein langes Spalier längs durch dieses riesige Ding von Halle, durch das der Kaiser dann zum Ausgang geht. Langsam. Lord Vader ahnte, daß noch etwas passieren würde – und er behielt Recht. Er war beinahe am Ende der Schlange, im letzten Drittel, der Admiral bei ihm, General Veers und ich im ersten Drittel – an uns war er schon vorbei. Der Kaiser blieb vor seiner Lordschaft stehen, zwang ihn auf beide Knie nieder und warf ihm an den Kopf, was ihr im Holonet gelesen habt: daß er ungehorsam gewesen sei, seinen Sohn nicht zu ihm gebracht und ihm nicht gesagt hätte, daß er ihn überhaupt schon habe. Und noch ein paar Nettigkeiten mehr. Und dann ging das Gewitter los… die erste Ladung hat Lord Vader noch hingenommen, ohne zu schwanken. Dann die zweite Ladung, stärker - die hat ihn schon etwas gebeutelt. Und der Kaiser legte noch eine Schippe drauf: die dritte war so heftig, daß er sichtlich wankte – ihr habt es gesehen. Aber die ganze Zeit kam kein Laut über seine Lippen!" verkündete er stolz. „Aber irgendwie müssen die Blitze einen Kurzschluß in seinem Anzug ausgelöst haben – und das wiederum hat zu der Ohnmacht geführt. Sonst hätte er vermutlich noch eine vierte Ladung abbekommen… Er kippt also weg, der Kaiser starrt ihn an, grinst und geht."
„Bastard!" zischte es aus einer Ecke, doch niemand brachte den Ketzer zum Schweigen. Im Gegenteil murmelten viele zustimmend, der Rest hatte einen wütenden bis mörderischen Ausdruck im Gesicht. Arik nutzte diese willkommene Gelegenheit, um die Stimmungen zu sondieren. Wut und Zorn, aber auch Symphatie für Vader bildeten eine durchgehende Einheit, nicht ein einziges Störfeld war im Raum. Also war der Verräter nicht hier zu suchen. Sehr gut!
„Lord Vader liegt also bewußtlos am Boden. Veers und ich beeilen uns, zu ihm und Piett zu kommen, und stellen fest, daß er nicht mehr atmet. Der Beatmer hatte versagt."
„Oh Scheiße…" Wieder war kein Sprecher auszumachen, aber den Gedanken hatten viele – also spielte es keine Rolle.
„Veers rennt voraus, irgendeinen Raum freimachen, und Piett und ich hieven ihn hoch und schleppen ihn dorthin, während der General die Jungs benachrichtigt. Kaum haben wir ihn dort auf einem Sessel und versuchen, den Anzug wieder zum Laufen zu bringen, merken wir, daß sein Herz nicht mehr schlägt."
Diesmal sagte keiner etwas, aber alle starrten entsetzt und blaß.
„Sein Anzug verfügt über einen eingebauten Defibrillator. Veers weiß den Mächten sei Dank, wie man ihn bedient, und lädt ihn auf."
„Defi-wa – mpf!" Eine Hand erstickte die Frage nach der Art des Gerätes im Ansatz.
„Er wird geschockt. Nichts tut sich. Veers lädt noch mal, schockt ihn wieder. Und diesmal reagiert er. Sein Herz schlägt, er holt Luft – und wir in dem Moment auch, das könnt ihr mir glauben!"
Und eben das taten auch seine Zuhörer. Nicht wenige von ihnen hatten vor Spannung den Atem angehalten, ohne es zu bemerken. Erleichterung machte sich breit.
„Dann kommen unsere Jungs mit der Trage, wir packen ihn drauf und rennen. Auf dem Flug hab ich Corva verständigt, die dann im Hangar wartete und ihn sofort auf die Intensivstation brachte. Sie untersuchte ihn, Veers und ich halfen ihr dabei – wir alle befürchteten, daß er vielleicht operiert werden müßte… aber er war schon wieder stabil und auf dem Weg der Besserung. Der Mann ist unglaublich."
„Und wie geht es ihm jetzt?"
„Corva hat ihn trotz allem erstmal schlafen geschickt. Er braucht Erholung. Aber bis in ein paar Stunden wird er wieder auf den Beinen sein, denke ich. Er hatte Glück, daß Veers dabei war…"
Einen Moment herrschte Schweigen, dann stand einer der Männer auf, stieg auf einen Tisch und hob sein Glas. „Auf Lord Vader."
Umgehend folgten die anderen, einer nach dem Anderen. „Auf Lord Vader!"
Und Arik, mitten unter ihnen, barst vor Stolz und grinste von Ohr zu Ohr.
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Mon Mothma konnte ihr Glück kaum fassen.
Vaders Sohn!
Sie machte sich Gedanken, wie sie ihn in die Hände ihrer Leute schaffen konnte, heimlich - und jetzt kam er von selbst und schlug vor, auf eine Außenmission geschickt zu werden! Alles, was sie jetzt noch tun mußte, war, es so geschickt einzufädeln, daß hinterher keiner auf die Idee kam, es sei von ihr ausgegangen.
