Kapitel 51

Vader hatte Arik im Cockpit abgelöst, als es daran ging, die Verletzten an Bord zu holen und die Toten zu bergen. Er hatte dabei noch nie geholfen, es wäre sonderbar erschienen, würde er jetzt damit anfangen. Arik hingegen wollte helfen, da es sich schließlich um seine Kameraden handelte, und Veers, als der offizielle Vorgesetzte der 501sten, ebenfalls. Luke schlief, Corva versorgte die Wunden der Verletzten, die ihr gebracht wurden, und so nutzte Leia den Moment der Ruhe, schlüpfte zu Vader hinein und nahm neben ihm Platz.

„Leia." Er sah auf. „Danke, daß Ihr Euch zurückgehalten habt."

„Dankt nicht mir, sondern meinem Wachhund!" schnaubte sie. „"Jix hat mich festgehalten! Er ging so weit, mir damit zu drohen, mich entweder festzubinden oder bewußtlos zu schlagen, wenn ich nicht bliebe!"

Ein kurzes, amüsiertes Schnauben drang unter dem Helm hervor. „Sehr gut."

„Gut?!"

„Prinzessin, das war ein Schlachtfest. Ich würde auch keinen meiner Männer in einen solchen Einsatz schicken, wenn er zuvor eine Verwundung dieses Ausmaßes erlitten hätte.", erklärte er geduldig. Als sie unwillig knurrte, fuhr er fort: „Seid froh, daß ich Euch überhaupt habe mitkommen lassen. Normalerweise hätte jeder Arzt darauf bestanden, daß Ihr im Bett bleibt."

Sie seufzte. Er hatte ja Recht.

„Nun, also… wolltet Ihr Euch über Jix beschweren, oder liegt Euch etwas anderes auf dem Herzen?" erkundigte er sich amüsiert.

Sie sah ihn an, unschlüssig, wie sie beginnen sollte. Schließlich entschied sie sich für ‚frei heraus'. „In Ordnung, Vader. Wer weiß davon?"

Er sah sie so unschuldig an, wie es ihm mit der Maske möglich war. „Wer weiß wovon, Leia?"

„Stellt Euch nicht dumm!" fauchte sie. „Ihr wißt genau, was ich meine! Ich bin aufgewacht während der Operation und habe Euch gesehen!"

Er sah sie eine Weile an, dann hob er die Hand. Noch bevor sie zurückzucken konnte, schnellte die Tür ins Cockpit mit einem Knall zu und verriegelte sich.

„Na schön.", sagte er einigermaßen beherrscht. „Was werdet Ihr mit diesem Wissen anfangen?"

„Sagt mir zuerst, wer davon weiß.", verlangte sie.

„General Veers, Admiral Piett, Corva, Captain Cass und Jix."

Sie war sich nicht sicher, ob sie erstaunt sein sollte, daß es so viele – oder so wenige waren.

„Was ist mit Luke?"

„Nein." Er schüttelte den Kopf.

Sie runzelte die Stirn. „Er ist Euer Sohn! Warum ausgerechnet er nicht?"

„Gerade deshalb.", sagte Vader ruhig. „Der Kaiser will ihn haben und für seine Zwecke nutzen. Luke ist noch nicht erfahren genug, seinen Geist vor ihm verschlossen zu halten. Was er nicht weiß, kann er nicht unwillentlich weitergeben."

„Ihr stellt Euch gegen den Kaiser?" fragte sie erstaunt.

„Ich werde nicht zulassen, daß er meinem Sohn Schaden zufügt!" versetzte Vader heftig, ohne genauer auf die Frage einzugehen.

Sie nickte langsam. Daß Vader etwas an Luke lag, hatte er inzwischen ausreichend bewiesen.

