Kapitel 63
Vader, in seinem Raum, lehnte mittlerweile vollkommen unvaderisch an der Wand, die Arme vor der Brust verschränkt. Und Mara schien das ungewöhnliche Zeichen zu verstehen – sie entspannte sich ein wenig, aber sie hatte immer noch Angst.
Warum Angst?, fragte der dunkle Lord sich. Vor mir? Vor Palpatine?
„Ich habe Euch gehaßt.", begann sie langsam, ohne ihn anzusehen. „Über all die Jahre. Ich war seine Ziehtochter, ich sollte besser ausgebildet werden, mehr Aufträge bekommen, über mehr Infomationen verfügen, mehr Macht haben als sein…" Sie stockte, stolperte über das Wort, das sie in der Flut der Worte hatte sagen wollen.
„Kettenhund?" schlug Vader gelassen vor. „Handlanger? Lieblingslakai?"
„Kettenhund.", knurrte sie. „Aber Ihr wart so oft vor mir. Bekamt Aufträge, nach denen ich mich sehnte. Wart sein Stellvertreter, seine Stimme im Reich, hattet die Flotte unter Euch, die Armee… IHR wart seine rechte Hand. Nicht ich. Nicht ich, die er so nannte!"
„Kind…", sagte Vader erstaunt. „Ihr seid eifersüchtig!"
„Das war ich, Vader.", stimmte sie zu, nun vollkommen ruhig und ohne auf die provokative Anrede einzugehen. „Ich kochte vor Eifersucht. Wollte Euch umbringen und durfte nicht. Er verbot es mir."
„Wen wundert's…", brummte der dunkle Lord. „Dieses Vergnügen wollte er für sich behalten." Und du hättest es ohnehin nicht geschafft, meine Kleine.
„Dann kam der Ball.", fuhr sie fort, als ob er nichts gesagt hätte. „Und er bestrafte Euch, weil Ihr Euren Sohn nicht umgehend an ihn ausgeliefert habt. Er bestrafte Euch", ihre Stimme wurde leiser, „dafür, daß Ihr Euern Sohn geschützt habt. Er bestrafte Euch für Liebe."
„Ich muß meinem Meister gehorchen." Vaders Stimme war neutral, beinahe tonlos, doch innerlich war er mehr als neugierig, wie sie reagieren würde. „Ich widersetzte mich und wurde bestaft."
„Er bestrafte Euch für Liebe.", wiederholte sie, ohne darauf einzugehen – fraglich, ob sie es überhaupt gehört hatte. „Liebe, Vader! Ihr liebt Euren Sohn so sehr, daß Ihr Euer Leben aufs Spiel gesetzt habt, Euren Status, Euren Rang – alles, was Ihr in zwanzig Jahren erreicht habt. Um Euren Sohn zu schützen, wärt Ihr beinahe gestorben! Ihr habt unmenschliche Schmerzen ertragen, eine öffentliche Demütigung, Ihr starbt… und er ging davon, ohne es zu bemerken. Es bedeutet ihm nichts."
Er wartete geduldig, neugierig, ob sein Verdacht zutraf.
„Ihr liebt Euren Sohn, Vader. Und ich? Er nahm mich meinen Eltern weg, als ich noch klein war – ich erinnere mich kaum noch an sie. Er bildete mich aus, schulte mich, ließ mich glauben, etwas Besonderes zu sein. Ich genoß es, denn ich kannte es nicht anders. Aber niemals wurde ich geliebt. Er liebt mich nicht. Ich bin nur ein Werkzeug, ein Gebrauchsgut. Wenn ich kaputtgehe, wirft er mich weg… und wenn ich sterbe, holt er sich das Nächste." Sie sah ihn an, schon die ganze Zeit über, einen hungrigen, beinahe schon verlangenden Blick in den Augen.
„Ihr seid nicht meine Tochter, Mara.", sagte Vader ruhig. „Liebe ist etwas sehr… Privates."
„Das weiß ich auch, Vader!" fauchte sie. „Aber selbst der geringste Hilfskoch an Bord dieses Schiffes kann sich Eurer Achtung und Eures Respektes sicher sein, solange er loyal ist und so gut dient, wie es ihm möglich ist. Ich habe die Ordensverleihung gesehen, Vader. Ihr sorgt für Eure Leute."
Einen Moment lang starrten sie sich an, dann bestätigte sie Vaders Vermutung. „Ich will Teil davon sein, Vader."
