5. Wirklich
Zusätzliche Warnings: Dysfunktionale Beziehung, Aspie-Ray, nicht-diagnostizierter mentaler Zustand
Ray war eigentlich sehr überrascht, als Mick Rory dann schließlich doch vor seiner Wohnung auftauchte. Er hatte eigentlich nicht mehr damit gerechnet.
Seit ihrer Begegnung im Trainingsraum waren mehrere Tage vergangen, und Ray war zu dem Schluss gekommen, dass er Situation vermutlich falsch verstanden hatte, und Mick Rory sich überhaupt nur mit ihm abgegeben hatte, weil er ihm lästig gewesen war.
Er war anderen oft lästig. Eobard Thawne sagte ihm ständig wie lästig er war, vor allem, wenn er mit einer neuen Erfindung ankam, aber auch, wenn er nach dem Sex versuchte zu kuscheln. Ray wusste also um seine Fehler. Und Mick Rory hatte einfach nur Gewichte stemmen wollen, nicht wahr? Ray war es gewesen, der alles in eine unangenehme Situation umgewandelt hatte.
Er konnte sich nicht dazu bringen es zu bereuen. Immerhin kam es selten genug vor, dass eine sexuelle Begegnung von ihm ausging und auch ihm Freude und Erleichterung brachte. Aber er hatte sich damit abgefunden, dass es eine einmalige Sache gewesen war, die sich niemals wiederholen würde.
Und dann stand Mick Rory mit einem Mal doch vor seiner Türe. „Als du gesagt hast, dass du in StarLabs wohnst, habe ich das eigentlich für einen Witz gehalten", brummte er.
Ray musterte den Alpha verblüfft und konnte dann nicht anders als ihn anzulächeln. Er wusste, dass es Menschen gab, denen es auf die Nerven ging, wenn sie „anstrahlte", deswegen versuchte er das meistens zu vermeiden, doch diesmal konnte er nicht anders. Der Alpha war gekommen, weil er ihn wiedersehen wollte!
„Kommen Sie herein, Mick-Sir!" Er trat zur Seite um den Alpha Zugang zu seiner Wohnung zu gestatten. Mick Rory betrat seine Wohnung und sah sich dann stirnrunzelnd um. Ray konnte nicht anders als sich ein wenig zu schämen, er wusste, dass es hier unaufgeräumt und kahl aussah. Außerdem dem Fernseher mit der angehängten Spielkonsole, beschränkte sich die Einrichtung auf das Nötigste. Und all seine Basteleien, die herumlagen.
„Deine Wohnung habe ich mir etwas anders vorgestellt", meinte Mick.
„Ich räum schnell auf", erklärte Ray und sammelte alle herumliegenden Teile an Technik, alle Kabeln, und die Werkzeugen ein. Der Alpha war jedoch schneller als er und fand ein unfertiges Gerät – es sollte eine Art Repulsor werden – und nahm es in die Hand und betrachtete es nachdenklich. „Was ist das?", wollte er wissen.
„Nichts!" Ray nahm das Gerät dem anderen Mann schnell aus der Hand. „Und es wird auch vermutlich nichts." Er brachte alle seine Teile in die nächste Ecke und ließ sie dort achtlos auf einen Haufen fallen. Was soll's. Ist sowieso nur Schrott. Das wurde Dr. Thawne niemals müde ihm zu sagen, also musste es stimmen. Er spürte Mick Rorys ungläubigen Blick auf sich ruhen und zuckte entschuldigend die Schultern. „Ich hatte keine Zeit zum aufräumen." Das war tatsächlich so – zwischen seiner Arbeit und Dr. Thawne war er in den letzten Tagen ziemlich auf Trab gewesen.
„Ich sollte nicht hier sein", murmelte Mick Rory und wandte sich wieder zum Gehen.
Ray spürte leichte Panik in sich aufsteigen, und er eilte schnell zu dem anderen Mann hinüber. „Gehen Sie nicht, Sie sind doch erst gekommen!", verkündete er und erwischte den anderen Mann am Arm, bevor er aus der kleinen Wohnung fliehen konnte, „Sie sind den langen Weg hierhergekommen, lassen Sie mich wenigstens … meinen Dank zeigen."
