Und weiter geht's :) Ich bin grad irgendwie im Schreibflow ;)

Yusuria: Danke, danke… ich freu mich, wenn sie gefällt :D Sevi ist ja auch ein undurchsichtiger Geselle ^^

Nine: Kekse sind immer willkommen :D Neue Reviewer auch! :D Find ich schön, dass dir das Unrosarote gefällt :) Ich les zwischendurch selber ganz gerne mal rosarote Sachen, aber irgendwie bin ich unfähig rosarot zu schreiben ;) Das kommt mir dann immer so gestellt vor :D *keks futter* Assignments und Uni-Kram sind böse (auf mich wartet hier auch noch ne Menge…aber Schreiben geht vor ;)) und deshalb auch für dich zur Ablenkung hier das nächste Chap :D

*gibt allen anderen Lesern auch ein paar von Nines Keksen ab* Viel Spaß :)

22. Endgültigkeit

Elena war noch nicht da, als Severus sein Büro erreichte und so ging er hinein und begann halbherzig, den Aufsatz eines Sechstklässlers zu korrigieren. Der Stapel an zu korrigierenden Arbeiten auf seinem Schreibtisch hatte mittlerweile turmartige Ausmaße angenommen, denn aus irgendeinem vollkommen unerfindlichen Grund kam er in letzter Zeit zu nichts mehr.

Der Sechstklässer – Ewan McLare – hatte von Zaubertränken ungefähr so viel Ahnung wie Severus Snape von Make Up. Schon nach den ersten zwei Sätzen überlegte Severus sich, ihn zu Elena in Nachhilfe zu schicken.

Kaum gedacht klopfte es.

Auf sein „Herein" trat Elena ein. Sie sah völlig unbedarft aus und für einen Moment verstand Severus Hermine nur zu gut. Er dachte daran, ihr gar nichts zu sagen, und ihr das Ganze zu ersparen, bis er sich selbst zur Räson rief. Sie verdiente die Wahrheit.

„Guten Abend, Sir." Sie lächelte ihn an und er fühlte sich so schlecht, als wäre er drauf und dran, ihr ins Gesicht zu schlagen.

„Guten Abend, Miss Parker." Er atmete tief durch. „Die Projektstunde fällt heute aus. Ihre Mutter muss etwas äußerst Wichtiges mit Ihnen bereden, deshalb sollten Sie zu ihr gehen."

Elena sah verdutzt aus. „Ist denn etwas passiert?"

„Das kann sie Ihnen am besten selbst sagen. Wenn Sie anklopfen, wird Ihre Mutter Sie herein lassen." Er zögerte kurz und sagte dann doch: „Versprechen Sie mir, dass Sie Ihrer Mutter in Ruhe zuhören und genau über die Bedeutung ihrer Worte nachdenken. Urteilen Sie nicht vorschnell."

„Ähm… in Ordnung?" Nun war Elena vollends verwirrt. „Dann geh ich mal?"

„Ja. Tun Sie das."

Hätte sie es nicht besser gewusst, hätte sie gedacht, dass Professor Snape besorgt klang. Was wollte ihre Mutter ihr sagen?

Verschiedene Gründe schossen ihr durch den Kopf, während sie den Raum verließ und als sie vor den Privaträumen des Professors ankam, konnte sie sich nur einen vorstellen: Ihre Mom und Professor Snape mussten ein Paar sein. Vielleicht wollten sie sogar heiraten.

Elena war sich nicht sicher, ob sie das gut fand. Der Professor war eigentlich in Ordnung – auch wenn er nicht besonders beliebt war. Aber er wusste ja alles und war – wie ihre Mutter gesagt hatte – selbstlos. Das hieß, dass er in Ordnung war. Allerdings konnte Elena sich ihre Mutter einfach nicht als Ehefrau vorstellen – so wie Tante Ginny eine war. Ihre Mom war halt ihre Mom. Sie hatte nie irgendwas mit Männern zu tun gehabt, seitdem Elena denken konnte.

Nachdenklich klopfte sie kräftig gegen den Wandteppich, der auch ziemlich schnell zurück schwang und den Weg frei machte.

Drinnen stand Hermine. Elena merkte, dass ihre Mom zittrig war, als sie sie zur Begrüßung kurz in den Arm nahm.

Offensichtlich war sie sehr aufgeregt.

