Kapitel 75

Leia war so gereizt und nervös wie ein verwundetes Raubtier.

Sie hatte die anderen dazu gebracht, auf einem harmlosen Planeten zu landen, bis Nachricht von ihrem Vater kam – und seit Stunden tigerte sie nun auf und ab, den Kommunikator nicht aus der Hand legend, unruhig und ängstlich. Sie spürte zwar über das Band, dass Vader lebte, aber sie machte sich dennoch Sorgen… um den Ausgang des Ganzen, und vor allem um die anderen, die sie liebgewonnen hatte. Ihre erweiterte Familie.

Als das Ding in ihrer Hand gleichzeitig vibrierte und ein Tonsignal von sich gab, zuckte sie dennoch heftig zusammen, fing sich aber sofort wieder und nahm das Gespräch an.

„Vater!" brüllte sie aufgeregt. „Geht es dir gut? Geht es den anderen gut? Ist alles in Ordnung? Ist er tot?"

Han, der sich im Hintergrund still auf einen umgefallenen Baumstamm gesetzt hatte und sie beobachtete, konnte ein liebevolles Grinsen nicht unterdrücken. Er blieb sitzen und gönnte ihr diesen Moment allein.

Was auch gut war, denn Vader hatte Maske und Helm noch nicht wieder aufgesetzt, um Leia zeigen zu können, dass er wirklich und gänzlich in Ordnung war. Die paar Blessuren, die er zur Tarnung hatte hinnehmen müssen, waren dank seines Könnens nur leicht und fielen nicht weiter ins Gewicht.

Nun lachte er, was ihn viel jünger aussehen ließ. „Langsam, Prinzessin, eins nach dem anderen! Ja, es geht mir gut, und den anderen auch. Es lief alles wie geplant – wir haben die Kontrolle über alle Schlüsselpositionen, und ja, Palpatine ist tot."

Sie war so erleichtert, dass sie am liebsten geweint hätte, aber als erfahrene Diplomatin bezwang sie sich. „Ich bin so froh, Vater…" Sie starrte auf das Display, auf sein jugendlich wirkendes Gesicht, und erkannte plötzlich durchaus Schatten der Erschöpfung und Müdigkeit. Plötzlich war das Bedürfnis, ihn aufzuheitern, größer. „Ach, übrigens: ich gratuliere, Majestät."

Er zog eine Grimasse. „An den Titel werde ich mich noch gewöhnen müssen."

„Das wirst du.", tröstete sie. „Schneller, als du denkst. Und nein, du solltest nicht dem Wunsch nachgeben und den Leuten gestatten, dich weiterhin mit ‚Lord Vader' anzusprechen. Das bist du jetzt nicht mehr. Du bist der Kaiser.", fügte sie streng hinzu, in einem Tonfall, der ihn schmunzeln ließ.

„Zu Befehl."

„Das ist nicht witzig!" grummelte sie, aber über ihre Lippen zuckte ebenfalls ein Lächeln. „Wie geht es jetzt weiter?"

„Die Höflinge.", seufzte er. „Dann eine Pressekonferenz. Und Entgegennahme von Glückwünschen. Und heute abend endlich eine kleine Feier an Bord der EXECUTOR, denke ich. Das bin ich meinen Männern schuldig."

„Schade, dass ich nicht dabeisein kann…" murmelte sie in ehrlichem Bedauern.

„Ja – ich hätte dich sehr gern hier, aber es wäre zu auffällig."

„Das wäre es wohl.", antwortete sie enttäuscht. „Wann werde ich dich wieder sehen?"

„Das hängt von Mothma ab, fürchte ich. Was sie für Pläne mit dir hat. Und", er grinste jungenhaft, „wie sie auf die Neuigkeiten reagiert. DAS Gesicht würde ich wirklich gern sehen."

„Sie wird Gift und Galle spucken", grinste Leia, „und ich werde meine ganzen Schauspielkünste benötigen, Erstaunen zu heucheln und angemessen entsetzt zu sein."

„Ja… das Monster ist Kaiser. Ob er wohl noch schlimmer, noch grausamer sein wird als der Alte?" In Vaders Stimme war Bitterkeit zu hören, wenn auch nur ein Hauch, während er lächelte. „Schließlich war er als Kettenhund schon übel genug."

