Kapitel 61
Vader hatte sich, enttäuscht über die Reaktion seiner Tochter, wutentbrannt auf den Weg zur Brücke gemacht. Das erste Mal seit Monaten waren diejenigen, die seinen Weg kreuzten, wieder eilig zur Seite gewichen, um ihm Platz zu machen – seine Laune hüllte ihn ein wie ein dunkler Schatten. Auch die Brückencrew bekam dies mit, als er ohne einen Seitenblick über die Kommandobrücke marschierte, an einer Konsole einige Einstellungen vornahm, dann auf dem Absatz kehrtmachte und erneut mit wehendem Mantel an ihnen vorbeirauschte, um in der Holokammer zu verschwinden.
Piett verfolgte sein Kommen und Gehen stumm und besorgt, ebenso wie seine Leute. Keiner von ihnen hätte es gewagt, ihn anzusprechen, wenn er in einer solchen Stimmung war – aber tatsächlich war es schon verdammt lange her, daß er sich so benommen hatte. Monate, um genau zu sein. Vor seiner Heilung. Was beim röhrenden Ronto war passiert? Und wo ist Max, wenn ich ihn brauche?, knurrte er in Gedanken, als er vergeblich versuchte, ihn über seinen Kommunikator zu erreichen.
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Auch Arik und Luke hatten gespürt, daß etwas nicht stimmte. Sie hatten nach der ersten Runde – die länger dauerte und schwieriger war, als beide erwartet hatten – eine Pause eingelegt, um zu verschnaufen und etwas zu trinken. Durch das Training waren sie aufmerksamer und ihre Sinne geschärfter als sonst, und so spürten sie es beide gleichzeitig.
„Holla.", murmelte Arik. „Da ist aber wer ziemlich stinkig."
„Ja." Luke runzelte die Stirn. „Warum nur? Was ist da passiert?"
Der Captain zuckte die Schultern. „Wir werden es erfahren, wenn er es für richtig hält."
Luke trank einen Schluck Wasser, immer noch unruhig. „Soll ich nachsehen?"
„Was?" Ariks Kopf schoß herum. „Junge, den Gedanken, Vader Händchen halten zu wollen, vergiß am Besten sofort wieder. Dein Vater ist seit zwanzig Jahren Sithlord, mein Freund, der kommt mit ganz anderen Dingen klar! Wenn du jetzt zu ihm gingst, würdest du – Sohn oder nicht – waagerecht aus der Tür fliegen, glaub mir. Gewöhn dich an den Gedanken, daß er öfter mal schwärzester Laune ist. Das ist normal. Und du und ich, wir werden es wahrscheinlich immer besser spüren."
„Aber hier geht es doch wohl um Leia.", protestierte Luke. „Er hatte nie Familie. Für ihn ist das neu."
„Und? Dann lernt er das eben. Und wenn du Angst um sie hast – warum nimmst du nicht mit IHR Kontakt auf?"
Lukes Augen leuchteten auf. „Manchmal sieht man – wie sagt man? Das Blatt vor lauter Ästen nicht?"
„Den Wald vor lauter Bäumen." Arik grinste.
„Ah. Mit Bäumen hab ichs nicht so." Luke lachte, dann schloß er die Augen. Leia?
Stille.
„Sie meldet sich nicht…", sagte er unruhig.
„Gib ihr Zeit." Auch Arik streckte nun mentale Fühler aus – langsam lernten sie beide, das Geflecht der Macht zu erspüren und in ihren Schwingungen zu lesen. „Wenn ich mich nicht irre, ist noch jemand bei ihr."
Luke schloß nochmals die Augen und ließ sich in die Macht sinken. Beim ersten Mal hatte er nicht darauf geachtet. „Ja…", sagte er langsam. „Du hast Recht. Sie ist nicht allein – und sie scheint zwar noch aufgewühlt, aber insgesamt ruhig."