„Also? Werdet Ihr es für Euch behalten?" Vader sah sie intensiv an, der ganze Körper unter Spannung, wie ein Raubtier vor dem Sprung. Leia sah es etwas unbehaglich – die letzten Stunden hatten sie beinahe vergessen lassen, mit wem sie es hier zu tun hatte. Hier saß ein Mann, der vor kurzem entdeckt hatte, daß er einen Sohn hatte – und, mehr noch, das Gefühl Liebe wiederentdeckt hatte, das seit zwanzig Jahren tief unter Hass und Bitterkeit begraben gewesen war. Ein Mann, der mächtiger war als jedes andere Wesen der Galaxis, wenn man den Gerüchten glauben konnte… ein Mann, der ihre Gedanken las wie ein offenes Buch, der mit einem Fingerschnippen töten konnte – oder sogar, ohne die Hand auch nur zu bewegen. Und er bat sie, einen der führenden Köpfe der Allianz, einen natürlichen Feind, um Hilfe… um Verständnis und Verschwiegenheit, um seinen Sohn zu schützen. Seinen Sohn, der auch ihr Freund war, den sie liebte. Auch sie würde Luke nicht schaden – nichts lag ihr ferner.

„Ja, Vader. Das werde ich." Sie nickte ruhig.

„Ihr werdet es weder Han noch jemandem sonst in der Allianz verraten?" bohrte Vader nach. Ohne daß Leia es bemerkte, sondierte er die Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit ihrer Aussage.

„Niemandem, Vader. Ich schwöre es."

Er nickte langsam. Sie meinte, was sie sagte. „Gut."

Sie musterte ihn einigermaßen erstaunt. „Ihr glaubt mir? Vertraut mir?"

„Ja.", sagte er schlicht.

Sie machte große Augen. „Oh."

„So überrascht?" fragte er amüsiert. „Geduld, Leia… dies war sicher nicht unsere letzte Begegnung. Früher oder später werdet Ihr wissen, warum."

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Sie hatte ihn nachdenklich verlassen. Wenige Minuten später nahm Arik ihren Platz an Vaders Seite ein.

„Wir sind fertig, Meister. Alle unsere Leute sind wieder an Bord, auch die Verwundeten und Toten. Die Gefangenen befinden sich in der Brig."

„Sehr gut." Vader nickte knapp und beugte sich vor, um die Motoren zu zünden.

Nur Sekunden später stürmte Leia wieder herein, aufgebracht diesmal.

„He! Was soll das denn?"

Arik wandte sich verdutzt zu ihr um, während Vader nicht weiter reagierte, sondern über die Schubdüsen die Fregatte sanft abheben ließ. „Was soll was, Prinzessin?"

„Warum starten wir?"

Vader hielt einen Moment inne, und Arik zog unwillkürlich den Kopf ein, als eine Welle dunkler Macht zu ihm herüberschwappte. „Luke ist verwundet. Er braucht bessere medizinische Versorgung, als er hier an Bord bekommen kann – ebenso wie die anderen Verletzten."

„Habt Ihr vergessen, daß wir eine Verabredung haben?" Sie baute sich vor Vader auf, die Hände wütend in die Seiten gestemmt – ein Anblick, der beinahe zum Lachen reizte. „Wie gedenkt Ihr die jetzt einzuhalten? Oder hattet Ihr das nie vor?" fügte sie zynisch hinzu, ihre Augen blitzten wütend.

„Ich habe nicht gesagt, dass wir das System verlassen werden.", versetzte Vader knapp und noch trügerisch ruhig. „Die Vereinbarung lautete: auf Desevro. Wenn Euer Schmuggler seinen fliegenden Schrottplatz nicht schnell genug hierherbewegen kann, um uns auf der Oberfläche zu treffen, wird ihm nichts anderes übrig bleiben, als auf der EXECUTOR einzudocken."

„Aber - "

„Ende der Diskussion.", schnitt er ihr schroff das Wort ab. Sie schnaubte und rauschte hinaus.

Arik sah ihr kopfschüttelnd hinterher. „Was für ein Temperament…", murmelte er. „Die lässt sich nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen."

„Sie sieht zwar aus wie ihre Mutter", brummte Vader, „aber ich fürchte, sonst hat sie mehr von mir."

„Meister!" Arik starrte ihn entgeistert an.

„Sie ist Lukes Zwilling. Ich erfuhr es auch erst auf Tatooine."

„Japsender Jawa…! Weiß sie es?"

„Nein. Und ich werde es ihr auch noch nicht sagen.", erwiderte Vader ruhig.

„Und Luke?"

„Ihm, ja. Aber erst, wenn wir wieder unter uns sind. Corva weiß es bereits. Und Max auch."

