Kapitel 78

Es hatte noch einige Stunden gedauert, bis Vader mit seinen Leuten wieder auf die EXECUTOR zurückkehrte – die immer noch unter Alarmstufe Gelb stand. Auch der imperiale und Vaders Palast wurden schärfer bewacht als sonst, und so würde es noch einige Tage bleiben – mindestens, bis man sicher sein konnte, dass die Gefahr von Anschlägen wieder auf das „normale" Maß gesunken sein würde. Was nichts weiter bedeutete, als dass man jederzeit mit einem Attentat rechnete. Sowohl Vader als auch Palpatine hatten schon lange nicht mehr mitgezählt.

Und so schwebte Vaders Flaggschiff zwar in einem stationären Orbit über Coruscant, wurde aber beständig von TIE-Fightern umschwirrt wie von einem Schwarm Stechmücken, und sämtliche Kameras und Sensoren waren darauf ausgerichtet, Gefahren frühzeitig auszumachen. Das eine oder andere angreifende Schiff war auch tatsächlich schon abgeschossen worden – und als Angriff wurde jede Annäherung gewertet, deren Pilot sich nicht meldete, ausweisen konnte oder einen triftigen Grund hatte, an Bord zu kommen. Gratulanten und Boten wurden an den kaiserlichen Palast verwiesen, was wiederum bedeutete, dass eigentlich NIEMAND einen triftigen Grund vorzuweisen hatte – außer den eigenen Leuten.

Als sie nun zurückkehrten und Vaders persönlichen Code durchgaben, wurde die EXECUTOR umgehend festlich illuminiert – sämtliche Lichter gingen an, ein offizieller Grußcode lief über das Schiff – die Flottenvariation eines frenetischen Beifalls.

Vader lächelte, als er es sah, und Veers schüttelte amüsiert den Kopf über Pietts Art, sie zuhause willkommen zu heißen.

„Ein wundervolles Schiff.", bemerkte Luke, der hinter Vader stand und über seine Schulter hinweg hinaussah.

„Ja – das Beste. Mit einem hervorragenden Admiral und der besten Mannschaft der Flotte.", antwortete Vader stolz. „Sie ist ein Traum – mein Traum, um genau zu sein. Vieles an ihr stammt von mir – in Zusammenarbeit mit Kuat von Kuat, der mehrere Wunder an ihr vollbracht hat. Sie ist sein Meisterstück."

„Und Deines." Luke grinste. „Und sie ist wohl so etwas wie ein mobiler imperialer Palast, hm? Ich kann mir beim Besten Willen nicht vorstellen, dass du in Zukunft auf Coruscant bleibst."

Vader drehte sich halb um und sah ihn verblüfft an, während Veers, neben ihm, leise lachte. „Jetzt sieh sich das einer an. Es war ihm selbst noch nicht bewusst."

„Nein…", sagte Vader langsam. „Aber ihr habt Recht. Sie ist mein Zuhause."

„Und vermutlich genauso sicher wie der Palast. Oder?"

„Sicherer. Es bräuchte die halbe imperiale Flotte, um ihr ernsthaft Schaden zuzufügen. Oder die gesamte der Allianz."

Veers warf ihm einen Blick zu. Oder den Todesstern.

Vader schloß kurz die Augen. Oder den Todesstern. Aber das wird eine meiner ersten Aufgaben sein – zu verhindern, dass dieses… irregeleitete Spielzeug fertiggestellt wird.

Wie weit ist er?

Vader knurrte mental. Die Waffen sind ziemlich weit. Leider. Palpatine hat großen Wert darauf gelegt, dass das Ding als erstes dahingehend einsatzbereit war… aber warte. Dagegen wenigstens kann ich was tun. Sogar von hier aus.

Er wandte sich einem Computer zu, während Veers in wortloser Übereinkunft die restliche Annäherung an die EXECUTOR vollzog und eindockte. Luke sah beiden stirnrunzelnd zu. „Hab ich das eben richtig verstanden?", fragte er dann ernst. „Es gibt einen zweiten Todesstern?"

