Uaaaah..RL ist ein Stressor, den ich gerne abschalten würde ^^ Aber jetzt geht's hier erst mal weiter.
Yusuria: Wow, deine Reviews flashen mich jedes Mal :) In diesem Kapitel wird jetzt einiges klar – ich denke, dass wird ein paar von deinen Thesen erklären. Und Lestrange kann ich auch nicht leiden. Der kriegt auch bald sein Fett weg :D Dumbledore hat das Ganze ja irgendwo angeleiert. Er hätte sich selber um Hermine kümmern können – hat er aber nicht getan. Stattdessen hat er sie Sev aufs Auge gedrückt und sich ja bei ihrem Umzug auch schon entsprechende Gedanken zu gemacht ;)
NickTessFan: Sie weiß es. Dieses Kapitel macht's klar ;)
Lufa: Hey, willkommen :D Freut mich, dass es dir gefällt :) Wie gesagt… zur Vaterschaft erfahren wir in diesem Kapitel ENDLICH alles Wissenswerte :D
20. Erkenntnis
Der Besuch von Elena an diesem Abend fiel nur kurz aus. Zwar war Freitag, doch Professor Sprout hatte für den Samstagvormittag eine Exkursion in den verbotenen Wald geplant, weshalb Hermine darauf bestand, dass Elena zeitig ins Bett ging. Es gefiel ihr nur bedingt, dass Professor Sprout mit den Erstklässlern ausgerechnet in den verbotenen Wald ging, aber sie konnte das ohnehin nicht beeinflussen, also sagte sie nichts.
Elena zog zwar einen Flunsch, tat jedoch, wie ihr geheißen.
Severus nötigte Hermine, wieder den Luzidus-Trank zu nehmen und so schlief sie in dieser Nacht wieder in ihrem Bett.
Der nächste Tag war ein Hogsmeade-Wochenende und so war das Schloss nahezu leer. Nur die Zweitklässler und die wenigen älteren Schüler, die nicht nach Hogsmeade wollten oder durften blieben zurück und so hatte Severus quasi frei.
„Ich will nach London apparieren", verkündete er Hermine beim Frühstück, „willst du mitkommen?"
Hermine überlegte nicht lange. Mal wieder etwas anderes sehen als Kerker? Einfach mal wieder ohne Angst durch die Stadt bummeln? Die Antwort fiel leicht.
„Lass uns gehen."
Sie ließ sich für den Weg zur Appariergrenze von Severus mit dem leidigen Ignorierzauber belegen und schweigen brachten sie das kurze Stück hinter sich.
„Sollen wir getrennt apparieren oder im Tandem?" Severus maß sie mit einem abschätzenden Blick, nachdem er den Zauber von ihr genommen hatte.
Hermine lächelte und reichte ihm ihre Hand. Mit einem schmallippigen Lächeln ergriff er sie und schon versank ihre Welt im Farbwirbel.
Am Apparierpunkt der Winkelgasse herrschte geschäftiges Treiben, das sich in der Winkelgasse fortsetzte.
Sie machten einen Abstecher zu Gringotts, wo beide sich mit etwas Geld eindeckten (Hermine war schon vor langer Zeit vom Schlüssel abgerückt, der ja nun mal gestohlen werden oder verloren gehen konnte. Stattdessen hatte sie den Kobolden ähnlich dem Muggelsystem eine Geheimzahl abgerungen, die auch Ginny und Elena kannten – glücklicherweise erinnerte sie sich jedoch selber wieder daran).
Hermine genoss es, mal wieder unter Menschen zu sein, auch wenn sie für ihren Geschmack zu oft beäugt wurde – was vermutlich daran lag, dass sie in Begleitung von Professor Snape unterwegs war, der den meisten Zauberern gut bekannt war.
Sie machten einen Abstecher in die Apotheke, wo Hermine sich auf den neusten Stand brachte (immerhin hatte sie schon geraume Zeit im Hauptquartier festgesessen), gingen bei Flourish & Botts vorbei und schließlich nötigte Hermine Severus sogar zu einem Eis bei Fortescues Eissalon.