Elena beschloss deshalb, besonders ruhig zu bleiben.

Ihre Mom zog sie zu der Couch und sie setzten sich nebeneinander und ihre Mom zog die Beine auf die Couch und setzte sich so, dass sie Elena genau ansehen konnte.

„Professor Snape hat dir sicherlich gesagt, dass ich dir etwas Wichtiges sagen muss?"

Elena nickte.

„Okay. Hör zu, Mäuschen… das ist jetzt nicht so einfach für mich. Ich möchte, dass du mir erst einmal zuhörst und mir dann alle Fragen stellst, die du möchtest. Wenn du danach erst einmal allein sein willst, ist das auch in Ordnung."

„Ich find's okay, wenn du Professor Snape magst, Mom", platzte Elena nun heraus und ärgerte sich im nächsten Moment über sich selbst. Sie hatte doch ruhig bleiben wollen.

Ihre Mom sah auch etwas irritiert aus. „Wie meinst du das?"

„Na, du willst mir doch sagen, dass du und Professor Snape… dass du seine Freundin bist und so." Elena wurde rot.

Hermine wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. „Ach, Engel. Ich bin nicht Professor Snapes Freundin… also, irgendwie schon, denke ich. Aber nicht so wie James und sein blondes Anhängsel. Sondern nur Freunde."

„Und was willst du mir dann sagen?" Nun war Elena mit ihrem Latein am Ende. Was könnte es denn noch dringendes geben?

Hermine sammelte sich und rückte dann raus. „Ich will mit dir über deinen Vater reden, Elena."

Nun wurde auch Elena blass und erinnerte sich dann aber selbst daran, ruhig zu bleiben.

„Dein Vater, Liebling, ist Rabastan Lestrange."

Mit einem Stechen in der Brust sah Hermine, wie es im Kopf ihrer Tochter anfing, zu arbeiten.

„Ich hab den Namen schon einmal gehört. Wieso hast du mir das nie erzählt?"

„Weil Rabastan Lestrange.." Hermine schluckte. „…weil er ein böser Mann ist. Er war ein Todesser. Ich hab dir doch mal erklärt, wie Kinder entstehen, nicht wahr?"

Elena nickte nur, starr vor Anspannung.

„Ich hab dir auch gesagt, dass ein Mann und eine Frau normalerweise dann ein Kind bekommen, wenn sie sich gern haben und eine Familie gründen wollen. Aber das kann leider auch anders passieren. Ein Mann und eine Frau können auch ein Kind bekommen, wenn sie sich nicht mögen. Es gibt Frauen, die ihren Körper an Männer verkaufen, die vielleicht keine Frauen haben oder was weiß ich. Das sind Prostituierte. Sie bleiben eine Nacht mit einem Mann zusammen und lassen sich dafür von ihm bezahlen. Dabei entstehen meistens keine Kinder, weil beide dagegen etwas tun. So jemand bin ich natürlich nicht. Aber es gibt auch Männer, die dafür nicht bezahlen wollen. Sie suchen sich irgendeine Frau und vergewaltigen sie – benutzen sie mit Gewalt. Meistens wollen diese Männer Macht über irgendjemanden haben, der ihnen unterlegen ist.

Die Todesser – die Anhänger von Voldemort – haben das sehr häufig gemacht. Sie wollten Angst und Schrecken verbreiten und haben deswegen solche Dinge getan. Und als die letzte Schlacht stattfand, hat Rabastan Lestrange mir das angetan."

Ängstlich beobachtete Hermine das Gesicht ihrer Tochter, während sie sprach. Elena sah aus wie ein Geist und zitterte.

Ihre Mutter nahm ihre Hand.

„Manchmal entstehen Kinder aus so einer Begegnung. So wie du. Aber für so eine Sache können die Kinder nichts, verstehst du? Kein Kind ist schuld an so etwas. Und bloß, weil dein Erzeuger ein blöder Mistkerl war, bist du nicht auch so. Du hast keinen Vater, verstehst du mich, Engel? Du hast mich und ich hab dich. Und da bin ich sehr glücklich drüber. Und wenn mir jemand anbieten würde, das alles rückgängig zu machen, würde ich ablehnen, weil ich dann auch dich wieder abgeben müsste… und das wäre für mich unerträglich. Du bist eine wunderbare Tochter, Elena, und du wirst niemals so sein, wie der Mann, von dem du abstammst. Und ich könnte dich nicht mehr lieben, als ich es schon tue… egal, wie du entstanden bist. Verstehst du das?"