Der Alpha war stehen geblieben und stand nun wie erstarrt da, was Ray ausnutzte um sich vor ihn zu stellen und seine Hose zu öffnen. Er wollte diese gerade hinunterziehen, als seine Hände von dem Alpha gepackt und von seiner Hose entfernt wurden. „Das heute nicht", meinte er rau.
Ray war etwas ratlos. „Was kann ich tun, damit Sie sich besser fühlen, Sir?", wollte er wissen. Es war offensichtlich, dass sich der Alpha nicht wohl fühlte. Ray verstand nicht, warum er zu ihm gekommen war, wenn er nicht hier sein wollte, aber vielleicht war er ja zu ihm gekommen, weil es ihm nicht gut ging. Doch normalerweise heiterte man Alphas in so einem Fall mit einer ziemlich einfachen Methode auf, die Mick Rory im Moment ablehnte.
„Ich hatte einen wirklich beschissenen Tag, Schmalzlocke", seufzte Mick Rory und lehnte sich dann etwas gegen Ray und seufzte. Ray inhalierte den Alpha-Geruch und war ansonsten etwas hilflos, aber er führte den Mann vorsichtig zu seinem heruntergekommenen Sofa, auf das er ihn platzierte. Er selbst nahm neben dem Alpha Platz und legte dann äußerst zögerlich seine Hand auf dessen Rücken.
Das schien zuerst gut zu gehen, doch dann gab der Alpha einen herzhaften Seufzer von sich und drückte Rays Rücken gegen die Sitzfläche des Sofas und ließ sich selbst auf den Omega sinken. Ray gab einen überraschten Laut von sich und wartete ab, doch der Alpha legte nur seinen Kopf auf Rays Brust und verharrte in dieser Position dann ohne irgendetwas anderes zu tun.
Okay. Okay, das ist neu aber … wenn es das ist, was er möchte. Ray war nicht vollkommen unbedarft, er hatte Filme gesehen, er wusste, dass sich normale Menschen in normalen Beziehungen so verhielten: Der Alpha legte sich auf den Omega – der Druck seines Gewichts beruhigte den Omega, und der Alpha wurde durch den Körper unter sich ebenfalls ruhiger. Tatsächlich war es gar nicht unangenehm.
„Sind Sie sicher, dass ich Ihnen keine Erleichterung verschaffen soll, Mick-Sir?", fragte Ray nach einer Weile, doch die einzige Antwort, die er erhielt war rhythmisches Schnarchen. Offenbar war der andere Mann eingeschlafen. Ray wusste nicht, warum ihn diese Tatsache peinlich berührte, aber sie tat es. Er traute sich nicht sich zu bewegen, da er befürchtete den anderen Mann damit aufzuwecken, und irgendwann schlief er auch ein.
Als er wieder aufwachte, lastete kein Druck mehr auf ihm, und als er blinzelte, sah er Mick Rory neben sich auf den Sofa sitzen. Der Alpha betrachtete ihn mit einem Blick, der Ray sehr verwirrte, weil er sich nicht erinnern konnte, dass ihn jemand jemals so angesehen hätte, von dem er aber glaubte, dass er Zuneigung ausdrückte.
„Wie spät ist es?", wollte Ray wissen, doch anstatt zu antworten lehnte sich der Alpha über ihn und streichelte ihn durchs Haar und küsste ihn dann auf die Stirn. Ich dachte Lippen und Münder sind gegen die Regeln?, wunderte sich Ray.
Mick Rory sah ihn noch einmal an, diesmal wirkte er aber traurig. Dann sagte er: „Leb wohl, Schmalzlocke." Er stand auf und ging in Richtung Wohnungstür. Ray blickte ihm zutiefst verwirrt hinterher, bis ihm klar wurde, dass der Alpha seine Frage nach der Uhrzeit nie beantwortet hatte (es war mitten in der Nacht, also noch nicht Zeit für die Arbeit, aber Ray konnte nach all dem nicht einfach weiterschlafen, er war zu verwirrt dazu).
