Hallo an alle! Und hier kommt das nächste Kapitel von Gabrielle Lavandes Geschichte Harry Potter et la Clé de l'autre monde. Viel Spaß beim Lesen. Ohne Alphaschreiberin (also, Gabrielle) hättet ihr diese Geschichte nie lesen können, aber ohne Betaleserin (also, Verliebtindich) hättet ihr ein viel schlechteres Kapitel. Also verdienen beide euren Dank.
Disclaimer: Wie immer, nichts gehört zu mir, beinahe alles gehört zu JK Rowling und der Warner Bros und weder ich noch Gabrielle verdienen Geld mit dieser Geschichte.
Harry Potter und der Schlüssel zur anderen Welt
Kapitel 10: Auswahlprüfung:
Harry sah, wie Hermine in Nevilles Armen zusammenstürzte, während der Junge linkisch ihren Rücken tätschelte, um sie zu trösten.
„Aber warum hast du das getan?", fragte Harry.
Sie schien sich langsam wieder zu fassen. Sie ließ Neville los, richtete sich auf, blinzelte, als würde sie sich stark konzentrieren, verwandelte sich in eine Eule und flog schließlich in die Gänge des Ministeriums hinaus.
Harry versuchte ein letztes Mal, nach ihr zu rufen, doch vergeblich.
„Sie wird zurückkehren", sagte Neville. „Ich glaube, sie ist schockiert gewesen, ihn sagen zu hören, dass es nicht mehr das Gleiche war, und sie hat das letzte Wort haben wollen. Sie ist sehr starrsinnig."
Neville schüttelte die letzten Konfettis von seinem Kopf herunter.
„Du solltest zu Ron gehen", fuhr er fort. „Ihm geht's bestimmt nicht gut. Ich werde mich um Hermine kümmern. Ich bin es ihr schon schuldig."
Harry sah Neville fragend an.
„Sie lebt bei mir zu Hause, also ist sie... wie meine Schwester", sagte Neville. „Ich schicke dir im Laufe des Vormittags eine Eule, um dir zu sagen, wie es ihr geht."
Harry nickte.
„Sag ihr, dass sie mir schreiben soll", sagte er. „Ron wird bestimmt die restlichen Ferien bei mir wohnen und sie wird es vielleicht nicht wagen, ihm zu begegnen. Aber ich will von ihr hören."
Harry fügte nichts hinzu. Er ging mit leerem Blick auf den großen Kamin zu. Seine beiden besten Freunde stritten miteinander und das war nicht der richtige Moment, nicht mit dem, was auf alle zukam. Es nützte nichts zu streiten, wenn sie einander doch offenbar liebten. Und wenn einer von den beiden der Schlüssel war, wenn einer von den beiden sterben musste, würde es der andere unendlich bereuen.
„Harry!", sagte Neville.
Harry drehte sich zu seinem Freund um, der plötzlich einen sehr ernsten, aber zugleich auch sehr sanften Ausdruck hatte.
„Harry, mach dir keine Sorgen darüber. Du solltest an etwas Anderes denken."
Harry biss sich auf die Innenseite seiner Backen.
„Das sollte ich, ja... Gute Nacht, Neville."
Er betrat den Kamin und flohte nach Hause. Das Gebäude war still. Die meisten Bewohner schliefen bestimmt schon seit einer Weile. Er ging langsam die quietschenden Stufen hinauf, die zu seinem Schlafzimmer führten, und machte die Tür sanft auf. Ron hatte schon seinen Pyjama angezogen und war gerade dabei, ein Lagerbett neben Harrys Bett aufzubauen. Er schaute nicht mal auf, als der Junge das Schlafzimmer betrat. Er schien von diesem Lagerbett und von der Notwendigkeit besessen, jede Knitterfalte seines Betttuches glatt zu streichen. Harry wagte es nicht zu sprechen und ging hinter die Trennwand, um seinen Pyjama anzuziehen.
„Weißt du, wer es ist?", fragte Ron plötzlich.
Harry hob den Kopf über die Trennwand. Ron hatte sich nicht bewegt.
„Wer es ist?", wiederholte Harry, der die Frage nicht verstand.