Severus revanchierte sich, indem er sie in die Nokturngasse schleppte, wo er in einem zwielichtigen Geschäft einige – möglicherweise nicht ganz legale – Zaubertrankzutaten erwarb, die er, wie er schulterzuckend bemerkte, sonst nur unter enormem bürokratischen Aufwand bekommen konnte.
Natürlich tadelte Hermine ihn sanft dafür, doch im Prinzip verstand sie seine Beweggründe sehr gut. Auch sie hatte bei ihrer Forschung oft mit der Bürokratie zu kämpfen.
Sie war jedoch froh, die zwielichtige Gasse so schnell wieder verlassen zu können. Severus lud sie zum krönenden Abschluss in den tropfenden Kessel ein, wo sie verspätet zu Mittag aßen.
„Wir werden uns heute Abend noch einmal dem Irrwicht widmen", erklärte Severus ihr beim Essen halb laut und sie verzog das Gesicht.
„Müssen wir das beim Essen erläutern?"
„Hier kannst du mir nicht ausweichen."
Sie sah ein wenig schuldbewusst drein. Natürlich spielte er damit auf die drängenden Fragen an, die ihn beschäftigten – und er hatte schließlich auch ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren. Es betraf ihn ja auch.
„Es tut mir Leid, Sev, wenn ich dich hingehalten hab. Ich musste erst einmal selber mit der Fülle an Antworten klar kommen… und mit allen Erinnerungen. Lass uns heim apparieren… dann werde ich nicht ausweichen und du kriegst alle Antworten, die du haben willst."
„Das klingt akzeptabel."
Sie lächelte ihn an und gab sich Mühe, dass Essen nicht absichtlich hinaus zu zögern.
Viel zu schnell jedoch brachen sie wieder auf.
Severus reichte ihr eine Tasse Tee und sie lehnte sich im Sessel zurück.
„Frag mich." Innerlich wappnete sie sich gegen das Kommende.
„Wer ist Elenas Vater?"
Da fing er also gleich mit dem Schlimmsten an…
Sie hielt sich an ihrer Tasse fest.
„Du nicht."
Nun war es raus. Alle Hoffnung dahin.
Severus' Miene war ruhig, aber um seinen Mund zuckte es. Hermine konnte es sehen.
„Also hast du einen Test gemacht?", erkundigte er sich schließlich betont ruhig und Hermine nickte und schloss leicht die Augen.
„Ginny hat mir bei ihrem Besuch erzählt, dass sie nicht wüssten, ob ich einen Test gemacht hätte. Aber eines Tages hätte ich einfach nur gesagt, dass es egal sei. Das war, nachdem ich tatsächlich einen Test gemacht hatte."
„Wie genau hast du das getestet?"
Jetzt musste Hermine ihre Worte vorsichtig wählen. „Ich habe den üblichen Test gemacht… den Trank gebraut… dann brauchte ich ein Haar. Entweder deines oder seines. An seines konnte und wollte ich nicht heran kommen und du solltest vorerst nicht wissen, dass ich noch lebe. Also habe ich…" Sie atmete tief durch, „…ich bin in dein Haus gegangen."
„Du bist was?" Entgeistert sah Severus sie an.
„Ich wusste, dass du in dem Haus in Spinner's End gewohnt hast. Also habe ich eine Zeit abgepasst, von der ich wusste, dass du in Hogwarts sein musstest und hab mir Zutritt zu dem Haus verschafft. Dann hab ich über einen simplen Aufrufzauber ein Haar von dir zu mir gerufen. Das war die ganze Geschichte. Der Test war negativ."
Severus' Lippen wurden noch schmaler und Hermine erwartete seinen Wutausbruch über ihren Einbruch in seinem nicht besonders heimeligen Haus.
Doch dieser kam nicht. Ganz im Gegenteil.
„Das ändert nichts, Hermine."
„Was?" Irritiert sah sie ihn an.
