Kapitel 4: Von den Verließen und der Reise

Oxana wachte irgendwann gegen Mittag langsam aus einem tiefen, traumlosen Schlaf auf und fühlte sich, als könne sie Bäume ausreißen. Gähnend räkelte sie sich in den weichen Kissen, rieb sich die Augen und genoss für einige Sekunden das Gefühl, zum ersten Mal seit Monaten ausgeruht und wach zu sein. Ein Gefühl, das sie in den zurückliegenden Jahren voller Reisen und zahlreicher, überhasteter Flüchte schon beinahe vergessen hatte.

Seitdem sie Edoras verlassen hatten, hatte sie in keinem weichen, sauberen und vor allem trockenen Bett mehr gelegen. Und das war immerhin schon gute zwei Wochen her. Das heiße Bad vom Vortag und die weichen Bettlaken waren für sie also der pure Luxus.

Mit einem genießerischen Lächeln im Gesicht- etwas, was man nicht allzu oft an ihr zu sehen bekam- stieg sie aus dem Bett und schlüpfte in ihre Kleider, die jemand gewaschen und ordentlich gefaltet auf das Tischchen neben ihrem Bett gelegt hatte.

Sie zog ein graues, langärmeliges Wollhemd an, schlüpfte in das Paar abgetragener und recht eng anliegender Hosen, deren rostrote Farbe im Laufe der Jahre vom ständigen Regen in ein hässliches Braun verwandelt worden war. Zuletzt streifte sie sich das bis an die Knöchel reichende, an den Seiten geschlitzte Reisekleid aus warmem, dicht gewebtem Naturleinen über.

Das Kleid hatte sie erst vor wenigen Tagen an den Ufern des Anduin einer fahrenden Händlerin abgekauft und sie war nach wie vor stolz auf diese längst fällige Investition.

Der Stoff war sehr robust, sog sich nicht allzu schnell voll und wärmte vor allem ausgezeichnet. Sie hätte ausreichend Geld gehabt, um auch ihre abgetragenen, von Flicken übersäten Beinkleider zu ersetzen, doch diese besaßen einen sentimentalen Wert und saßen überdies äußerst Hose war das einzige Kleidungsstück, das sie trug, welches sie mit unblutigem Geld gekauft hatte.

Als Oxana neu in diesem Gewerbe gewesen war, hatte sie zusätzlich auch noch einen ledernen Brustpanzer, Bein- und Armschienen und ein leichtes Schwert getragen. Doch im Laufe der Jahre war daraus überflüssiger Ballast geworden, zum einen, weil es furchtbar unangenehm war, in einem Lederpanzer zu reiten und das nasses Leder nach wenigen Tagen so zu stinken begann wie ein verwesendes Tier. Zum anderen, weil sie durch Rawen gelernt hatte, dass Schnelligkeit und Geschick weitaus nützlicher waren als der härteste Panzer und das schärfste Schwert. Zwar trug die Elbe selbst einen metallenen Brustpanzer, doch dieser war, so hatte ihr Rawen in einem ihrer wenigen intimen Gespräche mitgeteilt, das einzige Andenken an ihre Heimat und sie kümmerte sich darum, als wäre es ihr Kind.

Oxana hatte auf den Rat der Elbe hin ihre Rüstung verkauft und sich um das Geld neue, praktischere Reisekleider zugelegt. Bloß die schwarzen Armschienen hatte sie behalten, die im Kampf ihre Handgelenke schonen sollten und nebenbei auch noch ganz nett aussahen.

Oxana angelte nach ihren Stiefeln und schlüpfte hinein. Ihre Beine waren durch das viele Marschieren kräftig, fast muskulös geworden. Dank Rawens regelmäßigem, hartem Unterricht im Nahkampf und Zielschießen war auch der Rest ihres Körpers kaum weniger durchtrainiert als der eines Mannes. Die Schwäche ihrer Jugend war von ihrem Körper ebenso abgefallen wie von ihrem Geist, dachte Oxana nicht ohne Stolz, während sie die weichen Lederstiefel fest verschnürte.

