Das Licht war fast unerträglich hell aber Kim zwang sich ihr Auge weiter offen zu halten. "Mmh ..." Das Licht wanderte als Ann die kleine Taschenlampe zum zweiten Auge ihrer Tochter bewegte. Immer wieder schwenkte die Ärztin das Licht hin und her. "Alles okay, Mum?" "Pupillen-Reaktion normal, aber ..." "Was aber?" "Ich dachte ... ach nein, war nur eine Reflektion. Es ist alles in Ordnung, Schätzchen." Die Ärztin schaltete die Taschenlampe aus und steckte sie wieder in die Innentasche ihres Kittel. "Ich bin wohl einfach noch nicht ganz ausgeschlafen." sagte sie während sie sich ihre Augen rieb als wollte sie die letzten Spuren Müdigkeit daraus vertreiben. "Tut mir leid das du dir solche Sorgen gemacht hast." "Ach Kimmie, das war doch nicht deine Schuld." "Ich weiß, aber ..." "Nichts aber, Schätzchen. Das war ein Unglück und niemand hat daran schuld." Mit ruhiger Hand begann Ann den Verband zu lösen der um den Hals ihrer Tochter gewickelt war. "Hast du noch irgendwelche Schmerzen? Wenn ja" "Nein, eigentlich nicht. Nur ..." "Nur, was!?" Eine leichte Panik war in der Stimme der besorgten Mutter zu hören. "Es juckt." Das breide Grinsen ihrer Tochter ließ Ann sich beruhigen und es erwidern. "Nun, dafür haben wir verschiedene Salben. Es kann sein das die Nähte die Haut reizen, aber ich fürchte du wirst das noch etwas länger ertragen müssen." Langsam wurde die Druckkompresse erkennbar die auf der Wunde lag und sie sowohl vor Keimen wie auch anderen äußeren Faktoren schützte. "So Kimmie, jetzt kommt der unangenehme Teil. Sag mir bitte sofort wenn du irgendwas fühlst, ja? Kein Grund die Heldin zu spielen." Kim wollte etwas sagen aber Ann stoppte sie bevor sie dazu kam. "Und du weißt genau wie ich das gemeint habe." Schließlich nickte Kim während ihre Mutter sich an der Kompresse zu schaffen machte. Die rothaarige Heldin saß auf ihrem Bett und hielt ihren Kopf zur Seite damit Ann besser an die Bandagen heran kam. Neben der Ärztin stand ein kleiner Tisch auf dem neben einer ganzen Reihe verschiedener medizinischer Instrumente auch frische Bandagen für Kim bereitstanden. "Du hattest wirklich unglaubliches Glück, Schätzchen. Hätte Ron dich nicht so schnell gefunden ..." Vor ihrem inneren Auge durchlebte Ann diese schreckliche Nacht noch einmal. Jede Sekunde hatte sich der Ärztin ins Gedächtnis eingebrannt und war so klar als wäre es erst wenige Minuten her und nicht bereits Tage. Es war Ron der Kim in der Gasse gefunden hatte, zu dem Zeitpunkt war die Attacke bereits vorbei und sie schwer verletzt. Als die Notärzte Kim dann in die Notaufnahme brachten war Ann unter den Ärzten die sie behandelten, nichts und niemand hätte sie davon abhalten können. Was auch immer ihre Tochter angegriff, es hatte ihr fast die Halsschlagader zerfetzt. Bei der Einlieferung war Kim nahezu vollkommen ausgeblutet gewesen und es hatte Unmengen an Blutreserven gebraucht bis Ann die zerrissenen Arterien hatte vernähen können. Und als wäre das noch nicht schlimm genug gewesen wurde Kim während der gesamten Behandlung war sie von schweren Krämpfen geplagt, ihr Blutdruck war gefährlich gesunken, selbst nachdem ihre Wunden versorgt waren. Dazu wurde sie auch noch von heftigen Halluzinationen, starkem Fieber und Schmerzen geplagt und selbst mit einer kontrollierten Überdosis an Schmerzmittel hatten sich das Leid des Mädchens nicht lindern lassen. Drei Tage und Nächte lang war Kim in diesem Zustand gewesen, und niemand hatte eine Erklärung warum sie solche Qualen durchlitt oder wie man ihr hätte helfen können. Zur Sicherheit wurde die rothaarige Teenagerin in die Quarantäne-Station des Krankenhauses verlegt, dort befand sich das Labor direkt neben dem Raum in dem Kim am Ende aufgewacht war, so das Ann sie immer wieder sehen konnte. Wenn die besorgte Mutter nicht am Krankenbett ihrer Tochter wachte checkte sie die Ergebnisse der Labor-Tests von Kim bis diese am Ende nur noch irgendwelche Linien auf Papier für sie waren. Es hatte keinen Sinn gemacht, die Ergebnisse waren ein einziges Rätsel aus Werten die Ann in dieser Kombination noch nie zuvor gesehen hatte und deren Ursache sie sich einfach nicht