Ich wünschte, ich könnte diesen Moment einfrieren, genau hier, genau jetzt und für immer darin leben.

Nach meiner Unterhaltung mit Lyme, gehe ich zu Cato und Julius.

Ich möchte noch so viel Zeit wie möglich mit den beiden wichtigsten Menschen in meinem Leben verbringen.

Cato ist mit unserem Sohn in seinem Zimmer. Die beiden liegen tief schlafend aneinander gekuschelt in Catos Bett.

Ich verlasse den Raum erneut, um beide nicht zu stören.

Enobaria ist im Wohnzimmer und sieht erneut die Ernte. Da ich nichts besseres zu tun habe, setze ich mich zu ihr.

"Ich denke dieses Mädchen wird eine Bedrohung darstellen", verkündet meine Stiefmutter und zoomt den weiblichen Tribut aus Distrikt 12 heran. "Vielleicht nicht unbedingt körperlich, aber siehst du den Ausdruck in ihren Augen?"

"Sie wirkt entschlossen", nicke ich nach genauerer Betrachtung. "Ich werde sie im Auge behalten."

"Wie fühlst du dich?", schaltet sie den Fernseher aus.

Ich seufze und fahre mir durch die Haare. "Verzweifelt", gestehe ich ihr leise. "Ängstlich. Nervös. Aufgeregt. Such dir etwas aus."

"Clove, ich werde alles in meiner Macht stehende tun, dich da rauszuholen", versucht Enobaria mich zu beruhigen.

"Ich weiß, aber es ist eine Lose-Lose-Situation", lehne ich mich frustriert zurück. "Gewinne ich, stirbt Cato und Julius ist Halbweise. Gewinnt Cato, sterbe ich und Julius ist Halbweise. Sterben wir beide, ist Julius Vollweise. Wir können nicht gewinnen, sondern nur verlieren."

"Das verstehe ich", greift meine Stiefmutter nach meiner Hand.

Ich sehe sie niedergeschlagen mit einem Klos im Hals an. "Ich will doch nur, dass es meinem Baby gut geht."

"Ich weiß, Clove", drückt sie sanft meine Hand. "Aber egal was passiert, um Julius musst du dir keine Sorgen machen."

Ich nicke nur. "Es wird trotzdem nie wieder das gleiche sein."

Enobaria schlingt ihre Arme um mich und drückt mich an sich. Sie war nie ein sonderlich herzlicher Mensch, trotzdem hat sie eine sanfte, liebevolle Seite, die sie jedoch nur selten zeigt und für die reserviert hat, die sie liebt.

Ich schließe meine Augen und geniese nur für einen Moment ihren Trost.

Ich hoffe so sehr, dass ich mich nicht in Lyme getäuscht habe und sie mir helfen kann. Ich meine, es ist wie ich gesagt habe, ich habe keine Ahnung. Soweit ich weiß könnte diese Rebellion aus zwei Leuten bestehen und absolut gar nichts bewirken.

Ein paar Minuten später ist der Mutter-Tochter-Moment zwischen uns auch schon vorbei und meine Ziehmutter und ich sehen einfach zusammen irgendeine übertriebene Kapitol-Sitcom.

Irgendwann höre ich gedämpft Julius schreien aus Catos Zimmer. Ich verabschiede mich von Enobaria und gehe dann zu den beiden.

"Wer ist denn da wach?", trällere ich fröhlich als ich zu meinem Sohn gehe und ihn hochhebe. "Ist das Mamas kleiner Liebling?"

Ich klettere zu Cato ins Bett und lege mich so auf den Rücken, dass Julius auf meiner Brust liegen kann. Es ist so niedlich, wie er sein Köpfchen hebt, um mich mit seinen strahlend blauen Augen anzusehen.

Glucksend sieht mein Sohn mich an. Ich beuge mich vor und küsse sanft seine Stirn. "Ich hab dich so lieb, Julius. Egal was passiert, mein Baby. Ich liebe dich mehr als alles andere auf der Welt, Tod oder Lebendig."

Julius streckt sein winziges Händchen aus und greift nach einer Strähne meiner Haare. Er zieht giggelnd daran und steckt sie sich in den Mund.

Ich ziehe vorsichtig meine Haare wieder aus seinem Mund. "Du kannst Mamas Haare nicht essen, Schatz."

Julius zieht ein bezauberndes Schippchen also gebe ich ihm meinen Finger um daran zu lutschen.

Wie aus dem nichts fährt Cato mir mit seiner großen, kalten Hand unter mein Shirt. Ich zucke zusammen, denn ehrlich gesagt habe ich nicht einmal bemerkt, dass mein Exfreund aufgewacht ist.

"Tut mir Leid", küsse ich seine Wange. "Ich wollte dich nicht wecken."
"Ist schon okay", stützt er sich auf den Ellbogen um mich sanft zu küssen. "So werde ich doch gerne geweckt."

Bevor ich die Gelegenheit bekomme seinen Kuss zu erwidern, löst er sich schon von mir und streicht unserem Sohn durch die kurzen schwarzen Haare.

"Habt ihr gut geschlafen?", erkundige ich mich bei meinen beiden Lieblingsjungs.

"Sehr gut", nickt Cato bestätigend. "Und du? Hast du alles erledigt bekommen?"
"Ja, es war allerdings nicht sehr aufschlussreich", seufze ich unglücklich.

Ich rutsche mit Julius näher zu Cato und kuschele mich in seine Arme.

"Das tut mir Leid", küsst er meine Schläfe.

Es ist fast alles wieder so wie früher als Cato und ich noch ein Paar waren. Ich habe mir immer heimlich gewünscht, dass unser Familienleben genau solche Momente wie diesen beinhalten würde.