Da er sie die ganze Zeit überprüft hatte und immer noch suchende Finger unbemerkt durch ihren Geist glitten, konnte er sich den Luxus erlauben, auf das Gespräch einzugehen – ohne fürchten zu müssen, daß sie ihn irgendwie verraten würde. Der Kaiser wußte wirklich nicht, daß sie hier war – und sie selbst war sauber. Keine Wanzen an ihr, keine verräterischen ‚Narben' in ihrem Denken, was auf mentale Beeinflussung seitens des Alten hingewiesen hätte. Sie war wirklich und wahrhaftig ehrlich. Vielleicht das erste Mal in ihrem Leben.
„Und wir habt Ihr Euch das vorgestellt? Er wird Euch töten, wenn er das herausfindet. Und mich dazu."
Nun lächelte sie. „Ich wußte, daß Ihr das sagen würdet. Ich habe Euch etwas mitgebracht."
Nur eiserne Beherrschung half ihm dabei, sich nicht zu rühren, als sie nun in die Innentasche ihrer kurzen Jacke griff -und einen Datenkristall hervorholte, den sie ihm entgegenstreckte.
Er nahm ihn mißtrauisch und vorsichtig entgegen. „Was ist darauf?" Ein Virus, der mein gesamtes Schiff lahmlegt? Eine Software, die zukünftig mein gesamtes System ausspioniert?
Sie behielt ihr Lächeln bei, vielleicht, weil sie seine Gedanken erriet, vielleicht auch, weil sie wußte, welche Reaktion ihre nächsten Worte hervorrufen würden. „Zugangsdaten zu den Überwachungskameras im Thronsaal sowie die Dienstpläne der imperialen Garde im gesamten nächsten Vierteljahr."
„WAS?" Er brüllte beinahe. War Jix aufgeflogen? Hatte er etwas in ihrem Denken übersehen? Würden sie sich innerhalb der nächsten Minuten von der restlichen Flotte umzingelt finden? Binnen Sekundenbruchteilen hatte er sich aus seiner gelassenen Haltung gelöst, sich von der Wand regelrecht wegkatapultiert und stand vor ihr, behandschuhte Pranken in ihre Jacke gekrallt und sie hochhebend, so daß sie ihm Aug' in Auge gegenüberschwebte. „Warum diese Daten? Ich höre. Und ich will eine verdammt gute Antwort…!"
Sie lächelte immer noch, ungeachtet der ungemütlichen Lage, in der sie sich befand. „Wenn ich im Palast bin, ist eine meiner Aufgaben die Gewährleistung der inneren Sicherheit. Ich bemerkte, daß jemand versucht hatte, exakt diese Daten", sie nickte zu dem Datenkristall, der nun auf dem Boden lag und nur durch Zufall nicht von Vaders Stiefel zermalmt worden war, „zu hacken. Ich ging dem nach."
„Weiter.", knurrte Vader, als sie schwieg, ohne sie aus ihrer luftigen Höhe zu entlassen.
Sie schluckte, mittlerweile doch ein wenig unsicher. „Ich fand den Hacker und nahm ihn zum Verhör mit."
Vader war erleichtert, daß Jix nicht selbst versucht hatte, sich an den Auftrag zu machen – wußte er ihn doch sicher an Bord dieses Schiffes. Er mußte Mittelsmänner eingesetzt haben – aber noch war die Gefahr nicht gebannt, und deshalb ließ er auch noch nicht locker.
„Allein.", beeilte sie sich zu ergänzen, als sie spürte, wie sein Griff sich verstärkte. „Niemand weiß davon. Ich schwöre es."
Wieder schlug er mental zu, nun hart und brutal, ließ sie es spüren, und sie zuckte zusammen und stöhnte vor Schmerz. Aber sie sagte die Wahrheit. Er sah in ihren Gedanken, wie sie einen jungen Mann aufspürte, offensichtlich ein Diener im Palast, ihm eine Droge versetzte und in eine der geheimen Verhörzellen in einem verborgenen Zwischengeschoß führte. Sie befragte ihn unter Zuhilfenahme weiterer Drogen – speziell für den imperialen Geheimdienst entwickelt und hergestellt, wie er wußte, durchschlagend, ohne Möglichkeit zur Gegenwehr und absolut tödlich - und fand so einen weiteren Mittelsmann. Der Diener hatte keine Chance und starb schließlich. Dasselbe Schicksal wurde dem zweiten Mittelsmann zuteil, dann einem dritten, vierten und fünften, die sie nacheinander auf verschiedenen Kernwelten aufspürte. So führte die Spur schließlich zu Jix… und über ihn zu Vader. Und somit zur EXECUTOR.
Als sie diese Information hatte, setzte sie sich hin und dachte nach. Und fügte, wie man es sie gelehrt hatte, Informationen zusammen. Vaders Sohn und den Befehl, ihn vorzuführen. Vaders Reaktion auf dem Ball. Vaders Agent.
