Eine Mutter tut mehr für ihren Sohn, als sie für ihr eigenes Leben tun würde. (Lessing)
Das erste, was ich wahrnehme, sobald ich den Zug betrete, ist das entfernte Weinen eines Babys.
So verrückt es vielleicht auch klingen mag, aber ich würde dieses Weinen unter tausenden wiedererkennen.
"Julius", rufe ich und reiße mich von dem Friedenswächter los, der mich nach meinem kleinen Ausbruch im Justizgebäude zum Zug eskortiert hat.
Ich renne so schnell wie möglich durch die einzelnen Abteile des Zuges in Richtung von Julius Schreien.
Ich bin so glücklich, dass er hier ist. Ich hatte solche Angst, dass ich meinen Sohn nie wieder sehen würde.
Als ich die Tür zum Wohnzimmer aufstoße, werde ich schon sehnsüchtig erwartet.
Enobaria läuft in dem verzweifelten Versuch Julius zu beruhigen im Raum auf und ab. "Siehst du, Kleiner da ist deine Mama doch schon", hält sie mir Julius entgegen.
Ich nehme ihn von ihr. "Baby, Mama hatte solche Angst", drücke ich meinen Sohn liebevoll an mich. "Ich dachte, ich sehe dich nie wieder."
Ich wiege ihn sanft hin und her, woraufhin er sich langsam beruhigt und seine winzige Hand in meine Haare krallt.
"Dachtest du wirklich, ich würde dich von deinem Sohn trennen?", tritt Lyme auf mich zu.
Sie streicht Julius sachte über den Rücken, während sie mich amüsiert betrachtet.
Sofort ist mir die ganze Sache total peinlich, wie konnte ich nur annehmen, sie würde mir meinen Sohn wegnehmen. Lyme weiß, wie schmerzhaft es ist ein Kind zu verlieren, natürlich tut sie alles, dass ich so viel Zeit wie möglich mit ihm verbringen kann.
Mittlerweile haben sich auch Cato und Flora zu uns gesellt und beide wirken sehr irritiert von der Szene, die sich ihnen bietet.
"Was ist hier los?", blafft Cato uns sofort alle an.
Die Härte in seiner Stimme erschreckt mich und lässt mich zusammenzucken. Sofort fängt Julius wieder an zu wimmern, doch ich kann ihn sofort beruhigen.
Brutus, den ich bisher gar nicht bemerkt habe, erhebt sich von seinem Platz auf dem Sofa. "Wonach sieht es denn aus, mein Sohn?"
Er legt von hinten seine große Hand auf Catos Schulter und nickt mir auffordernd zu.
Ich weiß, was Brutus von mir erwartet, aber die Worte wollen einfach nicht über meine Lippen kommen. Ich kann es Cato nicht sagen, er ist einfach unberechenbar.
"Clove, was ist hier los?", starrt mein Exfreund mich nieder.
Einer der Haupttrainingsinhalte in Distrikt 2, abgesehen von dem typischen Waffentraining, ist es die Sinne zu trainieren und das betrifft vor allem die Beobachtungsgabe.
"Ich kann alles erklären", seufze ich sanft Julius Stirn küssend. "Aber nicht hier und nicht jetzt."
Cato scheint nicht sonderlich glücklich über meine Antwort zu sein. Er stößt die Hand seines Vaters von seiner Schulter und macht einen Satz auf mich zu.
"Wenn nicht jetzt, wann dann?", faucht er mich wütend an. "In ein paar Wochen könnten wir beide tot sein!"
"Nach dem Essen", gebe ich nach.
Flora, die zu spüren scheint, dass es hier jeden Moment sehr ungemütlich werden könnte, klatscht in die Hände.
"Es ist Zeit für die Zusammenfassung der Ernte", verkündet sie aufgesetzt fröhlich.