Elena nickte, doch Hermine war sich nicht ganz sicher, ob Elena ihre Worte wirklich voll erfasst hatte.

Sie hielt die Hand ihrer Tochter fest und strich ihr mit der anderen durchs Haar.

„In vierzehn Tagen wird Rabastan Lestrange vor Gericht stehen und dort zum Tode verurteilt werden. Dann wird von ihm nichts mehr übrig sein, als eine böse Erinnerung, die irgendwann verblasst sein wird. Aber du solltest die Wahrheit wissen, Engel."

Das Mädchen war offensichtlich völlig geschockt und Hermine wünschte sich mehr denn je, begabt für Legilimentik zu sein. Doch sie hatte diese Gabe nicht und konnte deshalb nichts machen, als ihrer Tochter die Hand und durchs Haar zu streicheln.

„Das ist schon in Ordnung, Mom", murmelte Elena schließlich und stand auf. „Ich geh jetzt schlafen."

„Bist du sicher, dass es dir gut geht, Engel? Es ist erst 5 Uhr."

Natürlich ging es ihr nicht gut. Hermine kannte ihre Tochter immerhin schon eine Weile. Es ging ihr nicht gut.

„Ja. Alles super. Ich muss nur… nachdenken."

„Versprich mir, dass du mir sagst, wenn du noch irgendwelche Fragen hast oder dir etwas auf dem Herzen liegt."

„Versprochen."

„Fingerschwur!" Hermine hielt ihr den kleinen Finger hin und nach kurzem Zögern hakte Elena den ihren ein.

Dann ließ sie die Hand ihrer Mutter wieder fahren. „Ich geh dann jetzt hoch."

„In Ordnung, Engel." Zutiefst besorgt brachte Hermine ihre Tochter zur Tür und drückte sie dort fest an sich. „Ich hab dich sehr, sehr lieb", flüsterte sie ihr zärtlich ins Haar, dann ließ sie sie ziehen.

Als die Tür ins Schloss fiel, fiel die Anspannung von Hermine ab. Taumelnd gelangte sie zurück zum Sofa und fiel darauf. In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken. Sie hatte Elena noch so viel sagen wollen, doch irgendwie war alles anders gekommen, als sie geplant hatte.

Die Tür öffnete sich erneut und Severus rauschte herein. Besorgt erfasste er die zusammen gesackte Frau auf dem Sofa und eilte zu ihr.

„Wie ist es gelaufen?"

„Sie steht unter Schock und wollte allein sein." Aus blassem Gesicht sah Hermine ihn an und tippte sich dann gegen die Stirn. „Guck es dir selber an."

Mit einem raschen „Legilimens" nahm er die Einladung an und betrachtete die Szene. Dann nickte er.

„Die Nachricht hat eingeschlagen. Aber du hast das gut gemacht. Sie wird das verstehen."

„Ich hab's vermasselt."

„Unfug! Jeder wäre nach so einer Nachricht geschockt, egal, mit wie viel Liebesgeständnissen sie überbracht wurde. Gib ihr ein bisschen Zeit."

Mehr halbherzig denn überzeugt nickte Hermine.

Innerlich seufzend rief Severus nach Dobby und orderte ein Abendessen.


Elena wollte nur weg aus dem Kerker. In ihrem Kopf sprudelten die Gedanken über, obwohl sie noch immer nicht richtig erfassen konnte, was ihre Mutter ihr da eigentlich gesagt hatte.

Ihr Vater war ein Ungeheuer.

Vor ihrem inneren Auge tauchten plötzlich wieder die Bilder aus ihren Albträumen auf, die sie für vergessen gehalten hatte. Ein Mann mit schwarzen Haaren hatte da die Hauptrolle gespielt. Konnte es sein? Sie versuchte, die rasche Abfolge der Bilder anzuhalten, während ihre Füße sie irgendwohin trugen. Sie wollte den Mann genauer betrachten, wollte Ähnlichkeiten feststellen… doch es gelang ihr nicht.

Dann fiel es ihr wieder ein und ihre Füße schlugen eine andere, eine geplante Richtung ein. Sie begann zu rennen.

