Am nächsten Morgen gehe ich schon zum Frühstück mit Cato und Julius nach unten zu Marvel und Glimmer.

Wie ich erwartet habe ist Finch ebenfalls da.

"Und?", rufe ich fröhlich als ich ins Esszimmer trete.

Meine neue beste Freundin wird wieder Mal so rot wie ihre Haare und sieht verträumt lächelnd auf ihre Fingernägel.

"Fällst du immer so mit der Tür ins Haus?", lacht Marvel die Augen verdrehend.

"Aber selbstverständlich", nicke ich und ziehe Finch von ihrem Stuhl hoch. "Jetzt erzähl schon."
"Wir hatten keinen Sex", flüstert sie mir zu. "Aber wir haben rumgeknutscht und er hat mich berührt."
"Ihr habt also nach dem Vorspiel aufgehört?", ziehe ich ungläubig eine Augenbraue hoch.

Finch nickt leise. "Darf ich jetzt etwas frühstücken?"

"Von mir aus", lasse ich ihre Handgelenke los.

Ich kann es nicht fassen, dass die beiden nach dem Vorspiel aufgehört haben. Ich hätte Cato gefragt, ob er sie nicht mehr alle hat, wenn er einfach danach aufgehört hätte. Naja, wenigstens hat Marvel sich auch Zeit für Finchs Bedürfnisse genommen.

Ich setze mich neben Cato an den Esstisch und beginne zu frühstücken.
Heute kommen auch die restlichen Tribute an, was heißt, dass heute Abend die Wagenparade stattfinden wird.

Ich bin mal gespannt, was unsere Stylisten sich dieses Jahr dämliches haben einfallen lassen. Es heißt zwar, dass wir in Distrikt 2, die besten Stylisten und Vorbereitungsteams bekommen, jedoch stimmt das nicht. Unsere Kostüme sind meistens genauso geschmacks- und einfallslos wie die aller anderen auch.

"Ich kann es nicht fassen, dass ihr einfach ein Baby habt", platzt Marvel irgendwann heraus.

Finch und Glimmer scheinen ihn beide dafür getreten zu haben, denn er sieht beide Mädchen verwirrt an.

"Wenn du ein Problem damit hast, dann sag es jetzt", fordert Cato ihn in seiner bedrohlichsten Stimme auf.
Dieser Ton jagt sogar mir Gänsehaut den Rücken runter.

"Natürlich nicht, Julius ist wirklich cool", verteidigt Marvel sich schnell.

"Er ist ja auch mein Sohn", lache ich um die Stimmung wieder etwas aufzulockern. "Da kann er ja nur total cool sein."

"Hey, wenn dann hat er es von mir", sieht Cato mich spielerisch sauer an.
"Was immer dir dabei hilft nachts zu schlafen", ziehe ich meinen Ex auf.

Cato verdreht nur die Augen und streicht Julius über die Haare. "Du bist perfekt, egal von wem du es hast."
Ich beiße mir auf die Lippe um die Tränen zu unterdrücken, die drohen mir in die Augen zu schießen.
Cato ist so süß mit Julius, jetzt im nachhinein bereue ich es wirklich, dass ich ihm nichts von seinem Sohn erzählt habe, obwohl es das Richtige war.

"Ich versuche Finch nachher beizubringen, wie sie sich in der Arena verteidigen kann", verkündet Marvel und greift nach ihrer Hand. "Habt ihr Lust euch uns anzuschließen?"

"An sich gerne, aber Cash und Gloss schleppen mich zum Essen in irgendein Nobelrestaurant", verdreht Glimmer die Augen.

"Ich will Zeit mit meinem Sohn verbringen", lehnt auch Cato das Angebot ab.

"Ich habe auch schon Pläne", flunkere ich Marvel an.
Ich zwinkere Finch zu, damit sie weiß, dass ich versuche ihr eine weitere Chance zu geben ihm näher zu kommen.
Ich habe allerdings in der Tat etwas wichtiges zu tun. Es ist sehr riskant, aber ich muss das einfach tun.
Nachdem wir aufgegessen haben, mache ich mich sofort auf die Suche nach Lyme.

Sie ist die einzige, der ich mit dem, was ich vor habe vertrauen kann.

Ich finde sie mit Finnick Odair und Johanna Mason auf dem Dach des Trainingscenters.

Die drei sind sich angeregt am unterhalten, sobald sie mich jedoch erblicken verstummen sie.

Ich wusste zwar, dass Johanna und Finnick sich nahe stehen, und auch das Lyme einen guten Draht zu dem Sexgott von Panem hat, jedoch nicht das sie etwas mit Johnanna zu tun hat.

"Entschuldigt wenn ich störe, aber ich muss mit Lyme reden", räuspere ich mich entschlossen.

"Worum geht es?", giftet Johanna mich an.
Ihr ist die Verbitterung in das hübsche Gesicht geschrieben. Ich kann sie jedoch auch irgendwo verstehen, wenn ich alles und jeden verloren hätte, wäre ich wahrscheinlich genau so.

"Bei allem Respekt, aber ich wüsste nicht, was Sie das angeht", entgegne ich ihr entschlossen.

Wenn uns etwas in Panem immer eingebläut wurde, dann ist es, dass Sieger zu sein die größte Ehre überhaupt ist und solche, die es geschafft haben mit Respekt und Ehrfurcht zu behandeln sind.

"Johanna lass die beiden reden", legt Finnick ihr eine Hand auf die Schulter. "Wir sehen uns später Lyme."

