Chapter 6: von dol guldur und dem ersten versuch

Do not tell me you

Are not afraid of spiders -

She'll make you tremble

Four legs on each side

Hairy and quick, you better

Have to watch your back

For a moment not

Aware and you will stumble

Hit the dusty ground

A second later

She will catch you in her web

She'll be over you

You'll smell her dead breath

Anxiety will numb your limbs

There's no one who'd help

Do not tell me you

Are not afraid of spiders -

She'll make you tremble

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Nîthiel hatte in den letzten Stunden ein äußerst seltsames Verhalten zu Tage gelegt, sobald Dollaur näher als unbedingt nötig an ihre weiße Stute herangetrabt war. Die Elbe saß hinter Legolas auf ihrem Pferd, hielt seine Brust fest umschlungen und schmiegte die Wange an seinen Rücken, als hätte sie vor, mit ihm zu verschmelzen. Ihr Blick galt allerdings meist Oxana und ihre Augen begannen jedes Mal gefährlich zu funkeln, wenn diese einmal neben ihnen her ritt.

Die Blutjägerin wusste dem Verhalten der Elbe nichts als Unverständnis entgegenzubringen. Vielleicht war sie noch böse, weil Oxana sich geweigert hatte, sich gemeinsam mit Sarnir auf den Dollaurs Rücken zu quetschen und ihr das andere Pferd zu überlassen. Das war wohl ein weiterer Fauxpas auf Oxanas immer länger werdenden Liste an Ausrutschern gewesen, doch ehrlichgesagt war ihr das herzlich egal. Sie war die Verletzte in der Gruppe (Legolas schien sich von seinem Sturz bereits wieder erholt zu haben) und sie war der Meinung, dass ihr daher zumindest die Wahl ihres Reittieres zustand.

Sie waren gegen alle Erwartungen weder verfolgt noch in einen erneuten Hinterhalt gelockt worden. Wäre dies geschehen, wären ihre Chancen nicht besonders gut gestanden, denn die Gruppe war auf vier Personen zusammengeschrumpft: Sarnir, Legolas, Nîthiel und Oxana. Und sie hatten so gut wie keine Pfeile mehr. Keiner von ihnen wusste, ob Baindur (jener Krieger, der noch am Leben gewesen war, als sie geflüchtet waren) das Gemetzel lebend überstanden hatte. Vielleicht, dachte Oxana düster, wussten die Söldner gegen allen Anschein sehr wohl, wohin sie unterwegs waren und ließen sie ganz bewusst unbehindert in ihr Verderben reiten.

Als Nîthiel nicht aufhörte, sie mit giftigen Blicken zu torpedieren, wurde es Oxana schließlich zu bunt: Sie verringerte ihr Tempo und fiel ein ganzes Stück zurück, bis sie die stechend grünen Augen in der beinahe vollkommenen Dunkelheit des Waldes nicht mehr ausmachen konnte. Sie brauchte ohnehin etwas Ruhe, um das wachsende Chaos in ihrem Kopf zu beseitigen.

Zum einen verstand sie nicht, was der Angriff der Söldner zu bedeuten hatte. Sie hatte noch nie eine solche Menge an Blutjägern auf einem Fleck gesehen. Wer konnte es sich leisten, eine solche Armee aufzustellen? Und warum? Es ging hier doch bloß um einen einzigen Elben! Und viel wichtiger: Die Kämpfer waren auch auf sie losgegangen! Warum hatte Rawen, diese elende Verräterin, sie nicht gewarnt?

Die Elbe war in der Nähe gewesen, so viel war Oxana sich sicher, auch wenn sie sie nicht gesehen hatte. Dafür hatte sie aber ihren rotgefiederten Pfeil wiedererkannt. Die Elbe stellte ihre Pfeile selber her und für Oxana waren sie unverwechselbar. Die Söldner hätten sie ohne Zögern getötet, den schmerzenden Beweis dafür trug sie ja jetzt am Bein. Und Rawen hätte dabei zugesehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie hatte gewusst, dass Rawen berechnend und kalt war. Aber DAS hätte sie ihr nach all den Jahren nicht zugetraut.