„Für wen hat sie mich verlassen?"
Harry atmete tief ein, kam hinter der Trennwand hervor und zog sein Betttuch zurecht.
„Sie ist mit niemandem zusammen, Ron", antwortete Harry. „Mit niemandem, das versichere ich dir."
Ron blinzelte nervös, bevor er sich auf sein Bett setzte und die Hand auf seine Stirn legte, als hätte er vor Schmerzen das Gleichgewicht verloren. Harry setzte sich auch und wartete auf weitere Fragen. Ron seufzte tief.
„Harry, bitte, lüge diesmal nicht. Sag mir, bei wem sie wohnt."
Harry zögerte, doch nach Rons Gesicht zu schließen dachte er, dass es die Lage nur verschlimmern würde, wenn er ihm die Wahrheit verheimlichte.
„Das Haus ihrer Eltern ist in der Nähe von Nevilles Haus. Sie wohnt dort."
„Warum wollte sie nicht, dass ich es weiß?", fragte Ron.
Harry wusste nicht, was er auf diese Frage antworten konnte. Er blieb einen Augenblick lang still, dann sagte er schließlich:
„Ich weiß es nicht."
Ron blickte einen Moment lang ins Leere, dann stand er auf, ging schnell auf den Stuhl zu, wo seine Kleidung lag, durchsuchte eine Tasche und ging zu Harry.
„Sei mir behilflich und nimm es", sagte Ron. „Tue damit, was du willst."
Ron reichte Harry die Hand und öffnete sie. Die Kette mit der Gefühlsperle, die Ron Hermine geschenkt hatte, lag darin. Harry griff sanft danach und der Anhängerschmuck wirbelte herum. Ron senkte den Blick und rieb sich am Nacken.
„Ich sollte eine Zurückerstattung verlangen", sagte er mit einem unbeholfenen Lächeln. „Sie glänzte noch sehr, als sie sie mir zurückgegeben hat."
Hierauf ging er langsam auf sein Bett zu und legte sich unter die Decke.
Warum hatte es Hermine bloß getan? Es war unlogisch, wenn die Perle glänzte. Harry öffnete die Schublade seiner Kommode, legte den Schmuck hinein und machte sie mit einer gewissen Traurigkeit wieder zu.
Er zog seine Decke zurück und griff nach seinem Kopfkissen, um es zurecht zu legen, als er sah, dass darunter ein Geschenk mit rotem Papier und goldener Schleife lag. Auf diesem Geschenk war sonst nichts. Keine Karte, nicht mal eine kurze Nachricht, nur dieses Päckchen, das hier hingelegt worden war. Oder eher gesagt, das hier versteckt worden war. Er zerriss langsam das Papier und entdeckte ein sehr abgenutztes Buch, etwa so groß wie ein Wörterbuch, mit einem Lederdeckel. Der Titel des Buches fiel ihm gleich ins Auge:
Die andere Welt: Band 4
Die Hoffnung
„Ein weiteres Geschenk?", fragte Ron. „Was ist es?"
„Ein Märchenbuch", antwortete Harry geistesabwesend.
„Es gibt wirklich Leute, die nicht wissen, was sie schenken sollten. Ein Märchenbuch, in deinem Alter! Und ein altes noch dazu!", rief Ron aus. „Von wem ist es?"
„Es gibt keinen Name", antwortete Harry, der vom Buchdeckel besessen war.
„Es ist bestimmt eine der Personen, die dein Onkel heute Abend bei dir zu Hause eingeladen hat. Du solltest morgen fragen."
Harry riss das Geschenkpapier völlig ab und legte das Buch auf sein Bett, und zwar sehr sanft, denn es sah zerbrechlich aus. Er öffnete es auf der ersten Seite und entdeckte diese Verse:
Vier Bücher
Für vier Zauberer
Gemeinsam müssen sie suchen
Um den Schlüssel zu finden
Wer hatte ihm bloß dieses Buch schenken können? Wollte diese Person, dass er die Wahrheit kennt? Der Name der Person, die es ihm geschenkt hatte, stand auch nicht hier, und Harry wollte das Buch gerade zumachen, als er unten links in der Ecke vier kaum sichtbare Zeichnungen entdeckte. Hätte er die Seite nicht so lange betrachtet, hätte er sie bestimmt übersehen. Da waren vier Symbole, die mit einer leichten Bleistift gezeichnet worden waren: Ein Tropfen, ein Dreieck, das Symbol für Unendlichkeit und ein Blitz. Sein Blitz.
