Kapitel 69
Die Lounge verfehlte ihre Wirkung nicht. Alle vier, denen dieser Ort neu war, keuchten überrascht auf, als sie den Lift verließen, und traten vorsichtig an das Glas der Abgrenzung heran, um den Panoramablick über das Schiff zu genießen.
„Das ist der Hammer…!" keuchte Solo fasziniert und ließ sich viel Zeit beim umsehen. Leia war ein wenig blasser geworden, aber sie gewöhnte sich schnell daran und wurde sicherer.
„Seien Sie versichert, Captain, dass dieser Raum nicht auf der üblichen Ausstattungsliste des Herstellers steht.", meinte Veers ein klein wenig spöttisch. „Und die EXECUTOR ist das einzige Schiff der Flotte, das über eine solche Lounge verfügt. Anders als die Gärten, die mittlerweile in der Schwadron Standard sind, wenn auch nicht in dieser Größe."
# Garten? # echote Chewbacca interessiert.
„Ja, ein Erholungsgarten mit Bäumen, Teichen, und Wegen zum Spazierengehen oder Joggen.", erklärte Leia bereitwillig. „Er würde dir gefallen, Chewie. Er ist riesig. Und die Luft dort ist sagenhaft!"
„Bitte, nehmen Sie Platz." Veers deutete auf den gewachsenen Tisch, der nun über acht Plätze verfügte, ging selbst mit gutem Beispiel voran und löste die Lichtschranke für die Butlerdroiden aus, die auch alsbald hereinschwebten und den ersten Gang brachten: eine klare Fleischbrühe mit Gemüse und Fleischstückchen darin. Andere folgten mit Getränken – eine Auswahl an alkoholischen und nichtalkoholischen Getränken, die jedes Nobelrestaurant neidisch gemacht hätte. Calrissian ließ sich einen Weißwein servieren und zog eine Braue bis zum Anschlag hoch, als er das Etikett der Flasche sah.
„Alle Achtung.", murmelte er. „Vader pflegt einen hervorragenden Keller." Dann kostete er die Suppe und staunte noch mehr. „Ich hatte keine Ahnung, dass die imperiale Küche derart gut ist, General.", wandte er sich an Veers. „Wo kann ich mich für die Flotte einschreiben?"
Max lächelte höflich. „Warten Sie noch damit, Baron, bis die Karten neu gemischt sind." Baron?, dachte er amüsiert. Das bist du jetzt ja selbst…
Calrissian schien sich selbst nicht sicher zu sein, ob er die Bemerkung ernstgemeint hatte oder nicht, doch er schwieg und widmete sich seinem Essen.
Und auch die anderen aßen mit Appetit, sowohl die Suppe als auch die folgenden Gänge, die Vader mit Bedacht und Geschmack gewählt hatte – er betonte die Qualität der Küche, ohne allzu sehr zu protzen.
Sie saßen eben beim Digestif und begannen mit dem „gemütlichen Teil des Abends", wie Solo sich ausdrückte, als die Tür sich erneut öffnete und ein Mann im Heilerkittel die Lounge betrat.
Leia sah auf und konnte ein breites Grinsen nicht unterdrücken, das sich jedoch schnell in ein warmes Lächeln verwandelte, das ebenso erwidert wurde – mit zuckenden Mundwinkeln. Arik lächelte ebenfalls, seine Augen blitzten amüsiert – er saß neben Luke, leicht zu ihm geneigt und bis eben im regen Gespräch mit ihm, den Arm auf der Lehne seines Stuhles. Luke, neben ihm, lächelte ebenfalls, aus Freude, den Heiler einmal wiederzusehen. Und Veers schmunzelte mit leichtem Kopfschütteln.
