Von dem Collier und den Blutjägern

Sie hätte sich durchaus damit abfinden können, ein paar Tage in Gefolgschaft von Elben unterwegs zu sein, auch wenn ihr bereits der Kiefer schmerzte, da sie ständig auf Leute traf, deren sanftes Lächeln es zu entgegnen galt.

Auch mit der Tatsache, dass Legolas einer dieser Elben war, hätte sie sich arrangieren können. Aber sie hatte vollkommen darauf vergessen, dass der Prinz offenbar nur in Kombination mit einer weiteren Person anzutreffen war, auf die sie gerne hätte verzichten können.

Oxana hatte soeben, bepackt mit frischen Vorräten, die Zugbrücke erreicht an der sich bereits eine kleine Gruppe eingefunden hatte, als eine vertraute, hohe Stimme sie kurz innehalten ließ. Einer der beiden Männer, der ihr die Sicht versperrt hatte, trat im gleichen Moment ein Stück beiseite und gab den Blick auf eine gewisse, ungeliebte Elbe frei. Nîthiel. Oxanas Stimmung kühlte um einige Grad ab. Nicht dieses verruchte Elbenweib! Lieber hätte sie sich Karafka und seiner Bande angeschlossen als mit dieser Furie auf Reisen zu gehen!

"Ah, Mädchen, da bist du ja endlich!"

Mädchen?! Oxana schnappte nach Luft wie ein Fisch, den man ins Trockene geworfen hatte und schaffte es im letzten Moment, eine giftige Antwort hinunterzuschlucken.

"Seid gegrüßt, Nîthiel". Sie versuchte nicht einmal, ein freundliches Gesicht zu machen und neigte den Kopf, erstarrte aber mitten in der Bewegung. Irgendetwas in ihr kämpfte mit aller Machte dagegen an, die angefangene Verbeugung fertig auszuführen. Steif richtete sie sich wieder auf.

Nîthiel verzog missbilligend das Gesicht, während sie weiter an ihrem Sattel herumjustierte. "Frau Nîthiel für dich. Es wäre mir lieber, wenn du mich so nennst. Nur für den Fall, dass du es wieder einmal vergessen solltest."

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Oxana nicht gewusst, dass Finger buchstäblich vor Wut jucken konnten. Ihre Mundwinkel begannen zu zucken und sie ballte ihre Hände zu Fäusten.

"Ihr reist ebenfalls nach Edoras?", fragte sie, erschrocken über den unnatürlichen Tonfall ihrer eigenen Stimme.

Nîthiel nickte. "Sonst wäre ich wohl kaum hier. Hast du Sarnir gesehen? Ich frage mich wo die beiden bleiben!"

Die Elbe streckte ihren schlanken Hals in alle Richtungen und ordnete dann sorgfältig ihr Haar, das fest zu einem Zopf gebunden war, der ihr bis an die Taille reichte und an dem es eigentlich gar nichts zu ordnen gab, denn er saß perfekt. Genauso wie das einfache, blassgrüne Reisekleid, das sie dieses Mal anhatte, perfekt zu dem schwarzen Gürtel und dem silbernen Dolch daran passte.

Oxana zweifelte, dass die zarte Frau mit der Waffe umzugehen wusste.

Wahrscheinlich konnten ihre dünnen Finger das Ding nicht einmal heben. Vermutlich diente der fein verarbeitete Dolch demselben Zweck wie ihr dunkler Lidschatten, die blutrote Farbe auf ihren Lippen und die mit einem wertvollen grünen Edelstein besetzte Silberkette um ihren Hals: Der übertriebenen Zurschaustellung ihres Reichtums und ihrer Schönheit.

"Oh, da sind sie ja!", riss Nîthiel sie aus ihren düsteren Gedanken. Oxana drehte sich zu den beiden Männern um, die, drei stattliche Tiere an den Zügeln führend, die Zugbrücke überquerten.

Legolas winkte den beiden Frauen mit strahlendem Gesicht zu.

"Hallo Oxana", begrüßte er sie mit einem äußerst neutralen Ausdruck in seinen ebenmäßigem Gesicht.

"Guten Tag, Prinz."

Wortlos ging er an ihr vorüber.

"Alae galwen nîn![Hallo, meine Schöne!]", begrüßte er Nîthiel, ließ den Zügel seines schwarzen Pferdes los und presste seiner Verlobten einen Kuss auf die Wange. Selbst unter all der Schminke konnte man sehen, wie die Elbe leicht errötete. Oxana verdrehte die Augen.

Die Bewegung, mit der sie den Kopf beiseite drehte und sich aus der Umarmung des Prinzen zu befreien versuchte, erschien Oxana einfach ZU offensichtlich peinlich berührt, um echt zu sein. Die Blutjägerin runzelte vielsagend die Stirn, fragte sich, welche Pläne und Absichten hinter dem steifen Lächeln steckten, das Nîthiel dabei in ihre Richtung warf und wandte sich an Sarnir, der ihre Waffen mit sich trug.

"Nun, darf ich sie jetzt endlich zurückhaben?"

Sarnir grinste, reichte ihr nacheinander Dolch, Armbrust und den Gürtel mit den Bolzen und sah ihr dabei zu, wie sie sich die Waffen hastig um den Körper schlang. Es war, als hätte ein Teil von ihr gefehlt und ein wohliges, sicheres Gefühl breitete sich in ihr aus, als sie Armbrust und Dolch wieder an ihren Hüften zu spürte.