„Harry, kannst du das Licht bitte ausmachen?"
Harry schreckte hoch.
„Natürlich!"
Er legte sein Buch zuerst auf den Nachttisch, doch bevor er das Licht ausmachte, stellte er sicher, dass das Buch besser versteckt war, und legte es in seinen Kessel unter seine Bücher vom vorigen Jahr. Keiner würde dort danach suchen. Doch mit all dem Stoff, den er lernen musste, schien es ihm schwierig, sich in dieses Buch zu vertiefen, ohne dass es jemandem verdächtig vorkam.
Harry legte sich bequem unter seine Decke und machte das Licht aus, obwohl er mehr wissen und dieses Buch aufmachen und ganz lesen wollte.
„Sie hat mir gesagt, dass sie keine Zeit mehr hat", sagte Ron plötzlich, während sie im Dunkeln lagen.
„Keine Zeit mehr?"
„Keine Zeit mehr für uns beide", seufzte Ron. „Weißt du, was so was heißt?"
Harry fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Faustschlag in den Magen gehauen. Er konnte sich wohl vorstellen, dass sich Ron genauso gefühlt hatte, als er diesen Satz aus Hermines Mund gehört hatte. Wie konnte er ihn nach einem solchen Satz beruhigen?
„Lass es sein!", sagte Ron schließlich nach einer langen Stille. „Ich will nichts mehr davon hören."
Während der ersten drei Augustwochen war es so, als wäre Hermine Grangers Name bei den Evans' tabu geworden. Hermine kam nicht mehr und es hatte gereicht, dass alle Einwohner verstanden hatten, ohne dass irgendjemand Fragen gestellt hatte. Darüber hinaus ging es Ron offensichtlich nicht gut, egal, was er glauben zu lassen versuchte. Ein einziges Mal kam Hermines Name zurück. Eine Woche vor ihrer Auswahlprüfung zum Auror wurde sie von Ron erwähnt, während er über die verschiedenen teuflischen Sumpfkreaturen lernte. Es klang so, als wären ihm die Worte entfahren.
„Das ist seltsam, aber wenn ich nicht lerne, frage ich mich, was sie tut, und wenn ich lerne, tja... Hermine ist es, die ständig lernt! Nicht ich!"
Hierauf erklang ein seltsam klingendes Lachen, das gleich vom Bedauern unterdrückt wurde.
„Geht es ihr gut?", fragte schließlich Ron, der wusste, dass sein Freund Nachrichten von ihr bekam.
Natürlich hatte er gesehen, dass Harry Briefe von Hermine bekam... Briefe, die nichts mehr enthielten als die traurige Banalität von Hermines Leben, das heißt Stoff lernen. Aber nie hatte sich der Rothaarige nach ihr erkundigt. Nie hatte er diese Frage gestellt.
„Es geht. Sie... lernt. Ihre Muggelprüfung wird bald stattfinden."
Das Gespräch endete genauso plötzlich wie er angefangen hatte.
Harry hatte nicht gelogen. Neville hatte ihm tatsächlich von Hermine Nachrichten gegeben und das klang ungefähr nach „Es könnte besser gehen, aber es geht". Etwa das Gleiche hatte er geschrieben, als ihn sein Freund gefragt hatte, wie es Ron ging.
Was dieses riesige Buch über die Hoffnung betraf, wagte es Harry nicht, seine Tante zu fragen, wo es herkam. Sie hätte es vielleicht beschlagnahmt, weil sie nicht wollte, dass Harry alles erfuhr. Der Junge hätte dieses Buch als eine Ansammlung alter und unverständlicher Wörter bezeichnen können. Von den 400 Seiten des Buches hatte er bloß etwa zehn lesen können. Darüber hinaus schien das Buch jedes Mal dem Zerbrechen nah, wenn er es öffnete, aber aus Furcht, es noch mehr zu beschädigen, wagte es Harry nicht, es mit seinem Zauberstab zu reparieren. Einen Augenblick hatte er daran gedacht, es Hermine zu schicken, damit sie es lesen konnte, doch sie war mit so vielen anderen Dingen beschäftigt, insbesondere mit dem Lernen, dass er ihr nicht eine weitere Last aufhalsen wollte. Er entschloss sich also dazu, es bis zum Schuljahresbeginn geheim zu halten.