Die drei anderen sahen auf und musterten den Neuankömmling: groß für einen Menschen, breitschultrig und athletisch gebaut, schlichte Kleidung und Heilerkittel. Glattrasiert, der Kopf ebenfalls geschoren, einige deutliche Narben sichtbar. Wäre der Kittel nicht, würde er einem Söldner ähnlicher sehen als einem Mediziner… Er lächelte freundlich in die Runde, wobei sein Blick ein wenig länger auf Chewbacca ruhte, der nickte und leise lachte, aber schwieg.
Veers, an der Kopfseite des Tisches, übernahm die Honneurs. „Meine Herren, dies ist Songan Tyee, ein Heiler, unter anderem. – Wir sind schon fertig", wandte er sich dann an ihn. „Soll ich fragen, ob noch etwas übrig ist?"
„Ich war zwar nicht eingeladen", erwiderte der Heiler, „aber ich bin tatsächlich hungrig. Wenn es niemandem etwas ausmacht…?"
Veers erhob sich, als Tyee nun zu ihm herüberkam und ihn küsste – ein klein wenig intensiver und verlangender, als es schicklich war; er konnte die unterdrückte Lust und die Vorfreude seines Partners auf später, privater, deutlich spüren.
Leia, zu Veers Linker, musste an sich halten, um nicht laut zu lachen, sie betrachtete die beiden wie eine glückliche Mutter, was Han – der ohnehin schon sehr verdutzt war – noch mehr verwunderte. Dem Schmuggler war zwar nichts Menschliches fremd, ebenso wie Lando, der selbst beiden Geschlechtern zugeneigt war, doch beide erstaunte die offene Zurschaustellung auf Vaders Schiff.
Und Luke lehnte sich ein wenig zurück, wodurch er Ariks Arm berührte, was ihn aber nicht störte – und Arik zog ihn nicht weg. Er hatte Songan und Veers auf Bast oft genug zusammen gesehen, auch öfter Küsse zwischen ihnen, und im Lauf der Zeit war es für ihn immer normaler geworden, obwohl… wirklich alltäglich war das nicht. Auf Tatooine wurde schwulsein nur mit den verhassten Tusken in Verbindung gebracht – wobei niemand so genau wusste, wodurch man deren Frauen und Männer unterscheiden konnte. Es war verpönt und wurde geächtet, und Lukes einzige schüchtern-kindliche Versuche der Annäherung bestanden in einigen ungeschickten Küssen mit Mitschülerinnen – und sie hatten ihn mehr oder weniger kalt gelassen, waren nur feucht und peinlich gewesen.
Hier jedoch… Die beiden liebten sich, und sie passten gut zueinander. Sie waren Männer, na schön. Aber Arik hatte ihm erzählt, dass er eine Freundin habe und dennoch mit einem Mann zusammensei an Bord dieses Schiffes… Und er war sicher nicht der einzige. War es hier also normal? Er nahm sich vor, darauf zu achten in Zukunft.
Ariks Hand strich leicht über seinen Arm, als er die Unsicherheit in ihm spürte. War es dieses Streicheln – oder der Kuß, den er soeben beobachtete, der angenehme Wärme durch ihn strömen ließ? Oder beides? Er sah zu Arik hinüber, der ihn anlächelte, und ertappte sich zum ersten Mal bei dem Gedanken, wie es wohl wäre, von Arik geküsst zu werden…
So schön, wie du es dir wünschst., sagten Ariks Augen. Oder hatte er es gesagt, in seinem Kopf? Luke wurde rot und wandte sich ein wenig zu hastig ab.
Arik sagte nichts, lächelte nur – doch seine Hand blieb, wo sie war, und Luke protestierte weder noch bewegte er sich.
„Was führt dich her?" Veers hatte wieder Platz genommen, und Songan hatte sich einen Stuhl zwischen ihn und Leia gezogen.
„Eigentlich wollte ich nur die Prinzessin bitten, morgen nochmals von mir die Wunde begutachten zu lassen."
„Gutes Stichwort!" warf Solo ein. „Mir hat noch keiner erzählt, was genau passiert ist!"
