Chapter 8: vom streit und dem gift
Am späten Nachmittag begann die Landschaft sich nach und nach zu ebnen und schließlich, nachdem sie lange durch menschenleeres, sanft hügeliges Gebiet geritten waren, tauchte eine Ansammlung an Häusern am Horizont auf, welche eng von einem hölzernen Wall umschlungen wurden. Wie ein zusammengekauertes Kind schmiegte sich die kleine Stadt in die enge Schlinge, die der mächtige Anduinfluss an dieser Stelle zog. Mächtig und dunkel erstreckte sich der Fluss unter ihnen.
"Diese Stadt hat einen alten Hafen und viele erfahrene Schiffer. Von dort aus werden wir den Anduin befahren", erklärte Sarnir. Oxana nickte. Sie war bereits einmal in der Stadt gewesen- sie war nicht besonders groß, roch zu jeder Jahreszeit ein wenig nach Fisch und war besonders bekannt für die eingelegten Salzheringe und das ausgezeichnete Bier, das man dort braute. Weiter konnte sie sich erinnern, dass diese Stadt kurioserweise keinen richtigen Namen trug, und so nannte sie jeder der Einfachheit halber bloß "Hafenstadt". Da es natürlich mehrere Hafenstädte entlang des Anduin gab, waren schon viele mutige Männer auf der Suche nach dem berühmten Bier lange umsonst den Fluss entlanggeirrt.
Bereits lange bevor sie die hölzernen Tore der Stadt erreicht hatten, begannen die Elben sich immer angeregter zu unterhalten und ratlos an ihren Kleidern herum zu zupfen.
"Habt ihr Angst, dass man euch erkennt?"
Sarnir nickte. "Es ist nicht so, dass Elben nicht willkommen sind in der Stadt. Im Gegenteil- durch die Nähe der Stadt zu den beiden Elbenwäldern Lórien und Düsterwald sind die Menschen unsereiner gegenüber recht freundlich gestimmt. Doch wenn wir uns zu erkennen geben, wird es schnell dir Runde machen. In solchen Städten kann man nur schwer ein Geheimnis bewahren. Wir sollten aber vorsichtig sein, nach dem, was im Düsterwald passiert ist."
Nîthiel nickte zustimmend. Auch Oxana hatte sich bereits ähnliche Gedanken gemacht. Wenn die Söldner auch nur halb so organisiert waren wie gefährlich waren, würde es nicht lange dauern, bis man von ihrer Anwesenheit Notiz nahm.
"Das Dumme ist, dass man diese Blutjäger oft schwer von gewöhnlichen Menschen unterscheiden kann. Sie sehen aus wie jeder andere und verhalten sich auch fast so, aber dreht man ihnen erst einmal den Rücken zu..."
Nîthiel fuhr sich mit dem Finger quer über die Kehle und machte überflüssigerweise einen dazu passenden Laut. Oxana schluckte hörbar und sah hastig wieder zur Stadt hin.
"Dann schlage ich vor, ihr überlasst mir das Reden und haltet euch schön unauffällig im Hintergrund, wenn wir unser Quartier beziehen."
Endlich waren sie vor den geschlossenen Stadttoren angelangt und stiegen aus ihren Sätteln. Oxana war lange Ritte eigentlich gewohnt, bemerkte aber, dass sie dringend Ruhe brauchte.
"Verdeckt eure Ohren!", verlangte sie von den Dreien, "und Nîthiel"- sie sah der Elbe streng in die Augen, "nehmt besser euren Schmuck ab und verwahrt ihn gut. In dieser Stadt wimmelt es von Dieben." Die Elbe nickte und kam ihrer Aufforderung auf der Stelle widerspruchslos nach.
Die junge Blutjägerin trat vor und hämmerte mit der Faust mehrere Male gegen das dicke Holz des Tores. Schließlich wurde auf der anderen Seite eine Klappe beiseitegeschoben und das halbe, narbenzerfurchte Gesicht einer Wache tauchte in einem schmalen Spalt auf.
"Wer seid ihr?", bellte der Mann und beäugte die Neuankömmlinge misstrauisch.
Oxana vertrat ihm möglichst unauffällig die Sicht auf ihre drei Begleiter. "Reisende aus dem...Norden". Ihre Statur und Kleidung passte zu Leuten aus dem Norden.
"Wir wollen zum Hafen." Der Mann versuchte erneut einen Blick auf die kapuzentragenden Elben zu erhaschen, doch Oxana legte wie durch Zufall ihren Kopf schräg und verdeckte somit seine Sicht.
"Nun? Dürfen wir rein oder sollen wir uns hier draußen weiter die Füße in den Leib stehen?"
Grunzend schloss die Wache die Klappe und wenige Sekunden darauf öffnete sich das Tor knarrend.
"Seit wann verschließen sie die Tore auch bei Tag?", fragte Legolas irritiert, sobald sie sich außer Hörweite befanden. Auch er war, wie Oxana, abgestiegen und führte die weiße Stute, auf der Nîthiel saß, an den Zügeln.
Oxana zuckte ratlos mit den Schultern. "Ich vermute es liegt an den Schatten in Mordor. Das Land hat sich verändert in den letzten Jahren. Die Menschen sind misstrauischer geworden. Seltsame Gesellen treiben sich durch die Gegend und bringen Unordnung in die Städte. Verbrechen häufen sich und man sieht wieder mehr Orks."
Legolas nickte nachdenklich. "Ich habe davon gehört, doch es ist schon lange her, seit ich die Reiche der Menschen bereist habe. Das ganze Land verfällt in eine fremdartige Stimmung. Selbst die Menschen beginnen zu spüren, dass etwas nicht stimmt.."-
"Was soll das jetzt heißen?" unterbrach Oxana mit einem steifen Lächeln im Gesicht. Legolas sah sie irritiert von der Seite an. "Was meinst du?"
"Du sagtest selbst die Menschen. Als wären wir irgendwie schwer von Begriff. Du und Nîthiel, ihr scheint keine besonders hohe Meinung von unsereins zu haben."