Doch all das Training hatte ihrem Leib nicht seine markanten weiblichen Rundungen nehmen können, die sie aber gut zu verdecken wusste. Schon in jungen Jahren hatte sie gelernt, dass eine schöne Frau viele Feinde besaß- und die meisten davon waren männlich.

Sie strich das Kleid glatt, legte die Armschienen an und verbarg sie unter den lockeren Ärmeln ihres Gewandes.

Schließlich warf sie sich ihren alten Reisemantel aus ungefärbter Wolle über und ging zur Tür, nachdem sie sich den Schlaf über einer hölzernen Wasserschüssel aus dem Gesicht gewaschen hatte. Auf halbem Wege blieb sie jäh stehen.

Moment. Irgendetwas fehlte hier.

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"Wo sind meine Waffen?!"

Sarnir zuckte leicht zusammen, als er sich umdrehte und eine junge Frau mit flammendem Haar und eiskalt funkelnden Augen, einer leibhaftigen Rachegöttin zum Verwechseln ähnlich sehend, auf sich zustürmen sah.

"Wo ist meine Armbrust, meine Munition, mein Dolch?! Was habt Ihr damit getan?! Wer gibt euch das Recht, meine Sachen anzugreifen- sprecht, Elb!", donnerte sie so heftig, dass einige der Dienstboten, welche sich ebenfalls im Gang befanden, erstaunt stehen blieben um die Szene mitzuverfolgen.

Sie hatte die Gegenstände gestern vor dem Abendessen in ihrem Zimmer abgelegt, gleich neben ihrem Bett, wie sie es immer zu tun pflegte. Nun waren sie spurlos verschwunden!

"Beruhige dich", beschwichtigte der dunkelhaarige Elb sie, sich mit einem etwas angespannt wirkenden Lächeln umsehend, „die Sachen befinden sich in Verwahrung gemeinsam mit allen anderen Waffen im Palast". Er hob seine Hände zu einer besänftigenden Geste, vielleicht aber auch, um sich im Notfall gegen sie verteidigen zu können. "Ich habe wohl vergessen, es dir zu sagen - bis auf die Wachen ist es jedem verboten, Waffen im Palast zu tragen."

"Ja, es wäre nett gewesen, mir das mitzuteilen!" Seine Erklärung beruhigte Oxana keineswegs. Ihre Stimme überschlug sich als sie sprach beinahe und verlor sich in einem hysterischen Krächzen. Ihre Fassungslosigkeit schien den Elben zutiefst zu verwirren. Natürlich. Er wusste ja auch nicht, was ihre Ausrüstung ihr bedeutete- und was sie über sie verraten könnte! Der Dolch war ein Erbstück ihres Vaters, die Armbrust war gestohlen und vermutlich in einer elbischen Schmiede hergestellt worden. Besonders die Armbrust würde Fragen aufwerfen, die sie in eine verdammt enge Zwickmühle bringen konnten. Doch was sollte sie zu ihm sagen?

Wie wäre es mit "Händigt mir meine Waffen aus, damit ich damit endlich einen von euch Spitzohren erschießen und wieder meiner Wege gehen kann!" ? Sie musste sich beruhigen. Mühsam zwang Oxana sich, tief durchzuatmen. Es war nicht ihre Stärke, ihre Emotionen unter Kontrolle zu halten, doch irgendwie schaffte sie, sie zumindest mit einem Lächeln zu übertünchen.

Sie hatte sich ohnehin vorgenommen, noch vor dem Mittagessen abzureisen und diesen Palast mit seinen notorisch gut gelaunten Bewohnern ein für alle Male hinter sich lassen. Sie musste nur noch ein wenig länger durchhalten.

"Nun gut, wenn das so ist...", sie brachte sogar ein recht echt wirkendes Lächeln zustande, "...dann werde ich euch nicht weiter belästigen und mit dem Packen anfangen."

Na, siehst du, du kannst auch vernünftig sein.

Die Blutjägerin wandte sich um, um bedächtig und möglichst gelassen wirkend in ihr Zimmer zu gehen. Sicher beobachteten diese Elben jeder ihre Bewegungen, sie musste achtsam bleiben.