„Mein Angebot steht weiter. Ich habe dir bereits gesagt, dass ich so etwas schon erwartet habe. Du bist niemand, der freiwillig in Ungewissheit lebt. Und da du mich nie informiert hast, war mir klar, dass der Test negativ ausgefallen sein muss. Aber mein Angebot steht noch immer. Ich werde einen Vaterschaftstest fälschen und Elena als meine Tochter anerkennen, wenn du das möchtest. Sie soll sich niemals der Abscheu der Menschen aussetzen müssen."
„Aber… bist du denn nicht sauer, dass ich in dein Haus eingebrochen bin?"
Er lächelte grimmig. „Ich hätte es exakt genauso gemacht."
Plötzlich fühlte sie sich unendlich erleichtert und die Spannung wich etwas aus ihrem Körper.
„Danke, Sev."
Ihre Stimme versagte ihr fast und er nickte ihr zu.
„Ich wünschte, sie wäre wirklich deine Tochter, Severus… ich wünsche es so sehr…" Sie vergrub das Gesicht in den Händen. „Ich habe nicht einen Test gemacht, Sev. Ich habe 5 gemacht. Und nach jedem habe ich gehofft, einen Fehler begangen zu haben. Aber alle 5 sind gleich ausgefallen und irgendwann sind mir deine Haare ausgegangen, also musste ich es akzeptieren."
„Das ist doch gleichgültig, Hermine." Seine ruhige Samtstimme legte sich wie ein Pflaster über ihre Wunden. „Elena ist deine Tochter. Zu allererst. Und dann, wenn ihr es wünscht, kommt irgendwann in dieser hierarchischen Reihe die offizielle Anerkennung als meine Tochter. Und irgendwann ganz unten kommt ihr Erzeuger. Er ist nicht wichtig."
Hermine fand keine Worte.
Eine Weile schwiegen sie beide, bis Severus schließlich fragte: „Wirst du es ihr sagen?"
„Ich weiß nicht, ob ich das kann. Vielleicht wäre es besser, wenn sie das nie erfährt."
„Sie wird es erfahren, Hermine. Du kannst sie nicht ewig belügen. Sie wird sich nicht ewig belügen lassen. Spätestens wenn sie ihr Gehirn anstrengt, zurück rechnet vom Zeitpunkt ihrer Geburt und anfängt, Fragen zu stellen… wirst du sie dann anlügen? Wirst du ihr den Bären über irgendeine Affäre aufbinden? Sie ist deine Tochter, Hermine, und sie hat deinen Spürsinn. Irgendwann wird sie selber auf die Idee kommen, einen Test zu machen. Sie ist jetzt schon hoch begabt, was Tränke angeht. Wenn sie in der fünften Klasse ist, wird sie einen Trank so modifizieren, dass er ihr den Vater ganz ohne Haar ausspuckt. Was willst du ihr dann sagen?"
„Ich weiß es nicht!" Sie schrie nun fast und sah ihn mit verzerrtem Gesicht an. „Was glaubst du, wie oft ich mir schon diese Fragen gestellt hab? Was glaubst du, wie oft ich über diesen Fragen nicht einschlafen konnte? Und was zum Geier glaubst du, wie sie darauf reagiert? Wie würdest du reagieren, wenn du erfährst, dass du ein Vergewaltigungskind bist?"
Als er merkte, dass sie sich am Rand eines Nervenzusammenbruchs befand, setzte er sich neben sie und nahm ihren Kopf in seine Hände.
„Hör zu, Hermine. Sicher wird es nicht leicht für sie. Vielleicht wird sie sich in der ersten Zeit selber hassen oder dir ihre Geburt vorwerfen oder was weiß ich. Aber spätestens, wenn der erste Schock vorbei ist, wenn ihr Verstand wieder anspringt und wenn das, was du zu ihr sagst, wieder zu ihr durchdringt… spätestens dann wird sie verstehen, was du bereits akzeptiert hast: Dass sie deine Tochter ist. Nur deine. Und dass du sie schon immer als das geliebt hast, was sie ist. Und vor allem: Dass sie nicht unerwünscht ist." Er lockerte seinen Griff etwas und lächelte wieder sein grimmiges Lächeln. „Wenn sie nicht überzeugt ist, zeige ich ihr ein paar Szenen aus dem Leben eines Kindes, das tatsächlich nicht erwünscht war. Das wird sie überzeugen."