Legolas setzte zu einer Antwort an, dachte kurz nach, setzte erneut an und verstummte.
„Das war nicht so gemeint", brachte er schließlich etwas hilflos wirkend hervor. Offenbar war er zum ersten Mal auf seine Ausdrucksweise hingewiesen worden und schien nicht so recht zu wissen, was zu tun war.
Nîthiel hatte ihre Unterhaltung mitangehört und wusste hingegen ganz genau, was sie sagen musste, um Oxana noch ein wenig mehr anzusticheln: "Es ist doch gemeinhin bekannt, dass die Erstgeborenen mit dieser Welt entstanden"- "Danke, aber ich weiß selbst über die Entstehungsgeschichte Bescheid "- knurrte Oxana dazwischen, doch Nîthiel fuhr unbehindert fort: - "Ihr Sterbliche allerdings kamt erst lange nach uns. Daher ist es auch nicht erstaunlich, dass wir die Natur und ihr Wesen, sowie unsere Emotionen viel besser verstehen und damit umgehen können als dein Volk, das über Jahrtausende hinweg damit beschäftigt war, Kriege anzuzetteln und in seinen schmutzigen Städten vor sich hinzusiechen, kränkelnd und sterbend."
Sie lächelte kalt auf Oxana herab und fügte hinzu: "Verstehe mich nicht falsch, ich mache dir und deinesgleichen dafür keine Vorwürfe. Ihr seid wie…Kinder, unerfahren und kurzsichtig. Aber ihr könnt nichts dafür, euer kurzes Leben bürdet euch diese Eigenschaften auf. Doch es war der Wille der Götter, und es gibt sicher einen guten Grund, warum sie eine solche Rasse erschaffen haben."
Vermutlich, um euch Größenwahnsinnige wieder auf eine passende Größe zurecht zu stutzen. Und wären da nicht einige Augenzeugen, würde ich dich auf der Stelle von deinem hohen Ross runterholen und dir zeigen, was man mit einem Dolch noch so alles machen kann, außer ihn sich an den Gürtel zu hängen, du fuchsohrige Schreckschraube.
Oxanas Gang versteifte sich ein wenig und hielt sich mit Gewalt davon ab, Nîthiel auch nur eines Blickes zu würdigen. Aber ihre Hände schlossen sich krampfhaft um Dollaurs' Zügel, sodass das Leder leise knirschte.
Legolas hingegen starrte seine Verlobte stirnrunzelnd an, verlangsamte schließlich seinen Schritt und begann, sobald sie etwas Abstand zu Oxana gewonnen hatte, mit seltsam ernster Stimme in Sindarin auf seine Verlobte einzureden. Sarnir, der bisher still neben ihnen her geritten war, rutschte vom Sattel und schloss kopfschüttelnd zu Oxana auf. „Sie scheint dich nicht besonders zu mögen".
„Ach. Sagen dir das deine außergewöhnlichen elbischen Sinne?"
„Du solltest sie nicht zu ernst nehmen", beschwichtigte der Elb, ihre Spitze gnädig ignorierend, „diese Reise hat sie sehr mitgenommen. Und sie scheint dir die Schuld dafür zu geben. Doch du sollst wissen, dass wir nicht alle so denken wie sie."
„Es ist mir herzlich egal, was dein Volk über mein Volk denkt", grunzte Oxana bloß, „ich bin ohnehin viel zu sehr damit beschäftigt, vor mich hinzukränkeln." Und das war nicht einmal gelogen. Sie fühlte sich tatsächlich nicht besonders.
Ihr Blick galt nun einer flachen Taverne am Beginn einer Straße, die zum Hafen hinabführte. Der Himmel über ihnen hatte sich in den letzten Stunden erneut verdunkelt und es sah ganz nach Regen aus. Mit einem Kopfnicken gab sie Sarnir zu verstehen, dass sie vorhatte, dort einzukehren.
Nîthiels Worte schallten noch lange in ihrem Kopf nach. Sie hatte das, was sie gemeint hatte, tatsächlich so gemeint, und es gab sicher viele Elben, die ihre Meinung teilten. Vielleicht war es gut gewesen, dass sie Oxana daran erinnert hatte, wie sehr sie sich von ihren Weggefährten unterschied. Sie hatte sich schon zu sehr an die Anwesenheit der drei gewöhnt, besonders an die Sarnirs und Legolas'. Dabei war sie nicht hier, um mit irgendjemandem Freundschaft zu schließen.
Der Regen fiel in Strömen, nein, viel eher in Sturzbächen vom tiefhängenden Himmel und der Wind heulte durch die engen, menschenleeren Gassen der dunklen Stadt.
Eine schlanke Gestalt stand nun schon seit einigen Minuten regungslos, mit verschränkten Armen, unter dem leicht überhängenden Dach der Taverne "zum singenden Fisch". Niemand sonst war weit und breit zu sehen, nur eine Gruppe streunender Hunde balgte sich ein paar Häuser weiter um ein paar stinkende Fischreste, die jemand achtlos aus dem Fenster auf die schlammige Straße geworfen hatte.
Der wollene Mantel der Figur war schwer vom vielen Wasser und sog sich weiter voll, denn das alte Strohdach schützte nur hinlänglich vor den Wassermassen, die aus allen Richtungen zu kommen schienen. Sie hatte den Unterstand gerade rechtzeitig in jenem Moment erreicht, als aus dem leichten Nieseln eine mittlere Sinnflut geworden war. Immer wieder peitschte der Wind ihr den Regen ins Gesicht. Ihre im trockenen Zustand sonst feuerroten Locken klebten in schweren, dunkelbraunen Strähnen an Schultern und Nacken. Auch ihr Kleid war dunkel vor Nässe und sie fror inzwischen so sehr, dass ihre Zähne klapperten. Doch noch zögerte sie, in die völlig überfüllte, muffige, aber zumindest warme Wirtsstube zurückzukehren, die sie vor nicht allzu langer Zeit verlassen hatte, um einige "Besorgungen" zu machen.