„Ruhiger als dein Vater, jedenfalls." Arik, der Veers' Machtsignatur erkannt hatte, weil er schon länger um ihn war als Luke, lächelte. „Also warten wir. In Ordnung?"
Luke seufzte, leerte seine Flasche und schob sich hoch. „Na schön. Noch eine Runde?"
„Aber immer."
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Als Veers wieder auf die Brücke kam, war Vader nirgends zu sehen – aber Piett, der von einem Bildschirm aufsah, kam eilig auf ihn zu und nahm ihn beiseite.
„Was bei allen Raumgeistern ist denn mit dem Chef los?" fragte er leise. „Kommt auf die Brücke, sieht nicht links und nicht rechts, verschwindet in der Holokammer und schließt hinter sich ab. Ist was passiert? Muß er beim Alten vorreiten?" Er klang besorgt. In einer Stimmung wie dieser hatte er seinen kommandieren Offizier schon Monate nicht mehr erlebt.
„Ich habe ihm die gewisse Liste, auf die er gewartet hat, in sein Quartier gebracht." antwortete Veers leise.
„Seit wann ist das ein Problem?" Jetzt sah Firmus noch beunruhigter aus.
„Ist eigentlich keines." Veers lächelte schief. „Dummerweise saß er jedoch drin – mit Leia zusammen, den Helm unten."
„Ja… und?"
Veers rollte mit den Augen. „Ich bin einfach reingegangen."
„Aber das tust du doch immer?"
„Firmus, der Schlauch, auf dem du grade stehst, muß meterdick sein! Du bist doch sonst nicht so begriffsstutzig - wieviele Leute an Bord dieses Schiffes außer ihm haben denn unbegrenzten Zugang zum Allerheiligsten?"
„Na, Corva und – Oh, Scheiße.", flüsterte Piett, dem endlich ein Licht aufging. „Sie hat es also rausgefunden. Und nicht gut aufgenommen, schätze ich mal."
„Sagen wir, sie war… überrascht."
Piett schnaubte. „Ich nehme an, das ist höflich ausgedrückt. Aber na gut, Darth Vader ist nicht unbedingt ein Kandidat, wenn man an so was denkt."
„Nein. Schon gar nicht, wenn man wohlbehütet am alderaanischen Hof aufwächst.", brummte Veers.
„Und nun?"
„Ich hab ihr ein bißchen was über ihren Vater und mich erzählt – und wie es dazu kam. Sie sieht die Dinge jetzt deutlich entspannter." Er warf einen Blick zur immer noch geschlossenen Tür der Holokammer. „Sie will mit ihm reden."
Piett sah ebenfalls hinüber. „Wenn ich mich recht erinnere, waren über vierzig Namen auf der Liste. Wenn er die alle abklappern will, wird das noch eine Weile dauern… sofern er alle erreicht."
„Alle wird er nicht durchmachen. Selbst er braucht eine Pause. Dann die unterschiedlichen Zeitzonen… Und außerdem bin ich mir ziemlich sicher, daß ihm das keine Ruhe läßt. Ich schätze mal - "
Er wurde unterbrochen durch eben die so genau beobachtete Tür, die sich nun öffnete. Kurz darauf trat Vader heraus – offensichtlich ruhiger als zuvor, wenn seine Körpersprache nicht trog. Die ersten Gespräche waren wohl zufriedenstellend verlaufen. Max zögerte dennoch, zu ihm zu gehen, doch Vader hatte sie bereits entdeckt und kam von selbst.
„Vierzehn von siebzehn.", verkündete er ungefragt. „Kein schlechter Schnitt, oder?" Einmal mehr bewies er, wie sehr er seine Stellvertreter schätzte – sein Lächeln war beiden beinahe sichtbar.