"Ich sehe, du kennst dich mit Waffen aus. Wer hat dir das Kämpfen beigebracht?", bemerkte Sarnir.

"Ra...". Oxana biss sich auf die Zunge und vermied es, ins Gesicht des Elben zu sehen. "Mein Vater und mein Bruder Rion haben es mich gelehrt", beendete sie hastig den Satz. Was ja auch nicht gelogen war. Ihr Vater war als Waffenmeister an Thengels Hof stets der Meinung gewesen, dass seine beiden Kinder, Sohn wie Tochter, wenigstens eine Kampfsportart, sei es Fechten oder Bogenschießen, sowie die Kunst, sich auf einen wankenden Pferderücken zu halten, beherrschen sollten.

Rion war ein ausgezeichneter Schütze geworden und die kleine Oxana hatte vor lauter Eifersucht aufgehört, auf runde Zielscheiben zu feuern und sich auf die beiden anderen Disziplinen beschränkt. Erst durch Rawen hatte sie ihr Talent als Schützin wiederentdeckt.

Als sie endlich aufsah, hatte sich Sarnir einem der Pferde zugewandt. Es war ein grau- weiß gefleckter Hengst mit nebelgrauer Mähne und aufmerksamen, dunkelgrauen Augen.

"Er erinnert mich an jemanden", meinte Oxana spontan und musste grinsen. Sachte strich sie über den schlanken Hals des Tieres. Es schien bereits einige Jahre auf dem Buckel zu haben, hatte sich allerdings äußerst gut gehalten- vielleicht hatten ihn die Jahre eher noch besser gemacht.

Noch eine Eigenschaft, die sie an jemanden erinnerte...

"Gut, denn er gehört ab jetzt dir. Wenigstens bis wir den Anduin erreicht haben", verkündete Sarnir fröhlich und reichte ihr feierlich die Zügel, "er heißt Dollaur -Morgendämmerung-, aber du kannst ihn nennen wie du willst. Ob er darauf hören wird, ist eine andere Frage. Er ist nämlich ein wenig stur".

Oh, das Tier wurde ihr immer sympathischer.

"Na, wie willst du heißen?", flüsterte sie sanft in das Ohr des Hengstes und ließ ihn an ihrer Handfläche schnuppern, "wie gefällt dir Thorongil?" Das Pferd schnaubte, zuckte nervös mit den Ohren und drehte den Kopf beiseite. "Na gut, dann eben Dollaur. Aber ich sage dir, wenn du Thorongil kennen würdest, würdest du stolz darauf sein, seinen Namen tragen zu dürfen", brummte Oxana eingeschnappt, umfasste den Sattelknauf und schwang sich elegant auf den Sattel.

Reiten war etwas von den wenigen Dingen gewesen, die sie schon von Kindesbeinen an hervorragend beherrscht hatte.

"Nun, da unser menschlicher Gast sein Gespräch mit seinem Reittier beendet hat, können wir wohl aufbrechen!", lachte Sarnir, denn alle anderen waren bereits aufgesessen und warteten nur noch auf sie. Oxana grinste schief und befestigte ihren Rucksack am Sattelknauf.

Dann nahm sie die Zügel und ließ Dollaur antraben. "Worauf warten wir noch?"

Sie ritten etwa zwei Stunden südwärts bis sie einen breiten, verwachsenen Weg erreichten. Dies war die alte Waldstraße, die sich von Westen her quer durch den riesigen Düsterwald zog. Sarnir behauptete, in den letzten Jahren wäre die Waldstraße zu dem einzigen halbwegs sicheren Weg durch den Wald geworden.

Gemeinsam mit dem dunkelhaarigen Elben bildete Oxana das Schlusslicht der sechsköpfigen Gruppe. Legolas und Nîthiel ritten nebeneinander in der Mitte und die beiden Elbenkrieger bildeten den Kopf der Abordnung.

"Wer ist diese Nîthiel eigentlich? Woher kommt sie? Wie haben die beiden sich kennengelernt?", fragte Oxana einmal, als sie sicher war, dass das Paar vor ihnen sie nicht hören konnten. Bei diesem Volk konnte man nie genug Acht geben.

Sarnir lenkte sein Pferd näher an ihres und antwortete in ebenso leisem Tonfall: "Sie stammt aus Lórien und wurde dort von ihren Eltern, die mit Galadriel und Celeborn befreundet sind, erzogen und unterrichtet. Die beiden haben sich bereits vor langer Zeit…vielleicht dreihundert Jahren…in Lórien kennengelernt, doch erst vor fünf Monaten haben sie beschlossen zu heiraten."

Nun, dreihundert Jahre Bedenkzeit mussten wohl gerade ausreichen für so eine Entscheidung.

"Verzeih meine Ausdrucksweise, aber der Prinz hat einen reichlich...seltsamen Geschmack, was Frauen anbelangt". Sie rümpfte die Nase, um ihre Worte zu unterstreichen.

"Warum? Nîthiel hat wohl alles, was ein Elb als schön und edel bezeichnen würde", murmelte Sarnir und sah zu Nîthiel hin, die gerade über irgendetwas lachte und dabei ihr Haar theatralisch in den Nacken warf, obgleich es nach wie vor zu einem Festen Zopf gebunden war. Eine Geste, die ihr an der Elbe bereits ins Auge gestochen war, und die ihr aus unerklärlichen Gründen langsam auf die Nerven zu gehen begann.