Obwohl seine letzten Worte als böser Scherz gemeint waren, brachten sie in Hermine eine Seite zum Klingen, die das Fass offensichtlich zum Überlaufen brachte: Sie brach in Tränen aus und lehnte sich in seinen Arm.
Er hielt sie schlicht und eine Weile schwiegen sie beide, bis Hermines Weinanfall ein wenig abgeklungen war.
Schließlich begann er wieder zu sprechen.
„Eines würde mich aber doch noch interessieren, Hermine."
Sie gab einen Laut von sich, der Aufmerksamkeit signalisierte.
„Kommt es öfter vor, dass Elena zur gleichen Zeit wie du Albträume hat?"
Ihr verweintes Gesicht tauchte auf und blickte verwundert zu ihm hoch.
„Wie meinst du das?"
„Nun ja, vielleicht ist es Zufall." Nun war es an Severus, seine Worte vorsichtig zu wählen. „Aber es kam mir schon seltsam vor, dass Elena eine Viertelstunde, nachdem du wegen deiner Albträume aufgewacht bist, bei uns im Kerker auftaucht, weil sie ebenfalls Albträume hatte. Offensichtlich ist sie zur gleichen Zeit aufgewacht wie du. Eine Viertelstunde braucht sie durchaus, um aufzuwachen, sich zu sammeln, einen Entschluss zu fassen, sich aus dem Turm zu schleichen und dann in die Kerker zu hetzen. Deshalb interessierte mich, was sie geträumt hat."
„Glaubst du, es gibt so etwas wie… eine Verbindung zwischen uns?"
„Die gibt es ganz zweifellos. Sie ist deine Tochter, du bist ihre Mutter… eine stärkere Bindung gibt es nicht. Nein… was ich glaube, ist…" Er sammelte sich kurz und sprach dann sehr ruhig weiter: „Ich kenne die Lestranges gut. Sie sind eine alte, reinblütige Familie, deren Stammbaum man auf eine halbe Ewigkeit zurückverfolgen kann. Und in dem Zweig von Lestrange mütterlicherseits tauchten in regelmäßigen Abständen immer wieder Seherinnen auf. Möglicherweise ist das der Grund, warum Elena so komplett aufgelöst war. Sie hat geträumt, was du geträumt hast. Ich habe sie gestern gefragt, ob es ihr wieder gut geht… sie kann sich an ihre… oder besser deine Träume nicht mehr erinnern. Sie sagte bloß, sie seien furchtbar gewesen."
Aus Hermines Kehle löste sich ein ungläubiges Lachen. „Willst du damit sagen, meine Tochter sei wie Sybill Trelawney?"
Er hatte so etwas geahnt.
„Natürlich nicht." Streng sah er sie an. „Sybill Trelawney ist das sprichwörtliche blinde Huhn, das zwischendurch mal von einem Korn gefunden wird. Nein, Hermine. Es gibt verschiedene Arten von richtigen Sehern. Meistens sind es Frauen, weil die in der Regel eher einen Blick für das Übersinnliche haben. Es gibt Hellseherinnen. Die betreiben, ähnlich wie die Zentauren, Sternguckerei und so ein Zeug. Leider sind sie dabei meistens nicht so treffsicher wie ihre behuften Kumpanen. Es gibt Traumseherinnen. Die können in der Regel nicht steuern, was sie sehen. Sie träumen – ob im Nacht- oder im Tagtraum, letzteres nennt man dann meistens Vision – von der Gegenwart, von der Vergangenheit oder von einer möglichen Zukunft. Und es gibt Schwarzseher… dazu gehöre ich."
Er beglückwünschte sich selbst zu dieser neuen Dimension von schlechten Scherzen, doch Hermine schenkte ihm trotzdem ein schwaches Lächeln, obwohl der Witz wirklich unterste Schublade gewesen war.
Fast war er erleichtert, als sie wieder den Kopf an seine Brust sinken ließ.
„Und du glaubst, Elena könnte eine Traumseherin sein?"