Dieses Buch erzählte anscheinend vom Leben eines Zauberers namens Rê'um, eines der vier Zauberer, von seiner Kindheit an, die besonders schwierig gewesen zu sein schien. Er verspürte manchmal große Lust, mehrere Seiten zu überspringen. Doch er hielt sich zurück aus Furcht, dass ihm etwas Wichtiges entging, und er las wieder dort weiter, wo er aufgehört hatte. Nur die ersten Zeilen ließen ihn reagieren.
Man bringt mir eine krankhafte Zuneigung entgegen. Man sieht mich als der Stärkste, doch ich bin der Schwächste. Man sieht in mir nur einen mächtigen Zauberer, ohne mein verhängnisvolles Schicksal zu sehen. Meine Geschichte hat einen Anfang, wird aber nie ein Ende haben. So ist der Kreis des Lebens. Einer stirbt, ein anderer wird geboren, doch die Hoffnung bleibt trotz der Ignoranz, trotz der Leiden, trotz des vergossenen Blutes, trotz all der Gefahren, die dich umgeben, denn eines Tages wirst du begreifen, dass die Menschen selbst nach all diesen Hindernissen nie die Weisheit bekommen werden. Nie werden sie dies begreifen: Die größte Gefahr, der wir gegenüberstehen, ist Abweisung. So fing mein Leben an, so wird das deines Feindes sein Ende finden, wenn du ihm diese Worte sagst. Dann wird alles wieder von vorne anfangen: Eine gleiche Hoffnung, ein anderer Körper. Eine gleiche Abweisung, ein anderes Schicksal. Und immer wieder das gleiche Mal, so schön und verhängnisvoll zugleich. So ist mein Leben. So wird auch deines sein.
Dieses ganze Kauderwelsch war schwierig zu verstehen, doch als er diese ersten Zeilen las, fühlte sich Harry ihrem Autor ziemlich nah. Vielleicht, weil es das Leben der Hoffnung war. Es schien deutlich, dass dieses Buch für ihn als Erbe der Hoffnung gedacht war. Aber trotz seines Willens ließ ihn diese ganze Sammlung schwieriger Sätze schnell seine Lektüre abbrechen.
In der letzten Augustwoche fingen die Auswahlprüfungen zum Aurorberuf an. An jenem Montagmorgen hatten Ron und er einen Termin für den ersten Prüfungstag im Zaubereiministerium, in der Aurorenzentrale. Dort, wo Harry während der Sommerferien im vorigen Jahr seine meiste Zeit verbracht hatte. Sie hatten auch den gewöhnlichen Brief von Hogwarts mit der Bücherliste bekommen.
„Ihr werdet dieses Jahr keine Zeit haben, euch darum zu kümmern", sagte Tante Selene, während Ron und Harry beim Frühstück saßen. „Ich werde mich heute Nachmittag mit Mark um eure Bücher kümmern, während ihr eure Prüfungswoche anfangen werdet. Ich hoffe, dass ihr genug gelernt habt."
„Wir haben nichts Anderes getan", antwortete Ron, während er seinen Milchkaffee umrührte. „Ich hoffe, dass uns dieses ganze Stofflernen etwas nützen wird."
„Natürlich wird es euch etwas nützen, Ron!", sagte Neil Evans, der die Küche mit Fanely in den Armen betrat. „Meine Schwester saß den ganzen Tag in ihrem Zimmer eingesperrt, als sie diese Prüfung gemacht hat. James schrieb mehrmals täglich und konnte soviel an ihrer Tür hämmern wie er wollte, nichts konnte sie aus ihrem Zimmer locken."
Neil Evans setzte seine Tochter auf einen Stuhl und öffnete den Schrank, um eine Tasse zu holen.