Oxana sah ihren Begleiter forschend von der Seite an. „Und wie würde Ihr sie bezeichnen?"

Sarnirs Mundwinkel zuckten sachte, bevor er antwortete: „Sie ist schön."

Ein helles Lachen ertönte vor ihnen. Legolas musst gerade etwas umwerfend Komisches gesagt haben, der Reaktion der Elbe nach zu urteilen. Ihre Stimme war so hoch, dass Oxana kalte Schauer über den Rücken jagten.

"Ich spreche nicht von ihrem Äußeren. Natürlich ist sie schön. Ich habe noch keinen Elben gesehen, der nicht schön wäre. Doch seht sie Euch doch bloß einmal genauer an! Alles an ihr wirkt so...aufgesetzt. Dieses Lachen! Diese Aufmachung! Dieses Halsband! Was soll das? Wir gehen auf eine Reise und sie schlingt sich einen solchen Klunker um den Hals, als ob wir auf ein Bankett gehen würden!" Oxana schnaubte abfällig, anstatt weiter fortzufahren. Sie musste sich zusammenreißen, doch die Anwesenheit der Elbe machte sie stets noch kampflustiger, als sie ohnehin schon war.

"Dieser Klunker war ein Verlobungsgeschenk des Prinzen", konterte Sarnir ernst, "und ich verstehe nicht was du gegen sie hast. Du kennst sie ja erst seit Kurzem."

Oxana biss sich auf die Unterlippe. Was hätte sie auch sagen sollen? Sarnir hatte im Grunde nicht Unrecht. Trotzdem. Ihre Instinkte sagten ihr, dass diese Elbe nicht war, was sie vorgab zu sein. Aber was regte sie sich auf? Nîthiel sollte ihr ja eher Leid tun. Schließlich schien die Elbe nicht zu ahnen, dass der Prinz sie hinterging.

Oxanas Blick wanderte zum Himmel hinauf, der seit Tagen zum ersten Mal wieder strahlend blau und vollkommen. wolkenlos war.

Die wenigen Sonnenstrahlen, die ihren Weg durch die dichten Kronen der Eichen und Buchen hindurch fanden, wärmten ihre Häupter und ihre Gemüter. Wie schon oft in den vergangenen Stunden lauschte Oxana in den dichten Wald hinein und harrte vergebens auf die kurzen Pfiffe, mit denen Silaid, Rawen und sie sich zu verständigen pflegten. Sie hätte sich um vieles sicherer gefühlt, hätte sie um die Anwesenheit der beiden gewusst.

Enttäuscht lenkte die junge Blutjägerin ihren Blick auf den graubemäntelten Rücken des Prinzen, der ein Stück vor ihr auf seinem schwarzen Hengst ritt, sich fröhlich mit Nîthiel unterhaltend.

Die Armbrust an ihrer Seite kam ihr wieder ins Bewusstsein. Eine schnelle, fließende Bewegung, ein Schuss, und es wäre getan. Sie stellte sich vor, wie er getroffen vom Pferd fiel, die anderen Elben in Panik ausbrachen und Nîthiel einen ihrer gefürchteten glaszersprengenden Schreie ausstieß, während sie auf Dollaurs grauem Rücken in die Wälder sprengte.

Dies wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, und sie hätte ihn genutzt, aber weder Rawen noch Silaid waren in der Nähe, um ihr Schützenhilfe zu leisten, oder wenigstens sandten sie ihr kein Zeichen ihrer Anwesenheit. Ohne die beiden konnte sie eine solche Aktion vergessen- sie würde einem Selbstmord gleichkommen. Enttäuscht seufzend lehnte sie sich in ihrem Sattel zurück.

"Du bist ja eine richtige Frohnatur, Mädchen", lachte eine Stimme zu ihrer Rechten. Oxana hätte um ein Haar laut aufgeschrien. Es war der Prinz. Er und Sarnir hatten offenbar Plätze gewechselt, ohne dass sie es in ihrem düsteren Grübeln bemerkt hätte.

„Es ist ganz schön anstrengend, ständig gut gelaunt zu sein", erwiderte sie spitz. Legolas grinste bloß, sichtlich amüsiert über ihre schnippische Art.

"Dafür, dass du in meinem Palast schlafen durftest, bist du recht undankbar", setzte er nüchtern hinzu.

"EUER Palast? Soweit ich mich erinnere nennt man ihn immer noch Thranduils Palast", entgegnete Oxana verärgert, "aber Ihr und Eure Freundin dort vorne haltet euch offensichtlich bereits für die Herren des Hauses, wie ich am eigenen Leibe erfahren durfte."

Legolas' Lächeln verschwand zwar nicht, doch es wirkte plötzlich nur noch halb so herzlich wie noch eben. "Sie ist meine Verlobte. Du solltest besser auf deinen Ton achten, Mädchen. Du befindest dich hier in unserem Reich, und du bist Gast darin. Und irgendwann werden Nîthiel und ich tatsächlich die Herrscher des Düsterwaldes sein."

Oxana zog verdutzt die Augenbrauen hoch. „Ist das etwa eine Drohung, eure Hoheit?"