Ich hatte mir allerdings nicht vorgestellt, dass wir in ein paar Tagen in der Arena um Leben und Tod kämpfen werden.
Es bringt ja nichts, ständig daran zu denken. Egal wie oft ich es mir ins Gedächtnis rufe, was Cato, mir und all den anderen bevor steht, ändert es nichts. Ich kann mich in den nächsten Tagen damit quälen oder die verbleibende Zeit geniesen.

Ich muss einfach versuchen das Beste aus der Woche zu machen.

"Was haltet ihr davon, wenn ich euch schick zum Essen ausführe?", schlägt Cato vor. "So ganz im Kapitolstil. Wir ziehen uns an wie die Leute im Kapitol und schminken uns wie sie. Weißt du, um sozusagen durch die Augen des Feindes zu sehen."

Ich lasse mir das ganze einen Moment durch den Kopf gehen, dann nicke ich. "Ja warum eigentlich nicht."

"Ich organisiere alles", löst er sich von uns.

Cato erzählt von Lyme und Brutus von unserem Plan, woraufhin Lyme mich zu einer ehemaligen Stylistin bringt.

Ich verstehe nicht so genau, warum Lyme Tigris ausgewählt hat um mich umszustylen. Sie war damals zwar Lymes Stylistin, allerdings wurde sie vor einigen Jahren gefeuert. Die Gründe dafür sind nie offizielle bekannt gegeben worden, allerdings ist es kein Geheimnis, dass ihr 'Schönheitswahn' dahintersteckt. Man kann sagen, sie hat ihrem Namen alle Ehre gemacht und sich so umoperieren lassen, dass sie aussieht wie ein richtiger Tiger. Die Frau hat sogar Schurrhaare.

Tigris ist für einen Kapitolmensch sehr ruhig und spricht kaum etwas, während sie mich umstylt. Ich muss allerdings sagen, dass im Gegensatz zu dem, was ihr äußeres vermuten lässt, sie mich sehr schlicht anzieht.

Meine Perücke ist blond mit goldenen Highlights, die zu einem aufwendigen Knoten gebunden sind. Tigris hat mich sehr blass geschminkt, mir allerdings ein paar goldene Ornamente um die Augen und Wangen gemalt passend zum roten Lippenstift mit Goldpartikeln. Mein Kleid ist tiefrot mit den gleichen Verzierungen wie in meinem Gesicht und einem Ausschnitt bis zum Bauchnabel. Die lange, goldene Kette hat einen riesigen Diamanten der genau zwischen meinen Brüsten ruht. Das einzige, was ich an dem Outfit hasse, sind die goldenen Highheels. Sie sehen zwar schön aus, leider kann ich jedoch nicht darin laufen.

Ich sehe nicht billig aus, sondern tatsächlich sehr elegant für eine Kapitolfrau. So viel Geschmack hätte ich Tigris gar nicht zugetraut.

"Vielen Dank", bedanke ich mich lächelnd bei der Stylistin.

"Es war mir eine Ehre", verabschiedet die Stylistin sich und lässt mich dann mit Lyme alleine.

"Tigris ist wirklich sehr zuverlässig", richtet die Siegerin sich an mich. "und äußerst loyal zu denen, die sie fair behandeln."
Irgendwas an Lymes Ton macht mich stutzig. Sie spricht so anders als sonst, fast so als wären ihre Worte ein Code und ich müsste sie entschlüsseln. Ich kann mir allerdings keinen Reim darauf machen.

Ich bin mir nicht so sicher, was ich Lyme antworten soll, weshalb ich sie einfach bitte auf Julius aufzupassen. Er ist einfach noch zu klein um ihn mit Essen zu nehmen, außerdem hätte ich gerne ein wenig Zeit mit Cato allein.
Ich weiß, es ist äußerst egoistisch von mir, da Julius Zeit mit seinem Vater so begrenzt ist, aber ich kann mir einfach nicht helfen.

Ich möchte nur ein letztes richtiges Date mit Cato.

Natürlich sagt Lyme nicht nein, also flitze ich schnell nach unten ins Trainingscenter um Finch von meinem Date zu erzählen.

Sie freut sich mit mir, dann muss ich jedoch wieder los.
Marvel hat Finch einen ziemlich strengen Trainingsplan erstellt und sorgt für die genauste Einhaltung davon.

Meine Freundin wirkt total erschöpft, jedoch scheint Marvel äußerst zufrieden mit ihr zu sein, da er sie durchgehend lobt. Zumindest in den zwanzig Minuten, die ich da bin.

"Kann es losgehen, Lady de Villiers?", betritt Cato den Trainingsraum.

Sein Stylist hat ihm eine braune Perücke und einen sehr aufwendigen Bart a la Seneca Crane verpasst. Er trägt einen schwarzen Anzug und ein rotes Hemd mit goldener Krawatte.
Cato sieht gar nicht so schlecht in brünett aus, allerdings hat Tigris einen weitaus besseren Job geleistet, als Catos Stylist.

"Aber selbstverständlich, Mr de Villiers", harke ich mich bei ihm ein. "Oder haben wir nur eine heiße Affäre?"

"Selbstverständlich nicht", küsst er meine Schläfe. "Wir wollen ja unauffällig sein also sind wir verheiratet, wie sich das im Kapitol gehört."

"Leute, jetzt mal im Ernst", lässt Marvel seinen Speer sinken und sieht uns irritiert an. "Was habt ihr da an?"

"Kapitolmode?", ziehe ich eine Augenbraue hoch. "Falls du nicht zugehört hast, wir haben ein Date."

"Na dann mal viel Spaß", zuckt er die Achseln.

"Werden wir haben", grinst Cato ihn an, dann führt er mich aus dem Saal.
"Ich ruf dich an", winke ich Finch zum Abschied.