Und auf in eine neue Runde :) Bitte seht mir nach, dass ich nicht alle 48 Stunden ein Kapitel in die Tasten hauen kann … mein RL gibt momentan viel zu tun ;)
Yusuria: Wow… das war ja ein riesen Review! Danke dafür :) Ich denke, im nächsten Kapitel wird der Schleier gelüftet und einige noch offene Fragen geklärt. Hermine muss bloß erst mal selber mit den ganzen neuen alten Erinnerungen klar kommen, bevor sie mit Sev drüber reden kann.
ZauBaerin: Ich denke, Hermine hat mit sich selber momentan noch genug zu knacken – es ist momentan einfach Balsam für ihre Seele, dass Sev sich um sie kümmert und sie beschäftigt sich vorerst selber weniger mit ihrer und seiner Gefühlswelt als viel mehr damit, erst mal wieder auf den Damm zu kommen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass Hermine im Prinzip schon 13 Jahre Zeit hatte, sich an diese ersten Erinnerungen zu gewöhnen. Mit ihrer Erinnerung an die folgenden Jahre kommen also auch die Erkenntnisse usw. zurück.
NickTessFan: Elena wird's natürlich früher oder später erfahren ;) Sie muss ja darauf vorbereitet sein, dass die Öffentlichkeit plötzlich auf sie einstürzt, weil sie ab Severus' „Bekenntnis" ja im Prinzip eine Snape ist.
Love is in the Air: Willkommen! :) Freut mich, dass es dir gefällt! In meinem Kopf ist die Geschichte wie gesagt schon fertig – sie wird also auf jeden Fall zu Ende gebracht ;) Freut mich, wenn du dabei bleibst! :)
Und ab geht's…
19. Licht
Severus stellte in den folgenden Stunden fest, dass er mit der „normalen" Hermine besser umgehen konnte, als mit der labilen. Da Albus all seinen Unterricht übernommen hatte, war er frei, ein wenig im Labor herum zu werkeln und obwohl er zunächst eine stichelnde Bemerkung über ihren Geisteszustand gemacht hatte, durfte Hermine natürlich mit ihm ins Labor. Ihm fiel natürlich das Trollkraut aus Elenas Kopfschmerztrank ein und er fragte Hermine schließlich, mit einem gewaltigen Sprung über seinen eigenen Schatten springend, ob sie noch mehr Modifikationen an geläufigen Tränken vorgenommen hatte. Einige fielen ihr wieder ein und er notierte sich alles gewissenhaft.
Irgendwann machte er eine vorsichtige Bemerkung zur Wirkung des Cruciatustrankes, doch an dieser Stelle wehrte sie entsetzt ab – das Letzte, was sie wollte, war, sich nach der letzten Nacht mit der Wirkung des vermaledeiten Trankes zu beschäftigen.
Er konnte das nachvollziehen und zeigte ihr deshalb einen Versuchsaufbau, an dem er vor ihrem… „Unfall" gearbeitet hatte und der seit dem eingefroren zur Seite gestellt da stand und auf Fortsetzung wartete.
Wie er erwartet hatte (und trotzdem tief im Innern noch nicht hatte glauben wollen) halfen ihre Gedankensprünge ihm enorm weiter und während sie diskutierten und testeten, war die Atmosphäre fast wieder wie damals, vor ihrem Verschwinden.
Oder nein. Sie war es nicht. Damals war Hermine für ihn ein kleines Mädchen gewesen. Hochintelligent und hilfreich, fast ein gleichgestellter Partner. Aber trotz allem ein Mädchen, mit dem er nichts außer der elenden Intelligenz und der Liebe zu Zaubertränken und Wissen gemeinsam hatte.
Diesmal war es anders. Hermine war nicht mehr Hermine Granger, Teil 3 aus dem Goldenen Trio. Sie war in den 13 Jahren erwachsen geworden, hatte mehr erlebt, als eine nicht einmal 35 jährige Frau erlebt haben sollte und war an all ihren Erfahrungen enorm gewachsen. Im Labor waren sie sich nun nahezu ebenbürtig (natürlich war immer noch er der Zaubertrankmeister), doch im realen Leben kam Severus sich nun fast klein vor neben diesem geballten Ausbund an Zuversicht und Kraft.
Seltsamerweise störte es ihn nicht. Im Prinzip ähnelten sich ihre Geschichten sehr. Beide hatten sie für einen Krieg geblutet, der nicht ihrer war… und das mehr, als alle anderen. Und beide hatten sie weitermachen müssen – wenn gleich auch aus verschiedenen Gründen.
Obwohl er sich fast ein wenig für die Gedanken schämte, wünschte er sich eine Fortsetzung der Legilimensrunden. Er wollte sehen, wollte erleben, wie Hermine hinterher zurück ins Leben gefunden hatte. Aus irgendeinem Grund glaubte er, dass das lehrreich für ihn werden könnte.
