Kapitel 2: Von Karafka und der Brotkruste
Es gibt Dinge, denen man besser aus dem Weg geht- egal, wie stark man ist oder für wie unbesiegbar man sich hält. Zu genau diesen Dingen gehört eine hungrige Schar von Orks auf der Suche nach etwas Essbarem.
"Sie haben seit vier Tagen nichts mehr zu sich genommen", übersetzte Silaid freundlicherweise das Gezische und Geschimpfe der stinkenden Horde.
Oxana hatte gerade ihre erste Zählung beendet und duckte sich mit einem verärgerten Gesichtsausdruck hinter die Felsen.
"Zwei Dutzend", flüsterte sie und wies auf die acht Bolzen in ihrem Gürtel, "das könnte knapp werden. Hoffen wir, dass der Wind nicht dreht!"
"Wo ist eigentlich dieses Elbenweib?", zischte Silaid und seine gelben Augen verengten sich misstrauisch, während er zum Rand des Düsterwaldes hinsah. "Sie müsste schon längst zurück sein. Sicher hat sie dem Pack den Weg hierher gewiesen."
"Natürlich. Eine Elbe, die sich mit einer Orkbande verbündet. Benutze zur Abwechslung doch einmal dein Hirn, du Narr!", fauchte Oxana.
Doch ein Teil von ihr hegte, wenn sie ehrlich war, ebenfalls ähnliche Befürchtungen.
Rawen war in den Wald gegangen, um eine Kleinigkeit fürs Mittagessen zu erlegen. In der Zwischenzeit hatten Silaid und Oxana den Waldrand erreicht und sich auf ein paar Felsen ein Stückchen davor niedergelassen, um etwas zu rasten.
Bevor sie allerdings dazu gekommen waren, waren zahllose Orks ein Stück unterhalb von ihnen durchs Unterholz gebrochen und hatten ihr Lager kaum fünfzig Schritte neben ihnen aufgeschlagen. Silaid und sie hatten gerade noch Zeit gefunden, ihre Sachen zu packen und sich mit einem Hechtsprung hinter die Felsen zu retten.
Wo, bei allen Göttern, war Rawen? Die Frau hatte die Sinne eines Adlers- es war ausgeschlossen, dass sie die Orks nicht bemerkt hatte.
Vielleicht hatte sie es aber auch, und hatte beschlossen, sich aus dem Staub zu befand sie sich schon auf dem Weg zu Thranduils Palast, um den Auftrag alleine zu erledigen und die ganze Belohnung für sich selbst einzuheimsen.
"Nein, das würde sie nicht tun...", murmelte Oxana mehr zu sich selbst als zu Silaid, glaubte aber ihren eigenen Worten nicht so recht. Es war einfach ein zu unglaublicher Zufall, dass die Truppe ausgerechnet jetzt und hier aufgetaucht war.
["UND WAS GENAU SOLLEN WIR HIER ZUM ESSEN FINDEN? WÜRMER? ODER VIELLEICHT GRAS?"]
Ein paar Orks kicherten vergnügt, andere murrten zustimmend. Der Ork, der gesprochen hatte, wurde plötzlich von einem weiteren, der einen langen Metallsplitter in der Wange stecken hatte, an der Schulter gepackt und grob herumgerissen.
"Karafka- Anführer", informierte Silaid leise und fletschte seine zugespitzten gelben Zähne, "ein ziemliches Ekel, selbst für einen Ork. Hat bereits drei seiner Männer verspeist, die ihm den Gehorsam verweigert hatten. So erzählt man es sich jedenfalls."
"Oh."
Hoffentlich würde sich der Wind nicht drehen.
Es folgte allerdings keine kannibalische Orgie oder ein Kampf auf Leben und Tod. Stattdessen versetzte Karafka dem aufmüpfigen Krieger bloß einen derben Stoß und brüllte:
["DREI VON EUCH GEHEN AUF DIE JAGD. DIE ANDEREN BLEIBEN HIER. RUTZNIK, WOLFFA, KIESA, IHR DREI WERDET UNS EIN PAAR FETTE WILDSCHWEINE ODER EIN PAAR ELBEN SCHIESSEN. VORZUGSWEISE ELBEN. UND NUN VERSCHWINDET!"]
Die anderen Orks grölten zustimmend.
Die drei Angesprochenen gehorchten augenblicklich und hasteten mit gezückten Bögen in den Wald zurück. Wo auch immer Rawen gerade war- sie sollte besser auf sich Acht geben, dachte Oxana nervös.
"Na toll, jetzt sitzen wir hier herum bis diese Idioten etwas erlegt haben. Und das kann sehr lange dauern", beschwerte sich Silaid ungeduldig und ließ sich ins feuchte Gras fallen.
Oxana sah lange unschlüssig ihren Rucksack an, dann nahm sie ihn und packte ein paar getrocknete Früchte und etwas hartes Brot aus, den letzten Rest ihrer Wegzehrung. Bedächtig begann sie an der trockenen Nahrung zu kauen. Ihr Hunger war inzwischen so groß, dass sie ernsthaft Angst hatte, ihr Magenknurren könnte die Aufmerksamkeit der Horde auf sie lenken.