Arik nickte nur und wandte sich wieder seiner Hälfte der Konsole zu.

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Zurück auf seinem Flaggschiff begleitete Vader seinen Sohn in die Krankenstation und gestattete Leia, mitzukommen, während Veers und Arik sich um die Verwundeten und die Gefangenen kümmerten. Sechzehn waren es inzwischen. Vader hatte Anweisung gegeben, sie getrennt voneinander zu halten, damit sie sich nicht absprechen konnten.

Corva kümmerte sich persönlich um Luke, tat aber im Grunde nicht viel mehr, als ihn in einen Bactatank zu stecken. Reines Bacta von höchster Qualität, das kaum einen Tag brauchen würde, um Luke vollständig wiederherzustellen, eher weniger. Auch die anderen Verwundeten würden in den Genuß solcher Tanks kommen – Vader wusste, dass die Menschen an Bord seiner Schiffe ein wesentlicher Posten in der Erfolgsbilanz waren, und hatte auf allen Schiffen der Todesschwadron dafür gesorgt, dass sie gut versorgt waren und sich wohlfühlten. Hervorragende medizinische Versorgung war nur ein Teil davon. Zwar gab es einen Garten dieser immensen Größe nur auf der EXECUTOR, aber auch auf den anderen Schiffen waren bereits kleinere Versionen seiner Art eingerichtet worden, in denen man sich erholen konnte.

Der dunkle Lord stand vor dem Bactatank und starrte mit gemischten Gefühlen hinein. Leia, neben ihm, hatte sich trotzig einen Stuhl herangezogen und kaute auf ihrer Unterlippe. Man würde sie hinaustragen müssen, damit sie von Lukes Seite wich.

Der junge Jedi trieb in der rötlich schimmernden, dickflüssigen Substanz und wurde über eine Atemmaske mit Sauerstoff versorgt. Abrupt schlug er die Augen auf und sah Vader an.

Luke!

Vater., antwortete der Junge beschämt. Es tut mir leid. Bist du sehr böse?

Böse? Vader überlegte einen Moment, versuchte, seine Gefühle zu analysieren. Ja, ich bin sogar verdammt böse. Aber nicht auf dich. Was dich betrifft, bin ich… enttäuscht.

Luke schlug die Augen nieder und schwieg. Vader musterte ihn eindrücklich. Da war noch etwas… etwas, das sein Sohn vor ihm zu verbergen suchte, etwas, das ihn belastete. Das er fürchtete. Er sondierte weiter, grub tiefer.

Der Kaiser?, sagte er erstaunt. Du hast mein Gespräch mit dem Kaiser gehört?

Ich wollte nicht lauschen!, sagte Luke heftig. Die Vision kam von allein und ohne Vorwarnung. Plötzlich war ich hinter deinen Augen und sah und hörte…

Vader knurrte unwillig. Ich wollte dir das ersparen.

Was hat das zu bedeuten, Vater? Willst du mich doch dem Kaiser ausliefern?

Nein, verdammt!, grollte Vader. Aber er soll das glauben! Sein Ton änderte sich, wurde traurig und resigniert. Vertraust du mir denn so wenig, Luke? Ich hatte es dir versprochen. Ich hatte es dir geschworen! Eher würde ich mich selbst töten, als zuzulassen, dass er dich bekommt, mein Sohn! Und dabei bleibt es!

Aber… Luke stockte.

Wieder sah Vader ihn eindringlich an. Da war noch etwas. Mit… Jix. Auf Vjun. Oh nein – hatte Luke gehört, dass er geheilt… Er beschleunigte seine Suche, seine mentalen Finger blätterten eilig durch Lukes Erinnerungen, dann atmete er auf. Nein. Den Mächten sei Dank. Nur das Vorgeplänkel…

Was weiß Jix über dich, was du mir nicht sagen willst, Vater? Lukes Gedankenstimme war überraschend fest, sein Blick wach und aufmerksam und Vader festhaltend.

Das hat mit ‚wollen' nichts zu tun, Sohn. Es würde schlicht uns beide gefährden, und nicht nur uns – der Frieden, die Zukunft des ganzen Reiches und der ganzen Galaxis stehen dabei auf dem Spiel.

Luke runzelte die Stirn. Wie meinst du das?