Als sie den Gemeinschaftsraum der Gryffindors erreichte, sah sie schon James mit seinen Freunden da sitzen. Sie stürzte sich auf ihn und er erschrak ein wenig, als er das aufgelöste Mädchen sah.

„Ella? Was ist passiert?"

„Hast du den Artikel über die Todesser noch, die dein Dad geschnappt hat, James?" Elena war völlig außer Atem.

Irritiert sah er sie an. „Ja, hab ich oben."

„Kann ich ihn mal haben?"

„Jetzt?"

„Ja… bitte… es ist dringend."

„Wieso?"

„Frag doch nicht! Gib ihn mir einfach!"

„Na schön, na schön. Warte eben." Verwirrt flitzte James die Treppen zu den Jungenschlafräumen hoch und erschien wenig später mit der Seite aus dem Tagespropheten.

Elena riss sie ihm aus der Hand. „Danke! Kriegst du später wieder!"

Bevor er etwas sagen konnte, war sie schon nach oben in die Mädchenschlafräume verschwunden.

Sie warf sich dort auf ihr Bett und zog die Vorhänge zu, obgleich der Raum ohnehin leer war. Dann faltete sie in fliegender Hast die Seite auseinander und dankte im Stillen James dafür, dass er seinen Vater so vergötterte, dass er alles sammelte, was mit ihm zu tun hatte.

Die Gesichter der drei Gefangenen sahen ihr entgegen. Und da war er. Rabastan Lestrange. Ihr Vater. Ein Todesser. Jemand, der getötet und verletzt hatte. Und vergewaltigt.

Als sie in sein kaltes Gesicht sah, kamen ihr nun doch die Tränen. Sie meinte, unendlich viele Ähnlichkeiten mit ihm zu erkennen und fragte sich, warum das noch niemandem aufgefallen war. Er hatte dieselbe Haarfarbe wie sie. Die Form ihrer Augen glich der seinen. Irgendwie hatten auch ihre Ohren ähnliche Formen… war sie ihm nicht wie aus dem Gesicht geschnitten? Das Gesicht eines Mörders…

Heftig warf sie das Papier von sich und drückte schluchzend ihr Kissen an sich. Sie hatte diesen Tag so sehr herbei gesehnt und jetzt wünschte sie, ihre Mutter hätte ihr nie etwas gesagt. Sie hatte immer gedacht, ihr Vater und ihre Mutter hätten sich einfach gestritten und wollten nichts mehr miteinander zu tun haben. Sie hatte immer gehofft, dass ihr Vater eines Tages vor der Tür stehen und ihre Mutter um Verzeihung bitten würde… und dass sie dann endlich eine richtige Familie sein konnten.

Jetzt wusste sie, dass all diese Hoffnungen närrisch gewesen waren. Ihr Vater würde niemals um Verzeihung bitten. Er war es, der ihre Mom fast getötet hatte. Er hatte ihr so viele unausprechliche Dinge angetan. Dinge, von denen Elena geträumt hatte und die sie wieder vergessen wollte. Er hatte Menschen getötet, gefoltert, verletzt und gequält. Es stand alles in dem langen Artikel. Der Mann war der Teufel. Und sie war sein Kind.

Ihr Schluchzen wurde lauter.

Sie war das Kind eines Monsters. Zur Hälfte selber eines. Er war in ihr, war ein Teil von ihr… vielleicht war sie auch böse und hatte es nur gut versteckt. Vielleicht war sie auch ein Monster. Vielleicht würde sie eines Tages auch Menschen wehtun.

„Ella?"

Der Vorhang ihres Bettes wurde leicht zurück geschlagen und Lily streckte besorgt ihren Kopf herein. Sie erschrak, als sie Elena sah.

„El… was ist los?"

„Geh weg."

„Aber was ist denn passiert?" Lily machte Anstalten zu Elena auf das Bett zu krabbeln, doch Elena wollte nicht berührt werden.

Sie war ein Monster.

Also sprang sie auf der anderen Seite vom Bett und lief davon.

Zurück ließ sie eine höchstbesorgte Lily, die ihr hinab in den Gemeinschaftsraum folgte. Als sie dort jedoch ankam, saßen dort schon alle recht ratlos, weil Elena Parker weinend an ihnen vorbei aus dem Gemeinschaftsraum gestürzt war.