Vorsichtig tastete sie über den Verband an ihrer Wade. Die Wunde hatte erst vor einer guten Stunde aufgehört zu bluten. Sarnir hatte ihr unterwegs den blutgetränkten, alten Verband abgenommen und einen neuen angelegt. Wenn der Wundbrand sie nicht befiel, würde sie einige Tage lang nicht ordentlich laufen können, aber ihr Bein würde sich schnell von der Verletzung erholen, hatte der Elb ihr prophezeit. Oxana war zuversichtlich, denn sie hatte ausgezeichnetes Heilfleisch.

"Wir sind bald dort!", rief Legolas über seine Schulter zurück und wies nach vor. Oxana musste sich anstrengen, um das, was er meinte, in der zunehmenden Dunkelheit ausmachen zu können. Sie ließ Dollaur etwas an Tempo zulegen und bereits nach wenigen Minuten begann der Wald um sie herum sich zu verändern. Dunkle Tannen lösten die mächtigen Buchen und Eichen, unter denen sie bisher gereist waren, ab. Sie wuchsen an manchen Stellen dicht an dicht, anderswo klaffte ihnen wiederum kahles Erdreich entgegen, steinharte, schwarzgraue Erdkruste, die kein noch so winziger Grashalm zu durchbrechen vermochte.

Staunend ließ Oxana ihren Blick über die verwilderte, trostlose Landschaft streichen, die sich vor ihr ausbreitete. Das Land, das dem Düsterwald wohl einst nicht unähnlich gesehen hatte, war zu einer grauen Einöde verkommen, übersäht von verkohlten Baumstämmen und geschwärzten Felsbrocken, die wie von einer mächtigen Hand willkürlich hingeschleudert über die gesamte Szenerie verteilt lagen.

Dazwischen klafften schwarze Krater, die tiefen Wunden glichen. An ihren Rändern wuchsen einige verkrüppelte dünne Bäume aus dem nährstoffarmen Untergrund, deren nackte Äste sich wie krumme Finger in den Himmel rankten. Im Zentrum dieses zerstörten Fleckens Erde erhob sich eine felsige Anhöhe, auf der düster und lauernd eine Burg prangte. Das Bauwerk war zwar groß, aber nicht so enorm wie sie es sich nach Sarnirs lebhaften Beschreibungen auf dem Weg hierher erwartet hatte. Sie war aus gewöhnlichen, grauen Steinklötzen erbaut und flößte Oxana trotz ihrer bescheidenen Ausmaße und ihres heruntergekommenen Zustandes augenblicklich gehörigen Respekt ein.

"Ist sie das?", flüsterte die junge Blutjägerin, obwohl kein Grund dazu bestand die Stimme zu senken.

Legolas hatte sie gehört und nickte: "Die Feste der Zauberei. Hier hauste ER und seine Kreaturen. In den Kerkern unter der Burg hielten sie viele Wesen, auch Menschen, gefangen um ihre Magie an ihnen zu erproben. Hier ist die Quelle all des Übels, das heute im Düsterwald nistet".

Nebelschwaden hingen schwer zwischen den Bäumen und das wenige Licht in der Umgebung schien von der leerstehenden Burg aufgesogen zu werden. Ein kalter Schauer lief über Oxanas Rücken. Der Düsterwald war ihr bereits unheimlich erschienen, aber dieser Ort hier war tausendmal gespenstischer.

"Vielleicht wäre ein Kampf mit dieser blutrünstigen Söldnerbande doch nicht so übel gewesen", murmelte sie mehr zu sich selbst als zu irgendjemand anderem und drehte sich nervös nach einem Geräusch um, das sie gehört zu haben glaubte. Doch in den letzten dichten Büschen am Waldrand regten sich bloß ein paar trockene Blätter im Wind. Dollaur schnaubte launisch, während er sich einen sicheren Weg zwischen den herumliegenden Überresten und Gewächsen hindurchsuchte. Auch ihm war dieser Ort nicht geheuer.