Luke, vertrau mir. Bitte. Ich will den Kaiser töten – und ich kann es, ich habe die Macht und die Möglichkeiten dazu. Aber der Kaiser ist sehr, sehr stark, verdammt verschlagen und unberechenbar dazu. Vieles in meinem Plan basiert auf dem Überraschungselement. Er ist außer mir der stärkste Telephat, den ich jemals kennenlernte, dein Geist wäre ein offenes Buch für ihn, selbst oder gerade, wenn ich dabei bin und dich abschirme. Das würde er merken und misstrauisch werden. Ich habe einen Trumpf in der Tasche, mein Sohn, den er nicht stechen kann… jedenfalls nicht, wenn er nichts davon weiß und sich nicht vorbereiten kann. Deshalb muß ich dich um dein Vertrauen bitten. Ich kann dir nicht alles sagen, dich nicht in alles einweihen, wenn wir gewinnen wollen – so leid es mir tut. Er trat näher an den Tank heran, legte eine Hand auf das dicke Stahlglas. Ich liebe dich, mein Sohn. Ich werde dich mit meinem Leben schützen, ich schwöre es. Aber bitte: vertrau mir.

Lukes telepathische und emphatische Fähigkeiten waren noch nicht sehr ausgeprägt, aber er konnte deutlich spüren, dass Vader die Wahrheit sagte – und nach all dem, was er bislang für ihn getan hatte, war er davon überzeugt. Die letzten Zweifel lösten sich auf wie Tau im Sonnenschein.

Er hob ebenfalls die Hand und legte sie von innen gegen Vaders. Blind, Vater. Blind.

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Vader wandte sich ab und sah mit Erstaunen, daß Leia weinte. Ihr Gesicht war ernst, aber ihr liefen Tränen über das Gesicht.

Warum?

Er sah, wie ihr Blick von ihm zu Luke ging, und da war ihm klar, weshalb. Das hättest du dir denken können, du Narr. Schließlich ist sie deine Tochter.

„Wie viel habt Ihr mitbekommen?" fragte er ruhig.

„Ungefähr die Hälfte, schätze ich.", sagte sie freimütig. „Es fühlt sich… komisch an."

„Ich kann Euch beibringen, wie man es steuert.", bot Vader an. In eigenem Interesse. „Kommt. Ich möchte mit den Verhören beginnen.

„Darf ich noch ein wenig bleiben und mich mit Luke unterhalten?" bat sie.

Vader zögerte, nickte dann aber. „In Ordnung. Ich schicke jemanden, der vor der Tür wartet und Euch in den Inhaftierungsblock bringt."

„Danke." Sie grinste kurz, als ihr klar wurde, wie man das auch verstehen konnte – und was es tatsächlich bedeutete. Wunder über Wunder. Schade, daß sie es niemandem erzählen konnte, nicht einmal ihrer Freundin Mon.

Vater…, hielt Luke Vader noch auf, als dieser den Raum verlassen wollte.

Ja?

Bevor du mit den Verhören beginnst – derjenige, der mich in Empfang nahm, nannte sich Tyrral Sundar. Es war der einzige Name, der in der ganzen Zeit genannt wurde. Vielleicht hilft dir das. Luke übermittelte ihm außerdem noch ein Bild des Mannes.

Vader erkannte Gesicht und Namen – aus den Erinnerungen der drei Männer, die Luke bewacht hatten. Es war der ominöse Mittelsmann, von dem sie ihre Befehle hatten. Ich fürchte, er wird nicht unter den Gefangenen sein – und nicht unter den Gefallenen. Wenn ich das richtig sehe, hat er sich kurz nach deiner Ankunft abgesetzt. Aber danke für die Information – vielleicht kann ich noch einige Puzzlestücke sammeln, die dazu passen. Leia?

Sie zuckte zusammen, als er sie so ansprach. Ja?

Kennt Ihr diesen Mann?

Sie musterte das mentale Bild. Leider nicht, nein.

Sehr schade. Nun, wir werden sehen. Früher oder später werden wir ihn in die Hände bekommen., verkündete Vader mit eisiger Überzeugung, die seine Kinder schaudern machte. Ihr habt fünfzehn Minuten. Ich brenne darauf, zu beginnen. Dann verließ er den Raum.