Vader seufzte, und Veers' Kopf fuhr erschrocken herum. „Ich hatte vergessen, dass du mithören kannst.", antwortete er, während er sich in ein kompliziertes Programm einwählte, das nicht weniger als ein Dutzend Sicherheitsabfragen und Passwörter verlangte. „Ja – eine zweite dieser Höllenmaschinen ist im Bau und halb fertig. Aber wenn es nach mir geht, wird sie niemals fertiggestellt werden – jedenfalls nicht mit dieser Bestimmung. Vielleicht kann man sie zu etwas anderem umbauen und nutzen – als Forschungsstation oder Tiefraumstützpunkt. Mal sehen."

„Was tust du da?" Luke lehnte sich ein wenig nach vorn, sah zu, wie die gewaltigen Pranken mit atemberaubender Geschwindigkeit über die Tasten tanzten und stützte sich dabei wie selbstverständlich auf Vaders breiten Schultern ab, der das wohl bemerkte – und genoß.

„Ich hacke das Programm, das den Hauptlaser verwaltet, und baue einige Flags ein."

„Huh?"

„Profan gesagt: ich mache einen Knoten in die Leitung. Ich verhindere, dass diese verdammte Waffe abgefeuert werden kann – jedenfalls nicht, bevor ICH das will."

„Kann das nicht rückgängig gemacht werden?"

„Schon. Aber nur von mir – wenn ich so sauber gearbeitet habe, wie ich mir das vorstelle. Und da bin ich mir ziemlich sicher."

„Aber merkt das denn keiner?" Luke runzelte ein wenig besorgt die Stirn.

„Nein. Der Simulator funktioniert weiterhin, und ‚scharfe' Tests hat Palpatine verboten… vorerst. Und ich werde sie sicher nicht erlauben."

„Du meinst, solange keiner danach sucht, wird man die Manipulation nicht bemerken?"

„Das ist der Plan." Vaders Lächeln war beinahe zu hören. „Und was ich eben mache, ist so subtil und in Subroutinen versteckt, daß es Spezialisten braucht, um es zu finden."

„Davon gibt es doch sicher einige…"

„Experten. Ja. Hacker gibt es genug, und hervorragende – und einige der Besten arbeiten für die Allianz, wie ich weiß. Aber ich meinte SPEZIALISTEN."

„Wie in ‚Programmierer' oder ‚Entwickler'?"

„Exakt."

„Aber deren Namen sind doch bekannt. Ganz sicher wird man auch den oder die bestimmt schnell - "

Nie war Vaders Grinsen deutlicher zu hören gewesen als jetzt. „Nein, mein Sohn. Der Haken an der Geschichte ist nämlich, daß sämtliche Programmroutinen unabhängig voneinander geschaffen wurden und es außer mir niemanden gibt, der weiß, wie sie zusammengehören, wo die Schnittstellen sind, die Schleifen und Knoten... Es hatte seine Vorteile, Zweiter im Imperium zu sein und mit solchen Projekten betraut zu werden. Und bis sich jemand darin eingelesen hat, habe ich Zeit genug, um zu agieren… dank diverser kleiner Warnflags werde ich umgehend wissen, wenn sich jemand daran zu schaffen macht."

Luke schüttelte grinsend den Kopf. „Sag mal, gibt es eigentlich irgendwas, was du NICHT kannst?"

„Ja. Kochen.", versetzte Vader trocken.

Nahezu unbemerkt waren sie in der Zwischenzeit gelandet, und Veers wandte sich ihnen zu, nachdem er die Fähre zur Ruhe gebracht hatte.

„Wie lange brauchst du noch?"

„Fast fertig… Sekunde… Jetzt." Vader zog die Hände zurück, nachdem er seine Änderungen gespeichert hatte, und sah Veers fragend an. „Warum?"

„Weil du erwartet wirst… Majestät." Veers grinste und wies nach draußen, wo sich scheinbar das halbe Schiff versammelt hatte. Mannschaften, Offiziere, Heiler, Mechaniker und mehr, alles, was irgendwie in den nicht eben kleinen Hangar paßte, schien angetreten zu sein, und alle hatten ein breites Grinsen im Gesicht.

„Du liebes bißchen…", murmelte Luke erstaunt und erfreut.

„Was für ein Glück, daß man im All keine Schlagseite bekommt.", brummte Vader und erhob sich. „Bringen wir es hinter uns." Veers grinste, als er ihm hinausfolgte – der brummige Tonfall konnte nicht vertuschen, daß der dunkle Lord sich freute. Tief und ehrlich.