„Du hast mir nie wirklich von Mum erzählt", sagte Harry.
Stille herrschte einen Augenblick lang. Neil Evans sah seinen Neffen an, als wäre er von diesem Satz erstaunt.
„Stimmt", antwortete er. „Ich gestehe es. Ich habe mir nie die Zeit genommen, dir von deiner Mutter zu erzählen. Nun, sie hat ihre Prüfungen bestanden, aber war auch sehr verärgert."
„Wieso?"
„Weil sie sich verrückt gelernt hatte und jedoch ausnahmsweise eine schlechtere Note bekommen hat als James, der während der Lernzeit nur mit seinen Freunden hinausging. Das hat sie tief gekränkt. Darüber hinaus war James Tutorin ziemlich reizend und sie hatte einen älteren pensionierten Auroren bekommen. Während ihres letztes Jahres in Hogwarts hat deine Mutter ständig deinen Vater und seine Tutorin überall in der Schule ausspioniert."
„Und was ist während der Prüfung passiert?", fragte Ron.
„Keiner hat es wirklich gewusst. Die Auroren dürfen auf keinen Fall sagen, was während ihrer Prüfung passiert, damit die nächsten Kandidaten die Überraschung haben können. Selbst der Minister darf nichts wissen, und glaube mir, ich habe es versucht, ihre Archive zu durchsuchen. Alles, was ich verstehen konnte, ist, dass sich die Prüfung an die Kandidaten anpasst, je nach ihrer Studienakte, und dass diese Akte von einem Bericht begleitet wird, wenn sie Schüler aus Hogwarts sind. Ein Bericht, der von Dumbledore eigenhändig geschrieben wird."
Onkel Neil schenkte sich einen großen Becher schwarzen Kaffee ein und gab seiner Tochter einen Muffin und ein Glas Milch.
„Sag mal, Schatz", fragte Onkel Neil seine Frau. „Ist es normal, dass Fanelys Haare und Augen die Farbe ändern, wenn sie den Schluckauf hat?"
Tante Selene lächelte und nickte.
„Wie auch immer", fuhr Onkel Neil fort, „hat deine Mutter es nachher reichlich wettgemacht. Sie hat ihre UTZ-Prüfungen glänzend absolviert, dein Vater war aber ein bisschen weniger glänzend. Aber er war schnell und geschickt, wenn es darum ging zu handeln. Lily sagte oft, dass sie sich zumindest in dieser Hinsicht perfekt ergänzten. Sie war das Gehirn und er die Arme und..."
„Und es ist leider Zeit für euch zu gehen", sagte Tante Selene. „Verspätet euch heute nicht, das wäre schade."
Harry sah auf die Standuhr der Küche: Ihr Termin war nämlich in einer Viertelstunde. Er stand gemeinsam mit Ron auf und ging ins Wohnzimmer, von Tante Selene gefolgt.
„Habt ihr eure Aufforderung dabei?", fragte sie. „Ihr dürft ohne nicht ins Ministerium!"
„Wir haben sie", sagte Harry.
„Gut!", sagte sie und brachte dabei Harrys Kragen zurecht. „Seid höflich und vor allem sollt ihr auf keinen Fall versuchen, heute mit den Auroren freundlich zu sein. Sie sind nicht mehr eure Freunde, sondern eure Inspektoren! Vielleicht sogar eure Tutoren."
Harry und Ron nickten.
„Und glaubt nicht, dass eure Verbindung zum Minister für euch ein Vorteil ist. Ich glaube im Gegenteil, dass Arthur darum bitten wird, dass sie mit euch noch strenger sind. Habt ihr eure Zauberstäbe dabei?"
„Ja", antworteten Harry und Ron einstimmig.
„Dann viel Glück!"
Harry und Ron, der inzwischen seinen Apparierschein geschafft hatte, apparierten gleichzeitig und landeten in der Eingangshalle des Zaubereiministeriums, die bereits voll war. Fast nichts hatte sich geändert, außer den Statuen vom Brunnen, die verschwunden waren. Harry und Ron näherten sich der Kontrolltheke.