In Momenten wie diesen wünschte sich Ray er hätte einen Freund. Jemanden, mit dem er über so etwas reden konnte. Er träumte manchmal von einem Freund – einen männlichen Omega, wie er selbst, mit dem er über alles reden konnte, und er ihm Dinge erklärte, die er nicht verstand, und dem er im Gegenzug dazu Dinge erklärte, die dieser nicht verstand. Doch im echten Leben kannte er niemanden, mit dem er über private Dinge sprechen konnte. Dr. Thawne tolerierte seine Basteleien schon kaum und mit ihm über einen anderen Alpha zu sprechen kam nicht in Frage. Sie hatten sich zwar niemals irgendwelche Versprechungen gemacht, und Ray nahm an, dass er freie Hand hatte, aber riskieren darüber seinen Job zu verlieren wollte er nicht.
Und wer blieb ihm sonst noch? Ein anderer Omega wäre wirklich der perfekte Ansprechpartner, aber ….
Immerhin gab es Cisco Ramon. Cisco Ramon war ein Omega und einer der Top-Leute von StarLabs, das wusste jeder, und wenn man ihn traf, dann war er meistens nett. Er wirkte zwar immer irgendwie abgekämpft und traurig, aber er versuchte trotzdem immer allen ein Lächeln zu schenken.
Also suchte Ray ihn auf und fragte ihn, ob er seine Mittagspause mit ihm verbringen wollte. Cisco wirkte nicht begeistert von dieser Idee, doch er sagte zu.
Ray kam ihn zur Mittagspause aus seinem Labor abholen, und Cisco schien es ziemlich eilig haben von dem Labor wegzukommen und suchte sich in der Cafeteria einen extra nah am Ausgang gelegenen Platz.
„Hör mal, ich weiß, du meinst es gut, Ray, aber du musst endlich damit aufhören. Deine Erfindungen werden hier niemals in die Entwicklung gehen, und…", sagte Cisco sofort.
Ray war etwas verletzt, da er nicht wusste, warum Cisco ihn und seine Unfähigkeit etwas zu Bauen, was auch funktionierte, jetzt extra betonen musste. „Es geht gar nicht um meine Erfindungen", sagte er leise, „Ich wollte doch nur … über einen Alpha reden. Wie die Omegas in den Filmen immer."
Cisco sah ihn einen Moment erstaunt an. „Oh", meinte er dann, „Oh, du möchtest ein Omega-Gespräch führen! Das ist etwas anderes. Warum hast du das nicht gleich gesagt?!"
Hauptsächlich deswegen, weil Cisco ihn nicht zu Wort kommen hatte lassen. Aber es wäre unhöflich darauf hinzuweisen. Stattdessen begann Ray damit seine Treffen mit Mick Rory zu beschreiben, natürlich ohne den Mann beim Namen zu nennen, und ohne zu sehr ins (sexuelle) Detail zu gehen.
Cisco hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen, und meinte dann: „Mhm. Das klingt kniffelig. Aber für mich hört sich das danach an, als ob dieser Alpha dich wirklich mag, Ray. Aber es scheint ihm selbst nicht recht zu sein, dass er dich mag."
Ray runzelte die Stirn. „Das verstehe ich nicht", gestand er ein.
Cisco holte tief Luft. „Nun weißt du, Alphas sind sehr stolze Wesen, und viele von ihnen, wie zum Beispiel Dr. Thawne, sind sehr stolz auf ihre Selbstkontrolle. Sie würden niemals zugeben wollen, dass sie jemand anderen brauchen. Und wollen immer den Schein aufrecht erhalten, dass Sie niemanden brauchen", erklärte er, „Alles andere wäre Schwäche. Die sie weder vor sich selbst noch vor anderen zeigen wollen."
Ray dachte darüber nach. „Aber … das ist doch dumm!", verkündete er dann.
Cisco seufzte. „Ja, das ist es. Aber so sind Alphas nun mal", meinte er.
„Aber … was soll ich denn tun, wenn … wir uns das nächste Mal treffen?", wollte Ray von ihm wissen.