Beim Abendessen versuchte er, das Gespräch vorsichtig auf ihre Erinnerungen zu lenken.
„Und? Erinnerst du dich wieder an alles?"
Sie wog den Kopf. „Ich erinnere mich an sehr viel, sagen wir mal so. Ob es schon alles ist, weiß ich noch nicht, dafür habe ich mich noch nicht eingehend genug mit den Erinnerungen beschäftigt, aber ich schätze mal, nahezu alles ist wieder da."
Dann wusste sie es. Sie wusste, wer Elenas Vater war. Er traute sich nicht zu fragen.
Sie ahnte offensichtlich, was ihn bewegte, doch sie schien nicht gewillt, auf diese Aspekte einzugehen.
Schweigend beendeten sie ihre Mahlzeit und Hermine stand anschließend sofort auf.
„Ich geh jetzt ins Bett, Sev. Gestern war ein sehr anstrengender Tag und die Nacht war kurz. Bis morgen."
„Schlaf gut… brauchst du noch etwas?"
„Nein, danke. Ich denke, ab heute komm ich klar."
„Gut. Dann gute Nacht." Er versuchte, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen und wandte sich betont desinteressiert einem Buch zu.
In ihrem Zimmer angekommen setzte Hermine sich auf ihr Bett und starrte auf ihre Hände. Sie fühlte sich nicht schlecht oder verzweifelt, wie die Tage zuvor, aber es war schlicht anstrengend, nach Tagen der völligen Ahnungslosigkeit plötzlich diese Fülle an Gedanken zu haben – Antworten auf all die drängenden Fragen.
Sie ließ ihren Blick durch das gleißend hell erleuchtete Zimmer streifen und löschte dann aus einem plötzlichen Impuls heraus mit einem Wink ihres Zauberstabes das Licht.
In der tiefen Dunkelheit hörte sie nur ihren eigenen Atem, ihr schwer pochendes Herz. Die Dunkelheit war so vollkommen und allumfassend, dass sie erdrückend schien. Seit dem sie erwacht war, war es nicht mehr vollständig dunkel um sie herum gewesen. Selbst wenn sie die Augen geschlossen hatte, hatte immer der Schimmer des Lichtes von außen hindurch geleuchtet.
Jetzt war es dunkel. Seltsamerweise fühlte sie sich trotzdem für den Moment nicht unsicher. Severus saß nebenan und las, das wusste sie. Der Gedanke beruhigte sie und sie erlaubte ihren Gedanken, abzuschweifen.
Die Dunkelheit war ihr lange ein stetiger Begleiter gewesen – wenn auch kein willkommener. Nach dem ersten Überfall von Lestrange war sie in die Dunkelheit gegangen, für fast vier Monate. Ein Koma ja, aber keines, das an einen langen Schlaf erinnerte. Als die verwirrende, beängstigende Dunkelheit zurück gewichen war, hatte sie kurz zurück ins Licht gefunden. Dorthin, wo Harry und Ron und Ginny und ihre anderen Freunde lebten.
Dann war die Dunkelheit zurückgekehrt – in Form einer erzwungenen Schwangerschaft und der Tatsache, dass der wahrscheinliche Verursacher frei war. Frei und irgendwo dort draußen. Für die Zeit ihrer Schwangerschaft hatte sie noch mit Ron in der gemeinsamen Wohnung gelebt – ihre Freunde schon durch Schutzzauber an das Schweigen gebunden, um ihre Sicherheit zu garantieren.
Seltsamerweise war die Helligkeit erst mit Elenas Geburt in ihr Leben zurückgekehrt. Sie erinnerte sich nun wieder an das Entzücken, das das kleine Wesen bei ihr ausgelöst hatte, obwohl sie sich selber nicht für einen Kinderfreund hielt und obwohl deswegen ihre Beziehung zu Ron vollends in die Brüche gegangen war.
Für Elena hatte sie sich wieder der Helligkeit zugewandt. Und dabei war es geblieben. Als sie nach Australien gegangen war, um der Angst zu entkommen, war es noch besser geworden. Dort, wo dauernd die Sonne schien, hatte sie sich erholen können.
Sie lächelte ein wenig, als sie darüber nachdachte, wie gegensätzlich ihre Erholungsorte waren. War es damals Australien gewesen, ein sonnenreicher Kontinent mit Meer und einer entspannten Zauberergemeinde, die sich um einen wie Voldemort nicht im Geringsten sorgte, war es nun der Kerker von Hogwarts, wo nicht einmal Fenster waren, um die Sonne hereinzulassen, die im schottischen Hochland um diese Jahreszeit ohnehin nur rar gesät war. War es damals ihre Tochter gewesen, die voller Spannung und Freude das Leben entdeckte und für die alles ein wundervolles, großes Abenteuer war, war es nun der finstere Zaubertrankmeister, der von Voldemort und zwei Kriegen (und seinem Job als Lehrer) gezeichnet und eher dafür bekannt war, das Leben als lästige Pflicht zu sehen, denn als Abenteuer.
