Kapitel 4:
Dort neben dem Feuer, wo er gestern Abend gesessen hatte, lagen noch sein Messer und eine angefangene Schnitzerei. Freya nahm das Stück Holz auf und drehte es um. Sie sahin Fleurs Züge, mit filigraner Liebe ins Holz geritzt. Das nächste, was sie spürte, war der Fußboden an ihrer Wange. Sie stand nicht mehr auf.
Die Dunkelheit hatte das einsame kleine Haus auf den Klippen bereits fest umschlungen, als Freya sich bewegte.
Ihre steif gefrorenen Glieder schmerzten, als sie sich an der Feuerstelle hochzog und realisierte, dass sie ihn verloren hatte.
Nicht erst jetzt, sondern von Anfang an.
Freya riss ihre Haustür auf, taumelte hinaus in das Schneetreiben.
Sie fiel auf die Knie, schlug mit den Fäusten in die Schneewehe unter sich und schrie sich die Seele aus dem Leib.
Es gab nichts, dass ihr Gefühl in diesem Moment beschreiben konnte.
Nach wenigen Tagen ließ der Schmerz nach.
Bisher hatte er Freya immer wieder in tosenden Wellen überrollt und in eine unergründliche Tiefe mitgerissen.
Stattdessen machte sich nun eine pochende Leere in ihr breit.
Fast schien es ihr, als könne da kein schlagendes Herz mehr in ihrer Brust sein, nur ein gähnendes schwarzes Loch.
Wie Bill sich gefühlt haben musste, kam ihr jetzt erst nahe.
Der Winter hielt die Klippen fest in seinen unerbittlichen Klauen und Freya gab sich ganz der Kälte hin.
Sie fror jetzt immer, auch wenn ein loderndes Feuer im Kamin brannte.
Fast wünschte sich Freya die Schmerzen zurück, denn die hatten ihr wenigstens gezeigt, dass sie noch am Leben war.
So wandelte sie kraftlos umher, verrichtete mechanisch ihre Arbeiten und tat ansonsten nichts.
Imbolc kam, doch sie brach jede Tradition und feierte nicht, obwohl sie sich sonst immer sehr auf die Feste freute und sie ihr viel bedeuteten.
Aber jetzt war es ihr egal.
Alles war ihr egal.
Bill fehlte ihr.
Das Vermissen war unermesslich und allgegenwärtig.
Ihr wurde in dieser Einsamkeit einiges klar – beispielsweise, wie sehr sie sich in Bill verliebt hatte.
Und wie töricht das war.
Er liebte Fleur über alles, über den Tod hinweg und würde sie nach allem, was geschehen war, gewiss nicht so leicht loslassen.
Sich Hoffnungen zu machen, war daher das dämlichste, was sie tun konnte.
Sie tat es trotzdem.
Und so setzte ihr Herz ein paar Schläge aus, als Mitte Januar plötzlich jemand an die Tür klopfte.
Konnte das Bill sein?
War er etwa zu ihr zurückgekehrt?
Vor Erwartung beflügelt, ließ sie jede Vorsichtsmaßnahme fallen, stürmte mit gerafftem Kleid zur Tür, riss sie auf – und starrte in die boshaft funkelnden Augen von niemand anderem als Bellatrix Lestrange.
„Ha!", jauchzte diese triumphierend, „Hab ich dich doch noch gefunden, dreckiges Halbblut!"
Freya stockte der Atem – sie war völlig schutzlos!
Ehe sie nach einem zu Verteidigungszwecken brauchbaren Gegenstand hatte suchen können, feuerte Bellatrix auch schon einen Fluch auf sie und alles wurde schwarz.
Als Freya die Augen wieder öffnete, war ihre Wohnung völlig verwüstet. Sie saß in ihrem Wohnzimmer auf dem Fußboden und schien an ihren Tisch gefesselt; etwas hartes schnitt ihr in die Handgelenke.
Auch ihre Füße waren mit einem Tuch zusammengebunden.
Bei näherem Hinsehen entdeckte sie auch noch, dass ein Feuer im Kamin brannte –nicht durch Holz beheizt, sondern durch Bücher. Ihre Bücher.
Freya wimmerte, als ihr plötzlich jemand ruckartig an den Haaren riss.
