Kapitel 2 - Harry
„Der Eine mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, naht heran. Jenen geboren, die ihm drei Mal die Stirn geboten haben, geboren, wenn der siebte Monat stirbt. Und der Dunkle Lord wird Ihn als sich Ebenbürtigen kennzeichnen, aber Er wird eine Macht besitzen, die der Dunkle Lord nicht kennt. Und der Eine muss von der Hand des Anderen sterben, denn keiner kann leben, während der Andere überlebt", Potter hatte so leise geflüstert, dass er kaum zu verstehen war.
„Was hat das zu bedeuten?", krächzte Longbottom unsicher.
„Ich glaube, dann mache ich weiter", Potter straffte die Schultern und begann zu erzählen.
„Das ist eine Prophezeihung, die niemand anderes als Professor Trelawny einmal Dumbledore gemacht hat", sein Blick huschte ganz kurz zu ihm und Severus durchbohrte seine Augen förmlich, „Ein Todesser hat die Beiden belauscht und die gehörten Informationen an Voldemort weitergegeben."Granger schlug die Hand vor ihren Mund, offensichtlich hatte sie verstanden.
„Diese Prophezeihung hätte auch auf dich zugetroffen, Neville."
Longbottom starrte Potter mit weit aufgerissenen Augen an.
„Du meinst…", stammelte er schreckerfüllt.
„Ja, Neville", bestätigte Potter bitter, „Nur weil Voldemort sich entschieden hat meine Eltern zu töten, bin ich der Auserwählte geworden. Nur deshalb musste ich bei den Dursleys leben und nur deshalb sind meine Eltern tot."
„Harry", fuhr Longbottom errötend dazwischen, doch zu Snapes großer Überraschung fiel Draco ihm ins Wort: „Und du hast nie daran gedacht, einfach nicht das zu tun, was von dir erwartet wird, Potter?"
„Ich glaube, Draco, du weißt selbst, wie schwer das ist", verteidigte Granger ihren besten Freund bestimmt. Dracos Wangen färbten sich leicht rosa, sie spielte natürlich auf seine Tätigkeiten bei den Todessern an.
„Aber Harry", flüsterte Neville leise, „Dafür haben dich immer alle bewundert."Potter schnaubte trocken.
„Neville, du vergisst wie ich aufgewachsen bin. Von einem Tag auf den anderen eröffnete sich mir diese ganze Welt. Ich hatte immer nur Dudleys abgelegte Kleidung an, war immer der komische Potter-Junge und ein Augenzwinkern später wurde ich gefeiert wie ein Held. Für etwas, an das ich mich nicht einmal richtig erinnern kann. Für etwas, das mir meine Familie genommen hat. Meinst du, ich habe diesen Ruhm auch nur einen Moment genossen?! Wenn ich die Wahl gehabt hätte, meine Berühmtheit gegen meine Eltern einzutauschen, glaube mir, ich hätte es sofort getan. Und diese Schuld... es sind Menschen meinetwegen gestorben. Für mich. Ich habe nichts dagegen getan oder tun können. Es ist unerträglich!"
Longbottom schaute betreten, aus Grangers Rehaugen troff das Mitleid in Krokodilstränen auf ihre Wangen.
„Eigentlich wollte ich doch nur das richtige tun. Eigentlich wollte ich doch nur alle beschützen. Das schlimmste…", er zögerte kurz, fuhr sich nervös durch die strubbeligen Haare, „Das schlimmste war es, euch leiden zu sehen. Meine Freunde, die Menschen, die mir irgendwie nahe standen, alle waren ständig in Gefahr. Am liebsten hätte ich das alles ganz alleine gemacht."
„Und das ist genau der Grund, warum du Voldemort besiegen konntest, Harry", stellte Granger mit sanfter Bestimmtheit fest, „Weil du bedingungslos lieben konntest. Deine eigenen Eltern starben aufgrund falschen Vertrauens und dennoch hast du immer ausgeschlossen, dass in deinen eigenen Reihen ein Verräter sein könnte. Du hast uns gelenkt und geschützt und geliebt. Wenn hier jemand die Qualität zu einem Anführer hat, dann bist du es."
„Ich habe keine dieser Qualitäten", fuhr er sie aufgebracht an, „Ich habe mich nur entschieden."
„Sprich mal deutlich, Potter", fauchte Draco.