So gab sie sich zögernd in der Diskussion, zweifelnd, stellte sich zunächst auf Rieekans und Leias Seite, die Luke hierbehalten wollten und einwarfen, man würde sich viel schneller an den Gedanken gewöhnen, ihn wieder unter sich zu haben, wenn er bliebe. Und die Gefahr, daß das Imperium angriffe – falls Verrat geübt worden sei – wäre doch wohl viel geringer, wenn er anwesend war. Ackbar und Dodonna jedoch hatten sich dafür ausgesprochen, ihn wegzuschicken, und Madine stimmte ihnen scheinbar zögernd zu. Er war es auch, der den Vorschlag machte, Luke zu einer Gruppe Menschen auf dem Planeten Desevro zu schicken, die sich der Allianz anschließen wollten, um mit ihnen die ersten Verhandlungen zu führen. Er war nicht weit von ihrem eigenen Stützpunkt entfernt, da er ebenfalls in der Tion-Hegemonie lag. Mon Mothma driftete während der Diskussion langsam und unauffällig auf die Seite der Befürworter dieses Planes, und schließlich stand fest, daß man Lukes Wunsch nachgeben sollte. Ackbar erklärte sich bereit, ihn einzuweisen.
Und so fand Luke sich eine halbe Stunde später bei dem Schiff, das man ihm für diese Mission zur Verfügung gestellt hatte und bereitete es für den Flug vor. Man hatte ihm angeboten, ihm einen anderen Astromech zu leihen, was er aber abgelehnt hatte. Obwohl er noch enttäuscht von R2 war, der ihn im Stich gelassen hatte, wäre es ihm doch wie Verrat vorgekommen, jetzt einen anderen zu nehmen. Das Schiff war eine kleine, unauffällige Yacht, die zwar bewaffnet war, aber nichts Kriegerisches an sich hatte.
Leia suchte ihn im Hangar auf. Sie hatte das dumpfe Gefühl, etwas vergessen zu haben, etwas, das sehr wichtig war… aber vielleicht hatte sie es auch nur geträumt? Träume vergaß man leicht, auch wenn sie oft im Hinterkopf blieben und man den Eindruck hatte, es wirklich erlebt zu haben. Nun, vielleicht fiel es ihr wieder ein, wenn sie nicht mehr versuchte, sich so angestrengt zu erinnern.
„Du willst wirklich fliegen?"
Luke, der die Yacht einer ihm noch unbekannten Bauform überprüfte, nickte und wandte sich ihr zu. „Ja. Ich brauche etwas Zeit… ich muß mir über einiges klarwerden, Leia." Nun… genaugenommen war er sich schon vor Stunden darüber klargeworden, was er wollte. Aber dann hätte er Leia gegenüber keinen Grund mehr gehabt, zu verschwinden…
Sie verschränkte die Arme und fröstelte leicht. „Ich habe ein schlechtes Gefühl dabei, Luke. Ich wünschte, du würdest bleiben."
„Mir wird schon nichts passieren.", sagte er leichthin und lächelte. Tatsächlich hatte er vor, dieses Schiff auf dem Zielplaneten zu verkaufen, um mit einem anderen – das garantiert sauber war - nach Vjun zurückkzukehren.
„Melde dich bald, ja?" bat sie. „Ich mache mir Sorgen."
Er legte den Kopf schräg und musterte sie. „Warum?"
„Ich weiß nicht.", murmelte sie. „Irgendetwas sagt mir, daß du aufpassen mußt. Vielleicht kommt Vader dich jagen…"
„Vader ist auf Coruscant.", erinnerte er sie. „Und er weiß nicht, daß ich nicht mehr da bin."
Sie fragte sich, wo Luke mit dem dunklen Lord gewesen war, wenn er sich einfach so und unbemerkt hatte aus dem Staub machen können, ließ die Frage aber ruhen. Er würde ihr keine Antwort geben, das ahnte sie. Stattdessen trat sie auf ihn zu und umarmte ihn, was er nach einem Moment überrascht erwiderte. „Paß auf dich auf, ja? Bitte… und melde dich bald!"
Er zögerte, nickte dann aber. „Versprochen."
Sie küßte ihn auf die Wange. „Bis bald." Dann verschwand sie, und er starrte ihr verblüfft hinterher.
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Als ich dies geschrieben hatte, habe ich auf Wookieepedia nach den Schiffen der Todesschwadron gesucht – und ich bin sicher, die SCHIMÄRE war dabei. Jetzt wurde ich neulich von jemandem auf die Schwadron angesprochen, bin noch mal auf die Seite gesurft – und sie hat gefehlt… egal. Irgendwie gefällt mir der Gedanke, daß Thrawns Schiff einmal ein Teil von Vaders Flotte war. Und wer weiß, vielleicht spielt das ja später noch eine Rolle… ;o)