„Ein hervorragender Schnitt." Veers lächelte warm, und auch Pietts Augen leuchteten. Ihre unbedingte Treue galt Vader, dann dem Imperium, und am Liebsten einer Kombination aus beidem. Auf diesem Weg standen sie nun schon eine geraume Weile, aber nun begannen die Nebel sich langsam zu lichten, und der Pfad schien breiter und gerader als erwartet. Blieb nur zu hoffen, daß es so weiterging – und sich noch verbesserte.
Der dunkle Lord sah Max an, zögerte kurz. „Du bist hier.", stellte er dann lapidar fest. Sie waren sich schon so vertraut, daß dieser eine Satz einen ganzen Schwung weitere ersparte, ebenso wie Max' Antwort.
„Sie möchte mit dir sprechen."
Max war hier – also hatte er mit ihr gesprochen. Sie wollte mit ihm sprechen – sonst nichts, keine Warnung, kein Hinweis – also schien das Wichtigste geklärt.
„Gut. Ich bin in meinem Quartier."
„Soll ich nach Luke sehen?", bot Max an.
„Nein – aber der Falke sollte demnächst eintreffen. Sag mir Bescheid, wenn er eindockt." Vader wandte sich zum Gehen.
„Natürlich. Ich rufe sofort durch."
Vader hielt nochmals inne, drehte den Kopf und sah über die Schulter zu ihnen zurück. „Nein.", sagte er sanft. „Komm vorbei."
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Der dunkle Lord rauschte in altvertrauter Manier durch die breiten Gänge der EXECUTOR; der lange Mantel wallte hinter ihm wie eine dräuende Gewitterwolke.
Eigentlich ging er viel zu schnell für die Tatsache, daß er sich ganz und gar nicht schlüssig darüber war, wie er mit Leia umgehen sollte. Er war sich sehr wohl darüber bewußt, daß die Schuld – wenn es denn eine gab – auf beiden Seiten zu suchen war. Aber dennoch: er war verletzt. Und der alte Habit war zäh, auch wenn er sich mittlerweile wieder ein wenig beruhigt hatte – aber sich zu entschuldigen war ihm schon immer schwer gefallen.
Leia indes war nervöser, als sie zugeben wollte. Ihr Vater war mit einem anderen Mann zusammen. Na und?, scholt sie sich selbst. Veers hat dir doch erklärt, daß es nicht auf das Geschlecht ankommt. Und wenn du ehrlich zu dir selbst bist, weißt du das auch. Und du solltest dich entschuldigen, daß du Entsetzen gezeigt hast, anstatt dich für und mit ihm zu freuen, daß er nach zwanzig einsamen Jahren wieder jemanden hat.
Aber… Darth Vader ist schwu-hul!, sang ein kleines, fieses Stimmchen in ihrem Kopf, was sie kurz halb hysterisch, halb wirklich amüsiert kichern ließ – was gäbe das für Schlagzeilen! Ausgerechnet Vader! - aber sofort darauf rief sie die Stimme ebenfalls zur Ordnung. Nein, ist er nicht. Er ist bi.
Besser bi als nie, spottete die Stimme wieder. Sie ignorierte sie, wohl wissend, daß Vader auf jedem Planeten des Imperiums – und nicht nur dort - einen ganzen Schwarm von Bewunderinnen hatte. Und Bewunderern., grinste das Stimmchen. Ja – vermutlich auch das. Aber – was soll's? Er ist glücklich. Und nur das zählt.
Nachdenklich stand sie auf, holte sich doch noch eine dritte Tasse Kaf und setzte sich mit untergeschlagenen Beinen wieder auf den Sessel, nachdem sie ihre Schuhe abgestreift hatte. Sie selbst hatte nie auch nur mit dem Gedanken an eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft gespielt. Sie liebte Han. Für Frauen hatte sie sich nie interessiert. Nein, halt – das stimmte nicht ganz, wenn sie vollkommen ehrlich war. Sie hatte Winter geliebt und liebte sie noch. Ihre Stiefschwester und Vertraute. War das wirklich immer ganz das unschuldige Verhalten von Schwestern und Freundinnen gewesen? Oder war da nicht ab und zu ein wenig mehr, wenn auch das vollkommen natürliche Tasten und Testen von Heranwachsenden beim Küssen und Schmusen? Und war das wirklich so schlimm?