Der Heiler wechselte einen Blick mit Leia, die das Gesicht verzog. Er nickte unmerklich und wandte sich Solo zu.
„Ihre Hoheit wurde während Ihrer Rettungsaktion von einer der Wachen in Jabbas Palast angeschossen. Die Wunde wurde umgehend von Lord Vaders persönlicher Ärztin behandelt und heilt hervorragend."
„Und warum schaut sich dann nicht diese Ärztin die Wunde an, sondern Sie?" wollte Solo mißtrauisch wissen.
„Han…!" seufzte Leia genervt.
„Ich habe geholfen, Ihre Hoheit zu versorgen.", sagte Tyee schlicht.
„Nicht nur geholfen!" knurrte Leia. „Einen Großteil alleine gemacht, auch die Nachversorgung!"
Veers warf Luke einen erschrockenen Blick zu, entspannte sich allerdings wieder, als dieser nicht reagierte. Ah… wußte er gar nicht, daß sein Vater Leia versorgt hatte?
„Vielleicht wollen Sie dabeisein, Captain?" bot der Heiler an. Autsch, dachte Max. Soviel erzwungene Höflichkeit muß weh tun… oder aber es macht ihm höllischen Spaß, den Schmuggler derart zu verladen. Chewbacca jedenfalls grinste immer noch von einem Ohr zum anderen.
„Entspann dich endlich, Han!" fauchte die Prinzessin, als Solo immer noch ein verkniffenes Gesicht machte, aber immerhin nickte. „Wir sind unter Freunden, ich dachte, das hättest du kapiert!"
„Ist nicht grade einfach.", knurrte er zurück. „Ich gewöhne mich langsam an den Gedanken – viel mehr Sorge macht mir der Umkehrschluß. Wenn das hier Freunde sind… was ist dann die Allianz, hm?"
Das brachte sie zum Schweigen… und erblassen.
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Vader sah nicht allzu erstaunt zu Solo hinüber und wählte seine Worte mit Bedacht.
„Sie sind hier unter Freunden, richtig, und das gilt für dieses ganze Schiff und die gesamte Todesschwadron, die Lord Vader treu sind. Aber leider gilt dies nicht für das gesamte Imperium. Ebenso kann man sicher nicht die gesamte Allianz als „gut" oder „böse" bezeichnen – hüben wie drüben gibt es Leute mit lauteren oder unlauteren Absichten." Er sah Leia an. „Ihr habt General Rieekan erwähnt, der versucht, seinen Leuten nah zu sein. In ihm würde ich jemanden vermuten, der an die hehren Ziele glaubt, die erreicht werden wollen – aber vermutlich auch aufgeschlossen wäre, wenn er von der Absicht Lord Vaders, für Frieden und Ausgleich zu sorgen, überzeugt werden könnte. Andere jedoch mögen tatsächlich die Kraft und Energie der Gruppierung für ihre eigenen Ziele sorgen – die sich nicht unbedingt mit den einstmals guten und richtigen Zielen decken."
„Was mischen Sie sich eigentlich ein, he? Was versteht ein Heiler schon von Politik und Intrigen?", knurrte Solo den Heiler an, der seine ganze Beherrschung brauchte, um nicht vaderisch zurückzuknurren.
„Ziemlich sicher mehr, als du denkst, du Nerftreiber, und vermutlich mehr als du!" fauchte nun Leia, was Han wiederum verwirrte. „Halt endlich die Klappe und vertrau uns!" Sie wandte sich dem Heiler zu. „Verzeiht…", sagte sie ein wenig zögernd und unterdrückte ein Grinsen, was der Schmuggler aber nicht sehen konnte. „Er ist ein Trottel, aber ich liebe ihn nun mal."
Songan lächelte leicht. „Ich verstehe schon. Gut – dann sehe ich Euch morgen früh, Prinzessin." Er nickte Luke und Arik zu, dann wurde sein Blick weicher, als er sich zu Veers wandte, der sein Lächeln warm erwiderte. „Ich komme zu dir, sobald wir fertig sind."