Ich nehme zwischen Enobaria und Lyme auf dem großen, wahnsinnig gemütlichen Sofa Platz. Ich habe meine Füße auf den Wohnzimmertisch gestellt, damit meine Beine angewinkelt sind. Flora hat lautstark protestiert, bis ich Julius auf meinen Bauch gesetzt habe, sodass er mit dem Rücken auf meinen Beinen liegt und mich ansehen kann.
"Der Kleine ist so süß", quietscht Flora aufgeregt und beugt sich von hinten über mich. "Wie heißt er denn?"
"Julius", erwidere ich ihr schlicht ohne den Blick von meinem kleinen Sonnenschein abzuwenden.
Flora scheint den Wink zu verstehen, dass ich nicht mit ihr reden möchte. Sie schaltet den riesigen Monitor ein und schon ertönt die Hymne von Panem.
Wie jedes Jahr beginnt die Show mit der Ernte von Distrikt 1.
Der männliche Tribut heißt Marvel und ist siebzehn. Er ist sehr groß, wirkt aber eher etwas schlaksig. Ich bin allerdings die Letzte, die eine Person nach dem Äußeren beurteilt. Wenn ich etwas im Training gelernt habe, dann das dies der größte Fehler ist, den man machen kann. In dem Moment, in welchem man seinen Gegner unterschätzt, ist man schon so gut wie tot.
Das Mädchen Glimmer ist achtzehn Jahre und eine klassische Schönheit. Bei ihr kann ich mir gut vorstellen, dass sie eher ihre weiblichen Reize zum Kampf einsetzt als Waffen.
"Das ist die Schwester von Gloss und Cashmere", ruft Enobaria und lehnt sich in Richtung der Leinwand.
"Tatsächlich", nickt Lyme ebenso überrascht. "Gleich zwei Angehörige von Siegern wurden gewählt, dass ist ja noch nie passiert."
"Das ist sicherlich nur ein Zufall", winkt Flora ab.
Julius gurrt und zieht damit meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. Ich greife nach seiner winzigen Hand und sofort umklammert er meinen Finger. Seine riesigen blauen Kulleraugen sehen mich neugierig an und er gurrt erneut.
Ich liebe diese niedlichen, glucksende Geräusche die mein Sohn macht, wenn er sich wohl fühlt.
Ich bin so auf Julius konzentriert, dass ich die restliche Ernte komplett verpasse bis Brutus plötzlich aufspringt.
"Das kann doch nicht wahr sein!", ruft Brutus wütend und erschreckt damit Julius fast zu Tode. "Eine Freiwillige!"
Ich sehe zur Leinwand, um zu sehen warum alle plötzlich so aufgeregt sind.
In Distrikt 12, dem ärmsten aller Distrikte, hat sich ein Mädchen freiwillig für seine kleine Schwester gemeldet. Sie ist sechzehn Jahre alt und wirkt abgemagert, wie ein Großteil der Bevölkerung von Distrikt 12. An sich ist sie keine sonderlich bemerkenswerte Person und hebt sich kaum von der Menge ab, aber irgendetwas an ihr wirkt anders. Ich kann nicht genau sagen, was es ist, aber ich werde sie auf jeden Fall genau im Auge behalten.
Bei den Mentoren ist eine wilde Diskussion über das Mädchen aus 12 ausgebrochen. Julius, der die lauten Stimmen nicht gewöhnt ist, fängt an zu quengeln, weswegen ich mit ihm das Abteil verlasse.
Ich wiege Julius sanft in meinen Armen, woraufhin er sich zwar beruhigt jedoch anfängt wie wild zu schmatzen.
"Ist da etwa jemand hungrig?", necke ich meinen Sohn und setze mich mit ihm auf einen der Sessel.
Ich sehe mich nach Kameras um, doch nachdem ich keine entdeckt habe, ziehe ich mein Kleid ein Stück nach unten. Ich stille Julius, da es in den Distrikten äußerst schwer ist an Säuglingsnahrung zu kommen. Außerdem fühle ich mich ihm dadurch so Nahe wie niemandem sonst. Durch das Stillen entsteht diese Verbindung zwischen Julius und mir, die er nie mit jemandem anderen haben wird.