Sarnir hatte ihre Worte gehört und machte ein entsprechendes „Hab ich doch gesagt"- Gesicht. Auch seine Augen wanderten unruhig zwischen den dunklen Bäumen umher. Selbst die strahlten etwas Bedrohliches aus und ihre tiefhängenden Äste glichen dürren Händen, die nach ihnen greifen wollten um sie….Unsinn. Oxana schüttelte ihre bizarren, düsteren Gedanken mit einer Kopfbewegung ab.

Ein Vorrankommen war recht mühsam, da der Untergrund bedeckt von dichten Dornensträuchern und Flechten war, die den Boden trügerisch flach erscheinen ließen. In Wirklichkeit verbargen sich unter den Gewächsen oft bis zu einem Meter tiefe Ausbuchtungen und jähe Spalten, die selbst für die Elben schwer zu erkennen waren. Zu allem Überfluss mussten sie auch noch darauf achten, nicht zu nahe an die Feste heranzureiten, um zu vermeiden, das Böse zu wecken, das sich möglicherweise noch darin verborgen hielt.

Als die Sonne endgültig untergegangen war und mit ihr der letzte Rest des wenigen Tageslichtes verschwand, hatte die kleine Truppe gerade einmal die Hälfte der verwachsenen Wildnis durchquert. Obwohl sie wusste, wie gefährlich dieser Ort war, bestand Oxana auf eine Rast und etwas Schlaf und erinnerte die damit Elben daran, dass sie ein Mensch war und weder im Dunklen sehen noch tagelang ohne ordentliche Nahrung und Rast auskommen konnte. Außerdem hatte die Wunde sie geschwächt.

Alle mit Ausnahme von Nîthiel sahen ein, dass es keinen Sinn machte, mit einer verwundeten Sterblichen nachts über ein von spitzen Steinen und einer Menge anderer Barrieren übersätes Gelände zu reiten. Ganz abgesehen davon waren ihre Tiere erschöpft und würden dankbar für einen Halt sein. Und so suchten sie sich einen windgeschützten Platz zwischen einigen mannshohen Felsen und hohen Tannen, um ein Lager für die Nacht aufzuschlagen. Keiner von ihnen sprach dabei, zum einen weil sie müde waren, zum anderen weil dieser Ort alles andere als einladend war. Etwas sagte Oxana, dass es vielleicht keine gute Idee gewesen war, auf eine Übernachtung an diesem unheimlichen Ort zu bestehen, doch ihr Körper hatte ihr keine Wahl gelassen.

Legolas und Sarnir breiteten ihre Decken auf einem ebenen Plätzchen aus um sich darauf niederzulassen. Kaum hatte der Prinz sich im Schneidersitz hingesetzt, war auch schon Nîthiel bei ihm, ließ sich neben ihn fallen und schmiegte sich an seine Seite, wobei sie ihn fest am Oberarm festhielt, als wolle sie sichergehen, dass er nicht davonlief. Sarnir summte in Gedanken verloren vor sich her, während er in seiner Satteltasche kramte und etwas getrocknetes Obst und elbisches Brot für sich zutage förderte. Legolas und Nîthiel teilten sich nur eine Scheibe Lembas und unterhielten sich lächelnd.

Oxana verschlang mit Heißhunger eine ganze Lembaswaffel und verfluchte innerlich Lyria, die sich vehement geweigert hatte, ihr das Rezept für das köstliche, flaumig-weiche Backwerk zu geben. Sie hätte ihre rechte Hand für das Geheimnis dieser Köstlichkeit gegeben! Das Ganze spülte sie mit ein paar Schlucken Wasser hinunter, aß, etwas langsamer nun, zwei Äpfel und eine Hand voll Dörrobst, nur um danach festzustellen, dass sie noch immer hungrig war. Sie brauchte Fleisch. Aber dieses verschrobene Volk hielt in seiner unendlichen Weisheit ja nicht viel davon, etwas zu essen, was einmal blökend, quiekend oder muhend durch die Gegend gelaufen war, es sei denn es handelte sich um einen ganz besonderen Anlass. Und so fand sie auch nichts Dementsprechendes in ihren Vorräten. Ihr Magen knurrte vorwurfsvoll und Oxana rieb ihren Bauch um Verzeihung haschend. Sobald sich die Gelegenheit ergab, würde sie sich einen fetten Hasen schießen, so viel stand fest.