Ihre steifgefrorene Hand glitt unter ihren Mantel zu der Tasche, in der sie ansonsten den "Notfallsbolzen" für ihre Armbrust aufbewahrte. Nun befand sich darin zusätzlich ein winziges Röhrchen aus Metall mit wertvollem Inhalt. Es war der Extrakt der Rinde des seltenen schwarzen Feuerdorns*. Mischte man die farblose Flüssigkeit im richtigen Verhältnis mit Wasser oder einer anderen Flüssigkeit, ergab es ein gefährliches Gift, das zu Lähmungserscheinungen, Krämpfen und schließlich unvermeidlich zum Tode führte.
"Ein Tropfen für eine Frau. Zwei für einen kräftigen Mann. Und mit drei kippt selbst der zäheste Ochse aus den Hufen", hatte Silaid gesagt.
Silaid. Diese heuchlerische, schleimige Missgeburt hatte ihr vorhin in einer Seitengasse aufgelauert und es sichtlich genossen, sie ein bisschen quälen zu können.
Die Gesichtszüge der jungen Frau verzogen sich verärgert, als sie an ihre Begegnung vor wenigen Minuten zurückdachte und ihre Hand tastete vorsichtig über den noch stark schmerzenden, sich nach und nach blau verfärbenden Fleck an ihrem hellen Hals. Sie würde ihm beweisen, dass sie nicht vergessen hatte, wer sie war und wozu sie diese Reise auf sich genommen hatte. Entschlossen schritt sie zum Eingang der Taverne, das verletzte Bein nach wie vor nur vorsichtig belastend. „Von wegen schwach", murmelte sie verärgert vor sich her, bevor sie die Tür öffnete, „ihr werdet euch noch wundern."
Heute Nacht würde sie dieser Farce ein Ende bereiten.
***************************************************************************"Was wünschen die Herrschaften?" Die junge Serviererin hob nicht einmal den Blick, als sie diese Frage an ihre neuen Gäste stellte. Unbeeindruckt fuhr sie damit fort, hölzerne Krüge schräg unter ein frisch angezapftes Bierfass zu halten und sie langsam mit der trüben, schäumenden Flüssigkeit zu füllen.
"Vier Betten für die Nacht", antwortete Oxana kurz und fragte sich, ob die luftige, niedrige Holzscheune, die an das enge Gebäude anschloss, wohl dem aufziehenden Unwetter standhalten würde. Oxana machte sich Sorgen um Dollaur und hoffte, dass die weiße Stute, das wertvollste ihrer drei Reittiere, nicht gestohlen werden würde. Sie hatte schon die eine oder andere zweifelhafte Gestalt in der heruntergekommenen Wirtsstube bemerkt und war sich sicher, dass Legolas' und ihre Ankunft nicht unbemerkt geblieben war.
"Tut mir Leid, wir haben keine freien Zimmer mehr", behauptete die blonde, wohlgeformte junge Frau. Sie hatte tiefblaue Augen und ihre vollen Brüste drohten jeden Moment unter dem zu eng geschnürten Mieder, das sie trug, hervorzuquellen.
"Wir können auch zahlen!", rief Oxana ihr hinterher, doch die Frau war bereits, fünf Holzbecher geschickt auf einem Tablett balancierend, zu einem der Tische gerannt, wo sie von einer grölenden Männerschar freudig empfangen wurde.
Oxana schnaubte, wütend darüber von der üppigen Blonden dermaßen ignoriert zu werden. Auch als sie zurückkam und sich hinter dem Schanktisch erneut ihrer Arbeit widmete, sah sie nicht einmal in ihre Richtung. Gerade sammelte Oxana ihren Atem, um ihr unverhohlen ihre Meinung zu geigen, als eine kräftige Hand sich auf ihre Schulter legte und sie sachte, aber entschlossen beiseiteschob.
"Seid Ihr sicher, dass auch wirklich kein einziges Zimmer mehr frei ist?", fragte Legolas höflich und mit einer Stimme, die weich wie Samt und einige Nuancen tiefer als gewöhnlich war. Oxanas Kinnlade klappte nach unten. Er flirtete doch nicht etwa mit diesem Trampel? Als der Prinz auch noch die graue Kapuze, die er vorsichtshalber auch in der Wirtsstube aufbehalten hatte, abstreifte und ein verschmitztes Lächeln enthüllte, das er der jungen Kellnerin schenkte, blieb Oxana schlicht die Luft weg. So viel Schamlosigkeit hatte sie ihm nicht zugetraut!
Doch seine Strategie schien zu greifen. Die junge Frau hob tatsächlich den Kopf und starrte den Prinzen mit einem kaum weniger verdatterten Gesichtsausdruck wie Oxana an. Der Krug, den sie gerade anfüllte, lief währenddessen über und erst als die kalte Flüssigkeit ihr über die Hand rann, zuckte sie erschrocken zusammen und drehte hastig den Zapfhahn zu. Achtlos stellte sie den Holzkrug auf der Theke ab und murmelte mit geröteten Wangen: "Ich...ähm...kann ja noch mal nachsehen, mein Herr".
Ihre Augen verschlangen den Elben geradezu und unfähig, ihren Blick von ihm abzuwenden, ging sie tatsächlich rückwärts zur der Tür hin, die sich hinter dem Schanktisch befand.
"Dumme Ziege", grollte Oxana und fummelte unbewusst an ihrem Dolchgriff herum, wie sie es häufig zu tun pflegte, wenn sie erregt war. Legolas schenkte ihr ein breites Grinsen. "Du solltest etwas geduldiger sein mit den Leuten", meinte er. Oxana machte einen obszönen Laut. "Wollt Ihr mich wieder belehren? Das gerade hatte gar nichts mit Geduld zu tun. Ihr solltet aufpassen, dass sie euch nicht bespringt, wenn Ihr ihr den Rücken zudreht". Legolas lachte kurz und so herzhaft, dass selbst Oxana schmunzeln musste.