Ihr Kopf schlug hart in den Nacken und sie hörte, wie Bellatrix ihr ins Ohr zischte: „So, du kleines Miststück, jetzt verrätst du mir auf der Stelle, wo der Rest deiner Schlammblutfamilie steckt... ich will ein bisschen mit ihnen spielen!"
Freyas Brustkorb zog sich schmerzhaft zusammen.
„Sie sind tot. Das solltest du doch am besten wissen, Bellatrix", fauchte sie zurück.
Bella kicherte boshaft,
„Natürlich, schließlich haben wir Todesser sie ja getötet. Wie schwach sie waren, wie sie gebettelt haben, wie - "
„ - Hör auf!", unterbrach Freya sie und hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten.
„Du weißt doch, dass Dryaden nicht sterben können, solange ihre Bäume noch leben...", säuselte Bellatrix.
Freya keuchte auf: „Woher -?"
„- Ich das weiß?" Sie lachte haltlos. „Es war nicht wirklich schwierig, das herauszufinden."
„Was willst du nur von uns?", flüsterte Freya verzagt.
Bellatrix schien nun völlig in ihrem Element.
„Euch töten, natürlich."
Panisch sah Freya sich um, doch es gab einfach keine Möglichkeit, unbemerkt zu entkommen. Sie saß buchstäblich in der Falle.
„Wieso?", versuchte sie also, Zeit zu schinden.
Bellatrix klang erstaunt und amüsiert zugleich, als sie antwortete: „Weil ich Halblinge, Schlammblüter und sonstigen Abschaum hasse. Ihr habt keine Magie verdient. Nur reinblütigen Zauberern obliegt das Recht, Magie zu wirken. Ihr dreckigen Missgeburten habt die Magie gestohlen! Außerdem habt ihr in der Schlacht von Hogwarts dafür gesorgt, dass mein Herr, Lord Voldemort, verliert. Ihr seid ungestraft davongekommen – und das, obwohl ihr nichts weiter als Magie-Diebe seid!"
„Aber...", stammelte Freya, „Wir Dryaden wirken doch eine ganz andere Art Magie als ihr Zauberer!"
„Und trotzdem bleibt ihr Missgeburten! Eine Kreuzung aus Bäumen und Naturgeistern - das ist unnatürlich. Nicht akzeptabel. Ihr seid die Magie nicht wert!"
Nun zerriss Bellatrix Freyas Fesseln und zerrte sie an den Haaren hoch.
„Du führst mich jetzt zu den Bäumen oder..."
Statt weiterzusprechen, rammte sie der Rothaarigen die Spitze ihres Zauberstabs in den Rücken.
„Nur ein Mucks, meine Süße", hauchte die Todesserin, scheinbar um ihr Anliegen zu unterstreichen, „Und ich töte dich."
Mit diesen Worten stieß sie die junge Frau vor sich aus der Hütte hinaus und in das mächtige Schneetreiben.
Freya hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sie dieser misslichen Situation entkommen konnte.
Sie wusste nur sicher, dass sie Rhia, Meredith und Menglada nicht verraten durfte.
Um sich etwas Zeit zum Überlegen zu verschaffen, führte sie die Todesserin also nicht zu den Bäumen, sondern im Kreis um ihre Lichtung herum durch den Wald.
Bellatrix hatte recht, eine Dryade konnte nicht sterben, solange ihr Baum noch lebte, ihr Leben war an das ihres Baumes gebunden.
Aber ihre drei Freundinnen waren zur Genesung in ihre Bäume gegangen.
Verfiel der Körper einer Dryade, konnte man sie wieder ihrem Baum übergeben und sie wurde wiedergeboren.
Nur was geschah, wenn Bellatrix sie in ihren Bäumen fände?
Sie wären ihr schutzlos ausgeliefert und die müsste nicht mehr tun, als das ebenso wehrlose Holz zu zerstören.
„Wie weit denn noch?", zischte Besagte in diesem Moment.
„Wir sind gleich da", murmelte Freya und traf eine mutige Entscheidung.
Noch einmal führte sie Bellatrix um die Lichtung der drei Bäume herum, diesmal mit gewagt geringem Abstand.
Allerdings hauchte sie dabei stumme Beschwörungen in den heulenden Wind.
Sie errichtete einen Schutzwall, der es Bellatrix unmöglich machen sollte, den Bäumen ihrer Freunde zu nahe zu kommen.