Hilflos wandte Lily sich an James, doch der zuckte nur völlig ratlos die Schultern. Lily jedoch war nicht gewillt, einfach zu warten, bis ihre Freundin von alleine wieder kam.

„Wir sollten Professor McGonagall sagen, dass es Ella nicht gut geht. Bald ist Zeit fürs Abendessen und es fällt sicher auf, wenn sie nicht da ist. Und vielleicht hat sie das Schloss verlassen."

„Ich geh nicht zu McGonagall", wehrte James entsetzt ab. „Sie guckt mich immer an, als hätte ich was ausgefressen."

Lily schnaubte entnervt. „Dann gehst du Ella suchen und ich sag McGonagall Bescheid."

„Meinst du nicht, wir sollten ein bisschen abwarten, ob Ella wieder kommt? Vielleicht will sie einfach nur einen Moment mal allein sein."

„Sie sah aus, als wolle sie allein sein", bestätigte Ian.

„Mit dir rede ich doch gar nicht", fauchte Lily ihn an. „Du wirst jetzt losgehen und Ella suchen, James Potter. Und zwar jetzt."

„Oh Merlin, tu nicht so, als wärst du meine Mom!"

„Unsere Mom hätte dir schon längst Beine gemacht. Also beweg dich!"

Ian und Robin kicherten und mit betont genervter Miene erhob James sich und trottete vor seiner Schwester aus dem Gemeinschaftsraum. Die warf den beiden Jungs noch einen bösen Blick zu, bevor sie ihm folgte.


Professor McGonagall war nicht aufzufinden und so begann Lily, systematisch das Schloss nach ihr abzusuchen – auch in der Hoffnung, Ella vielleicht dabei zu finden.

James war weniger ambitioniert, doch er dachte intensiv darüber nach, was genau die Situation ausgelöst hatte. Elena schien schon durch den Wind gewesen zu sein, als sie nach dem Zeitungsartikel gefragt hatte. Also hatte das vermutlich irgendwas hiermit zu tun.

Ihm fiel ein, dass Fledermaussnape seinem Dad dabei geholfen hatte, die Todesser zu fangen… und da Ella ja seine Lieblingsschülerin war, hatte sie von ihm vielleicht irgendetwas erfahren, was mit dem Zeitungsartikel zu tun und ihr die Laune verhagelt hatte.

James beglückwünschte sich selbst zu seinem Scharfsinn. Jetzt stand er natürlich vor einer entscheidenden Frage: Begab er sich in die Höhle der Schlangenfledermaus und fragte, ob Elena da gewesen war, riskierte eine gemeine Antwort und vielleicht sogar Punktabzug… oder suchte er Elena einfach so auf eigene Faust in dem riesigen Schloss und verpasste deshalb möglicherweise das Abendessen.

Punkteabzug war weniger schlimm, beschloss er schließlich. Und wenn Snape nicht wusste, wo Ella war, ging er selbst immerhin als geschlagener Held hervor.

Abgesehen davon wusste die Fledermaus ja doch immer, wo irgendjemand war, der gegebenenfalls gerade etwas ausfraß… dann fand er bestimmt auch Elena.

Zuversichtlich wandte James seine Schritte in Richtung Kerker und klopfte an Professor Snapes Bürotür.

Als keiner antwortete, versuchte er die Tür zu öffnen, doch sie war verschlossen. Offensichtlich war Professor Snape nicht da.

Kurz überlegte James, ob er wusste, wo die Wohnung des fiesen Professors lag… und entschied schließlich, dass er es nicht wusste. Er wandte sich an eines von den Porträts, die spärlich über den Gang verteilt hingen.

„Entschuldigung? Wo sind Professors Snape Privaträume, bitte?"

Der Zauberer in dem Bild war ein düsterer, hagerer Mann (der für James verblüffende Ähnlichkeit mit dem Professor hatte… möglicherweise ein entfernter Verwandter… vielleicht befand er sich hier auf Snapes Ahnengalerie), der eher ungnädig Auskunft gab.

War ja klar. Als würden Slytherins jemals freundlich auf nette Anfragen reagieren.

Der Wandteppich sah nicht so aus wie eine Eingangstür… aber gut. Sich ein wenig blöd vorkommend klopfte James und schon schwang der Teppich beiseite und gab eine Tür frei, die just in diesem Moment von Severus Snape infernale aufgerissen wurde.