Es dauerte nicht lange, da kehrte die junge Frau zurück, mit einem feisten, verschwitzten Glatzkopf im Schlepptau.
"Seid gegrüßt, werte Herrschaften!", hieß der Mann die Neuankömmlinge Willkommen. Er trug eine fleckige Schürze und hatte einen fettigen Lappen über die rechte Schulter geworfen. Sein breites, aufgesetzt wirkendes Grinsen enthüllte mehrere Zahnlücken. Oxana kannte diese Art von Gesichtsausdruck. Offensichtlich waren ihre Versuche, ihre wahre Identität zu verbergen, gescheitert. Zumindest schien der Wirt zu ahnen, dass er es mit wohlhabenden Gästen zu tun hatte.
"Ich bin Kreidinger, der Wirt. Ich hörte, ihr sucht nach einer Bleibe für die Nacht?" Er machte ein interessiertes Gesicht. Oxana verzog wie unter Schmerzen das ihrige. Sie hatte oft genug Männer wie diesen hier getroffen- gierige Bastarde die nur eines im Kopf hatten: Geld. Immer wieder, bemerkte sie, glitt sein Blick über ihre Kleidung, ihre Waffen und die Beutel an ihren Gürteln. Er fragte sich bestimmt, wer von ihnen das meiste Gold mit sich herumtrug.
"Ja, aber diese junge Dame da meinte, Ihr hättet keinen Platz mehr für uns", antwortete Legolas höflich.
Oxana versuchte ihn mit Blicken aufzuspießen, doch es gelang ihr nicht. Warum hielt er sich nicht endlich etwas im Hintergrund, wie sie es eigentlich abgemacht hatten? Es musste nicht jeder wissen, dass der Prinz des Düsterwaldes hier einzukehren gedachte. Schlimm genug, dass er sein Gesicht entblößt und damit schon die Aufmerksamkeit einiger Gäste auf sich gezogen hatte.
Der Wirt sah die junge Frau an seiner Seite tadelnd an. "Entschuldigt, meine Tochter hat heute bereits lange gearbeitet und ist vermutlich ein wenig erschöpft. Sicherlich lässt sich eine Möglichkeit finden, euch hier unterzubringen. Nur leider..."- er zuckte bedauernd mit den verschwitzten Achseln - "...sieht es momentan nicht sehr gut aus. Ich musste heute schon drei Gäste vor die Tür setzen und..." .
Oxana hielt es nicht mehr aus. Sie griff an ihren Gürtel. Es gab nur einen Weg, sich mit solchen unangenehmen Zeitgenossen einig zu werden! Sie löste einen kleinen Beutel von ihrem Gürtel und warf ihn vor dem Wirt auf die Theke. Es klirrte hörbar, als der Lederbeutel dort aufkam.
"Wir können zahlen, am Geld soll's nicht liegen", sagte sie tonlos.
Eine warme Hand umschloss plötzlich die ihre und presste sie nach unten. Oxana stellte überrascht fest, dass sie mit der anderen Hand ihren Dolch bereits halb gezogen hatte. Diese alten Gewohnheiten waren schwer abzulegen!
Während der Wirt nach dem Beutel griff und ihn prüfend wog, nickte sie Legolas dankbar zu. Endlich grinste Kreidinger breit und meinte: "Wenn ich genauer darüber nachdenke...ich glaube, vorhin sind zufällig genau vier Betten frei geworden."
Wen auch immer Kreidinger aus seinem Haus geworfen hatte, um Platz für seine neuen Gäste zu schaffen- die ehemaligen Bewohner der Zimmer mussten nun großen Groll gegen ihn hegen. Die beiden Räume im Obergeschoss waren beheizt, verfügten über ein Fenster auf die breite Straße vor dem Wirtshaus und waren zwar recht rustikal eingerichtet, aber in einwandfreiem Zustand. Oxana stellte mit Genugtuung fest, dass Nîthiels und Legolas' Zimmer am anderen Ende des Ganges lag, weit weg von ihr und Sarnirs, was ihr nur Recht sein sollte. Sie hatte beschlossen, dass die Nähe der Elbe zu meiden der einzige Weg war, ihre Abneigung gegen sie unter Kontrolle zu halten.
Müde betrat sie den gemütlichen kleinen Raum, schleuderte Rucksack und Umhang in eine Ecke, um sich erschöpft aufs Holzbett fallen zu lassen. Ihre Füße schmerzten, ihr Hinterteil hatte sie zum letzten Mal im Düsterwald gespürt und die Wunde an ihrem Bein war ebenfalls noch nicht ganz schmerzfrei. Der Gewaltritt, den sie hinter sich hatten, forderte nun seinen Zoll. Sie trank ein paar große Schlucke Wasser, dann schloss sie die Augen und genoss es, fast eine Stunde einfach nur reglos dazuliegen.
Erst das tiefe Grollen des Gewitters riss sie aus dem wohltuenden Halbschlaf und ließ sie aufschrecken. Sie waren nun endlich am Anduin angelangt, was bedeutete, dass ihre Reise hier zu Ende war. Morgen würden die anderen sicher zeitig aufbrechen und wenn ihr Auftrag bis dahin nicht erledigt war, stand ihr eine unangenehme Begegnung mit Rawen und Silaid bevor. Sie würden dann ihren Job an ihrer Stelle erledigen und die Belohnung würde dementsprechend niedrig für sie ausfallen...wenn die beiden sie überhaupt noch als ihre Partnerin ansahen nach dem, was im Düsterwald vorgefallen war...
Oxana zwang sich, ihre Müdigkeit zu überwinden, stand auf und warf ihren Mantel um. Sarnir war nicht mehr im Raum, vermutlich kümmerte er sich gerade um die Pferde oder trank noch ein Bier unten in der Gaststube. Sie ging auf den finsteren Gang hinaus und tappte auf das Licht, das durch die Tür zur Treppe hin hindurchsickerte, zu. Vor der Tür eines gewissen Zimmers blieb sie aber stehen, als sie gedämpfte Stimmen vernahm.