"Ist er dein Sohn?", legt sich von hinten eine Hand auf meine Schulter. "Hast du mich deswegen verlassen? Bist du mir die ganze Zeit fremd gegangen?"
Ich beiße mir auf die Lippe und drehe mich zu Cato um.
"Das ist kompliziert, Cato", atme ich tief durch und schließe für einen Moment meine Augen.
"Ich habe Zeit", springt er über die Lehne auf den Sessel neben mir. "Also erklär es mir."
"Julius ist mein Sohn", streiche ich sanft Julius Wange. "Aber Cato ich habe dich wirklich nie betrogen. Julius ist auch dein Sohn. Ich habe es dir damals nur nicht erzählt, weil ich nicht dein Leben ruinieren wollte."
"Wie konntest du das tun?", sieht Cato mich verletzt an. "Du weißt, dass ich dich liebe. Wir hätten das zusammen durchgestanden."
Ich schüttele meinen Kopf. "Das hier ist dein Traum", mache ich eine ausschweifende Handbewegung. "Du willst die Hungerspiele gewinnen. Du träumst davon ein Sieger zu sein, genau wie dein Vater. Ein Baby ist eine riesige Verantwortung, ich habe alle meine Träume und Bedürfnisse hinten anstellen müssen. Ich bin von jetzt an für immer an dieses winzige, hilfsbedürftige Wesen gebunden."
"Ich hätte das doch alles sofort für dich aufgegeben", streichelt er sanft meine Wange. "Zugegeben, bisher kam in meinen Lebensplänen kein Baby vor, aber das Leben ist nun mal unberechenbar. Wir haben einen Sohn, Clove."
"Ich weiß, Cato", meine Stimme hat angefangen zu zittern. "Ich wollte das aber nicht. Du hast es verdient dein Leben zu leben."
"Lass mich wenigstens während der nächsten Wochen an seinem Leben teilhaben", fleht Cato mich an.
Ich positioniere Julius so in seinen Armen, dass sein Köpfchen auf Catos Schulter ruht. "Reib ihm den Rücken, damit er ein Bäuerchen machen kann."
Julius wirkt so winzig und verloren in Catos Armen. Er ist so klein, dass Catos Hand ausreicht um Julius zu halten. Mein Exfreund stützt seinen winzigen Po, doch seine Finger reichen fast bis zu seinem Nacken.
Ich will den Moment zwischen den beiden nicht zerstören, weswegen ich mich leise zurück zu den Mentoren schleiche.
"Wir müssen darüber reden", eröffne ich ihnen. "wer sich um Julius kümmert, falls ich in der Arena sterbe."
Flora räuspert sich offensichtlich unwohl und schaltet den Fernsehbeamer aus.
"Am besten gehen wir in den Speisewaggon", legt Baria mir die Hand aufs Schulterblatt.
Brutus und Lyme folgen uns, als meine Stiefmutter mich davon führt.
Im Speisewaggon bietet sich uns ein lustiges Bild. Cato liegt mitten im Raum flach auf dem Boden mit Julius auf seiner Brust.
"Junge, warum liegst du auf dem Boden?", will sein Vater sofort wissen.
Brutus sieht äußerst irritiert, aber auch amüsiert aus.
"Naja, ich wollte mir meinen Sohn ansehen, aber wusste nicht, wie ich ihn halten muss", erklärt Cato uns und wird tatsächlich ein wenig rot.
Grinsend nehme ich Julius von ihm runter, sehr zum Protest der beiden. "Steh auf und setz dich."
Mein Exfreund tut was ich von ihm verlange und sobald er am Tisch sitzt, lege ich ihm Julius wieder in die Arme.
Ich bin wahnsinnig erleichtert, dass Cato scheinbar überhaupt nicht wütend auf mich ist und die Neuigkeiten so gut aufgenommen hat. Nicht viele Männer hätten so locker reagiert, zumal Cato eigentlich für sein hitziges Temperament bekannt ist.