Dann ihre eigene Situation. Ihr Leben. Ihr Aufwachsen. Ihre Einsamkeit.
Wut folgte Empörung. Einsamkeit folgte Wut. Verzweiflung folgte Einsamkeit. Und schließlich faßte sie einen Entschluß – ihre Ketten zu sprengen, den scheinbar goldenen Käfig, in dem sie saß, aufzubrechen, und den größten Verrat zu begehen, den sie überhaupt begehen konnte.
Sie wollte überlaufen – zu Vader, dem Mann, der dem Kaiser nachfolgen würde, dem Mann, der trotz aller Macht, die er hatte, ein schlichtes Gefühl über seine Treue und seine Privilegien, sogar über sein Leben setzte. Der Mann, der der eigentliche Führer des Reiches war. Er würde ihr nicht glauben – und er würde die Daten, die der Hacker unter Einsatz seines Lebens besorgt hatte, gut gebrauchen können. Sie zog sie selbst, verwahrte sie sicher und wartete auf eine Gelegenheit, dem Palast zu entkommen… und flog dann zu seinem Flaggschiff, dessen aktuelle Position sie über ihre ganz normalen Zugriffsrechte als ‚Hand' einfach herausfinden konnte.
Und nun war sie hier, am Ziel – und hing in den unnachgiebigen Pranken eines in die Enge getriebenen Mannes, der ein noch größerer Verräter war als sie selbst, wenn man es genau nahm.
Es brauchte eine Weile, bis sie merkte, daß ein Teil ihrer Gedanken von dem Mann vor ihr stammte.
„Aber… es gibt mildernde Umstände…", stammelte sie. „Das Reich…"
„Es gibt keine mildernden Umstände, wenn es um die Rebellion gegen einen souveränen Herrscher geht!" knurrte er wie als letzte Prüfung… doch der Hauch eines Lächelns schwang in seiner Stimme mit.
„Es sei denn, man gewinnt.", antwortete sie deshalb auch merklich entspannter und wagte ebenfalls ein Lächeln.
Er hielt sie noch einen Moment fest, starrte sie an – bis er sie dann erstaunlich sanft und mit einem leisen Lachen abstellte und losließ. „Ihr habt den einzig möglichen ‚mildernden Umstand' genannt, ja. Es sei denn, man gewinnt."
„Werdet Ihr gewinnen?" Sie rieb sich die schmerzenden Schultern.
„Ja.", antwortete er knapp und ließ den Datenkristall in seine Hand fliegen. „Und wenn die Daten hierauf korrekt sind, ein ganzes Stück einfacher und mit weniger kollateralen Verlusten, hoffe ich."
„Sie sind es – waren es zumindest, als ich losflog. Und ich habe Sorge dafür getragen, daß niemand etwas von dem Hacker mitbekam… also sollte auch kein Grund zu Änderungen bestehen."
„Wir werden sehen…", brummte er und wog den Kristall in der Hand. „Wir werden sehen."
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„War ja klar, daß er ausgerechnet jetzt eintrudelt.", knurrte Veers kurze Zeit vorher auf der Brücke, als ein Ruf des Falken kam und – erstaunlich höflich – um Erlaubnis zum Eindocken bat. Ein historischer Moment, dachte der General amüsiert und bemerkte sehr wohl den gepreßten Tonfall des Schmugglers, als er den Spruch absetzte.
Er hatte sich zuvor bereits mit Piett verständigt und wechselte nun nur einen Blick mit dem Admiral, der ihm zunickte und so die Erlaubnis gab, den Ruf zu beantworten.
„Willkommen auf der EXECUTOR, Captain Solo.", sagte er ruhig und ohne jeden Spott. „Sie haben Landeerlaubnis in Dockbucht 179. Bitte folgen Sie dem Leitstrahl."
„Verstanden, EXECUTOR." Die Stimme des Piloten klang so fröhlich, als wäre er auf dem Weg zu seiner eigenen Beerdigung.
Veers grinste. „Bitte bleiben Sie an Bord Ihres Schiffes, Captain. Lord Vader ist derzeit in einer Besprechung, wird Sie aber gleich anschließend aufsuchen." Daß die Dockbucht abgeriegelt war und keinen Zugang zum Restschiff bot, sagte er ihm nicht – ebensowenig, daß sämtliche Kameras und Sensoren in dieser Sektion auf Hochtouren liefen. Obwohl Solo einen guten Grund hatte, um hierzusein, und sicher nicht die Sicherheit der Prinzessin aufs Spiel setzen würde… und Chewbacca hoffentlich einen beschwichtigenden Einfluß auf die Verfassung des Mannes hatte.