„Seltsam." Interessiert lauschte Hermine dem Klang ihrer eigenen Stimme in der Dunkelheit nach.
Eine Weile saß sie noch im Dunkeln, doch irgendwann beschloss sie, ihr Glück nicht zu überspannen und erleuchtete das Zimmer wieder etwas, um sich für's Bett fertig zu machen. Zum Schlafen selbst entzündete sie schließlich nur noch eine kleine Lampe, die sie aus einem Federkiel gezaubert hatte, und kuschelte sich in ihre Bettdecke.
Auf ihrem Schreibtisch stand noch eine Flasche des Luzidustrankes, doch sie ignorierte ihn. Ohne Mittelchen heute.
Irgendwann später erwachte sie, schweißgebadet und heftig atmend. Ein Albtraum hatte den nächsten gejagt und irgendwann hatte eine Szene sie endlich erwachen lassen.
Zitternd lag sie im Halbdunkel und die Schatten um sie herum schienen sich zu bewegen.
Mit einem würgenden Geräusch sprang sie irgendwann auf, hastete durch das dunkle Wohnzimmer, in dem die Dunkelheit mit langen Fingern nach ihr griff, zu jener Tür, die zu durchschreiten sie bisher noch nicht gewagt hatte.
Jetzt dachte sie nicht nach. Er war dort, er würde ihr helfen.
Drinnen war es zunächst ebenso dunkel wie im Wohnzimmer und sie sah nichts. Doch als sie sich zwang, sich zu konzentrieren, konnte sie schließlich Schemen ausmachen und damit auch das Bett, von dem aus sie unter den Geräuschen ihres eigenen heftigen Atems die ruhigen Züge des Zaubertrankmeistrers ausmachen konnte.
Mit zwei Schritten war sie beim Bett und schlug sich dabei die Zehen an einer Kiste an, die vor dem Bett stand.
Mit einem leisen Schmerzjaulen hielt sie sich den Fuß und dieses Geräusch reichte aus, um Severus zu wecken.
„Wer ist da?"
Das wimmernde „Hermine" versetzte ihn in höchste Alarmbereitschaft und er erhellte sofort den Raum.
Sein Blick wurde verblüfft, als er sie auf einem Bein im Nachthemd herum hüpfen sah, den rechten Fuß reibend, mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Kopfschüttelnd und griesgrämig drein guckend zückte er seinen Zauberstab und sprach einen Zauber auf ihren Fuß aus, woraufhin der Schmerz nachließ.
„Was willst du hier?", knurrte er und erleichtert gab sie ihr Herumhüpfen auf und sah nun etwas schuldbewusst drein.
„Ich hatte Albträume."
„Hast du den Trank nicht genommen?"
„Ich dachte, ich käme ohne aus."
Er ächzte leise. „Hermine, ich dachte, du wärst Heilerin! Du hast eine akute psychische Störung davon getragen, was glaubst du, wie schnell so etwas verschwindet? Glaubst du, nur weil du heute einen Höhenflug hattest, wären all deine Probleme in Luft aufgelöst?"
Sie zuckte die Achseln und sah drein wie ein gescholtenes Kind. „Ich wollte es versuchen."
„Der Versuch ist fehlgeschlagen. Und jetzt? Ich muss morgen wieder unterrichten."
„Darf ich vielleicht bei dir übernachten? Gestern hat es auch funktioniert und deshalb dachte ich…"
Für einen Moment fürchtete sie, er würde sie anfauchen und wegschicken, doch obwohl er mehr als ungnädig drein sah, winkte er sie zu sich und erleichtert schlüpfte sie zu ihm unter die Decke. Er grummelte irgendetwas Undefinierbares in sich hinein, als sie sich an ihn kuschelte, gewährte es ihr jedoch und schlang sogar einen Arm um sie, nachdem er das Licht wieder gelöscht hatte.
„Wehe, du schreist heute Nacht oder schlägst um dich. Dann schmeiß ich dich raus und du kannst gucken, wo und wie du heute Nacht schläfst."
„Darf ich im Schlaf reden?"
„Wiebitte?"
Sie kicherte albern. „War nur ein Scherz. Du wirst glauben, ich sei tot."
„Na, das beruhigt mich doch ungemein", ätzte er. „Ich schlaf gerne in einem Bett mit einer Leiche."
„Dir kann man's auch gar nicht recht machen."