In der Mannschaftskabine warteten nicht nur die Soldaten, die sie selbst mitgebracht hatten, sondern auch vier Mann der kaiserlichen Leibgarde – ab sofort war es nicht nur ein Privileg, sondern eine Pflicht, sie bei sich zu haben, auch wenn Vader eigentlich keine Leibwachen benötigte.

Kir Kanos zögerte, als die Luke sich öffnete. Normalerweise war es ihre Aufgabe, als Erste hinauszugehen und zu sichern, aber zum einen war dies Vaders Flaggschiff, und zum anderen kannte er die Eigenheiten und Wünsche seines neuen Herrn noch nicht. Und wirklich stürmte Vader nun auch ohne zu zögern hinaus, gefolgt von Luke und Veers, Arik, Corva und Mara Jade. Erst danach schlossen die vier sich ihm an. Vier – unter Palpatine waren sie selten weniger als sechs gewesen, eher mehr. Kanos war sehr gespannt, wie sein Dienst in Zukunft aussehen würde.

Vader wurde im Hangar mit ohrenbetäubendem Jubel empfangen, was ihn erstaunte und ein wenig verwirrte – aber auch freute. Er gab sich dem ungewohnt undisziplinierten Hurra einen Moment lang hin, gestattete sich den Luxus, es zu genießen, und ließ seine Blicke über die Leute schweifen. Es waren wirklich alle möglichen Schichten vertreten, aus allen Bereichen des Schiffes – sogar Köche und Gärtner waren darunter, Schulter an Schulter mit Sturmtruppen, ölverschmierten Mechanikern und Offizieren aller Ränge in makellosen Uniformen. Dann nickte er, ein wenig tiefer als normal und notwendig – es war eine halbe Verneigung, in Achtung und Respekt vor ihrer ehrlichen Freude, vor ihrer Treue und Freundschaft. Und abrupt verstummten sie, ging ein Ruck durch den Raum, als sie niederknieten, alle, gemeinsam, immer noch lächelnd.

Vader sah es mit Stolz, registrierte erfreut, dass sie ihn voller Respekt und offen ansahen, als er ihnen bedeutete, sich wieder zu erheben. Und das erste Mal seit zwanzig Jahren fühlte er sich wirklich glücklich und am rechten Ort – da, wo er hingehörte. Zuhause.

Die Feier am Abend, nach einigen Pflichtterminen, fand im Auditorium statt, zog sich aber der schieren Masse wegen von dort aus durch einige Gänge und in eine benachbarte Messe. Es gab Buffets, und wieder waren für einige Stunden alle trennenden Schranken niedergerissen. Vader hatte angeordnet, dass jeder an Bord des Schiffes einzuladen war, gleich, welche Aufgabe oder welchen Rang er hatte. Nur eine Notbesatzung überwachte die Monitore, und wer Bereitschaft hatte, trug einen Kommunikator auf Empfang. Piett hatte er unter Androhung drakonischer Strafen dazu bringen müssen, teilzunehmen; er stand nun mit Corva an seiner Seite in Vaders Nähe und barst beinahe vor Stolz.

Vader – den die meisten hier immer noch als ‚ihren' dunklen Lord und Kommandanten sahen, nicht als Kaiser - bildete das Zentrum der Kreise und Wirbel, zusammen mit Veers, Luke und Arik, Piett und Corva. Kameras waren nicht zugelassen und von Vader eigenhändig deaktiviert worden.

Kir Kanos und seine Kameraden hatten, sehr zu ihrer Verwunderung, Anweisung bekommen, normale Uniform anzulegen und ‚den Abend zu genießen'. Sie mischten sich nun unter die Leute, blieben aber aus alter Gewohnheit stets in Sicht- und Reichweite ihres Mündels und stets aufmerksam. Aber das Tragen regulärer Uniformen brachte überraschende Effekte mit sich.

Kanos hatte schon bei ihrer Ankunft auf dem Flaggschiff die Begeisterung der Leute erstaunt zur Kenntnis genommen, ihre tiefe Verbundenheit zu Vader. Dergleichen hatte er bei Palpatine nie erlebt. Und nun – er belauschte, mehr durch Zufall, Gespräche, die ihn zutiefst überraschten.

