So… es folgt ein vergleichsweise kurzes Chap :)

ZauBaerin: Sev und gute Laune ist ja quasi wie Pommes und Marmelade ;) Geht (erst einmal) einfach nicht. Und ja… Hermine hat's nicht leicht. Aber sie packt das schon, ich glaub ganz fest dran ;)

NickTessFan: *keks geb* Ich freu mich dann einfach über jedes Review, das ankommt, doppelt :D Dann kommt's wieder hin! Die drei Mistvie…äh…Mistkerle sind gepackt, ja. Die sitzen jetzt erst einmal in Azkaban, bis man Zeit findet, um sich um sie zu kümmern :) Und Sev kann halt einfach nicht anders, als immer rumzumeckern… aber harte Schale und so weiter :D

Weiter geht's!

8. Angst

Severus fand sie so, als er nach drei Stunden Unterricht endlich Zeit hatte, um nach ihr zu sehen: Mit aufgerissenen Augen zusammen gekauert im Bett liegend, als müsse sie darauf aufpassen, dass sich ihr niemand näherte.

„Miss Granger?"

Sie fuhr zusammen, als seine Stimme sie erreichte und er sah, wie sich ein Zittern den Weg durch ihren verspannten Körper bahnte und sie sich instinktiv schützend zusammen rollte.

Nachdenklich ging er um das Bett herum, so dass er sie ansehen konnte. Ihr blasses Gesicht entspannte sich etwas als sie ihn augenscheinlich erkannte.

„Severus."

Offensichtlich waren sie beim 'Du'.

Er nickte ihr zu. „Wie geht es dir?"

Kurz schien sie zu zögern, doch er zog sich geduldig einen Stuhl heran und setzte sich an ihr Bett. Schließlich entschied sie sich doch für eine wahrheitsgemäße Antwort: „Ich sehe es immer wieder. Immer, wenn ich die Augen zu mache. Und wenn ich versuche, die Erinnerungen weg zu schieben, werden sie noch deutlicher – aber alle anderen treten zurück." Ihre Stimme sank zu einem Flüstern. „Ich überlege, wie alt ich bin, wie meine Eltern heißen, was mein Lieblingsessen ist, wo ich wohne... aber es scheint alles weit weg zu sein und manchmal glaube ich mich zu erinnern, aber dann verschwindet es wieder und er ist da." Sie schauderte. „Kannst du nicht irgendetwas machen?"

„Nein, Hermine. Selbst wenn ich dich obliviate, wird es dir nicht viel besser gehen. Du wirst immer das Gefühl haben, dass dich etwas bedroht, was du nicht einordnen kannst. Der einzige Mensch, der dir wirklich helfen kann, bist du selber. Deine gryffindorsche Kämpfernatur ist jetzt gefragt. Sieh dir die Erinnerungen an und schließe mit ihnen ab. Das Alles ist vorbei. Du hast es überstanden und das Leben geht weiter. Du kannst es dir nicht leisten, jetzt aufzugeben. Deine Tochter braucht dich. Du musst deine Erinnerungen trainieren und du musst aufhören, dich in deinem Kopf einzusperren." Die mit Nachdruck gesprochenen Worte schienen bei ihr anzukommen, denn sie hatte sich langsam, wie unter großer Anstrengung aufgesetzt und straffte sich nun ein wenig.

„Sag mir, wie ich sie zulassen soll... jedes Mal, wenn sie hoch kommen, unterdrücke ich sie automatisch. Wie man die Hand vom Feuer zurückzieht."

„Mit Willenskraft, Hermine. Du musst es wollen. Wenn du willst, kann ich dir helfen, in dem ich sie mit dir zusammen anschaue. Das wäre allerdings eine Art Schocktherapie, denn sei versichert, ich würde dich nicht weg laufen lassen."

Für einen Moment sah er, wie sie hin und her überlegte. Augenscheinlich vertraute sie ihm, aber es konnte ihr nicht leicht fallen, ihn darum zu bitten, mit ihr ihren ganz persönlichen Leidensweg anzusehen.

Er sah ihr direkt in die Augen. „Ich werde dich nicht weglaufen lassen, Hermine. Aber ich werde dir nichts abverlangen, von dem ich glaube, dass du es nicht schaffen kannst und ich werde da sein, wenn wir die Sitzungen beenden. Aber du musst mir vertrauen, auch wenn es leichter gesagt als getan ist. Wenn du dich da durch beißt, wirst du sicherlich schneller wieder salonfähig sein als wenn du es alleine versuchst. Aber leicht wird es nicht."

„Was ist mit meinen anderen Erinnerungen?"

„Um die kümmern wir uns nebenbei. Und weil ich jetzt keine Zeit für Legilimens habe, fängst du direkt mit deinen anderen Erinnerungen an."