„Schlaf jetzt gefälligst!"
„Jawohl, Sir."
Sie hörte ihn noch etwas von einer „aufdringlichen Nervensäge" murmeln, dann war er ruhig und auch sie beschloss, ihr Glück nicht über zu strapazieren.
Beide jedoch hatten sich zu früh auf eine geruhsame Nacht gefreut. Irgendwann heulte plötzlich ein durchdringender Alarm in dem Schlafzimmer auf und beide, noch nicht ganz weggenickt, fuhren hoch.
„Verflucht!" Wütend warf Severus die Decke von sich und stand auf.
Hermine sah irritiert umher, konnte die Quelle des Alarms jedoch nicht ausmachen.
„Was, bei Merlins Flöhen, ist das?"
Mit einem Wink seines Zauberstabes ließ Severus das nervenzerreissende Geräusch verstummen.
„Das ist mein Schüleralarm", erklärte er missmutig. „Als Hauslehrer muss ich nun mal zur Stelle sein, wenn irgendwas ist. Und aktuell steht offensichtlich irgendeine von den Rotznasen vor der Tür und hat irgendwas." Er rieb sich die Stirn. „Hoffentlich keine Krankheiten. Ich hasse kotzende Kinder."
Hermine konnte nicht anders, als zu schmunzeln.
Während Severus sich den Umhang überwarf, meinte er zu ihr: „Lass dich bloß nicht blicken. Soweit kommt's noch, dass meine Schüler sehen, wie eine Frau im Nachthemd aus meinem Schlafzimmer kommt…"
Sie lachte leise und kuschelte sich dann wieder in die Decke, während er nach draußen verschwand und die Tür anlehnte.
Keine zwei Minuten später stand er wieder etwas hilflos da und sie sah ihn fragend an.
„Du solltest doch kommen", sagte er schließlich. „Deine Tochter steht vor der Tür."
„Wie bitte?" Hermine sprang auf und lief an ihm vorbei ins Wohnzimmer, wo eine blasse Elena frierend im Nachthemd stand.
Ihr Gesicht war tränenverschmiert und ihre Augen und Nase waren geschwollen.
„Engel, was ist denn passiert?" Hermine war sofort bei ihr und zog sie mit sich zu der Couch, wo sie das Kind platzierte und es in den Arm nahm. „Bist du krank?"
Augenblicklich brach Elena wieder in Tränen aus. Hermine warf Severus, der etwas hilflos neben dem Sofa stand, einen fragenden Blick zu, doch er zuckte nur die Achseln.
Geduldig bekam Hermine schließlich zwischen einigen markerschütternden Schluchzern aus Elena heraus, dass das Mädchen sich Sorgen gemacht hatte. Zuerst seien alle Zaubertrankstunden und das Projekt ausgefallen und dann habe sie auch noch unglaubliche Albträume gehabt und weil Hermine doch fast gestorben sei, habe sie Angst bekommen, dass es ihr schlechter ginge.
Severus sah nun interessiert drein, während Hermine ihre Tochter an sich drückte und tröstete.
„Es geht mir gut, Engel, alles ist in Ordnung. Ich bin wieder gesund, okay? Du brauchst keine Angst mehr zu haben." Sie küsste ihre Tochter auf den Kopf. „Ich hätte dich informieren sollen. Professor Snape hat einfach momentan viel um die Ohren, deshalb hat er heute keinen Unterricht gegeben."
Einigermaßen beruhigt, dass es ihrer Mutter so offensichtlich gut ging, ließ Elena sich trösten.
Irgendwann klopfte es erneut und Severus unterdrückte mit Rücksicht auf Elena ein entnervtes Stöhnen. Auch das noch. Er legte, ohne dass sie es merkten, einen raschen Ignorierzauber auf Mutter und Tochter und öffnete dann die Tür.
Draußen stand Minerva und schielte besorgt an ihm vorbei.
„Ist Elena hier, Severus? Mein Alarm ist angesprungen – sie ist nicht im Turm."
Severus' erste Impuls war, sie auszulachen. Nicht wegen ihrer Besorgnis, sondern wegen ihrer Aufmachung. Er hatte nie wissen wollen, was für Bademäntel Minerva trug (grünes Schottenkaromuster) und er hatte auch niemals wissen wollen, wie Minervas Beine aussahen, die unter dem nur knapp über Knie langen Bademantel herausschauten (kalkweiss mit einigen dünnen Krampfadern).
Er fasste sich.
„Sie ist hier, ja. Miss Parker hatte offensichtlich einige Albträume betreffend ihrer Mutter." Er nahm den Ignorierzauber von den beiden und winkte Minerva herein.
Hermine lächelte sie über ihre Tochter hinweg an. „Guten Abend, Minerva."