Johanna will gerade protestieren, doch da hat ihr guter Freund sie schon in Richtung Aufzug geführt.

Ich warte bis die beiden weg sind, dann erst gehe ich zu Lyme.

"Kann ich frei sprechen?", frage ich sie bedeutungsvoll.

"Klar doch", nickt sie. "Allerdings könnte jeden Moment jemand reinplatzten. Das Dach ist ein äußerst beliebter Treffpunkt für alle die eine Auszeit brauchen. Lass uns in den Rosengarten gehen."
Ich wusste, dass Lyme verstehen würde, was ich meine also folge ich ihr zu einem etwas abgelegeneren Teil des Daches. Die sanfte Brise lässt die ganzen Windspiele erklingen, welche man hier angebracht hat. Das komplette Gewächshaus ist voller Rosen in allen erdenklichen Farben, sogar lila und blau bei denen ich mir sicher bin, dass sie nur genmanipuliert sein können. Aber was ist hier im Kapitol schon normal.

"Lyme, ich weiß, dass du zu den Rebellen gehörst", flüstere ich so leise wie möglich. "Ich habe keine Ahnung wie groß dein Einfluss oder der eurer Gruppe ist, aber ich flehe dich an Lyme. Bitte, wenn du die Chance hast, dann versucht uns zu retten. Dieses Jahr wird anders Lyme, ich weiß es einfach."

Die Siegerin sieht mich für eine Weile stumm musternd an. Mir ist klar, dass sie versucht abzuschätzen ob sie mir vertrauen kann.

"Ich will nichts von euren Plänen wissen und auch nicht, wer noch alles mit drin steckt", spreche ich weiter. "Ich versuche nicht an Informationen zu kommen, ich will nur leben. Ich muss diese Spiele überleben für mein Baby, aber Lyme ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass Cato oder Finch dafür sterben müssen. Ich weiß, dass die Spiele nunmal so funktionieren, aber wenn ihr irgendetwas tun könnt, dann bitte versucht uns alle zu retten. Finch ist in Marvel verliebt. Glimmer ist die kleine Schwester von Cashmere und Gloss. Cato ist meine große Liebe, der Vater meines Sohnes und der Sohn von Brutus und Talina. Das Mädchen aus Distrikt 12 hat sich freiwillig gemeldet, das muss etwas bedeuten. Also bitte Lyme, ich flehe dich an, hilf uns."

Bevor Lyme mir etwas erwidern kann, stehe ich auf und ergreife schon fast die Flucht. Ich habe das Gefühl jeden Moment von meinen Emotionen überwaltigt zu werden, was ich unbedingt vermeiden möchte.
Wie ich bereits seit der Ernte weiß, kann ich mir das einfach nicht leisten. Ich muss versuchen rational zu handeln und denken, ich darf einfach nicht den Kopf verlieren.

Ich weiß, dass es vermutlich wahnsinnig dumm war mich Lyme anzuvertrauen, jedoch musste ich das alles loswerden und ich vertraue ihr. Ich bin davon überzeugt, dass sie etwas bewirken kann, wenn sie es möchte.

Es ist beunruhigend zu wissen, dass meine Zukunft und die von denen, die mir in den letzten Tage wichtig wurden, nun in den Händen jemand anderes liegt. So gesehen hat sie das schon die ganze Zeit getan, immerhin sind wir dem Kapitol schutzlos ausgeliefert. Niemand ist in unserer Welt noch sicher, wenn wir das überhaupt jemals waren.
Ich bin mir selbst nicht genau im Klaren darüber, woher meine gefährlichen, rebellischen Gedanken plötzlich kommen. Ich war immer von dem Konzept überzeugt, dass es eine Ehre ist an den Hungerspielen teilzunehmen. Das war es immerhin, was ich von klein auf wollte bis ich schließlich Mutter wurde.

Julius hat mich von Grund auf verändert.

Jedes Mal, wenn ich alte Spiele im Fernseh sehe, muss ich an die Mütter und Väter vor den Bildschirmen denken, die machtlos dabei zusehen müssen, wie ihre Kinder teilweise auf babarische Weise getötet werden.

Das hat nichts mit Ehre zu tun oder dem Erhalt des Friedens. Nein, Kinder zu töten oder vielmehr sich gegenseitig töten zu lassen, ist einfach nur feige, grausam und ungerecht.

Warum steckt Präsident Snow keine Erwachsen in die Arena? Es würde das ganze zwar nicht weniger schlimm machen, aber es sind doch nicht die Kinder, die Kriege führen, sondern Erwachsene.

Ich will das alles einfach nicht mehr mit ansehen. Ich will mir nicht vorstellen, wie mein Baby diese falschen Werte vermittelt bekommt. Wie mein kleiner Julius in die Spiele zieht und zur Unterhaltung anderer stirbt oder tötet.

Nein, etwas muss sich ändern und diese Hungerspiele könnten das erreichen. Wenn ich sterbe, dann als Märtyrerin.

Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich das erreichen will, aber ich muss einfach versuchen ein Zeichen zu setzen.

Das Schulde ich meinem Sohn einfach. Wenn er irgendwann die Spiele sieht, soll er stolz auf mich sein. Er soll nicht denken, ich sei eine Heilige, das bin ich bei weitem nicht, aber ich will auch nicht, dass er mich für ein Monster hält.

Doch wie soll man sich in diesen Spielen, die so babarisch und Menschen verachtend sein, sein Menschlichkeit bewahren?