„Meistens manifestiert sich ein solches Können im Laufe der Pubertät. Das Erkennen von Visionen verlangt in der Regel nach einer größeren geistigen Reife als das Erlernen von Magie. Aus diesem Grund wird mit dem Wahrsageunterricht in Hogwarts erst im dritten Schuljahr begonnen, wenn gleich auch das Fach wenig dazu beiträgt, echte Seher zu schulen."
„Könnte das belastend für sie werden?" Hermine klang besorgt und er lachte leise.
„Besondere Fähigkeiten sind immer belastend, Hermine. Du solltest das sehr gut wissen. Aber wenn Elena beginnt, zu sehen, ist sie reif genug, um damit umgehen zu können. Und ich glaube, wenn sie das kann, kann sie auch akzeptieren, von wem sie dieses Können hat."
„Sie ist erst zwölf, Severus. Sie ist ein Kind!"
„Potter hat mit 11 das erste Mal ein bewusstes Treffen mit Voldemort gehabt. Draco Malfoy wurde mit 12 zum ersten Mal zu einem Todessertreffen mitgenommen. Du hast mit 11 von einer zuvor für absurd gehaltenen Welt erfahren."
„Und was war mit dir, als du 11 warst?"
„Als ich 11 war, fing der Himmel auf Erden an, Hermine. Für mich waren die Jahre vorher eine Katastrophe, nicht mein 11. Geburtstag."
Hermine drückte ihn fester an sich und war sich der Ehre bewusst, Einblick in seine Vergangenheit erhalten zu haben. Wer sonst konnte das von sich behaupten.
„Ich denke, du tust ihr keinen Gefallen, wenn du sie anlügst."
„Wenn sie von dir wäre…"
„Dann wäre sie jetzt vielleicht übellaunig und eigenbrötlerisch. Oder sie hätte meine Nase geerbt. Sei froh, dass sie ist, was sie ist, denn so ist sie gut oder nicht?"
Wieder wandte sie ihr Gesicht zu ihm und erstaunt sah er, dass sie lächelte.
„Ich mag deine Nase."
„Im Gesicht deiner Tochter?"
Ihr Lächeln wurde breiter. „Vielleicht lieber nicht."
Er nickte ihr zu. „Siehst du."
„Denkst du, ich sollte es ihr bald sagen?"
„Sie wird sich fragen, warum ausgerechnet jetzt ein Vater für sie her muss. Warum so ein Wirbel um ihre Person, nur weil du offenbarst, dass du noch höchst lebendig bist? Mir fällt da keine bessere Antwort als die Wahrheit ein."
„Ich will… ich muss erst mit dem Irrwicht fertig werden." Sie rieb sich die Stirn. „Ich glaube, ich kann noch nicht wieder vier Probleme auf einmal stemmen."
„Vier?"
„Lestrange, Macnair, Travers und die Wahrheit."
Er gab einen verstehenden Laut von sich, dann verfielen sie beide wieder in Schweigen.
Strich
Erneut war es Severus, der irgendwann das Schweigen brach. Hermines Atemzüge an seiner Brust waren ruhig geworden und er glaubte schon, sie sei eingeschlafen – doch sobald er die Stimme erhob, sah sie wieder zu ihm auf.
„Hat sie nie nach ihrem Vater gefragt?" Er wagte sich weit vor und eigentlich ging es ihn nichts an… und wann hatte diese Familie eigentlich angefangen, ihn so brennend zu interessieren?
Hermine schwieg noch eine Weile, doch dann antwortete sie: „Ein einziges Mal vehement. Da war sie fünf. Auf dem Spielplatz hat ein Mädchen sie damit aufgezogen, dass sie keinen Vater hatte… du weißt ja, wie Kinder sein können. Sie kam weinend nach Hause und hat nach ihm gefragt. Ich wollte sie nicht anlügen und bin ihr ausgewichen, aber sie hatte schon immer ihren eigenen Dickkopf und ich war damals der Situation nicht gewachsen. Ich habe eigentlich immer versucht, meiner Tochter Verbote und Gebote zu erklären, verständlich zu machen… aber an dem Tag konnte ich nicht. Als sie immer weiter nachgebohrt, gequengelt und geweint hat, bin ich irgendwann wütend geworden.