„Hermine. Wie geht es Ihnen?" Die alte Frau lächelte ihre ehemalige Schülerin liebevoll an. Sie hatte Hermine noch nicht gesehen nach dem „Unfall", doch sie schien unsagbar erleichtert zu sein, dass Hermine augenscheinlich wohlbehalten vor ihr saß.
„Danke, gut. Sie sind sicherlich wegen Elena hier?"
„Ja, ich werde informiert, wenn ein Schüler nachts den Turm verlässt." Minerva lächelte Hermine an. „Sie ahnen sicherlich, warum."
„Ob das wohl mit unseren Rumtreibereien zu tun hat?" Hermine lachte leise und Minerva nickte.
Von Severus kam ein vielsagendes Schnauben. „Das hat euch ja nicht aufgehalten."
„Ich gebe zu, dass du mich erst nach der Schulzeit der drei auf die geniale Idee gebracht hast, Severus."
„Tatsächlich? Er war das? Und das, obwohl er Zauberstabgefuchtel doch so verabscheut?"
„Es spricht gerade deshalb für mein Können, dass ich es trotz meiner Abneigung so gut beherrsche", hielt Severus süßlich dagegen und interessiert blickte Minerva zwischen ihnen hin und her.
„Du bist nun mal ein unerträglicher Alles-Könner."
„Und du eine unerträgliche Alles-Wisserin."
„Ich denke, ich nehme Miss Parker jetzt mit und überlasse euch eurer Diskussion", schmunzelte Minerva. Die beiden passten wirklich ausgezeichnet zusammen – Albus, der alte Kuppler, war auf dem besten Weg, seine Idee wahr zu machen… und das nahezu ganz ohne sein Zutun. „Miss Parker?"
Elena sah auf. Ihr Gesicht war noch etwas verquollen.
„Kann ich nicht hier bleiben?"
„Nein, tut mir Leid, Miss Parker. Das würde definitiv Gerede geben. Aber Sie können ja sicherlich morgen Nachmittag wieder kommen, wenn Professor Snape und Ihre Mutter das erlauben."
„Das kannst du morgen in der Projektstunde mit Professor Snape ausdiskutieren, Schatz." Hermine strich ihrer Tochter durchs Haar. „Wenn er nicht einverstanden ist, bin ich es auch nicht. Es ist seine Wohnung. In Ordnung?"
Elena nickte und warf dem Professor einen inbrünstig-bittenden Blick zu.
Er hoffte inständig, er würde dem Blick standhalten können.
Sie drückte ihre Mutter ein letztes Mal fest an sich, bevor sie ihrer Hauslehrerin hinaus folgte.
Seufzend sah Hermine die geschlossene Tür an und drehte sich dann zu Severus um, der in seiner Schlafzimmertür stand.
Mit fragendem Blick hielt er ihr die Tür auf und mit einem erfreuten Lächeln folgte sie ihm hinein.
Erneut duldete er es, dass sie sich an ihn kuschelte, und legte auch wieder seinen Arm um sie.
„Ich hätte ihr nicht so viele Details erzählen sollen. Möglicherweise war das zu viel für sie."
„Das glaube ich nicht." Er schwieg kurz. „Sie hat Albträume gehabt. Das passiert manchmal. Vielleicht hättest du sie fragen sollen, was genau sie geträumt hat."
„Ach, besser sie vergisst die Träume schnell. Ich hoffe, sie kann heute Nacht doch noch einigermaßen gut schlafen. Du wirst mir doch morgen sagen, falls es ihr nicht gut geht?"
„Ja. Natürlich."
„Gut. Dann gute Nacht."
Er sagte nichts mehr und eingehüllt von seinem vertrauten Geruch und seinen ruhigen Atemzügen schlief Hermine schließlich wieder ein.
Als sie am nächsten Tag erwachte, war er schon fort und durch das Fenster (es gab tatsächlich eines, das, von schwarzen Vorhängen flankiert, eine magische Ansicht des Sees zeigte) schien schon die zarte Frühjahrssonne.
Entspannt blieb Hermine noch einige Minuten unter der warmen Bettdecke liegen, bevor sie aufstand und ins Bad ging.
Als sie gewaschen und angezogen war, ließ sie sich von Dobby ein Frühstück bringen und überlegte schließlich, was sie heute tun sollte. Sie wusste nicht, ob Severus sehr begeistert sein würde, wenn sie ohne sein Wissen sein Labor benutzte – vermutlich würde er einen seiner berühmt-berüchtigten Wutanfälle mit Zischen und bösen Blicken bekommen, weil er noch nicht an ihre stabile Psyche glaubte.
Der Gedanke rief irrsinnigerweise ein Lächeln bei ihr hervor. Früher war sie bei diesen Anfällen vor Angst erstarrt. Davon war nicht mehr viel übrig.