Der Zaubertrankmeister erstarrte, als er Sargnageljames gewahrte. Er hatte gehofft, dass Elena zurückgekommen sei.

„Was?", zischte er ihn ungnädig an.

„Tut mir Leid, dass ich störe, Professor", begann James mit ausgesuchter Höflichkeit, um nicht gebissen zu werden.

„Sie stören, Potter. Also sagen Sie, was Sie sagen wollen und verschwinden Sie wieder!"

„Elena hat mich vorhin nach meinem Zeitungsartikel wegen der drei Todesser gefragt, die Sie zusammen mit meinem Dad geschnappt haben. Sie wirkte ziemlich durch den Wind und ist erst mit dem Artikel in ihr Zimmer gerannt, um eine halbe Stunde später heulend wieder herunter zu kommen und irgendwo im Schloss oder wo auch immer zu verschwinden."

James war, als flammte für einen Moment Besorgnis auf dem starren Gesicht auf – doch der Eindruck verschwand so schnell wieder, dass er meinte, sich geirrt zu haben.

„Das ist ja wirklich hochdramatisch, Potter, aber das ist ein Fall für Ihre Hauslehrerin!"

„Lily ist schon unterwegs, aber ich such jetzt nach Ella und weil sie ja den Zeitungsartikel haben wollte und den offensichtlich schlimm fand und vorher schon so aufgelöst war und weil Sie ja beteiligt waren…"

„…kommen Sie um Merlins Willen zum Punkt, Potter!", bellte der Professor und James zuckte kurz zusammen, um dann seinen Satz zu beenden:

„…dachte ich, Sie wüssten vielleicht, was mit Elena ist und wo sie sein könnte."

„Wenn Sie jemanden suchen, der hellsehen kann, gehen Sie gefälligst zu Professor Trelawney! Ich habe keine Ahnung. Und jetzt verschwinden Sie und behelligen Sie Ihre Hauslehrerin mit den Launen Ihrer Freundin!"

James verdrehte innerlich die Augen. Der Kerl war aber auch ungenießbar. Blödmann.

„Na gut. Bis dann, Sir." Rasch drehte er sich um und hastete davon, bevor die Fledermaus doch noch auf die Idee kam, ihm Punkte abzuziehen.

Hinter ihm wurde die Tür zu geknallt.


Hermine war blass. Sie hatte alles mitangehört und war nun drauf und dran selber loszuziehen, um ihre Tochter zu suchen.

„Merlin… Severus, glaubst du, sie würde das Schloss verlassen? Es wird schon dunkel draußen!"

„Hermine, deine Tochter ist keine Idiotin! Selbst in ihrem aktuellen Zustand nicht. Du bleibst jetzt hier und ich geh sie suchen."

„Ich bleibe sicher nicht hier!" Empört sah Hermine ihn an, doch er winkte herrisch ab.

„Elena kriegt einen Herzschlag, wenn deine Stimme aus dem Off plötzlich neben ihr erklingt. Du bleibst hier. Ich habe keine Lust, heute noch dem ganzen Schloss zu erklären, wer du bist!"

„Severus, meine Tochter könnte in den verbotenen Wald gelaufen sein." Hermines Stimme klang nun bedrohlich. „Ich werde gehen und sie suchen! Accio mein Mantel! Beleg mich bitte mit dem Ignorierzauber, Severus. Sonst tu ich es selber, ob es dann schief geht oder nicht!"

„Du bist ein verdammtes, stures Weibsbild", zischte er, kapitulierte jedoch und legte den Zauber auf sie. „Wenn einer sie findet, schickt er dem anderen einen Patronus."

„In Ordnung. Ich suche sie auf den Ländereien. Du suchst im Schloss. Draußen wird mich schon keiner bemerken."

„Von mir aus." Er sah etwas unzufrieden drein, sparte sich jedoch weiteren sinnlosen Widerstand.

Sie liefen zusammen bis zur Eingangshalle hinauf, wo Severus kurz mit hinausging, damit die Tür nicht von unsichtbarer Hand auf und zu ging – was selbst auf Hogwarts unüblich war – und betrat dann das Schloss wieder.

Dort hielt er zunächst inne und überlegte, wo er hingehen würde. Spontan fiel ihm da nur ein Ort ein.