"Boe tolthad 'lad an i naur.[wir müssen Holz für das Feuer holen]", bemerkte Nîthiel nach einer Weile. Es war schon recht frostig, und die Nacht hatte gerade erst begonnen. Ein kleines Feuer würde sie wärmen und ihr Rastplatz lag geschützt genug, um keine ungewollten Besucher damit anzulocken. Darüber hinaus könnte man über so einem Feuer ja möglicherweise einen kleinen Braten zubereiten, dachte Oxana erfreut. Sie glaube sich zu erinnert, das Lyria ein Schächtelchen Salz zum Proviant gegeben hatte und vielleicht konnte sie Sarnir dazu überreden, ihr dabei zu helfen, etwas Vernünftiges zwischen die Zähne zu bekommen... Das Wasser begann ihr bereits im Mund zusammenzulaufen.

Von der Aussicht auf mehr Essen belebt hob sie den Arm und meinte: "Lasst nur, ich werde mich darum kümmern!"

"Nein, bleib du besser sitzen, ich erledige das schon", meinte Sarnir und wies auf ihr verletztes Bein, doch Oxana wehrte ab, rappelte sich auf und hob einen dicken Ast auf, der sich als Stütze verwenden ließ "Siehst du, damit geht's schon", grinste sie, "und nun lass mich gehen. Immerhin müsst ihr wegen mir die Nacht an diesem finsteren Ort verbringen. Ich bin euch eine Kleinigkeit schuldig". Und damit humpelte sie geradewegs in den Wald hinein und stieg ächzend einen felsigen Hügel hinauf, auf dem ein verdorrter, niedriger Baum wuchs, dessen abgebrochene, trockene Äste sicher gut brennen würden. Auf dem Weg blieb sie bei drei hohen Felsen stehen, um sich kurz dagegen zu lehnen und eine kleine Rast zu gönnen. Das bisschen Bewegung beanspruchte sie weitaus mehr, als sie erwartet hatte.

Die Stelle lag ziemlich hoch über dem Lager. Wenn sie auf einen der Felsen kletterte, würde sie eine ausgezeichnete Sicht über die Wipfel der Bäume auf die Feste der Zauberei haben. In ihrer Fantasie malte Oxana sich einen Moment lang aus, wie es hier wohl gewesen sein musste, als ER noch hier gewesen war. Vielleicht hatte hier, genau da wo sie jetzt stand, einst ein Nazgûl gestanden, düster und furchteinflößend...die Vorstellung fesselte sie auf schwer zu benennende Weise. Als Kind hatte sie die Geschichten über die Nazgûl nicht besonders gemocht. Aber heute...Könige, die sich von der dunklen Macht verführen hatten lassen und zu seinen Dienern geworden waren, verdammt zu einem Leben zwischen den Welten der Menschen und der Schatten…

Als sie wieder zu Atem gekommen war, ließ Oxana den Stock liegen und kletterte, soweit es ihr möglich war, vorsichtig den höchsten der drei Felsen hinauf. Von dort aus betrachtete die Feste, deren Umrisse im schwachen Schein der wenigen Sterne nur unscharf erkennbar war, nachdenklich. Seltsam unwirklich wirkte sie, als wäre sie bloß eine Illusion, ein Trugbild, das sich gleich auflösen würde. Oxanas Blick schweifte über die Landschaft und richtete sich schließlich auf den Fuße des Hügels, dort, wo ihr Lager für die Nacht war. Wieder schien die Armbrust an ihrer Seite sich zu erwärmen, fast nach ihr zu rufen. Ihre Hand umschloss den Griff der Waffe, nahm ohne ihr Zutun einen Bolzen aus ihrer Manteltasche- sie pflegte stets diesen einen Ersatzbolzen mit sich zu tragen- und spannte ihn mit langsamen, fast bedächtigen Bewegungen ein. Wäre es nicht so dunkel gewesen…sie hätte ihn jetzt ganz einfach töten können. Sie winkelte ihren Ellbogen ab, kniff ein Auge zusammen und visierte mit dem anderen ein nicht vorhandenes Ziel an, genauso, wie Rawen es ihr einst gezeigt hatte. Würde sie sich lautlos an eine Gruppe von Elben anschleichen können, noch dazu in ihrem Zustand? Sie sollte es zumindest versuchen. Und wenn sie schon dabei war, könnte sie auch gleich Nîthiel erledigen. Um Sarnir tat es ihr etwas Leid, er war gut zu ihr gewesen…ein unbeschreibliches Gefühl der Macht durchfloss sie bei dem Gedanken an einen solch hinterhältigen Plan.