Trotzdem beschloss sie, lieber nur ein paar Bücher aus der hervorragenden Sammlung des Tränkemeisters zu lesen.
Severus ließ sich den ganzen Tag nicht blicken und sie langweilte sich irgendwann. Normalerweise war sie niemand, der untätig herum saß, ohne krank zu sein oder ähnliches.
Sie versuchte, sich mit den Gegenständen zu beschäftigen, die Harry und Ginny mitgebracht hatten, aber da sie sich nun wieder erinnerte, war es eher ein flüchtiges Durchsehen als ein Erforschen.
Irgendwann zwang sie sich, Erinnerungsfragmente anzusehen, sie sich ins Gedächtnis zu rufen und zu versuchen, sie rational und emotionslos zu sehen.
Besonders bei den neuen Erinnerungen an Lestrange, Macnair und Travers war das schwierig. Sehr schwierig. Alles in ihr verlangte danach, zu schreien und sich die beschmutzte Haut immer und immer wieder abzuschrubben, obwohl sie wusste, dass das Unsinn war.
Und so wiederholte sie – in Erinnerungen versunken – die Worte, die Severus ihr immer wieder zugeflüstert hatte, laut für sich.
„Nur eine Erinnerung. Nur ein Nachhall. Keine Realität."
Als er schließlich zurück kam und ein wenig besorgt nach ihr sah, traf er sie auf ihrem Bett auf dem Rücken liegend und Mantras aufsagend an.
„Hermine?"
Sie setzte sich auf. „Sev."
„Alles in Ordnung?"
„Ja. Ich habe… Erinnerungen angesehen."
„Welche?"
„Die letzten. Die hässlichen, die ich lieber vergessen würde."
Er nickte. „Gut. Komm mit. Wir essen zu Abend und dann will ich mit dir üben, ihnen ins Gesicht zu sehen."
„Ich kann das noch nicht."
„Doch. Ich denke schon." Sein Ton ließ keine Widerrede zu und so folgte sie ihm ins Wohnzimmer, wo Dobby schon ein Abendessen bereitgestellt hatte.
Während sie aßen erkundigte Hermine sich nach Elena, doch Severus konnte nichts auffälliges berichten. Er hatte dem Mädchen erlaubt, eine Stunde vor der Sperrstunde noch herzukommen.
Nach dem Essen legte Severus wieder den Ignorierzauber über sie und sie folgte ihm durch das mittlerweile fast leere Schloss zum Raum der Wünsche.
Dort hatte das Schloss sich alle Mühe gegeben: Als sie den Raum betraten, befanden sie sich augenblicklich in einem großen Gerichtssaal. Unten stand der Stuhl mit den Ketten. Daneben stand eine Kiste.
„Komm. Wir setzen uns in die erste Reihe. Wir sollten direkt dran sein, meinst du nicht?"
„Ich bin nicht überzeugt, Severus."
„Ich schon. Komm jetzt." Er packte sie ein wenig unsanft am Arm und zog sie mit sich hinunter in die erste Reihe – direkt vor den Stuhl. Dort drückte er sie auf einen der Stühle, zog seinen Zauberstab und öffnete die Kiste mit einem Alohomora.
Hermine wimmerte leise, als Rabastan Lestrange herauskam und sie unheilvoll anlächelte.
Severus' Zauber warf den Irrwicht unbarmherzig auf den Stuhl, wo die Ketten sich tatsächlich um ihn wanden.
Der Irrwicht alias Rabastan Lestrange tobte stumm vor sich hin, doch die Ketten hielten ihn. Der Raum der Wünsche tat wie ihm geheißen.
„Sieh ihn dir an, Hermine."
Sie hatte den Kopf in den Händen vergraben und zitterte, doch Severus' Stimme drang unbarmherzig zu ihr durch.
„Er ist nicht real. So wenig wie deine Erinnerungen. Sieh ihn dir an und bekämpf ihn."
Erst als sie seine Hand auf ihrer Schulter spürte, die sanft an ihr zog, hob sie zitternd den Kopf.
Der Irrwicht konzentrierte sich wieder auf sie und streckte die gefesselten Hände nach ihr aus, so gut er konnte.
„Hermine, meine Schöne!" Die grollende Tigerstimme ging Hermine durch Mark und Bein. Dazu grinste er so schmierig, dass ihr Verstand schließlich aussetzte.
Er saß da vorne und verhöhnte sie. Verhöhnte sie und alles, was sie seinetwegen durchgestanden hatte. Aber jetzt saß sie am längeren Hebel. Der Dreckskerl würde bluten.
Und bevor ihr klares Denken noch wieder anspringen konnte, hob sie den Zauberstab.
„Crucio!"