Und noch etwas wurde ihr bewußt. Etwas Besonderes. Sie wußte nun schon zwei Dinge, die Luke noch verschlossen waren – und das, obwohl er schon länger und intensiver mit ihrem Vater zusammengewesen war. Eigentlich unfair. Aber sie würde Vaders Wunsch achten und ebenfalls darüber schweigen.
Die sich öffnende Schleuse und mechanisches Atmen rissen sie aus den Gedanken und ließen sie aufsehen. Darth Vader stand im Eingang, gerade so weit im Raum, damit sich die Tür hinter ihm wieder schließen konnte, und starrte sie an – die Hände unter dem Mantel verborgen, aufrecht und starr wie eine Statue. Für einen Wimpernschlag war die alte Angst wieder da, aber sie kämpfte sie erfolgreich nieder. Seine Tricks hatten ihre Macht bei ihr fast vollständig verloren.
Einen Moment lang sahen sie einander an, schwiegen, rangen stumm miteinander, wer den ersten Schritt tun würde. Schließlich schluckte Leia ihren Stolz hinunter und stand auf.
„Vater…", begann sie, und das Wort hing für einen Augenblick in der Luft, ungewiß, ob es ein Gruß oder der Beginn eines Satzes war. Vader rührte sich nicht.
Leia seufzte und stellte den Becher beiseite, bevor sie ein paar Schritte auf ihn zuging und furchtlos zu ihm aufsah. „Ich habe dich verletzt.", sagte sie ruhig. „Das tut mir leid. Ich möchte mich entschuldigen – dafür, daß ich nicht fähig war, mich unvoreingenommen mit dir über dein Glück zu freuen." Sie wartete, aber der schwarze Monolith vor ihr schwieg sich immer noch aus – und seine mentalen Barrieren waren hochgefahren und undurchdringlich.
Sie schluckte ein wenig unbehaglich und fuhr tapfer fort: „Aber General Veers hat mir erzählt, was euch verbindet und wie es dazu kam, daß ihr - ", sie stockte wiederum, holte ärgerlich über sich selbst Luft und nahm neuen Anlauf. „Daß ihr euch liebt." Na bitte. War doch gar nicht so schwer gewesen. „Und ich möchte dir sagen, daß ich es akzeptiere und mich freue. Für dich – für euch beide. Ich habe gesehen und gefühlt, daß es… richtig ist. Und gut. Und mehr muß ich nicht wissen."
Vader sah auf sie herunter, immer noch schweigend – doch mittlerweile auf einer anderen Ebene. Er freute sich – mehr, als er zugeben wollte. Und er war stolz auf seine Tochter – auf ihren Mut, ihre Kraft der Überwindung und Anerkennung.
Leia wartete. Sie spürte, wie seine Schilde langsam durchlässiger wurden und seine Aura sich veränderte. Er war nicht mehr böse, das wußte sie irgendwie, auch wenn sie sich noch nicht lange kannten – aber das Band zwischen ihnen war bereits fest und stark. Und erfreut sah sie nun, wie er sich kurz an die Brustplatte griff und dann hinauflangte, um Helm und Maske abzunehmen.
Er legte beides fast übertrieben sorgsam beiseite, nutzte die Zeit, um sich zu sammeln, bevor er sich ihr wieder zuwandte und Kraft genug für ein Lächeln hatte – und für die folgenden Worte.