Der Klang einer unangenehm schrillen Stimme und einer weiteren, die mit ihrer Ruhe und Weichheit den absoluten Kontrast dazu bildete, drang dumpf zu ihr nach draußen. Legolas und Nîthiel sprachen lauter und schneller als sonst und Oxana stellte fest, dass der Gedanke, dass die beiden sich möglicherweise stritten, sie nicht unfröhlich stimmte.
Der einzige Haken an der Sache war, dass sie sich auf Sindarin unterhielten. Die junge Blutjägerin lauschte trotzdem. Ganz fremd war die Sprache ihr ja auch nicht, ein paar Mal hatte sie in ihrer Vergangenheit schon damit zu tun gehabt, und während ihrer Reise hatte sie bemerkt, dass es ihr wunderbar leicht fiel, sich die paar Phrasen zu merken, die Sarnir ihr beigebracht hatte. Auf eine gewisse Weise gefiel ihr diese Sprache sogar, mit ihrem wohlklingenden, melodiösen Wortlaut. Vorsichtig presste sie ein Ohr gegen das raue Holz der Tür.
Man în na cen? [Was ist mit dir?]
"Sen adaneth- i în na cen! [Diese Menschenfrau! DAS ist los mit mir!]"
Oh, war da etwa von ihr die Rede? Oxana fühlte sich beinahe geehrt.
"Im puln law istan i!Înn ech pen hen? Tîran law ech,pân pith ed ân ethir în min fura [Ich kann das nicht glauben! Bist du blind? Merkst du denn nicht, dass jedes Wort aus ihrem Mund eine Lüge ist?!]"
Auf Oxanas Stirn entstand eine steile Falte. Wenn sie wirklich von ihr sprach, tat ihr Nîthiel jetzt aber Unrecht. Sie war vielleicht eine kaltblütige Mörderin, aber keine Lügnerin. Naja, das mit dem Onkel in den grauen Bergen war eine Notlüge gewesen. Aber immerhin bestand ein Unterschied darin ob man log oder bloß nicht die ganze Wahrheit sagte. Ansonsten war sie immer ehrlich gewesen. Naja, bis auf die Sache mit ihrem Auftrag.
Ein leises Seufzen drang durch die Tür, gefolgt von einer recht sanft klingenden Aussage, die Oxana allerdings nicht verstand. Es ging, wenn sie sich nicht ganz irrte, darum, sich auszurasten.
Oxana beschloss, den Fortgang des Gesprächs nicht weiter zu verfolgen. Der Höhepunkt des Streites schien vorbei zu sein, also jener Teil, der sie wirklich interessierte. Sie war ein wenig enttäuscht. Die beiden waren vielleicht ein äußerst vernünftiges, gutaussehendes, aber ziemlich langweiliges Paar, dachte Oxana, während sie von der Tür wegtapste. Ein ordentlicher Streit hätte sicher dazu beigetragen, Nîthiels wahre Natur an den Tag zu bringen. Abgesehen davon, dass ein gelegentlicher, heftiger Streit in einer Beziehung nicht schadete. Aber wer wusste, nach ein paar Jahrhunderten war ihnen wahrscheinlich das Pulver ausgegangen…
"Alae Oxana! Geht es dir gut?", wollte ein überrascht dreinblickender Sarnir mit nacktem Oberkörper wissen.
Er war gerade in dem Moment, als sie die Tür zur Treppe hin öffnen wollte, aus dem letzten Zimmer im Gang herausgetreten und beinahe in sie hineingerannt. Oxana keuchte erschrocken und schaffte es gerade noch, nicht rücklings gegen die Tür zu prallen.
Ihr Blick saugte sich reflexartig am feuchtglänzenden, schlanken Körper des Elben fest. Abgesehen von einem groben Leinentuch, das er um seine Hüften geschlungen hatte, trug Sarnir nichts. Sein dunkles Haar war frisch gewaschen und klebte in Strähnen an seinen breiten Schultern und der muskulösen Brust. Oxana hoffte inständig, dass er nicht merkte, wie schwer es ihr fiel, ihn nicht einfach nur anzustarren.
„Du hast dich gewaschen!", bekundete sie das Offensichtliche und hätte sich für diese Aussage am liebsten gegen die Stirn geschlagen.
„Die Wirtstochter hat sich die Mühe gemacht, Legolas und mir ein Bad zu bereiten", informierte der Elb sie mit einem Nicken über seine Schulter zurück in den dampfgeschwängerten Raum. Oxana verzog ihren Mund. Natürlich hatte sie das.
„Sie ist ein nettes Mädchen", fügte Sarnir hinzu.
Oxana hätte am liebsten die Augen verdreht, ersparte sich aber eine weitere Bemerkung.
„Es ist gut, dass ich dich treffe", improvisierte sie, „ich wollte noch in die Stadt gehen um ein paar Besorgungen zu machen, bevor das Unwetter einsetzt". Es kostete sie eine ordentliche Portion Selbstbeherrschung, ihre Augen auf sein Gesicht gerichtet zu lassen.
"Oh. Das trifft sich gut. Ich wollte ohnehin noch zum Hafen hinunter, um nach diesem Kapitän zu suchen, der uns mit seinem Schiff den Anduin hinunterbringt. Gib mir ein paar Momente…"
Er ging schnell auf ihr gemeinsames Zimmer zurück um sich etwas überzuziehen und Oxana konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihm hinterherzustarren. Er hatte einen außergewöhnlich schönen Körper, was ihr bisher natürlich noch nicht auffallen hatte können aufgrund der ledernen Rüstung und all der anderen Kleider, die er immer getragen hatte. Mit verhaltenem Atem ließ sie ihren Blick seine breiten Schultern, den muskulösen Rücken hinab und noch weiter nach unten gleiten. Ein unzüchtiges Lächeln umspielte ihren Mund, als sie seinen knackigen...er war wahrlich ein hübscher Anblick. Es war eindeutig schon zu lange her, seit sie sich zum letzten Mal den Freuden eines solchen Körpers hingegeben hatte.