Lyria hatte ihr einen neuen Rucksack gegeben, der alte war von den Orks aus unerfindlichen Gründen in die Fasern, aus denen er gewebt war, zerhauen worden. Sie würde in die Küche gehen und ihn mit Vorräten füllen lassen und dann so schnell wie möglich verschwinden.

Sarnir hielt sie aber jäh am Arm zurück, bevor sie auch nur einen Schritt tun konnte und meinte: "Nein, warte! Ich wollte ohnedies noch mit dir sprechen. Es geht um deine Heimreise." Oxana blinzelte ihn an. „Einige Abgesandte Thranduils reisen nach Edoras, um der Krönung König Theodens beizuwohnen. Sie haben den gleichen Weg wie du- ich dachte, du könntest doch gemeinsam mit ihnen reisen. Es wäre viel sicherer für dich."

Eine gute Idee, in der Theorie. Eine schreckliche in der Praxis, denn da waren ein paar nicht gerade unerhebliche Faktoren, welche die Sache komplizierten: Zunächst einmal- und hauptsächlich- waren da Rawen und Silaid, die sich irgendwo da draußen im Wald verbargen und schon länger als gut war darauf warteten, dass sie endlich den Palast verließ. Denn so ganz nebenbei war Oxana ja eigentlich hier, um einen Auftrag auszuführen. Wenn sie ausgeschlafen und tiefenentspannt als Teil einer Reisegruppe hinter ihrer Beute aus dem Palast geritten kam, konnte das womöglich ihre Absichten in ein schiefes Licht rücken und sie selbst in große Schwierigkeiten bringen.

"Ich werde darüber nachdenken. Wann wird die Gruppe aufbrechen?" Vielleicht würde die Zeit reichen, um einen Plan zu schmieden, der sie aus dieser misslichen Lage retten konnte. Hinter ihrer Stirn begann es bereits zu arbeiten.

"Gegen Mittag. Du findest mich entweder bei den Pferden oder in den Hallen des Feuers."

Na wunderbar. Sie hatte nicht einmal zwei volle Stunden, um sich etwas einfallen zu lassen.

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Wieder pfiff der Vogel. Es waren zwei kurze, dichtaufeinanderfolgende hohe Töne. Oxana blieb stehen, wandte den Kopf, entdeckte aber weder neben sich in den dichten Büschen noch über sich in den Kronen der Bäume eine Bewegung. Zornige Falten bildeten sich auf ihrer Stirn, als sie weiterging. Sie kannte dieses Geräusch- es gab keinen Zweifel, von wem es stammte. Doch wo hielt sich die Elbe bloß versteckt?

Sie machte zwei weitere Schritte unter die tiefhängenden Äste einer mächtigen Eiche, blieb stehen und lauschte angespannt.

Zwei schlanke, weiße Arme schossen jäh aus dem Geäst über ihr, hakten sich unter ihre Achseln und zogen sie mühelos nach oben.

Bevor Oxana überhaupt Gelegenheit fand zu erschrecken, sah sie sich der blonden Elbe mit den funkelnden hellgrünen Augen gegenüber. Rawen hielt sie gerade lange genug fest, um ihr Zeit zu geben, sich an einem Ast festzuklammern. "Bist du taub? Oder hast du unser Zeichen schon vergessen?!", zischte die Elbe ihr ins Gesicht. Oxana wunderte sich im ersten Moment bloß, wie Rawen es geschafft hatte, sich so nahe an den Palast anzuschleichen ohne entdeckt zu werden. Der Baum, auf dem sie saßen, stand nur einige Schritte entfernt von der Zugbrücke, über die sie gerade den Palast verlassen hatte.

Rawens Haar war zersaust. In ihrem sonst geordneten welligen Goldhaar staken einige Blätter und kleine Äste und ihre blassen Arme waren von unzähligen kleinen blauen Flecken und Abschürfungen bedeckt.