Irgendwann hat sie sich dann weinend und Türen knallend in ihrem Zimmer verkrochen und ein paar Puppen geköpft… und ich hab mich wie die schlechteste Mutter der Welt gefühlt… aber hinterher hat sie nie wieder echte Versuche gemacht, nach ihm zu fragen." Sie presste die Lippen aufeinander. „Ich war an diesem Abend drauf und dran, ihn zu suchen und ihn umzubringen, egal, welche Konsequenzen das für mich gehabt hätte. Denn dann hätte ich meiner Tochter guten Gewissens sagen können: ‚Tut mir Leid, mein Engel, dein Vater ist tot. Lass uns nicht mehr darüber reden.'"
Er nickte. „Bald kannst du das behaupten."
„Hoffentlich."
Wieder saßen sie nur eine Weile aneinander gelehnt da und hingen beide ihren Gedanken nach, die sich ziemlich gleichartig um Elena und die beste Art, ihr die Wahrheit zu sagen, drehten.
Irgendwann richtete Hermine sich auf.
„Irrwicht?"
„Mit Vergnügen." Severus erhob sich ebenfalls. „Wir können ein wenig üben, wie du ihn verfluchen kannst, ohne dass es jemand mitbekommt. Das könnte während der Verhandlung hilfreich sein."
Mit hochgezogener Augenbraue sah Hermine ihn an und gewahrte das leichte Glitzern in seinen Augen. Sie gab ihm einen leichten Knuff.
„Bring mich nicht auf dumme Ideen, Severus Snape. Sonst bin ich es nachher noch, die auf dem Anklagestuhl zu sitzen kommt."
„Wie du meinst." Er verzog den Mund in einer spöttischen Parodie eines Lächelns. „Sollte dir die Idee doch noch gefallen, melde dich bei mir."
„In Ordnung. Ignorierzauber?"
Er belegte sie mit dem Zauber und sie stapften los.
Der Anblick von Rabastan Lestrange war noch immer nicht leicht – heute, in Folge des Gesprächs mit Severus jedoch, fiel es ihr noch ein wenig schwerer, dem Irrwicht keinen Fluch auf den Hals zu hetzen. Severus hatte ihm seine Stimme gelassen – schließlich würde auch der reale Rabastan Lestrange in der Lage sein, zu sprechen – und der Irrwicht nutzte dies, um Hermine nach Strich und Faden zu verhöhnen.
Überraschenderweise schien dies dem Raum der Wünsche nicht zu passen, denn sobald die Gemäuer den Eindruck hatten, dass der bösartige kleine Geist es zu toll trieb, rief ihn der Angeklagtenstuhl mit einem kräftigen Schütteln zur Räson.
„Dieses Schloss ist manchmal wirklich unheimlich", murmelte Severus irgendwann und im nächsten Augenblick wurde er auch einmal durchgeschüttelt und fiel Hermine quasi auf den Schoß.
Das holte sie aus ihrer konzentrierten Anspannung und sie konnte nicht anders, als zu lächeln, als der Zaubertrankprofessor sich auf das Schloss und den Raum schimpfend wieder aufrappelte.
Der kleine Zwischenfall hatte ihr ausreichend Entspannung eingebracht, um den Irrwicht zu besiegen und so stattete sie ihn rasch erneut mit einem Drag-Queen-Outfit aus.
Zufrieden sperrte Severus den Irrwicht wieder in die Kiste und sah Hermine dann abschätzend an.
„Ich schätze, wenn das so weiter geht, können wir die Verhandlungen bald hinter uns bringen. Wenn du dich dafür bereit fühlst, werde ich Albus ausrichten, dass er Susan Bones mitteilen soll, dass sie Termine für die Verhandlungen ansetzen kann."
„Was ist mit Macnair und Travers?"
„Ich halte sie nicht für problematisch. Wenn du ihnen gegenüber genauso empfinden würdest, wie Rabastan Lestrange gegenüber, würde der Irrwicht zwischen ihren Abbildern wechseln. Er würde, um größtmöglichen Stress für dich hervorzurufen, alle paar Sekunden seine Gestalt verändern. Da er dies nicht tut, denke ich, können wir ihm vertrauen. Du wirst mit ihrem Anblick keine schwerwiegenden Probleme haben.