Nicht, dass er nicht Recht hatte. Fast alles von dem, was sie bisher von sich gegeben hatte, war eine Provokation gewesen. Doch sie konnte nicht anders. Die Gegenwart dieses Paares stachelte etwas in ihr dazu an, es an die Spitze zu treiben.

„Keine Drohung, Mädchen. Eine Warnung. Nicht alle Elben sind so nachsichtig wie ich es bin."

Vielleicht war es ja die Tatsache, dass Nîthiel und Legolas sie ständig als MÄDCHEN bezeichnete, die Oxana so zornig machte. Es mochte schon sein, dass sie, in Elbenjahren gerechnet, noch ein Kind- oder vielmehr ein Säugling- war. Aber selbst ein Blinder konnte erkennen, dass sie eine ausgewachsene Frau war, auch wenn ihr Verhalten nicht immer zu ihrem Erscheinungsbild passen mochte. Es blieb nur eine Erklärung übrig: die beiden wollten hervorheben, wie unterlegen sie Ihresgleichen als Sterbliche war. Schon der Gedanke dran brachte Oxana erneut zur Weißglut.

"Ich danke euch für eure Sorge", presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, „es war mir wohl nicht ganz bewusst, dass Nîthiel und Ihr tatsächlich liiert seid. Aus irgendeinem Grund ist es mir wohl schwer gefallen, das zu glauben."

Ohne eine Reaktion des Prinzen abzuwarten, schnalzte sie mit der Zunge und trieb ihr Pferd nach vor, um wieder neben Sarnir herzureiten. Ihre eisblauen Augen blitzten triumphierend. Sie würde sich auf keinen Fall von einem Elben, ganz gleich wie hochgeboren er auch sein mochte, die Mund verbieten lassen. Ein schadenfrohes Lächeln machte sich in ihrem Gesicht breit, und interessanterweise fiel es ihr dieses Mal ganz leicht.

Die Bäume begannen sich zusehends zu lichten, wichen niedrigeren Sträuchern und Farnen und mit jedem Schritt ließ die Gruppe etwas von der beklemmenden, stets anwesenden Düsternis des Waldes hinter sich und näherten sich seinem Rand.

Sarnir und Oxana hatten ein Gespräch über die Zubereitung von braunen Pfefferschwämmen, von denen sie zuvor einige gesehen hatten, aufgenommen und berichteten einander von ihren mehr oder weniger angenehmen Erfahrungen mit unbekannten und ungenießbaren Pilzen, als der Elb plötzlich mitten im Wort verstummte. Mit einem angedeuteten Kopfnicken gab er auch ihr zu verstehen, dass sie schweigen sollte.

Oxana lauschte, hörte aber nichts. Auch die vier anderen Mitglieder der Gruppe hatten aufgehört zu sprechen und ihre Pferde trabten ein wenig langsamer als zuvor vor sich her.

Ein einzelner, hoher Pfiff zerriss plötzlich die angespannte Stille.

Oxana spähte mit einer Mischung aus Überraschung und Freude in die Richtung, aus der er gekommen war. Sie kannte dieses Zeichen. Rawen und Sarnir waren also doch noch gekommen, um die Sache gleich hier und jetzt zu erledigen!

Ihre Freude wandelte sich in Verwirrung, als aus einer anderen Richtung ein zweiter und schließlich dritter Pfiff ertönte, und ihr wurde schlagartig klar, dass irgendetwas hier ganz und gar nicht stimmte.

Sarnir, die beiden blondhaarigen Krieger und Legolas ergriffen blitzschnell ihre Bögen, legten Pfeile auf und bildeten augenblicklich einen Kreis um Nîthiel und sie.

"Was…?"

Oxanas Frage ging in einem ohrenbetäubenden Schreien und Brüllen unter, unter dem unzählige dunkle Gestalten auf einen Schlag aus dem Gebüsch rings um sie hervorbrachen. Surrende Pfeile zerrissen zischend die Luft, Pfeile mit dunklem Gefieder wie jene der Orks. Aber ihre Angreifer waren weder Orks noch andere Kreaturen Saurons. Es waren Menschen mit teilweise verhüllten, bemalten oder gänzlich tätowierten Gesichtern.

Oxana blieb keine Zeit darüber nachzudenken, was es mit diesem Hinterhalt auf sich hatte, geschweige denn, wer ihn ausführte, denn die Fremden hatten sie innerhalb kürzester Zeit umringt und drangen mit ihrenWaffen erbarmungslos auf die kleine Gruppe ein. Die Angreifer waren ihnen zahlenmäßig weit überlegen und überrumpelten sie völlig.

Einer der beiden ihr unbekannten Elben fiel aus dem Sattel und blieb reglos am Boden liegen. Sein Pferd bäumte sich auf und floh in den Wald. In all dem Chaos hatte der Elbenkrieger den Bogenschützen übersehen, der ihn aus einiger Entfernung anvisiert hatte. Sarnir sorge dafür, dass der Schütze seinem Opfer innerhalb von Sekunden in den Tod folgte.

"Sarnir! Beschütze Nîthiel!", brüllte Legolas ohne den Blick von seinen Feinden abzuwenden.

Er selbst hatte momentan nämlich keine Zeit, sich um seine Verlobte zu kümmern. Er hatte bereits drei oder vier Angreifer erschossen haben, der Ansturm auf ihn war dennoch ungebrochen.