Schwungvoll zog er ein kleines Päckchen mit Heften aus den Tiefen seines Umhangs und legte sie auf Hermines Tischchen. Sie wollte sich gerade wundern, als er seinen Zauberstab hervor holte und die geschrumpften Bücher in ihre alte Größe zurück verwandelte. Nun lagen sieben dicke Bücher auf Hermines Tisch.

„Das sind die Zaubertrankbücher der sieben Jahre. Falls du dich erinnerst: Das war und ist mein Fach hier in Hogwarts und du warst eigentlich immer exzellent darin. Du wirst sie durcharbeiten – wenn du dich an den Stoff erinnerst, bist du in vier Stunden fertig. Wenn nicht... fröhliches Aufarbeiten." Mit einem schmallippigen Lächeln erhob er sich und verschwand ohne ein weiteres Wort mit wehenden Roben.

Sprachlos blickte Hermine auf die Bücher, doch dann packte sie ihr Wissensdurst und sie begann mit dem Stoff der ersten Klasse.

Zu ihrer Erleichterung stellte sie schon bald fest, dass sie sich an die meisten Dinge erinnerte, sobald sie die ersten paar Sätze darüber gelesen hatte.


Als Severus nach dem Mittagessen noch einmal bei Hermine vorbei schaute, fand er sie über dem Arbeitsbuch der dritten Klasse zusammengesackt. Besorgt eilte er zu ihr, um dann erleichtert festzustellen, dass sie schlief.

Vorsichtig zog er ihr das Buch weg und drückte sie sanft, aber nachdrücklich richtig in die Kissen.

Im nächsten Moment wusste er, warum Poppy Hermine klugerweise in ihrer unbequemen Position belassen hatte.

Der leichte Druck auf ihren Körper reichte aus, um sie aus dem Schlaf zu reißen und sie mit eiskalter Panik zu überfluten. Lestrange war wieder da, er drückte sie wieder auf den kalten Boden, tat ihr wieder weh...

Als sie unter seinen Händen heftig zu hyperventilieren begann und die Augen verdrehte, fuhr Severus erschreckt zurück.

Sobald er sie nicht mehr berührte, klappte sie zusammen wie eine wildgewordene Muschel, rollte sich in Embryonalstellung ein und schlang die Arme um die Knie.

Dann hielt sie ganz still, nur ihr keuchender Atem und das angespannte Zittern ihres Körpers in Erwartung dessen, was er ihr nun antun würde, zeigten, dass sie noch lebte.

„Hermine", schnurrte er, wie er hoffte, beruhigend. „Ich bin es, Severus Snape. Es ist alles in Ordnung."

Es schien ihm, als hätte ihr Zittern etwas abgenommen.

„Es tut mir leid, ich wollte es dir nur etwas bequemer machen – deine Lage sah nicht unbedingt gesundheitsförderlich aus."

Wie schon zuvor ging er um ihr Bett herum, so dass er sie ansehen konnte. Ihre Augen starrten ihn aufgerissen an.

Seufzend kramte er einen Trank zur Beruhigung des Geistes hervor, machte sich in Gedanken ein Memo, mindestens ein Fass neuen zu brauen, und hielt ihr die Phiole hin. „Trinken."

„Was ist das?"

„Probier es und sag es mir selber. Es wird dir helfen, soviel kann ich dir sagen."

Anscheinend kostete es sie einiges an körperlicher und mentaler Anstrengung, ihre Hand aus ihrer eigenen Umklammerung zu lösen, doch sie schaffte es und nahm ihm die Phiole ab. Zunächst schnupperte sie nur daran, dann setzte sie sich mit wachsamen Blicken auf ihn vorsichtig etwas auf und kippte den Trank in einem Zug hinunter.

„Beruhigungstrank. Kamille, Salbei, Honig, Lavendel, Phönixtränen, Tiefseealgenextrakt."

„Nahezu perfekt, Miss Granger." Er rang sich ein Schmunzeln ab, doch sie starrte ihn weiter an, jetzt jedoch eher grübelnd – der Trank tat seine Wirkung und sie entspannte sich.

„Noch etwas anderes?"

„Denk nach."

Sie schmeckte den Trank nach, roch noch einmal an der nun mehr leeren Phiole und wog dann den Kopf. „Ein Hauch Zitronengras. Und rein von der Wirksamkeit her würde ich vermuten, dass auch Sternsamenöl mit drin ist, auch wenn das geschmacksneutral ist."

„Sternsamenöl geschmacksneutral?"

„Ja."

„Wann?"

„Wenn es frisch ist. Und man sollte es nur frisch benutzen. Bekommt es eine bittere Note, ist es alt, verliert seine Wirksamkeit und wird sogar eher unbekömmlich."