„Eigentlich warst du schon ganz nah dran, Draco. Natürlich hätte ich mich dazu entschließen können, die Prophezeihung zu ignorieren. Dann wäre ich ein mehr oder weniger freier Mann gewesen. Aber es hätte auch meinen schlimmsten Albtraum verwirklicht. Ich musste die Prophezeihung einfach erfüllen, weil ich es wollte. Ich habe es angenommen, der Auserwählte zu sein und nur aus diesem einzigen Grund war am Ende wirklich ich es, der Voldemort töten konnte."
„Du sprichst, als wäre alles von deinen Entscheidungen abhängig", murmelte Ron verständnislos.
„Ja, Ron, weil es irgendwie auch so war. Als ich nach Hogwarts gekommen bin, wollte der sprechende Hut mich erst nach Slytherin schicken. Er meinte, ich hätte die nötigen Eigenschaften, um in Slytherin wahre Größe erlangen zu können. Aber ich wollte nicht nach Slytherin, sondern nach Gryffindor. Und diese Entscheidung hat den sprechenden Hut am Ende überzeugt, mich nach Gryffindor zu schicken."
Er konnte Potter ansehen, dass dies eigentlich ein Geheimnis bleiben sollte und kurz schweifen seine Gedanken ab… was wäre wohl geschehen, wenn Potter in sein Haus gekommen wäre? Ein Skandal?
„Der ganze Krieg hat nur so stattgefunden, weil Voldemort entschieden hat, dass ich sein ebenbürtiger Gegner bin und weil ich entschieden habe, dass ich ihn erledigen möchte. Ich konnte mich nicht dagegen wehren, weil dies die einzige Möglichkeit war, den Krieg zu beenden und zu verhindern, dass noch mehr geliebte Menschen aus meinem Leben gerissen werden", seine Stimme zitterte bei diesen Worten leicht und Snape wusste einfach nicht, was er davon halten sollte.
„Ich wollte einfach immer nur das Richtige tun und so viele wie möglich retten."
„Und genau das ist Ihre Schwäche, Potter", beteiligte Snape sich zum ersten Mal am Gespräch – was ihn selbst wohl noch mehr verwunderte als die anderen.
„Der Dunkle Lord konnte sehr vorausschauend all Ihre Reaktionen definieren, weil er wusste, dass sie vor lauter dummdödeliger Liebe alles tun würden."
„Aber das war auch sein Triumph, Professor", hielt Granger mit ihrer üblichen argumentativen Schärfe entgegen.
„Die einzige Fähigkeit, in der Harry Voldemort überlegen war, war die Fähigkeit auf eine reine, bedingungslose Art zu lieben."
„Sprechen Sie mit mir nicht über Liebe, was wissen Sie denn schon davon, Sie unbedarftes Mädchen!", keifte er sie an, in einem Anflug an Erinnerungen an seine Liebe…
„Auf jeden Fall mehr als Sie, Snape", fuhr Ron dazwischen. Er funkelte Weasley so hasserfüllt an, dass dieser förmlich zurückzuckte.
„Das Thema ist hiermit beendet", sie wussten, wenn er leise sprach, wurde es bedrohlich und Granger wechselte schnell zurück zu Harry.
„Harry, was ich dir nur noch sagen wollte – wir haben doch alle ähnlich empfunden wie du. Natürlich lag niemandem von uns die Last auf den Schultern, wie du sie ertragen musstest, aber… Im Prinzip wollten wir doch auch nur, dass es endlich vorbei geht. Dass es endlich aufhört und wir wieder ein normales Leben haben können."
Snape musste sich ein Husten verkneifen. Als würde er jemals wieder ein normales Leben führen können. Als würde er jemals vergessen.
„Alter, wirklich, wir hatten doch alle keinen Plan", Weasley gab durch seine inadäquate Ausdrucksweise mal wieder seinen Mangel an geistiger Schärfe zum Besten, „Wir haben immer nur auf dich gehört, versucht es dir leichter zu machen."
„Ihr ward alle großartig", flüsterte Potter in einem Anflug von Sentimentalität, „Ohne die ganze Hilfe hätte ich das doch niemals geschafft."
Weil du ein aufgeblasener, inkompetenter Angeber bist, genau wie dein Vater. Es war immer noch befriedigend, hasserfüllt an James Potter und seine dreckigen kleinen Freunde zu denken.
„War halt nur manchmal ein bisschen schwer, so hinter dir zu stehen, nicht neben dir", Snape schreckte hoch. Eine halbwegs weise Bemerkung vom Wiesel? Interessant…