"Wo bist du gestern gewesen? Wir hätten um ein Haar das Zeitliche gesegnet, während du dich weiß- der- Teufel- wo herumgetrieben hast!", warf Oxana vorwurfsvoll zurück nachdem sie den ersten Schreck überwunden hatte.

"Ich habe eingegriffen, als sie euch verfolgt haben, das sollte dir reichen. Ich hatte die stinkende Horde im Wald entdeckt und mich auf einem Baum vor ihnen verborgen und von dort aus euch beobachtet. Wer konnte denn ahnen, dass ihr zu blöd seid um wenigstens ein paar Minuten stillzuhalten?! Und dann fängst du auch noch an, zu essen! Habe ich dir denn gar nichts beibringen können in den letzten Jahren?!"

Jetzt war sie es, die Oxana mit Blicken aufspießte, und nicht umgekehrt. Alle Sanftheit, die sie je an den Tag gelegt hatte, war verschwunden und aus der Elbe war wieder jener kühle Eisklotz geworden, den Oxana kannte und respektierte.

Oxana spüre, wie ihr Schamesröte ins Gesicht stieg, doch sie hatte nicht vor, sich wie ein dummes Kind für ihre Handlungen zu entschuldigen. Zwischen ihr und Rawen hatte, seit sie sich kennengelernt hatten, ein ständiges Kräftemessen stattgefunden, das zwar erschöpfend war, aber inzwischen zu etwas geworden war, das sie aber um Nichts missen wollte. Auch in diesem Moment starrten sie einander mit funkelnden Augen an, ein jeder zu stolz und zu stur um nachzugeben. Es war eine Art Spiel, das an jenem Tag begonnen hatte, da sie die Wette abgeschlossen hatten.

"Wo ist Silaid?", fragte Oxana endlich, anstatt den sinnlosen Streit weiterzuführen. Der Tag, an dem sie sich von Rawens eiskalten Gehabe hätte einschüchtern lassen war noch lange nicht gekommen.

"Er ist den Elben nur mit Mühe und Not entkommen und hält sich tief im Wald versteckt. Was haben sie mit dir gemacht? Ahnen sie etwas?"

In einigen kurzen Sätzen erzählte Oxana der Elbe, was geschehen war. Abschließend berichtete sie von Sarnirs Angebot, gemeinsam mit den Elben zu reisen.

"Ich brauche deinen Rat", fügte sie zähneknirschend hinzu, „ich könnte ablehnen und von Dannen ziehen, doch was ist dann mit unserem Auftrag? WER ist er eigentlich?"

"Thranduils einziger Sohn und somit Thronfolger", murrte Rawen grübelnd, "ein hübsches blondes Bürschchen, aber nicht zu unterschätzen. Er ist verdammt geschickt mit Pfeil und Bogen und ein begnadeter Schwertkämpfer."

"LEGOLAS?!"

Rawen hielt ihr erschrocken den Mund zu.

"Bist du wahnsinnig? Sprich leise! Du kennst ihn?" die Elbe sah- und das geschah nicht oft- ehrlich überrascht aus, als Oxana grimmig nickte, nachdem sie ihre Hand ärgerlich abgestreift hatte. Dann zeigte sie auf den roten Kratzer an ihrer Wange und erklärte:

"Ich habe mich mit seiner Verlobten geschlagen."

Rawen blinzelte irritiert. "Oh. Und warum das?"

"Eine dumme Geschichte. Sie hielt mich für eine Magd und...ach vergiss es. Jedenfalls sind wir uns ein wenig in die Haare geraten. Sie ist furchtbar."

Rawen stöhnte leise auf und fasste sich dabei mit der Hand an die Stirn, um sie zu massieren, während sie sprach. "Es wundert mich, dass wir drei noch am Leben sind. Es ist wahrlich ein Wunder. Oxana, du solltest lernen, dich zu beherrschen."

"Ich bitte dich…du hättest genau so reagiert. Es war ein unglücklicher Zufall, sonst nichts. Nun- was sagst du? Was soll ich tun?"