„Vater…" sagte Leia hilflos.

„Schon gut, ich kenne meinen Ruf zur Genüge und habe mich einigermaßen daran gewöhnt. Außerdem kann ich nicht abstreiten, dass es zum Großteil wahr ist. Und ich werde auch in Zukunft viele grausame Dinge tun müssen – und sei es nur, um den Schein zu wahren. Aber ich werde versuchen, es so stark wie möglich einzuschränken."

„Ich weiß.", sagte sie leise. Sie schwiegen einen Moment, Vader sah ein wenig hilflos aus.

„Ich muß weiter.", sagte er schließlich. „Der Hofstaat wartet."

Leia nickte. „Ich liebe dich, Vater.", sagte sie zärtlich. „Und ich weiß, dass du tust, was du tun musst. Es gefällt mir nicht, aber ich verstehe es."

Sie fühlte einen mentalen Kuß und lächelte.

„Paß auf dich auf.", bat er leise und sie nickte.

„Natürlich. Ich melde mich, sobald ich kann. Und du sei auch vorsichtig… ich fürchte, du wirst jetzt erst recht zur Zielscheibe werden."

Er lachte grimmig. „Ich zähle längst nicht mehr mit, Leia. Aber ich werde aufpassen. Leb wohl."

„Bis bald, Vater…"

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Vader klappte den Kommunikator zu und steckte ihn weg, bevor er sich wieder Luke und Max zuwandte. Sein Sohn war ein klein wenig vergrätzt darüber, herausgefunden zu haben, dass Leia auch davon gewusst hatte – dass er geheilt war und wie er aussah – und, noch mehr, so lange schon.

„Es tut mir leid, Luke.", sagte er ruhig. „Ich war auf Tatooine vielleicht ein wenig… unvorsichtig. Ich wollte unbedingt dabeisein, wenn sie mit Max sprach. Aus Neugier – und zu ihrem Schutz."

„Du hättest sie auch gleich auf die Farm bestellen können.", knurrte Luke.

„Sie wäre nicht gekommen. Das hätte zu sehr nach Falle ausgesehen."

Nach kurzem Zögern nickte der Junge. „Vermutlich, ja."

„Und danach… sie hat die Datenbank durchstöbert und nach meinem alten Namen gesucht. Dummerweise war da ein Bild von mir… kurz vor Mustafar. Die Narbe", er tippte leicht dagegen, „neben meinem Auge ist recht auffällig. Deine Schwester ist verflixt clever."

„Dein Erbgut oder Mutters?" Nun grinste er wieder.

„Beides.", antwortete er ebenso. „Und du hast es auch."

Luke schüttelte den Kopf. „Sie ist dir sehr ähnlich. Ich bin viel ruhiger."

„Denkst du." Vader lächelte. „Du bist mein Sohn – das kannst du nicht verleugnen. Und das ist ja auch gut so. Ich glaube, mit einem braven Strebertypen hätte ich echte Probleme…"

Luke lachte schallend. „Dann werde ich mein Bestes tun, um das zu verhindern. Ich hab da so eine oder zwei Ideen… Aber jetzt komm. Die Pflicht wartet."

Vader seufzte. „Ich HASSE diese Schleimsch - "

„Dava!" rief Veers ärgerlich.

„Schon gut…" Der dunkle Lord winkte ab, doch beide lächelten. „Muß ich mich wirklich die ganze Zeit benehmen?"

„Nur in der Öffentlichkeit.", versetzte Veers kryptisch, worauf beide noch breiter grinsten.

Luke stöhnte und reichte seinem Vater die Maske. „Hach, muß Liebe schön sein… wenn ich groß bin, lieb' ich auch. Aber jetzt reiß dich zusammen!"

„Spielverderber." Vader nahm die Maske, wandte sich aber nochmals Max zu und küßte ihn leidenschaftlich, bevor er sie aufsetzte.

„Oh, biiiitte…", sagte Luke gedehnt, doch er grinste. Nach allem, was er über die beiden wusste, freute er sich schlicht über ihr Glück. Er gönnte es ihnen von Herzen.