erklären konnte. Während die Anzahl roter Blutkörperchen mit jeder Stunde immer mehr abnahm waren die Weissen sogut wie garnicht mehr vorhanden. In Kims Blut trieben nur noch deren zerfetzte Reste, als wären diese lebenswichtigen Zellen durch einen Mixer geschwomen. Auch weitere Transfusionen konnten Kim nicht helfen und milderten bestenfalls ihren Zustand für kurze Zeit. In den über 72 Stunden nach der Einlieferung ihrer Tochter hatte Ann nicht eine Minute geschlafen und verzweifelt nach der Ursache gesucht, ohne den geringsten Erfolg. Erst in der dritten Nacht besserte sich Kims Zustand wie aus heiterem Himmel. Das Fieber sank innerhalb von Stunden, die Krämpfe ließen nach und all ihre Werte normalisierten sich wieder. Nach Tagen schien es Kim endlich besser zu gehen und die Erleichterung war so groß das Ann, die immernoch nach einer Ursache suchte noch im Labor eingeschlafen war. Kim selbst hatte so gut wie keine Erinnerungen, weder von der Attacke selbst noch den darauf folgenden Tagen. 'Vielleicht ist es auch besser so.' Welche Mutter würde sich nicht wünschen das ihr kleines Mädchen eine solche Tortur einfach vergessen könnte? 'Wenigstens haben Jim und Tim ihre Schwester nicht so sehen müssen.' "Da fällt mir ein, Schätzchen. Dein Vater und die Zwillinge kommen nachher vorbei, vielleicht willst du etwas anziehen das etwas weniger ... offen ist. Ich hab ein paar deiner Sachen mitgebracht." "Bitte-Dankeschön." Das ihre Tochter selbst nach solch einer Sache noch ihre gute Laune behalten konnte erstaunte und freute Ann. "So und jetzt ganz stillhalten während ich die Kompresse löse und denk dran" "Beim kleinsten Stechen ... ja, ." Vorsichtig löste Ann eine Ecke der Kompresse und die darunter liegende Haut hatte die erwartete dunkel-rote Färbung von getrocknetem Blut. Immer weiter zog sie an dem Siegel das die Wunde ihrer Tochter geschlossen hielt, bereit sofort zu reagieren sollte sie Blut fließen sehen. "Das ... !" Plötzlich zog Ann den letzten Rest der Kompresse ab wie ein einfaches Pflaster, schnell genug das die rothaarige Heldin es überdeutlich spürte. "Autsch! Mum! ... Mum?" Ann starrte auf den Hals ihrer Tochter. "Unmöglich." Die Ärztin begann mit einem feuchten Tuch das getrocknete Blut abzuwischen, dann drehte sie Kims Kopf leicht hin und her als suchte sie etwas. "MUM! Was ist los?" forderte das Mädchen. "Das ... soetwas habe ich noch nie gesehen." "Was denn? Was?" Panik kroch in Kim hoch, was auch immer ihre Mutter so geschockt hatte konnte unmöglich etwas Gutes sein. "Kimmie ... ich ... das ... sieh selbst. Es ist unglaublich." Ann hielt ihrer Tochter einen Handspiegel hin, sie erwartete bereits das Kim sehen wollte was sich unter dem Verband verbarg, doch nie hätte sie mit SOETWAS gerechnet. Kim nahm den Spiegel und bereitete sich auf das Schlimmste vor. Sie suchte den Augenkontakt ihrer Mutter doch die starrte weiterhin auf den Hals ihrer Tochter. Kim hielt den Spiegel auf Augenhöhe und begann ihn langsam zu drehen. Sie sah ihre Schulter und atmete noch einmal tief durch. Sie musste wissen was ihre Mutter so aus der Fassung gebracht hatte. Sie bewegte den Spiegel und verstand sofort warum Ann so reagiert hatte. An der Seite ihres Halses waren dutzende feiner schwarzer Streifen zu sehen die in einen seltsamen Halbkreis angeordnet waren. Esbklebte noch immer der eine oder Andere Fleck getrocknetes Blut auf ihrer Haut, doch die Stelle innerhalb des Kreises aus Fäden war vollkommen unverletzt. Keine Wunde, keine Verletzung. Nur die Fäden die ihre Mutter zum Schließen verwendet hatte. Doch was hatte sie verschlossen? Kim war unverletzt, und das verstand sie nicht. Possible, ihre Mutter war eine erfahrene Ärztin die schon zahllose Leben gerettet hatte. Hatte sie vielleicht Panik bekommen und die Wunde als gefährlicher empfunden als sie tatsächlich war? War Kim überhaupt verletzt worden? Wenn nicht woher stammte dann das Blut? Hatte sie mit dem Einbrecher gekämpft und dabei vielleicht etwas von den Spenden abbekommen? Doch wenn das so war wieso zierte dann jetzt eine schneeweiße Narbe Kims Hals? Eine Narbe in Form eines menschlichen Gebisses.