"Fertig!" Sarnir hatte tatsächlich nur einige Augenblicke gebraucht, um sich anzukleiden und seinen Mantel überzuwerfen.
Er schloss die Tür hinter sich, band rasch seine nassen Haare im Nacken zusammen und ging an ihr vorbei, um ihr die Tür zur Treppe hin aufzuhalten. Als sie an ihm vorbeiging entging ihr sein angenehmer Geruch nicht. Sie blickte ihn flüchtig an. Dabei bemerkte sie, dass seine Augen auf eine Weise funkelten, die ihr nicht unbekannt war. Oxana bekam heiße Ohren. Vielleicht hatte er ihre Blicke doch bemerkt.
Ihre Wege trennten sich gleich nachdem sie den "singenden Fisch" verlassen hatten: Sarnir folgte der Straße zum Hafen hinunter, auf der nur noch vereinzelte Fischhändler und Dienstmägde dabei waren, ihr Hab und Gut vor dem kurz bevorstehenden Unwetter in Sicherheit zu bringen. Oxana schlug hingegen den Weg zurück ein, den sie gekommen waren, als sie vor einigen Stunden in der Hafenstadt angekommen waren.
Sie ging solange die Hauptstraße entlang, bis die Taverne außer Sichtweite war, dann zog sie ihren wehenden Mantel enger um die Schultern, sah sich ein letztes Mal nach möglichen Verfolgern um und bog schnell in eine der schmalen Seitenstraßen ein.
Sie war schon früher in dieser Gegend gewesen und wusste, dass in diesem Teil der Stadt weitaus nützlichere Dinge als Fisch und Muscheln verkauft wurden. Es war an der Zeit, ihr Waffenarsenal aufzustocken und darüber hinaus war dies ein guter Ort, um Rawen und Silaid zu treffen, wenn sie ihr gefolgt waren.
Mit eingezogenem Kopf schritte Oxana gegen den Wind die Gasse entlang. Hin und wieder ging sie an der Hintertür einer Taverne vorbei, um die sich Gruppen von Betrunkenen und Huren gescharrt hatten. Ansonsten waren die Straßen jedoch leergefegt von dem heftigen Wind, der dem drohenden Unwetter vorausging.
Was sie suchte war eine jener dunklen Gestalten, die in den Taschen ihrer weiten Mäntel alles- von winzigen, messerscharfen Stahlklingen über verschiedenste Gifte bis zu seltenen Waffen- alles Mögliche beherbergten, was man in gewöhnlichen Waffenschmieden und anderswo kaum fand.
Oxana hielt von Giften und dergleichen nicht viel, obwohl sie Söldner kannte, die darauf schworen. Bisher hatte sie es geschafft, ohne sie auszukommen. Im Gegensatz zu Silaid mochte sie es nicht, wenn ihre Opfer lange leiden mussten und womöglich noch ihre Eingeweide auskotzten, bevor sie starben. Und noch viel mehr hasste sie es, ihnen dabei zusehen zu müssen.
Sie schlug einen weiten Bogen um drei Bettler, die sich an einer Hausmauer ein Lager aus stinkenden, alten Kleidungsstücken und ein paar morschen Kisten geschaffen hatten. Zwei von ihnen saßen schlafend an die Mauer gelehnt, während der Dritte ihr den Rücken zuwandte und leise ein Lied vor sich hersummte. Oxana bemerkte die Männer kaum, sondern erinnerte sich noch immer schaudernd an Silaid und seine Vorliebe für Gifte und unorthodoxe Foltermethoden. Ging es darum, jemanden Schmerzen zuzufügen, hatte der Halbork oft einen grausigen Einfallsreichtum zutage gelegt. Alles, was sie für ihre Profession benötigte, waren ein Paar Armbrustbolzen und eine scharfe Klinge, und das war es auch, wonach sie hier Ausschau hielt.
Sie bog in eine weitere Gasse ein, in der sich an beiden Seiten Türme halb verrotteter Holzkisten und Müll an den Mauern stapelten und nur einen schmalen Durchgang freiließen. Ein Blitz ließ sie zusammenzucken, gefolgt von einem mächtigen Donnergrolle. Am Himmel zogen sich schwarz-blaue Wolkenmassen mit beängstigender Geschwindigkeit zusammen. Das würde wie erwartet keiner der vielen für diese Gegend und Jahreszeit typischen Regenschauer werden, sondern ein ausgewachsenes Gewitter.
Eine der Kisten hinter ihr fiel zu Boden und zerbarst laut auf den schmutzigen Pflastersteinen.
Oxana wirbelte herum und starrte auf die Trümmer und bemerkte gerade noch eine fette, braune Ratte, die gerade die Flucht ergriff. Sie atmete erleichtert auf, steckte den Dolch wieder in seine Hülle zurück und ging weiter. Trotzdem blieb sie nach einigen Schritten erneut stehen. Jemand beobachtete sie. Irgendetwas oder Irgendjemand befand sich in den Schatten zwischen den Kisten und Abfällen um sie herum. Sie zog den Dolch erneut, ohne dabei ihre Geschwindigkeit zu drosseln und tastete jeden Zentimeter um sich herum gründlich mit ihren Blicken ab. Nichts rührte sich, doch ihre Instinkte täuschten sie nicht, soviel wusste sie. Die Sinne der Blutjägerin begannen mit doppelter Schärfe zu arbeiten, wie sie es oft taten, wenn sie angespannt war.
Hatte da nicht eben jemand rasselnd geatmet?
Sie drehte sich blitzschnell um. Ein dunkler Schemen verschwand im selben Augenblick hinter drei großen, übereinander gestapelten Holzkisten. Oxana drehte den Griff des Dolches und umfasste ihn fester, sprang nach vor und fegte die Kisten mit einem einzigen, gezielten Fußtritt beiseite, was sie sogleich mit einem heftigen Stechen in ihrer verletzten Wade bezahlen musste. Noch während sie mit gezückter Waffe darauf wartete, frontal angegriffen zu werden, traf ein harter Schlag eine bestimmte Stelle an ihrem Nacken und ließ sie wie augenblicklich wie einen nassen Sack zu Boden falllen. Der Dolch entglitt ihren Händen und fiel irgendwo neben ihr klirrend auf das harte Pflaster.