Letzteres bestätigte sich beinahe umgehend, als Solo auf Veers' Worte einen Wutanfall zu bekommen schien, der aber rapide abgewürgt wurde – sprich: das Mikrofon wurde deaktiviert. Das letzte, was noch zu dem anschwellenden Gebrüll zu hören war, war das wütende Röhren eines Wookiees, der seinem „Welpen" wohl eben die Ohren langzog. Und wieder breitete sich ein Grinsen auf den Gesichtern aller Controler aus, die das mitbekommen hatten.
Einige Sekunden später meldete der Falke sich nochmals, doch diesmal war eine andere menschliche Stimme zu hören – Calrissian, wie Veers vermutete.
„Ist Ihnen eventuell eine ungefähre Wartezeit bekannt, EXECUTOR?" erkundigte der Mann sich überaus höflich. „Ich fürchte, Captain Solo ist kein Mann, der für seine Geduld bekannt ist." Im Hintergrund war erstickter Protest zu hören, offensichtlich von einer felligen Hand effektiv gedämpft.
„Leider nein.", antwortete Veers ebenso und schaffte es nur unter Mühen, das Grinsen aus seiner Stimme zu verbannen. „Aber ich kann Ihnen versichern, daß ich Lord Vader umgehend von Ihrer Ankunft in Kenntnis setzen werde." Er pausierte einen Moment. „Chewbacca… es ist alles in Ordnung. Ihr habt mein Wort."
Ein Wookieeheulen antwortete ihm, vom Translator mit etwas Verzögerung übersetzt: „Ich habe nichts anderes erwartet, General."
„Danke.", sagte Veers ruhig. „Ein klein wenig Geduld noch, bitte. Veers, Ende."
Er schaltete ab und wandte sich an Piett. „Ich gehe runter und sag's ihm."
„Brauchst du Leute?" erkundigte sich der Admiral.
Veers zögerte. „Wäre vielleicht nicht verkehrt. Besser haben und nicht brauchen… ja. Schick mir zehn Mann in den entsprechenden Korridor. Bewaffnet und gepanzert."
Piett nickte und gab schon die entsprechenden Befehle, während Veers sich umdrehte und zu Vaders Kammer ging.
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Als er dort eintraf, warteten die Truppen bereits auf ihn. Er nickte ihnen zu.
„Bleiben Sie zunächst außer Sicht – vielleicht ist Ihr Eingreifen nicht notwendig. Falls doch, werden Sie es mitbekommen." Er lächelte ein wenig sardonisch, während die Männer bestätigten und sich verteilten.
Erst danach näherte er sich Vaders Tür, die sich auch sofort öffnete, und ließ seinen Blick besorgt und wachsam über die Szenerie im Inneren schweifen.
Diese gab jedoch keinen Anlaß zur Besorgnis. Mara Jade stand zwar so dicht vor Vader, daß es zuvor eine gespannte Situation gegeben haben mochte (eine andere Möglichkeit der eventuellen Annäherung kam ihm gar nicht in den Sinn), und dieser musterte eben einen Datenkristall in seiner Hand.
Veers salutierte vorschriftsmäßig und wartete, bis Vaders Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet war.
„Der Konsul ist jetzt eingetroffen.", meldete er und hoffte, daß sein Partner verstand. „Die Konferenz kann beginnen, sobald Ihr bereit seid."
Vader nickte ihm knapp zu. „Hat er sich endlich bequemt, ja? Schön. Jetzt soll er warten. Ich bin hier noch nicht fertig."
„Ich werde ihm entsprechend Bescheid geben, Mylord." Veers nickte, dann fiel ihm etwas ein. „Soll ich den Botschafter bereits zu ihm bringen?"
Der dunkle Lord überdachte dies, während Mara ohne größere Regung ihrem Gespräch folgte, offensichtlich ohne Verdacht zu schöpfen. „Ja… ja, ich denke, das wäre angemessen. Aber nur, wenn die Begleiter des Botschafters sich anschließen, nicht alleine. Wartet dann dort – ich werde zu euch stoßen."
„Mylord." Veers salutierte nochmals, machte auf dem Absatz kehrt und ging hinaus… um Leia, Luke und Arik zu holen und sie in die Dockbucht zu bringen, in der der Falke wartete.
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Ich konnte es mir nicht verkneifen, ein weiteres Zitat einzubauen:
„Es gibt keine mildernden Umstände, wenn es um die Rebellion gegen einen souveränen Herrscher geht!"
„Es sei denn, man gewinnt."
„Ihr habt den einzig möglichen ‚mildernden Umstand' genannt, ja. Es sei denn, man gewinnt."
Das ist so genial, daß es nicht von mir sein kann ;o) Tatsächlich stammt es aus SHOGUN, von James Clavell – ein geniales Buch, eine geniale Serie. Sehr zu empfehlen!