Die junge Freya durchbrach krachend das Unterholz.
In einer unerwarteten Kehrtwende hatte sie die Todesserin auf die Lichtung ihres eigenen Baumes, der alten Eiche Cerra geführt.
„Wo sind die anderen drei?", fauchte Bellatrix zornig.
„Der Standort des eigenen Baumes ist das Geheimnis einer jeden Dryade. Ich weiß nicht, wo die anderen stehen", log Freya.
„Lüg mich nicht an!"
„Selbst wenn ich es wüsste – ich würde sie nie an dich verraten!"
„Crucio", war Bellas ruhige und kaltblütige Antwort.
Freya schrie auf. Ein nie gekannter Schmerz fraß sich durch ihre Nerven, ganz anders als die Sehnsucht nach Bill und dennoch ebenso mächtig.
Sie wand sich und flehte innerlich, es möge endlich aufhören, doch sie tat ihrer Peinigerin nicht den Gefallen, um Gnade zu bitten.
So plötzlich, wie es begonnen hatte, hörte es auch wieder auf.
Freya wimmerte, als ihre unkontrolliert zuckenden Glieder zum Erliegen kamen.
„Und du bist sicher, dass du mir nicht sagen willst, wo sie sind? Vielleicht lasse ich dich ja ein bisschen länger am Leben..."
„Niemals", keuchte die Rothaarige, „Lieber sterbe ich!"
„Das lässt sich einrichten", trällerte Bella mit kindlichem Vergnügen und richtete ihren Zauberstab auf Cerra, die augenblicklich in Flammen aufging.
„Nein!", schrie Freya, doch zu spät, die Flammen hatten bereits angefangen das Holz zu verschlingen.
Sie fühlte sich, als würde sie selbst bei lebendigem Leibe verbrennen.
Ihre Verbindung zu Cerra war so eng, dass sie jetzt ihre Schmerzen teilte und alles spüren konnte, was diese erlitt.
Die Schmerzen wurden unerträglich, das Feuer brannte auch in ihren Adern...
Gepeinigt wälzte sie sich auf dem Boden hin und her...
Freya erwachte.
Zuerst konnte sie nichts um sich herum sehen, zu groß war das Gefühl des Verlusts.
Es schien ihr, als sei ein Teil von ihr gestorben – und realistisch gesehen, war das ja auch irgendwie so.
Freyas trüber Blick traf auf den schwelenden Baumstumpf neben ihr.
Ein verkohlter Rumpf, mehr war von Cerra nicht übriggeblieben.
Der Anblick trieb ihr die Tränen in die Augen.
Aber – wieso bin ich noch am Leben?, dachte Freya verwundert. Die Dryade lebt nur solange, wie auch ihr Baum lebt!
Der Schmerz benebelte noch immer ihre Sinne.
Intuitiv griff sie an nach dem Fünfstern an ihrem Hals, dem magischen Schutzsymbol.
Und sie hielt inne.
Das Pentagramm stammte aus Cerras Holz!
Sie lachte trotz allem auf.
Bellatrix' Plan war nicht aufgegangen... dieses kleine Stückchen Holz hatte sie vor dem sicheren Tod bewahrt.
Aber das Pentagramm war doch kein lebender Baum, wieso konnte sie dennoch...?
Und wo war Bellatrix überhaupt?
Es war doch gar nicht ihre Art, sich Beute durch die Finger gehen zu lassen!
Ein Schnauben riss sie ausihren Gedanken.
Es folgte rhythmisches Hufgetrippel, dann stießen weiche Nüstern an ihre Wange.
„Freya", wieherte eine bekannte Stimme, „Ihr seid am Leben!"
„Firenze?", fragte sie ungläubig und richtete sich mühsam ein Stückchen auf, „Was macht Ihr denn hier?"
„Ich wollte Euch besuchen kommen, meine Liebe, und natürlich diesen wunderschönen Wald! Da habe ich Eure Hütte verwüstet vorgefunden und es stieg eine Rauchsäule über dem Wald auf..."
Freya zuckte getroffen zusammen.
„Ich kam gerade noch rechtzeitig."
„Und Bellatrix?"