Ein Schatten glitt lautlos am Fuße des Felsens vorbei.

Oxana keuchte vor Überraschung hörbar auf, riss die Waffe zurück und sah sich hektisch in alle Richtungen um. Sie geriet dadurch aus dem Gleichgewicht, ihre Füße fanden auf dem feuchten Felsen keinen Halt mehr und rutschten unter ihr weg. Im letzten Moment krallte Oxana ihre freie Hand so fest in den Felsen, dass die spitzen Steine sich an mehreren Stellen in ihre Haut bohrten und verhinderte damit einen gröberen Sturz, bei dem sie sich vermutlich an den scharfen Kanten des Felsens ziemlich übel zugerichtet hätte. Allerdings entglitt ihr dabei die Waffe. Mehrere Male schlug die eisenbeschlagene Armbrust weithin hörbar auf dem nackten Felsen auf, bevor sie am Waldboden zu Liegen kam.

"Oxana?! Bist du das?!" Es war Sarnirs Stimme. Sie klang leise aus der Entfernung vom Lager herauf.

Oxana hatte jedoch nicht vor, sich nach ihm umzusehen. Nervös suchte sie mit ihrem Blick die Umgebung ab und tastete sich dabei vorsichtig den Felsen hinunter. Da war etwas gewesen! Sie hatte es gesehen. Ein geduckter, schwarzer Schemen, der unglaublich schnell an ihr vorbeigeschlichen war, etwas Düsteres, das von einer dunklen Aura von Bosheit und Wahnsinn umgeben gewesen war. Das Gefühl hatte nur den Bruchteil einer Sekunde angedauert, doch ihr Herz raste nach wie vor.

"Ja, keine Sorge, es geht mir gut!", rief sie etwas verzögert über ihre Schulter zurück. Sie wartete noch einen Herzschlag lang ab, kletterte ganz nach unten, verlor aber plötzlich wieder den Halt, als ihr schmerzendes Bein unvermittelt unter der Last ihres Körpers nachgab.

Dieses Mal gelang es ihr nicht mehr, sich festzuhalten, sie fiel - und zwar direkt in ein Paar kräftige Arme.

"Ganz sachte! Was ist mit dir? Du bist ja totenbleich!" Um ein Haar hätte sie vor Schreck aufgeschrien. Der Elb war entweder hier raufgeflogen oder er konnte verdammt schnell laufen! Unmittelbar schlug ihre Angst in Wut um, Wut auf den Elben, der ihr einen so unnötigen Schreck eingejagt hatte und Wut auf sich selber, da sie so schreckhaft war. Sie wand sich widerstrebend aus seinem unterstützenden Griff und sah sich erneut um. Nein, hier war nichts. Natürlich nicht. Geister. Dämonen. Was für ein Unsinn! Sie war müde und hatte viel Blut verloren und dieser ganze verfluchte Ort machte sie schlicht und einfach hysterisch. Das war alles gewesen.

Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass sie sich etwas vormachte.

Sie räuspere sich verlegen, als sie bemerkte, dass ihr Verhalten den Prinzen irritierte. Sein Blick war dem ihrigen gefolgt und wandte sich nun fragend auf sie.

Oxana räusperte sich. "Ich dachte, ich hätte...etwas gesehen", murmelte sie, "aber ich habe mich wohl geirrt". Sie drängte sich hastig an ihm vorbei und humpelte unter heftigen Schmerzen in Richtung des Lagers. "Wolltet Ihr mir etwa beim Holzsammeln helfen? Ich kriege das schon hin, keine Sorge!" Sie lief weiter, ohne eine Antwort abzuwarten, bückte sich nach einem trockenen Ast und sah sich scheinbar geschäftig nach weiterem Brennholz um. Ihre Gedanken waren jedoch noch immer ganz woanders.