„Laß dir Zeit, ich habe noch einiges zu erledigen." Die Liste, fügte er in Gedanken hinzu, während er bereits den Lift ansteuerte. Ich muß noch eine ganze Reihe Namen abarbeiten, und es sind in der Zwischenzeit noch weitere hinzugekommen – auch welche, mit denen ich gar nicht gerechnet hatte. Ich werde beschäftigt sein, keine Sorge.
Dann werde ich warten., erwiderte Max ruhig und fuhr dann, in einem anderen Tonfall, fort: Ich freue mich auf heute Nacht…
Und Vader war froh, dass er schon im Lift stand – denn bei diesem Satz, der so sanft wie ein Kuß, ähnlich vorfreudig und nur auf erster Ebene unschuldig war, wurde er rot wie ein Schuljunge.
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Da er tatsächlich hungrig war, entschied er sich, zuerst etwas zu essen, bevor er mit der Liste weitermachte, und schlug deshalb den Weg in die Offiziersmesse ein, die in der Nähe lag.
Auch hiervon gab es einige über das ganze Schiff verstreut – und doch sprach es für die Besatzung, dass die Berechtigten nicht ausschließlich und exzessiv diese nutzten, sondern nur ab und zu, und dass sich die Qualität der Küche wenn überhaupt nur unwesentlich von den Mannschaftsmessen unterschied. Lediglich die Ausstattung war gehobener und ermöglichte auch vertraulichere Gespräche – wobei „gehobener" nicht Tischdecken und Silberbesteck bedeutete, sondern einfach weniger Tische. Diese waren aus echtem Holz, in größerem Abstand zueinander, und mit mehr Grünpflanzen dazwischen. Das war alles. Vader hatte nicht vor, seine Offiziere zur Elite zu erziehen, die sich Besser dünkte als das niedere Fußvolk, und so waren diese Räumlichkeiten von schlichter Eleganz und nicht überladenem Prunk, wie auf vielen der anderen Schiffe. Und es funktionierte – ein weiterer Grund, warum die Todesschwadron der mit Abstand beste Teil der Flotte war.
Vader hatte diese Messe jetzt zum einen der Nähe zu seinem Quartier und der Brücke wegen gewählt – und zum anderen, weil er in Ruhe nachdenken wollte. Er suchte sich einen leeren Tisch abseits der wenigen anderen, die belegt waren, ließ sich nieder und studierte die relativ kurze Karte, die vor ihm auf einem Tischdisplay angezeigt wurde – eine weitere kleine Annehmlichkeit dieser Messe: keine Selbstbedienung, sondern Bestellung über den Tischcomputer und anschließendes servieren durch Butlerdroiden.
Er wählte Taurücken und ein Glas Wasser und war erstaunt, als das Essen bereits wenige Sekunden später serviert wurde – doch dann fiel ihm ein, dass ein Stockwerk tiefer eine große Mannschaftsmesse lag, von wo die Droiden wohl die Mahlzeiten besorgten. Also war es tatsächlich dasselbe... Sehr gut. Er lächelte zufrieden und begann mit Appetit zu essen.
Fünf Minuten später sah er auf, als Neuankömmlinge den Raum betraten, stutzte zunächst und grinste dann. Firmus Piett und Corva – Hand in Hand! Wann war denn das passiert? Hatte er etwa einen Trend begonnen, als er Max zum Partner erwählte, oder waren die beiden jetzt einfach mutiger geworden?
Sie bemerkten ihn, als sie sich nach einem Tisch umsahen, und wurden wie aufs Stichwort beide rot. Lächelnd winkte er sie zu sich, sie folgten ein wenig scheu, aber ohne einander loszulassen.
„Mylord…", grüßte Firmus leise, und Corva lächelte, immer noch ein wenig rot.