Sarnir gehorchte, trieb sein Reittier nahe an Nîthiels Stute und fuhr damit fort, seine Pfeile scheinbar wahllos in die brüllende Menge zu feuern. Jeder seiner Pfeile traf sein Ziel jedoch mit tödlicher Präzision und keiner der Fremden kam auch nur in die Nähe von Nîthiels Pferd.

Oxana erkannte, dass die Situation sich mit dem Tod des Elbenkriegers verschärft hatte und beschloss, sich nicht länger auf den Schutz der drei verbliebenen Männer zu verlassen.

Sie nahm ihre Armbrust, spannte schnell einen Bolzen ein (dieses Mal vergaß sie nicht darauf, die Laschen zu öffnen, um an die Bolzen zu gelangen) und tötete damit einen glatzköpfigen Hünen, der sich unter dem Schwerthieb des blonden Kriegers vor ihr hindurchgeduckt und sie mit seiner Axt anvisiert hatte.

Dollaur wieherte unruhig, rollte nervös mit den Augen und scharrte im Laub, bewegte sich aber sonst nicht, wie man es von einem guttrainierten Schlachtross erwarten konnte.

Oxana zwang den Hengst mit einem brutalen Riss an den Zügeln herum, ritt einen Angreifer, der ihr in die Quere kam, achtlos über den Haufen und schoss, schlug und trat sich einen Weg zu Legolas frei. Ihren Angreifern war es gelungen, ihn aus dem kleinen Kreis, den sie gebildet hatten, hinauszutreiben und er hatte immer größere Mühe, ihnen Einhalt zu gebieten.

Die wenigen Schritte kosteten Oxana zwei weitere Bolzen. Es war vermutlich ein Fehler gewesen, sich von den anderen Elben zu entfernen, doch es war ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis jeder von ihnen sich alleine seiner Haut erwehren musste. Der Strom an Angreifern schien nicht abzubrechen. Zumindest verschaffte ihnen die Tatsache, dass sie zu Pferd waren, einen kleinen Vorteil gegen über ihren Gegnern.

Noch begnügten sie sich vorwiegend damit, Pfeile auf sie abzuschießen und andere Wurfgeschosse, darunter einige kurze Äxte, nach ihnen zu schleudern. Noch.

"Es sind zu viele!" rief sie dem Prinzen zu und trat einem Mann ins Gesicht, der versuchen wollte, sie vom Pferd zu zerren und erschoss gleich darauf einen weiteren, der ihm nachfolgte.

Legolas schien ihre Worte nicht verstanden zu haben und feuerte weiter wie besessen einen Pfeil nach dem anderen in die Menge. Doch selbst wenn er mit jedem seiner verbleibenden Pfeile zwei der Angreifer erledigt hätte, wären noch genügend übriggeblieben, um sie und die anderen weiter in Schach zu halten.

Nicht bloß Oxanas Armbrustbolzen, sondern auch die Anzahl von Legolas' Pfeilen neigten sich ihrem Ende zu und auch die Köcher Sarnirs und des anderen Elbenkriegers leerten sich zusehends.

"Eure Hoheit!", brüllte Oxana, dieses Mal aus voller Kehle. Ein krampfhafter Ausdruck lag in seinem Gesicht und entweder wollte oder konnte er nicht auf ihre Rufe reagieren. Oxana fluchte ungehalten und schoss einen weiteren Bolzen auf einen brüllend auf sie zustürmenden Schwertschwinger. Ihr Blick richtete sich nach Westen. War das Ende des Waldes gerade noch in fast greifbarer Nähe gewesen, so hätte es jetzt genauso gut am anderen Ende der Welt liegen können. Wenn es so weiterging, würden sie in die dichten Wälder entfliehen müssen.

Unvermittelt bäumte sich Legolas' schwarzer Hengst wiehernd auf und warf den Kopf in den Nacken. Der Prinz klammerte sich mit einer Hand an die Zügel, während er mit der andern den Bogen hoch hielt. Mühsam versuchte er, das panisch gewordene Tier zu bändigen, aber es war ein aussichtloser Kampf, denn im schlanken Hals des Wallachs stak ein armlanger Pfeil mit rotem Gefieder. Oxana erkannte das Geschoss sofort wieder.

Der Hengst hatte Todesangst und nichts hätte ihm in diesem Moment mehr Einhalt gebieten können. Der Prinz wurde abgeworfen, versuchte, seinen Fall so gut wie möglich abzufangen und rollte sich blitzschnell zur Seite, um nicht unter dem toten Pferd begraben zu werden. Doch trotz seiner erstaunlichen Schnelligkeit schaffte er es nicht ganz.

Sein rechtes Bein wurde unter dem massiven Oberkörper des Pferdes eingeklemmt, als dieses grauenhaft wiehernd auf dem Boden aufkam, und der Prinz brüllte vor Schmerz. Den Bogen loslassend versuchte er mit beiden Händen, sich irgendwie unter dem toten Pferdeleib hervorzuziehen. Oxana sah aus den Augenwinkeln, wie ein maskierter Angreifer seinen Kopf wandte, den am Boden Liegenden bemerkte und sein Schwert zog. Gleichzeitig entging ihr ein weiterer Mann nicht, der von der anderen Seite brüllend auf Oxana zugerannt kam, eine mit rostigen Nägeln bestückte Holzkeule über dem Kopf schwingend.