„Wie alt bist du?"

„32 Jahre und ungefähr 5 Monate. Ich weiß nicht, welcher Tag heute ist und wie viel Uhr wir haben."

Das Gespräch war wie aus einem Guss und als er grinste, war sie zunächst verwirrt und lächelte dann ebenfalls zögernd.

„Wie machst du das?"

„Präzisieren sie ihre Fragstellung, Miss Granger."

„Wie schaffst du es, dass ich nicht nachdenken muss?"

„Ich bin Lehrer, Miss Granger. Ich bin darauf angewiesen, so arbeiten zu können, dass meine Schüler nicht denken müssen – in der Regel beherrscht das nämlich kaum einer von ihnen. Allerdings scheinen wir uns nicht verstanden zu haben – auf dich trifft das nämlich ganz und gar nicht zu. Soweit ich mich erinnern kann, KANNST du denken und obendrein MUSST du es in der aktuellen Situation.

Es tut mir Leid, dass ich dich geweckt habe. Aber wenn du schon mal wach bist, können wir mit Legilimens anfangen, meinst du nicht?"

Seine ehemalige Schülerin straffte sich und nickte.

Severus kam nicht umhin, sie zu bewundern. Nach Zauberermaßstäben war sie noch sehr jung und obgleich das Schicksal ihr übel mitgespielt hatte, war sie nicht bereit, sich kampflos zu ergeben. Sie würde es schaffen, dessen war er sich sicher.

„Wie läuft das ab?", erkundigte sie sich und obwohl der Beruhigungstrank noch immer wirkte, sah sie etwas beunruhigt aus. Kein Wunder, denn sie ahnte ohne Zweifel, was kommen würde.

„Wir gehen deine Erinnerungen durch. Vom Anfang bis jetzt. Am besten stellst du dir deinen Kopf wie ein Regal vor. Normalerweise sind die einzelnen Fächer geordnet und katalogisiert. In deinem Kopf wurden die Regalböden einfach aus dem Regal gerissen, sodass alle Ordner auf den Boden gefallen sind und nun wild durcheinander dort liegen. Die aktuellsten Erinnerungen sind dicke, schwere Ordner, die die anderen niederdrücken. Wenn Albus deine Erinnerungen an Fawkes heraus kramt, zieht er nur einen Ordner unter vielen anderen hervor - dadurch wird das Gebilde aber nicht wieder stabil. Wir müssen wieder eine Ordnung in dein Gedankenregal bringen, sodass wieder alle Erinnerungen abrufbar sind – nicht nur die, die zu oberst liegen. Wir dürfen aber auch keine Gedanken außen vor lassen, auch wenn sie unangenehm sind – sonst kommt wieder Unordnung hinein."

Hermine war nicht sonderlich begeistert von dem Gedanken, jemandem ihr gesamtes Leben zu zeigen, inklusive aller pikanten Details... aber anscheinend ging es nicht anders. Und irgendwie faszinierten Severus' Ausführungen sie.

„Woher weißt du das alles?"

„Ich bin Legilimentiker, Hermine. Dafür gibt es keine Lehrbücher, denn Legilimens kann man nicht lernen. Entweder man hat eine Begabung dafür, die man ausbauen kann, oder man hat keine. Deshalb wird dir vermutlich jeder Legilimentiker seine eigene Sicht auf die Gedankenwelten der Menschen erklären. Tatsächlich sind diese ganzen Vorgänge aber viel zu komplex, um sie in ein alltägliches Beispiel zu kleiden, zumal sie sich auch noch von Mensch zu Mensch unterscheiden."

„So etwas ist ungeheuer faszinierend."

„Ja, wirklich, ungemein." Da war sie wieder, die Ironie. „Können wir jetzt anfangen?"

Unbehaglich sah sie ihn an, nickte aber tapfer.

Ihm war plötzlich wieder zum Lächeln zu Mute, auch wenn er es nicht zeigte. „Ich werde unwichtige Sachen nicht lang und breit betrachten, versprochen. Und natürlich gebe ich dir mein Wort, dass das hier alles unter uns bleibt."

Sie nickte dankbar und sah ihm dann fest in die Augen. „Dann los."

Er nickte und setzte sich an ihren Bettrand. Dann sah er ihr in die goldenen Augen, die eindeutig ganz die alten waren. Mit einem nonverbalen „Legilimens" versetzte er sich wieder in die Einödnis ihrer Gedanken.

Wobei Einödnis diesmal das falsche Wort war. Tatsächlich war es nicht vollkommen leer, sondern es geisterten neben ihren düsteren Erinnerungen auch immerhin die letzten paar Stunden in ihrem Kopf herum. Also schien ihr Kurzzeitgedächtnis zumindest partiell zu funktionieren.