Der Astronomieturm war ein unbequemes und zugiges Fleckchen, zu dem man unglaublich viele Treppen hinauf steigen musste. Es gab eigentlich niemanden, der gern hier her kam – außer Severus Snape… aus genau diesem Grund.

Hierhin führte ihn nun sein Weg, denn er vermutete, dass auch Elena schon von diesem Rückzugsfleckchen Wind bekommen hatte.

Er war dankbar dafür, dass er einen warmen Umhang anhatte, als er die zugige Turmplattform betrat. Und tatsächlich gewahrte er in einer Ecke ein zusammengekauertes dunkles Bündel.

„Miss Parker?"

Elena sah auf. Ihr Gesicht war verquollen und in den Fäusten hielt sie den zerknitterten Zeitungsartikel, der in der Mitte bereits einen großen Riss aufwies.

Severus ging zu ihr und ließ sich zu ihrem offenkundigen Erstaunen neben sie auf den kühlen Boden gleiten.

„Ein bisschen kalt hier, um mit dem Schicksal zu hadern oder nicht?" Nachdenklich sah er sie an und sie schniefte laut.

„Ich will nicht darüber reden."

„Weißt du, Elena, man kann sich nicht aussuchen, als wessen Kind man geboren wird." Er wandte den Blick von ihr ab und starrte in den wolkigen Himmel. „Manchmal hat man Pech. Dann bekommt man einen Vater wie deinen oder man hat vielleicht direkt nach seiner Geburt schon keine Eltern mehr – so wie Harry Potter. Manchmal erfährt man, dass die eigenen Eltern einen eigentlich gar nicht haben wollen oder dass sie irgendwelche schlechten Eigenschaften haben… vielleicht kriminell sind oder Trinker… Aber man kann auch ziemliches Glück haben. Dann hat man eine Mutter wie deine, die einen liebt, egal woher man kommt oder was man zu sein meint."

„Aber vielleicht bin ich genauso wie er."

„Wenn du so wie er wärst, wüsstest du das schon lange. Du weißt doch, dass du nicht so bist, wie er. Wenn du wie er wärst, würde dich der Gedanke daran nicht erschrecken. Es wäre dir gleichgültig oder sogar ganz recht. Das ist es nicht… oder doch?"

Heftig schüttelte Elena den Kopf und ihr Tränkeprofessor zuckte die Schultern.

„Siehst du."

„Warum kann ich keinen netten Vater haben?"

„Andere Frage: Wärst du ein besserer Mensch, wenn du einen netten Vater hättest? Vielleicht wäre dein Leben ein bisschen einfacher gewesen, weil du dir diese Fragen nie hättest stellen müssen… aber wärst du deswegen besser oder klüger oder hübscher oder was auch immer geworden?"

„Ich weiß nicht."

„Nun, ich glaube nicht."

„Glauben Sie, dass man schon so früh merkt, ob man böse ist? Ich bin doch erst 12."

„Wenn jemand böse ist, ist er es von Anfang an. Niemand war mal irgendwann ein furchtbar netter Kerl und wird dann zu einem Lord Voldemort. Es gibt Menschen, die werden vielleicht mal irgendwann von irgendetwas enttäuscht, schlecht behandelt oder verbittert und tun deshalb schlimme Sachen. Das ist keineswegs eine Entschuldigung… so jemand trägt ewig Schuld auf seinen Schultern… aber er bereut irgendwann, was er getan hat. Jemand wie Rabastan Lestrange aber ist nicht enttäuscht, verbittert oder schlecht behandelt. Er ist bis tief in sein Innerstes böse. Vielleicht ist er als Kind noch nicht so furchtbar böse wie als Erwachsener… aber böse ist er von Anfang an. Und er wird niemals bereuen.

Tut es dir Leid, wenn du etwas angestellt hast oder jemanden verletzt hast?"

Nun sah er Elena wieder an und sie nickte heftig.

„Dann bist du nicht böse."

Elena zog geräuschvoll die Nase hoch.

„Aber die anderen werden bestimmt denken, ich wäre böse."

„Interessier dich niemals dafür, was andere über dich denken. Andere haben keine Ahnung wie es in dir aussieht und wer du bist. Das weißt nur du selber… und vielleicht noch deine Mutter. Außerdem musst du das niemandem erzählen."