Wenn du trotzdem Übung im Anblick der beiden haben willst, kann ich dir ein paar Erinnerungsausschnitte von mir zeigen."
„Nun… ich glaube, ich verzichte und vertraue diesem widerlichen Vieh."
„Gute Entscheidung. Sollte ihr Anblick dich doch zu sehr schockieren, können wir immer noch den Saal verlassen."
„Wir? Wirst du bei den Verhandlungen dabei sein?"
Er nickte mit grimmigem Lächeln. „Ich bin einer der Hauptankläger, da ich lange Jahre als Spion bei ihren Aktionen dabei sein musste."
„Merlin sei Dank." Als sie sich selber die Worte sagen hörte, hob sie erschreckt die Hand vor den Mund. „Entschuldige. Es ist natürlich nicht gut, dass du das alles mitansehen musstest…"
Er hob die Hand. „Lass. Es ist in Ordnung." Dann stand er auf und reichte ihr die Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen.
Hermine war etwas erstaunt ob der ungewohnten Geste, doch mittlerweile sollte sie sich eigentlich bei dem undurchsichtigen Professor über gar nichts mehr wundern.
Ihr schoss durch den Kopf, dass sie nie geahnt hatte, was für ein Mann der sarkastische Tränkeprofessor eigentlich wirklich war. Vielleicht wusste sie es noch nicht einmal jetzt.
„Kirsch-Zitronendrop."
Knirschend öffnete der Wasserspeier den Weg zum Büro des Direktors und kopfschüttelnd über das neue Passwort (was gleichzeitig auch für Albus' neue Lieblingssüßigkeit stand) erklomm Severus die Stufen.
Albus stand bei Fawkes, als Severus herein kam, und drehte sich von dem neugeborenen Vogel zu seinem Tränkemeister herum.
„Severus. Schön, dich zu sehen. Setz dich doch. Wie geht es Hermine?" Auch er ließ sich hinter seinem Schreibtisch nieder.
Minerva hatte ihm bereits erzählt, was sie mit den beiden erlebt hatte, in der Nacht als Elena zu ihnen gelaufen war, und Albus wurde nun immer zuversichtlicher, was seine kleine Idee anging.
„Es geht ihr gut. Sie kann sich wieder erinnern und wird zunehmend stabiler. Ich denke, Miss Bones kann sich daran machen, Termine für die Verhandlungen zu finden. Vielleicht nicht gerade morgen, aber in nächster Zeit."
„Das sind wundervolle Nachrichten, Severus. Drops?"
Die Schüssel mit den Bonbons schwebte selbstständig zu dem jüngeren Mann, doch der schob sie angewidert von sich.
„Du weißt, ich teile deine Vorliebe für Zahnfäule verursachende Süßwarenerzeugnisse nicht."
„Das ist schade, Severus, sie machen glücklich."
Der Angesprochene schnaubte nur ungnädig. „Sollte ich das Bedürfnis nach einem Rausch in Glückseligkeit haben, braue ich mir einen Trank. Der lässt im Übrigen meine Zähne in Ruhe und macht nicht dick." Er warf einen lauernden Blick auf Dumbledores weiten Umhang. „Was du ja gut zu kaschieren weißt."
Dumbledore kicherte. „Ich bin glücklicherweise von Natur aus ein dürrer, alter Vogel. Aber nett, dass du dich sorgst."
Dafür bekam er wieder nur ein Schnauben. Sich sorgen. Pah.
„Zurück zum Thema, Albus." Etwas genervt schlug Severus die Beine übereinander. Der alte Mann schweifte immer vom Thema ab. „Du wirst Miss Bones das ausrichten?"
„Natürlich, Severus, umgehend."
„Gut." Severus überlegte kurz, ob er Albus von ihrem Plan, Elena als seine Tochter anzuerkennen, erzählen sollte. Kurzentschlossen entschied er sich dafür. Es konnte nur hilfreich sein, den alten Mann auf ihrer Seite zu haben.