Bevor der Irrwicht noch den ersten hohen Schrei ausstoßen konnte, fiel Severus ihr schon entsetzt in den Zauberstab und beendete den Zauber geistesgegenwärtig mit einem „Finite Incantatem".
Mit einem raschen Entfesselungszauber gefolgt von einem Riddikulus-Zauber sperrte Severus den jammernden Irrwicht wieder in die Kiste.
Hermine war blass und entsetzt über sich selber auf dem Stuhl zusammen gesunken. Mit einem Klackern fiel ihr Zauberstab ihr aus der Hand.
„Was hab ich gemacht?", flüsterte sie schließlich lautlos.
Severus, der nicht mit dieser Reaktion gerechnet hatte, war nicht minder erschrocken neben ihr auf den Stuhl gefallen.
„Du hast getan, was jeder getan hätte, dem so etwas angetan wurde", erwiderte er jedoch. „Nur, dass es leider den falschen Lestrange getroffen hat." Er lächelte schmallippig. „Ich denke, du solltest das nochmal machen, wenn wir in der Verhandlung sitzen. Das könnte bezeichnend sein."
„Ist dem armen Irrwicht etwas passiert?" Ihre Stimme klang schrill. Sie hatte gerade ein unschuldiges Wesen mit dem Cruciatus belegt.
„Der arme Irrwicht ist ein bösartiges Wesen, das es liebt, Menschen mit ihren schlimmsten Albträumen in Angst und Schrecken zu versetzen. Ich denke, du hast ihm nichts angetan, was er nicht verdient hätte. Abgesehen davon ist der Irrwicht kein Mensch. Der Cruciatus wirkt bei ihm nicht so grauenvoll wie bei Menschen. Er hat sich vermutlich nur erschreckt."
Das war ein Stück weit gelogen. Natürlich war der Irrwicht kein Mensch und der Fluch wirkte bei ihm anders – trotzdem war der Fluch nicht umsonst einer der Unverzeihlichen. Er tat auch nichtmenschlichen Wesen Schaden an.
Severus hielt es jedoch nicht für sinnvoll, Hermine darüber aufzuklären. Er brauchte den Irrwicht noch für die folgenden Übungen – es war der einzige Weg, Hermine auf die Verhandlungen vorzubereiten. Rabastan Lestrange würde sich in der Wirklichkeit nicht so zahm verhalten, wie es der Irrwicht tat. Severus kannte den Mann seit 30 Jahren. Er würde keine Gelegenheit auslassen, Hermine noch vom Verurteiltenstuhl aus Angst einzujagen.
„Ich will nach Hause." Hermines flüsternde Stimme klang gefährlich bröckelig. „Lass uns bitte zurück in den Kerker gehen, Sev."
„Wir müssen das üben, Hermine. Solange die drei unverurteilt in Azkaban sitzen, wirst du nicht abschließen können. Es ist wichtig, dass die Urteile gesprochen werden."
„Glaubst du, sie werden hingerichtet?"
„Ich zähle auf die Abscheu und Wut der Geschworenen und von Susan Bones. Für Lestrange und Macnair sollte eine Knutscherei mit den Dementoren drin sein. Anthony Travers könnte zur Hinrichtung durch den Todesfluch verurteilt werden… oder auch nur zu einer lebenslänglichen Haftstrafe in Azkaban. Aber für ihn wäre die Haftstrafe fast optimal." Severus lächelte gehässig. „Er leidet an starker Klaustrophobie. Und die Zellen in Azkaban sind klein. Sehr klein."
„Ich sollte das nicht gut finden. Aber irgendwas in mir freut sich auf die Verurteilungen der drei."
„Das muss der Mensch sein, der gegen den gryffindor'schen Übermenschen in dir kämpft." Sein Spott traf die richtige Seite und wieder etwas lebhafter sah sie ihn erbost an.
„Das Leben zu ehren hat nichts mit Übermenschentum zu tun!"
„Das Leben? Das Leben von wem? Von einem, der selber unzählige Leben genommen und zerstört hat? Der das Leben und alles Lebendige voll Verachtung mit Füßen tritt und darauf spuckt? Das Leben von so einem sollte geehrt werden? Hermine, seine eigene Mutter hätte ihn schon mit Vergnügen einen Kopf kürzer gemacht, wenn sie gekonnt hätte. Wenn du das Leben von so einem ehren willst, dann tust du das am besten, indem du es beendest." Severus' Augen blitzten wütend und Hermine war einigermaßen erstaunt über seinen emotionalen Ausbruch. „Ich fasse es eigentlich kaum, dass ich ausgerechnet dir so etwas erzählen muss. Er hat dich gefoltert, Hermine. Erniedrigt, vergewaltigt und beinahe getötet. Und das zweimal. Womit verdient der Kerl deine unendliche Großmut?"