Ich tue es den Mentoren gleich und nehme neben meinen beiden Jungs Platz.
"Enobaria wärst du bereit dich, falls ich es nicht schaffe, um Julius zu kümmern?", sehe ich zu meiner Stiefmutter.
"Rede nicht so", fährt Baria mich schon fast an. "Du wirst es schaffen."
"Man weiß ja nie", seufze ich mir durch die Haare streichend. "Ich will einfach sicher gehen, dass es meinem Kleinen im Zweifelsfall gut geht und er versorgt ist."
"Es ist doch selbstverständlich, dass ich den kleinen Mann bei mir aufnehme", lehnt Enobaria sich zu uns. "Irgendwer muss ihm ja beibringen, wie er sich verteidigt."
"Wie ich meine Frau kenne, war Talina schon bei dir", mischt sich auch Brutus ein. "Wir werden Enobaria natürlich mit dem Jungen helfen."
Lyme nickt nur zustimmend, denn auch auf sie werden die drei sich verlassen können. Ihr ist mein Julius so ans Herz gewachsen, als wäre er ihr eigener Sohn.
"Einer von uns muss einfach gewinnen", sehe ich die Mentoren eindringlich an. "Aber selbst wenn wir verlieren, dann bitte haltet mein Baby von den Spielen fern. Ich will nicht, dass irgendjemand von euch ihm den Floh ins Ohr setzt, es wäre eine Ehre sich freiwillig zu melden."
Der letzte Satz ist mehr an Brutus und Enobaria gerichtet, denn für sie beide war es eine große Ehre an den Hungerspielen teilzunehmen. Das war vielleicht auch mal mein Traum und hätte ich nicht Julius, hätte ich mich womöglich selbst freiwillig gemeldet. Doch auch, wenn ich zuversichtlich bin, dass Julius das bestmögliche Training erhalten wird, möchte ich nicht, dass er dieses gigantische Risiko auf sich nimmt. Ich kann einfach den Gedanken nicht ertragen, dass mein Baby zum Vergnügen anderer Leute verletzt wird.
Grummelnd stimmen die beiden mir zu, allerdings traue ich ihnen nicht so recht über den Weg. Leider habe ich jedoch keine andere Wahl, als ihnen zu vertrauen, falls ich sterbe, werde ich es nie nachprüfen können.
Nach diesem ernsthaften Gespräch servieren die Avoxe uns das Essen und eine von ihnen nimmt Julius damit wir Essen können. Mir wurde immer eingetrichtert, dass Avoxe Verräter und Abschaum sind, jedoch scheint Julius das nicht weiter zu stören. Er schlummert einfach friedlich weiter.
Ich bin wahnsinnig froh, dass mein Sohn so ein ruhiges Baby ist. Mein Vater hat mir immer Geschichten darüber erzählt, dass ich die ersten fünf Monate durchgehend geschrien habe und nur er mich beruhigen konnte. Von daher schätze ich mal, dass Julius das Zufriedene von Cato hat. Dieser hat selbst jetzt noch die Gabe überall wie ein Baby zu schlafen.
Lyme meinte mal kurz nachdem Julius geboren wurde, dass diese friedliche, ruhige Art, aber auch einfach daher kommen kann, dass Julius sich geliebt und sicher fühlt. Ich war wahnsinnig stolz im Geheimen, denn vor seiner Geburt hatte ich fürchterliche Angst, ich könne keine gute Mutter sein. Immerhin wurde ich die letzten fünfzehn Jahre dazu ausgebildet ein kaltblütiger Killer zu sein und das ziemlich erfolgreich. Ich war die Nummer eins auf der Rangliste in beiden Trainingsschulen bei den Mädchen, jedenfalls vor meiner Schwangerschaft. Baria hat mich zwar noch weiter trainiert, jedoch nur harmlose Sachen, wie Messer oder Speer werfen und Bogen schießen.
Die Fahrt ins Kapitol dauert nicht sonderlich lange, weshalb wir noch bevor es den Nachtisch gegeben hat ankommen.