Legolas trat neben sie und hielt ihr die Armbrust hin. Sie hatte doch tatsächlich vergessen, sie aufzuheben! Sie nahm sie dankbar, aber wortlos entgegen. Der Prinz betrachtete sie prüfend. „Lass mich deine Hand sehen."

Bevor sie verstand, wes er meinte, ergriff er ihre verletzte Hand und musterte sie kurz. „Du solltest sie von Sarnir verbinden lassen." Sie starrte dumpf auf ihre blutige Handfläche, dann in das Gesicht des Prinzen. Ihr Puls beruhigte sich zunehmend. Seine Anwesenheit entspannte sie auf unerwartete und etwas irritierende Weise. Dennoch musste sie wieder in die Richtung sehen, aus der sie gekommen waren. Hatte sich dort nicht gerade etwas bewegt?

„Dieser Ort ist voll mit unheilvoller Erinnerungen und gequälten Seelen. Auch ich kann sie spüren", sagte Legolas leise.

Oxana zog ihre Hand rasch zurück und lachte, doch es klang aufgesetzt. "Humbug! Ihr glaubt doch nicht etwa an Geister? Wahrscheinlich war da bloß irgendein Tier. Ihr könnt wieder zum Lager zurückgehen. Nîthiel vermisst euch sicher schon. Solltet Ihr nicht bei ihr sein und Kopfkissen spielen?" Ihre Worte klangen nicht ganz so aufsässig wie sie es gerne gewollt hätte, denn ihre Stimme zitterte leicht. Genauso wie ihre Hände. Schnell verbarg Oxana sie so gut es ging unter ihrem Mantel.

"Weißt du, es ist keine Schande, sich seine Angst einzugestehen", meinte Legolas und reichte ihr ein weiteres Stück Holz, keine Anstalten machend, auf ihre kindische Anspielung zu reagieren, „besonders nicht an einem Ort wie diesen."

„Oh, wird mir nun die Ehre zuteil, an der unendlichen Weisheit des unsterblichen Volkes teilzuhaben?", ätzte Oxana zynisch, „wenn ja, dann lehne ich dankend ab. Ich brauche keinen Elbenprinzen, der mir sagt, was ich zu tun oder wie ich mich zu fühlen habe."

Legolas seufzte leise. „Woher kommt diese ganze Wut, mit der du ständig um dich schießt?"

Oxana blieb stehen und starrte den Prinzen einfach nur an. Heftiger Zorn wallte in ihr auf. Was sollte das werden? Hatte er nun etwa Mitleid mit dem armen, sterblichen Menschenmädchen? Sein Tonfall war der eines Vaters, der davor stand, an der Erziehung seines Kindes zu scheitern, und der Gedanke daran, auf eine solche Weise bevormundet zu werden, brachte Oxanas Ohren vor Zorn zum Glühen.

Sie machte einen Schritt auf ihn zu und umfasste die wenigen Äste in ihren Händen dabei so fest, dass einige abbrachen und zu Boden fielen.

"Maßt euch nicht an, über mich zu urteilen", zischte sie, „was Ihr Wut nennt, hat mich bisher am Leben gehalten. Sie ist ein Teil von mir und Ihr habt nicht das Recht, mich dafür zu bedauern. Ihr lebt in einem Palast inmitten eurer Familie, umgeben von Reichtümern. Ihr seid ein unsterblicher Elbenprinz mit einem Stammbaum, der bis zu den Göttern reicht und der seine Nächte damit zubringt, den Liedern seines Volkes zu lauschen und teuren Wein zu schlürfen. Ihr habt keine Ahnung von mir, oder von dem, was mir widerfahren ist. Also maßt euch nicht an, mir Ratschläge zu geben! In ein paar Tagen werden wir alle wieder unserer Wege gehen und es wird sein, als hätten wir uns nie getroffen. Ihr werdet wieder eurer Wege gehen und ich meiner. Tut mir bis dahin einen Gefallen: Erspart mir eure Weisheiten!"