„Sie hatte nicht mit mir gerechnet, sodass ich ihr im Überraschungsmoment den Zauberstab aus der Hand schlagen konnte. Sie ist leider geflüchtet. Es tut mir sehr leid, aber für Euren Baum kam jede Hilfe zu spät. Für einen kurzen Augenblick befürchtete ich, auch Ihr wäret verloren..."
„Oh mein lieber, guter Firenze, ich habe Euch mein Leben zu verdanken..."
„Wie ich Euch das meine. Sagt mir nur, wie konntet Ihr den Tod Eures Baumes überleben?"
Wortlos hob Freya ihr Pentagramm an.
„Aber totes Holz?", fragte der Zentaur überrascht.
Die junge Frau konnte nicht antworten.
Von einem plötzlichen Schwächeanfall übermannt, sackte sie kraftlos zurück ins Moos.
Besorgt nahm Firenze sie mit seinen starken Armen hoch und hob sie sich auf den Rücken.
„Keine Angst, Freya, ich bringe Euch zu Eurem Häuschen."
Behutsam, damit sie durch die Erschütterungen keine Schmerzen litt, trabte der Zentaur mit der bewusstlosen Dryade auf dem Rücken durch den Wald.
Freya ruhte volle drei Tage.
Am vierten Tag wurde sie durch den Duft von frischem Bärlauch-Brot geweckt.
Zu ihrer maßlosen Verwunderung lag sie in ihrem Bett und ihr Schlafzimmer sah so ordentlich aus, als sei gar nichts geschehen.
Da schob Firenze den Kopf durch die Tür.
„Endlich seid Ihr wach, ich habe es schon kaum noch gewagt, in die Sterne zu sehen..."
„Was ist hier passiert?"
„Ich habe mir die Freiheit genommen, ein wenig aufzuräumen, während Ihr schlaft.", erklärte der Zentaur und wiegelte ihren Dank mit einer abwehrenden Geste ab.
„Im Gegenzug habe ich in Eurem kleinen Stall Unterkunft bezogen und von Euren Vorräten genommen."
Als er jetzt einen Teller mit dem duftenden Brot und einen Krug Milch an ihr Bett stellte, lächelte sie ihn warm an.
Sie war es nicht gewohnt, dass man sich um sie kümmerte.
„Freya?", auf einmal klang er besorgt und nervös, „Bitte tut Euch einen Gefallen und meidet in den nächsten Wochen Euren Spiegel."
Mit diesen Worten überließ er sie sich selbst.
Freyas Neugierde war geweckt.
Mit Mühen quälte sie sich aus dem Bett, alles tat ihr weh, insbesondere ihr Rücken pocherte äußerst unangenehm.
Sie tat ein paar Schritte, langsam und vorsichtig, ihre Beine protestierten lautstark.
Sie tapste zum Fenster und stieß die Läden auf.
Die frische Seeluft zog herein und genießerisch lehnte sie sich in die Brise.
Der Salzgeruch öffnete ihre Atemwege und der Wind kitzelte sie im Gesicht.
Freya fuhr herum. Länger konnte sie sich beim besten Willen nicht ablenken.
Vor dem Spiegel legte sie ihr Nachthemd ab.
Sie verdrängte, dass Firenze sie entkleidet haben musste, um es ihr überziehen zu können.
Freya betrachtete ihren geschundenen Körper – überall Schürfwunden,
die Einschnürungen dort, wo ihr die Fesseln ins Fleisch geschnitten hatten und leichte Verbrennungen, als hätte sie mit Cerra geschmort.
Sie drehte sich um – und erschrak.
Ihr Rücken war durch eine Narbe entstellt, die quer vom linken Schulterblatt zur rechten Hüfte reichte.
Das erklärte die Schmerzen.
Und das war noch nicht alles.
Als sie ihr Pentagramm ablegte, das sich verwickelt hatte, fiel ihr ein dunkles Mal auf der Haut darunter auf.
Sie konnte seine Form nicht genauer erschließen, es war auch ziemlich blass, aber sie war sich sicher, dass es im Wald, als Firenze sie gefunden hatte, noch nicht dagewesen war.
Sie war sich nicht sicher, aber plötzlich überkam sie das beklemmende Gefühl zu wissen, was das bedeutete.
Ihr Pentagramm hatte ihr nicht das Leben gerettet.
Es hatte ihr nur mehr Zeit verschafft.