„Setzt euch zu mir, wenn ihr wollt." Er lächelte, um zu verdeutlichen, dass dies kein Befehl, sondern tatsächlich eine Einladung war, die sie ablehnen durften. „Darf man gratulieren?" Und auch das kam ohne jeden Spott, sondern nur freundschaftlich neugierig.
Sie nahmen Platz; Corva wurde noch roter, grinste aber wie ein Honigkuchenpferd, während Firmus sich stolz aufrichtete. „Es ist noch zu früh, um sicher zu sein, daß es hält, Mylord, aber wir hoffen es und wünschen es uns."
Vader stützte nachdenklich sein Kinn auf eine Hand und sah die beiden an.
„Verflixt.", murmelte er dann.
„Mylord?" fragte Firmus besorgt.
„Ich habe einen Fehler gemacht…" brummte er düster.
„Einen Fehler?" echote nun Corva.
„Ja. Als ich dieses Schiff bauen ließ…"
Beide runzelten die Stirn, doch er fuhr schon fort, mit einem plötzlichen Grinsen, das klarmachte, dass das folgende nicht ganz ernstgemeint war. „Zuwenig Kabinen, die für Paare geeignet sind. Und jetzt bestellt endlich!"
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Als das Essen beendet war, zerstreute sich die Gruppe. Han, Chewbacca und Lando wollten an Bord des Falken zurück, wohin Leia sie brachte – zusammen mit Veers, der dem Schmuggler nicht traute. Er war zwar über den Abend von vollendeter Höflichkeit gewesen, aber Vaders Kinder hatte er nicht täuschen können – nicht, dass sie es ihm verübelten. Die Prinzessin wollte in ihrer eigenen Kabine übernachten, um am nächsten Morgen frei zu sein, den Heiler aufzusuchen und danach mit Vater und Bruder eine weitere Trainingseinheit zu absolvieren. Veers zog sich ebenfalls zurück, und Arik musste zu Bett – er hatte am nächsten Morgen Frühschicht.
Luke hingegen war noch nicht müde – er war viel zu aufgewühlt, um schlafen zu können, und selbst der Wein, den er mit Bedacht getrunken hatte, zeigte keine Wirkung. Er beschloß, noch eine Weile im Garten spazierenzugehen und den Tag auf sich wirken zu lassen.
Und er fand zumindest Ruhe… und Frieden. Der Garten war nur spärlich besucht, und die Leute verliefen sich in dem großen Gelände, so dass er sich ungestört an den mächtigen Stamm eines Baumes lehnen konnte, die Beine von sich gestreckt, den Blick auf einen der vielen kleinen Fischteiche gerichtet, auf dem einige Wasservögel schwammen. Unken quakten leise, die Klimaanlage schickte eine leichte, angenehm warme Brise durch den Garten, und das Licht war so geschickt gewählt, dass man wirklich glauben konnte, im Freien zu sein. Eine perfekte Illusion.
Die Realität war ungleich brutaler, und selbst hier konnte er sie nicht ganz vergessen. Eine knappe Woche blieb ihnen noch – vier Tage, um genau zu sein. Dann mussten sie sich dem Kaiser stellen. Morgen würden sie anfangen, das Drehbuch durchzusprechen. Und Leia würde sie verlassen, um ihren eigenen Krieg auszuspielen… ein Krieg, der nicht weniger gefährlich war, im Gegenteil. Wenigstens wussten sein Vater und er, wer ihr Gegner war. Leia wusste es nicht.
Er suchte Ruhe in einer Meditation – aber das Anzapfen der Macht schien nur eine Einladung für jemand anderen gewesen zu sein.
Obi-Wan Kenobi tauchte vor ihm auf, blauschimmernd und durchsichtig wie ein billiges Hologramm. Er sah sich flüchtig um, wohl ohne den Wald als Fälschung wahrzunehmen.
„Hallo, Luke.", sagte er ruhig und betont freundlich. „Wie geht es dir?"
„Besser, als du es wohl für mich geplant hattest.", knurrte Luke. „Immerhin lebe ich noch. Obwohl ich mich Vader gestellt habe!"