„Ihre Durchgangserlaubnis, bitte!", sagte ein Ministeriumsbeamter, der sie kaum ansah.
Harry und Ron reichten ihm ihre Aufforderung.
„Kandidaten für die Auswahlprüfung zum Aurorenberuf. Schon lange hatten wir keinen gehabt... Weasley... Potter... Weas..."
Der Ministeriumsbeamte hob den Kopf, schaute zu Rons Haaren und entdeckte dann Harrys Narbe.
„Oh, natürlich, Sie sind der Sohn vom Herrn Minister und Mr Potter. Wie geht es Ihnen?"
Harry und Ron sahen sich einen Augenblick lang an, von dieser plötzlichen Höflichkeit überrascht.
„Gut", sagte Ron. „Und Ihnen?"
„Oh, mir, naja... Hier sind Ihre Namensschilder. Miss Irre wartet in ihrem Büro im zweiten Stock auf Sie."
„Danke", sagte Ron.
„Aber bitte, Mr Weasley. Ich wünsche Ihnen einen sehr schönen Tag und viel Erfolg."
Harry und Ron gingen zu den Aufzügen, während sie ihre Namensschilder an den Umhang ansteckten.
„Es ist unglaublich, wie es sich hier geändert hat, seitdem mein Vater Minister ist!", lächelte Ron. „Hast du gehört? Es ist Aldysse Irre, die uns empfangen wird!"
„Ja. Ich hätte gedacht, dass sie ihre Stelle aufgegeben hatte, als sie es angenommen hat, Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste zu werden."
„Was?", fragte Ron, als er den Aufzug betrat.
„Hatte ich es dir nicht gesagt?", sagte Harry. „Sie wird Snape ersetzen. Das stand doch vor ein paar Wochen auf der ersten Seite des Tagespropheten."
„Nein, du hattest es mir nicht gesagt!", rief Ron aus. „Aber das überrascht mich nicht, dass du vergessen hast, mir so wichtige Dinge zu sagen: In letzter Zeit siehst du richtig besorgt aus."
„Tut mir Leid", sagte Harry, den diese Bemerkung ein bisschen störte.
Die Türen des Aufzugs öffneten sich und die Stimme sagte an:
„Zweiter Stock, Abteilung für Magische Strafverfolgung mit dem Büro gegen den Missbrauch der Magie, der Aurorenzentrale und dem Zaubergamot-Verwaltungsdienst."
Harry und Ron verließen den Aufzug und gingen den langen Gang des Ministeriums entlang und schauten auf die Schilder auf den Türen, um die richtige zu finden, bis sie eine leicht geöffnete blaue Tür fanden, hinter der zahlreichen Zauber gewirkt wurden und auf der einfach stand:
Aldysse Irre, Leiterin der Aurorenausbildung.
Harry klopfte schüchtern.
„Herein!"
Harry schob die Tür weiter auf. Aldysse Irre trug ihre Brille unten auf der Nase und ihr Haar war zu einem Knoten zusammengebunden. Anscheinend war sie dabei, ihre Sachen aus ihrem Büro auszuräumen.
„Guten Morgen", sagten Ron und Harry.
„Ah, da sind Sie! Hallo!", antwortete sie mit einem breiten Lächeln. „Ich muss alle benachrichtigen, bevor wir zu Ihren Prüfungen kommen. Es tut mir Leid, dass es so läuft, aber ich bin gerade dabei, mein Büro auszuräumen."
Aldysse Irre griff nach einer Feder und nach einem Pergament, kritzelte ein paar Worte und klopfte mit dem Zauberstab darauf. Das Memo verwandelte sich in ein Flugzeug, das zu den Bürozellen der Auroren etwas weiter weg flog.
Aldysse legte ihre Brille auf den Tisch und ergriff eine Akte.
„Lassen Sie uns gehen!", sagte sie. „Wenn wir dort anlangen, wird jeder versteckt sein."
Harry und Ron sahen sich an.
„Warum muss sich jeder verstecken, Professor Irre?"
„Professor?", erstaunte sie sich, als sie die Tür ihres Büros schloss. „Ach ja... ich werde Lehrerin werden. Das stimmt!"