"Uaggggrrrrrrhhhhäääääähhhhh!" Silaid drehte angewidert den Kopf beiseite.
Oxana grinste schadenfroh. Sie wusste, dass der Halbork nicht verstehen konnte, wie man etwas anderes als Fleisch zu sich nehmen konnte.
Angeregt durch einen kindischen Trotz hob sie die Hand und wedelte den Duft eines getrockneten Pfirsichs mit der anderen ins pockennarbige schwarze Gesicht des Halborks, um ihn damit zu necken.
Silaid begann zu würgen, entweder aus Spaß oder weil ihm wirklich übel wurde und rückte ein Stückchen von ihr fort- allerdings zu ein sehr kleines Stückchen, denn der Felsen war nicht allzu groß.
Schnüffeln.
["HIER STINKT ES!"]
["ICH WARS NICHT".]
Kichern.
["NEIN, DU IDIOT. HIER STINKT ES NACH...OBST!"]
Schnüffeln.
["IGITT!" (entsetzt, angeekelt)]
"Ich glaube, sie haben etwas gemerkt", raunte Silaid verärgert Oxana wurde weiß wie Kreide. Innerhalb einer Sekunde hatte sie zwei trockene Pfirsiche und ein handgroßes Stück Brot in ihren Mund gestopft und die Hände davorgeschlagen.
"Much dun Huchsach su!", mümmelte sie und gestikulierte dabei panisch auf ihren Rucksack, bis Silaid endlich begriff und hastig den Sack fest verschnürte. Zu spät. "DA IST DOCH WAS HINTER DEN FELSEN DA DRÜBEN!"
Acht Bolzen, 21 Orks, das würde mehr als knapp werden. Zu allem Überfluss blieb ihr nun ein Stück hastig hinuntergeschlucktes Brot im Hals stecken und sie bekam einen heftigen Hustenanfall.
"CHEF, ES IST EIN MENSCH!"
Von diesem Moment an passierte alles unglaublich schnell: Oxana richtete sich auf, da ihre Deckung jetzt ohnehin nutzlos war, hustend und nach Luft ringend, während sie die Armbrust zog und zurückwich.
Silaid begann lauthals zu fluchen und zog sein Schwert, folgte ihr und deutete auf den Waldrand.
Sie begriffen im selben Moment, dass sie nicht den Hauch einer Chance hatten.
"Renn, wenn dir dein Leben lieb ist!", schrie Silaid, dann wirbelte er auch schon herum und raste los.
Oxana folgte seinem Beispiel und versuchte während des Laufens einen Bolzen aus ihrem Gürtel zu ziehen, aber das Geschoss stak wie verhext unverrückbar fest und außerdem konnte sie sich kaum darauf konzentrieren. Immerhin musste sie noch immer versuchen, irgendwie an Luft zu kommen.
Die ersten Pfeile wurden abgefeuert und einer verfehlte ihre rechte Schulter nur um Haaresbreite. Oxana bog nach rechts, dann nach links ab, nahm hinter einen Baum Deckung ein und stürmte geduckt und Haken schlagend in eine beliebige Richtung weiter.
Silaid hatte sie längst aus den Augen verloren, sie hatte aber im Moment auch größere Probleme als den Halbork: eine grölende Horde mordlustiger Orks, die in ihr wohl ein Mittagessen sahen. Wie aus dem Erdboden gewachsen stand plötzlich eines der hässlichen Wesen vor ihr.
Der Ork schien mindestens so überrascht über ihren Anblick zu sein wie sie über den seinen. Sie erkannte ihn sogleich wieder: Rutznig hatte ihn Karafka genannt. Er war einer der Jäger. Nun, einer von ihnen beiden musste wohl sterben- und zwar derjenige, der zuletzt seine Waffe gezogen hatte.
Oxana tastete verzweifelt über die Schlaufe, in der ein Bolze stak, zerrte und zog wie irr daran, aber nichts half, das Ding ließ sich nicht verrücken.
Sie sah auf, sah, wie der Ork vor ihren Augen zu verschwimmen begann und der Wald immer dunkler wurde und wartete auf ihren Tod.
Ihre Kindheit zog an ihr vorüber, die glückliche Zeit, die sie mit ihren Eltern in Ithilien verlebt hatte, die Flucht nach Osgiliath, die Jahre in Rohans Hauptstadt Edoras, ihre Mutter, die in den Häusern der Heilung arbeitete und immer ein Lächeln für jedermann übrig hatte, ihr Vater mit seinen warmen, braunen Augen, der Waffenmeister unter König Thengel gewesen war…. und natürlich ihr Bruder Rion, ein stolzer, kräftiger junger Mann voller Jähzorn und Begabung, der sie stets an den Zöpfen gezogen hatte...
Seltsam, dass man nur an die schönen Dinge denkt, bevor man stirbt... Sie würde in die unendlichen Schlünde der Verdammnis verbannt werden, um auf Ewigkeiten in den feurigen Untiefen der Verbannung unerträgliche Qualen zu erleiden, nein, länger, eine Ewigkeit genügte nicht, um die zahllosen Fehltritte ihres Lebens wieder gutzumachen...