Ihre Gedanken überschlugen sich, und ihre Hände bewegten sich plötzlich völlig ohne ihr Zutun. Sie spannte einen Bolzen ein, legte an und...tötete damit den Maskierten. Ihr blieb nur ein Bruchteil einer Sekunde, sich darüber zu wundern, was sie gerade getan hatte, denn mit ihrer anderen Hand hatte sie bereits ihren Dolch gezogen und damit den Hals des zweiten Angreifers anvisiert. Sie war keine Linkshänderin, aber trainiert genug, um sich diesen Wurf zuzutrauen. Und tatsächlich: Kurz bevor der Fremde sie erreichte, erstarrte er zur Salzsäule. Seine Hand tastete nach seinem Hals und sein Mund weitete sich zu einem tonlosen Schrei, als er den Griff des Dolches in seinem Hals zu fassen bekam.

Er fiel, doch sein Arm, mit dem er gerade ausgeholt hatte, führte seine Bewegung zu Ende. Er ließ die Keule los und Oxana reagierte zu spät. Sie brüllte vor Überraschung und Schmerz, als sich eine Reihe nadelspitzer Nägel tief in ihre rechte Wade bohrten.

Auch Dollaur war von der Keule gestreift worden, denn er bäumte sich auf und wieherte schmerzerfüllt. Ihre Waffe fallend lassend klammerte Oxana sich verzweifelt an seiner Mähne fest. Ein Mann, der Oxanas Verletzung bemerkt hatte und sein Glück an der geschwächten Kämpferin versuchen wollte, kam unter die wirbelnden Hufe des Pferdes und wurde am Kopf getroffen. Wie ein Stein fiel er rücklinks hin und blieb regungslos liegen.

"Dollaur! Sedhech! [Beruhige dich, Dollaur]", rief eine vertraute Stimme unvermittelt und tatsächlich blieb der Hengst augenblicklich ruhig stehen und ließ sich an den Zügeln nehmen. Wortlos und weitaus weniger elegant als sonst, was wohl von seinem Sturz herrührte, schwang Legolas sich vor Oxana in den Sattel, nahm einen ihrer Arme und legte ihn grob um seinen Oberkörper, damit sie sich festhalten konnte. Er hatte die Armbrust aufgehoben und drückte sie ihr in die Hand. Gleichzeitig rief er über die Köpfe der Kämpfenden hinweg Sarnir zu, dass er und Nîthiel sich zum Waldrand durchkämpfen sollten.

"Vorsicht!", krächzte Oxana, der zunehmend flau wurde durch die Verletzung. Sie spannte ächzend einen Bolzen in ihre Armbrust, merkte, dass sie zitterte und reichte sie deshalb an Legolas.

Der Prinz verstand sofort, ergriff die Waffe und nutzte sie an Stelle seines Bogens, der ohne Pfeile ohnehin nutzlos war, um ihnen einen Weg zum Waldrand zu bahnen.

Oxana reichte ihm mit zitternden Händen die verbliebenen Bolzen, während Legolas zielsicher einen Gegner nach dem anderen ausschaltete und tatsächlich schafften sie es so zum Wegrand hin. Sarnir und Nîthiel gelang dies kurz nach ihnen.

"Hortho lim Dollaur! HORTHO![Lauf schnell, Dollaur. LAUF!]", hörte sie Legolas sagen. Der Hengst sprengte los und lief so schell wie wohl noch nie zuvor in seinem langen Pferdeleben.

"Wer waren die?!"

Nîthiel stieg vom Pferd ab und strich sich wütend schnaubend den Schmutz aus den Kleidern. Sarnir war bereits abgestiegen und half Oxana gemeinsam mit Legolas dabei, vorsichtig aus dem Sattel zu rutschen. Sie musste sich beherrschen, um nicht vor Schmerz aufzuschreien und presste ihre Zähne so fest aufeinander, dass sie knirschten.

Legolas suchte zunächst gründlich die Umgebung nach möglichen Verfolgern ab, dann stieg er ebenfalls ab und schob, es Sarnir gleichtuend, einen Arm unter ihre Achsel, um sie besser stützen zu können. Nach wenigen Schritten, die den Schmerz in Oxanas Wade explodieren ließen und ihr Tränen in die Augen trieben, ließen die beiden sie an einem Baumstamm gelehnt im weichen Laub hinsetzen. Sie waren lange und tief in den Wald hineingeritten. Die Bäume hier standen so dicht, dass ein Weiterkommen zu Pferd fast unmöglich geworden war.

Sarnir kniete sich vor Oxana hin und zog ihr vorsichtig den zerrissenen Stiefel aus. Die scharfen Nägel hatten das weiche Leder mühelos durchdrungen und vollkommen zerfetzt. Eine beunruhigende Menge Blut floss aus ihrem Stiefel, als der Elb ihn zur Seite warf. Die dünne Hose, die sie unter ihrem Kleid trug, war ebenfalls blutgetränkt.

Oxana stöhnte leise und musste nun endlich schreien, als der nasse Stoff mit einem unsanften Ruck von der stark blutenden Wunde abgerissen wurde. Genauer gesagt waren es fünf einzelne Wunden, von denen drei sehr tief in das weiche Fleisch ihres Unterschenkels reichten. Sarnir sog scharf Luft ein, nahm seinen Mantel und riss zwei lange Stoffstreifen davon ab. "Ich brauche etwas Wasser". Legolas reichte ihm einen Wasserschlauch.