Ihrer Seite. Ihrem Plan. Wann hatte er eigentlich angefangen, ihre Probleme zu seinen zu machen? Weichherziger alter Narr.
„Da wäre noch etwas", übertönte er mit seiner Stimme seine elenden Gedanken.
„Schiess los."
Severus runzelte die Stirn über die saloppe Antwort des Direktors, kam jedoch umgehend zur Sache.
„Hermine und ich sind uns einig, dass es nicht gut sein kann, wenn die Presse Wind von der kleinen Miss Parker bekommt. Sie werden eins und eins zusammen zählen und mit ihren Vermutungen über den Vater die Zeitungen überfluten. Früher oder später würde irgendjemand über Ähnlichkeiten zwischen ihr und Lestrange spekulieren und schon wäre ihr Ruf ruiniert."
Albus nickte ernst. Auch er hatte schon daran gedacht.
„Deshalb sind Hermine und ich übereingekommen, dass es am einfachsten wäre, Elena Parker als meine Tochter auszugeben. Ich werde sie offiziell als Folge einer kurzfristigen Affäre während unserer Zusammenarbeit vor dem Krieg ausgeben. Sollte das Gericht nach einem Test verlangen, werde ich einen solchen so fälschen, dass er mich zweifelsfrei als Vater ausweist. Ich denke jedoch, dass Miss Bones im Zuge ihrer Verbundenheit mit Hermine davon absehen wird. Es spräche zweifellos alles dafür, dass sie meine Tochter ist und nicht seine – wir können zweifelsohne jede Frage plausibel beantworten."
Nachdenklich wog der Direktor den Kopf, während er alles in Gedanken durchging.
„Hermine war zu der Zeit mit Ronald Weasley liiert", wandte er schließlich ein. „Man wird bezweifeln, dass Hermine ihn so hintergangen hat."
„Nicht, wenn sie selbst das bestätigt. Ihre Beziehung zu Weasley lag damals schon in den letzten Zügen." Severus lächelte grimmig. Sollte der Direktor etwa von ihren Zusammenstößen nichts mitbekommen haben? Und das, obwohl der Alte doch sonst seine Nase überall hinein steckte?
Interessiert sah dieser ihn nun an. „Ihr konntet euch nicht ausstehen. Niemand, der euch damals zusammen erlebt hat, könnte an eine solche… Affäre glauben."
„Oh bitte, Albus. Seit wann braucht man in einem Krieg Zuneigung. Betrachte es als… Maßnahme zum Stressabbau." Severus hasste es, über so etwas mit dem Direktor reden zu müssen. Zumal das ja nicht nur Geschichten waren.
Dumbledore schien Lunte zu wittern und lächelte milde. „Stressabbau. Nun gut. Ich überlasse die detailgenaue Erarbeitung dieser Geschichte euch. Aber meinen Segen habt ihr. Sollte mich jemand dazu befragen, werde ich das bestätigen."
„Danke."
„Bitte. Die kleine Elena ist ein liebes Mädchen. Ich erwarte von dir, dass du ein anständiger Stiefvater wirst, Severus."
„Das ist nur auf dem Papier", murrte dieser, doch das sanfte Lächeln auf dem runzeligen Gesicht verschwand nicht.
„Natürlich, Severus, natürlich. Trotzdem."
Mit einem Schnauben erhob der Tränkemeister sich. „Dann gehe ich jetzt wieder. Sag mir Bescheid, wenn eine Antwort von Bones da ist."
„Das mache ich selbstverständlich, Severus." Das Lächeln des Direktors wurde breiter, als Severus zur Tür rauschte.
Kurz bevor er hinaus verschwand, hielt der Direktor ihn zurück.
„Severus?"
Mit einem unwilligen Laut wandte der Professor sich noch einmal um.
„Elena hat am 20.11. Geburtstag. Und bald ist Ostern… da schenkt man seinen Kindern für gewöhnlich eine Kleinigkeit."
Kopfschüttelnd floh Severus Snape.
Bitte nicht hauen :D (Aber vielleicht reviewen?)