„Auch ich muß mich entschuldigen.", sagte er, sehr zu ihrem Erstaunen. „Ich hätte dir mehr Zeit geben sollen – es dir vielleicht selbst erklären. Statt dessen bin ich gegangen – um etwas zu erledigen, das zwar wichtig war, aber auch noch hätte warten können." Er überbrückte die Kluft zwischen ihnen mit langsamen, vorsichtigen Schritten, bis er direkt vor ihr stand. Zögernd, vorsichtig, hob er die Hand und legte sie auf ihre Wange, nahm erleichtert und erfreut zur Kenntnis, daß sie es zuließ, ihn sogar anlächelte und sich in seine Pranke schmiegte. „Es tut mir leid. Ich wollte dir nicht wehtun… und ich kann nur versprechen, zu versuchen, es in Zukunft zu vermeiden." Er beugte sich hinunter und küßte sie sanft auf die Stirn. „Willkommen daheim, meine Tochter."
Als Antwort schlang sie die Arme um ihn, stumm und lächelnd.
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Er schloß die Augen, als sie ihn umarmte, und genoß das schlichte Glücksgefühl, das ihn durchströmte. Sie akzeptierte ihn. Ganz und vollkommen. Das war mehr, als er sich erhofft hatte.
Und Leia, deren Wange am duftenden Leder seiner Rüstung lag, fühlte sich erstaunlich wohl in dieser Position – geliebt, beschützt, geborgen und gestützt. Sie hatte endlich ihren Vater gefunden. Einen Vater, von dessen Existenz sie die ersten Jahre ihres Lebens nicht einmal etwas geahnt hatte, und dessen Person später mit drakonischen Mitteln geheimgehalten worden war. Mit der Zerstörung Alderaans war auch ihre Hoffnung gestorben, jemals etwas über ihre wahren Eltern zu erfahren – und nun stand sie hier, bei ihm, wissend, daß er ebensowenig Ahnung davon gehabt hatte, daß seine Familie noch lebte, und daß er sich – wie sie und ihr Bruder – darüber freute, sie nah zu wissen.
„Wann wirst du es Luke erzählen?", fragte sie leise, aber sie wußte, daß er sie gehört hatte.
„Was? Meine Heilung? Oder meine Partnerschaft mit Max?" erkundigte er sich halb ernst, halb amüsiert.
Sie bog den Kopf zurück und sah zu ihm hoch, ohne ihn loszulassen. „Beides."
Er nickte. „Sobald der Kaiser tot ist. Meine Heilung – das würde unser Vorhaben in Gefahr bringen, den Kaiser zu töten, da Luke nun unter Garantie unter seiner Beobachtung steht und seine Schilde noch nicht dicht genug sind. Und Max – aus demselben Grund, aber um ihn zu schützen. Palpatine geht im Wortsinn über Leichen, wenn es ihm nutzt. Und ich liebe Max – ich will nicht riskieren, ihn in Gefahr zu bringen."
Sie runzelte die Stirn. „Und daß ich es weiß, macht nichts?"
„Nein, denn der Kaiser weiß nicht, daß du meine Tochter und machtbegabt bist. Dich ignoriert er… du bist weitestgehend uninteressant. Sich um die Rebellen zu kümmern, ist mein Job. Er will Ergebnisse. Wie ich dorthin komme, ist ihm egal."
„Er läßt dir vollkommen freie Hand?" erkundigte sie sich erstaunt und beunruhigt.
„Mehr oder weniger.", bestätigte Vader. „Aber Mißerfolge werden schwer bestraft." Er biß sich unbehaglich auf die Lippe, wollte nicht darüber sprechen, daß ihm oft nichts anderes übrig blieb, als genau das zu tun, wofür er berüchtigt war – um schlicht am Leben zu bleiben. „Das ist kein Thema, über das ich gerne spreche, Leia. Sagen wir einfach: es hat seinen Grund, warum ein Sithlord diesen Job macht."
Sie sah ihn an, las den Ernst und den Schmerz in seinen Augen und nickte langsam. „Ich wette, du bist oft ganz froh um die Maske, hm?"
