KAPITEL 4
Vor meinen Augen verschwamm alles. Träumen. Endlich wieder fühlen! Auch wenn es nicht meine eignen Erinnerungen waren, sondern die von Perry…
ooo
Vor mir erschien Julie wie sie vor mir durch einen dunklen Gang rannte. Sie trug ein Gewehr in ihrer Hand.
„Los, Perry, wir sollten uns hier nicht lange aufhalten!", rief sie mir zu und lief weiter.
„Ja, auf geht's", spornte ich mich selbst an und rannte ihr hinter her.
Ich selbst war auch schwer bewaffnet. Meine Schritte und mein Atem hallten in dem engen Gang wider. „Dead Zone" konnte ich beim vorbeirennen krakelig an einer der düsteren Betonwände des Ganges geschmiert entziffern. Endlich erreichten wir das Ende dieses nicht sonderlich einladend wirkenden Ortes: eine schmale Öffnung durch die das gleißende Tageslicht strömte. Julie quetschte sich durch den engen Spalt und ich tat es ihr gleich.
Draußen angekommen, war es zwar nicht mehr so finster, wie in dem kühlen Gang aus Beton, sicher fühlte man sich hier jedoch auch nicht. Überall lag Müll, kaputte Autos und was am schlimmsten war, Kadaver und zerfleischte Leichen.
„Einfach nicht hinsehen, Perry…", sagte Julie leise zu mir als mein Blick an einem toten Hundekadaver hängenblieb.
„Ja…" Ich schluckte.
„Lass uns weitergehen. Ich will so schnell wie möglich wieder hier weg." Julie nahm meine Hand und zog mich weiter.
Wir rannten um die nächste Häuserecke.
„Scheiße!", rief Julie.
Vor uns war eine Horde von Zombies. Mir stockte der Atem, als ich erkannte, wer vor mir stand. Mein Dad. Ein großer Kloß bildete sich in meinem Hals.
„Dad…", stammelte ich leise.
Er sah noch fast genauso aus wie früher. Nur dass sein Blick leer erschien.
Ich war wie angewurzelt. Mein Vater war nun also auch ein Zombie. Ich hatte immer gehofft, dass er vollkommen tot war. Alles war besser als zu dieser abartigen Rasse zu gehören. Laut brüllend rannte er auf mich zu. Er wollte mich fressen. Nicht einmal seinen eigenen Sohn erkannte er mehr.
„Dad…", sagte ich nochmals, immer noch wie angewurzelt, während er mir bedrohlich nahe kam.
„Perry, geh weg!", schrie nun Julie hinter mir und ohne dass sie eine weitere Sekunde wartete schoss sie mit ihrem Maschinengewehr auf meinen Vater.
In diesem Moment kam ich wieder zu Besinnung. Voller Trauer gepaart mit Wut holte auch ich mein Maschinengewehr hervor und begann auf die gesamte Horde zu schießen.
Danach war alles anders. Alles erschien mir plötzlich so hoffnungslos…
ooo
Als ich wieder meine Augen öffnete, war es schon hell. Ich saß immer noch im Pilotensessel vorne im Cockpit des Flugzeuges. Auch wenn es jetzt hart klingen muss, aber es waren schöne Erinnerungen gewesen. So viele Emotionen.
Aber jetzt musste ich mich wieder um Julie kümmern. Sie fragen, ob sie nicht doch noch länger hier in meinem Flugzeug bleiben wollte. Hier, sicher in meiner Nähe. Also stand ich langsam aus meinen Sessel auf und machte mich auf den Weg in den Fahrgastraum des Flugzeugs.
Aber schon beim Betreten des Raumes fiel mir etwas auf. Ihr Duft war weg! Dieser süßliche Duft, den ich, weil ich ja seit, naja, ziemlich langer Zeit, nichts anderes außer Menschenfleisch gegessen hatte, nicht mehr richtig definieren konnte. Ich wusste nur er war der beste Menschengeruch, den ich als Zombie bisher gerochen hatte - und ich roch Menschen mindestens über zehn Meter Entfernung!
Ich ließ meine Augen kurz durch den Raum schweifen. Mein Verdacht bestätigte sich. Sie war weg. Ihre Decke lag zusammengeknüllt am Boden. Ansonsten fehlte von ihr jede Spur.
Ich musste sie finden! Sie war da draußen nicht sicher und ich wollte sie noch länger in meiner Nähe haben!
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Ich lief den langen Flughafengang im Duty-Free-Bereich entlang. Ich hatte es geschafft. Ich war endlich R entkommen. Er hatte mir zwar nichts angetan - im Gegenteil, er hatte sich ja sogar um mich gekümmert – aber das hätte sich ja noch ändern können. Er war schließlich ein Zombie. Triebgesteuert und ohne jegliche Emotionen.
Rs Gesicht und die Szene von letzter Nacht erschien vor meinem geistigen Auge. ‚Pass…auf dich…auf', hatte er gesagt. Eigentlich war das genau der Satz den ich gehofft hatte von Perry zu hören. Ich war ein taffes Mädchen und konnte auf mich selbst aufpassen, aber seit der Apokalypse fühlte ich mich nicht mehr sicher. Niemals. Selbst nachts und trotz unserer hohen Mauer, die wir Menschen uns aus Schutz vor den Zombies um die Stadt gebaut hatten, schreckte ich immer wieder hoch und musste mich meist mit einem guten Buch ablenken, um wieder einschlafen zu können. Der Satz hätte mich zumindest einmal, wenn auch nur für kurze Zeit, etwas entspannen lassen. Umso surrealer erschien es mir nun diesen einen Satz, anstatt von meinem nun toten Freund, aus dem Mund eines Zombies zu hören. Zombies waren der Feind und kein Freund.
Plötzlich stoppten meine Gedanken. Ich hörte ein leises Stöhnen hinter mir. „R!", schoss es mir kurzzeitig durch den Kopf. Ich wirbelte herum.
Vor mir stand jedoch nicht R, sondern eine kleine Gruppe langsam auf mich zu kommender Zombies, die alle recht hungrig erschienen und mich scheinbar als ihr Frühstück eingeplant hatten.
„Scheiße!", fluchte ich laut, drehte mich wieder um und rannte los.
Ich war kaum zehn Meter gekommen, da traten auch schon weitere zwei Zombies aus einem Seitengang des Flurs hervor. Ich stoppte.
„Scheiße, verdammt!", fluchte ich abermals.
Ich war nun eingekesselt von sechs Zombies.
Das war's. Ich hatte keinerlei Waffen mit denen ich mich hätte wehren können und die Untoten kamen mir immer und immer näher.