Kenobi zögerte. „Du warst verborgen in der Macht, ebenso wie Vader. Ich konnte euch beide nicht sehen – und dich erst eben wieder. Ist er tot? Hast du deinen Auftrag erfüllt?"
„Du meinst, ob ich meinen Vater getötet habe, wie du und Yoda es wollten?" sagte Luke kalt. Kenobi erstarrte, als er erkannte, daß sein Schüler die Wahrheit kannte. „Nein, da muß ich euch enttäuschen. Er lebt."
„Dann ist alles verloren.", sagte Kenobi leise.
„Ach.", knurrte Luke wiederum, der seinerseits durch den Unterricht seines Vaters keine Probleme hatte, Kenobi zu sondieren – der sich nicht abschirmte, weil er etwas derartiges wohl nicht erwartete. „Du meinst, weil ich zu feige war, meinen Erzeuger kaltzustellen, obwohl er das größte Monster der Galaxis ist, geht jetzt alles den Bach runter, ja?"
Die geisterhafte Gestalt des alten Jedi flackerte, als ob er Schmerzen hätte. „Ja, Luke. Du warst unsere letzte Hoffnung auf Frieden. Solange Vader lebt, wird es Krieg geben. Er bringt Tod und Verderben mit sich, wohin er auch geht."
„Tod und Verderben, soso.", murmelte der Junge. „Sag mal… warum trägt er eigentlich dieses schwarze Dings, diesen Anzug und diese Maske?"
„Er wollte mich umbringen.", sagte Kenobi, vielleicht eine Spur zu schnell. „Wir kämpften. Er fiel in eine Lavagrube."
„Und warum hast du ihm nicht geholfen? Du sagtest doch, er sei dein Freund gewesen!"
„Anakin Skywalker war mein Freund, ja. Mein Bruder. Aber das war nicht mehr Anakin, das war Darth Vader.", sagte Kenobi leise. „Er hatte sich verändert. Und ich sah ihn fallen und in die Grube stürzen… er brannte und verschwand. Ich dachte, er sei tot."
„Ah… einem Monster braucht man natürlich nicht mehr zu helfen, das ist klar.", ätzte Luke, er wurde immer wütender. An einer anderen Stelle des Schiffes rührte sich Vader, sandte beruhigende Wellen, stützte ihn. Arik erwachte und umarmte ihn mental und schläfrig, und Leia fuhr aus einem Alptraum hoch, unsicher, was sie geweckt hatte. Alle lauschten sie stumm. „Einem Verräter an den hehren Zielen der Jedi, der etwas Verbotenes und so Verwerfliches wie Liebe über die Pflicht stellte, der jemandem zuhörte, der ihm versprach, diese Liebe zu schützen und zu bewahren." Kenobis Augen wurden immer größer. „Du hast den Auserwählten umgebracht, Ben. Du hast den Größten von uns allen – licht und dunkel - getötet und im Stich gelassen! DU hast Darth Vader erschaffen!"
„Wovon redest du, Luke?" flüsterte Kenobi. „Der Kaiser hat Anakin mit Lügen verführt und auf die dunkle Seite gezogen! ER hat ihn - "
„Unsinn!" fauchte der Padawan in weißer Wut, seine Rechte krallte sich, ohne daß er es merkte, tief in die Erde. „Ich habe es gesehen, Ben. Ich habe alles gesehen, durch seine Augen, habe mit ihm gefühlt und gelitten – ich habe gesehen, wie du ihn verraten hast, verfolgt und belogen, und wie du ihn hast liegen lassen, durchaus, oh, durchaus in Reichweite! Durchaus mit der Möglichkeit, ihm zu helfen, ihn zu retten, noch abzuwenden, was danach unabwendbar war… verbrannt, jenseits des Schmerzes, verstümmelt und verkohlt. DU hast ihn tief in den Haß getrieben, in das einzige, was ihm noch blieb: Haß und Schmerz! Das, was ihn am Leben erhalten hat!"