Er lächelte schwach. „Stimmt. Früher habe ich sie gehaßt – weil sie den Verlust Padmés verkörperte, den Verlust meines alten Lebens, meiner Unschuld. Aber ich habe recht schnell gelernt, mich mit ihr zu arrangieren – natürlich auch gezwungenermaßen, aber auch so… sie bietet unbestreitbare Vorteile. Sie schützt mich in mehr als einer Hinsicht… sie schützt nicht nur meinen Körper, sondern auch meinen Geist."
„Du meinst, in dir ist immer noch etwas von… Anakin Skywalker?" fragte sie behutsam.
Er versteifte sich merklich. „Nein. Nicht so, wie du denkst. Anakin Skywalker ist tot, er starb auf Mustafar, zusammen mit seiner geliebten Frau. Aber Max hat etwas in mir wiedererweckt, das ich ebenfalls tot glaubte – und ihr beide, du und dein Bruder, habt dies noch verstärkt. Ich kann wieder lieben, Leia. Aber das, so wundervoll es ist, macht mich verletzlich – und deshalb muß ich auch diese Tatsache geheimhalten, muß auch dies von der Rüstung geschützt und verborgen werden."
Sie spürte die Spannung in ihm und schmiegte sich instinktiv noch enger an ihn – wie sie es früher bei Bail getan hatte, wenn dieser traurig oder angespannt gewesen war. Und wie ihr Ziehvater schien auch Vader sich dadurch zu entspannen, wenn auch nicht sofort, nur langsam… er mußte sich erst wieder daran gewöhnen, daß da jemand war, der ihn stützte und hielt… außer Max, natürlich. Aber der konnte nicht tun, was sie eben tat – sich ganz unschuldig an ihn zu klammern, wieder Kind zu sein für ein paar wenige, kostbare Minuten.
Und tatsächlich ließ die Anspannung nach, floß aus ihm heraus wie schmelzendes Eis. Leia lächelte und atmete tief ein, schnupperte neugierig, als ihr sein noch ungewohnter Duft in die Nase stieg und musterte dann zum erstenmal den Anzug etwas genauer.
„Woraus besteht der eigentlich?" fragte sie neugierig, ihn noch haltend, aber ein wenig auf Abstand gehend und mit einer Hand darüberstreichend.
Er lachte. „Aus Leder, hauptsächlich. Und aus - ", er unterbrach sich, verschluckte die Information, die er ohne nachzudenken beinahe gegeben hätte, vergessend, daß sie immer noch so etwas wie ein Feind war, wenn man es nüchtern betrachtete. „Und aus einem Material, dessen Namen man sich nur schwer merken kann.", fuhr er dann ruhig fort. Sein Tonfall war freundlich, machte aber deutlich, daß er nicht mehr preisgeben wollte.
Sie lächelte zu ihm auf, zum Zeichen, daß sie verstanden hatte und sein Stopsignal akzeptierte. „Auf Bespin hast du einen Blasterschuß mit der bloßen Hand abgewehrt.", sagte sie dann. „War das die Macht? Oder ist der Anzug – oder nur der Handschuh – gegen Blasterschüsse resistent?"
Er grinste und schüttelte leicht den Kopf, dann beugte er sich hinunter, küßte sie nochmals auf die Stirn und machte sich sanft frei, um wieder auf dem Bett Platz zu nehmen. Anders als zuvor setzte sie sich allerdings nicht in den Sessel, sondern neben ihn, wo sie die Beine anzog und unter sich verschränkte.
„Beides.", sagte er schließlich. „Eine Mischung aus beidem, obwohl der Handschuh allein ausreichen würde – wie der ganze restliche Anzug auch."
Sie staunte. „Klingt, als sei das Ding recht nützlich.", grinste sie dann. „Was kann er noch?"
Vader seufzte, war sich aber bewußt, daß sie ihn nicht ausfragen, sondern nur kennenlernen wollte. An seinem Leben teilhaben, ihn verstehen. Und war das nicht das, was er sich gewünscht hatte?