Rawen wickelte eine goldblonde Haarsträhne um ihren Zeigefinger und schwankte unentschlossen mit dem Kopf. "Sie werden wohl mit einem Schiff den Anduin hinunterfahren. Ich nehme auch an, dass der Prinz mitreisen wird. Ich schlage vor, du begleitest sie bis zum Hafen. Vielleicht ergibt sich eine günstige Situation. Sollte er nicht mitreisen, machst dich schleunigst wieder auf den Weg zurück hierher, um uns bei unserer Arbeit zu helfen. Denn, falls du es letzte Nacht in deinem gemütlichen Bettchen und bei all der Gastfreundschaft vergessen haben solltest: Du bist dieses Mal an der Reihe und hast somit die Ehre, unseren hübschen Prinzen ins Jenseits zu befördern."

Oxana lächelte. Nach dem gestrigen Vorfall würde es ihr ein Vergnügen sein, ihrer Pflicht nachzukommen. "Und was soll ich zu ihnen sagen, wenn ich mich von ihnen trenne? Dass ich etwas vergessen habe und noch einmal zurück muss? Oder dass ich es mir anders überlegt habe und der Düsterwald mir so gut gefällt, dass ich noch ein wenig Urlaub darin machen will?" Demonstrativ sah sie in jene Richtung, wo die Bäume dichter aneinander wuchsen und die Dunkelheit dazwischen ihnen finster entgegenklaffte wie das aufgerissene Maul eines Untiers, das sie zu verschlingen drohte.

Rawen zuckte mit den Schultern und fuchtelte unwirsch mit einer Hand durch die Luft. "Du bist ein helles Köpfchen. Lass dir was einfallen. Verschwinde, wenn keiner hinsieht oder denk dir eine Ausrede aus. Du hast dich in diese Situation gebracht, also sieh zu, wie du wieder rauskommst."

Oxana erwiderte ihre unwirsche Antwort mit einem eingeschnappten Gesichtsausdruck und schwieg. Rawen, sich nachdenklich am Kinn reibend, hob ihren Blick und starrte in die rauschenden Blätter der Eiche über ihnen.

Oxana hätte viel dafür gegeben zu erfahren, was gerade im Kopf der Elbe vorging.

"Was sitzt du noch hier?", fuhr Rawen sie unvermittelt scharf an, "pack deine Sachen und reite mit ihnen zum Anduin hinunter. Wir werden dir folgen oder hier auf dich warten. Aber du kannst dich darauf verlassen, dass wir euch im Auge behalten."

Oxana nickte, die Lippen fest zusammengekniffen und schwang sich schließlich geschickt vom Baum. Rawens Worte klangen in ihrem Kopf nach, als sie zum Palast zurückwanderte. Hatte die Elbe ihr soeben gedroht?

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"Ich kann nicht mehr. Ich kann keinen Menschen mehr töten."

Ein Jahr war es her, seit Silaid, Rawen und sie sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen hatten.

Zuvor waren sie alle drei ihre eigenen Wege gegangen: Silaid als Teil einer Gruppe von Orks, die mordend und plündernd die Länder rund um Mordor unsicher gemacht hatten. Rawen als schweigsame Kriegerin, die sich hin und wieder in die Dienste verschiedener wohlhabender Grundbesitzer und Könige gestellt hatte. Und Oxana, die nach dem Tod ihrer Familie und einer Reihe von Enttäuschungen rastlos umhergezogen war, auf der Suche nach etwas, von dem sie nicht wusste, was es genau war. Vielleicht ja nach ihrem Tod. Vielleicht hätte sie an jenem Tag sterben sollen, an dem sie die Waldläufer halb erfroren und zu Tode erschöpft in einer Höhle des Eres Nimraid gefunden hatten. Vielleicht hatte das Schicksal diesen Tag als ihren letzten vorgesehen gehabt.

Sie hatte ihn gesehen, den Tod.

Er war dunkel, faszinierend und seine bloße Anwesenheit lähmte. Sie hatte seinen eiskalten, lähmenden Atem in ihrem Nacken gespürt und gefühlt, wie er seine Klauen nach ihr ausgestreckt hatte, nach ihr, einer ruhelosen Seele, die keinen Sinn in ihrer Existenz mehr sah.