„Luke - "
„Laß mich in Ruhe!" schrie der Junge außer sich. „Ich weiß mehr, viel mehr, als du jemals über ihn wußtest - du, dessen Schüler er war, du, der ihn begleitet hat, seit er ein Kind war! Ich bin sein Sohn, und ich bin auf seiner Seite! Geh!"
Kenobi wich unwillkürlich zurück, flackernd, schwankend, sein Blick huschte unsicher umher.
„Wo wir hier sind, willst du wissen?" Luke grinste böse. „Dies ist ein Ort, der IHM gehört, den ER geschaffen hat. Aber ich werde es dir nicht verraten, wo er liegt. Sieh dich nur um! Sieh den Frieden, der hier liegt, die Ruhe, die in ihm ist. Nimm es mit und denk darüber nach! Ich will dich nicht mehr sehen – nicht, bevor du nicht all deine Fehler erkannt hast. Und jetzt verschwinde!"
„Luke…" Kenobis Ton war verzweifelt. „Laß mich doch erklären! Anakin - "
„Stop." Luke sprang auf, seine Wut war kalt geworden, er war ruhiger – aber nicht weniger zornig. „In dem Punkt hast du vollkommen Recht: er ist nicht mehr Anakin. Anakin Skywalker ist tot – aber nicht Darth Vader hat ihn verraten und ermordet, wie du mir sagtest, sondern die Jedi und Du! Er starb über Jahre hinweg, langsam, Stück für Stück, während er sich dagegen wehrte, in eine der willenlosen Marionetten verwandelt zu werden, die den Jeditempel zu Dutzenden bevölkerten. Und der Rest von ihm starb auf Mustafar – ohne Gliedmaßen, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, des letzten bißchens Menschlichkeit beraubt."
Der Geist setzte erneut zu sprechen an, aber Luke war noch nicht fertig. „Du sagst, du wärest sein Freund gewesen? Sein schlimmster Feind hätte ihm das nicht angetan! Ich glaube jetzt zu verstehen, Obi-Wan. Dein Weltbild brach auseinander, und du gabst ihm die Schuld daran! Alles, was man dich lehrte zu glauben, jede schale Lüge, jedes zerbrechliche Trugbild, die tönernen Fundamente des Tempels, alles geriet ins Wanken durch einen, der dies durchschaute, der nicht aufhören wollte, selbständig zu denken. Lichtschwert-Diplomatie, ha! Der Kaiser tat genau dasselbe wie die Jedi, nur tat er es offen, mit Truppen, und nannte es ehrlicherweise „Krieg" – und mein Vater half ihm dabei, er stach den Ballon auf, in dem er saß. Weißt du was? In gewisser Weise ist Palpatine ehrlicher als alle Jedi zusammen! Denk mal darüber nach und nimm endlich diese verdammten Scheuklappen ab, die sie dir angebracht haben! Benutz dein Hirn und hör auf, überholte Lehren und verstaubte Regeln nachzuplappern! Denk – und wenn du zur Vernunft gekommen bist, komm wieder. Nicht eher!"
Kenobis Abbild zitterte nun deutlich, waberte und zerfloß, als würde Wind durch Rauch fahren und ihn auseinandertreiben. Er sah verzweifelt und traurig aus, doch das berührte Luke nicht. Als er den Mund für einen allerletzten Versuch öffnete, hob Luke nur die Hand.
„Nein. Ich will kein Wort hören. Und jetzt verschwinde!" In einer unbewußten Geste stieß er beide Hände von sich, gegen Kenobi, und dieser wurde von einem Schwall purer Macht regelrecht davongefegt, löste sich schweigend und baff in Nichts auf.
Luke schloß die Augen, atmete tief durch und setzte sich wieder; er drängte sanft, aber bestimmt seine Familie zurück und versank endlich in Meditation.