"Das ist meiner!", beschwerte sich Nîthiel, kam aber nicht näher. Ihr Gesicht hatte sich vor Ekel und Entsetzen verzogen.

Keiner nahm wirklich von ihr Notiz, bloß Sarnir und Oxana wechselten einen kurzen, vielsagenden Blick, bevor der Elb sich daran machte, das Blut von der Wunde abzuwaschen. Danach kramte er in seiner Satteltasche herum und kam mit einem kleinen Lederbeutel voller handflächengroßer, getrockneter Blätter zurück. Er nahm einige davon in den Mund, zerkaute sie und strich den grünen Brei auf ihre Haut. Dann erst legte er ihr einen festen Verband an.

"Das sind Palúrien*- Blätter. Sie heilen die Verletzungen aller erdgebundener Wesen und sollten verhindern, dass sich die Wunde infiziert. Hoffen wir, dass das fürs erste reicht."

"Ich kenne sie. Meine Mutter hatte immer welche davon auf Vorrat. Bloß leider wusste ich nicht, wo sie sie herhatte", murmelte Oxana und stöhnte vor Schmerz, als er die Paste auftrug, obwohl Sarnir die Wunden geschickt versorgte und darauf Acht gab, ihr nicht unnötig Schmerzen zu bereiten. Legolas reichte ihr seine Hand, und Oxana umfasste sie und grub ihre Finger mit voller Kraft in seinen Handrücken, bis der Schmerz abebbte.

"War deine Mutter Heilerin?"

Oxana nickte. „Ja. Sie arbeitete in Rohan, in den Häusern der Heilung".

"So, das dürfte fürs erste reichen", meinte Sarnir und richtete den Verband noch ein wenig, bevor er sich die blutigen Hände mit etwas Wasser abspülte und an seiner Tunika trockenrieb.

"Es tut mir Leid", meinte Legolas plötzlich und starrte beschämt auf den Baumstamm hinter ihr, „es tut mir Leid, dass ich nicht früher auf deine Rufe reagiert habe. Ich hätte die Lage besser einschätzen müssen. Ich habe geglaubt…." Er hielt kurz inne. „Ich kann einfach nicht glauben, dass dieses Pack uns hier, auf dem Gebiet meines Volkes, angegriffen hat. Der Düsterwald hat sich stark verändert, und ich muss mich wohl damit abfinden, selbst hier nicht mehr sicher zu sein."

Die junge Frau sah verwirrt zu ihm auf. Sein Gesicht war ungewohnt düster und eine tiefe Falte lag zwischen seinen Augenbrauen. Oxana spürte die Wut, die wie eine düstere Wolke um ihn lag und wunderte sich ein wenig, wie intensiv sein Zorn zu sein schien. Etwas unbeholfen tätschelte sie seine Hand, die sie gerade zuvor noch zur Schmerzkompensation missbrauchte hatte.

„Es ist halb so schlimm, sorgt euch nicht", presste sie mühsam hervor und zauberte ein schiefes Lächeln in ihr Gesicht. Ihre Blicke kreuzten sich und Oxana erstarrte, als ein heftiger, heißer Schauer ihren Körper erfasste. Ruckartig ließ sie Legolas' Hand los und auch der Elb richtete sich unvermittelt auf.

Das Gefühl war so schnell vorüber, wie es gekommen war und ließ sie in vollkommener Verwirrung zurück.

Was war das gewesen?

"Da ihr euch nun alle einander verziehen habt - darf ich vielleicht auch wieder etwas sagen?" Nîthiel hatte sich nun doch etwas an den Baum herangewagt und stand mit verschränkten Armen neben ihrem Verlobten. Angewidert sah sie auf den blutigen Stiefel im Laub hinab.

"Aber das darfst du doch immer, Liebste!", versicherte Legolas, wieder ganz der alte, freundliche, sanfte Elb.

Er umarmte sie sanft und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. Die Elbe blieb steif in seiner Umarmung, die Augen auf ein paar Blutspuren auf seiner Tunika gerichtet, dort, wo Oxana sich auf der Flucht an ihn geklammert hatte.

"Gut. Dann sag mir bitte, wer das eben war und woher sie wussten, dass wir kommen würden. Jemand muss ihnen jemand von unserer Reise erzählt haben, was allerdings unmöglich ist, weil die Sache ja geheim gehalten wurde."

Legolas nickte, zuckte dann aber mit den Schultern und tauschte Blicke mit Sarnir, doch auch dieser schien ratlos zu sein.

"Söldner", murmelte Oxana nach kurzem Zögern und wusste, dass sie sich damit auf dünnes Eis begab, "es waren Söldner."

"Söldner? Woher willst du das wissen?" Nîthiel musterte sie abschätzig.

Weil ich einige von ihnen bereits einmal gesehen habe. Außerdem weiß ich, wie Söldner ihre Angriffe organisieren. Und so ganz nebenbei waren zwei von ihnen meine Partner. Oder wenigstens habe ich bisher geglaubt, dass sie meine Partner sind.

Laut sagte sie: "Viele von ihnen trugen das Zeichen der Blutjäger. Man hat mir davon in Edoras berichtet. Es ist ein zerbrochener Kreis mit einem Schwert darin. "

Die beiden Elben überlegten kurz, dann nickten sie. Auch ihnen waren die ungewöhnlichen Tätowierungen einiger der Krieger nicht entgangen.