Aber etwas in ihr hatte dem Tod getrotzt. Und doch war sie ihm nicht entkommen. Er hatte sie durch die Augen des ersten Opfers angegrinst und sich zufrieden die Hände gerieben und er war in jedem der zahllosen, verzerrten Gesichter der anderen gewesen, die der ersten Beute in den Abgrund gefolgt waren. Sie war zu einer seiner treusten Dienerinnen geworden. Mit jedem Leben, das sie gewaltsam beendet hatte, war sie ihrem eigenen Ende ein Stücken näher gerückt. Und nun war es da. Ihr Verstand konnte die Last, die sie sich selbst aufgebürdet hatte, nicht mehr länger tragen. Etwas in ihr war zerbrochen, ein Damm war gebrochen, den sie vor langer Zeit mühsam aufgebaut hatte.

"Ich kann nicht mehr!"

"Ach Unsinn Mädchen, du kannst es und du wirst es!"

Sie weinte nicht, das hatte sie schon längst verlernt. Sie hätte alles dafür getan, auch nur eine einzige Träne vergießen zu können. Aber ihre Augen blieben trocken wie der staubige Acker, auf dem sie soeben wie ein nasser Sack in sich zusammengesunken war.

In der Dunkelheit hinter ihnen kläfften die Hunde. Sie waren noch weit entfernt, doch sie hatten eindeutig ihre Spur aufgenommen und würden in wenigen Minuten das brach liegende Feld erreicht haben. Und ihre Herren, ein Trupp von bewaffneten Wachen, mit ihnen.

"Steh auf du dumme Kuh!", grunzte Silaid ungeduldig. Oxana konnte ihn nicht sehen, obgleich der Halbork nur wenige Schritte vor ihr stand. Die Dunkelheit dieser Nacht war zu absolut, nicht ein einziger Stern funkelte am mondlos schwarzen Himmel.

Sie schüttelte ihren Kopf, barg ihn in den Händen, hörte sich selbst stoßweise atmen und fühlte ihren Herzschlag, schnell und hart wie Hufschlag gegen ihre Schläfen schlagen. Sie war müde und erschöpft, körperlich und seelisch. Es war, als hätte ihr jemand die Luft rausgelassen.

Rawen packte sie am Oberarm, riss sie brutal in die Höhe und brüllte ihr ins Gesicht. Oxana hörte ihre Stimme, verstand ihre Worte aber nicht. Dumpf starrte sie in das schmale Gesicht und merkte, dass das zornige Funkeln in den Augen der Elbe nicht die geringste Reaktion bei ihr auslöste. Eine tiefe Gleichgültigkeit begann von ihr Besitz zu ergreifen.

Rawen packte sie fester, grub ihre spitzen Fingernägel in ihren Arm, sodass sie schmerzhaft aufstöhnte. Und plötzlich schlug sie ihr ins Gesicht. Der Schmerz holte Oxana wieder in die Wirklichkeit zurück.

"LAUF ODER STIRB!" donnerte Rawen, zog sie auf die Beine und ein paar Schritte hinter sich her und versetzte ihr, als sie immer noch keine Anstalten machte, von selbst weiterzurennen, einen brutalen Stoß in den Rücken, der sie stolpern und erneut hinfallen ließ.

"Lass sie! Sie ist zu schwach. Ich habe es dir ja gesagt", knurrte Silaid und lief weiter.

Rawen blickte noch eine Sekunde auf sie nieder. Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Dann ballte sie kurz ihre Hände zu Fäusten, drehte sich um und folgte dem Halbork.

Oxana richtete sich zitternd auf. Es war nicht ihr Wille, der ihr befahl, dies zu tun. Es war etwas anderes. Etwas in ihr hing so sehr am Leben, dass es wehtat.

Wie von einer fremden Macht gesteuert setzte sie sich langsam in Bewegung.

Als die Hunde den Ort erreichten, an dem Oxana gefallen war, hatte diese ihre Kollegen beinahe eingeholt.

