KAPITEL 5
„Ju…lie!", versuchte so laut wie es mir meine Zombiestimme erlaubte zu rufen.
Ich konnte zwar ihrem Duft folgen, aber vielleicht blieb sie ja stehen, wenn sie meine Stimme hörte. Vielleicht glaubte sie mir dann endlich, dass ich sie nur beschützten wollte. Vielleicht überlegte sie sich dann alles anders und blieb noch eine Weile bei mir. Oder vielleicht sogar länger.
Ich blieb kurz stehen, um ihren Duft aufzunehmen. Sie war scheinbar außen herum, um die Duty-Free-Shops gelaufen. Wenn ich nun die Abkürzung durch den Blumenladen und die Parfümerie nehmen würde, würde ich sie sicherlich einholen!
Ich rannte also durch den Blumenladen mit all seinen inzwischen vertrockneten Blumensträußen und Gestecken, riss die Tür zum Lagerbereich auf, auf der mit großen weißen Druckbuchstaben ‚Staff only' stand, lief durch den Lagerbereich beider Läden hindurch, riss die Tür zum Verkaufsbereich der Parfümerie auf und lief in den Shop.
Und tatsächlich. Ich hatte Recht behalten! Da stand sie - Julie! Nur war sie nicht allein, sondern von einer kleinen Gruppe meiner Rasse umzingelt. Sie schienen ihr gefährlich nahe zu kommen.
Hastig blickte ich mich im Laden um. Eine Waffe! Komm schon, Gehirn! Denk! Mein Blick schweifte über einige Parfüms und blieb an einem überdimensionalen Parfümflakon, der früher als Ausstellungsstück gedient hatte, hängen. Er war quaderförmig, mindestens 30 Zentimeter hoch und aus dickwandigen Glas gefertigt. Perfekt!
Ich hievte den schweren Flakon vom Parfümregal, rannte damit auf den Gang und zog dem Zombie, das den Rücken zu mir gedreht hatte damit eins über. Ich verletzte es damit recht stark am Kopf, was auch die einzige Methode war uns Zombies zu stoppen. Der Zombie ging unter lautem Stöhnen zu Boden.
Die restlichen vier Zombies, recht erstaunt von meiner Tat, starrten mich kurze Zeit verblüfft an. Nach wenigen Sekunden jedoch war ihr Verlangen nach Menschfleisch größer als die Verwunderung darüber als Untoter einen Menschen beschützten statt essen zu wollen und kesselten Julie immer weiter ein. Ich warf den Flakon beiseite, stieß einen der Zombies zu Boden und stellte mich zwischen Julie und die restlichen drei Angreifer. Mit einigen Tritten und Faustschlägen schlug ich die Zombies in die Flucht.
Ich bin nicht gerade stolz über diesen Kampf, aber nichts und niemand durften Julie verletzen. Ich musste auf sie aufpassen.
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Gerade hatte ich schon mein letztes Gebet gesprochen, da kam R mit einem riesigen Flakon aus der Parfümerie und schlug einem Zombie gegenüber von mir damit den Kopf ein. Die anderen Zombies verjagte er dank seiner großen Körpergröße mit einigen Hieben und Tritten auch innerhalb kürzester Zeit.
Die Zombies waren weg. Naja, bis auf das Eine, das nun mich anstarrend und kein bisschen außer Atem gegenüber von mir stand. Ich spürte einen riesigen Stein von meinem Herzen fallen. Ich hatte überlebt. Dank R hatte ich überlebt. Er hatte mir das Leben gerettet. Wieder einmal.
Vor lauter Erleichterung doch noch am Leben zu sein und ohne weiter darüber nachzudenken, was ich da gerade im Begriff war zu tun, umarmte ich ihn stürmisch.
„Danke, R!", jauchzte ich.
Einige Sekunden verstrichen.
Keine Antwort. Keine Regung. Nichts.
Oh nein. Die kurze Phase der Erleichterung in Sicherheit zu sein war nun auch wieder vorbei. Anspannung kam in mir hoch. Hatte ich sein Verlangen nach Menschenfleisch durch meine Umarmung geweckt?
Ich ließ R sofort los und machte einen Schritt zurück. Wie konnte ich nur so dumm sein? Als Mensch einen Zombie zu umarmen das war viel zu gefährlich! Auch wenn R mich gerettet hatte. Ich war viel zu weit gegangen!
R starrte mich regungslos mit seinen silbernen Augen an.
Wollte er mich nun doch fressen?
Er öffnete seinen Mund. Immer noch kein Ton.
Sollte ich los rennen?
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Okay, ganz ruhig bleiben, Cowboy.
Sie hat sich gerade bei dir bedankt und beide Arme um dich gelegt. Sie ist dir näher als du jemals zu träumen gewagt hättest. Du bist auf gutem Wege, dass sie dich doch noch mögen könnte. Leg jetzt diese zwei schlaffen Dinger, die an deinen Schultern hängen, um sie und antworte ihr. Komm schon! Sei ein bisschen menschlicher! Sei nicht so gruslig! Sonst haut sie wieder ab!
Angestrengt versuchte ich meine vor wenigen Sekunden noch so tadellos funktionierenden Arme dazu zu bewegen, sie zu umarmen. Aber ich war wie gelähmt.
Ich merkte, dass ihr Herzschlag wieder schneller wurde und ihre Umarmung sich von mir löste.
Oh nein, sie hatte wieder vor mir Angst bekommen. Aber kein Wunder! Ich hatte es vollkommen vermasselt und war in mein grusliges Zombieverhalten zurückgefallen!
Mit großen ängstlichen Augen starrte sie mich nun an.
Antworte ihr doch dann wenigstens, du Trottel!
Ich öffnete den Mund. Doch die Worte blieben mir im Hals stecken.
Nein! Jetzt komm schon! Sonst läuft sie davon!
„Pass…auf…dich…auf!", unter größter Anstrengung brachte ich die vier Worte dann doch noch aus meinem Mund.
Wie peinlich. Dreizehnjährige Jungs hatten es wahrscheinlich mehr drauf als ich.
Auf ihrem Gesicht machte sich Erleichterung breit. Sie atmete tief aus und schüttelte lachend den Kopf.
„Mann, R, erschreck mich nicht immer so, du Spinner!", sagte sie feixend. „Aber jetzt weiß ich ja, dass du nicht so auf Umarmungen stehst. Ist kein Problem!"
Nein! Nein! Nein!
Noch bevor ich ihr widersprechen konnte, drehte sie sich von mir weg und ging schnellen Schrittes Richtung Norden los.
Wie angewurzelt blieb ich stehen. Meine Stimmung wechselte innerhalb von Sekunden von Ärger über mich selbst in Verzweiflung.
Das war es also? Sie ging nun wieder von mir weg?
Alles hatte ich falsch gemacht. Alles.
Als sie einige Meter von mir entfernt war, drehte sie sich wieder zu mir um, ein Lächeln auf ihrem Gesicht.
„Was ist los, R? Kommst du nicht mit mir mit?", rief sie mir zu und winkte mich zu ihr heran.
Ich hatte wohl doch nicht alles falsch gemacht.
Überglücklich über das Angebot mit ihr weiter Zeit verbringen zu dürfen lief ich zu ihr.