„Nun, du könntest versuchen ihm klar zu machen, dass er vor dir Schwäche zeigen kann, da du niemanden davon erzählen wirst und diese Schwäche ihn in deinen Augen besser macht und nicht schlechter", schlug Cisco vor. Ray beschloss das im Hinterkopf zu behalten, doch zugleich fragte er sich, ob es ein nächstes Mal überhaupt geben würde. Hatte Mick Rory nicht „Leb wohl" anstatt „Auf Wiedersehen" gesagt, als er gegangen war?
Zwei Tage später stand Mick Rory wieder vor seiner Wohnung. Mitten in der Nacht. Und er stank nach Alkohol. Ray musterte ihn einen Moment lang, dann seufzte er, führte den Alpha in seine Wohnung, platzierte ihn auf dem Sofa, zog ihn die Schuhe aus, und besorgte dann eine Decke, die er über ihn legte. Er selbst verbrachte die Nacht in seinem eigenen Bett – er musste morgen früh aufstehen.
Am Morgen schnarchte der Alpha immer noch auf Rays Sofa. Ray hinterließ ihm einen Zettel und ging zur Arbeit. Als er nach Hause kam, war Mick Rory immer noch da. Er hatte, wie es schien, Rays Basteleien durchwühlt und geordnet und fein säuberlich auf dem kleinen Glastisch, der vor dem Fernseher stand, aufgereiht. Als Ray hereinkam, blickte er auf.
„Hallo", sagte er dann etwas schuldbewusst.
Ray nahm seine StarLabs-Kappe ab und bohrte seine Finger dann in diese und holte tief Luft. „Ich habe geregelte Arbeitszeiten. Und ein Leben, abgesehen von Ihnen", erklärte er mit knirschenden Zähnen, „Sie können hier nicht einfach mitten in der Nacht auftauchen und erwarten, dass Sie herzlich empfangen werden, wenn Sie sowieso nicht bereit sind zuzugeben, dass Sie eigentlich immer nur hierher kommen, weil Sie mit mir zusammen sein wollen."
„Es tut mir leid", seufzte der Alpha kleinlaut.
„Ich bin ein Niemand, für den sich niemand interessiert. Ihr Ruf wird durch mich nicht beschädigt werden. Ich werde auch niemanden von uns erzählen, aber … ich brauche eine klare Entscheidung", fuhr Ray fort, „Ich bin keine Anlaufstelle nach schlechten Tagen und durchzechten Nächten. Wenn ich nicht ausreiche, dann bin ich sicher, dass Sie etwas Besseres finden werden."
Mick Rory lachte. „Oh, wenn du nur wüsstest wie anders herum es ist", meinte er mit einem verbitterten Unterton.
„Wenn Sie denken, dass es Sie edel macht so zu tun als würden Sie mich nicht wollen, dann irren Sie sich", meinte Ray leise und bohrte seine Finger in seine Kappe, „Es verletzt mich." Mehr wusste er im Moment nicht zu sagen. Vorsichtig hob er seinen Kopf und sah in Mick Rorys Richtung. Der betrachtete ihn eindringlich mit sanftem Blick, der widersprüchliche Gefühle spiegelte. Dann meinte er heiser: „Ich will dir nicht wehtun, Raymond. Nie wieder."
Ray nickte nur und blickte zu Boden. Der Alpha trat vor ihn, hob das Kinn des Omegas an, und sah ihm tief in die Augen. „Du kannst nein sagen, das weißt du, oder? Du kannst immer nein zu mir sagen", erklärte er ernst.
„Das nächste Mal, wenn du betrunken bist, dann mach ich dir die Türe vor der Nase zu", erwiderte Ray daraufhin.
Mick nickte. „Einverstanden", meinte er, und dann beugte er sich in Richtung Rays Gesicht vor und küsste ihn auf die Lippen. Ray erwiderte den Kuss enthusiastisch. Wenig später landeten sie am Sofa, wurden ihre Kleider los, und Ray konnte bald darauf feststellen, dass Cisco recht gehabt hatte. Mick Rory mochte ihn wirklich.
Fin.
A/N: Nächstes Mal kehren wir zu Sara und Amaya zurück.
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