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Keiner von ihnen wechselte später auch nur ein Wort über den Vorfall in jenerNacht.

Sie war ein Mensch, schwach und gebrechlich in den Augen der beiden anderen, die ihr das Geschehene zwar lange nicht verzeihen, aber es sich somit immerhin erklären konnten.

In weiterer Folge wurde beschlossen, dass die Aufträge immer abwechselnd vergeben werden sollten, vielleicht um einem weiteren dieser Fehltritte vorzubeugen. Noch Wochen später bedachten der Halbork und die Elbe Oxana mit Blicken, die diese in ihrem Entschluss stärkten, noch mehr und noch härter an sich zu arbeiten.

Auf eine verdrehte, verrückte Weise waren die beiden im letzten Jahr zu ihrer Familie geworden, oder zumindest gaben sie aufeinander Acht, wie eine Familie es getan hätte. Rawen hatte ihr mehr als nur einmal das Leben gerettet und war zu ihrer Lehrmeisterin, Ratgeberin und zugleich stärksten Konkurrentin geworden. Und Silaid ... na ja, auch er hatte ein Herz, auch wenn es schwarz wie die Nacht und höchstwahrscheinlich verfault war.

Sie hatte schon einmal eine Familie verloren. Sie würde nicht zulassen, dass dies durch ihre Unfähigkeit und Schwäche noch einmal passierte.

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Unschlüssig drehte Oxana sich um und starrte, während sie darüber nachdachte, ob sie weitergehen oder doch besser umkehren sollte, die breiten Steinstufen hinauf, die sie in den schmalen, spärlich beleuchteten Gang geführt hatten.

In den Hallen des Feuers war sie auf einen äußerst beschäftigten Sarnir gestoßen, dem sie ihre Entscheidung, sich der Gruppe anzuschließen, mitgeteilt hatte. Er hatte ihr nur kurz lächelnd zugenickt und sich wieder den letzten Reisevorbereitungen gewidmet.

Oxana wiederum war im Bewusstsein, fehl am Platz zu sein, aus den Hallen getrottet und hatte die Tür entdeckt. Eine Welle abgestandener, nach feuchtem Stroh und Schimmel stinkender Luft schlug ihr entgegen, als sie sie öffnete und ließ sie angeekelt die Nase rümpfen. Die aus groben Steinklötzen erbauten Wände des Ganges dahinter schimmerten vor Nässe und im orangen Schein der wenigen Fackeln erkannte sie große, weißgraue Schimmelflecken und farblose Pilze, deren Sporen sich in Ritzen verankert hatten.

"Nett", murmelte Oxana, machte ein paar Schritte in den Gang hinein und strich mit einem Finger über einen Mauerstein. Dabei scheuchte sie ein paar Tausendfüßler auf, die sich darin verborgen hatten. Und sie hatte geglaubt, Elben achteten auf Sauberkeit! Welche schmutzigen Geheimnisse mochten sich wohl am Ende dieses Ganges verstecken? Sie hatte ja bereits geahnt, dass dies aufgesetzte Fröhlichkeit und Gastfreundschaft nichts weiter als Fassade waren!

"Hallo!?"

Der Gang nahm ihre Worte in sich auf und warf sie ihr ein halbes Dutzend Mal zurück, bevor endlich wieder Stille eintrat. Zögernd machte die Blutjägerin einige Schritte nach vor, nahm eine der wenigen schwächlich brennenden Fackeln von der Wand und ging mit klopfendem Herzen weiter.

Sie hatte gute Nerven, aber dieser Gang war ihr alles andere als geheuer. Es war kaum zu glauben, dass sie sich direkt unter den warmen, einladenden Hallen des Feuers aufhalten sollte. Endlich kam sie zu einer Abzweigung. Dieselbe Neugier, die sie dazu veranlasst hatte, durch die verborgene Tür die Stufen hinunter zu gehen, trieb sie nun um die Ecke in einen weiteren Gang hinein, der dem vorherigen zum Verwechseln ähnlich sah. Der Gestank war hier war deutlich intensiver, aber nun mischte sich ein Geruch dazu, der sie überrascht innehalten ließ. Sie legte den Kopf schräg, fokussierte all ihre Sinne und atmete ihn tief ein. Es war der Geruch eines Ortes, den ihresgleichen kaum weniger fürchteten als den Tod selbst, und in dem sie selbst einst eine furchtbare Zeit zugebracht hatte.