„Dann heißt das wohl, dass auf jemanden von uns ein Blutgeld ausgesetzt", murmelte Sarnir, „außer natürlich, sie haben die falsche Reisegruppe überfallen."

"Ich wusste doch, dass dieses Weib bloß Ärger bringt!", platzte es plötzlich aus Nîthiel heraus und sie wies anklagend auf Oxana, "ich bin mir ganz sicher, dass sie etwas mit dem Ganzen zu tun hat! Wer sagt uns, dass nicht sie die Verräterin ist?"

Sie trat einen Schritt näher an Oxana heran, die halb erschrocken, halb erzürnt zu ihr aufsah. Ein wenig erschrocken, weil die Elbe weit weniger begriffsstutzig war, als sie erwartet hatte. Aber vor allem erzürnt, einfach bloß, weil Nîthiel Nîthiel war und sie sich von dieser arroganten, langzotteligen Moorhexe eine solche Behandlung nicht bieten lassen wollte.

"Sicher, und damit es auch echt wirkt, lasse ich mir das Bein zerhacken und rette so ganz nebenbei noch das Leben des Prinzen", entgegnete sie kühl. In ihrem Inneren brodelte es jedoch schon wieder.

Nîthiel stemmte ihre Arme in die Hüften und maß sie verächtlich. "Ich lasse mich nicht weiter von einem einfältigen Menschenweib so behandeln. Ich weiß nicht was in deinem bescheidenen Verstand vorgeht aber ich denke es ist an der Zeit, dass jemand…"-

"Tampa, Nîthiel [Hör auf, Nîthiel]!"

Legolas Worte waren so scharf, dass nicht nur die Elbe heftig zusammenzuckte. Ungläubig starrte sie den Prinzen an. Dann drehte sie sich wortlos um und lief davon. Sarnir stand auf, sah ihr nach und richtete dann seinen Blick fragend auf den Prinzen. Dieser schüttelte bloß den Kopf und lächelte steif. "Uun. Gwanatha[Nein. es wird vergehen]"

Auch Oxana sah Nîthiel stirnrunzelnd hinterher. Sie war an den Pferden vorbeigerannt und hatte sich nicht allzu weit von ihnen hinter einen Baum gestellt, wohl um ihre Wut ungesehen verrauchen zu lassen.

"Sie ist so seltsam", murmelte sie kopfschüttelnd zu sich selbst.

"Was schlägt Ihr vor, wohin nun?", fragte Sarnir den Prinzen.

Dieser schnalzte unschlüssig mit der Zunge und schien scharf nachzudenken.

"Im Palast wären wir wohl in Sicherheit", schätzte er und drehte sich in die entsprechende Richtung, "andererseits kann es genau so gut sein, dass wir diesen Halsabschneidern geradewegs in die Hände laufen, wenn wir jetzt umkehren. Darum finde ich, wir sollten unsere Reise fortsetzen und zum Anduin hinunterreiten- mit einem kleinen Umweg durch Dol Guldur."

"Dol Guldur?", rief Sarnir entsetzt.

Oxana sah fragend zwischen den beiden Männern umher. "Sprecht ihr von dem zerstörten Stück Ödland am südlichen Waldende?"

Legoals nickte. "Es ist zwar noch nicht ganz, aber beinahe verlassen. Dol Guldur ist ein verfluchter Ort, und weder Elben noch Menschen setzen gerne einen Fuß auf das Terrain, denn die Geister der Verstorbenen irren darin umher."

"Und ganz nebenbei bewohnen noch eine Anzahl von sehr lebendigen Orks und Trollen die Feste der Zauberei", fügte Sarnir mürrisch hinzu, "reiten wir dorthin, gelangen wir vom Regen in die Traufe. In Dol Guldur wimmelt es von Spinnen, Trollen und anderen Viechern. Es tut mir Leid, doch dies schein mir nicht die beste Alternative zu Thranduils Palast zu sein."

"Und genau das ist unser Vorteil", lächelte Legolas, "die Söldner werden kaum damit rechnen, dass wir ausgerechnet diesen Weg einschlagen."

"Das ist Wahnsinn", entgegnete Sarnir und überraschend direkt, "wenn diese Kreaturen uns bemerken, sind wir so gut wie tot. Wir sind nur noch zu viert, nur drei von uns können kämpfen und unsere Pfeile sind verbraucht!"

Oxana überlegte kurz. "Sarnir, ich glaube der Prinz hat Recht. Auch wenn ich nicht verstehe, was er daran amüsant findet"- sie warf dem noch immer lächelnden Prinzen einen befremdeten Blick zu- "doch es wäre der größere Wahnsinn, wenn wir zum Weg zurückkehren oder versuchen, den westlichen Waldrand zu erreichen, den sie mit großer Wahrscheinlichkeit im Auge behalten werden."

Sarnir musterte sie lange und eindringlich.

"Was?", wollte sie wissen, "was soll dieser Blick?"

"Du warst noch nie in Dol Guldur, nicht wahr?"

*Palúrien von Palúrien Yavanna, die Erd-Herrin und Mutter des Herrn der

Wälder. Es steht nirgends geschrieben, dass es sie gibt. Aber auch

nirgends, dass es sie nicht gibt. ;-)