Legolas' hatte ihre Tirade schweigend über sich ergehen lassen und setzte gerade zu einer, seinem Gesichtsausdruck zu folgern, etwas sanfteren Entgegnung an, als ein leises Geräusch von den Felsen her sie beide aufsehen ließ. Dieses Mal war da tatsächlich etwas. Ein großes Etwas.

Eine riesige Spinne grub sich vor ihren Augen aus dem Erdboden. Es musste wohl eine Spinne sein, denn das Vieh hatte einen kugelförmigen behaarten Körper, acht Beine und eine Menge Augen. Damit hörte sich jede Ähnlichkeit mit den Spinnen, denen Oxana bisher begegnet war, aber auch schon auf. Die Beine des Untiers waren mindestens so lang wie ihre eigenen und so dick wie ihr Oberschenkel. Ein jedes seiner zahlreichen Augen hatte die Größe einer geballten Faust und der unförmige Körper glich in seinem Umfang etwa dem Torso eines ausgewachsenen Pferdes.

Besonders beeindruckend waren die scharfen, fast unterarmlangen Mundwerkzeuge, die als einen Hinweis darauf gaben, wo bei dem Monster vorne und hinten war. Das Vieh sah sie an, schien kurz nachzudenken und krabbelte schließlich ein kleines Stück seitwärts, um Platz für seine beiden Gefährten zu machen, die nun ebenfalls ihr unterirdisches Versteck verließen und sich zu ihrem Kumpanen gesellten.

"Geht zur Seite!", flüsterte Oxana, bedächtig ihre Armbrust von ihrem Gürtel lösend.

"Die Stelle unter ihrem Hals!", wies der Elb sie tonlos hin.

Rasch trat er aus der Schusslinie und Oxana feuerte ihren Bolzen genau in dem Moment ab, als das erste der Scheusale sich daran machte, auf sie loszugehen. Sie traf die besagte Stelle und das Tier sackte mit zuckenden Beinen zu Boden, doch sie musste noch ihren Dolch nachsetzen, damit es endlich liegen blieb und verendete. Für seine beiden Freunde, so wurde Oxana mit einem Schlag bewusst, hatte sie keine Bolzen noch sonstige Waffen mehr bei sich. Das behaarte Duo schien ganz und gar nicht erfreut über den Tod ihres Kumpels zu sein. Rücksichtslos krabbelten über den leblosen schwarzen Körper hinweg direkt auf die Blutjägerin und den Elben zu.

Oxana holte aus, zog der ersten Spinne, die bereits heran war, eins mit dem Bündel Äste in ihrer Hand über den Kopf und sprang gerade noch rechtzeitig zur Seite, als das Vieh unbeeindruckt mit seinen Kieferwerkzeugen nach ihr schnappte.

Sie spürte, wie die Wunde an ihrem Bein durch die plötzliche Bewegung erneut aufbrach und warmes Blut in ihren Stiefel rann. Schnaufend schaffte sie es wieder auf die Beine, taumelte zurück und sah sich nach etwas um, das sie als Waffe verwenden konnte. Sie hob einen armdicken Ast auf. Das musste reichen. Das Vieh wich tatsächlich ein wenig zurück, blieb aber dann stehen und tastete mit seinen haarigen Beinen über die Stelle, an der sie eben gelegen hatte.

Oxana fühlte, wie ihre Nackenhaare sich vor Ekel kräuselten. Das Tier hatte ihr Blut im nassen Laub gewittert, und es schien dadurch noch mehr angestachelt zu werden, denn es stieß ein ohrenbetäubend schrilles Geräusch aus.

Das Vieh funkelte sie aus ziemlich vielen rotglühenden Augen gierig an. Ein paar davon allerdings ruhten auf seinem Artgenossen, der gerade erstarrte, umfiel und die Beine an den Körper zog. Legolas hatte ihm mit seinem Dolch den Garaus gemacht und drehte sich nun nach dem zweiten Tier um. Doch egal wie schnell er handeln würde, er würde nicht schnell genug sein, denn die Spinne hatte Oxana bereits erreicht. Kampfbereit stemmte sie ihre Beine in den Boden, ignorierte den stechenden Schmerz und das warme Blut an ihrem Bein und umklammerte den Ast fester.