„Früher, ganz am Anfang, hat der Anzug mich komplett versorgt. Ich kam nicht aus ihm heraus, trug ihn Tag und Nacht, brauchte ihn zum Überleben."
Ihre Augen weiteten sich ungläubig und entsetzt. „Ein Gefängnis? Lebendig…", sie suchte nach einem Wort, fand keines und wich aus, „eingemauert?"
„Sozusagen." Er zuckte die Schultern. „Mein Körper brauchte damals einen anderen Druck und eine besondere Mischung Luft zum Atmen, sehr sauerstoffreich. Außerdem näßten die Wunden – der erste Anzug war quasi ein riesiges Bactapflaster, ein beweglicher Tank. Er versorgte mich über Kanülen mit Nährstoffen und Flüssigkeit, er leitete über einen Katheter und einen künstlichen Darmausgang Ausscheidungen ab."
Sie schloß die Augen und griff nach seiner Hand, die sich beruhigend weich anfühlte. Nein, nicht weich. Lebendig. Nachgiebig. Festes Fleisch und Muskeln, obwohl sie wußte, daß die Prothese darin verborgen war.
Er drückte sie sanft. „Später dann, als ich heilte, war dieser Raum hier entsprechend eingerichtet. Deshalb die Schleuse. Ein anderer Druck, andere Luft, das Bett voll Sensoren und ein Medidroide ständig auf Abruf." Er wies auf eine unscheinbare Tür, hinter der der Droid immer noch wartete. „Aber wenigstens konnte ich wieder allein auf die Toilette, zumindest hier drin. Corva nahm die entsprechenden Operationen vor, sobald es ging. Und ich konnte wieder essen. Zuerst Suppen und Breie, später dann, nach und nach, auch festere Speisen. Jeder noch so kleine Schritt war ein Fest für mich."
Sie starrte ihn an, hilflos, und er lächelte. „Es ist vorbei, Leia. Ich bin geheilt."
Sie nickte langsam. „Und heute? Was kann er noch?"
„Vieles von dem, was er immer konnte, denn vieles ist nützlich und hilfreich. Er erlaubt mir, im Vakuum zu überleben, zum Beispiel. Ich brauche keinen speziellen Druckanzug wie unsere Piloten, um zu fliegen. Er schützt mich vor beinahe allen Verletzungen, gleicht Kälte und Wärme aus, ist wasserdicht und feuerfest bis zu einem gewissen Grad."
„Wow." Sie schien echt beeindruckt, als sie nun erneut vorsichtig mit den Händen über das glatte, geschmeidige Material fuhr. „Hätte ich nicht gedacht. Ich dachte immer nur, er wäre dazu da, um… nun ja…" Sie stockte.
„Um Leute einzuschüchtern?" schlug er mit einem amüsierten Blitzen in den Augen vor. „Sagen wir, das ist ein netter kleiner Nebeneffekt. Und zuweilen ganz nützlich."
„Aber nicht alle haben Angst." Sie lächelte verschmitzt. „General Veers zum Beispiel - "
Wie aufs Stichwort öffnete sich in diesem Moment die Schleuse, und Max trat ein, eben noch seinen Namen aufschnappend.
„Ihr sprecht über mich?" sagte er und erzwang ein Lächeln.
Vader, der spürte, daß etwas nicht stimmte, blieb ruhig. „Wir sprachen über den Anzug und seine Wirkung auf Leute – und speziell auf dich."
„Ich finde den Anzug extrem… anziehend." Er zwinkerte Leia zu, und Vader hörte in seinem Geist allzu deutlich das hinuntergeschluckte Wort „sexy" und grinste. Dann aber wandte Max sich seinem Chef zu. „Ich bringe leider eine Nachricht, die dir nicht gefallen dürfte."
Vader runzelte die Stirn. „Raus damit."
„Mara Jade ist eben eingedockt und auf dem Weg hierher."