Ron sah Harry mit einem zweifelnden Blick.
„Hmmm... Sie sind gestresst", fügte Professor Irre hinzu. „Ein Zittern läuft meinen Rücken herunter. Sie sollten sich entspannen! Ich habe alle Auroren darum gebeten, sich in ihrem Büro einzuschließen, damit Sie keinen unter ihnen treffen. Sie wollten Sie empfangen, aber ich sehe keinen Grund, weshalb Sie begünstigt werden sollten. Remus hat davon profitiert, aber diesmal werden Sie auf keinen Fall Ihre Tutoren erkennen. Das garantiere ich Ihnen."
Aldysse Irres Gesicht traf einen noch strengeren Ausdruck als in Transsylvanien. Die Verwandlung war erstaunlich. Sie kamen in die Nähe der Bürozellen der Auroren, die dem gegenüber, was Harry kannte, seltsam still waren. Man hätte eine Mücke fliegen hören können. Unmöglich, irgendjemanden zu sehen. Er bekam davon Gänsehaut.
„Da sind wir", sagte Professor Irre, indem sie vor einer Tür stehen blieb.
Harry erinnerte sich nicht daran, dass er je zuvor dort gewesen war. Er erinnerte sich nicht mal daran, dass diese Tür existierte.
Aldysse Irre öffnete die Tür langsam und sie entdeckten einen so riesigen Raum, dass sie dessen Wände und Decke nicht sehen konnten. Der Himmel war blau und ohne Wolken, während der Boden mit einem grasähnlichen Teppichboden bedeckt war. Nur zwei Pulte und eine Tafel an der Wand zeigten, dass es ein Prüfungsraum war. Ein sehr angenehmer Ort.
„Sie beide sind die einzigen Kandidaten von Hogwarts, dieses Jahr", sagte Professor Irre. „Setzen Sie sich, ich werde Ihren ersten Prüfer holen."
Harry und Ron gehorchten und setzten sich vor ihr Pult, während Aldysse Irre den Raum verließ.
„Wow!", rief Ron aus. „Das ist ein ziemlich angenehmer Prüfungsraum. Hat nichts mit Hogwarts alten Steinwänden zu tun."
„Ja", antwortete Harry und rieb sich die Stirn. „Ziemlich seltsam."
Harry sah sich in diesem wunderschönen Raum um. Wie konnte man sich vorstellen, dass so ein schöner Raum hinter den grauen Wänden des Ministeriums existieren konnte? Das war so seltsam und so schön zugleich. Das war so seltsam.
„Ron, ich mag diesen Raum nicht", sagte Harry plötzlich. „Es ist zu schön."
„Was?"
Harry rieb sich wieder die Stirn. Ein seltsamer Klang ertönte in seinem Kopf. Eine Art schriller Lärm.
„Nimm deinen Zauberstab", sagte Harry und griff nach seinem.
Ron gehorchte. Sie standen beide auf.
„Was ist los?", fragte Ron. „Eine Vorahnung?"
„Wenn man so will. Mein Kopf tut mir weh."
„Deine Narbe?"
„Nein... es ist drinnen."
Nichts hatte sich geändert. Alles war immer noch so ruhig. Und doch hörte Harry immer noch dieses Summen.
„Ein Legilimentor...", murmelte er. „Jemand versucht, meine Gedanken zu lesen."
„Nutze den Gegenzauber", sagte Ron.
„Ich kann es nicht. Ich kann nicht sehen, wer den Zauber auf mich wirkt."
Plötzlich wurde es im Raum völlig dunkel.
„Lumos!"
Rons und Harrys Zauberstäbe leuchteten gleichzeitig auf.
„Keine Tische und keine Stühle mehr", bemerkte Ron. „Sie wollen mit uns spielen."
Harrys Kopf tat ihm weniger weh. Er sah sich um und suchte nach der Person, die ihn angriff.
Ein Brummen erklang im Raum.
„Das ist weniger lustig", sagte Ron.
Ein weiteres Brummen erklang, bis ein intensives Licht von oben die Umgebung erhellte und ein riesiges, über fünf Meter hohes Biest mit Stierkopf und männlichem Körper. Der Minotaurus.