Für einige Schrecksekunden konnte sie sich weder bewegen noch atmen, geschweige denn mehr als den schwarzen Himmel über sich sehen, so wuchtig war sie mit dem Kopf gegen das Pflaster geschlagen. Schwarze Flecken tanzten auf ihrer Netzhaut. Eine Hand fasste sie brutal am Hals und als sich ihr Blick endlich wieder klärte, sah sie in ein unsagbar hässliches, aber zugleich vertrautes Gesicht.
"Silaid!", krächzte sie, brachte aber kaum einen Laut hervor, da der Halbork ihren Hals mit einer Hand fest wie ein Schraubstock umklammert hielt.
"Sei gegrüßt, meine feurige Schöne!", zischte die dunkle Kreatur und streifte sich die schwarze Kapuze vom Kopf. Er bleckte die Zähne und ließ sie seine vielen rasiermesserscharfen Zähne sehen. "So trifft man sich wieder!"
"Lass...mich los!", schnaufte Oxana erzürnt und wollte mit einer Hand nach ihm schlagen. Silaid aber setzte blitzschnell eines seiner spitzen Knie an ihre Brust und drückte unbarmherzig zu. Oxana konnte ihre Rippen krachen hören und stieß ein tonloses Hecheln aus. Sofort ließ sie ihren Arm wieder sinken. Dennoch schnürte der Halbork ihr für weitere drei, vier Sekunden die Luft ab, dann erst hob er sein Knie ein Stück und lockerte den Griff, mit dem er ihren Hals umschlungen hielt. Doch Oxana wusste, dass er sie ohne Zögern erwürgen würde, wenn sie sich weiterhin zur Wehr setzte. Sie war ihm hilflos ausgeliefert und hatte diese missliche Lage ihrer eigenen Unvorsichtigkeit zuzuschreiben, denn sie war auf den ältesten Trick der Welt hereingefallen.
"Wäre diese blöde Elbe nicht so versessen darauf, dich am Leben zu halten...ich hätte dich bereits einige Dutzend Male umgebracht. Du gibst mir ja genug Gelegenheiten dazu", teilte ihr der Halbork mit und seine gelben Augen funkelten hasserfüllt. "Du dumme Gans hast mir mein Ohr abgeschnitten! Du weißt, dass du den Zoll dafür noch nicht bezahlt hast!"
Oxana musste sich eingestehen, dass sie unterschätzt hatte, wie stark der Halbork war. Ihr Kopf dröhnte noch immer von dem schweren Sturz. Erst nach Sekunden erinnerte sie sich, dass der Dolch irgendwo links neben ihr liegen musste, doch es war ihr nicht möglich, ihren Kopf zur Seite zu drehen.
"Wenn du mich töten willst, dann tu es gleich, du Bastard, dann muss ich mir wenigstens dein dummes Gebrabbel nicht mehr länger anhören!"
Silaid knurrte bloß animalisch und packte sie plötzlich mit einer Hand am Scheitel. Mit einem harten Ruck zog er ihren Kopf weit in den Nacken zurück, sodass ihre Wirbel hörbar knackten.
"Ich darf dich zwar nicht umbringen, aber ich könnte dir wenigstens dein Haar abschneiden. Weißt du.." - er nahm eine ihrer Locken und schnitt sie mit einem angespitzten Fingernagel ab- "...man sagt, dass rotes Haar Glück bringt. Was würdest du mir lieber geben? Dein Haar oder…."- Mit dem Finger strich er über ihre Stirn hinab, ihre Augenbrauen entlang und ließ den scharfen Fingernagel auf ihrem Unterlied ruhen- "... deine Augen? Ein Mensch stirbt doch nicht gleich, wenn man ihm die Augen aussticht, oder?" Er erhöhte den Druck gegen die dünne Haut in ihrem Gesicht.
Oxana hatte, als er sprach, langsam über das Pflaster zu ihrer Linken getastet und knurrte voller Genugtuung, als sie das kalte Metall spürte. Blitzschnell packte sie die Waffe und setzte seine Klinge an Silaids schwarze Kehle. Der Ork erstarrte und sah sie aus sich weitenden Augen an.
"Nun, das kann ich dir nicht sagen", lächelte Oxana kühl, "aber ich weiß, dass keine Kreatur lange ohne Kopf überleben kann. Selbst du nicht, mein Lieber."
Einige Herzschläge lang sahen sie einander hasserfüllt an. Doch schließlich gewann Oxana, die eindeutig die besseren Karten hatte, den stummen Kampf und Silaid seufzte resignierend. "Du hast mich überzeugt, Kollegin", grinse er in einem anerkennenden Tonfall, zog seine Hände behutsam zurück und richtete sich bedächtig auf, denn sie hielt ihre Waffe auch weiterhin gegen seinen Hals.
"Und jetzt sag mir, wo Rawen ist, du kleines Scheusal", zischte Oxana. Wie gut es sich anfühlte, wenn sich die Karten auf solche Weise wendeten. In ihrem Hass war sie mehr als versucht, ihm einfach nur so ein weiteres Körperteil abzuschneiden.
Der Halbork grinste humorlos. "Sie befindet sich bereits seit gestern in der Stadt", antwortete er schließlich, "aber ich werde dir nicht verraten wo, selbst wenn du mich noch so böse ansiehst."
"Und warum nicht, Partner?" Oxana verstärkte den Druck der Klinge und ritzte leicht an Silaids Hals. Eine einzelne, dunkelrote Träne rann aus der kleinen Wunde.
"Weil du offiziell aus unserer Gemeinschaft ausgeschlossen wurdest, Partnerin", antwortete der Halbork unbeeindruckt.