Am anderen Ende der Stadt, in einem verlassenen Lagerhaus, saß ein vollkommen mit Bandagen vermummter Mann an einem Tisch und sang mit krächzender Stimme 'Happy Birthday to you'. In der Dunkelheit war für normale Menschen nicht viel zu erkennen, doch die Kerzen auf einer Torte spendetetn ein Minimum an Licht. Gegenüber des Vermummten Sängers saß ein junges Mädchen, mit gold-blondem Haar das nichteinmal zehn jahre alt sein konnte und starrte auf die Torte vor sich. "Herzlich ... Glückwunsch ... Eliza." Der Vermummte schob den Kuchen etwas dichter an das Mädchen. "Daddy ... hat ... dir ... Geschenke ... mitgebracht. Freust ... du ... dich?" Er sprach nur abgehakt, als bekäme er nicht genug Luft und setzte zwei Puppen neben die Torte. Sie waren notdürftig mit bundem Papir umwickelt worden das an vielen Stellen schon zerrischen war. Die Schleife hingegen war fast schon kunstvoll und voller Liebe gebunden. Das Mädchen starrte weiterhin ins Leere von ihren Geschenken ungerührt. "Willst ... du ... die ... Kerzen ... nicht ... auspusten?" Noch immer reagierte das Mädchen nicht. "Eliza ... freust ... du ... dich ... denn ... nicht? Möchtest ... du ... vielleicht ... etwas ... Anderes? Daddy ... erfüllt ... dir ... jeden ...Wunsch." Noch immer bewegte das Mädchen sich nicht. "Eliza ... bist ... du ... Daddy ... böse? Weil ... Mama ... fortgegangen ... ist?" Endlich bewegte es sich. Der Kopf des Mädchens sank auf seine Brust. "Nicht ... weinen ... Daddy ... ist ... ja ... da ... und ... beschützt ... Eliza? Eliza?" Der vermummte stand auf und ging zu dem Mädchen, er legte den Arm um sie und tröstete das weinende Kind. Sanft tätschelte er ihr den Kopf und summte ein Kinderlied, dabei wipte er sie in seinem Arm. Der Kopf des Mädchen fiel von den Schulter und rollte klappernd über den Boden. Die Perücke rutschte glatte Plastikoberfläche herunter, es war der Kopf einer Schaufenster Puppe in Kindergrösse.
In einem der besten Hotels der Stadt saß eine großgewachsene Frau mit langen silbernen Haaren in einem Kreis aus Kerzen. Bis auf das Licht der Kerzen war der Raum vollkommen dunkel, kein einziger Sonnenstrahl fand den Weg in das Zimmer und so war es auch beabsichtigt. Ihre weisse Haut strahlte im flackernden Licht der Kerzen während ihre Haare wie flüssiges Mondlicht ihren nackten Körper zumindest teilweise bedeckten. Ihre Atmung wurde mit jeder Sekunde tiefer und ruhiger bis sie schließlich völlig zum erliegen kam. Über eine Stunde saß sie dort bewegungslos, nichts verriet das sie noch am Leben war. Ihre Atmung war so flach geworden das und ihr Herzschlag so langsam das sie mehr einer Leiche als einer lebendigen Frau. Nach zwei Stunden stand sie schließlich auf, löschte die Kerzen und schaltete das Licht ein. Sie ging am Bett vorbei zur Komode und begann eine dicke Schicht Make-Up aufzulegen. Den kleinen Beutel im Mülleimer schenkte sie keine Beachtung, die Putzfrau die später am Tag jedoch das Zimmer betrat würde den Schreck ihres Lebens bekommen als sie die kleinen Beutel mit den Resten einer roten Flüssigkeit darin bemerkte.