„Ich bin nicht großmütig!", fauchte Hermine zurück. „Ich hasse ihn. Mit jeder Faser meines Körpers. Er hat 13 Jahre meines Lebens zu einer Hölle gemacht und nur Merlin weiß, wie lange ich noch als durchgeknallter Psycho durch die Gegend laufe, nur weil er Spaß daran hatte, mich dazu zu machen. Wenn ich ihn umbringen könnte, würde ich es tun, Sev. Ich würde ihn mit einem stumpfen Messer in Scheiben schneiden, angefangen bei seinem verdammten Schwanz." Sie sah ihn an und ihr wütender Blick wandelte sich zu einem eher erschöpften. „Und dann würden all seine Opfer, die noch bei Trost sind – viele dürften es nicht sein – mich als Heldin betrachten. Und der ganze Rest der Welt – meine Tochter eingeschlossen – würde mich als die Psychopathin sehen, die ich bin. Na herzlichen Dank auch. Da hast du meine Großmut. Ich will einfach nur wieder ein normales Leben führen können, Sev. Mehr nicht."
„Das wirst du", erwiderte er ernst. „Versprochen."
Sie lächelte ihn an und berührte leicht seine Hand, bevor sie sich wieder nach vorne wandte.
„Ein letzter Versuch. Aber bitte, lass nicht zu, dass er den Mund aufmacht."
„In Ordnung." Erneut öffnete Severus die Kiste, fesselte den Irrwicht alias Rabastan Lestrange und belegte ihn mit einem Schweigezauber.
Hermine war unwillkürlich näher zu ihm gerückt, während sie den Irrwicht voll Abscheu betrachtete.
„Er sieht genau aus wie er", murmelte sie schließlich. „Es ist, als wäre er wirklich dort."
„Irgendwann wird er wirklich dort sein, Hermine. Aber er wird nie wieder in der Lage sein, dir irgendetwas anzutun. Ab jetzt bist du es, die auf ihn herabsieht."
„Ja." Nur schwer konnte sie sich überwinden, den Irrwicht für einen Moment aus den Augen zu lassen und sich so in die Unsicherheit zu begeben, dass der Stuhl ihn los lassen könnte, ohne dass sie es sofort sah. Trotzdem richtete sie ihren Blick auf Severus. „Ich werde auf ihn herabsehen, aber er wird wissen, dass es sein Blick ist, der mich bis an mein Lebensende verfolgt, während er in seinem verfluchten Leben jede Menge Spaß auf anderer Leute Kosten hatte."
„Dann zeig es ihm nicht. Lach ihm ins Gesicht. Zeig ihm, dass er keine Macht mehr über dich hat. Nichts wird ihm mehr zu schaffen machen, als zu sehen, dass du über ihn und seine erbärmliche Situation lachst. Dass du dich eben nicht von ihm beherrschen lässt, wie er es geplant hat." Ohne darüber nachzudenken strich er Hermine eine der glatten Strähnen aus dem Gesicht und sah sie mit snapeisch hochgezogener Augenbraue an. „Menschen wie er haben nur so viel Macht über dich, wie du ihnen gibst, Hermine. Und nach allem, was er dir angetan hat, ist es sicherlich unglaublich schwer, diese Macht zu brechen. Aber du bist eine verdammte Löwin und deshalb kannst du das schaffen."
Hermine lächelte schwach und sah wieder auf Lestrange, dem ihre Unaufmerksamkeit was seine Person betraf offensichtlich nicht gefiel, denn er schrie lautlos und versuchte, trotz gefesselter Hände zu gestikulieren.
„Ich würde jetzt trotzdem gerne zurück nach Hause."
„Besieg ihn. Lehrstoff Verteidigung gegen die dunklen Künste – Klasse 3. Besieg ihn, dann gehen wir." Severus verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück, während er betont unbeteiligt die Situation betrachtete.
Mit einem Schnauben hob Hermine ihren Zauberstab auf. Sie stellte sich Lestrange anstelle in seiner Todesserrobe in einem klischeehaften Drag-Queen-Kostüm inklusive Federboa und Plateauschuhen vor, verpasste ihm in Gedanken noch ein schrilles Make-Up und rief dann: „Reddikulus!"
Es knallte und der Irrwicht verwandelte sich. Severus konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er Lestrange nun sah – er würde viel dafür geben, den echten Lestrange in diesen Klamotten zu erleben.
Auch dem Irrwicht gefiel sein neues Outfit wohl nicht besonders – wie ein Rohrspatz schimpfte er noch immer lautlos vor sich hin.
Mit einem lässigen Schlenker seines Zauberstabes sperrte Severus den Irrwicht wieder in die Kiste.
„Gut gemacht. Gehen wir."
Na, wenn das kein guter Anfang ist.