Oxana war für einige Herzschläge einfach nur überrascht und Silaid nutzte diesen Umstand, um so schnell und so weit wie möglich von ihr zurückzuweichen.
"Ja, du hast richtig gehört, mein kleiner Todesengel", setzte er nach, "du bist offiziell ab jetzt auf dich alleine gestellt."
"Unsinn!". Oxana schwankte zwischen völliger Verwirrung, Unglauben und Wut. "Was redest du da für einen Schwachsinn? Wir hatten eine Abmachung und die besagt, dass ein Ausschluss nur dann erfolgt, wenn einer von uns sich gegen die anderen wendet. Wenn jemand ausgeschlossen werden sollte, dann du!"
"Ich habe im Gegensatz zu dir meine Pflichten was meine Arbeit betraf, stets erfüllt", entgegnete der Halbork gelassen, "du hingegen bist zu einer Schande für unseren Berufsstand geworden. Du hattest mehr als eine Gelegenheit, die Sache zu Ende zu bringe und hast sie nicht genutzt. Daher blieb uns leider nur eine Schlussfolgerung übrig: du hast die Seiten gewechselt."
Oxana blieb nahezu die Luft weg. "Was?! Seid ihr von allen guten Geistern verlassen?! Wer von uns ist hier mit einer Horde wilder Jäger auf die eigene Kollegin losgegangen? Wer scheint es nicht für nötig zu halten, seine Kollegin zu helfen, wenn ihr fast das Bein abgehackt wird und sie um ein Haar von monströsen Spinnen verspeist wird?!"
Silaid ignorierte ihre Anschuldigungen geflissentlich. „Du bist eine Kämpferin. Wir haben angenommen, du weißt, wie man kämpft", meinte er bloß abschätzig, „und dieser Angriff ist nicht auf unseren Mist gewachsen."
„Hah! Dann wart ihr tatsächlich die ganze Zeit über in der Nähe! Ich wusste es!"
Silaid nickte. „Ja. Seit drei Tagen sehen wir dir dabei zu, wie du eine Gelegenheit nach der anderen verstreichen lässt wie ein Amateur. "
Oxana lachte fast hysterisch. „Gelegenheiten verstreichen lassen? Oh, verzeiht mir bitte! Ich war leider zu sehr damit beschäftigt, selbst am Leben zu bleiben! Denkst du, in all dem Chaos hätte ich noch daran gedacht, IHN umzubringen? Was sollte der Hinterhalt im Wald? Warum habt ihr mir nicht geholfen, als es eng wurde?!"
Erneut blieb Silaid ihr eine Antwort schuldig. "Und was war in Dol Guldur? Du warst alleine mit dem Prinzen im Wald. Du hattest einen Dolch bei dir. Worauf genau hast du gewartet? Dass er sich selbst in die Waffe stürzt? Was stimmt nicht mit dir? Hast du diesen Hübschling etwa liebgewonnen?" Seine Augen sprühten vor Zynismus und Oxana merkte, dass die Lage für sie immer enger wurde. Sie musste sich etwas einfallen lassen, hier und jetzt.
„Ihr denkt, ich werfe mein Leben einfach so weg und hintergehe euch, um mich einem Pack Spitzohren anzuschließen?"
Silaid nickte. „Ja, das denken wir. Du bist ein Mensch. Menschen sind schwach."
Oxana atmete tief durch. Mit fester Stimme kündigte sie an: "Ich werde ihn noch heute Nacht umbringen. Die Sache wird im Morgengrauen erledig sein. Und danach wirst du mich zu Rawen bringen."
Silaid schwieg eine Sekunde und dachte nach. Dann zog er plötzlich etwas unter seinem Mantel hervor und hielt es ihr hin. Es war ein schmales, silbernes Röhrchen, verschlossen mit einem winzigen Korken.
„Sie hat mir das hier für dich mitgegeben, für den Fall, dass du ein solches Angebot machen würdest." In wenigen Worten klärte sie über Zusammensetzung und Anwendung des Giftes auf. Als er fertig war, fügte er wie nebenbei hinzu: "Ist der Elb morgen tot, bleibt alles beim Alten. Rawen und ich werden dich bei Sonnenaufgang am Stadttor erwarten und wir werden gemeinsam von hier verschwinden, ganz wie in alten Tagen. Gelingt es dir aber aus irgendwelchen Gründen nicht, ihn abzuservieren, brauchst du dir keine zweite Chance mehr zu erwarten." Er fing ihren Blick. „Hast du das verstanden?"
Sie stöhnte ungeduldig. "Ja, ich habe verstanden. Und nun gib mir das Gebräu."
"Gut", grunzte Silaid und reichte ihr das Röhrchen, "dann geh und schick diesen Elben endlich in die Unterwelt, oder in die Hallen seiner Vorfahren oder wohin auch immer diese glattgesichtigen Baumfreunde sonst nach ihrem Tod hingelangen." Und damit zog er sich seine Kapuze wieder über den Kopf und verschwand lautlos hinter der nächsten Ecke.
Oxana wog den Giftbehälter eine Zeit lang nachdenklich in ihrer Hand, dann ließ sie ihn entschlossen in ihrem Mantel verschwinden.
"Tst! Ihn liebgewonnen haben! Soweit kommt es noch", grummelte sie vor sich her, als sie im stärker werdenden Regen zur Taverne zurückging. Als sie diesmal an den Bettlern vorbeikam, die sie zuvor bemerkt hatte, blieb sie irritiert stehen. Es waren nur noch zwei, und sie saßen vollkommen reglos da. Sie brauchte nicht lange hinzusehen um zu wissen, dass sie beide tot waren. Jemand- und sie wusste sofort wer- hatte ihnen die Kehlen durchschnitten.
**************************************************************************** schwarzer Feuerdorn= ein absolut erfundenes Wort. Aber es enthält mit SCHWARZ, FEUER und DORN gleich 3 Wörter die sich seeeehr gefährlich anhören.