Wie lächerlich sie sich plötzlich vorkam mit diesem nutzlosen Holzstück in der Hand! Die Spinne schien sich im Moment dasselbe zu denken, und Oxana begriff, dass sie mit dem Ding nichts gegen diese Kreatur ausrichten würde können. Es würde genauso nutzlos sein wie der andere Ast, den sie zuvor verwendet hatte. Als ihr dies dämmerte, schleuderte sie das Stück Holz kurzerhand mit voller Kraft gegen den Leib des Tieres, wirbelte noch in der selben Bewegung herum und rannte so schnell sie konnte los. Ein seltsamer Laut ertönte und sie sah aus den Augenwinkeln, wie etwas blitzschnell durch die Luft zischte. Ihre Beine wurden von einem dünnen Faden umwickelt und mit einem brutalen Ruck unter ihrem Körper weggezogen. Oxana prallte mit voller Wucht auf den harten, steinigen Boden, wälzte sich benommen herum und versuchte verzweifelt, den fingerdicken Faden, der ihr das Blut abschnürte, abzustreifen.

Ohne Erfolg.

Ein weiterer Faden schoss aus dem Leib der Spinne und nagelte ihren sich windenden Oberkörper gegen den Untergrund. Im nächsten Augenblick war das Vieh auch schon über ihr. Ein behaartes Bein strich über Oxanas Wange, die vor Ekel aufkreischte. Die Spinne zischte, fuhr seine beachtlichen, messerscharfen Mundwerkzeuge aus, zwei zuckende Klauen näherten sich ihrem Körper. Oxana sah sich bereits betäubt und zu einem ordentlichen Paket verpackt in einem gigantischen Spinnennetz baumeln, als die Kreatur plötzlich einen hässlichen, schrillen Laut ausstieß und über ihr zusammenbrach. Oxana angewidertes Schreien wurde unter der Last des zuckenden Körpers begraben.

Bevor das Monster sein Vorhaben, sie umzubringen, doch noch zu Ende führen konnte, indem es sie schlichtweg zerquetschte, zerrte Legolas es erstaunlich mühelos von ihr runter und half ihr sich aufzurichten. Nachdem er seinen blutigen Dolch aus dem Hals des toten Tieres gezogen hatte, holte er auch ihren Dolch und reichte ihn ihr.

"Nun, es sieht so aus, als hättest du Recht gehabt. Es ist wohl doch kein Geist gewesen". Er grinste schief und fügte hinzu: „Übrigens wären wir damit wohl quitt."

Er grinste noch etwas breiter und ausnahmsweise, vor allem, weil sie sich gerade unendlich erleichtert fühlte, ließ Oxana sich von seiner Fröhlichkeit, die ihr ansonsten auf den Nerv ging, anstecken und lachte sogar erleichtert. Er stimmte mit ein. Es war das erste Mal, dass sie ihn so lachen hörte.

Oxanas Lachen verstummte allerdings rasch, denn ihr wurde mit einem Schlag speiübel. Ihr Puls raste und in ihren Ohren begann ein Ozean zu rauschen. Sie spürte, wie ihre Beine plötzlich zu beben begannen und ihre Knie weich wurden. Sie konnte absolut nichts dagegen tun. Dann begann sich alles zu drehen, ihr wurde heiß.

Verschwommen und bruchstückhaft bekam sie noch mit, wie Legolas schnell auf sie zutrat, sie auffing, mühelos aufhob und zum Lager zurücktrug. Dort fiel sie in einen tiefen, von Fiebervisionen erfüllten Schlaf. Formlose weiße Schemen kamen darin vor, die sich in grinsende Totenmasken verwandelten und sie auslachten. Und ein schwarzer Schatten, der ihrem Blick entglitt, jedes Mal kurz bevor er sich in ihrer Erinnerung verankern konnte.