Die Verwandlung war so abrupt und komplett wie immer. Nachdem Vader Maske und Helm aufgesetzt hatte, war der dunkle Lord wieder unter ihnen – und sein Vater, Veers' Partner, verborgen unter dem Panzer. „Wir können."

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Sie traten wieder hinaus auf den Gang. Niemand fragte, was sie so lange aufgehalten hatte, und Vader schwieg. Nun war er wirklich niemandem mehr Rechenschaft schuldig.

Er nickte Kir Kanos kurz zu und setzte sich dann in Bewegung. Seine Begleiter fielen automatisch hinter ihm in Marschtritt, und so erreichten sie eine der großen Audienzhallen, in der die Männer der 501sten den Hofstaat versammelt hatten.

Vader starrte von der kleinen Empore, auf der sie standen, auf die gepuderten, parfümierten Hofschranzen hinunter und unterdrückte ein Schaudern des Abscheus. Idioten, allesamt. Speichellecker, Trittbrettfahrer, Kriecher der übelsten Sorte. Palpatine hatte es geliebt, sich mit diesen Jasagern zu umgeben – er haßte es von Herzen. Sie sahen zu ihm auf – nur Männer, und nur Menschen – und regten sich nicht. Auf ihren Gesichtern zeichnete sich eine Mischung aus Panik, Neugier und Sensationslüsternheit ab – und eine gewisse arrogante, selbstgefällige Sicherheit.

Seiner Stimme war nichts anzumerken, als er sprach – deutlich, ohne laut zu werden, doch er wusste, dass jeder hier ihn hören konnte.

„Imperator Palpatine ist tot.", sagte er ruhig. „Er starb vor einer halben Stunde im Thronsaal an Herzversagen."

Er sah ruhig hinunter, die Männer starrten weiterhin zu ihm hinauf. Mit leiser Verwunderung registrierte er, dass sie stehenblieben, und überlegte, ob er ein Exempel statuieren sollte, und an wem… doch da trat Max nach vorne, hochaufgerichtet, stolz und majestätisch. Die Höflinge sahen ihn ein wenig erstaunt an – und auch ein wenig verunsichert, wie Vader belustigt feststellte. Der Widerstand schmolz bereits dahin, allein durch Veers' Auftreten.

„Nun?" fragte er scharf. „Ihr kniet nicht nieder vor Eurem Kaiser?"

Oh., dachte Vader. Hätte ich dazusagen müssen, dass ich sein Erbe antrete? Ich hatte angenommen, das sei jedem klar… selbst diesen Idioten.

Und jetzt war es das scheinbar auch. Sie sanken auf die Knie, niedergedrückt von der schieren Last von Max' Worten und Präsenz, und beugten den Kopf.

„Imperator… Imperator Vader.", flüsterte einer nach dem anderen, ein Murmeln, das die Halle erfüllte, so leise es auch war.

Genaugenommen knien sie vor dir, Geliebter., grinste Vader innerlich. Beeindruckend. Höchst beeindruckend.

Unsinn!, knurrte Veers zurück. Aber denen werd' ich die Flötentöne noch beibringen…!

Oh ja, das wirst du. Vader lächelte, ohne sich näher zu erklären. Er hatte durchaus bereits Pläne, wie er sein Reich gestalten wollte.

„Erhebt Euch.", sagte er dann laut. Er sprach mit ihnen, fand ruhige, belanglose Worte, die sie für den Moment ruhigstellten, gab ihnen dann einige Anweisungen und wandte sich dann ab, um sich im Presseraum den Reportern – oh? Aus dem Augenwinkel sah er eine Bewegung; einer der Höflinge, ein jüngerer Mann, sprang mit einem Dolch in der Hand auf ihn zu. Beinahe hätte er gelacht – wenn es einen Rekord für die Dauer bis zum ersten Mordversuch gab, hatte er ihn soeben vermutlich gebrochen. Aber er drehte sich nur wieder um und erwartete den Attentäter, gab mit einer Geste seinen Wachen und Begleitern zu verstehen, dass sie nicht eingreifen sollten.