„…tut ihm wirklich gut. Veers war das Beste, was ihm passieren konnte.", sagte eben ein Captain neben ihm halblaut zu einem anderen. Kanos spitzte neugierig die Ohren, während er sich den delikaten Häppchen widmete, die gereicht wurden.

„Seit wann sind sie eigentlich zusammen?"

„Länger, als wir denken, schätze ich mal. Er ist unvorsichtig geworden in den letzten Wochen. Man sieht sie öfter zusammen, näher beieinander als zuvor, er berührt ihn – hat er früher nie gemacht."

„Vielleicht ist es ihm einfach egal… ich habe gehört, er hat selbst laut und deutlich von seinem ‚Partner' gesprochen im Südkorridor in Abschnitt 375. Zu seiner Tochter – und auch das hat er laut gesagt… daß Prinzessin Leia seine Tochter sei."

Der erste Captain lächelte. „Unglaublich. Vor einem Jahr hätte ich noch geglaubt, die Welt geht unter, wenn mir das einer gesagt hätte. Und jetzt? Schau ihn dir an! Er leuchtet regelrecht von innen heraus, und das ganze Schiff steht hinter ihm… Was früher Angst war, ist jetzt Respekt. Wahnsinn." Der Captain sah mit einem Lächeln zu Vader hinüber, der sich, Wunder über Wunder, angeregt mit einigen Offizieren unterhielt, Veers dicht an seiner Seite.

„Ja… ich habe von anderen Schwadronen gehört, dass sie ebenfalls vollkommen hinter ihm stehen, nicht nur unsere. Wenn der Putsch schiefgegangen wäre, hätte das Reich sich gespalten. Und ich glaube, der größere Teil hätte Vader unterstützt, nicht Palpatine."

„Warum wohl…", brummte der erste. „Wer ein wenig hinter die Kulissen blickt und nichts auf das Gossengeschwätz gibt, weiß, daß er ein geborener Anführer ist und für seine Leute sorgt."

„Gossengeschwätz? Nujin, du weißt genau, daß da sehr wohl Wahrheiten drinstecken."

„Ja, weiß ich. Aber es sind weniger, als die Gerüchte sagen. Und soweit ich weiß, hatte er in den meisten Fällen einen triftigen Grund."

„Über das ‚triftig' kann man streiten", murmelte der zweite leise, „aber grundsätzlich muß ich dir recht geben. In einigen Fällen, von denen ich weiß, hat er Fehler ‚korrigiert', die durch Schmiergelder und Beziehungen entstanden sind. Wenn auch nicht in allen."

„Und? Wir stehen hier und haben genauso gejubelt wie die anderen. Und du kannst nicht behaupten, du hättest dich dabei unwohl gefühlt oder Theater gespielt. Oder?"

Der andere brummte. „Nein. Bei ihm weiß man wenigstens, woran man ist. Wenn man sein Bestes gibt und ehrlich ist, ist der Dienst unter ihm völlig streßfrei. Seine Grenzen sind scharf gezogen und die Regeln klar definiert. Warum, glaubst du, bin ich hier?"

Der Erste sah ihn an. „Stimmt es denn? Daß du hättest Captain der HUNTER hättest werden können?"

Ein Knurren antwortete ihm. „Ja."

„Und du hast abgelehnt?!"

„Bin ich denn wahnsinnig? Nur durch Beziehungen und Bestechung hätte das geklappt. Und was hätte ich gewonnen? Ein Kommando, na schön. Unter einem Großadmiral, der auf demselben Weg an seinen Posten gekommen ist und keine Ahnung hat. Mit einer unmotivierten Besatzung. Nein, Sarn, da bleib ich lieber hier… auch Captain, aber unter einem Admiral, der seinen Job versteht, mit Kameraden, die lieben, was sie tun, und einem Kommandeur, der genau weiß, was du tust, und es honoriert, solang du dir Mühe gibst… und der immer vornedran ist, nicht irgendwo in Sicherheit weit hinter den Linien. Ich bleibe hier, solang Vader mich haben will."

Der andere Captain grinste. „Ich glaube, du bist nicht der einzige, der so denkt, Nujin. Ich hätte genauso entschieden."

Die Männer sahen sich an und prosteten sich zu, und Kir Kanos ließ sich unauffällig in der Menge davontreiben, nachdenklich - aber sehr zufrieden, denn es blieb nicht bei diesem einen Gespräch, das er mithören konnte.