„Und was ist, wenn das jemand rauskriegt?"

„Wenn irgendjemand dich nicht mehr mag, nur weil dein Vater ein Mistkerl ist, dann ist das sowieso kein guter Freund. Dann kannst du auf die Person getrost verzichten."

„Aber vielleicht hab ich dann keine Freunde mehr."

„Das glaube ich nicht. Deine beiden Potter-Freunde kennen dich doch schon ewig. Warum sollten sie dich plötzlich nicht mehr mögen? Du hast dich doch nicht verändert."

Das leuchtete Elena ein und sie schwieg und kuschelte sich fröstelnd wieder enger in ihren dünnen Umhang.

Mit einem innerlichen Seufzen vergrößerte Severus seinen eigenen Umhang mit einem nonverbalen Zauber und wickelte ein Stück des nun riesigen Umhangs um Elena, die zuerst erschrak und sich dann tiefer in den Mantel wickelte.

Dann zückte er seinen Zauberstab.

„Ich muss deiner Mutter sagen, dass ich dich gefunden habe. Sie sucht dich auch."

„Wie?" Elenas Wissensdurst erwachte trotz ihrer aktuellen Gemütsverfassung sofort.

„Mit einem Patronus." Severus hob den Zauberstab. „Expecto Patronum!"

Aus der Spitze seines Zauberstabs brach ein weißer, riesiger Uhu hervor, der elegant eine Runde drehte und dann vor ihnen landete.

Elena quietschte vor Erstaunen auf und grummelnd hielt Severus sich die Ohren zu.

„Der ist ja wunderschön!"

„Er ist eine Waffe. Hast du schon mal von Dementoren gehört?"

„Ja. Meine Mom hat mir mal von ihnen erzählt."

„Dementoren kann man nur mit diesem Zauber vertreiben. Sie haben Angst vor ihm. Und sein praktischer Nebeneffekt ist, dass man mit ihm kurze Nachrichten übermitteln kann… über eine geringe Distanz."

„Kann ich den Zauber auch?"

„Er ist nicht ganz einfach. Du musst an das glücklichste Ereignis denken, was dir je passiert ist und dann den Spruch sagen."

Elena zog mit klammen Fingern ihren Zauberstab hervor, umklammerte ihn und schloss fest die Augen.

Severus betrachtete sie amüsiert und fragte sich, welche Erinnerung sie wohl auswählte.

„Expecto Patronum!"

Elena riss die Augen auf, doch aus der Spitze ihres Zauberstabes puffte nur etwas leuchtend weißer Rauch.

Der Uhu sah unbeeindruckt drein und ihr Professor schmunzelte ganz leicht.

„Das ist schon mal nicht schlecht für den Anfang. Du kannst das weiter üben, irgendwann funktioniert es."

„Habe ich dann auch einen Uhu?"

„Nein, vermutlich nicht. Jeder Mensch hat ein eigenes Tier. Deine Mutter hat zum Beispiel einen Otter."

„Und wie schicken Sie ihr jetzt die Nachricht?"

Severus wies mit dem Zauberstab auf den Uhu und dieser straffte sich sofort aufmerksam. „Überbring Hermine Granger folgende Nachricht: Habe Elena gefunden. Treffen im Kerker."

Der Uhu nickte sehr menschlich und erhob sich dann mit gewaltigen Flügelschlägen. Als er sich über die Brüstung des Turmes stürzte, erhob Severus sich.

„Komm mit… wir gehen nach unten."

„Meine Mom wird bestimmt sauer sein", gab Elena zu bedenken, doch Severus winkte ab.

„Deine Mutter weiß sehr genau, wie dir zu Mute ist und sie hat sich große Sorgen gemacht. Du solltest mit ihr sprechen."

Elena erhob sich nun ebenfalls und sah bittend zu ihrem Lehrer auf.

„Sie glauben also, dass ich nicht böse bin?", fragte sie eindringlich und er schüttelte den Kopf.

„Ich habe schon viele böse Menschen getroffen. Du gehörst nicht dazu."

Sie nickte, wischte sich die Nase an ihrem Ärmel ab und trottete dann neben Severus zurück in Richtung Kerker.

Wird Sev am Ende doch noch Pädagoge? Und hat Hermine das Gespräch vermasselt? Was sagt ihr? :)