„Tod dem Mörder des Kaisers!" heulte der Mann und stach auf ihn ein. Wie erbärmlich und theatralisch… und wie sinnlos. Die Spitze des Messers glitt wirkungslos an seinem Anzug ab, was einen selten dämlichen Ausdruck auf das Gesicht des Angreifers brachte, gefolgt von schierer Panik und dem Bewusstsein, tot zu sein.

Vader machte sich nicht einmal die Mühe, ihn anzufassen. Er hob die Hand, schloß seine Finger in der Geste des Distanzgriffs und ließ erst los, als er das Knacken brechender Knochen hörte und die Gestalt des Mannes vor ihm schlaff wurde und zusammensank.

Er warf einen Blick über die Menge, die fassungslos, entsetzt und staunend das Schauspiel verfolgt hatte. „Noch jemand?" fragte er knapp. Natürlich regte sich niemand, aber sie hatten ihre Lektion gelernt. „Sehr vernünftig.", sagte er seidig und wandte sich endgültig zum Gehen.

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Als nächstes kam die Meute der Reporter, die ihn im Pressesaal erwartete.

Sein Verhältnis zu ihnen war gespalten. Mit einigen unter ihnen, den besseren, hatte er beinahe seinen Frieden gemacht, mit anderen – von den Klatschblättern und Sensationsfähnchen – führte er immer noch beständigen Krieg. Aber eins hatten sie gemeinsam: sie waren clever. Und so sanken sie unaufgefordert, wenn auch teils nicht allzu aufrichtig, auf ein Knie, als er die Mitteilung vom Tod des Kaisers wiederholte – ohne dass jemand sie dazu aufgefordert, geschweige denn genötigt hätte. Er sah es mit Zufriedenheit.

„Erhebt Euch."

Das Knien würde er irgendwann abschaffen… vielleicht nicht für alle Gruppierungen, aber vielleicht für diese hier. Je nachdem, wie sie sich verhalten würden.

„Die Sicherheit des Reiches liegt mir sehr am Herzen. Ich werde die Bestrebungen fortführen, Frieden, Wohlstand und Gerechtigkeit überall ins Reich zu bringen.", begann er. „Ich werde keinerlei Verbrechen dulden – und dazu gehört auch das Verbrechen der Korruption. Subversive Elemente werden verfolgt und eliminiert werden.

Ich werde die Bündnisse mit unseren Nachbarn und Verbündeten erneuern und neue schließen. Und es wird weitere Veränderungen geben, die zum Vorteil des Reiches und seiner Bewohner sind – Sie werden davon erfahren, wenn es spruchreif ist.

Außerdem gebe ich der Rebellion eine weitere, einmalige Chance, den Krieg zu beenden." Er sah in die Kameras. „Ich weiß, dass Sie das sehen, Mothma. Ich bin zu Gesprächen bereit. Denken Sie darüber nach."

Er wandte sich wieder den Reportern zu, rang sich noch einige Platitüden ab, und wartete dann – in der stummen Hoffnung, dass er sie so eingeschüchtert hatte, dass keine Fragen kommen würden.

Vergebens – allerdings war nur einer von ihnen mutig genug, sich zu Wort zu melden.

„Lord Vader – Sire - wird Euer Sohn an Eurer Seite sein? Wo ist er jetzt?"

Er konnte spüren, wie die Aufmerksamkeit der anderen wieder regelrecht explodierte. Dutzende von Augenpaaren sahen ihn überaus gespannt an.

„Mein Sohn", begann er ruhig und wohlüberlegt, froh darüber, Luke gebeten zu haben, draußen zu warten, „wird von nun an immer in meiner Nähe sein, das ist korrekt. Aber ich werde ihn nicht der Öffentlichkeit preisgeben – noch nicht. Und ich kann nur jeden davor warnen, herausfinden zu wollen, wie er aussieht… zu seinem eigenen Besten." Dieser Zusatz war eigentlich überflüssig, aber er fühlte sich genötigt, ihn anzubringen… warum, wusste er selbst nicht so genau. „Das ist alles, meine Herren." Er wandte sich um und verließ den Pressesaal, und die Anwesenden waren vernünftig genug, ihm nicht hinterherzubrüllen, wie sie es zweifellos bei jedem anderen getan hätten… mit Ausnahme Palpatines, vielleicht.