Ein Kerker.

Hier unten befanden sich also die Verließe. Ihre Hand klammerte sich fester um die Fackel und böse Erinnerungen an vergangene Zeiten drängten sich dumpf in ihr Bewusstsein, ohne jedoch konkrete Formen anzunehmen.

Peitschenknallen.

Die Schreie der Gefangenen.

Das bösartige Lachen der Wärter, das hohl durch die Gänge hallte.

Ihre Hand begann heftig zu zittern, die Fackel fiel zu Boden, rollte ein Stück fort und ging aus. Hör auf. Es ist Vergangenheit. Vergiss es wieder.

"Oxana?"

Sie zuckte zusammen wie unter einem Peitschenhieb. Reiß dich zusammen, was bist du, ein ängstliches Kind oder eine kampferprobte Söldnerin?

Sie drehte sich um und lächelte, als sie Leriel erblickte.

"Ach du meine Güte. Du hast mich ordentlich erschreckt!"

Der Elb legte den Kopf schräg und grinste. "Du bist weiß wie eine Wand. Ich wusste gar nicht, dass ich so furchteinflößend sein kann!" Sie lächelte etwas breiter, als der Elb näher an sie herantrat. Seine Jägerkluft hatte er gegen eine schwarze Wärterkluft, seine leichten Lederschuhe gegen robuste Kniestiefel eingetauscht. Bloß der schmale Ledergürtel um seine Hüften, an denen ein faustgroßer, klirrender Schlüsselring und ein Dolch befestigt waren, hob sich mit seiner silbernen Schnalle von seiner dunklen Erscheinung ab.

In der Hand trug er einen leichten Speer, der eher wie ein Accessoire als eine Waffe wirkte und vermutlich zur Wärterkluft dazugehörte. Auch wenn sie wusste, dass von dem blonden Elben keine Gefahr ausging, spürte Oxana, wie ihr Puls sich beschleunigt.

"Ist dir nicht gut?", fragte ihr Gegenüber besorgt und legte eine Hand auf ihre Schulter.

Oxana zuckte wie unter Peitschenhieben zusammen und schüttelte hastig den Kopf, während sie automatisch ein Stück zurückwich.

"Was tust du eigentlich hier unten?"

In gespielter Verwirrung sah sie sich um und behauptete: "Oh, ich war wohl im Gedanken versunken und habe nicht darauf geachtet, wohin ich meine Füße setzte. Eigentlich wollte ich ja noch zu Lyria in die Küche..."

Mit einem möglichst naiven Lächeln versuchte sie von ihrer dünnen Lüge abzulenken. Natürlich. Er war so wenig von ihrer Geschichte überzeugt wie sie selbst, soviel war ihm deutlich anzumerken, auch wenn er keine Miene verzog. „Ich sollte jetzt besser nach oben gehen, hier unten ist es ganz schön kalt!" Sie zog scheinbar fröstelnd die Schultern hoch, verabschiedete sich hastig und verließ den Gang fluchtartig.

Sie hastete nach draußen, dieses Mal tatsächlich in die Richtung der Küche, machte aber nach einigen Schritten Halt und lehnte sich erleichtert ausatmend gegen eine Wand.

Was hatte Rawen damals gesagt? "Solche Dinge vergisst man, oder sie bringen einen früher oder später um."

Etwas Furchtbares lungerte in ihrem Kopf, Erinnerungen, die sich immer wieder an die Oberfläche zu drängen versuchten wie ein Ertrinkender, hartnäckig, unwillig, sich ihrer Vernunft zu beugen. Sie musste weiter gegen diese Bilder ankämpfen, denn Rawen hatte Recht gehabt- sie würden sie sonst zerstören.