Doch er hielt sich nicht großartig damit auf, sondern schob sich zu ihrer Mauer hin, durch die sie ihn diesmal allerdings von alleine ließ.

Hier begann er seine Arbeit, ähnlich dem Schema, mit dem er sie am Morgen dazu gebracht hatte, sich an ihn zu erinnern. Er kämpfte sich durch den Wust ihrer Erinnerungen und pickte sich zuerst all jene heraus, die mit ihrer Kindheit vor Hogwarts zu tun hatten. Davon gab es nur noch wenige, einprägsame, das Meiste hatte ihr Unterbewusstsein natürlich wie bei jedem Menschen Anfang 30 verschluckt.

Er überließ es ihr, die Gedanken chronologisch zu ordnen.

Severus kam nicht umhin, festzustellen, dass schon Hermines Kindheit von ihrem Genie und der daraus resultierenden Einsamkeit geprägt gewesen war. Augenscheinlich hatte sie nicht viele Freunde gehabt und sich schon früh mehr für Bücher interessiert, denn für Menschen. Zudem schien sie wie alle Magierkinder, die unter Muggeln aufwuchsen, unter den Anzeichen der Magie gelitten zu haben, denn die Missgeschicke, die ihr häufig passierten, waren anscheinend ebenfalls einprägsam gewesen: Von ihnen fand er verhältnismäßig viele Erinnerungen.

Er war dabei, als Hermine im Alter von vermutlich 5 Jahren ein Meerschweinchen bekam, das auf den klangvollen Namen „Pebbles" hörte, er erlebte einen Besuch in der Bibliothek des Trinity College in Dublin mit, der Hermine, obgleich sie kaum 8 Jahre gewesen sein konnte, offensichtlich klar und deutlich im Gedächtnis geblieben war. An einem lauen Sommertag sah er, wie Pebbles, sichtlich ergraut, in Hermines Armen seinen letzten Atemzug tat, was die vielleicht 7 Jährige in eine teils nachdenkliche, teils traurige Grundstimmung und tatsächlich einige zugegeben kindliche Gedankengänge über den Tod und den Sinn des Lebens stürzte. Ein Kinobesuch mit Hermines Eltern brachte ihn auf den Gedanken, dass er seit mindestens 30 Jahren in keinem Kino mehr gewesen war.

Als er die Erinnerung an ihren letzten Tag in der Grundschule fand, bei dem ihr der Direktor mit lobenden Worten das beste Zeugnis des Jahrgangs überreichte, einige nervige Jungen bei seinen Worten so taten, als müssten sie sich erbrechen und Hermines Eltern vor Stolz fast die Augen überliefen, beschloss er, für heute erst einmal Schluss zu machen.

Langsam zog er sich zurück und war zufrieden. Es sah in ihren Gedanken immer noch nicht so aus, wie bei einem gesunden Menschen, aber doch schon wesentlich normaler. Sie hatte nun Kindheitserinnerungen, Kurzzeiterinnerungen und ihre düsteren Erinnerungen.

Daran würde sie erst einmal zu knacken haben.

Tatsächlich war nicht nur er erschöpft, als sie sich wieder normal ins Gesicht sahen. Die Ringe unter ihren Augen schienen noch etwas dunkler geworden zu sein.

„Arbeite mit den Erinnerungen", meinte er ruhig, ohne sie auf eine bestimmte anzusprechen. „Ruf sie dir ins Gedächtnis, ordne sie dem Alter nach und schieb sie nicht wieder hinter deine kleine Okklumentikmauer. Da gehören sie nicht hin. Wenn es dir gelingt, kram ruhig selber mal in deiner kleinen Erinnerungsfundgrube und versuch, den einen Erinnerungen andere hinzuzufügen."

Sie nickte nur, anscheinend zu müde, um etwas zu sagen.

Er nickte ebenfalls und erhob sich. „Ich werde mit Albus sprechen – ich halte es für sinnvoller, wenn du nicht hier auf der Krankenstation bleibst. Erstens arbeite ich lieber in meinem vertrauten Umfeld und zweitens muss die Krankenstation offen für Schüler sein. Wenn wir deinen Aufenthalt weiter verheimlichen wollen, solltest du nicht hier bleiben. Abgesehen davon hab ich dich im Kerker besser unter Beobachtung."

„Wenn du das erträgst."

„Das werden wir dann sehen." Er ging auf die sanfte Ironie in ihren Worten nicht ein. „Ich denke, ich kann das bis heute Abend in die Wege leiten. Bis dahin beschäftige dich mit dir und deinem Kopf oder von mir aus auch den Lehrbüchern."

„Aye, Sir."

Er hob die Augenbrauen und verschwand dann.

Hermine im Kerker? Ob das wohl gut geht…